Zu Jan Toporowskis “Credit and Crisis from Marx to Minsky” (1)

Jan Toporowskis Buch Credit and Crisis from Marx to Minsky unternimmt einen Abriss der Theorien verschiedener Ökonomen von Marx über Keynes und Kalecki bis hin zu Minsky und dies anhand der zentralen Fragestellung, wie der Status der Finance in der kapitalistischen Ökonomie einzuschätzen ist. Toporowski macht dabei drei Ansätze aus, nämlich a) den Gleichgewichtsansatz, der behauptet, dass die Finance im Zusammenhang mit dem „Realsektor“ Teil eines allgemeinen Gleichgewichts sei, b) den reflektierenden Ansatz, der behauptet, dass finanzielle Aktivitäten Probleme, Schwierigkeiten oder Ungleichgewichte in der nicht-finanziellen Ökonomie reflektieren würden, und c) den kritischen Ansatz, zu dem sich Toporowski hinzurechnet, der behauptet, dass der Kredit eine aktive Rolle bei der Entstehung von Ungleichgewichten in der nicht-finanziellen Ökonomie spielen würde. Wir werden uns einzelne Kapitel und Autoren aus dem Buch herausgreifen, die diesen dritten Ansatz verfolgen.

Toporowski beginnt seine Untersuchung mit Marx, der im dritten Band des Kapital bei der Analyse des zinstragenden Kapitals zunächst zu zeigen versucht, dass der Zins weniger eine Eigenschaft des Geldes, sondern ein Teil des Mehrwerts ist. Für Marx wie für viele Postkeynesianer bis heute ist der Zins unmöglich zu analysieren ohne unterliegende Produktionsprozesse, in denen Mehrwert generiert wird. Dabei dient die Entwicklung des Kredits der Unterstützung der Kapitalakkumulation des industriellen Kapitals, während das Aufkommen des zinstragenden Kapitals zu einer Spaltung der Kapitalistenklasse zwischen Geldkapitalisten, die von den Zinsen leben, und funktionellen Kapitalisten führt, die die eigentliche Organisation der industriellen Produktion übernehmen.

Für Marx war der Markt des zinstragenden Kapitals, auf dem Geld ausgeliehen wurde, um die Liquidität, die notwendig ist, um die Geschäfte zu tätigen, ein Pool für die industriellen und die finanziellen Kapitalisten. Durch die Existenz großer Unternehmen wurde es notwendig, auch einen Markt für langfristige Finanzierungen aufzubauen, um unabhängiger von kurzfristigen Finanzierungen zu werden. Das wiederum veränderte den Charakter von Kreditkrisen. Finanziert ein Unternehmen, das in Industrieanlagen und Räumlichkeiten (konstantes kapital) investiert, diese mit kurzfristigen Krediten, dann müssen die Kredite über die Lebensdauer der Anlagen seriell erneuert werden, um eben die kurzfristigen Kredite zurückzuzahlen, die über die Lebensdauer der Anlagen und Gebäude aufgenommen wurden. Dies macht das Unternehmen anfällig für Zinserhöhungen oder führt einer Verweigerung der Kreditverlängerung durch die Banken, ein Grund für die Liquiditätsprobleme, die in Marx’ Darstellung der Finanzkrisen den Kapitalismus plagten. Für die großen Unternehmen jedoch eröffnete der Zugang zu langfristigen Finanzierungen neue Möglichkeiten, die zu weiterer Konzentration und Zentralisation des Kapitals führten. Die neuen Kapitalmärkte boten aber auch Möglichkeiten für die Generierung von Profiten rein aus Finanzoperationen (durch Kapitalgewinne auf dem Aktienmarkt), die Marx’ These, dass es keinen Zins ohne einen Prozess der industriellen Produktion geben kann, in Frage stellen. Diese Art der Gewinne erlaubt es den industriellen Kapitalisten, die Bedingungen ihrer finanziellen Verbindlichkeiten leichter an den erwarteten Cashflow aus ihrem Geschäft anzupassen, was Minsky später „Hedge-Finanzierung” nennt. Hier spielt das Aktienkapital, das nicht zurückgezahlt werden muss, eine Schlüsselrolle bei der Stabilisierung der Finanzen des kapitalistischen Unternehmens. Hinzu kommen die Sekundärmärkte für langfristige Wertpapiere, die von Kapitalisten ausgegeben werden, was bedeutet, dass Anleihen und Aktien als Sicherheit für Kredite verwendet werden können. Auf diese Weise löst die langfristige Finanzierung nicht nur Probleme der Refinanzierung für die industriellen Kapitalisten, sondern sie erweitert auch die Liquidität der Geldkapitalisten. Außerdem führen solche Kreditinnovationen ein Wicksellsches “reines Kredit”-System der Banken ein, in dem die Bilanzen der Banken die Operationen der Kapitalisten vermitteln.

