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Über den Atomismus

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28 Mai , 2020  

Die Isolation der Individuen ist konstitutiv für die bürgerliche Gesellschaft. Die Vereinigung der Gattung durch die unsichtbare Hand, dann den Staat und durch das große Kapital, all diese Techniken der Macht setzen die radikale Isolation der Menschen bereits voraus. Ins Nichts geworfen zu sein, doppelt frei und dann gezwungen, sich einem schlechten und wegen seiner Alternativlosigkeit sogar vernünftigen Allgemeinen zu unterwerfen, jederzeit in Angst und Furcht, wieder ins Nichts zurück gestoßen zu werden… Das alles ist altbekannt, aber jetzt wo die Leute Covid haben, entstellt sich dieser Mechanismus zur absoluten Kenntlichkeit. Niemals war es daher so schwer, die allgemeine Entfremdung, die allgemeine Verdinglichung sowohl seiner selbst, als der anderen Menschen zu kritisieren. Auch nicht das verdinglichte Verhältnis zur getrennt erscheinenden, eigentlichen Dingwelt, die wiewohl irgendwie von den Menschen hervorgebracht, sie doch als fremde Macht angrinst. Jetzt, wo uns all das einmal mehr rein entgegentritt, sind alle Kritiker stumm. Alle im Bann der Moleküle, Atome & Aerosole.

Nehmen wir zwei zentrale Elemente der neuen Welt. Das Mobile Phone und das Internet. Die durch diese Technologien hervor- und über die Menschheit gebrachte Entfremdung war in ihrer Entstehung schon kaum thematisierbar. „Dass es aber auf Dauer Auswirkungen hat, wenn wir statt miteinander zu reden nur noch über Nachrichten von maximal fünf Sätzen kommunizieren, dürfte klar sein“, schrieben 2017 einige italienische Anarchisten und schließen direkt an: „Was das bedeutet anscheinend nicht.“ Tatsächlich sind die Auswirkungen dieses neuen Akkumulationsregime kaum wahrgenommen worden – höchstens wurden sie feuilletonisiert. Technisch gesehen vielleicht, weil wir den Fernseher davor schon geduldet hatten und davor das Radio. Die neue Digitalität wurde schließlich eingeführt, nachdem das Regime der Entfremdung einen absoluten Sieg errungen hatte. Die folgenden Sätze waren daher schon vor der Existenz des Mobile Phones oder des Internets wahr: „Zuerst einmal beeinflusst unser Denken unsere Art zu Sprechen, aber andersherum natürlich auch: So wie wir Kommunizieren und Reden beeinflusst auch unsere Art zu Denken. Wenn wir nur noch fähig sind so kurze und knappe Nachrichten wie möglich auszutauschen, wie soll es uns dann noch möglich sein über eine ganz andere Welt zu reden? Und wenn wir nicht einmal mehr über eine andere Welt sprechen können, wie sollen wir dann zu einer solchen gelangen? Die direkte Kommunikation zwischen selbstständigen Individuen ist die Basis von jeder gemeinsamen Rebellion, sie ist Ausgangspunkt von gemeinsamen Träumen und gemeinsamen Kämpfen. Ohne eine unverstümmelte Kommunikation ist ein Kampf gegen diese Welt und für die Freiheit nicht möglich.“ Und das 2017, ca. 20 Jahre nachdem sich diese Technologien massenhaft zu verbreiten begannen? Wir laufen der Zeit meilenweit hinterher und so ist die Aufforderung am Ende geradezu antik: „Entsorgen wir die Smartphones und treffen wir uns von Angesicht zu Angesicht im Aufstand gegen diese Welt!“. Trotzdem spiegelt sich darin die momentan realistischste Revolutionsphantasie unserer Tage. Irgendwann, hofft man ohne Grund, muss es den Aseptischen doch auch mal genug sein.

Dann das Transportwesen. Die Isolation durch den Verkehr war schon durchs Auto vollendet. Der Springpunkt war auch da nicht, dass man allein im Auto sitzt. Die Isolation ist eben wie eingangs bemerkt Strukturprinzip unserer Ordnung. Auch die Masse der vom öffentlichen Nahverkehrssystem transportierten Menschen vollziehen diese wechselseitige Isolation. „Die leuchtende, schaukelnde Schachtel, in der er fuhr, kam ihm wie eine Maschine vor, in der einige hundert Kilogramm Menschen hin und her geschüttelt wurden, um Zukunft aus ihnen zu machen.“ Das war bereits vor 100 Jahren. Die stumpfen Gesichter heute, die hundert Jahre später in der inzwischen unterirdischen Bahn auf die Smartphones gucken und in der Berliner Variante immer wieder auf das „Berliner Fenster“? Die rasende Zeit steht still. Es fiel schon kaum auf, dass man die Blicke der Isolierten auf die Monitore zog und noch weniger, dass man dann etwas später vor diese Monitore eine Kamera installierte, dass die Konditionierten alle schön ins Gesicht gefilmt werden. Zu ihrer eigenen Sicherheit versteht sich. Es ist so perfide, so offen und so unschuldig.

Und nun? Im Jahr Covid-2019, also im Jahr 2020? Alle Zombies in der U-Bahn bang hinter Masken. Es ist wirklich als ob ein böser Dämon seine Untertanen dazu zwingt, die altbekannte und unhintergehbare Verdinglichung unmittelbar zu verkörpern. Als ob Satan nicht nur böse, sondern auch noch ein Sadist ist und er die Menschen zwingt, die Schmach noch schmachvoller zu machen, indem sie sie offen praktizieren müssen. Genauso im Warenhandel. Die Kassiererin mit ihrem piependen Infrarotscannern. Es war schon immer eine Frechheit! Und doch schon immer nur eine Konsequenz aus der unendlich dummen Manier, den Produkten einen Preis umzuhängen, als ob sie den Produzenten nicht gehörten. Jetzt sitzt die Kassiererin hinter Plexiglas, macht aber weiter Pieppiep. Das isolierende Plastikglas fügt nichts hinzu. Es ist einfach grausam ehrlich wie nur ein Feind sein kann, der es gewohnt ist, überall nur zu gewinnen, „fühlte er und empörte sich gegen dieses wehrlose Hinnehmen von Veränderungen und Zuständen, die hilflose Zeitgenossenschaft, das planlos ergebene, eigentlich menschenunwürdige Mitmachen der Jahrhunderte, so als ob er sich plötzlich gegen den Hut auflehnte, den er, sonderbar genug geformt, auf dem Kopf sitzen hatte.“ (Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften)

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