Corona-Wahn als Krisenphänomen

– Paranoide Charaktermasken und der Verein der Volksgesundheitsbeauftragten –

Text von Lasse F. Hund aus der Zeitschrift „Der Erreger“

„Kein Mensch kann der einzige Vernünftige unter tausend Idioten sein, weil Vernunft nur da entsteht, wo vernünftige Leute miteinander streiten und debattieren“ (W. Pohrt)

Des Wahnsinns fette Beute

Die staatliche Seuchenbekämpfung hat sich als Wahn manifestiert. Sollte man aber nicht grundsätzlich auf die instrumentelle Rationalität staatlichen Handels vertrauen dürfen? Immerhin hat der Staat als ideeller Gesamtkapitalist – in Konkurrenz auf dem Weltmarkt zu anderen Staaten und ihren Nationalkapitalen – die Verwertungsbedingungen seines nationalen Kapitals zu sichern und zu pflegen.

Das bürgerliche schlechte Gewissen in Form des Amtsgerichts Weimar hat die Maßnahmen bereits treffend als einen historisch einzigartigen staatlichen Angriff auf die Grundlagen der Gesellschaft bestimmt. Selbst in der Risikoanalyse der Bundesregierung „Pandemie durch Virus Modi-SARS“, wo von 7,5 Millionen Toten ausgegangen wurde, seien Kontaktverbot und Lockdown nicht vorgesehen gewesen.

Dass der Staat durch bürgerliche Zustände bestimmt ist, erweist sich angesichts des krisenhaften Kapitalprozesses und der destruktiv sich durchsetzenden überpositiven Bestimmungen des Rechts als historisch vergänglich. Der bürgerlich-demokratische Staat transformiert sich zu einer autoritäreren Form.

Der moderne demokratische Staat befriedet die gesellschaftlichen Interessenwidersprüche der Individuen und Klassen sozial-technisch durch Formalisierung und Integration: Jenen wird der Zahn gezogen, dadurch dass sie in staatliche Organisationen integriert werden. Dort werden die materiellen Interessen entweder gänzlich neutralisiert, indem sie in das formale und harmlose Recht der Aussprache umgewandelt werden. Oder aber sie werden in versachlichter Form anerkannt und repräsentiert, indem sie sich auf staatstragende Form beschränken lassen – die parteipolitische Mitwirkung ist nur um den Preis des Realismus zu haben: erwachsen zu werden und die Staatsräson zu akzeptieren. Parteien reifen zur „Regierungsverantwortung“ heran, sobald sie ihre kritischen, den Ist-Zustand überschreiten wollenden Elemente neutralisieren, die „Realos“ sich gegen die „Fundis“ durchsetzen. Im Zuge dessen entstehen „Volksparteien“ als entideologisierte integrierende Massenorganisationen.

Der Kampf um den Lohn wird minutiös verrechtlicht und dadurch in eine kontrollierbare Verlaufsform gebracht, destruktive überschwängliche Elemente werden kriminalisiert. Nicht integrierbare, kriminalisierte Konflikte behandelt der demokratische Rechtsstaat wie jeder Staat durch autoritäre Kontroll- und Sicherheitsmaßnahmen.

Die Gewerkschaften führen den Lohnkampf stellvertretend für die Lohnabhängigen. Das beteiligte Kapitalinteresse ist dabei vorausgesetzt und akzeptiert. Die Lohnforderung muss sich relativieren an dessen Erfolg, sie darf sich nicht destruktiv auf die Kapitalverwertung auswirken.

Zeitweise oder dauerhaft Unausbeutbare betreut der Sozialstaat. Dieser verwandelt damit die klassenweise bestehende Lohnabhängigkeit, auf die sich renitentes Bewusstsein kritisch beziehen könnte, in Einzelfälle vom Schicksal geschlagener Staatsbürger.

Die Institution der demokratischen Wahl legitimiert den Staat und das herrschende Staatspersonal gegenüber dem Staatsbürger, der durch die Wahl der an sie delegierten Herrschaftsausübung formal zustimmt und sich als Individuum der Staatsräson explizit freiwillig unterwirft.

