ZU John Smiths “Imperialism in the Twenty-First Century” (4)

Das globale Proletariat war, wie wir schon gesehen haben, noch nie so groß wie heute. Und doch ist der Anteil der Löhne sowohl im Süden als auch im Norden am Inlandseinkommen gesunken. Nach Angaben der ILO ist seit Anfang der 1990er Jahre der „Anteil des Inlandseinkommens, der an die Arbeit geht … in fast drei Vierteln der 69 Länder mit verfügbaren Informationen gesunken.“ Dabei ist der Rückgang in den Schwellen- und Entwicklungsländern stärker ausgeprägt als in den imperialistischen Ländern. In Asien sank der Rückgang des Arbeitsanteils zwischen 1994 und 2010 um rund 20 %; außerdem beschleunigte sich das Tempo des Rückgangs in den letzten Jahren, wobei der Lohnanteil zwischen 2002 und 2006 um mehr als 11 Prozentpunkte fiel. Auf beiden Seiten des Nord-Süd-Gefälles ist der Anteil der Arbeit am Volkseinkommen während der gesamten neoliberalen Ära stetig gesunken; dieser Rückgang hat sich seit der Jahrtausendwende beschleunigt, und dies in den Schwellenländern sogar noch schneller als in den reichen Ländern, und zwar von einem viel niedrigeren Niveau aus.

Smith schreibt: „Die Löhne, die den Arbeitern im Süden gezahlt werden, werden von Faktoren beeinflusst, die keinen Einfluss auf die Produktivität dieser Arbeiter haben. Es sind Faktoren, die sich aus den Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt und allgemeineren sozialen Strukturen und Beziehungen ergeben, die die Reproduktion der Arbeitskraft beeinflussen, einschließlich der Unterdrückung der freien internationalen Bewegung der Arbeit und der Entstehung einer riesigen relativen Überschussbevölkerung im globalen Süden. Dies reißt ein großes Loch in das wackelige Gebäude der Mainstream-Ökonomie.“

Normalerweise werden die Löhne der weniger entwickelten Länder in den offiziellen Statistiken in U.S. Dollar umgerechnet, und dies zu den vorherrschenden Wechselkursen des Marktes. Dabei gilt in der Regel, dass je größer der Entwicklungsunterschied zwischen einem bestimmten Land und den USA (deren Dollar als Referenzwährung verwendet wird) ist, desto größer ist die Verzerrung. Bei der Anpassung an die Kaufkraftparität, die dazu dient, einen Vergleich der Reallöhne zu ermöglichen, werden die Nord-Süd-Lohnunterschiede je nach Land auf etwa die Hälfte dessen reduziert, was von den Marktwechselkursen ausgewiesen wird. Smith ist sich dieser Unzulänglichkeit bewusst.

Der Rückgang der Löhne am Inlandseinkommen ist also in den Schwellen- und Entwicklungsländern generell stärker ausgeprägt als in fortgeschrittenen Ländern. So waren die Rückgänge des Anteils der Arbeit in Schwellen- und Entwicklungsländern sehr hoch – in Asien um rund 20 % zwischen 1994 und 2010. In China ist die Lohnquote seit 2000 um fast 10 Prozentpunkte gesunken. Afrikas Werktätige sahen ihren Anteil am Nationaleinkommen in den zwei Jahrzehnten seit 1990 um 15 % sinken. Der geringste Rückgang fand noch in Lateinamerika statt, wo der Lohnanteil seit 1993 um 10 % sank. Der langsamere Rückgang seither spiegelt die Umverteilungspolitik zur Bekämpfung der extremen Armut wider, die von den linken Regierungen Lateinamerikas eingeführt wurde. Unterdessen ist auch die Lohnquote in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften seit 1975 tendenziell rückläufig. Der Rückgang erfolgte jedoch viel moderater als in den Schwellen- und Entwicklungsländern.