Zudem haben die die langfristigen Kapitalmärkte bedeutende Effekte für die Umschlagszeiten des Kapitals, die durch Finanzierung des Transportsystems verkürzt werden können, sodass bei einer gegebenen Mehrwertrate ein höherer Surplus über eine bestimmte Zeitperiode generiert werden kann. Große Unternehmen waren schon zu Marxens Zeiten Geld- und Industriekapitalisten zugleich, indem sie die Überkapitalisierung, das heißt die Ausgabe von Anleihen und Aktien, die im Betrag die notwendigen Ausgaben für Investitionen in der Produktion übersteigen, dazu nutzten z.B. Depositen bei Banken oder das überschüssige Kapital an den Finanzmärkten mit kurzen Umsatzperioden anzulegen. Der Kapitalist verzichtet hier auf den unternehmerischen Profit (die Differenz zwischen der Mehrwertrate und dem Zins) auf das überschüssige Kapital, aber seine Geschäfte sind jetzt liquider geworden als sie es vorher waren. Das entgangene unternehmerische Kapital kann daher als “Kosten der Liquidität” für den Kapitalisten betrachtet werden. Kapitalisten sind aber nicht nur über- , sondern auch unterkapitalisiert, und zwar in dem Sinne, dass sie auch kurzfristige Anleihen nutzen müssen, um langfristige Produktionsanlagen zu finanzieren.

John Milios hat gezeigt, dass der Platz des Kapitals sui generis doppelt besetzt ist, und zwar vom Geldkapitalisten und dem industriellen Kapitalisten, sodass man bei der Kapitalanalyse von vornherein nicht von der Existenz des zinstragenden Kapitals bzw. des Kredits abstrahieren kann. Der Geldkapitalist (A) ist Eigentümer von Geldkapital und/oder kreiert Kredite, bewegt also Zahlungsversprechen, Sicherheiten und Schulden (Aktien, Anleihen, Wertpapiere etc.); finden nun spezifische Transaktionen und/oder die Übertragung von Zahlungsversprechen zum fungierenden Kapitalisten (B) statt, dann beinhalten diese dessen kontingentes Versprechen (kontingent, trotz erbrachter Sicherheitsleistungen), dass er in Zukunft Zahlungen vornehmen wird, wobei ihm gleichzeitig das Recht übertragen wird, vom Geldkapital (G) des Geldkapitalisten (A) unter spezifischen Bedingungen (bspw. Zahlung von Zinsen und Tilgung des Kredits) für eine bestimmte Periode Gebrauch zu machen. Wenn das Unternehmen börsennotiert ist, dann korrespondieren den fungierenden Kapitalisten (B) die Manager des Unternehmens und den Geldkapitalisten (A) die legalen Eigentümer (neben den kreditierenden Banken). Der fungierende Kapitalist (B) setzt die Geldsumme (G) als Geldkapital ein, um die notwendigen Produktionsmittel und Rohstoffe zu kaufen und Arbeitskräfte zu mieten und um den Produktionsprozess mit dem Ziel der Generierung von Profit zu organisieren.

