ZU Robert meisters neuem Buch “Justice is an Option” (3) – Eine Umwertung der Finanzmärkte

An den Finanzmärkten ist die Bewertung der Assets ein spezifischer historischer Modus des Auspreisens von Optionen, um diese Optionen dann in Cash zu konvertieren. Das Auspreisen einer Option in Form einer Garantie, um diese zu ihrem gegenwärtigen Preis zu verkaufen, macht das Asset liquider. Und weil die Optionen Liquidität zu ansonsten illiquiden Assets hinzufügen können, macht ihre erhöhte Verfügbarkeit für Meister es denkbar, über distributive Gerechtigkeit selbst als eine kontingente Forderung nachzudenken, und zwar als Forderung auf eine Umverteilung, die selbst liquide bleiben kann, und das sogar dann, wenn unterliegende Assets wenig liquid sind. Die ultimative Macht, die heute Kapitalisten haben, rührt daher, dass sie die Kapitalmärkte sogar zerstören können, ohne sich von ihnen subtrahieren zu müssen, und damit sich und den Rest der Gesellschaft ruinieren können. Die Kapitalmärkte bleiben aber die grundlegende Quelle der Klassenmacht der Kapitalisten heute, aber gleichzeitig erscheinen die Märkte in den verschiedenen Gerechtigkeitstheorien wie etwa der von Rawls als eine grundlegende Institution überhaupt nicht. Ganz im Geist von Marx will Meister hingegen darauf hinweisen, dass man sich mit den Technologien der finanziellen Bewertungen kritisch auseinander setzen muss, und zwar als Technologien, die auch politische Mittel via der Assets qua Optionsform generieren.

Gewöhnlich wird die Frage der Gerechtigkeit als das Problem behandelt, die Balance zwischen größerer Gleichheit und größerer Freiheit zu finden, wobei beide als getrennte soziale Güter begriffen werden, die potenziell in Konflikt miteinander stehen, da größere Ungleichheit von größerer Freiheit herrühren kann, was man im übrigen auch ab und zu bei Marx findet. Die Lösung besteht natürlich darin, dass größere Gleichheit mit größerer Freiheit koexistieren kann. Auch das findet man bei Marx, der zum einen sagt, dass die Freiheit des Einzelnen die Voraussetzung der Freiheit aller sei, zum anderen aber auch weiß, dass Freiheit auf ein intersubjektives Verhältnis der Anerkennung der Freiheit des Anderen bezogen sein muss, und darin ist schon Gleichheit gesetzt. Die liberale Perspektive bleibt aber an der Frage hängen, ob es die Freiheit, die ökonomisches Wachstum bringt, einzuschränken gilt, wenn dieses ökonomische Wachstum nachweislich keine Konvergenz zwischen arm und reich herbeiführt. Schließlich geht es nur darum, wie groß die Lücke zwischen oben und unten bei einem gegebenen Level der ökonomischen Entwicklung sein kann.

Die Gerechtigkeitstheorien von Rawls oder Nozick etwa enthalten Konzeptionen von Freiheit als bedeutungsvoller Wahl, was wiederum, darauf weist Meister hin, nicht dasselbe ist, wie das finanzielle Konzept der Freiheit im Licht einer handelbaren Option zu verfolgen.Freiheit wird bei Rawls auf die Wahl dessen beschränkt, was tatsächlich ausgeübt werden kann, und das auch zu einem späteren Zeitpunkt, ohne allerdings weitere Kontingenzen miteinzubeziehen, die bei einer Option oder einer Möglichkeit auftauchen können. Da hier nie die Möglichkeit mitgedacht wird, dass Optionen auch ohne die Präsenz nur realisierbarer Möglichkeiten bewertbar sind, so kann ihnen auch gar nicht in den Sinn kommen, dass eine bewertbare Option eine revolutionäre Redistribution von Reichtum mit sich bringen könnte. Es gilt also auf den Wert nicht-realisierter und nicht-realisierbarer Optionen hinzuweisen, was Meister bei dem Theoretiker Derek Parfit zumindest im Ansatz vorfindet. Das Leben wird hier als eine Plattform vorgestellt, auf der alternative zukünftige Szenarios bewertet werden, ein Portfolio von Optionen, das sowohl geschlossen als auch offen sein kann. Dabei kann natürlich der Gesichtspunkt der Gleichheit als Treiber für größere Gerechtigkeit abgeschwächt werden. Für Parfit ist Gerechtigkeit als Wert mit einer Theorie der Bewertung durchaus kompatibel, der Bewertung von alternativen und möglichen Leben, die wir vielleicht leben. Und das impliziert die moralische Bewertung der Tatsache, dass man ein Bewerter des sich entfaltenden Werts unserer Leben sein kann. Es geht um die Bewertung von Bedeutung, die bedeutet.