Angesichts von erkennbaren Krisen versucht der Staat in den naturwüchsig sich vollziehenden Kapitalprozess einzugreifen, vorwiegend um die Folgen der Krise systemerhaltend einzuhegen, sie auf die lohnabhängige Klasse zu verteilen oder sie auf andere Nationen abzuleiten. Die Eingriffe erfolgen reaktiv. Die Naturwüchsigkeit entzieht sich einer umfassenden planerischen Rationalität, ein sicher bestimmbares Gesamtinteresse gibt es nicht. Die Funktion des ideellen Gesamtkapitalisten kann der Staat nur leisten aufgrund von Hypothesen, Deutungen, Antizipation der Folgen des Eingriffs, im Versuch-Irrtum-Verfahren. Der situativen Unsicherheit versucht der Staat durch den Aufbau einer planerischen Bürokratie zu begegnen, die von inneren Interessenkonflikten gekennzeichnet ist und eine wachsende Eigendynamik der dort ausgebrüteten sozial-technokratischen Strategien zur Krisenverwaltung hervorbringt. Der sich bürokratisierende Staatsapparat tendiert allgemein zur Ausweitung von Disziplinierungstechniken, bewirkt eine „Involution“ der bürgerlich-rechtlichen Institutionen unter Beibehaltung ihrer äußerlichen rechtlich-formalen Erscheinungsweise.

Das Kapital kriselt als weltumgreifendes System seit den 70er Jahren, die Verwertungsbedingungen verschlechtern sich, die „Krisen [kommen] immer schneller: Schuldenkrise, Sparkassenkrise, weltweite Krise Anfang der 90er, Währungskrisen 1997-1998 (Südostasien, Rubel, Lateinamerika), dot.com-Krise, nun seit 2006 die globale Krise“. Das Aufblähen des Finanzkapitals ist Symptom einer weltweiten Überakkumulation des Kapitals, infolge dessen erhöht sich die Krisenanfälligkeit des Gesamtsystems. Damit verschärfen sich die Interessenkonflikte zwischen den Staaten, zwischen den Kapitalfraktionen innerhalb der nationalen Kapitale, zuweilen auch die Klassenkämpfe. Um den Laden angesichts sich verschärfender Krisen zusammenzuhalten, nimmt das Ausmaß und die rechtliche Entgrenzung autoritärer Kontroll- und Sicherheitsmaßnahmen in bisher bürgerlich-demokratischen Staaten zu (kürzlich konnte etwa anlässlich des G-20-Gipfels in Hamburg polizeilich-militärisches Vorgehen bestaunt werden).

Insgesamt verstärken sich krisenhaft die allgemeinen sozial-technokratischen Diszplinierungstendenzen des bürokratischen Staatsapparates, setzten sich krisenhaft immer deutlicher die überpositiven Bestimmungen des Rechts – die hypothetisch antizipierten Verwertungsbedingungen des Kapitals, die der Staat um jeden Preis sichern muss – gegen den bürgerlich-liberalen Gehalt des Rechts durch. Die Existenzbedingungen des Rechts gebären aus sich heraus seine Liquidation.

Lockdown und Kontaktsperre sind der hier begeistert eingeschlagene Weg des chinesischen autoritären Staatskapitalismus, der umso hektischer verfolgt wird, als man in Konkurrenz zu anderen Gewaltmonopolisten in Sachen paranoider Krisenverwaltung den Anschluss nicht verpassen will.

Verschärfend hinzu kommt der Zerfall der bürgerlichen instrumentellen Rationalität, mit der das staatliche Personal den staatlichen Eingriff vorbereiten und durchführen muss: die hypothetische Konstruktion des Gesamtinteresses, die Diagnose des Problems, die Antizipation der Folgen des Handelns.

Wie die Entfaltung des Kapitalverhältnisses das Bürgertum und seine Rationalität auf die Bühne der Geschichte spülte, bewirkt das immer kurzfristiger und heftiger von Krisen geschüttelte Kapital, seine gegen Sinnlichkeit, Glück, Naturschönheit sich totalisierenden Destruktivkräfte, die immer hysterischer ideologisch verklärt werden müssen, die Verselbständigung bürokratischer Sozialtechnokratie seinen Zerfall. Damit zerfällt die progressive Substanz bürgerlicher instrumenteller Rationalität. Das produziert paranoide Charaktermasken. Die sture technizistische Kontrollwut der bürokratischen Funktionäre mit ihrem fragmentiertem Bewusstsein schlägt in Wahn um, sobald ihr der Gegenstand entgleitet bzw. Akteur und Gegenstand ununterscheidbar werden.