Das Kreditsystem ist für Marx die spezifisch kapitalistische Form des zinstragenden Kapitals. Da über das Kreditsystem die Reproduktion des Kapitals finanziert und damit auch strukturiert wird, muss es als eines der konstitutiven Elemente der kapitalistischen Produktionsweise analysiert werden. Die grundlegenden Funktionen des Kreditsystems für das Kapital bestehen, so Marx, in der Verwandlung des latenten Kapitals (Schatz, Akkumulations- und Reservefonds) in zinstragendes Kapital, in der Finanzierung von Investitionen und in der Beschleunigung der Mobilität des Kapitals in den Prozessen zur Herstellung von Durchschnittsprofitraten und in einer effektiven Verteilung des Geldkapitals an die Einzelkapitale. Darüber hinaus spricht Marx zwar auch die Möglichkeit an, dass finanzielle Kapitalisten Profite im industriellen Sektor realisieren, aber er bleibt doch in vielen Teilen einer reflexiven Theorie der Finance verhaftet.

Marx Theorie der Finance blieb in weiten Teilen aufgrund der sich erst in der ökonomischen Entwicklung befindenden Finance inkonsistent, aber für Toporowski war Marx der damaligen Mainstreamtheorie (Ricardo etc.) zumindest in zwei Aspekten zvoraus, a) der Unterscheidung von Zins- und Profitrate, und b) der Unterscheidung zwischen „Realkapital“ und fiktivem Kapital (finanzielle Assets). Die Frage bleibt bei letzterer Unterscheidung, ob man hier nicht eher von einer Überschneidung oder Überlappung ausgehen sollte. Letztendlich spricht Marx von einer Unterordnung des finanziellen unter das industrielle Kapital, wobei Toporowski zu Recht anführt, dass die historische Entwicklung genau umgekehrt verlief. Marx führt also ökonomische Krisen eher auf den Fall der industriellen Profitraten zurück, gesteht aber auch zu, dass die exzessive Expansion des Kredits Krisen mit auslösen kann.

Rosa Luxemburg hat richtigerweise die Frage der Realisierung der Waren gestellt, insofern die Kapitalisten an Profiten in der Form von Geld und nicht von Surplusprodukten interessiert sind. Toporowski zeigt im Kapitel über Luxemburg, dass sie eine kritische Position einnimmt, das heißt, der Finance eine autonome Rolle zugesteht (im Gegensatz zur Orthodoxie von Hilferding), und dabei auch die internationalen Märkte einbezieht, insofern internationale Darlehen für die Finanzierung im 20. Jahrhundert essenziell sind, sodass unterentwickelte Länder Equipment für den Aufbau ihrer industriellen Infrastrukturen kaufen können, um eine gewisse politische und ökonomische Unabhängigkeit zu erlangen, während sich gleichzeitig die Abhängigkeit von der Finanzindustrie der entwickelten Länder erhöht. Für diese geht es darum, den Kapitalexport zu finanzieren und damit die Kapitalakkumulation der nationalen Unternehmen zu erhöhen. Krisen führen in den unterentwickelten Ländern zur Zerstörung der Agrarindustrie.

Toporowski sieht einen Aspekt in Luxemburgs Theorie, der sie in die Nähe von Minsky bringt, der mit seiner „Financial Instability Hypothesis“ zeigt, dass das kapitalistische Wachstum finanzielle Fragilität und Ungleichgewichte und schließlich Krisen hervorbringt. Luxemburgs politische Ökonomie der Finanzen ist zwar anders gelagert, aber für Toporowski nicht weniger aktuell als die von Minsky. In ihrer Analyse ist das Finanzsystem eben schon international ausgelegt, aber mit Sitz in den entwickelten kapitalistischen Ländern, was im Zuge der Globalisierung erst voll entwickelt wurde.

