ZU John Smiths “Imperialism in the Twenty-First Century” (3)

Ein Grund, warum transnationale Konzerne es zunehmend vorziehen, ihre geschäftlichen Aktivitäten an unabhängige Firmen zu externalisieren, liegt darin, dass diese damit in einen intensiven Wettbewerb miteinander gezwungen werden, und dies dann ein effektiver Weg ist, um die Löhne zu drücken und die Arbeit zu intensivieren. Ein weiterer Anreiz zur „Devertikalisierung“, d.h. zum Übergang von einer vertikalen Mutter-Tochter-Beziehung zu einer horizontalen Vertragsbeziehung zwischen formal gleichberechtigten Partnern, besteht darin, die direkte Verantwortung für Umweltverschmutzung, Armutslöhne und die Unterdrückung von Gewerkschaften abzugeben. Smith führt das Beispiel von Coca Cola in Kolumbien an, dem Zentrum des lateinamerikanischen Softdrink-Imperiums, wo die Gewerkschaft der Lebensmittelarbeiter, SinalTrainal, das Management des Unternehmens beschuldigt, mit Todesschwadronen zusammenzuarbeiten, die seit 1990 neun Gewerkschaftsmitglieder und -führer ermordet und viele andere ins Exil gezwungen haben. 80% der Coca-Cola-Belegschaft besteht jetzt aus nicht gewerkschaftlich organisierten Zeitarbeitern, und die Löhne für diese Personen sind nur ein Viertel der Löhne so hoch wie die Löhne, die ihre gewerkschaftlich organisierten Kollegen verdienen.

Smith weist darauf hin, dass heute viele der durch Outsourcing erzielten höheren Gewinne nicht in die Produktion investiert werden, sondern zur Hebelung von Vermögenswerten durch Aktienrückkaufprogramme dienen oder in die Finanzmärkte investiert werden, um spekulative Gewinne zu erzielen und so die Finanzialisierung der imperialistischen Ökonomien zu fördern. Zusammenfassend nennt Smith vier Gründe, warum Outsourcing-Firmen eine „arm’s-length“-Beziehung zu ihren Niedriglohnlieferanten gegenüber Direktinvestitionen bevorzugen könnten: 1) Ausländische Investoren zahlen oft höhere Löhne als inländische Unternehmen. 2) Man schiebt die Verantwortung für alle möglichen Prozesse an die Unternehmen der nicht-entwickelten Länder ab. 3) Übertragung von Risiken. 4) Vermeidung von Direktinvestitionen zu Gunsten dessen, was UNCTAD einen „Nicht-Eigenkapital-Modus“ nennt, der wiederum für die großen Konzerne Mittel für Investitionen in die Finanzmärkte oder zur Finanzierung von Akquisitionen und Aktienrückkäufen freisetzt.

Ein auffälliges Merkmal der imperialistischen Weltwirtschaft ist, dass die Firmen des Nordens nicht mit denen des Südens, sondern mit anderen Firmen aus dem Norden konkurrieren, auch darum, wer am schnellsten und effektivsten die Produktion in die Niedriglohnländer auslagern kann. Währenddessen konkurrieren die Länder des Südens heftig miteinander, um ihre Marktposition zu erhalten. Apple konkurriert mit Samsung, aber nicht mit FoxConn oder der Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) und seinen anderen Zulieferern. Die Beziehung der imperialistischen Firmen zu ihren Lieferanten ist daher komplementär und nicht konkurrierend, auch wenn sie sehr ungleich strukturiert ist. Smith konstatiert, dass China im Moment keine Bedrohung für Japans Kernindustrien ist, im Gegenteil, die Auslagerung von arbeitsintensiven Produktionsaufgaben nach China hat vielen japanischen Firmen Vorteile gebracht. Das könnte sich aber ändern.

