Riot. Strike. Riot – Vorstellung auf der Linken Literaturmesse in Nürnberg am 7.11.2021

Zu: Joshua Clover – Riot. Streil. Riot: die neue Ära der Aufstände

Galerie der abseitigen Künste GbR, Januar 2021

Eine verkürzte Besprechung – von Karl-Heinz Dellwo

Preludium:

1. Auszug aus Riot. Strike. Riot (Galerie der abseitigen Künste 2021)

Du weißt, wie du es bekommst, ohne Anzahlung, kein Geld niemals,
Geld wächst nicht auf Bäumen, nie im Leben, nur Weiße haben es,
machen es mit einer Maschine, um dich zu kontrollieren, du kannst
nichts von einem Weißen stehlen, er hat es schon gestohlen, er
schuldet dir alles, was du willst, sogar sein Leben. All die Geschäfte öffnen, wenn du die magischen Worte sagen wirst. Die magischen Worte sind:
An die Wand, Motherfucker, das ist ein Überfall! Oder: Schlag’
das Fenster bei Nacht ein (dies sind magische Aktionen) schlag’ die
Fenster tagsüber ein, zu jeder Zeit, zusammen, lasst uns das Fenster
einschlagen, die Scheiße von da drin wegschleppen. Ohne Anzahlung.
Keine Zeit fürs Bezahlen. Nimm einfach, was du willst.
– »Black People!«, Amiri Baraka


2. Auszug aus: Wenn die Toten erwachen. Die Riots in England 2011 (LAIKA-Verlag 2012)

Ich bin einer der Jugendlichen, die in den Sozialbauten aufgewachsen sind, bei Gangs dabei waren und in der Schule Drogen verkauft haben. Ich wurde auf der Straße erzogen, mit unseren eigenen Werten und Respekt. Einer von denen, die sich genommen haben, was sie kriegen konnten, weil denen, die nichts haben, nichts gegeben wird. Immer auf der Suche nach einer Möglichkeit, das System zu ficken, entschuldige ich mich nicht für das was und wer ich bin. Ich spreche für niemanden, ich spreche nur für mich selbst. Die Regierung hat mir schon immer einen Scheißdreck bedeutet, ob sie nun in Form meiner Eltern, der Lehrer oder der Polizei aufgetreten ist, die alle demselben Programm folgen. Ihre Welt besteht nur aus Lügen und Heuchelei. Ein »Gesetz« für die Reichen und ein anderes für den Rest. Die einzige Art, wie ich klar komme, ist zusammen mit meinen Leuten, auf unsere Weise. Ich hatte in meinem Leben keinen Job länger als drei Monate, und was mich betrifft, gehe ich lieber ins Gefängnis, als in einem ausbeuterischen Job zu arbeiten. All diese Bosse, die den Arbeitern Zeit und Leben rauben, sind die wahren Kriminellen, die und die Banken, die es für die Reichen sicher und gemütlich machen. Was wir tun, ist nichts anderes, als uns den uns zustehenden Anteil zu nehmen. Wir kommen jedenfalls über die Runden. Diese Städte sind Müllkippen und werden es immer sein. Wir ertragen es nicht mehr, und wir: das sind Massen. Wenn die Leute etwas wollen, müssen sie kämpfen, um es zu bekommen – immer. Es gibt keinen Raum für Diskussionen mit der Polizei oder Politikern, überhaupt
keinen, denn für sie sind wir nur Scheiße. Diese Zeilen wollen nicht mehr,
als ihnen allen ein »Fickt Euch!« entgegenzuschleudern. Sie wollen uns auslöschen und wegsperren. Uns davon überzeugen, dass wir nichts wert sind. Nun, wir alle sind Menschen, die Entscheidungen über ihr Leben treffen, »gute« und »schlechte«, aber die Reichen werden jedenfalls nicht bestimmen können, wie wir unser Leben führen sollen, ebenso wenig die Bullenschweine oder die Politiker. Alle Städte sollen brennen, wenn sie einen von uns töten. Diese mächtigen und reichen Idioten, die jedes einzelne Leben kontrollieren und die Menschen in Lohnsklaverei und Leid halten wollen, müssen verschwinden. »Mit allen Mitteln, die nötig sind«, wie Malcolm X gesagt hat. Sie dienen nur sich selbst, und der einzige Weg zu einem freien und besseren Leben für uns besteht darin, sie loszuwerden.