Die Regierungen in den ärmeren Ländern sind hingegen schwach und sie sind auf das internationale Finanzsystem angewiesen, um ihre Kredite zu finanzieren. Im Gegensatz dazu hatte Minskys Analyse die Regierungen der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder, die weniger abhängig vom internationalen Finanzsystem sind.

Danach kommt Toporowski zur Finanztheorie von Ralph Haptrew, den wir hier überspringen, um direkt zu Irving Fisher kommen. Eine seiner Leistungen gegenüber der Mainstream-Ökonomie bestand darin, darauf hinzuweisen, dass Konjunkturzyklen Teil der ökonomischen Dynamik sind und ökonomisches Ungleichgewicht hervorbringen, und dies aufgrund der Inkonsistenzen einer ganz Reihe von Variablen wie Investment, Kapitalstock und Preisen. Aber ernsthafte Überspekulation und Krisen werden erst durch die Interaktion zwischen Schulden und der Kaufkraft der Geldeinheit ausgelöst. Dies verweise schon auf die These von Minsky, dass, so Toporowski, die kapitalistische Ökonomie durch zwei Sets von relativen Preisen charakterisiert sei, nämlich eines des aktuellen Outputs und eines der Kapital-Assets. Während das erstere die Geldeinkommen determiniere, so letzteres die Verbindlichkeiten und die Assets. Die Ausrichtung dieser beiden Sets von Preisen determiniere dann das Investment und insgesamt die Entwicklung der Ökonomie. Gerade diese Unterscheidung zwischen dem Preissystem der Finanzmärkte und dem für Waren und Güter unterscheidet Minsky und Fisher von Keynes.

Fisher argumentierte, dass eine Schuldendeflation durch Überschuldung ausgelöst werden könne, da zu niedrige Zinsen die Versuchung wecken, Kredite aufzunehmen und mit geliehenem Geld zu investieren oder zu spekulieren. Eine Überverschuldung kann durch Erfindungen und technologische Verbesserungen, Kriegsschulden und Wiederaufbau und Kredite an ausländische Länder ausgelöst werden. Billiges Geld ist die Hauptursache für Überschuldung und Fisher erwähnt die Niedrigzinspolitik, die eingeführt wurde, um um England 1925 wieder zum Goldstandard zu verhelfen, als einen Faktor. Sobald die Überschuldung einsetzt, versuchen die Kreditnehmer, ihre Schulden durch vermehrte Verkäufe ihrer Vermögenswerte zu reduzieren. Diese Notverkäufe lassen die Preise fallen. Fallende Preise wiederum erhöhen den realen Wert des Geldes und damit den Wert der Schulden in nominaler Form. Es entsteht eine paradoxe Situation: Je mehr die Schuldner versuchen, ihre Schulden abzubauen, desto mehr wachsen sie. Das Ergebnis ist ein Prozess, bei dem Verschuldung die Umlaufgeschwindigkeit von Bankeinlagen reduziert, was zu einem Rückgang des Preisniveaus, sinkenden Gewinnen und Insolvenzen führt. Sinkende Produktion und Beschäftigung führen zu Pessimismus und zum Horten von Geld, was die Umlaufgeschwindigkeit weiter verlangsamt. Dies war Fishers Erklärung für die wirtschaftliche Depression der 1930er Jahre.

Keynes bedürfe als Vertreter einer kritischen Theorie der Finance (das dürfte strittig sein) einer Reinterpretation, so Toporowski, denn oft genug sei er in den neoklassischen Lehrbüchern zur VWL auf das IS-LM System von Hicks reduziert worden, das die Finance auf die Geldmärkte reduzieren würde. Bestimmte Annahmen von Keynes wurden aber tatsächlich in das IS-LM Modell von Hicks integriert. Für Keynes wird der Gleichgewichts-Output durch das Investment und den Multiplikator (IS) determiniert, und das Investment hängt vom Exzess der volatilen, erwarteten Profitrate über die Zinsrate ab. Wenn das Investment um 100 ansteigt und die Ersparnisse ein Fünftel des Einkommens ausmachen, dann muss der Output 500 sein, damit die Rendite auf Ersparnisse gleich dem Investment ist. Das ist der Keynes´sche Multiplikator. Ein Anstieg der Rendite auf Ersparnisse lässt nun die Ersparnisse über das Investment steigen, sodass der Output und die Beschäftigung fallen müssen, damit es wieder zu einem Gleichgewicht zwischen Investment und Ersparnissen kommt. Dies gilt allerdings nur für das kurzfristige Investment.