Der in der Vergangenheit immer mal wieder anberaumte virusbedingte Weltuntergang (Mers, Sars, Schweine-, Vogelgrippe) fand regelmäßig nicht statt, die panische Lust am Untergang wurde stets noch rechtzeitig korrigiert, nach ein paar Wochen sprach kein Mensch mehr davon. Anders heute: Von Beginn an bestimmen die Apokalyptiker die politischen Entscheidungen. Mit Staatsviruloge Drosten und Wielers RKI hat sich die sorgenvoll-apokalyptische Prognose institutionalisiert. Schwurbelig sind die Kriterien der autoritären Seuchenbekämpfung im Konjunktiv formuliert (das Gesundheitssystem könnte zusammenbrechen, wenn wir nicht…). Das Staatspersonal ist einer hermetischen Weltanschauung verfallen, in der die Kriterien im Nachhinein als sich selbst erfüllende Prophezeiung bestätigt werden, wenn – aus selbst geschaffenen Gründen – das kapitalistische Gesundheitssystem regional wirklich zeitweise überlastet ist (es wäre alles noch viel schlimmer gekommen, wenn wir nicht…).

Gegenstand der Panik sind an sich nichtssagende Testzahlen, die nicht ins Verhältnis zu der Anzahl der Tests, der symptomatisch Erkrankten/ schwer Erkrankten gesetzt werden. Das Finden von DNS-Schnipseln in Laborproben, ohne an Krankheitssymptomen interessiert zu sein, hält man verbissen für den Nachweis einer Infektion. Die – man weiß nicht wie bestimmten – Zahlen der „an oder mit“ Corona Gestorbenen werden heroisch als Kriegsopfer verkündet und runden kumulativ angegeben den Corona-Wahn ab.

Das Beste draus machen

Diese institutionalisierte Irrationalität verwechselt selbstgeschaffene verkehrte Verhältnisse mit einer Naturkatastrophe und verstetigt den ideologisch-wahnhaft eröffneten Ausnahmezustand. Die Schließung unrentabler Krankenhäuser geht indes munter weiter. Eine Überlastung der Krankenhäuser, wie sie nun durchgehend befürchtet wird und die man sich als Rechtfertigung der autoritären Seuchenbekämpfung einleuchten lassen soll, stellt sich in einem auf ökonomische Effizienz getrimmten und deshalb stets auf Kante fahrenden Gesundheitssystem regelmäßig ein. Diese im hiesigen demokratischen Kapitalismus ganz normale instabile Gesundheitsfürsorge wird als Sicherheitsproblem auf das Individuum verschoben, das sich zu Hause einbuddeln soll.

Letztlich werden Staat und Kapital die Effekte ihrer autoritären Krisenverwaltung konstruktiv zu nutzen wissen. „Wir“, d.h. die Lohnabhängigen, müssen dann den Gürtel enger Schnallen…mit Forderungen Zurückhaltung üben..etc. Die Gelegenheit ist günstig, die Arbeitskraft zu verbilligen, konkurrenzfähiger auf dem Weltmarkt zu machen: Sozialleistungen abbauen, Rentenalter erhöhen, Löhne senken, Arbeit verdichten; gelegen kommt die erweiterte Konkurrenz der Lohnabhängigen infolge steigender Erwerbslosigkeit, die Marktbereinigung in unproduktiven Sektoren, die sich ohnehin hätten gesundschrumpfen müssen. Mit der Volksgemeinschaft im Krisenbewältigungsmodus ist dagegen kaum Widerstand zu erwarten. Die Leute werden noch beherrschbarer.

