Halkyonische Tage oder die Ruhe vor dem Sturm.

Ein kurzer Wetterbericht aus Griechenland.

Auf deutsch heißt es ‚Weihnachtszeit‘ oder ‚zwischen den Jahren‘. In anderen Kalendern und Geographien bezeichnen Αλκυονίδες (Alkyonides), die halkyonischen Tage, eine Phase sonnigen und windstillen Wetters rund um die Wintersonnenwende. Das Mittelmeer sollte ruhig und nach stürmisch regnerischem Herbst gut befahrbar sein. Doch wie das so ist, wenn griechische Mythologie im Spiel ist, wird es gerne mal grausam (#dankezeus). Drei sogenannte Schiffsunglücke in drei Tage vor Weihnachten, 31 Menschen tot geborgen, knapp 50 vermisst [https://alarmphone.org/en/2021/12/25/three-shipwrecks-with-dozens-feared-dead-in-the-aegean-while-pushbacks-continue-to-happen/]. Währenddessen sucht die Sea-Watch 3 mit fast 450 aus Seenot geretteten Menschen einen Hafen [https://www.facebook.com/seawatchprojekt/videos/473858957505947]. Auch währenddessen setzt die Griechische Küstenwache 31 Menschen, die sich schon auf der Insel Chios befanden, in Rettungsinseln in türkischen Gewässern aus [https://aegeanboatreport.com/blog-posts/]. Pushbacks sagen alles über den Zustand der rechtsstaatlichen Wetterlage aus – heikel Sonnenschein. Thema hierzulande der Corona Ausbruch an Bord eines Kreuzfahrtschiffes. Mittlerweile wurde vier weitere Leichen an den Stränden der Urlaubsinseln Naxos und Paros angespült. Die Gewalt an den europäischen Außengrenzen gleicht einer endlosen Tornado-Saison. Die Gewohnheit macht Wetterwarnungen augenscheinlich genauso überflüssig, wie die als ‚Refugees‘ kategorisierten Objekte.

In Athen hingegen ist es noch einmal still geworden. Die Raumzeit außer Kraft gesetzt. Die sogenannte Omikron Variante hat die Stadt blitzkriegartig eingenommen. Jenseits offizieller Verlautbarung scheint niemand nicht positiv oder Kontaktperson ersten Grades zu sein. Noch einmal Wartezeit. Die Menschen begeben sich in Selbstisolation. Aber es könnte das falsche ‚o‘ gewesen sein, das die Virologen gewählt haben. Zumindest was das Herrschaftsinstrument des Gefügigmachens durch Panikverbreitung betrifft, könnten wir es mit der omega Mutante zu tun haben, der letzten ihrer Art. Die Corona-Schock-Strategie am Ende? Einiges deutet darauf hin, war das Sozialverhalten doch schon inmitten der ‚delta-Welle‘ merklich entspannter. Während die Fallzahlen im Herbst so hoch wie nie zuvor waren, platzen auch die Konzerte und Veranstaltungen aus allen Nähten. In Bewegung kulminierte dies in einen enormen schwarzen Block zum Gedenken an Alexis am 6. Dezember [https://sunzibingfa.noblogs.org/post/2021/12/13/black-to-life-black-to-reality-diese-zeilen-sind-fuer-alexis/#more-1869]. Jetzt, kaum noch social-media postings über die dennoch häufig genutzte ‚Booster‘-Impfung. Dafür regelmäßig ein hinzugefügtes: ‚Wenn die in drei Monaten sagen, wir brauchen die vierte Dosis, mach ich den Scheiß nicht mehr mit‘.