Aber selbst im Bekleidungssektor, wo die globale Verlagerung der Produktion in die Niedriglohnländer am weitesten fortgeschritten ist, sind die Billigproduzenten nicht vollständig aus den imperialistischen Ländern verschwunden, und ein Restwettbewerb mit den Firmen in Niedriglohnländern bleibt bestehen Schließlich muss mit einem zunehmenden Wettbewerb zwischen imperialistischen Firmen und Firmen in China, Südkorea und Taiwan und anderswo gerechnet werden, die bei strategischen und/oder höherwertigen Produkten mit den westlichen Unternehmen zu konkurrieren beginnen. Ein Paradebeispiel dafür ist Chinas rasanter Aufstieg in der Produktion von Solarzellen und Windturbinen. Ein weiteres Beispiel ist der Aufstieg chinesischer Tiefbaukonzerne, die nun regelmäßig ihre europäischen und nordamerikanischen Konkurrenten bei den Ausschreibungen für den Bau von Eisenbahnen, Häfen und Kraftwerken unterbieten.

Es gibt im Welthandel und bei den Kapitalexporten ein Level der Komplexität, das besagt, dass die reicheren Länder die Hauptexporteure der komplexeren Produkte sind, während die ärmeren Länder die Hauptexporteure der weniger komplexen Produkte sind. Dies bedeutet auch, dass die Exporte der ärmeren Länder vor allem aus Produkten bestehen, die aus arbeitsintensiven Produktionsprozessen stammen, was wiederum dazu führen kann, dass die Vorteile eines erhöhten Exportvolumens durch Verluste aufgrund niedrigerer Exportpreise mehr als ausgeglichen werden.

Smith erwähnt weitergehend das „Upgrading“, die Gewinnung eines größeren Anteils am Gesamtwert der fertigen Ware durch den Wechsel zu Produktionsprozessen mit höherer Wertschöpfung. Absolutes Upgrading tritt dann auf, wenn die „Wertschöpfung pro beschäftigtem Arbeiter“ schneller ansteigt als der Wert der Exporte; wenn die Wertschöpfung pro Arbeiter weniger als ein Viertel so schnell wie die Exporte steigt, dann findet kein Upgrading statt. Der Wert der Exporte steigt wiederum schneller als die inländische Wertschöpfung pro Arbeiter, wenn es zu einem Anstieg in der Importzusammensetzung dieser Exporte oder zu abnehmenden Erträgen kommt. Smith weist darauf hin, dass in einer Stichprobe aus dem Jahr 1999 von dreißig Entwicklungsländern aus drei Kontinenten kein einziges Land ein absolutes Upgrading erreicht hat und nur neun der dreißig Länder erfuhren ein schwaches Upgrading.

Im nächsten Kapitel konstatiert Smith ein Wachstum des Weltproletariats seit den 1980er Jahren. Dieses quantitative Wachstum ist ein Hinweis auf einen qualitativen Wandel, insofern die Industriearbeiter des globalen Südens heute auch viel stärker in die Weltwirtschaft integriert sind. Der IMF versucht diesen qualitativen Wandel mit der Konstruktion einer „exportgewichteten globalen Erwerbsbevölkerung“ zu erfassen, die durch das wachsende Verhältnis von Exporten zum Bruttoinlandsprodukt angezeigt wird. Da die verarbeiteten Exporte des Südens in den 25 Jahren vor der Finanzkrise 2007 mehr als doppelt so schnell wuchsen wie das Bruttosozialprodukt, rechnet das IMF damit, dass sich die „effektive globale Arbeitskraft“ zwischen 1980 und 2003 vervierfacht hat. So hat die industrielle Arbeiterklasse des globalen Südens seit 1980 zwar ein spektakuläres Wachstum erlebt, doch ihr Anteil an der Gesamtbelegschaft des globalen Südens war viel bescheidener; er stieg von 14,5 % im Jahr 1980 auf 16,1 % im Jahr 1990, auf 19,1 % im Jahr 2000 und auf 23,1 % im Jahr 2010 (im Vergleich dazu sank der Anteil der Industrie an der Beschäftigung in den imperialistischen Nationen von 37,1 % im Jahr 1980 auf 33,2 % im Jahr 1990, auf 27,2 % im Jahr 2000 und auf 22,5 % im Jahr 2010).