Denn der Corona-Wahn schweißt die Volksgemeinschaft zusammen. Die in Schule und häuslicher Erziehung, in Gewerkschaftssitzung, Wahl- und Sportveranstaltung gepflegte Staatsliebe und der Nationalismus sind die natürlichen Gefühle des gesunden Staatsbürgers – der Kitt, der die Volksgemeinschaft zusammenhält. Man erbaut sich an der Wählbarkeit der austauschbaren Herrschaftsfunktionäre und bringt es als Kritik höchstens dazu, sich schlecht regiert zu fühlen. Jedes Ereignis (Wetter, Geburtenrate, Flugzeugabstürze, Eurokrisen, Umweltschutz, Friedensbewegung, Lernbereitschaft aus der Geschichte etc.) wird auf die Nation bezogen. So auch das Virus als Problem der Volksgesundheit, das allen nationalen Vergleichen zugrunde liegt: Was machen „wir“ Deutschen besser oder schlechter als andere. Was macht die deutsche Wirtschaft? Haben „wir“ genug Impfstoff? Sollen „wir“ die Grenzen öffnen oder schließen und unter uns bleiben, damit die ausländischen Mutationen nicht hereinkommen? Vor allem rechtfertigt der „nationale Notstand“ den Ausnahmezustand. Und besonders schön: die Inszenierung des Virus als nationale Tragödie: Feier- und Schunkelstunde mit Steinmeier – „unserer Toten“ gedenken, die allein sterben mussten (was man im Altersheim üblicherweise alleine zu tun pflegt, umso mehr, wenn man zwangsisoliert wird) – gewiss kommen bald Corona-Feiertage, auf Halbmast gesetzte Fahnen, Schweigeminuten in deutschen Schulen, Kasernen und Fußballstadien, digital begehbare Denkmäler. Das eine oder andere rührselige Lied zur Sache zu komponieren, ist die Aufgabe der nun unterbeschäftigten nationalen Künstlerschar.

Diese nationalen Bearbeitungsformen verknüpfen sich wunderbar mit dem neu entstandenen, angstgetriebenen Viruspatriotismus, der die Massen umso stärker auf den Staatskurs einschwört: Der isolierte Lohnabhängige hat seinen Konkurrenten um einen Ausbeutungsplatz hassen gelernt und gelernt, seine Triebe zu unterdrücken, seine Sinne abzustufen, seine Selbstzurichtung zur Arbeitskraft zur Selbstoptimierung voranzutreiben. Mit dem propagierten Killervirus bricht das Unkontrollierbare ins leibfeindliche Bewusstsein. Je größer die Angst, die das Individuum überflutet, desto bereitwilliger unterwirft es sich der amtlichen Seuchenbekämpfung und macht sich zu ihrem Erfüllungsgehilfen – in aggressivem staatstragendem Moralismus begrüßt es die harte Knute und den Lockdown, verfolgt es Nörgler und Ungefügige mit Fackel und Heugabel im Anschlag.

Gegen Kritik, das Deuten auf Widersprüche greift die moralistische Abwehr: Vergleicht man etwa die Zahl derjenigen, die „an oder mit“ Corona verstorben sind, mit Gestorbenen an Grippeviren oder an überflüssigerweise sich ausbreitender resistenter Krankenhauskeimen, um schüchtern auf die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen hinzuweisen, wird man als Zyniker oder Schlimmeres beschimpft. Aber zynisch im schlechten Sinne ist es vielmehr, wenn mit Leichen, für die man sich sonst nicht interessiert, aufgebracht herumgefuchtelt wird, um einen Lockdown zu rechtfertigen, der hierzulande Herz- und Krebskranke, isolierte Alte und psychisch Instabile, weltweit Millionen Hungernde sterben lässt.

Die Volksgesundheitsbeauftragten sind los

Und die Linken? Man hätte darüber nachdenken können, die deutlicher sich zeigende Widerwärtigkeit von Staat und Kapital zu nutzen, um Stimmung zu machen. Wer das aber von der hiesigen in Parteien, Zeitungen, Stiftungen und Brauchtumsvereinen organisierten Linken befürchtet, braucht keine Angst zu haben. Die organisierte Linke gibt sich geschlossen konformistisch und konkurriert mit dem Staat um das bessere Virusverwaltungsprogramm.

Wo Diskussionen oder phrasenhafte Solidaritätsbekundungen stattfinden; wo Plattitüden gedroschen werden des Kalibers: die Reichen werden reicher, die Armen ärmer; wo die desaströsen Auswirkungen der Krisenverwaltung kritisch kommentiert werden, bewegt man sich stets auf dem Boden der Regierungseinschätzung, also innerhalb des polizeilich Erlaubten. Wo man sich also überhaupt zur betulichen Kritik der Effekte der Maßnahmen durchringt, befürwortet man gleichzeitig die Gründe des Kritisierten. Wer hätte einst gedacht, dass die organisierte Linke angesichts eines Grippevirus‘ restlos auf eine gefühlige sozialdemokratische Meute regrediert, dessen Ungeist ärgster Auswuchs sich in der Idee „Zero Covid“ präsentiert?