Zu: Joshua Clover – Riot. Streil. Riot: die neue Ära der Aufstände
Galerie der abseitigen Künste GbR, Januar 2021
Eine verkürzte Besprechung – von Karl-Heinz Dellwo

Was ist der Riot? Randale oder Klassenkampf? Für den Bürger ist der Riot Randale. Für seine Justiz eine kriminelle Handlung. Für Jan-Philipp Reemtsma ist er eine zu verwerfende Selbstermächtigung. Für den Parteikommunisten ist er Anarchie. Für den Anarchisten ist er das Aufleben der Commune.

Aber was ist er? Ist er überhaupt etwas davon oder ist er etwas von allem? Ist er vielleicht einfach nur etwas, wo der Kessel in die Luft fliegt? Ein ungesteuertes Ereignis, ein Vorzeichen?

Für Clover ist der RIOT eine Kategorie des Klassenkampfes. Er absentiert sich damit von denen, die den Riot primär aus einer soziologischen oder sozialpsychologischen Perspektive betrachten, oftmals die Blickrichtung von Liberalen, die nach Verständnis, statt nach Begriff suchen.

Der Riot hat für Clover eine Unmittelbarkeit, aus der er aufbricht, zugleich aber auch eine Geschichte, die es zu erkennen gilt
und
eine direkte Verknüpfung mit der systemischen Krise des Kapitalismus. Der Riot ist für Clover keine Erscheinung ohne Politik, reflexhaft, also bewusstlos ausgebrochen aus der systemischen Krise des Kapitalismus, sondern im Gegenteil, eine politische Haltung, die dem primären Strang der heutigen Kapitalbildung entspricht.  

Clover unterscheidet den Riot klar vom Streik. Für Clover ist der Streik ein Kampf um den Lohn, ein Kampf, der in der Manufaktur und in der Fabrik stattfand und stattfindet. Der Riot ist kein Kampf in der Fabrik, sondern ein Kampf auf dem Marktplatz. Hier ist es plausibel, wenn Clover den Riot geschichtlich vor den Streik einordnet. Denn der Marktplatz war der Ort, an dem sich vor der Industrialisierung der Welt die Menschen trafen. Dort fand der Handel statt und er fand lokal statt.

Der Riot brach aus, wenn der jeweils gesellschaftlich akzeptierte Tausch aus seiner Einhegung, aus seinen Konventionen, die man vielleicht als lebenstaugliche Vernunft der Massen trotz grundsätzlicher Ungerechtigkeit bezeichnen kann, herausbrach –
sei es wegen Katastrophen wie schlechte Ernte, Krieg oder anderer Dinge.

Hier ist der Riot, wie er zu Anfang bemerkt, der Einbruch in eine für viele Individuen verzweifelte gesellschaftliche Situation. Eine Verelendung ist an ihr Limit geraten und explodiert. Geschichtlich sind die ersten Riots als Brot- oder Hungerrevolten zu verstehen. Wir finden sie bereits im Mittelalter.  Es gab nur den Markt als Ort, wo der Widerspruch aufbrechen konnte.

Der Riot hat sich in der Geschichte der kapitalistischen Vergesellschaftung nach und nach zum Streik hin verschoben. Das Auftreten von Streiks und ihre Entwicklung ist mit dem Voranschreiten der Industrialisierung verbunden. Im Prinzip

– wir reden hier immer von der westlichen Welt, also Nordamerika, Europa und Japan –

dominierte der Streik die Klassenauseinandersetzung ca. 200 Jahre lang, von etwa 1790 bis 1970. Wir reden hier von der Dominanz, nicht von der Ausschließlichkeit. Denn auch weiterhin gab und gibt es die Überschneidung von Streik und Riot.