Hicks eliminiert nun die erwartete Profitrate, sodass das Investment zu einer simplen passiven Funktion der Zinsrate mutiert. Wir beschränken uns hier auf die Auseinandersetzung der General Theory von Keynes, die neben der These eines Gleichgewichts der Unterbeschäftigung, die durch das finanzielle System und die ihm inhärente Unsicherheit ausgelöst wird, eine Theorie der Unterbeschäftigung in der kapitalistischen Ökonomie enthält, die durch den Gebrauch des Geldes ausgelöst wird, eine monetäre Theorie, für die Keynes eine eigene Theorie der Zinsrate entwickelte.

Keynes legte die Idee vor, dass alle Waren ihren “eigenen” Zinssatz haben. Dies ist der Nettovorteil, der sich aus dem Halten dieser Güter im Laufe der Zeit ergibt. Keynes argumentierte weiter, dass dieser Nettonutzen aus dem Ertrag oder der Nettoproduktion der Ware besteht (Einkommen und Wertzuwachs in Geld), abzüglich seiner Buchhaltungskosten (Kosten Kosten der Lagerung), plus der Liquiditätsprämie (die “Verfügungsgewalt über ein Vermögenswert”). Darin sollte auch eine “Risikoprämie” enthalten sein, das heißt, das “Vertrauen” des Inhabers in den erwarteten Ertrag der Ware. Weil Geld nicht einfach produziert werden kann (es “hat sowohl in der langen als auch in der kurzen Periode eine Null- oder zumindest eine sehr kleine Produktionselastizität”) und und eine vernachlässigbare Substitutionselastizität hat, ist sein eigener Zinssatz, der Geldzins, der Standard, an dem andere eigene Zinssätze gemessen werden. Wenn die Eigenzinsen anderer reproduzierbarer Güter höher sind, werden mehr von diesen Gütern mit Gewinn produziert, was allmählich ihre “eigene” Rendite erhöht, bis es keinen Vorteil mehr in der Produktion gibt, im Gegensatz zum Halten von Geld.

Hicks kritisierte diese Theorie unter Verweis auf eine stabilere Relation zwischen Zinsrate und Investment. Townshend wiederum argumentierte, dass die Zinsrate nicht durch Angebot und Nachfrage für neue Darlehen auf dem nationalen Markt, wie Hicks annahm, sondern durch Angebot und Nachfrage für existierende Darlehen determiniert wird. Keynes unterstützte dies, indem er schreibt, dass der Einfluss der Erwartungen über den Wert bestehender Kredite der kausaler Faktor bei der Bestimmung des gemeinsamen Preises sei. Da sich die Werte von längerfristigen Wertpapieren über Nacht ändern können, ist kein Gleichgewicht zwischen dem Angebot an Geldmitteln und der Nachfrage nach neuen Krediten möglich.