Aber die Mainstream-Wirtschaftstheorie leugnet diese Realität. Dies führt zu der Vorstellung, dass die Arbeiter in China ihren „gerechten Anteil“ an Löhnen angesichts ihres Produktivitätsniveaus erhalten. Smith zitiert Martin Wolf aus seinem 2005 erschienenen Buch „Why globalization works“, in dem er die Vorteile der Globalisierung lobt. Wolf schreibt: „Es ist richtig zu sagen, dass transnationale Unternehmen ihre chinesischen Arbeiter ausbeuten, in der Hoffnung, Gewinne zu machen. Es ist ebenso richtig zu sagen, dass chinesische Arbeiter die transnationalen Unternehmen ausbeuten in der (fast durchweg erfüllten) Hoffnung, höhere Löhne, bessere Ausbildung und mehr Möglichkeiten zu erhalten.“

Der sinkende Anteil der Arbeit stellt eine schwierige Frage für Mainstream-Ökonomen dar, weil es dem widerspricht, was lange zumindest für entwickelte kapitalistische Nationen als sicher galt, dass nämlich der Anteil der Arbeit am Bruttosozialprodukt konstant ist. Diese „Tatsache“ wird oft Nicholas Kaldor zugeschrieben, der in einem Aufsatz von 1957 argumentierte, dass „der Anteil der Löhne und der Anteil der Gewinne am Nationaleinkommen eine bemerkenswerte Konstanz in entwickelten kapitalistischen Volkswirtschaften aufweist“; dies sei so, weil die Reallöhne automatisch mit dergleichen Rate wie die Produktivität der Arbeit wachsen würden, sodass die Verteilungsanteile über die Zeit konstant blieben. Das bevorzugte Maß der Kapitalisten für die Produktivität sind die Lohnstückkosten, d.h. die Kosten der Arbeit, die benötigt wird, um eine zusätzliche Einheit des Outputs zu produzieren. Dabei ist aber die Wettbewerbsfähigkeit ein zentrales Ziel von Kapitalisten und Regierungen gleichermaßen, und dies wird erreicht, wenn die Produktivität der Arbeit schneller steigt als der Lohn. Jesus Felipe, ein Forscher bei der Asian Development Bank, schreibt: „In Standardanalysen gilt eine Volkswirtschaft als wettbewerbsfähiger, je niedriger die Lohnstückkosten sind. Daher sind viele Maßnahmen zur Senkung der UICs im Grunde genommen Maßnahmen, den Anteil der Arbeit am Einkommen zu senken.“

Sowohl die Globalisierung der Arbeit als auch der technologische Fortschritt haben den Arbeitsanteil am Inlandseinkommen reduziert, wobei die qualitative Analyse zeigt, dass beide Faktoren untrennbar miteinander verwoben sind und sich gegenseitig verstärken. In diesem Kontext hat die Informations- und Kommunikations-Technologie nicht nur eine enorme Arbeitsersparnis innerhalb der imperialistischen Ökonomien ermöglicht, sie hat auch eine Schlüsselrolle bei der Erleichterung der Integration der Märkte, der Fragmentierung der Produktion und deren Verlagerung an verschiedene Orte der Welt nach sich gezogen. Dieser Sektor ist wesentlich für die Auslagerung der Produktion in Niedriglohnländer, wobei die Verbilligung in der Logistik und Kommunikation selbst zu einem Teil das Ergebnis von Niedriglohn-Outsourcing ist.

Mainstream-Ökonomen argumentieren, dass in den letzten Jahrzehnten innerhalb jeder Branche die Kapitalproduktivität schneller als die Produktivität der Arbeit gestiegen ist, und dies aufgrund eines globalen Rückgangs des relativen Preises von Investitionsgütern um etwa 25%, vor allem in der Kommunikations- und Logistikbranche, was Firmen dazu veranlasst, Arbeit durch Kapital zu substituieren. Smith argumentiert hingegen, dass der angebliche 25-prozentige Rückgang des relativen Preises von Investitionen stark übertrieben ist, da Daten der US-Regierung verwendet wurden, die höchst fragwürdigen „hedonischen Anpassungen“ unterzogen wurden; zum Beispiel wird der Preis eines Computers auch dann sinken, wenn er eigentlich derselbe bleibt, sich aber seine Geschwindigkeit verdoppelt oder die Auflösung des Bildschirms verbessert.