Nach Clover wird das Jahr 1973 zum Dreh- und Angelpunkt, weil sich da der Kollaps der industriellen Profite ankündigt.
Kapital ist da und kann sich in der industriellen Produktion nicht mehr wirklich zum neuen Wert vermehren.
Daraus folgt zum einen eine Modernisierung der Produktion, die Effizienzsteigerungen in einer Globalisierung der Arbeitsteilung sucht und damit verbunden: Die Hinwendung des Kapitals in andere Sektoren, die Profit versprechen, die nicht primär mit der Fabrik, sondern mit der Zirkulation, dem Transport, der Finance oder der Kommunikation verbunden sind.
Einer der sozial-politischen Folgen ist die Schwächung der Möglichkeiten militanter ArbeiterInnenorganisierung im Westen, die zum dauerhaften Erlebnis wird und die alte Klasse der Arbeiterbewegung in die Defensive drängt. Die Kollektive verschwinden und an ihre Stelle tritt das Individuum oder der individuelle Zusammenhang, der innerhalb der kapitalistischen Realität sich vorteilshaft zu positionieren sucht.

15 Jahre später ist diese Globalisierung der Arbeitsteilung allgemein etabliert. Dann implodiert der Realsozialismus und lässt die ideologische Macht des Kapitalismus in ein scheinbar Unermessliches wachsen. Mit dem Realsozialismus verschwindet eine kommunistische Vorstellung in der Welt, die mit der Fabrik als Terrain und der Frage des Eigentums an den Fabriken verbunden war. Einher geht damit der Verlust von revolutionären Perspektiven. Streiks in den Fabriken reduzieren sich innerhalb des Kapitalismus auf die Kategorie des Verteilungskampfes und sind, indem sie sich einer als »alternativlos« gesetzten Produktions- und Verwertungslogik unterwerfen, gleichzeitig entgegen ihren Interessen auch systemstabilisierend, also sowohl Kampf als auch gleichzeitig systemisch vom Standpunkt der Unterworfenen eine kontrafaktische Haltung.

Auch das wirft schon ein politisches Licht auf den Riot. Der Riot enthält die Negation des Ganzen, die dem Streik inzwischen abhanden gekommen ist und die allenfalls sich in der Idee des Generalstreiks noch finden lässt, zu dessen Anwendung es aber nicht kommt, weil die globalisierten Produktion eine Arbeitereinheit realistisch nicht mehr aufkommen lässt – oder erst dann, wenn das System bereits implodiert.

Wenn Clover sich auf das Jahr 1973 bezieht, so bezieht er sich auf die Akkumulationszyklen, die Fernand Braudel erkannt hatte. Dessen Beobachtungen aus den geschichtlichen Verlaufsformen seit dem 13. Jahrhundert verbinden drei Zeitebenen der Geschichte miteinander und eröffnen einen zeitlichen Überblick über die innere (Zwangs-)Entwicklung des westlichen Wirtschaftssystems.

Braudel begreift Geschichte als zusammenhängendes Ganzes. Dieses Ganze besteht aus
–    der langen Dauer von Strukturen, die eine langsame Entwicklung zur Folge haben wie die Geschichte der Menschen in ihrer Geografie;
–    der mittleren Dauer, auch Konjunkturen genannt, wie das goldene Zeitalter oder die große Depression;
–    dem Ereignis, dargestellt durch die kurze Dauer politischer Umbruchphasen mit oftmals nur örtlicher Strahlkraft.

Vereinfacht ausgedrückt geht es in jeder historischen Epoche der Kapitalproduktion um den Zyklus
–    des zur-Verfügung-Stellens des Kapitals
–    der daraus resultierenden Warenproduktion
–    die wiederum ein höheres Kapital produziert
–    aus dem die nächste erweiterte Warenproduktion kommt.

