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Wozu ist das Böse gut?

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18 Sep , 2018  

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Das Böse ist unbekannt. Das Gute bedingt das Böse. Und wenn das Gute dadurch gut ist, daß die Allgemeinheit aus ihm Nutzen ziehen kann, welcher Nutzen wäre dann unter welchen Umständen aus dem Bösen ziehbar? Demselben Bösen, welches per Definition nicht das Gute sein kann, und folglich unnütz sein muß. Von dieser These ausgehend unternimmt es die folgende Arbeit, die gestellte Preisfrage: Wozu ist das Böse gut zu untersuchen Die Arbeit hat das Wort:

Definitiv läßt sich sagen: das Gute setzt einen Wert: das Gute. Von dem aus leitet sich eine Selektion ab. Das Gute selektiert, es ist ja der Maßstab dazu. Außerdem bedient es sich der Sprache, wegen der Anerkennung>Durchsetzung. Wer spricht, schweigt auch. Das Gute wird zur Sprache gebracht, die Abweichung zum Schweigen: darüber wird nicht gesprochen, weil das wäre eben nicht gut. Wir wissen nun auch, wofür das Gute böse ist: für sein Ziel. So müßte die Banalität des Bösen besser Banalität des Guten heißen. Es ist es, das das Ziel setzt, es durchführt, das selektiert und das vergißt. Das Böse ist nur vom Guten aus gesehen böse. Wer studiert, arbeitet, gegen den Krieg demonstriert, ein Bild malt, mit -dem –Auto- in- den -Urlaub fährt oder Geld erbt, hat halt Ziele, ist gut. Das ist bekannt, offenbar, der Alltag ist das, und das ist gut. Darüber wird gesprochen, es wird sich gewünscht, gut geheißen. Es ist und bleibt: gut.“

Wozu ist das Böse gut?

Das Böse ist des Teufels! Es gibt aber keinen Teufel, Böses gibt es wohl. Es schwebt sozusagen ein Ungreifbares auf dem Begriff, der, was die theoretische Seite anlangt, die Erfassung seines Inhaltes in einen entschiedenen Nachteil gegenüber der Beurteilung wirklich praktizierter Bosheit gerät, so daß sich die Frage, was das Böse eigentlich sei, noch einmal in sich verdreht, und der Schluß: des Teufels, also das Gleichnis, bei aller Widersinnigkeit, plötzlich angebracht erscheinen muß, denn schließlich hängt die Beurteilung der empirischen Bosheit selbst von der theoretischen Voreingenommenheit ab, die immer schon da ist.