Eine ähnliche Position findet man auch bei Karl-Heinz Brodbeck vor, der darauf hinweist, dass die Modelle der Wirtschaftswissenschaften immer auch eine normative Grundlage haben, die aber meistens verschwiegen wird, und alternative Handlungspraktiken nicht nur diese Grundlagen freizulegen haben, sondern alternative Optionen vorzuschlagen haben, in denen die Ethik transparent wird. Selektion ist immer auch eine Frage der Bewertung. Und ohne das Moment der Unsicherheit und der potenziellen Variation gibt es keine Transmission von Informationen, sodass auch schon die Wahl Informationen erzeugt, die nicht das Produkt schon gespeicherter Informationen sind. Und entsprechend bringt in der Optionstheorie die Unvorhersehbarkeit der Wahl neue Informationen hervor, die wiederum Wahlen erlauben, die hinsichtlich ihres Ranking einer Priorität unterworfen werden können, sodass die Lücken zwischen den Plätzen gemessen und ihre Veränderungen bewertet werden können. Die Kapitalmärkte sind in dieser Hinsicht ein Medium kommunizierender Kontingenz, die, wie Elie Ayache sagt, Ordnung aus Randomness erzeugen und es damit erlauben, Wert zu speichern. Wobei hier dann zwischen Ungewissheit und kalkulierbarem Risiko zu unterscheiden wäre, erstere kann auch in Zukunft nie eingeholt werden, weil die Zukunft, wie Laruelle sagt, abgeschlossen bleibt.

Schließlich bleibt es so, darauf hat wiederum Randy Martin verwiesen, dass, wenn über Gerechtigkeit heute geredet wird, meistens davon ausgegangen wird, dass wir niemals die richtigen Leute für Gerechtigkeit sind, oder dass nie die richtige Zeit für Gerechtigkeit ist, oder am besten beides zusammen. Innerhalb der intertemporalen Logik der Finance erscheint Gerechtigkeit als eine Option, die darin besteht, dass wi nicht die Kapazität besitzen, die Gerechtigkeit gerade dann auszuüben, wenn es am dringendsten notwendig ist.

Meister will entgegen aller liberalen und bisherigen marxistischen Traditionen die Frage der Gerechtigkeit nicht als die Spannung zwischen Gleichheit und Freiheit austragen, sondern in den Terms der Optionen beantworten, die ihren Wert durch politische und soziale Kämpfe erhöhen können, die wiederum über die Praxis hinausweisen, den Leuten nur zu helfen, realistischere Wahlen anzubieten, die auf dem geringen Wert basieren, den die Leute heute verkörpern. Wenn Optionen direkt bewertet werden können, dann muss man nicht länger von einem Konflikt zwischen Gleichheit (Spreads) und Freiheit (Wahl) sprechen, sondern wie in der Finance von einer gegenwärtig noch nicht möglichen Wahl, die einen Zeitwert besitzt, der größer wird, je mehr Zeit bleibt und je höher die Volatilität der Kämpfe und damit der Gerechtigkeit ist, die während dieser Zeit erwartet wird. Genau das nennen wir Derivate-Kommunismus.

Meister beginnt die kommenden Ausführungen mit dem Hinweis auf Randy Martins Bemerkungen zur Finanzialisierung, die für diesen eine Metapher für unser gegenwärtiges Leben ist, wie das früher in der Metapher der Kommodifizierung ausgedrückt wurde. Optionalität bzw. das Hedgen des eigenen Portfolios durch bessere Wahlen funktioniert heute selbst noch auf der Ebene des alltäglichen Lebens als eine Kategorie oder ein Imperativ, durch das die finanzialisierten Geldsubjekte, unterschieden von den kommodifizierten Subjekten, die Relation zwischen der zunehmend unbezahlten Arbeit und dem Marketing bzw. dem Kreditkauf von Konsumgütern verhandeln. Manchmal kann selbst noch der Kauf von Konsumgütern auf Kreditbasis die zukünftige Kreditwürdigkeit des Käufers etablieren.