Es mag nun dabei so mancher linker, bisher heimlicher Staatsfan und Nationalist erleichtert seine Maske fallen lassen. Aber vor allem schmiegt sich hier der linke Moralismus an den autoritären Staat an. Moralismus ist Kritik- und Praxisersatz. Linker ohnmächtiger Pragmatismus entledigt sich durch diesen der Schwierigkeit, Gedanken darüber anzustellen, wie sich diese Gesellschaft verändern lässt. Überwiegend ist er die Folge der postmodernen Ideologie, die sich unter den Linken breitgemacht hat. Unter der Hand dieser Ideologie sind die Begriffe kritischer Gesellschaftstheorie zerbröselt. Und wo Begriffe fehlen, da stellt ein Gefühl zur rechten Zeit sich ein. Der objektiv treffende Anspruch von Kritik wird infantil bekämpft. Der gepflegte dogmatische Pluralismus ist die Einübung des Gehorsams. Mit „Triggerwarnung“ versehene Äußerungen von Befindlichkeiten und angestrengte Identitätspolitik sind die vorherrschenden – für die Herrschaftsverhältnisse harmlosen – Formen linker Beschäftigungstherapie.

Das begriffslose und postmodern-dogmatische Bewusstsein ist gehorsam und affirmativ und kann nur noch moralistisch auf die Welt reagieren. Und wo der Staat als Freund und Helfer erscheint, will man nicht abseits stehen, vielmehr mithelfen, endlich einmal etwas Relevantes tun nach ewiger Ohnmacht. Der gute Linke übernimmt also staatstragende Verantwortung mit von Stolz geschwellter Brust und gibt den Volksgesundheitsbeauftragten. Gegen Nörgler und Abweichler hat der Moralist wahlweise den formalistischen Verschwörungstheoretiker- oder gleich den Mordvorwurf oder auch die Zwangsimpfe („Wir impfen euch Alle“ skandiert die „durchgeimpfte Antifa“) im Gepäck.

Manche linke Konformisten beruhigen ihr unkritisches Gewissen damit, die Gegner der Maßnahmen sehnten sich nur nach schlechter Normalität, die Gegner wären also die wahren Konformisten. Davon, dass der bürgerliche Staat sich nicht mehr an seine eigenen Regeln hält, was Linken verdächtig sein sollte, machen sie nicht viel Aufhebens.

Andere geben sich kämpferischer und wollen nach der Pandemie so richtig loslegen. Wer so redet, will von der eigenen Sehnsucht nach der verlorenen „Normalität“ ablenken, projiziert bequemerweise seine Revolutionsphantasien in den staatlich hervorgerufenen Ausnahmezustand, dem er als Statist beiwohnt.

Der Ausnahmezustand integriert oder zertreut die restlichen oppositionellen Kräfte, erleichtert ihre staatliche Verfolgung, insgesamt beschleunigt er den selbstbedingten Auflösungsprozess der vernünftigen Substanz der Linken.

Was tun?

Gegen die Vereinzelung soll man die Disziplin des Staatsbürgers verachten und überwinden lernen. Das selbstbewusste gesellige sinnlich-vernünftige Wesen muss wiederentdeckt und praktiziert werden. Geselligkeit, die Kneipe muss zurückerobert werden, wo spontan Menschen aufeinandertreffen und ins Gespräch kommen können, wo abweichende Gedanken und Bedürfnisse entstehen und zirkulieren können.

Klarheit und Vernunft sind rar, die wachsende Irrationalität der Situation entzieht sich der übergreifenden Erklärung. Klar sollte aber sein, dass der autoritären Formierung von Staat und Volksgemeinschaft entschieden entgegengetreten werden muss. Klar sollte sein, wenn Verweigerung gegenüber dem Staat und Abscheu gegenüber Lohnarbeit, wenn Solidarität und Zartheit, der Wille, Glück zu realisieren, die Bedingungen von Erkenntnis und Kritik sind, dann schwächt die autoritäre Formierung kritisches Bewusstsein und erschwert die Organisierung von Opposition und verstärkt die bleierne Vereinzelung.

Die Linke hierzulande ist tot. Kommunistische Kritik muss wiedererstehen aus ihren „Fragmenten in Regression“. An der Kritik dieser Staatsmaßnahmen können sich verstreute Oppositionelle Sammeln, kann Bewusstsein sich radikalisieren. Wer bei der wachsenden Widerwärtigkeit der Verhältnisse nichts einwendet und gehorcht, wird auch in ruhigeren Zeiten, die womöglich nicht wiederkehren, gehorchen.