Die „wirtschaftlich aktive Bevölkerung“ der Welt wuchs von 1,9 Milliarden im Jahr 1980 auf 3,1 Milliarden im Jahr 2006 und beträgt heute 3,5 Milliarden. Dies war keineswegs allein die Folge des globalen Bevölkerungswachstums, sondern eine Folge der Vertiefung der globalen Kapitalakkumulation und der Märkte. Fast das gesamte zahlenmäßige Wachstum der Arbeitsbevölkerung fand in den Schwellenländern statt, in denen heute 84 % der weltweiten Erwerbsbevölkerung leben. 1,6 Milliarden Menschen arbeiten für verschiedene Formen von Löhnen, größtenteils prekär, und mehr als eine Milliarde sind Kleinbauern und vor allem eine Vielzahl von Menschen, die in der stark fragmentierten „informellen Ökonomie“ arbeiten.

Für Smith ist das riesige Niedriglohnproletariat, das in den letzten 30 Jahren im globalen Süden entstanden ist, ein Schlüssel, um die Bewegung der Profite in den imperialistischen Ländern zu verstehen. Im Jahr 2010 lebten 79% oder 541 Millionen der Industriearbeiter der Welt in „weniger entwickelten Regionen“, gegenüber 34% im Jahr 1950 und 53 % im Jahr 1980, verglichen mit den 145 Millionen Industriearbeitern oder 21 % der Gesamtbevölkerung, die im Jahr 2010 in den imperialistischen Ländern lebten. Für Arbeiter in der verarbeitenden Industrie ist diese Verschiebung noch dramatischer. Heute leben und arbeiten 83 % der weltweiten Industriearbeiterschaft in den Ländern des globalen Südens.

Es gibt hier Analogien zu der Landflucht und dem Wachstum der städtischen Arbeiterklasse in Europa im 19. und 20. Jahrhundert, aber es gibt auch wichtige Unterschiede, von denen wohl der weitreichendste und bedeutendste ist, dass die freie Bewegung von Arbeitern über Ozeane, die das 19. Jahrhundert kennzeichnete, zunehmend Einschränkungen unterworfen wurde. Zwischen 1850 und 1920 gab es kaum Einschränkungen für die Mobilität von Menschen über nationale Grenzen hinweg – Pässe wurden selten benötigt und Einwanderer erhielten problemlos die Staatsbürgerschaft erhielten – etwa 70 Millionen Menschen wanderten aus Europa aus, 36 Millionen davon in die USA, 6,6 Millionen nach Kanada, 5,7 Millionen nach Argentinien und 5,6 Millionen nach Brasilien. Sie ließen sich auf dem Land nieder, das durch den Völkermord an den indigenen Zivilisationen geräumt worden war. Wenn nun derselbe Anteil von Menschen aus dem globalen Süden seit dem Zweiten Weltkrieg ausgewandert wäre, der Europa zwischen 1850 und 1920 verlassen hat, dann wären 800 Millionen Menschen in den nach Norden gezogen, was die Gesamtbevölkerung der höher entwickelten Länder um 70% erhöht hätte. Stattdessen sind aber nur 0,8 % der Arbeitskräfte aus den Entwicklungsländer zur Arbeit in die Industrieländer gewandert. Ein schlagendes Argument gegen den grassierenden Rassismus und die Ausländerfeindlichkeit, die in den westlichen Bevölkerungen heute wieder stark grassiert.

Die europäischen städtisch-industriellen Revolutionen waren also nicht in der Lage, das gesamte Angebot an verdrängten ländlichen Arbeitskräften zu absorbieren, und die Massenauswanderung war ein dynamisches Sicherheitsventil, das den Aufstieg von Mega-Cities in Europa verhinderte. Heute hingegen stehen überschüssige Arbeitskräfte aus dem globalen Süden vor noch nie dagewesenen Hindernissen, wenn sie in die reichen Länder im globalen Norden auswandern wollen.