Kreditwürdigkeit ist heute für diejenigen wichtig, die Geld leihen, um konsumieren zu können. Informationen über Kreditnehmer zusammenzutragen wird zunehmend für ganze Industriezweige wichtig, sodass finanzielle Daten ein Nebenprodukt der Kreditvergaben werden, die verkauft werden können. All dies konstituiert das, was Martin die „derivative Gesellschaft“ nennt. Die finanzialisierte Konzeption der Subjektivität ist weniger Foucaults homo oeconomicus, sondern eher die eines Investors, der in ein diversifiziertes Portfolio von Assets anlegt, das gegen eventuell auftretende Marktrisiken gehedgt und rehedged, wenn die Marktrisiken sich verändern, werden kann. Man muss aber Optionen haben, um gegen Unwägbarkeiten überhaupt hedgen und liquide bleiben zu können, wenn andere Fehler begehen. Der der Option zugesetzte Wert besteht darin, dass die Zeit und das Recht zu wählen dem Geld adäquat sind. Quantitativ kann das in Geldbeträgen ausgedrückt werden, die der Preis für Optionen sind, die einem das Recht auf Zeit und die Wahl geben. Das heißt in marxistische Termini übersetzt, dass die Optionsform anzeigt, dass Wert in der Kapitalformel G-W-G` hinzugesetzt werden kann, wenn W eine Option inkludiert, die einem Portfolio Liquidität hinzufügt. Dieser hinzugefügte Wert rührt von der Ausdehnung der Zeit her, in der ein Recht auf Wahl besteht, ein Recht, das jederzeit in Geld umgewandelt werden kann.

In diesen Bemerkungen besteht auch die Revision der produktivistischen Versionen des Marxismus, die den Mehrwert rein in der Ausbeutung von Arbeitskraft gründen. Die Realisierung des relativen Surplus kann sich aber durchaus auch auf die Ernte des finanziellen Surplus durch eine erhöhte Optionalität beziehen. Dies bedeutet wiederum auch, dass Freiheit und Gleichheit als inkommensurable Werte nun ko-referentialisiert werden können, ohne dass man sie kommensurabel machen muss, und zwar durch finanzielle Derivate, den Preis, der die Sensitivität eine gegenwärtigen Werts misst, der wiederum Wahlen bereithält, auch die Wahl später zu wählen, und der sich auf die Volatilität von Indexen bezieht, die sozioökonomische Ungleichheiten enthalten, und die es zu verändern gilt. Der gegenwärtige Wert, der darin besteht, mehr Zeit für das Wählen zu haben, kann nun präzise beschrieben werden als der Besitz einer Option später zu wählen, wenn die relevanten Spreads größer oder kleiner sind und ihre erwartete zukünftige Volatilität sich verändert. Die Theorie der Optionspreise inkludiert also, dass der gegenwärtige Wert, eine Entscheidung später zu treffen, davon abhängt, wie man erwartet, dass sich zukünftige Szenarien verändern. Eine gekaufte Option soll uns also auch gegen die Volatilität der Spreads versichern, was man die Volatilität der Voaltilität nennt.

Die Volatilität, die selbst volatil ist, ist eine wichtige Aussage der Finanztheorie. Man handelt eben hauptsächlich Volatilitäten. Anstatt die Volatilität als gegeben anzunehmen und damit den Optionspreis zu bestimmen, nimmt man diesen als gegeben an und bestimmt die erwartete Volatilität, die retrospektiv das Preisformular wahr macht. Der Wert, der nun durch Optionalität hinzugefügt wird, ist ein Produkt unerwarteter Veränderungen in der erwarteten Volatilität. Insofern handelt die Finanztheorie ihre eigenen Zweifel über ihre Risiko-Modelle. Es geht um die Reflexivität der paradoxen Effekte unserer Vorhersagen auf die Zukunft, und zwar auf das, was die Zukunft sein wird. Das Handeln mit diesen Vorhersagemodellen kann aber daran scheitern, dass die Aktionen der Teilnehmer die Voraussetzungen der Modelle falsifizieren. Wenn die Finanzteilnehmer die Volatilität ihrer eigenen Erwartungen über Volatilität auspreisen, dann handeln sie implizit ihre Zweifel über die Modelle mit. Darin ist immerhin anerkannt, dass Bewertungen auf einer zukünftigen Unsicherheit basieren, die darauf beruht, dass konstant Daten über die Vergangenheit upgedatet werden, um die eigenen Annahmen über die Volatilität der Zukunft zu überarbeiten. Es geht darum, bis zu welchem Grad die Zukunft wie die Vergangenheit sein wird. Das ist aber eher eine Frage des Risikos und nicht der Ungewissheit, und weil gerade dieser Unterschied oft nicht beachtet wird, scheitern die Prognosen der Ökonomen immer wieder krachend, was in voller Ausführlichkeit auch Karl-Heinz Brodbeck in seinem Buch „Die Herrschaft des Geldes“ ausgeführt hat.