Das empirische Leben ist bekanntlich ein Tun im Sein. Wir, die wir den Begriff Bosheit untersuchen, tun dies, und zwar in Hinblick auf das Sein. Das Sein wird hierbei ganz als das Gegebene aufgefasst, von dem wir uns, um zu tun, d.i. gegenüber dem Gegebenen zu unterscheiden, dadurch in die erforderliche Entfernung setzen, daß wir es (wie Hegel) negieren. Unterschieden wir uns vom gegebenen Sein nicht, so gäbe es kein Sein, denn dies ist ja in Bezug auf mich, der das Sein ausspricht. Es ist mir gegeben, um zu tun, wobei ich erst tun kann, wenn es außer mir noch das gibt, womit ich tun kann, was der Fall ist, sobald ich mich vom Sein durch mein Tun unterschieden, es also negiert habe, habe ich etwas mit etwas getan, nämlich negiert, und zwar Sein. Anschaulicher wird das anhand der Sprache. Bosheit ist ein Wort, theoretisch. Die Untersuchung dieses Wortes ist Tun; um zu tun, muß ich das Wort negieren. Das Wort bleibt sich aber gleich, ich kann es nicht fortnegieren. Es ist kein wirkliches Sein, dieses Wort, aber ich benutze es in der Absicht zu tun, nämlich untersuchen. Es besteht eine Voreingenommenheit meinerseits in Bezug auf den Inhalt dieses Wortes. Diesen Inhalt , den das Wort für mich folglich birgt, gibt es aber nicht her, denn wenn es ihn hergäbe, hieße das, er wäre wirklich, real und negierbar. Die bloße Betrachtung ist mithin kein Tun. Sie negiert nicht, erzeugt keinen Abstand, der die Voraussetzung zum Tun ist, weil Tun ist mit etwas Tun, ist Behandeln. Betrachtung aber nicht: man versenkt sich in einen Gegenstand, behandelt ihn nicht, infolgedessen verwandelt man sich in den Gegenstand, weil man nur betrachtend sich gar nicht erst von ihm trennt. Man ist der Gegenstand. Man ist, wenn man so will, ganz Voreingenommenheit. Tun ist ja, nach Hegel, Verändern. Indem ich etwas negiert habe, habe ich das Gegebene gewandelt, das nun wieder, während ich die Konsequenzen ziehe, mich verwandelt. Diese Veränderung meiner selbst durch das Negieren von Gegebenem ist, nach Hegel jedenfalls, den wir zu Rate ziehen, die Bedingung, um die eigene angeborene(=bedingt, weil zeitlich) Voreingenommenheit zu verlassen. Also: Tun bedingt die Veränderung. Betrachtung ist voreingenommen, denn sie entspricht meinem bedingten Zustand, den ich seit meiner Geburt innehabe, was man ohne weiteres nachweisen kann, wenn man bloß den Leib anschaut, als welcher sichtlich ein Vorgefastes ist.

Das Sein bringt seiende Dinge hervor, die ich behandeln kann, also negieren. Das hat Konsequenzen. Ich negiere: verneine, will also Böses und erschaffe damit und also: Gutes. Hier taucht zuallererst die Bosheit auf, die, aufmerksam betrachtet, dem Tun zu eigen ist, da es negiert, verneint. Es läßt sich festhalten: Bosheit=Nein.

Über das Gute läßt sich einstweilen sagen: es bejaht. Was in zwei Möglichkeiten zerfällt: es bejaht ein Seiendes oder ein Erzeugnis infolge von Negation= ja zum Ergebnis.

Unsere Frage: Wozu ist das Böse gut stellt sowas wie die Synthese dar aus Gut und Böse, Ja und Nein. Wir kommen da nicht umhin. Soviel zur Dialektik.

Der Geborene kommt in seinem Körper zur Welt. Seine Form fasst ihn sozusagen vor. Ist es ganz Tabula rasa damit? Wir können diese Frage nicht beantworten, wir nehmen den Umstand, von Anfang an vorgefasst zu sein, für einen Hinweis. Auf der Welt unterliegen wir sogleich den Einwirkungen jener, die schon ihre biologischen Fähigkeiten zu unserer Erzeugung einzusetzen beliebt hatten. Und sie ihrerseits unterlagen bereits, und auch damals schon etc..

Wir entstehen in vorgefasster Form in relativen Umständen, folglich kaum frei und sehr bedingt. Die Gewohnheit ist das Training, dem der Geborene unterzogen wird, d.i. die Wiederholungen, mit deren Hilfe man ihm Dinge, wie die Nahrungsaufnahme oder den Siebentagerythmus beibringt. Man erwirbt Sitte durch Examination, durch das Internalisieren von <<richtig und falsch<< , unter servierten Gütern bei einigen Drohungen erlernt man allmählich die etablierten Gewohnheiten (Norm) anzuerkennen, macht dieselben zu den eigenen. Eine Norm weiß was gut und was schlecht ist. Dies ist ihr bekannt. Was ihr nicht bekannt ist, das ist ihr unbekannt, und folglich weder gut noch schlecht, also ist es auch nicht mehr die Norm. So geschieht es, daß wir nicht wissen was, aber es zieht uns zu sich. Wir haben zwar gelernt, was richtig und was falsch ist, jedoch haben wir nicht gelernt was es ist, daß weder richtig, noch falsch ist, und doch da ist. Das zieht uns an. Wieso? Die Umstände unserer Entstehung: vorgefasst, mithin nicht auszuschließen ist, daß als Fortsetzung. Sodann unsere Stelle inmitten anderer, die uns zurechtmachen, und das nicht allein für (das Richtige), sondern auch gegen (das Falsche).