Für Smith beruht diese Methodik auf einer Verwechslung zwischen einer Änderung des Gebrauchswerts einer Ware mit einer Veränderung des Tauschwerts einer Ware, was Mainstream Ökonomen erlaubt, die gesteigerte Produktivität der Arbeit – d.h. die Steigerung der Quantität der Objekte, die von einer gegebenen Menge an Arbeitskraft geschaffen werden, als eine Steigerung der Produktivität des Kapitals darzustellen. Das ist richtig und falsch. Zunächst unterscheidet Smith hinsichtlich der Produktivität auch zwischen physischen Mengen und preislichen Bewertungen. Die Arbeitsproduktivität kann auf zwei gegensätzliche, sich gegenseitig ausschließende Arten definiert werden: in Bezug auf die Produktivität von Gebrauchswerten und die Produktivität von Tauschwerten. Erstere ist eine universelle Definition der Arbeitsproduktivität, die in allen Gesellschaften und Produktionsweisen gilt, letztere ist spezifisch für das Kapital.

Aber es gibt zudem eben die Kapitalproduktivität, die für einen effizienteren Umgang mit Maschinen und Technologien steht. Und dies führt zu Preissenkungen. Während die beteiligten physischen Mengen von Preisänderungen unberührt bleiben, bleiben es die Profite in Geld nicht. Es ist daher falsch, den physischen Überschuss mit Profiten, die in Geld realisiert werden, zu identifizieren. Sobald sich die Preise ändern, sind monetäre Profite und physischer Überschuss nicht mehr identisch. Und sobald die Produktion stattgefunden hat, wird es durch Produktivitätsfortschritte möglich sein, neue Inputs in der Zukunft zu niedrigeren Preisen zu kaufen. Aber der Kapitalist hat ja die Inputs nicht in der Zukunft gekauft, er hat sie in der Vergangenheit gekauft. Und er muss sich das zurückholen, was er bezahlt hat.

Der Wertverfall des investierten Kapitals, der sich aus den sinkenden Preisen der investierten Kapitalgüter ergibt, stellt einen Abzug von der Produktion dar, sodass die ausgepreiste Profitrate systematisch von der physischen Rate abweicht. Dabei spielen bei der fallenden Profitrate zeitliche Faktoren wie Preisbewegungen eine Rolle.1) Der technische Fortschritt reduziert die monetäre Größenordnung der Profite durch seine Auswirkungen auf frühere Investitionen. (2) Dieser “moralische Verschleiss”, wie Marx das nannte, wird nicht durch physische Verschlechterung oder “materielle Entwertung” verursacht, sondern sie ist ausschließlich eine Folge der niedrigeren Preise, die wiederum eine Folge des technischen Fortschritts sind. (3) Je größer der technische Fortschritt ist, desto größer ist der Rückgang der Profite, die auf den jetzigen Kapitalstock bezogen sind.