Es geht zunächst um Folgendes: Je mehr man über vergangene Risiken weiß, desto mehr erkennt man, dass vieles von dem, was sich ereignete, nicht erwartet wurde. Nur das Unerwartete vollzieht sich mit Sicherheit. Und je mehr Daten vorhanden sind, desto mehr wird man nach weiteren Daten suchen. Und je größer der Wunsch wird, sich gegen die wachsende Unsicherheit zu versichern, gerade dagegen, dass die Zukunft nun nicht wie die Vergangenheit ist, desto eher wird es jemand geben, der genau diese Versicherung auspreist. Die Daten sind das Medium, um die eigene Option zu bewerten, die aus der Angst vor der Unsicherheit in der Zukunft besteht, die durch die Daten wiederum kreiert wird, weil sie gerade immer aus der Vergangenheit stammen.

Die Rapidität der sich verändernden Erwartungen über Ungleichheiten affiziert für Meister den gegenwärtigen Wert der Freiheit. Aus seiner Perspektive macht das Subjekt, das Optionen bewertet, keinen unvermeidbaren tradeoff zwischen den Werten der Freiheit und der Gleichheit, sondern zahlt oder erhält den gegenwärtigen Wert, der darin besteht, solch einen tradeoff zu vermeiden. Das Subjekt besteht auf der differenziellen Fähigkeit, von der Volatilität der Marktpreise zu profitieren, ohne an diesen Veränderungen zu leiden. Gegen Meister wäre nun einzuwenden, dass die Reduktion der Freiheit auf die Wahlfreiheit damit noch lange nicht aufgegeben ist, auch wenn sie als Optionalität einen weitaus größeren Spielraum erhält, der bisher noch kaum angedacht wurde.

Meister versucht die historische Gerechtigkeit als eine Option zu beschreiben, die einen aktuellen Wert besitzt, selbst wenn sie noch nicht ausgeübt werden kann. Darin ist enthalten, dass es historische Gerechtigkeit geben kann, selbst wenn sie es bisher noch nicht gegeben hat. Die Optionsform selbst kann eine Metapher für Gerechtigkeit werden, insofern sie den bisher Benachteiligten eine Forderung an die Hand gibt. Meister analogisiert historische Ungleichheit mit einer Put-Option. Eis geht um einen Investor, der eine Put-Option kauft, um etwa eine Aktie für 100 Euro zu verkaufen, wenn ihr Preis gleich oder höher dem Betrag ist, der das Recht enthält, die Aktie für 100 Euro in Zukunft am Markt zu verkaufen, wenn der Preis unter diesen Betrag fällt. Bei fallenden Märkten verliert dieser Investor weniger als jemand, der den vollen Betrag des fallenden Aktienpreises verliert.

Für Meister kann die historische Gerechtigkeit kontinuierlich wie jede andere Option ausgepreist werden. Indem man annimmt, dass es Möglichkeiten gibt, der historischen Gerechtigkeit als eine Option Preise zu geben, muss gezeigt werden, dass die Gerechtigkeit eine Option ist, mehr als nur eine Metapher ist. Dabei ist die bestehende Ungerechtigkeit als intrinsisch historisch zu verstehen. An den Finanzmärkten taucht dies auf, wenn eine long put in Geld verwandelt wird. Historische Gerechtigkeit besitzt für Meister einen gegenwärtigen Wert, der kontinuierlich fluktuiert und zu jeder Zeit ausgezahlt werden kann, sie ist ein Wert. Aber nicht nur deswegen, weil ihr je sich verändernder Wert ein Derivat der sich verändernden Volatilität ist, sondern weil es finanzielle Technologien gibt, die benutzt werden können, um die finanziellen Instrumente umzulenken, die flows von Geldbeträgen, Sicherheiten und Risiken sind, die historische Gerechtigkeit implementieren und operationalisieren können, und zwar als ein Projekt des Erntens von Vorteilen, die gerade den Ungerechtigkeiten der Vergangenheit entspringen.