Und dennoch ist das Bild nuancierter. So lebten im Jahr 2013 insgesamt 64,2 Millionen Migranten aus südlichen Nationen in den imperialistischen Nationen, mehr als das Doppelte der 28,6 Millionen, die bis 1990 in den Norden migriert waren. Dabei hat sich ein großer Teil der hochqualifizierten Arbeitskräfte des Südens dem „Brain Drain“ im Norden angeschlossen und konnte sich integrieren. Für praktisch alle Herkunftsländer aus dem globalen Süden übersteigt die Auswanderungsrate der hochqualifizierten Arbeitskräfte die Gesamtauswanderungsrate. Während also die Abwanderung von gering qualifizierten Arbeitskräften einen eher geringen Einfluss auf den enormen Arbeitskräfteüberschuss des globalen Südens hat, schadet die Migration hochqualifizierter Arbeitskräfte dem Gesundheits- und Bildungswesen des Südens und seinem Streben nach Souveränität und sozialer Entwicklung.

Anstatt auszuwandern, hat sich die überschüssige Bevölkerung des globalen Südens in „Planeten der Slums“, wie Mike Davis in seinem gleichnamigen Buch dokumentiert hat, konzentriert, wo Hunderte von Millionen Menschen im totalen Elend leben. Sie ist nur zum Teil einer permanenten und massiven Reservearmee von Arbeitskräften zuzurechnen, ein großer Teil arbeitet als Surplusproletariat ohne jeden Bezug zu offiziellen Arbeitsmärkten in den informellen Ökonomien. Das spektakuläre Wachstum der städtischen Slums ist auch ein Resultat der Tiefe der ländlichen Krise. Wie Mike Davis feststellt, setzt die Urbanisierung im globalen Süden ihr halsbrecherisches Tempo fort, und dies trotz fallender Reallöhne, steigender Preise und explodierender städtischer Arbeitslosigkeit.

Theorie Communiste (TC) spricht heute von drei  Zonen auf dem kapitalistischen Weltmarkt: 1) Die Hyperzonen des Kapitals mit hohen Funktionsleistungen im Bereich der Arbeitsmärkte und der Produktionsorte (Finance, Technologie und Forschung). 2) Sekundäre Zonen mit intermediären Industrien und Technologien (Logistik und Kommunikation). 3) Krisenzonen informationeller Industrien mit niedrig bezahlten Arbeiten oder Zonen, in denen überhaupt nicht gearbeitet wird. Während die Kapitalproduktion durch die Zonen hindurch unifiziert ist, trifft das keineswegs auf die Reproduktion der Arbeitskraft zu. In der ersten Zone treffen sich hochbezahlte Lohnarbeit mit privater Risikoabsicherung und solche Arbeiten, in denen bestimmte Aspekte des Fordismus erhalten bleiben, während andere Arbeitskräfte mit prekären Bedingungen kämpfen. In der zweiten Zone ist die prekäre, niedrigbezahlte Arbeit die Norm, gemischt mit Inseln der vertraglich bezahlten Arbeit, der Migration und der fehlenden Absicherung sozialer Risiken. In der dritten Zone hängt das Überleben des Proletariats von humanitärer Hilfe, illegalem Handel und mafiösen Strukturen ab, von der Landwirtschaft, aber auch von kleinen Gemeinschaften. Dies muss als ein volatiler und poröser Prozess verstanden werden, der von ständigen Migrationsbewegungen des Proletariats und den Restrukturierungen durch das Kapital durchzogen ist.