Smith argumentiert, dass zumindest die Beschleunigung des Rückgangs des Arbeitsanteils im letzten Jahrzehnt nicht von einer Beschleunigung des investitionsspezifischen technologischen Wandels begleitet war, im Gegenteil, der investitionsspezifische technologische Wandel verlangsamte sich in der letzten Periode. Tatsächlich gibt es für ihn eine schwache negative Beziehung zwischen der Veränderung von Ausrüstungspreisen und Lohnsummenanteilen über Branchen hinweg. Dies ist das Gegenteil von dem, was man erwarten würde, wenn die Kapitalvertiefung die treibende Kraft des Rückgangs der Lohnsummenanteile wäre. Stattdessen sind die Rückgänge der Lohnsummenanteile in Industrien stärker, die einem größeren Anstieg des Wettbewerbsdruck durch Importe ausgesetzt sind. Smith geht also nicht davon aus, dass internationale Lohnunterschiede durch internationale Unterschiede in der Arbeitsproduktivität bestimmt werden, eine Doktrin, die eine Reihe von Paradoxien und Anomalien ungelöst lässt, aber für ihn erstaunlich erfolgreich darin ist, die Ausbeutung von Arbeitern durch Kapitalisten und der armen Nationen durch die reichen Nationen spurlos verschwinden zu lassen. Das ist einerseits richtig, da für viele Berufe die Arbeitsproduktivität in entwickelten und weniger entwickelten Ländern dieselbe ist (man denke etwa an eine Busfahrer), andererseits hat ihre Veränderung bestimmte Preiseffekte, die sich auch auf die Verteilung von Profiten und Löhnen auswirken.

Ähnlich wie Smith argumentiert Benanav, was allerdings die Arbeitslosenquote angeht. Für Benanav lässt sich der Rückgang der Wachstumsraten im Output als Zeichen der Deindustrialisierung nicht allein durch technologische Terms erklären. Seit Ende des 20. Jahrhunderts könne man sogar von einer globalen Welle der Deindustríalisierung sprechen, so Benanav. Mit Ausnahme von China, das allerdings von der Deindustrialisierung auch nicht ganz verschont bleibt, stieg die weltweite Beschäftigung zwischen 1991 und 2016 nur um 0,4% an, während allerdings die weltweite Anzahl der Arbeitskräfte, die zu einem großen Teil nicht beschäftigt sind, stark anstieg. Immer weniger Arbeiter produzieren weltweit immer mehr, aber nicht wie die Automationstheoretiker annehmen aufgrund des technologischen Fortschritts, sondern weil die Wachstumsraten des Outputs gegenüber den Wachstumsraten der Produktivität gesunken sind.

Seit den 1980er Jahren zeigen länderübergreifende Studien auch eine steigende Ungleichheit bei Löhnen und Verdiensten zwischen den verschiedenen Qualifikationen an. In vielen Ländern sind die Löhne von hochqualifizierten Arbeiter gestiegen, während die Löhne der gering qualifizierten Arbeiter relativ langsamer wuchsen, fielen oder stagnierten. Selbst in den USA sind die Reallöhne von Niedriglohnarbeitern gesunken, während die Löhne von Hochlohnarbeitern deutlich gestiegen sind. in Lateinamerika und in weiten Teilen Asiens besteht das gleiche Szenario.

Alan Freeman weist auf einen weiteren wichtigen Faktor hin, der die Lohnunterschiede beeinflusst, nämlich die immer stärkere Unterdrückung der internationalen Mobilität von ungelernten Arbeitskräften und die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte in Hochlohnländer. Ein Land, das keine globalen Löhne zahlt, wird feststellen, dass seine qualifizierten Arbeitskräfte systematisch an die Orte der Welt abwandern, die bereit sind, höhere Löhne zu zahlen, und deren Einwände gegen die Einwanderung auf mysteriöse Weise verdampfen, wenn sie mit qualifizierten Arbeitskräften konfrontiert werden, für deren Ausbildung sie nie bezahlen mussten. Dennoch ist dies nicht die Hauptursache für die zunehmenden Lohnunterschiede. Eine detaillierte Analyse des ILO zeigt, dass dieser Trend vor allem durch sinkende Löhne der am schlechtesten bezahlten Arbeiter angetrieben wird, im Gegensatz zu den reichen Ländern, wo der Treiber die steigenden Löhne der Bestbezahlten sind. Diese beiden Gruppen von Nationen repräsentieren zwei deutlich unterschiedliche Arten des Anstiegs der Lohnungleichheit. In der ersten Gruppe wächst die Lohnungleichheit aufgrund einer Verschlechterung der niedrigsten Löhne, während in der zweiten Gruppe die Spitzenlöhne schneller steigen als in anderen Lohngruppen. Der Bericht identifiziert zudem einen dritten Typ, „bei dem beide Veränderungen gleichzeitig stattfinden, was zu einer ‚Polarisierung‘ der Lohneinkommen führt.“