In diesem Sinne: „Nieder mit dem Covid-Regime! Für den Verein freier Menschen!“

Lasse F. Hund, April 2021

1 AG Weimar, Urteil vom 11.01.2021 – 6 OWi – 523 Js 202518/20: https://openjur.de/u/2316798.html. Vgl. dazu Maul, Thomas: Die Orientalisierung des Westens, https://www.thomasmaul.de/2021/01/corona-und-die-orientalisierung-des.html.

2 Vgl. Elbe, Ingo: Der Preis der Freiheit, S. 54 f., http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/IMG/pdf/Elbe_Hobbes.pdf.

3 Zur Funktion der Parteien, des Parlaments und der Wahlen vgl. Agnoli, Johannes: Die Transformation der Demokratie, S. 39-49, 68f., in: Ders., Die Transformation der Demokratie und verwandte Schriften, Konkret Literatur Verlag 2012, 13-94. Ders.: Zur Apo, 46-48, in: Ders. 1968 und die Folgen, Ca ira 1998, S. 31-49. Ders.: Zwischen Bewegung und Institution, ebd. 185-209.

Grundsätzlich: https://de.gegenstandpunkt.com/kapitel/buergerliche- staat/demokratisches-procedere-wahlen-parlament-regierung. Zu Sozialstaat und Verrechtlichung und Integration der Klassenkämpfe:https://de.gegenstandpunkt.com/kapitel/buergerliche-staat/ideeller-gesamtkapitalist-sozialstaat. https://www.wildcat-www.de/wildcat/35/wc35soz.htm.

4 Wirth, Margaret: Zur Kritik der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus 38f., 43, in: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft ,Nr. 8/9 (1973): Probleme des Klassenkampfs, S. 17-44.

5 Agnoli verdeutlicht diesen Prozess am Bsp. der antikommunistischen Notstandsgesetzgebung. Vgl. Agnoli,Johannes: Die Transformation der Demokratie, S. 22f.

6 Vgl. Wildcat (03/2009): Thesen zur globalen Krise, https://www.wildcat-www.de/aktuell/a073_krise_15thesen.htm. Das Finanzkapital erhöht die Erfolgserwartungen an die ohnehin gehemmte Verwertung und verschärft damit den Widerspruch der Überakkumulation. Vgl. dazu GSP 4-11: Neue Folgen der Überakkumulation im globalen

Finanzsystem. Derzeit und bis auf weiteres ganz oben auf der Tagesordnung: Fortschritte in der Krisenkonkurrenz der Weltwirtschaftsmächte, https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/fortschritte-krisenkonkurrenz-weltwirtschaftsmaechte. Gegenargumente (10/2011): Zur Finanzkrise, http://www.gs-marburg.de/texte/gegenargumente-finanzkrise.pdf.

7 Antideutsche Kommunisten Berlin: Über den Gebrauchswert des Kapitals,

http://adk.atspace.com/pub/marx/gebrauchswert.htm.

8 Vgl. Steinbeiß, Joseph: Tödliche Effizienz, https://www.graswurzel.net/gwr/2020/11/toedliche-effizienz/

9 Etwa Luftfahrt und Tourismusbranche: Kieler Ökonom fürchtet Wegfall von 600 000 Jobs wegen Corona, Die Zeit (01/2021), https://www.zeit.de/news/2021-01/02/kieler-oekonom-fuerchtet-wegfall-von-600-000-jobs-wegen-corona.

10 Der in seinem Furor unaufhaltsame Lauterbach will angesichts dessen einen unbefristeten Lockdown und Kontrollen in Privatwohnungen und wird auch bald schon hinsichtlich Corona die Impfpflicht fordern, die er bezgl. Der Masern für geboten hielt. Vgl. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-krise-karl-lauterbach-fordert-unbefristeten-lockdown-a-34e4088d-e11e-4b79-8b67-d279f1a4636f;https://www.welt.de/politik/deutschland/article218800984/Corona-Regeln-Lauterbach-fordert-Kontrollen-in-Privatwohnungen.html;https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/08/21/lauterbach-fuer-impfpflicht.