Der informelle Sektor in der Ökonomie wurde erstmals 1972 von der ILO definiert und umfasst demnach alle Aktivitäten, die „nicht anerkannt, nicht registriert und nicht geschützt sind oder von den Behörden nicht reguliert werden.“ Die informelle Wirtschaft wird nicht durch den Staat reguliert, insofern keine Besteuerung, keine Arbeitsplatzinspektion etc. stattfindet. Informelle Arbeiter sind gesetzlich nicht anerkannt und erhalten daher keinen rechtlichen oder sozialen Schutz und sind nicht in der Lage, Verträge durchzusetzen. Zwar ist der Staat nicht ganz abwesend, aber er hat sich auf primitive Formen zurückgezogen, auf Zwang und Parasitentum. Zudem befördert die informelle Wirtschaft die staatliche Korruption, indem sie Steuern durch Bestechung und Schutzgelder und die Rechtsstaatlichkeit durch die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Bandenführern ersetzt, um die Kontrolle über Slumviertel zu beizubehalten und Marktmonopole zu schützen. Wirtschaftseliten und staatliche Behörden in südlichen Ländern fördern aktiv die Ausdehnung der informellen Wirtschaft, und dies in Verbindung mit ihren Bemühungen, die formelle Wirtschaft zu flexibilisieren.

Der informelle Sektor, insbesondere Kleinunternehmen, hat einen größeren Anteil an Produktion und Beschäftigung, als man in den 1950er und 1960er Jahren noch angenommen hat. So sei, so Smith mit Mike Davis, seit den 1980er Jahren die Beschäftigung im informellen Sektor zwei- bis fünfmal schneller gewachsen als die Beschäftigung im formellen Sektor, womit sich der pure Überlebenskampf als der primäre neue Lebensmodus in der Mehrheit der Städte des globalen Südens etabliert hat. Was also wirklich modern ist, ist nicht der universelle Fortschritt in Richtung Wohlstand und Rechtsstaatlichkeit, sondern ein beschleunigter Abstieg in Informalität, Prekarität und pure Überflüssigkeit. Anstatt Aufwärtsmobilität gibt es für einen Teil der Menschheit nur eine Treppe nach unten, über die entlassene Arbeiter des formellen Sektors und entlassene öffentliche Angestellte in die Schattenwirtschaft absteigen, und dies nicht nur im globalen Süden. Dies Entwicklung hat auch in den imperialistischen Ländern an Tempo zugenommen und hat seit der Finanzkrise 2007 einen neuen gewaltigen Schub erhalten. Für Smith fiel das Wachstum der informellen Wirtschaft nicht nur mit dem Einsetzen der neoliberalen Globalisierung zusammen, sondern wurde durch einen rasanten Übergang vom Importschutz und staatlicher Regulierung zum neuen exportorientierten Laissez-faire-Regime von ihr selbst hervorgebracht. Wie die ILO feststellt, „ist nun weithin anerkannt, dass die Stabilisierungs- und Strukturanpassungspolitik der 1980er und 1990er Jahre, die die in vielen Ländern zu wachsender Armut, Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung führte, zur Ausbreitung der informellen Wirtschaft beitrugen.“

Dabei hängen Flexibilität und Informalität eng zusammen. Die Bedingung informeller Arbeit erlauben es Kapitalisten, Kosten zu senken und die Flexibilität zu erhöhen, auch durch erzwungene Überstunden, ausgedehnte Entlassungen und die Abwesenheit von Vorschriften und rechtlichem Schutz, wobei Risiken und die Kosten der Anpassung an die Nachfrage auf Arbeiter übertragen werden. Smith weist auf die zunehmende Flexibilität in der Fertigungsindustrie hin, deren Ziel es ist, kürzere Produktionsläufe zu ermöglichen.