Seit dem 13. Jahrhundert hat sich die Zeitspanne dieses zeitweise funktionierenden Akkumulationszyklus in seinem Bewegungsgesetz vom Auftrieb bis zur strukturellen Krise ständig verringert, von ca. 220 Jahren auf etwa 100 Jahre zu Ende des letzten Jahrhunderts.

Am Ende dieses letzten Zyklus, der nach Clover 1973 offenkundig ist

– und, im Nebenbei, noch einmal einen anderen Blick auf das »1968« wirft als Zeit, in der die grundsätzliche Krise des Systems erkannt worden war und seine geschichtliche Evidenz suchte –

verschiebt sich der Einsatz des Kapitals vom produktiven Sektor hin zu jenem FIRE-Sektor:
Finance, Insurance and Real Estate, also Finanzen, Versicherungen und Immobilien
findet dort aber keine dauerhafte Lösung und greift stattdessen zu immer frenetischeren Provisionsschneidereien, immer ausgefeilteren Plänen, größere Blasen und Pleiten. Wir alle kennen aus der jüngsten Zeit Wirecard, früher war es ENRON oder die toxischen Börsenpaketen mit ungesicherten Immobilienpaketen. Es herrscht keine Geldknappheit, sondern ein Überfluss an Geld, das zur Unproduktivität verurteilt ist, unfähig, sich selbst in Kapital zu verwandeln.

Das produzierende Kapital, das weiterhin, aber – als Anlage im eigenen, produktiven Bereich – unter immer größeren Mühen
(oder immer offeneren Betrug: siehe die Autoindustrie)
neues Kapital verwerten kann, ist längst dominiert von jenem Finanzsektor, der spekulativ in der Welt, die ihm zum Dorf geworden ist, immer größere Summen produziert, denen eine Anbindung an reale Werte fehlt. Es sucht auf dem (Welt)markt mit allem zu handeln.
Offensichtlich fehlt der Raum bzw. reduziert sich der Raum für ständiges Wachstum, was Überlebensbedingung für den Kapitalismus ist. Die Bereitschaft deshalb, auch gegenüber den eigenen Normen irregulär, also auf sie bezogen kriminell zu werden, findet inzwischen leicht ihren Durchbruch.

»Von 1973 bis heute«, zitiert Clover Robert Brenner,  »hat die Leistung der Ökonomie in den Vereinigten Staaten, Westeuropa und Japan sämtlichen makroökonomischen Standardindikatoren zufolge Konjunkturzyklus um Konjunkturzyklus, Dekade um Dekade nachgelassen (mit Ausnahme der zweiten Hälfte der 1990er Jahre)«.

Diese irreguläre Abweichung in den 1990er Jahren ist meiner Meinung nach zweifellos auf Deindustrialisierung der staatssozialistischen Wirtschaft zurückzuführen, von denen der Westen exorbitant profitierte (Ich kann dazu allen nur das Buch: Anschluss aus dem LAIKA Verlag empfehlen) und seine eigene Krise hinausschieben konnte. Insoweit ist z.B. der Jugoslawien-Krieg auch als Absatzerweiterungskrieg für den Westen, insbesondere für die BRD, zu definieren.

Diese Kapitalakkumulation bewegt sich eben nicht mehr hauptsächlich in der Produktionssphäre, sondern in der Zirkulationssphäre, also nicht mehr in der Fabrik, sondern auf dem globalen Markt. Der Markt aber ist, wie Clover immer wieder betont, der Widerstandsadept für den Riot, nicht für den Streik. Der Marktgänger kann nicht streiken. Er kann nur die Regeln des Marktes stören oder neu definieren. Dazu kann er sich nur spontan zusammenfinden und muss die alte Ordnung des Marktes über den Haufen werfen.