Anwar Shaikh weist daraufhin, dass es für Keynes in letzter Instanz aber die Profitrate ist, die für das Unternehmen zählt. Firmen müssen investieren und der wichtigste Beweggrund ist die Realisierung einer bestimmten Profitrate (Erwartungen auf die Profitrate, die volatil ist), die mit der erwarteten Nachfrage korreliert ist. Und die aggregierte Nachfrage der Haushalte korreliert mit den aktuellen Einkommen. Es gibt keine Garantie, dass die aggregierte Nachfrage der Haushalte mit der erwarteten Nachfrage der Firmen identisch ist, sodass eben Ungleichgewicht der normale Zustand ist. Da Keynes das Investment zumindest kurzfristig für stabil hält, müssen über die Ersparnisse die notwendigen Angleichungen vollzogen werden, um zum Gleichgewicht zu gelangen. Ersparnisse sind der Teil des Einkommens, der nicht konsumiert wird, und die Konsumtion ist wiederum abhängig vom Einkommen, das in der Produktion erzeugt wird. Am Ende muss die Produktion und damit die Beschäftigung dafür sorgen, dass die Ersparnisse gleich der Investition sind. Das ist Keynes` Antwort auf das Say`sche Gesetz.

In einem späteren Kapitel der General Theory macht Keynes eine Unterscheidung zwischen der Spekulation mit dem Handel von Assets und Sicherheiten und den Unternehmen, die Sicherheiten kaufen, um langfristige Einkommen zu sichern. An dieser Stelle, so Toporowski, lamentiert Keynes über die Dominanz der Rentiers über die industriellen Unternehmen, was deren produktive Investments in Fabriken, Technologie und Maschinen auf periphere Einkommen eines Kasinos reduzieren würde, einem Whirlpool der Spekulation, der aber nichtsdestotrotz notwendig sei.

John Milios hat darauf hingewiesen, dass die beiden der Kapitalrelation und des Geldkapitalkreislaufs inhärenten Plätze von finanziellen und fungierenden Kapitalisten besetzt werden, womit die von Keynes getroffene Unterscheidung zwischen einer produktiven Klasse, die innerhalb der Unternehmen angesiedelt ist, und einer externen und gegenüber der Produktion parasitären Klasse der Rentiers, abzulehnen ist. Damit würde sich auch die Frage stellen, ob Keynes wirklich der kritischen Theorie der Finance zugerechnet werden kann, wie Toporowski dies annimmt. Aber verfolgen wir die Diskussion weiter.

In der General Theory stellt Keynes auch seine berühmte Theorie zum Verlauf der Aktienkurse vor, der einem Schönheitswettbewerb gleicht, den bei dem Spekulanten Aktien kaufen und verkaufen, weil sie glauben, dass es die anderen Spekulanten sind, die normalerweise die Aktien in der Zukunft bewerten werden. Heute wissen wir, dass es die institutionellen Marktführer sind, welche die Bewegung der Kurse vorgeben.

Die Untersuchung der Kategorie der Unsicherheit nimmt einen wichtigen Platz in Toporowskis Besprechung von Keynes ein, insofern Spekulanten nicht den zukünftigen Wert ihres Investments wissen können, allenfalls Urteile über einen höheren oder niedrigeren Grad des Vertrauens annehmen können, der zwischen Optimismus und Pessimismus schwankt. Und weil die Erwartungen stärker durch gegenwärtige Erfahrungen als durch die Vergangenheit geprägt werden, werden die Erwartungen im Boom steigen, während sie in der Rezession fallen.

Keynes definierte die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals in subjektiven Begriffen als “die Renditeerwartung” in Bezug auf “den aktuellen Angebotspreis der Kapitalanlage”. Er fuhr dann fort zu argumentieren, dass Änderungen der Wertpapierpreise den Konsum der Rentiers beeinflussen, “die Klasse die ein aktives Interesse an ihren Börseninvestitionen haben”. Keine Erwähnung findet hier Keynes’ frühere Rechtfertigung des Aktienmarktes als Finanzierungsquelle für Unternehmensinvestitionen und die Implikation, dass eine solche Finanzierung weniger leicht verfügbar und sicherlich teurer ist, wenn die Aktienkurse fallen Später erklärte Keynes, dass Unternehmer, die Investitionen nicht aus ihren eigenen Ersparnissen finanzieren können, dies tun, indem sie sich bei Banken verschulden. Dies wurde dann ein zusätzliches, “finanzielles” Motiv, um die Geldnachfrage zu erhöhen Geldnachfrage. In dieser Sichtweise hängen die Unternehmensinvestitionen mehr vom dem Zinssatz ab als von den Börsenkursen.