Mike Davis schreibt: „Natürlich ist ein Teil des informellen Proletariats ein stilles Arbeitskräftereservoir für die formelle Wirtschaft, und zahlreiche Studien haben eindrucksvoll gezeigt, wie tief die Netzwerke des Subunternehmertums von Wal-Mart und anderen Großkonzernen in das Elend der colonias und chawls hineinreichen. Gleichermaßen existiert zwischen der zunehmend auf Gelegenheitsjobs reduzierten Welt der formellen Arbeit und den Abgründen des informellen Sektors eher ein Kontinuum als eine scharfe Grenze. Doch letzten Endes ist die Mehrheit der in den Slums wohnenden Armutsbevölkerung in der gegenwärtigen internationalen Ökonomie vollkommen heimatlos.“

Schließlich weist Smith, allerdings ohne dies genauer auszuarbeiten, auf die Surplus-Population im globalen Süden hin. So sind die offiziellen Arbeitslosenquoten zwar sehr hoch, verbergen aber das wahre Ausmaß der Menschen, die am Rande des oder unter dem Existenzminimum leben, und das ohne irgendeine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese enteigneten Werktätigen sind einerseits Bauern, die zu Millionen aufs Land zurückströmen würden, wenn dort Ackerland und billige Kredite für sie verfügbar wären, andererseits Arbeitslose, die in den Slums dahin vegetieren oder fragmentierte Arbeiten betreiben. Mike Davis schreibt: “… drei oder vier Personen teilen sich eine Tätigkeit, die genauso gut von einer verrichtet werden könnte, Marktfrauen sitzen stundenlang vor kleinen aufgetürmten Obst- oder Gemüsestapeln, Friseure und Schuhputzer hocken den ganzen Tag auf dem Bürgersteig, nur um eine Handvoll Kunden zu bedienen, kleine Jungs springen immer wieder mitten in den fließenden Verkehr, um Papiertaschentücher zu verkaufen, Autoscheiben zu putzen, Zeitschriften oder einzelne Zigaretten anzubieten, Bauarbeiter warten allmorgendlich und häufig vergebens in der Hoffnung auf Arbeit.“

Ohne hier auf die Diskussion stärker einzugehen, hat schon Marx den Begriff der relativen Surplus-Population ins Spiel gebracht. Er spricht einerseits von der industriellen Reservearmee, die je nachdem wie die Kapitalakkumulation läuft, sich in oder außerhalb der Produktion befindet, als einem zyklischen Phänomen. Aber Marx glaubt auch an eine langfristige Tendenz zu ihrem Wachstum, das an der gesamten Arbeitsbevölkerung gemessen wird. Wenn nun diese Reservearmee langfristig wächst, muss ein Teil aus ihr ganz ausgestoßen werden und vom offiziellen Arbeitsmarkt verschwinden, kann also als variables Kapital nicht mehr eingesetzt werden.

Generell ist es zwar so, dass Arbeiter durch stärkere technologische Entwicklung in einem Sektor freigesetzt werden, aber in neuen Sektoren Beschäftigung finden können. Allerdings zeigt gerade die gegenwärtige Entwicklung in China, dass auch in diesen neuen Sektoren die am weitesten entwickelten Produktionsverfahren eingesetzt werden, sodass sie weniger Arbeitskraft absorbieren als mit alten Produktionsverfahren, und sie zudem wie in der Computerindustrie zu weiteren arbeitssparender Technologien führen, deren Einsatz in anderen Sektoren Arbeit einzusparen hilft. So beruht heute der Aufstieg einiger Schwellenländer nicht mehr nur auf billiger Arbeitskraft, wie Smith oft annimmt, sondern auch auf moderner Technologie, sodass die produktive Absorption von Arbeitskraft geringer ausfällt, als die hohen Wachstumsraten in China etwa vermuten lassen. Und auch das führt zur Entstehung einer Surplus-Population.

So zeigen dann die Zahlen von Bangladesh deutlich, dass die Teilnahme an globalen Wertschöpfungsketten eine starke Ausweitung der relativen Surplus-Population in Bangladesh nicht hat verhindern können. Eine ILO-Untersuchung des Arbeitsmarktes in Bangladesh ergab, dass „der Prozentsatz der Arbeiter in informellen Beschäftigung von 76,2 % im Jahr 1999-00 auf 87,5 % im Jahr 2010 gestiegen ist. “ Dabei wird die doppelte Unterdrückung von Arbeiterinnen offensichtlich: 92,3 % der Arbeiterinnen waren 2010 informell beschäftigt, verglichen mit 85,5 % der Männer.