Die Kämpfe, die in der Fabrik stattfinden, erreichen den Markt und die Menschen, die außerhalb der Fabrik ihre Existenz fristen müssen, nicht. Sie (diese Kämpfe) vollziehen sich unabhängig, zumindest separiert von ihm und ihnen. Beides klafft auseinander und definiert auch die Menschen – hier als Menschen, die inkludiert sind im Kapitalismus und jene, die aus der Produktion ausgeschlossenen werden hin in eine fortdauernde krisenhafte Existenz:
Die Exkludierten.
Sie stellen das dar, was wir Surplusbevölkerung begreifen müssen, also als Menschen, die der Kapitalismus nicht mehr braucht und von denen, in unserer unmittelbaren Nähe, bereits 10tausende im Mittelmeer ertrunken oder vorher auf der Flucht bereits ums Leben gekommen sind und weiterhin sterben. Die Exkludierten werden zur Legitimation ihrer Ausgrenzung einer Rassifizierung ausgesetzt. Es ist die Rassifizierung des »einkommenslosem Leben« (Michael Denning).

In den USA ist der Anteil der farbigen Arbeitslosen doppelt so hoch wie die als durchschnittlich berechnete und führte zu einer gewaltigen Expansion des , privatwirtschaftlich betriebenen gefängnisindustriellen Komplexes zur Verwaltung der Surplus-Bevölkerung. Auch der Ausschluss und die Vernichtung werden hier noch kapitalisiert. Auch hier sieht man, dass das Kapital alle Lebensbereiche längst zur weiteren Kapitalakkumulation okkupiert hat. Auf Weltebene finden wir die Verwaltung der einkommenslosen Surplus- oder Überschussbevölkerung in den Lagern in Libyen, in Griechenland, in den Slums von Khartum bis zu Kairo oder in den Favelas in Lateinamerika. Sie verweisen darauf, dass der Rassismus des alten, sozusagen ideologischen Faschismus,
längst übergegangen ist in einen Rassismus – damit aber auch Faschismus – der der Kapitalakkumulation immanent ist und seine Wirkung untergründig in den Menschen entfaltet, indem er deren Sicherheitsinteresse politisch für sich aktiviert.
Einen Antirassismus, nebenbei bemerkt, ohne Antikapitalismus, kann es glaubhaft nicht geben. Ebenso stellt sich die Frage, ob die kapitalistische Akkumulation mit ihrer Aufteilung der Menschen in Inkludierte und Exkludierte inzwischen nicht als gleichzeitig technofaschistische zu bezeichnen ist.

Diese Bevölkerung, die in die Zirkulationssphäre gedrängt wird und selber zirkuliert im verzweifelten Kampf darum, Teil des Systems zu werden, das in seiner Regelhaftigkeit wenigstens berechenbar ist, kann der Konsumgesellschaft nicht entfliehen und bleibt trotzdem ohne Zugang zum Lohn. Die Surplusbevölkerung, das neue Proletariat findet sich in einer neuen Situation wieder. War früher auf dem Markt – (neben ein paar Bütteln und Ordnungsträger, die Ordnung im Geschehen garantieren sollten, das mehr oder weniger auf Übereinstimmung, wenigstens auf Verhandlung basierte) – der Staat fern und die Ökonomie nah, so ist heute der Staat nah und die Ökonomie fern – oftmals im geografischen als auch im sozialen Sinn. Wo die Ökonomie verschwunden ist, tritt die Polizei an ihre Stelle. Insoweit rückt der Staat auch im Klassenkampf an die forderste Stelle.

Nah ist das stehende Heer der Polizei, das unter den Vorwänden des Krieges gegen Drogen und Terror bei Fuß steht und die Verhältnisse sichert, die immer weniger auch nur den Schein von Erfüllung bringen und denen deshalb der innere Konsens entschwindet, also der alte Gesellschaftervertrag, der allen wenigsten eine Mindestsicherung für ihre Lebensplanung versprach.

Der Widerspruch gegen das ganze Falsche muss sich deshalb auch gegen den Staat erheben; eine andere Möglichkeit besteht nicht. Er erschöpft sich aber nicht darin. Es ist nicht nur der Staat, gegen den sich der Widerstand erheben muss; er stellt sich auch gegen die, die die Verkleinerung einer gesicherten gesellschaftlichen Grundlage akzeptieren, weil sie in ihr noch integriert sind. Der Widerspruch beinhaltet aber nicht nur den sich entwickelnden Zustand vermehrter Exklusion. Er muss auch die kommende Katastrophe sehen, die mit dem Imperium des Kapitals verbunden ist, das wahrscheinlich seinen geschichtlichen Herbst erreicht hat und das soziale, ökonomisch begründete Elend durch andere Dramen wie die Klimakatastrophe zu einem Alptraum addiert.

