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Frédéric Neyrats Atopias (1)

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18 Okt , 2017  

Frédéric Neyrats Buch Atopias beginnt mit dem krachenden Satz: “Philosophie grenzt an Wahnsinn.” Dieser Wahnsinn hat etwas mit dem Universum gemein, nämlich das Ungleichgewicht, wobei in der Historie immer wieder versucht wurde, den Exzess, der das Ungleichgewicht ausmacht, in das System zu integrieren, für das ein Programm des Gleichgewichts, eine pure Logik und geordnete Propositionen stehen. Aber nichts hält lange, die Unordnung kehrt zurück und eine neue Form des Denkens kündigt sich an und verscheucht den Gedanken an das flache Gleichgewicht des Todes, an die geraden Linien eines Lucretius, den Regen der Atome, in dem das Clinamen keinen Platz findet.

In unserer Welt reden wir von Strömen und flexiblen Subjektivitäten, über das Werden, mit dem sich alles ändern und immer wieder etwas Neues ereignen kann. Diese vordergründige Diagnose teilen sowohl die reaktionären als auch die progressiven Kräfte. Aber was, wenn die Informationsströme im Gegenteil reglementiert, kanalisiert und immobil wären, gleich einem absoluten Strom, wobei letztendlich nichts Wahres zu finden und keine ernsthafter Wandel zu verspüren ist?

Für Neyrat gibt es zwei Arten der Ströme: Auf der einen Seite gibt es den Strom der klaren Linie oder des geschlossenen Kreisens, auf der anderen Seite den turbulenten und spiralförmigen Strom, der niemals abgeschlossen ist. Unsere Welt tendiert dazu den Strom mit einer konstanten Geschwindigkeit als eine Tretmühle zu erzeugen, wo man vorankommt ohne einen einzigen Schritt zu unternehmen. Man sagt, wir lebten in einer Epoche der Veränderlichkeit, der Relativität und der Endlichkeit. Aber eingeschlossener denn je leben wir heute im Zustand der Trägheit und der Fassade; niemals glaubte die Menschheit mehr an die Unsterblichkeit, sei es die Kryonik oder das Uploaden des Gehirns auf den Computer. Wir halten uns für unsterblich und sind gerade deswegen in der Lage, ganz bewusst die Welt auf Grundlage auf der Basis eines intakt gebliebenen Humanismus zu zerstören.

Die gegenwärtige Welt des absoluten Stroms korrespondiert einem gewissen ontologischen Regime, nämlich einer saturierten Immanenz, in der alles im Innen bleibt, ohne die Hoffnung jemals zu einem Außen zu gelangen. Diese Form der Abgeschlossenheit führt dazu, dass das zeitgemäße Denken jede radikale Unterbrechung dess aktuellen Systems als eine Unmöglichkeit oder gar als ein Verbrechen begreift. Neyrat: “Sich Abtrennen? Wahnsinn? Der erste Schritt zum Terrorismus.” Selbst wenn wir von Globalisierung, Vernetzung, Strömen und Hybridisierung reden, muss alles an seinem Platz sein, eine Identität besitzen und zumindest temporär einen Ort oder eine tragbare Substanz haben, ein Territorium, das die Idee von der saturierten Immanenz zum Nachteil jeder existenziellen Disjunktion bekräftigt.

Leben wir aber nicht gerade in einer Zeit der großen Trennungen, zwischen dem Innen und dem Außen, dem Selbst und dem Anderen, dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen? Leben wir nicht am Ende der Identität? Neyrat verweist hier auf Latours Figur des Hybriden, aber schränkt sofort ein, denn selbst wenn wir die dualen Terme übersetzen, produzieren wie nach wie vor unversehrte Entitäten, wobei Hybridisierung und Identität keineswegs inkompatibel sind. Je mehr Differenzen gelöscht werden, desto stärker kehrt die Identität zurück. Es ist das Eine zu sagen, dass es kein substanziell Anderes oder keine Wildheit gibt, die nicht sozial konstruiert wird, oder zu sagen, dass es prinzipiell kein Außen, keinen Anderes gibt und dass die Natur und die Substanz als Natur eliminiert werden müssen. Deleuze hat gegen die desaströse Spaltung der dualen Terme im Namen der Differenz gekämpft und die Antwort von Žižek und anderen  Autoren, die gegenwärtig das theoretische Feld dominieren, darauf war, dass jede tiefe Differenz ein Riss ist. Man insistiert darauf, dass die Natur nichts als eine Chimäre sei, das Produkt einer Ideologie oder eines romantischen transzendentalen Prinzips. Dies führt zu einem ontologischen Konstruktivismus, in dem die Exteriorität der Natur keinen Platz mehr hat. Alles ist im Innen.

Man entflieht dieser exophobischen Situation aber nicht, wenn man wie der spekulative Realismus einfach konstatiert, dass es da so etwas gäbe wie ein Objekt oder ein »ancestral« (Meillassoux), das dem menschlichen Gehirn und den Relationen, die es zur Welt unterhält, äußerlich ist. Die Annahme, dass die Materie vor dem Menschen existiert hat und dass sie mathematisierbar ist, lässt die Trennung zwischen Innen und Außen intakt. Der Mensch verbleibt im Innen und träumt von einem Außen, das lediglich kontemplativ angeschaut und durch die Vernunft der Mathematik unterworfen wird. Man will dem Relativismus entfliehen, aber, so fragt Neyrat, sind es nicht die Relationen, die uns zum Außen führen?