Für die neoliberale Ära ist es unbestreitbar, dass die absoluten Lohnunterschiede zwischen imperialistischen und Entwicklungsländern zugenommen haben. Die Beurteilung der Entwicklung der relativen Löhne ist viel schwieriger, denn die Durchschnittslöhne berücksichtigen nicht die stark gestiegene Lohnstreuung zwischen hoch- und niedrig qualifizierten Berufen. Eine Möglichkeit, dies zu umgehen, besteht darin, die Betrachtung internationaler Lohnunterschiede innerhalb von Berufen vorzunehmen.

Das verbesserte Wachstum der Entwicklungsländer während des letzten Jahrzehnts, von dem die Kapitalisten überproportional profitiert haben, und das Mittelschichten und Facharbeitern zugute kam, wurde durch das Zusammenwirken von drei Faktoren bestimmt: eine besonders intensive und breit angelegte Auslagerungswelle während des Jahrzehnts vor dem Ausbruch der globalen Krise, der verstärkte Kapitalfluss, der durch die niedrigen Zinssätze in den imperialistischen Volkswirtschaften begünstigt wurde, und der „Rohstoff-Superzyklus“ – eine Periode steigender Lebensmittel- und Rohstoffpreise, die 2002 begann und zum großen Teil durch Chinas schnell wachsende Nachfrage angeheizt wurde. Dennoch bleiben die Investitionsströme unbeständig, beeinflusst durch sinkende Verbrauchermärkte in den imperialistischen Ländern und Chinas starkes Wachstum, das durch eine enorme Ausweitung der Verschuldung angetrieben wurde, von der ein Großteil zur Finanzierung unproduktiver Investitionen diente, mit dem Ergebnis, dass Chinas Führer darum kämpfen, eine „harte Landung“ zu vermeiden.

Smith kommt dann noch einmal auf das Verhältnis von Lohnkosten und Produktivität zurück. Die mit aggregierten Daten berechneten Lohnstückkosten sind nicht mehr als der Anteil an der gesamten Produktion, multipliziert mit einem Preiseffekt. Während dies auch auf der Firmen- (Produkt-) Ebene zutrifft, kann man auf der aggregierten Ebene die Lohnstückkosten nicht berechnen, ohne einen aggregierten Preisdeflator anzunehmen, der eine Kaufkraftparitätsanpassung beinhaltet. Für Mainstream-Ökonomen ist es ein spezifisches Merkmal von Lohnstückkosten, dass der Zähler, der die Arbeitskostenkomponente widerspiegelt, in nominalen Begriffen ausgedrückt wird, während der Nenner, der den Output oder die Produktivität darstellt, in auf das Volumen bezogenen Begriffen gemessen wird. Dies impliziert, dass beim Vergleich von Lohnstückkostenniveaus zwischen Ländern das Niveau der Löhne mit dem offiziellen Wechselkurs umgerechnet wird. Im Gegensatz dazu bezieht sich der Output oder die Produktivität auf ein Volumenmaß, da es einer Mengeneinheit des Outputs ähnelt. Daher wird für Vergleiche der Output in eine gemeinsame Währung umgerechnet, und zwar unter Verwendung einer Kaufkraftparität anstelle des Wechselkurses, um die Unterschiede in den relativen Preisen zwischen den Ländern zu bereinigen.

