In den Nebel

Es wird Zeit Abschied zu nehmen. So wie einst der Sub verschwand, weil er nur eine Figur war, um etwas Ungehörten Gehör zu verschaffen, so wird es Zeit die Figur des Sebastian Lotzer verschwinden zu lassen. Ursprünglich erschaffen, um das was einst “die Bewegung” war, nicht in dem historischen Gedächtnis der Menschen vergessen zu werden lassen, aufzuschreiben und zu bezeugen, wie viel Aufbruch, Hoffnung, Liebe und Unversöhnlichkeit mit diesem System, das unser aller Todfeind ist, es einst gegeben hat. Aus diesem Bedürfnis, das ein dringendes Anliegen des Herzens war, entstand das Buch “Begrabt mein Herz am Heinrichplatz”, dass zur Überraschung des Niederschreibenen auf viel Resonanz stieß und von dem heute noch das eine oder andere Exemplar den Weg in die Hände eines hoffentlich geneigten Lesers oder Leser*innen findet.

Später war es mir ein Anliegen, aus der menschlichen Nähe zu den “brothers (and sisters) in arms”, aus dem geteilten Antagonismus, aus tiefster Zuneigung, trotz aller politischen Differenzen, in “Die schönste Jugend ist gefangen” von all dem zu erzählen, aus meiner Perspektive, die eine Perspektive eines Liebenden, nicht eines unmittelbar Beteiligten war. Auch zu erinnern an die Brüder – und Schwesternschaft mit den palästinensischen Genoss*innen, die vor dem Hintergrund der Geschichte dieses Landes notwendigerweise eine Geschichte voller Brüche und nicht auflösbaren Widersprüchen war.

Eigentlich war es nie geplant, diese Figur des Sebastian Lotzers öffentlich auftreten zu lassen, trotzdem habe ich mich den wiederholten Bitten von Genoss*innen und auch meiner sehr geschätzten Verlegern von bahoe books schließlich nicht ganz versagen können, und so gab es die eine oder andere Lesung, die ich im Nachhinein nicht bereut habe, weil ich dort auf viele junge Menschen gestoßen bin, die neugierig und offen waren, die so viele Fragen hatten und von denen so viele so voller Verzweiflung waren ob der Zustände in den Binnenstrukturen der radikalen Linken. Ich konnte ihren Schmerz und ihre Hoffnungslosigkeit spüren, konnte ihnen so wenig Antwort geben auf ihre berechtigten Fragen und mir wurde vielleicht erst da bewusst, wie privilegiert wir gewesen waren, einfach in diese Epoche der Zeit der generellen Revolte hinein geworfen geworden zu sein. Einer Zeit, in der nichts selbstverständlicher schien, als einen Stein aufzuheben und zu werfen. Einer Zeit, in der es Raum für unsere Wut und unsere Trauer gab, eine Zeit, in der wir uns selten ohnmächtig fühlen mussten.

Ich werde nie vergessen, wie der Kurfürstendamm in Scherben fiel, als in den besetzten Häusern Westberlins die Nachricht die Runde machte, Sigurd Debus sei im Hungerstreik der politischen Gefangenen zu Tode gekommen, ich werde nicht vergessen, wie die Wut explodierte, als Klaus Jürgen Rattay bei der Räumung von acht besetzten Häusern von einem Schlägertrupp der Bullen gejagt unter einen Bus geriet und starb. Ich sehe sie noch deutlich vor mir, diese Handvoll Leute, die in Maaßenstraße auf der Stelle kehrt machten, als sie gewahrten dass ein Demonstrant in die Hände der Bullen gefallen war und sich gegen eine ganze Hundertschaft stellten und diese in die Flucht schlugen und den Genossen befreiten. Ich werde aber auch die Nacht in Rostock Lichtenhagen nicht vergessen, als wir verzweifelt versuchten mit einigen Leuten zum Sonnenblumenhaus gelangen, das schon in Flammen stand und in dem dutzende Menschen gefangen waren. Vielleicht die schlimmste Nacht meines Lebens. All das zu erzählen, sich zu erinnern und zu berichten, war und ist richtig und notwendig.

Aus der nie beabsichtigten “Popularität” der Figur des Sebastian Lotzer, die mir in den Schoß gefallen war, obwohl ich doch um jeden Preis meine Anonymität wahren wollte, ergaben sich nun Probleme, aber auch Chancen. Es gelang mir, meine Anonymität weitgehend zu bewahren, zwar gibt es zumindestens in Berlin nun einige Menschen, die mein Gesicht mit der Figur verbinden, andererseits ist der Kreis aber überschaubar und ich laufe nicht Gefahr so zu enden wie Andere, die aus nicht den unbedingt edelsten Motiven mit ihrer radikalen Vergangenheit hausieren gehen und sich ohne zu Zögern auch bürgerlichen Medien als Stichwortgeber andienen. Andererseits war es mir möglich, mit dem was ich eh schon auch all die Jahrzehnte mache, also politische Texte zu schreiben und zu übersetzen, mehr Menschen zu erreichen, und, so funktioniert es leider, mehr Aufmerksamkeit für mir wichtige politische Positionen zu erreichen. Was immer bleibt, ist “der Fluch der guten Tat”.