Ein Jahr und neun Monate Pandemie-Politik, die in Griechenland als Beschleunigung der vor zweieinhalb Jahren gestarteten Offensive selbstherrlich-autoritärer Politik der Neofaschistischen Demokratie Regierung daherkam. Und die Spaltung und Provokationen nehmen kein Ende. Während die halbe Bevölkerung krank ist, bleiben die PCR-Tests zum Nachweis selbst zu zahlen (47€ bei 650€ Durchschnittseinkommen). Es gab zahlreiche Berichte von Angestellten, dass ihre Ausbeuter enormen Druck ausüben, trotz positivem Test im Weihnachtsgeschäft arbeiten zu gehen, prominentest beim Kaufhaus für Bücher, CDs und Elektroschrott ‚public‘ [https://www.keeptalkinggreece.com/2022/01/04/greece-covid-sick-employees-employers/]. Und während die Bewegung auf Treffen in den freien Tagen und auf Neujahrsparties verzichtet, räumten die Bullen am 31. Dezember den seit 34 Jahren bestehenden ‚Biologica‘ Squat  [https://athens.indymedia.org/post/1616227/] auf dem Gelände der Universität in Thessaloniki.

Die vortrefflichste Selbstherrlichkeit brachte allerdings Athens Bürgermeister zustande, seines Zeichens Neffe des Ministerpräsidenten, also Mitglied der herrschenden Familiendynastie der Olivenrepublik. Er veranstaltete zum Silvesterabend ein Konzert für die ‚Kommune‘, mit einem bekannten Popsänger und Casting-Show-Juroren für 180 geladene Gäste auf dem zentralen Hügel in Athen Lykabettus. Schon als vor Weihnachten bekannt wurde, dass das Spektakel 215.000 Euro kosten wird, war die Aufregung groß angesichts klammer Kassen und unzähliger Menschen, die ihre gestiegenen Strom- und Gasrechnungen nicht mehr zahlen können. Als dann noch drei Tage zuvor die Corona-Bestimmungen geändert wurden und seither alle Gaststätten um Mitternacht schließen müssen und live Musik wieder verboten ist, kippte die Stimmung endgültig. Letztendlich fand das Konzert ohne Zuschauer aber dafür unter massivem Schutz von Riotcops statt, was zumindest den Twittersturm

[https://twitter.com/hashtag/cancel_rouvas?src=hash&ref_src=twsrc%5Etfw]

mit lustigen Memes anreicherte.

Das Fass scheint jeden Moment überzulaufen. Diese Schamlosigkeiten müssten eigentlich auch in der breiten Bevölkerung nach hinten losgehen. Trotz allem gibt es weder Anlass für überschwänglichen Optimismus, noch für nach dem letzten Plastikstrohalm greifende ‚jetzt-oder-nie‘ Rhetorik. So wahrscheinlich wie die Entfesselung der angestauten Ladeenergie auf der Straße, scheint fortgesetzte gesellschaftliche Paralyse. Falls eindreiviertel Jahre Wartezeit weitgestreute Tiefenentladungen bewirkt haben, ist das größtmögliche Schreckensszenario wohl, dass die nächste Massenmobilisierung erst im Metaverse stattfinden wird.

Es ist an uns, mit halkyonischem Lächeln, wie Nietzsche sagte, uns der Unbestimmtheit hinzugeben und die Abgründigkeit unserer Existenz zu konfrontieren. Die Revolte anzetteln, indem wir die gebrochene Angst in unsere praktische Erfahrungswelt transformieren, in kollektiv-selbstbewusste Handlungsmacht überführen. Aktionsformen mit mimetischen Potentialen, massenhafte Aneignung und Umverteilung der Konsumgüter der großen Handelsketten oder die Übernahme in Selbstverwaltung von Krankenhäusern, könnten die Welt der sozialen Kämpfe wieder zum Leben erwecken. Massenhaftes Kündigen der systemrelevanten Mindestlohnjobs bei gleichzeitigem Engagement in den systemuntergrabenden Solidaritäts- und Mutual-Aid-Netzwerken. Oder, wie die favorisierte Anwältin der Bewegung kürzlich in einem post [https://www.facebook.com/anny.paparousou/posts/10228561331804759] über die Schande der griechischen Politik schloss: ‚Doch der Moment wird kommen, das ist unausweichlich, an dem die Würde sich wieder ihren Platz verschaffen und die Geschichte ihren Lauf nehmen wird.‘

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