Keynes’ Theorie der spekulativen Geldnachfrage soll zeigen, wie die Finance zu einem permanenten Regime von Unterinvestitionen führen kann. Die spekulative Nachfrage nach Liquidität war das Geld, das von Händlern an den Wertpapiermärkten in Erwartung profitabler Investitionsmöglichkeiten geschaffen wurde. Wie Keynes es ausdrückte, hat es “das Ziel, den Gewinn zu sichern, indem man besser als der Markt weiß, was die Zukunft bringen wird”. In dieser Hinsicht ist es eine Gegentendenz zu den Konventionen, die durch den “Schönheitswettbewerb” am Aktienmarkt etabliert wurden. Nur wenn die spekulative Nachfrage nach Geld in Schach gehalten wird, würde eine Erhöhung des der Geldmenge den Zinssatz senken. Aber selbst dies könnte nicht ausreichen, um die nicht aus, um die Unsicherheit der Unternehmen bezüglich der Erwartung von Renditen auf Investitionen zu überwinden. Wenn diese Rendite sinkt, dann kann sogar ein niedriger Zinssatz nicht aus, um Investitionen zu stimulieren. Das deckt sich mit der Einschätzung von Shaikh, dass die Profitraten gegenüber den Zinsraten primär für die Entscheidung über Realinvestitionen sind. Und ein hoher Zinssatz ist laut Keynes viel wirksamer gegen einen Boom als ein niedriger Zinssatz gegen eine Rezession. Was wir heute wieder sehen. Keynes identifizierte damit die Grenzen der Manipulation des Wirtschaftswachstums durch die Geldpolitik.

Im selben Kapitel beklagt sich Keynes dann doch gerade aufgrund der Abhängigkeiten der Industrie von der Finanzmärkten noch über die Euthanasie der Rentiers, was gerade den Faktor der Erwartungen auf zukünftige Gewinne bezüglich der Investitionsentscheidungen stärke. Hier ist es dann wieder ein Sinken der Zinsrate, das zur Vollbeschäftigung führen soll. Die Unsicherheit in beiden Sektoren verhindere aber letztendlich eine adäquate Entscheidung über die Menge an Investitionen. Andererseits gibt es dann wieder Aussagen von Keynes, in denen er behauptet, dass die Finanzmärkte dazu neigen würden, volatile Renditeerwartungen von Investitionen mit längerem Zeithorizont zu konzentrieren, anstatt sie zu streuen. Die Hauptleistung von Keynes in der General Theory sieht Toporowski letztendlich in der Einführung der Begriffe Erwartung und Unsicherheit.

Wir haben in Kapital und Macht im 21. Jahrhundert darauf hingewiesen, dass der Begriff Unsicherheit an den des Risikos gekoppelt ist. An den Finanzmärkten findet die Kapitalisierung – die Diskontierung zukünftig erwarteter Gewinnströme von Assets – heute immer stärker als ein Prozess der kontinuierlichen Bewertung der Risiken der Investments mittels ganz bestimmter Finanzinstrumente, nämlich der Derivate statt. Da jeder zukünftige Renditestrom unter dem Gesichtspunkt der Unsicherheit weitgehend unbekannt ist, kann ohne die Transformation der unbekannten Unsicherheit in ein scheinbar bekanntes Risiko und zugleich ohne dessen Kalkulation, das heißt der Bewertung der Chancen einer zukünftigen Generierung von Renditen qua der Wahrscheinlichkeitsrechnung keine Kapitalisierung stattfinden. Das Risiko wird hier zunächst ganz geläufig als eine Dimension verstanden, die sich auf bestimmte sozio-ökonomische Ereignisse in der Zukunft bezieht, deren Chance sich zu realisieren, einer Einschätzung und Bewertung dem Einsatz statistischer und mathematischer Instrumente unterstellt werden muss.

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