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»Zukunft« (Ultrablack of Music 9)

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10 Jan , 2019  

Die Gegenwart ist dermaßen gesättigt mit dem Retro, dass wir die reine Vergangenheit, die immer da ist, nicht mehr wahrnehmen. Es ist diese Verflachung der Zeit, die dazu führt, dass wir auch keine Vorstellung mehr von einer Zukunft haben, die anders sein könnte als unsere Gegenwart. Schließlich verharren wir im Präsens, das die Relationen zu anderen zeitlichen Dimensionen abschneidet und alles im Jetzt verschaltet. Gegenwart wird fundiert wie sie im selben Moment verschwindet, und es bleibt die bloße Kontinuität des Präsens, der infinite Fluss der Aktualität und die (digitale) Automatik des Jetzt. In diesen Ordnungen der Gleichwertigkeit und Gleichgültigkeit der Zeit wird das Einzigartige bzw. Singuläre, das heißt das Unzeitgemäße, ausgeschlossen. Der entsprechende Raum gleicht der Eindimensionalität einer weißen Fläche. Was jetzt zählt, ist vor allem die Position in einem Netzwerk. Die so zusammen gezurrte Gegenwart bringt Erschöpfung und Hyper-Aktivität zugleich hervor und wird in Transit-Räumen verlebt.

Kraftwerk ist vielleicht immer noch die adäquate, das heißt die transparente Musik für die Transit-Orte. Selbst die Schwarzen sagen bis heute, dass die Technologie, wie sie von Kraftwerk zum Klingen gebracht wurde, die Farbe aus der Musik genommen und sie transparent gemacht habe. Nicht zufällig spricht Eshun hier von weißem Synthesizer-Soul, Kraftwerk von der Ultraweißheit einer automatischen, sequentialisierten Zukunft. (Eshun 1999: 119) Und es war industrielle Volksmusik, wie Kraftwerk selbst sagten, nur, das Volk fehlt bis heute. Eine Möglichkeit des Widerstands bestünde nun darin, das Automatische weiter zu übertreiben und zu beschleunigen, indem man sich von der Technologie selbst synthetisieren lässt, sich ganz der Entfremdung aussetzt, sich bspw. die kalten Streichersounds von Derrick May auf die Haut prasseln lässt, ohne selbst der Coolness zu frönen. Ja, sagt Eshun, diese futuristische Musik wehrt sich gegen die Ubiquität des Präsens, sie kommt ganz aus der Zukunft. Aber gewissermaßen befindet sich Eshun doch selbst noch im industriellen Zeitalter. Techno ist deshalb auch der Sound des Untergangs der Industriestadt namens Detroit.

Ja, sagen heute die Theoretiker des »Postcontemporary«, die Zeit kommt heute ganz aus der Zukunft oder zumindest gibt es qua Finance eine Art antizipatorischer Deduktion der Zukunft, die von der Gegenwart ausgeht und auf sie zurückwirkt. Die Kapitalisierung qua Derivate diskontiert indeed den zukünftigen Preis eines Assets, um in Zukunft Renditen im Verhältnis zu gegenwärtigen und kommenden aktuellen Marktpreisen zu erzielen. Derivate gestatten damit die kontraperformativ-zeitbindende Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft, wobei die spezifische Verschiebung der Gegenwart in die Zukunft qua Derivat die Aktualität der Gegenwart daran hindert, klar von der Inaktualität der Zukunft getrennt zu sein. Somit lässt sich die spezifische Zeitbindung der Derivate als Relation zwischen einer entzogenen Gegenwart und einer gesplitteten Zukunft verstehen, die jedoch beide aktualisiert werden müssen und doch zugleich inaktuell bleiben (insofern bestimmte Möglichkeiten eben nicht aktualisiert werden). Das Derivat wird als ein Preis in der Zukunft, die natürlich erst noch stattfinden muss, antizipiert, indem man den Preis kalkuliert oder auf aktuelle Werte diskontiert, und genau damit wird die kontingente Zukunft genutzt, um Renditen jetzt schon zu erzielen. Diese Art der Zukunftsbewirtschaftung wirkt auf die Gegenwart zurück, die nun selbst gespalten ist, nicht mehr diejenige ist, von der man die Kalkulation gestartet hat. Um es für die Akteure herunterzurechnen: ihr Handeln hat nun die Zukunft als Bedingung des Handelns miteinzubeziehen, und damit wird das Handeln selbst modifiziert. Es besteht hier, wie Bahr richtig sagt, ein virtuell antizipierter Mangel bzw. die Vorstellung, dass bspw. das eigene Unternehmen ohne Innovation und deren Realisierung in der Produktion in Zukunft einfach vom Markt verschwinden werde, womit man jetzt schon handeln müsse. (Bahr 1983: 139) Auch hier ist das spekulative Moment schon gesetzt. Um es kurz zu sagen, der erwartete Gewinn erzeugt die Mittel, mit denen man ihn erzeugt. Dabei kann die Differenz zwischen der erwarteten Zukunft und der Zukunft, die real eintritt, nicht aufgehoben, sie kann nur bewirtschaftet werden. Die Zeit kommt nicht in toto aus der Zukunft, vielmehr bleibt die reale Zukunft abgeschlossen. Und für die Finance geht es nicht nur um die Prognostik der Zukunft, sondern auch um die Disziplinierung der Gegenwart.

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