Dies alles beruht auf der Erkenntnis der Abhängigkeit der Kapitalakkumulation von der kontinuierlichen Liquidität der finanziellen Assets. Liquidität ist die Grundvoraussetzung der Kapitalmärkte, wobei die Liquidität eines finanziellen Investments nicht garantiert werden kann. Der Käufer eines Assets muss die Auf- und Abwärtsbewegungen der Preise ertragen. Auf den Warenmärkten gibt es sowieso keine Garantie für Liquidität. Aber an den Kapitalmärkten kann heute die Garantie für Liquidität gekauft oder verkauft werden, indem man einen Optionspreis bezahlt. Diese Garantien können also ausgepreist werden und als Assets auf bestimmten Märkten gehandelt werden. Volle Liquidität für ein Asset kann dann garantiert werden, wenn es ein Asset Repurchase Agreement gibt, dem Recht, es zu seinem ursprünglichen Kaufpreis zurückzukaufen. Es gibt zudem Händler, die Liquidität bereitstellen können, wenn sie gewillt sind, zu kaufen, wenn andere verkaufen, oder zu kaufen, wenn andere verkaufen. Dadurch, dass sie gegenüber Kauf oder Verkauf indifferent sind, und vorausgesetzt, sie können dies zwischen verschiedenen Preisen tun, können sie einen Spread zwischen bid und ask price erzielen. Dennoch kann sich gerade aus den Aktionen dieser Händler ein Kollaps der Liquidität ergeben, dann fallen die Assetpreise, weil sich keine Käufer mehr finden. Dies kann wiederum dann beendet werden, wenn Staaten den Assetmärkten Liquidität von Außen zur Verfügung stellen, z.B. wenn die Fed Schuldtitel aufkauft, die sonst niemand mehr kaufen würde. Die Idee, den Märkten Vertrauen zurückzugeben, steckt dahinter.

Indem Staaten Liquidität bereitstellen, können sie die Märkte wiederbeleben, egal wie katastrophal die Bubbles sind, siehe die Finanzkrise von 2008. Dabei geht es für Finanztheoretiker nicht in erster Linie darum, dass diejenigen, die die Assets halten, ihren Reichtum bewahren, sondern darum, dass ökonomische Ansteckungen und ihre zerstörenden Effekte auf die Kreditmärkte verhindert werden, und was noch wichtiger ist, es geht um die negativen Effekte in der Marktallokation von produktiven Assets, wenn bei fallenden Märkten jedes Investment in sie zu ihrem Liquditationswert ausgepreist werden muss. Schließlich geht es um die Verhinderung einer Nicht-Akkumulation von schon existierendem Reichtum. Und wenn die Bailouts zu spät oder gar nicht geleistet werden, dann kann dies die Kosten von zukünftigen Bailouts nur noch erhöhen.

Meister will nicht gelten lassen, dass die Öffentlichkeit für die Bailouts zahlt, vielmehr mahnt er an, dass die Kapitalmärkte selbst einen Betrag zu leisten hätten, nämlich für das, was sie von den Staaten erhalten, die ihre Liquidität wieder herstellen. Dies müsste noch nicht einmal Cash sein, sondern ein finanzielles Asset, etwa ein long call, der sich erhöht, wenn der Markt steigt und eine wachsende Forderung auf akkumulierten Reichtum enthält. Dieser long call könnte sogar gehebelt werden, um die Reduzierung von vorhandenen Ungleichheiten zu finanzieren.

Natürlich können staatliche Bailouts auch ihre Wirkung verfehlen. Dann stellt sich die Frage, ob die Potenz des Kapitals, sich selbst zu zerstören ein Zeichen seiner Schwäche oder die Basis seiner Stärke ist. Jedenfalls ist die politische Reproduktion der finanziellen Liquidität als der Engpass im System der Kapitalakkumulation genau die Stelle, die es sowohl für Bewegungen, die nach Gerechtigkeit dürsten, als auch für die Kapitalisten, die diese bekämpfen wollen, verletzbar macht. Es ist eine fundamentale Frage, ob Staaten den Finanzmärkten das Produkt Liquidität zu Verfügung stellen, um den Wert der Assets zu garantieren, die die gegenwärtige Akkumulation und Verteilung des Reichtums verkörpern. Diejenigen, die davon profitieren, sollten einen Betrag zahlen, der denjenigen, die nur Nachteile davon haben, zur Verfügung gestellt wird. Das ist so einfach wie illusionär.