Für Neyrat ist dies das zentrale Problem: Was heißt es als Out-Sider zu leben, gefangen in der Zeit und der Geschichte (als eine existenzielle Ebene)? Das Außen beinhaltet nicht den Ausschluss des Sensiblen, im Gegenteil es ist die Erfahrung als solche, brennend und intensiv im Leben. Wenn alles im Innen ist, wenn jede Distanz fehlt und wenn jede anthropologische Hierarchie fehlt, dann kann alles als ein Objekt bezeichnet werden. Die objektorientierte Ontologie (OOO) halluziniert Alles und Jedes als gleich, das Sandkorn, den Müll und das Tier. Und Neyrat fragt sich, wie die notwendige Annahme der Immanenz, insofern die Spiritualität, die das Leben negiert, tatsächlich abgelehnt werden muss, zu dieser verbissenen Maschine transformieren konnte, welche die Differenzen zerstört, um schließlich den Boden für eine flache Ontologie vorzubereiten. Man könnte nun meinen, dass dieses Art die Immanenz zu denken, den deleuzianischen Gedanken der Univozität bis an die Grenze gestoßen hat: Was von Gott ausgesagt werden kann, kann auch von jedem anderen lebenden Wesen aúsgesagt werden. Jedoch war Deleuze an diesem Punkt ganz klar: Es geht nicht darum zu sagen, dass es nur eine Art und Weise gibt, das Sein auszusagen, sondern das Sein wird in derselben Art und Weise von allen individuierenden Differenzen ausgesagt, i.e. die Präposition von ist hier entscheidend, insofern sie die den Vorrang der Differenz gegenüber dem Sein ausdrückt.

Für Deleuze gibt es innerhalb der Existierenden und ihrer Macht eine Hierarchie, die darin besteht, die Potenzialität, was ist, auszudrücken, das heißt eine spezifische Individuation. Sobald etwas davon getrennt ist, was es tun kann, gibt es keine ontologische Gleichheit. Zudem, und das wiegt schwerer, abstrahiert die Spekulation über die Gleichheit der Objekte von den ökonomischen, politischen und ökologischen Bedingungen des Prozesses der Singularität, und gerade dies treibt die Passion der OOO für die Erstellung von Listen, denen die Hierarchie fehlt, voran – ein Toaster, ein Mensch, ein Furz –, aber was wir vermissen, das ist Deleuzes gekrönte Anarchie und nomadische Verteilung im Rahmen einer differenziellen Wiederholung. Der Verweis auf die Bedingungen der Singularität lässt uns erkennen, in welchem Ausmaß das Lebendige heute von den Kapazitäten dessen, was es tun kann, abgeschnitten ist.

Obgleich die Zurückweisung des Dualismus fruchtbar war, bedeutet der damit verbundene Verzicht auf nicht repressive Differenzen die Produktion einer faden Suppe, in der jeder gelungenen Singularität der Kopf im Namen einer Ontologie der generellen Äquivalenz, die dem Kapital entspricht, abgeschnitten worden ist. Für Neyrat besteht heute die Aufgabe der Philosophie darin, die Differenz ausgehend von den Lebenden, und nicht die Identität ausgehend von den Objekten zu denken.

Neyrat geht es um die Kritik der theoretischen und praktischen Bedingungen einer gesättigten Immanenz, einer Welt, die gegen das Außen immun ist, wahrlich eine paradoxale Welt, die das Makellose, das Unberührbare, die Monade oder das substanzielle Objekt in eine ansteckende Substanz verwandelt, die in Jedem und Allem vorzufinden ist. Demgegenüber verweist Neyrat auf eine spezifische Transzendenz, die Deleuze, ohne in die Falle des Immanenz-Objekts zu fallen, als Transzendenz ~ x exemplifiziert. Dies ist keineswegs eine monotheistische Transzendenz außerhalb der Welt (Gott, das Absolute oder die unendliche Substanz), sondern eine Form des In-der-Welt-Seins als ein-Sein-im-Außen. Für Neyrat ist die Philosophie durch dieses Außen bedingt. Atopia ist zuallerest ein Nicht-Ort.

Die Philosophie weist sowohl das Unberührbare als auch die Ansteckung zurück. Sie befindet sich nicht ganz außerhalb der Welt, aber auch nicht in ihr. Im ersten Fall versteht sie sich als eine Art Weisheit, um zweiten Fall verkommt sie zu einem Projekt des Marketing. Neyrat hingegen plädiert in seinem Manifest für eine Philosophie des Atopischen gemäß der Transzendenz ~ x, für ein Außen, verstanden als eine Relation zwischen dem Denken und der Welt (und nicht als ein Objekt oder eine Substanz), ein Außen, das der Welt entflieht. Das Denken definiert das Außen-Sein nicht, sondern erneuert es; i.e das Denken erfährt das Außen, von dem es geformt wird und diese Formierung ist nichts anderes als die Existenz, das heißt, Existieren ist Außen-Sein. Existenz designiert einen Abstand, eine Abweichung, eine Abzweigung, die als eine Individuation (als prima materia ohne Subjekt oder Objekt) ohne eine prä-determinierte Basis emergiert. Das Leben erscheint nun in all seinem Prekär-Sein. Jede Existenz – ohne Äquivalenz. Jede Existenz ist dazu genötigt exzentrisch zu sein. Es gibt weder die Replikation der Norm noch eine unberührbare Ausnahme. In ihrem Exzentrisch-Sein bewohnen die Existierenden ein exzentrisches Feld.

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