Störten sich an meinen “geschichtlichen” Ausführungen nur selten Menschen, gab es nur die eine oder andere Anmerkung, das etwas anders erinnert wurde oder am Stil des Niedergeschriebenen, so nahmen die politischen Angriffe zu, je weiter ich mich als Figur Sebastian Lotzer ins tagesaktuelle Geschehen einbrachte. Bis vor einiger Zeit war all das kein wirkliches Problem, die politischen Auseinandersetzungen waren teilweise hart, sie mussten es auch sein angesichts der katastrophalen Entwicklung, die die radikale Linke in diesem Land genommen hat. Auch auf twitter gab es heftige verbale Schlagabtausche, mal wurde sich gegenseitig geblockt, mal dann die Blockierung wieder aufgehoben, weil mensch letztendlich doch an den politischen Positionen der anderen interessiert war.

Aber Corona, oder besser die gesellschaftliche Antwort darauf, hat vieles grundsätzlich verändert. Über die Permanenz des Ausnahmezustandes, über die Dystopie in der wir uns nun alle wiederfinden, soll an dieser Stelle nicht erneut geredet werden. Jede/r, die/der mit offenen Augen durch die Welt geht, kann all das sehen, meine Erfahrung ist, dass es sogar von den “einfachen Leuten” an dieser Stelle weitaus mehr Begrifflichkeit von der realen Situation gibt als in der politischen Linken. Wovon aber zu reden wäre, ist das Versagen der radikalen Linken in dieser historischen Situation. Es machte mich fassungslos, wer alles kritiklos Verlautbarungen von staatlichen Stellen und Institutionen wiedergab, ohne erst einmal Luft zu holen, und die Informationen zu überprüfen. VIelleicht könnte mensch dies mit der ersten Panik entschuldigen, in die viele Menschen gefallen sind und die ja auch das Ziel der staatlichen Informationspolitik war, wie mensch dem berüchtigten geleakten Paper der BMI entnehmen kann. Aber die jetzige Situation, mehr als ein Jahr später, weist darauf hin, dass wir es mit einem anderen strukturellen Problem in der radikalen Linken zu tun haben.

Also machte ich mich damals im Frühjahr 2020 auf die Suche. Während ich hierzulande nichts Gescheites zu der ganzen Angelegenheit finden konnte, wurde ich bei den französischen und italienischen Gefährt*innen fündig. Ich fand kluge, schöne, verzweifelte Texte des Wu Ming Kollektivs, tiefschürfende Analysen von Franco Bifo Berardi, ich entdeckte Agamben und viele, viele andere. Ich habe sie alle übersetzt, die meisten finden sich in den Pandemie Kriegstagebüchern wieder die ich auf non copyriot veröffentlicht habe. Ich fand genau jene Fragestellungen wieder, die auch mich beschäftigten, warum z.B. hat das Virus in einigen Regionen von Norditalien so gewütet und was beabsichtigt das System für einen Gewinn aus der Situation zu schlagen. Da es damals so wenige kritische Stimmen gab, haben auch die Figuren aus den Anfängen der “Querdenken Bewegung”, die damals noch nicht so hieß, Beiträge von mir übernommen, wogegen ich mich auf entschiedenste verwehrt und klargestellt habe, dass ich ihnen ein paar proletarische Maulschellen andienen werde, sollten sie mir jemals über den Weg laufen.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, aber es hat sich nicht wirklich etwas bewegt. Mittlerweile haben wir fast bundesweit nächtliche Ausgangssperren, was nur einige hundert Linke auf die Straßen treibt, zehntausende von Menschen sind in den Alten- und Pflegeeinrichtungen hierzulande gestorben, viele wären noch am Leben, wenn die Zeit genutzt worden wäre, für diese Einrichtungen Schutzkonzepte z.B. mit engmaschigen Testungen zu organisieren. Niemand musste für dieses Versagen politische Verantwortung übernehmen, es gibt keine Linke die diese Verantwortlichen benennt und vor sich her treibt. Stattdessen erleben wir Glaubenskriege, in denen abweichende Meinungen diffamiert und und denunziert werden. Eigentlich sinnvolle Überlegungen und Handlungsvorschläge werden mit Pathos aufgeladen und in einer Weise praktiziert und angeordnet, die sie ad absurdum führen. So wie es sinnvoll ist, z.B. in Krankenhäusern Masken zu tragen, oder im Gedränge im ÖPNV, so überflüssig wie schädlich ist es Menschen dazu zu zwingen, diese z.B. beim Sport treiben an der frischen Luft anzulegen. Es gibt in dieser Situation nicht die eine Wahrheit, es lassen sich zu den meisten Behauptungen Studien finden, die die eigene Position untermauern. Ich bin immer wieder (erneut) überrascht, wie viele Linke einfach bestimmte Behauptungen, dieses und jenes müsse jetzt angeordnet und durchgesetzt werden, einfach übernehmen und dann ganz vorneweg marschieren. Im Frühjahr 2020 durfte man in Berlin nicht mal alleine auf einer Bank im Park sitzen, überall waren Bullen die das überwacht haben, was für eine Verdrängungskultur muss mensch verinnerlicht haben, um das vergessen zu können….