Das Paradoxon ergibt sich für Smith aus der Tatsache, dass die lebendige Arbeit, die die Waren produziert, nicht selbst über nationale Grenzen hinweg gehandelt wird, die Ware Arbeitskraft ist international immobil. Außerdem ist die Arbeitskraft die einzige Ware, die nicht von Kapitalisten produziert wird, sie kaufen sie von ihrem Besitzer. Die Kapitalisten sind daher nur an dem Preis der Arbeitskraft interessiert, der normalerweise den Kosten für ihre (Re-)Produktion entspricht. Andererseits werden die von dieser lebendigen Arbeit produzierten Waren über die Grenzen hinweg gehandelt, würden sie es nicht, gäbe es keinen Grund, ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu berechnen. Diese wird nicht direkt durch ihre tatsächlichen national- oder oder sektorspezifischen Produktionskosten, sondern durch den Tauschwert, den sie auf den globalen Märkten erzielen, d.h. durch ihre durchschnittlichen sozial notwendigen Produktionskosten bestimmt. Schließlich ist es verwirrend zu sagen, dass der Output oder die Produktivität sich auf ein Volumenmaß bezieht, vielmehr ist der Output gleich der Wertschöpfung, und die Produktivität ist die Wertschöpfung pro Arbeiter, beides sind Wertmaße, nicht Mengenmaße.

Im nächsten Kapitel untersucht Smith den für ihn grundlegenden Treiber der Globalisierung der Produktion, nämlich die globale Arbeits-Arbitrage, oder, um es anders zu sagen, die Substitution von relativ hoch bezahlten Arbeitern in imperialistischen Ländern durch Niedriglohnarbeiter in China, Bangladesh und anderen Nationen im globalen Süden. Dabei versucht er die globale Arbeitsarbitrage mit Hilfe des Marx`schen Wertgesetzes zu erklären.

Durch die Entwurzelung von Hunderten von Millionen Arbeitern und Bauern in den Ländern des Südens hat der neoliberale Kapitalismus die Expansion eines riesigen Pools von superausbeutbaren Arbeitskräften beschleunigt. Die Unterdrückung der Freizügigkeit über Grenzen hinweg hat im Zusammenspiel mit diesem enorm gestiegenen Angebot zu einer dramatischen Ausweitung der internationalen Lohnunterschiede zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern geführt, die die Preisunterschiede in allen anderen globalen Märkten bei weitem übersteigen. Dabei lassen sich zwei für die Unternehmen des Nordens die Profite einerseits durch die Auslagerung der Produktion in Niedriglohnländer und andererseits durch die Einwanderung von Arbeitsmigranten zur Ausbeutung im eigenen Land steigern.

In einer Epoche des Überangebots an Waren fehlt es den Unternehmen wie nie zuvor an Einfluss auf die Preisgestaltung, sodass diese unablässig nach neuen Effizienzpotenzialen suchen müssen. Und dabei fallen die Löhne nach wie vor ins Gewicht.

Die Computerisierung hat nicht nur die Produktion revolutioniert, sondern auch die Möglichkeit des Outsourcings und damit die Bedeutung der Arbeitskomponente der Produktionskosten verstärkt. Anstatt durch den technologischen Wandel unbedeutend zu werden, sind die Arbeitskosten weiterhin eine wichtige Determinante der Produktionskosten und der Entscheidung über den Produktionsstandort. Die Lohnarbitrage ist für Smith die Hauptantriebskraft für die Outsourcing-Entscheidungen der transnationalen Unternehmen. Er zitiert an dieser Stelle Anwar Shaikh, der darauf hinweist, dass billige Arbeitskräfte zwar nicht die einzige Quelle der Anziehungskraft für ausländische Investitionen sind, weil billige Rohstoffe, ein gutes Klima und ein guter Standort für bestimmte Branchen ebenfalls wichtig sind, aber billige Lohnarbeit hingegen ein allgemeines soziales Merkmal der unterentwickelten kapitalistischen Länder bleibt, eines, dessen Auswirkungen sich auf alle Bereiche der Produktion erstrecken.