In den letzten Jahrzehnten ist ein neues globales Proletariat entstanden, das zum einen dazu tendiert, sich hinsichtlich der politischen Dekonstitution und der Senkung der Löhne in der Tendenz zu homogenisieren, das zum anderen aber durch die Rechtsformen, die exakte Lohnhöhe und die Verteilung der Produktionsstätten räumlich und sozial fragmentiert ist. Das zeigt vor allem als hinzuzurechnendes Sub-Proletariat die vor allem im globalen Süden entstandene Surplus-Bevölkerung, die als variables Kapital nicht mehr eingesetzt werden kann und ganz aus den Lohnarbeitsverhältnissen herausfällt (aber durch Mikrokredite zum Teil in die Geldkreisläufe wieder integriert wird). Diese komplexen Prozesse des ökonomischen, politischen und sozialen Wandels auf globaler Ebene münden in die Fusion zweier fundamentaler Antagonismen: Weil heute weder der freie Handel noch die merkantilistischen und protektionistischen Politiken, die gegenwärtig von Teilen der herrschenden Klassen implementiert werden, die ökonomischen Probleme auch nur ansatzweise lösen können, werden die Gegensätze sowohl zwischen Kapital und Arbeit als auch zwischen Peripherie und Zentren in der Intensität zunehmen. Dabei durchzieht eine interne und externe Kolonisierung heute weltweit alle Territorien, der Westen hat seinen Süden (durch HartzIV, Migranten, Unbeschäftigte und Arme), und der Süden hat seinen Westen (durch Zonen der Hightech-Produktion und Kompradoren-Eliten).

Die neue Form des Imperialismus basiert auf einem impliziten Pakt zwischen dem finanziellen Kapital der führenden Länder und den Ökonomien der Schwellenländer. Während die letzteren Zugang zu den Warenmärkten im Westen erhalten und eine Flut von Direktinvestitionen der großen multinationalen Unternehmen empfangen, haben die ersteren Vereinbarungen abgeschlossen (TRIPS, Gatt, GATS), um die Patente und Eigentumsrechte inländischer Unternehmen zu schützen, Märkte für Serviceleistungen zu schaffen und ausländische Märkte für eigene Unternehmenskontrollen zu öffnen. Die Schwellenländer waren in der Lage, die kompetitiven Kosten bei den Löhnen auszunutzen, sie produzieren mit den importierten Technologien vor allem «Low-tech«-Konsumgüter, exportieren diese dann in die kapitalistischen Kernländer und bekämpfen dort die schwächeren Firmen gnadenlos. Aber sie investieren inzwischen zunehmend auch in die Forschung, die jedoch hauptsächlich noch auf kreative Imitation und Adaption setzt, aber auch solche Innovationen fördern soll, die den technologischen Gap gegenüber den hochtechnologisierten Kernländern zu reduzieren helfen. In Schlüsselindustrien wie der Robotik, der IT-Branche, der Raum-, Luft- und Seefahrt, bei regenerativen Energien und der Elektromobilität will China bis zum Jahr 2035 technologisch zu den westlichen Kernländern aufschließen. Darüber hinaus haben chinesische Unternehmen die Arbeitsproduktivität gesteigert und halten die Arbeitskosten dennoch niedrig. Wir beobachten jetzt die Entstehung hyperkapitalisierter Zentren in den Schwellenländern und Peripherien, während »Dritte-Welt Zonen« in den Metropolen des Nordens entstehen und zudem die Lohnanteile und Arbeitsbedingungen der Arbeiter sich dort verschlechtern.

Teil 1 hier, teil 2 hier

Foto: Stefan Paulus

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