Wenn es nicht mehr möglich ist, in linken Diskursen philosophische Fragen zu stellen (ja, auch zu dem was diese Verhüllungen mit uns machen, was der Verlust des Gesichtes emotional, politisch und gesellschaftlich bedeutet), wenn es nicht mehr möglich ist, die Maßnahmen die dieser Staat anordnet, in Frage zu stellen, wenn ein kritisches Hinterfragen damit beantwortet wird, die Fragesteller in die Nähe von Faschisten zu stellen oder sie gleich zu Selbigen zu erklären, dann muss der Bruch mit diesen Fraktionen der Linken für endgültig erklärt werden.

Womit wir an der Stelle angelangt sind, um den Kreis langsam zu schließen. In der Frage, wie die Diskussionen unter den antagonistischen Splittern hierzulande weiter vorangetreiben werden, wie ein Bündnis mit den rebellischen Strukturen des Surplus Proletariats geschmiedet werden kann, erscheint mir das Weiterexistieren der Figur des Sebastian Lotzers hinderlich zu sein. Ein einfach weiter so machen würde vielleicht naheliegend und etwas heroisch scheinen, aber wäre ein Fehler des Egos, weil dies es den Verfechtern der reinen Lehre ermöglichen würde, den entscheidenden Fragen auszuweichen, indem sie den zutiefst politischen und philosophischen Konflikt personalisieren. Es würde die denunzinatorischen Strategien bedienen, die darauf abzielen, dass alles so bleibt wie es ist, weil die Fragestellung nach der eigenen politischen Bedeutungslosigkeit zu schmerzhaft ist, um sie aufkommen zulassen. Alles muss anders werden. Das Sprechen von der Begrenztheit der Zeit, die uns angesichts der Klimakatastrophe noch bleibt, ist kein apokalyptisches Geschwafel, sondern bittere Realität. So vieles ist schon unersetzbar verloren gegangen, die Erderwärmung wird Abermillionen von Menschen das Leben kosten, aus Liebe zum Leben muss auf das Dringlichste ein aufständischer Prozess vorangetrieben werden. Unsere Kräfte hier in der Metropole sind schwach, daran hat sich nichts geändert, wir sind nur noch bedeutungsloser geworden. Aber über Nacht kann sich alles ändern, die Bewegung der Gilets Jaunes hat uns eine Vorstellung davon vermittelt, was möglich ist, wenn all die unterdrückte Wut sich findet, organisiert und entlädt.

“Die intensivsten Kämpfe unserer Zeit stehen an einem Abgrund und kehren dann um. Weiter zu gehen würde bedeuten, ins Unbekannte zu springen. Niemand will der erste sein, der springt, um zu sehen, ob er Neuland entdeckt oder sich einfach im freien Fall wiederfindet. Wir wissen noch nicht, wie schließlich eine Situation geschaffen wird, die jedes Umkehren unmöglich macht und in der die Bedingungen selbst schreien: ‘hic Rhodus, hic salta!’” schreiben jüngst einige Gefährt*nnen in “Theses on the Sudan Commune”, die ich gerade für die nächste Ausgabe der Sunzi Bingfa übersetzt habe. Ja, dort stehen wir. Am Abgrund. Springen oder nicht. Die alte Frage. Die alte Angst. Der olle Lotzer wird sich mit Euch weiter diese Frage stellen, aber nicht mehr als Lotzer.

Ich möchte mich bedanken. Bei allen, die sich mit mir aufrichtig gestritten haben, bei denen, die sich, trotz grundlegender unterschiedlicher politischer Ansichten, mit mir ausgetauscht haben. Bei allen, die mir geholfen haben, mit meinen handicaps betreffs technics klarzukommen. Bei allen, die mir zugehört haben oder mir einen Teil ihrer Geschichte erzählt haben. Bei allen die mit mir gekämpft und getrunken haben. Bei allen, die mich umarmt haben, auch wenn dies viel zu häufig nur gedanklich möglich war. Bei den vielen, deren Texten ich lektorieren oder übersetzen durfte. Ich hoffe, ich bin euer Arbeit annähernd gerecht geworden. Bei allen, für die ich schreiben durfte, ganz besonders Achim und meinen Verlegern. Bei allen, die meine Bücher gelesen habe und vielleicht sogar mit mir darüber diskutiert haben. Bei allen, die mir immer wieder Mut gemacht haben. Bei all den Genoss*innen, ohne die ich dieses Schreiben niemals zustande gebracht hätte.

Sebastian Lotzer verabschiedet sich, aber ich werde weiter bei und mit Euch sein, für Euch übersetzen und schreiben, mit Euch auf den Straßen unterwegs sein.

Ein letztes Mal: Sebastian Lotzer – Berlin, den 29. April 2021

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