Smith versucht dies mit der Marx`schen Theorie zum Mehrwert zu untermauern. Für Smith begann der Kapitalismus mit der Ausbeutung der Arbeit durch den absoluten Mehrwert (Verlängerung und Intensivierung des Arbeitstages). Mit der Entwicklung des Kapitals kam es zu einem Anstieg der relativen Mehrwertproduktion, der Einführung arbeitssparender Technologie, um den Wert der Arbeitskraft bei gleich langem Arbeitstag zu reduzieren. Im 21. Jahrhundert, so argumentiert Smith, erfolgt zumindest die Super-Ausbeutung der Arbeiter des globalen Südens weniger durch eine Ausweitung des absoluten und relativen Mehrwerts, sondern vielmehr durch die Senkung der Löhne unter den Wert der Arbeitskraft.

Im Kapital erkannte Marx dies als eine wichtige Form des Mehrwerts an, argumentierte aber, dass der Kapitalismus auch ohne diese Form der Ausbeutung den Mehrwert abschöpfen könne. Marx war der Ansicht, dass zu den Faktoren, die der Tendenz der fallenden Profitrate entgegenwirken, nicht nur eine steigende Mehrwertrate oder sinkende Kosten der Technologie oder sogar der zunehmende Außenhandel und die Finanzialisierung des Kapitals gehören, sondern auch die Senkung der Löhne unter den Wert der Arbeitskraft (Super-Ausbeutung in den Worten von Smith). Marx schloss diesen Faktor in seiner abstrakten Analyse der Bewegungsgesetze des Kapitals allerdings aus: „Wie viele andere Dinge, die eingebracht werden könnten, hat er nichts mit der allgemeinen Analyse des Kapitals zu tun, sondern hat seinen Platz in einer Darstellung der Konkurrenz, die in dieser Arbeit nicht behandelt wird. Dennoch ist sie einer der wichtigsten Faktoren, um die Tendenz zum Sinken der Profitrate zu bremsen.“

Nun aber, so Smith, sind heute alle drei Arten der Aneignung des Surplus im Gang, wobei die dritte im Süden am bedeutendsten ist, weil der imperialistische Norden dies für den besten und einfachsten Weg hält, sich dort den Mehrwert anzueignen. Es gilt allerdings hier schon anzumerken, dass es neben der Super-Exploitation auch weiterhin die Methoden des absoluten Mehrwerts und des Einsatzes neuester Technologie zur Einsparung von Arbeit (relativer Mehrwert) auch im globalen Süden gibt. Foxconn mag seine Arbeitskräfte mit niedrigen Löhnen abspeisen, aber es setzt eben auch die neuesten Technologien ein.

Und auf eines gilt es auch gegen Smith immer wieder hinzuweisen: Marx hat die finanziellen Instrumente meistens ausschließlich der Zirkulationssphäre zugeordnet und ihre Funktion abgetrennt von der Funktionsweise der Technologien bzw. physikalischen Produktionsmittel analysiert, die den vergangenen Reichtum aufbewahren und zugleich eine zukünftige Nachfrage nach produzierten Gütern ermöglichen. Bei Marx scheint es, wenn es um den Wert geht (analog zur Energie und zur Materie), meistens eine Art Erhaltungsprinzip zu geben, wobei das Wachstum des real akkumulierten Reichtums nie größer sein kann als die Profite, die in der Industrieproduktion in einer gegebenen Periode produziert und realisiert werden (multipliziert mit der Mehrwertrate, die durch die Investmentrate diskontiert wird), sodass jede Vergrößerung des Werts des physischen Kapitals bzw. des konstanten Kapitals in Form der finanziellen Instrumente bei ihm gar nicht vorkommt oder als rein fiktiver Reichtum gilt. Für Marx kann das reale Wachstum einer Ökonomie demnach niemals größer als der industriell produzierte Profit sein. Dies kann aber nicht mehr für das zeitgemäße Kapital, das Finanzsystem und seine Finanzinstrumente gelten, weil die Assets selbst Finanzierungsmittel sind, um die Investitionen in der „Realindustrie“ in Gang zu setzen und zu erweitern.

Teil 1 hier, Teil 2 hier, teil 3 hier

Foto: Stefan Paulus

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