In der Welt der Exklusion ist die Plünderung, die den Riot oft begleitet, nicht einfach eine simple Aneignung durch Gewalt. Auch sie hat das Moment einer Wahrheit:
Sie ist die Festsetzung des Preises der Waren auf Null – entsprechend der eigenen Unmöglichkeit, ausreichend Äquivalente durch Arbeitsleistung zu erbringen. Die Irrationalität, die dem Riot angehangen wird wegen seiner kurzfristigen Dynamik, seinen Plünderungen und Brandstiftungen, ist aus der Sicht des Menschen, der von allem ausgeschlossen ist, eher als rationales Handeln zu sehen. Das Kapital hat seine Ressourcen zunehmend in die Zirkulationssphäre, also den globalen Markt, verschoben. Die aus dem System Gedrängten können sich am Marktplatz des Systems nur zum Nulltarif bedienen.
Insoweit spricht der Riot auch davon, dass die Waren oder die Güter, aus denen ein materiell zufriedenstellendes Leben für alle in der Welt möglich ist, vorhanden
jedoch der Zugang zu ihnen versperrt ist für viele
und
zerrt damit den Antagonismus nach vorne, den die kapitalistische Gesellschaft, die schon längst keine bürgerliche mehr ist, sondern eben nur noch eine kapitalistische, bestimmt alleine von Rationalität und Effizienz, zu verdecken versucht.
Der Riot steht nach Clover nicht im Gegensatz zum Streik, auch nicht in Konkurrenz zu ihm. Er ist aber das Mittel, das in einer Welt der Zirkulation, also in einer Welt des globalen Marktes, auf dem alles verhandelt wird und sich bewegt: Kapital, Menschen, Güter, Information und soziale Normen, den politischen Antagonismus in den Zuständen immer wieder erneuert und damit das System als Ganzes in Frage stellt.

Niemand weiß, was kommt an realer Gegenkraft und Gegengesellschaftlichkeit. Alle wissen – oder ahnen – dass der Kapitalismus als Hegemon von Welt und Leben nicht mehr funktioniert und in die Phase der Selbstdestruktivität übergeht.
Wir kommen dagegen vielleicht in die Phase eines langandauernden Aufbruchs. Was unverzichtbar ist, ist der Abschied von den Politikverständnissen des letzten Jahrhunderts. Die Gleichung: proletarische Organisation, revolutionäre Partei zur Inbesitznahme der Staatsmacht und der Produktion, um daraus den Sozialismus einzuführen, hat, wie Clover zu Recht schreibt, sich tief ins Bewusstsein eingegraben und behindert uns.  Wir brauchen in allem einen Neuanfang. Und dieser Neuanfang hat eine klare Grundlage: die Kommune als Lebensform, der Aufstand als Ort, der sich selber um seine soziale Reproduktion kümmert. Besitz an all den Dingen, die allen gehören müssen, ist damit ausgeschlossen.

Niemand weiß, ob die Riots diesen Neuanfang vorantreiben, ob sie nun 5, 10, 15 oder 40 Jahre lang in der kommenden Zeit das Modell sind, in dem eine verlorene Menschheit ihr Verlangen nach Befriedigung ihrer materiellen Bedürfnisse und dem Glück im Leben geltend macht. Aber sie stehen dem auf keinen Fall entgegen. Und sie integrieren alle. Denn während der Streik eine Rolle voraus setzt, nämlich die des Arbeiters oder einer Arbeiterin und der damit verbundenen kollektiven Struktur, bedingt der Riot keine Rollenfestlegung und hält damit ein Ziel hoch:
Die Kommune befreiter Menschen.

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