11 Vgl. Das Virus als Wille und Vorstellung, http://magazinredaktion.tk/corona27.php. Klaue, Magnus: Die Antiquiertheit des Sexus – Zur Kritik der postmodernen Körpertechnologie, https://www.youtube.com/watch?v=tGl6Vb0fobA. Ders.: Das letzte Risiko, Die Welt (11/2020), https://www.welt.de/kultur/plus220042782/Corona-Moral-Kritik-an-Christian-Drostens-pandemischem-Imperativ.html.

12 Krüger, Carsten et. al.: SARS-CoV-2: Kollateralschäden der Pandemie, Dtsch Arztebl 2021; 118(3): A-91 / B-78, https://www.aerzteblatt.de/archiv/217426/SARS-CoV-2-Kollateralschaeden-der-Pandemie. Kuhbandner, Christof:Über die ignorierten Kollateralschäden von Lockdowns (12/2020), https://www.heise.de/tp/features/Ueber-die-ignorierten-Kollateralschaeden-von-Lockdowns-4993947.html?seite=all. Vgl. auch Klaue, Magnus: Die Erlösung, Die Welt (11/2020), https://www.welt.de/kultur/plus219333312/Corona-Politik-Abschied-von-der-Freiheitsgesellschaft.html.

13 Demirovic, Alex: ÜBER DIE NULL HINAUS DENKEN. ZUR KRITIK DES AUFRUFS #ZERO COVID (01/2021), https://www.zeitschrift-luxemburg.de/ueber-die-null-hinaus-denken/.

14 Auch sehr hübsch in Form des „pragmatischen Anarchismus“, der gar keine Revolution mehr, sondern „kommunalpolitische[s] Engagement“ betreiben, „ die Anarchie als zivilgesellschaftliche Alternative zur bestehenden Staatsgesellschaft“ aufstellen will. Vgl. Schmück, Jochen: Kommt nach der Pandemie die Anarchie?, in: Espero, libertäre Zeitschrift (Nr. 2, 01/2021), S. 13-64, S. 62f.

15 Vgl. J.Wertmüller/ U.Krug: Infantile Inquisition, Bahamas (Bahamas 32/2000), http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web32-4.html.

16 Etwa Ebermann, der von Streecks „todbringender“ Position schwadroniert, gegen Peter Nowak einen konsequenten Bruch fordert. Ebermann, Thomas: Die Konstruktiven – Thomas Ebermann über die Zero-Covid-Kampagne (03/2021), https://www.freie-radios.net/107693.

17 Dörrenberg, Clemens: „Querdenker“ im Frankfurter Grüneburgpark – „Wir impfen euch alle“, https://www.fr.de/frankfurt/frankfurt-querdenker-coronavirus-grueneburgpark-massnahmen-covid-19-schutzmasken-abstand-antifa-90048392.html. Libertad Media: Querdenken-Demonstration und antifaschistischer Protest: „Wir impfen euch alle“, https://libertad-media.de/2020/querdenken-demonstration-und-antifaschistischer-protest-wir-impfen-euch-alle/.

18 Fuß tut Kritik daran als „Grundrechtsgefasel“ ab. Fuß, Frederik: CORONA UND STAATSKRITIK, DA (02/2021), https://direkteaktion.org/corona-und-staatskritik/.

19 Etwa Hanloser, der in jetziger Kritik an den Maßnahmen ein „barbarische Tendenz“ entdecken will. Hanloser, Gerhard: Linke, die nur Rechte sehen, ND (08/2020), https://www.neues-deutschland.de/artikel/1141063.linke-die-nur-rechte-sehen.html. Zur verschobenen Revolution vgl. denselben: Wohin?, Graswurzelrevolution (06/2020), https://www.graswurzel.net/gwr/2020/06/wohin/

20 Hoffnung gibt, wenn Menschen, die nicht links-moralistisch verbildet sind, für die Liebe die Regeln brechen. https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/uns-ginge-es-nicht-gut-wenn-wir-uns-ausnahmslos-an-alle-regeln-gehalten-haetten-li.150002.

21 Antideutsche Kommunisten Berlin: Fragmente in Regression – linke Selbstauflösung zwischen Theorie und Praxis, http://adk.atspace.com/pub/marx/fragmente.html. Auch: Dies.: Bestandsaufnahme des Haufens, innerhalb dessen wir bisher zu wirken versuchten, http://adk.atspace.com/corr/bestand.html. Dies.: Scheinrevolutionärer Quietismus oder spießiges Bildungsbürgertum, http://adk.atspace.com/corr/schein.html.

http://www.magazinredaktion.tk/corona65.php

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