All dies beinhaltet aber auch die Frage, ob die Austeritätspolitik nach der Finanzkrise von 2008 die einzige Möglichkeit der Staaten war, auf diese zu reagieren. Wenn historische Gerechtigkeit angesichts der Nicht-Liquidität der Märkte nichts wert war, dann bog man nur eine politische Dynamik um, mit der die Bedrohung der Liquidität die Gerechtigkeit mehr Wert verleihen würde. Wenn für Meister die Demokratie nicht nur eine Technologie ist, mit der Konsens hergestellt werden kann, dann sollte sie eine Arena für das Auspreisen von Optionen für Gerechtigkeit in einer Klassengesellschaft sein, die kontinuierlich das Ereignis der Nicht-Akkumulation verschiebt, inklusive einer revolutionären Zerstörung der Kapitalmärkte. Dazu müsste der gegenwärtige Wert der Gerechtigkeit als eine Option für finanziellen Wert, der bereits bekannt ist, aus den Finanzmärkten heute abgeleitet werden. Der begrenzende Punkt wäre der, dass die Idee einer revolutionären Gerechtigkeit die Kapitalmärkte (als ein analytisches Tool) einen paradigmatischen Bruch mit der Rolle des Staates als dem Unterstützer des Kapitals, das die Illiquidität der Finanzmärkte herstellt, sein müsste. Revolutionäre Nicht-Akkumulation wäre keine Gerechtigkeit, sondern der konzeptuell limitierende Punkt, der darin besteht, dass die Verhinderung der Nicht-Akkumulation durch Illiquidität das Äquivalent im finanziellen Wert einer Option hat.

Meister verweist hier auf Merton und die contingent claim analysis. Merton geht zwar davon aus, dass die Wiederherstellung der Liquidität an den Finanzmärkten durch den Staat nach der Finanzkrise 2008 gerechtfertigt war, aber eben doch ein hoher Betrag der Marktteilnehmer hätte bezahlt werden müssen, um die Liquidität an diesen Märkten zu garantieren, ein Wert, der als Asset in den Bilanzen der Staaten hätte auftauchen müssen. Die Frage wäre nun, an wen diese Beträge weiter gereicht würden. Für diese Theorie kann das Risiko der Illiquidität ausgepreist und gehedgt werden, i.e. eine makroökonomische Liquiditätsprämie, die mit steigender Volatilität an den Kapitalmärkten ansteigt.

Es gibt immer wieder Versuche, die Unterscheidung zwischen Unsicherheit und Risiko aufzuweichen. Es werden dann komplette Märkte fantasiert, an denen Millionen von Transaktionen mit Derivaten die Preise der unterliegenden Ökonomie verifizieren, und dabei die Risiken von denen gehalten werden, die dazu bereit sind. Alle kontingenten zukünftigen Ereignisse und Zustände könnten dann mit Verträgen abgesichert und garantiert werden. Assets könnten jederzeit als eine Quelle der Finanzierung versichert werden, weil sie immer gehegt werden können, und sie würden dadurch synthetisch risikofrei gemacht. Es gäbe dann niemals das Risiko einer Rationierung von Krediten und auch keine Notwendigkeit für eine Liquiditätsprämie auf Assets, um diese etwa schneller in Cash verwandeln zu können. Hier besteht die Frage im Auspreisen eines Assets in der Gegenwart genau in dem, was sein zukünftiger Wert gewesen sein wird.In der Finanzkrise von 2008 wurden 17 Billionen US-Dollar an staatlichen Garantien zur Verfügung gestellt, und dies bezieht sich nicht auf den aktuellen Wert der Garantien, sondern diese Zahl repräsenttiert die Summen, die garantiert wurden. Aber auch der Wert der Garantien war hoch.

Für diese Theorie besteht weitergehend das Risiko eines Scheiterns darin, dass der Wert der Assets, die als Sicherheiten durch den scheiternden Schuldner verpfändet werden, weniger Wert ist als der Wert des Kredits. Der Kauf eines risikoreichen Bonds oder Kredits kann auf zwei Komponenten herunter gebrochen werden: ein risikofreier Bond plus eine risikofreie Zinsrate und eine verkaufte Versicherung auf diesen Bond, mit der der Käufer das Risiko annimmt, dass im Fall eines Scheiterns, der Marktwert des Kollaterals geringer ist als der repayment value des Bonds. Die Komponente der Versicherung kann ausgepreist werden. Aber anstatt einer dritten Partei etwas zu bezahlen, um den Wert der Versicherung sicherzustellen, kann der Leihende dem Verleiher einen Betrag als Zinsen zahlen, die über dem risikofreien Zinssatz liegen.

Teil 1 hier, Teil 2 hier

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