Wenn wir uns die Frage, was richtig und was falsch sei vornehmen, betreten wir den Diskurs über die Frage: was ist böse? Böse ist was falsch ist. Die Norm bannt das Böse, indem sie untersagt, sich mit demselben einzulassen. Das nennen wir Training und dieses Training findet unter den Bedingungen von Gewohnheiten statt. Der Geborene hat diese Gewohnheiten noch nicht. Hier ist der springende Punkt. Der Geborene ist denen, die ihn gebären, unbekannt. Sie müssen ihn noch zurechtmachen, damit er nicht böse (sondern lieb) ist. Der Geborene fühlt eine Zone, in der er unbekannt ist, mit Argwohn betrachtet wird, und ebenso unbekannt empfindet er die ihn so betrachten, in dieser Zone. Er fühlt das wieder, ganz vage, in der Kluft zwischen richtig und falsch.

Das Konzept des Teufels umfasst ungefähr den Inhalt aller Diskurse über das Böse ( sein Wesen, seinen Sinn pp.). Der Teufel tritt nicht auf, er reißt ein, denn der Teufel stört, und zwar den Frieden, der wiederum eine dem Ungemach abgetrotzte Ruhe ist, in der die Erinnerung an die Unruhe aber immer noch gehegt wird. Friede ist die Bedingung für die Geburt. Geburt setzt voraus, daß Friede herrscht, nur unter den Bedingungen eines den Ansprüchen einer Geburt genügenden Gemaches ( Friedens, Ruhe) findet eine Geburt statt, was freilich die Furcht vor Störungen einschließt, die sich in der Vorsorge bei der Geburtshilfe artikuliert. Die Geburt stellt also einen Frieden dar, in dem eine Furcht ist, daß der Frieden (die Geburt) gefährdet werden könnte, weil es eine Erinnerung an das gibt, was nicht Friede ist. Dies ist die berühmte foucaulsche Trennlinie, mit der der Mensch anfängt, geboren wird. Seine Einschränkung, kraft der Geburt dem Frieden anzugehören, aber dem Nicht-Frieden nicht anheim fallen zu dürfen. Diese Erinnerung, welche die Furcht vor der Gefahr des Nicht-Friedens bedingt, nennen wir Bangigkeit. Diesen Nicht-Frieden nennen wir Teufel. Subjekt zwischen dem Frieden und dem Bösen (Nicht-Frieden) ist der Geborene. Dazu die Trennlinie, die mehrfach beschaffen ist. Die Umstände der Geburt, jener erste Friede, die damit verbundene Gewöhnung konstituieren den Blick, oder den ersten Blick des Geborenen auf seine erste Umgebung, die ihm noch Welt ist. Alle ihn umgebende Semiotik vermittelt den Sinn der Ruhe ebenso wie die warnende Bangigkeit, die keinen Begriff (evidende Rede, Sinn) hergibt, und deswegen im eigentlichen Sinne ein Unsinn ist, welcher aber die Trennlinie beschreibt. Daraus folgt, daß diese Trennlinie zwischen dem Frieden und dem Bösen, also der Gefahr, in die der Frieden geraten kann, fürs erste unbestimmt, weil ohne Begriff (Sinn) ist, gleichwohl aber ist. Es herrscht ein nonverbales, nur-empfundenes Einverständnis, eine stille Übereinkunft, es herrscht im Frieden zu Anbeginn seines Lebens für den Geborenen eine Gewohnheit. Die Furcht vor dem, was er nicht kennt. Ein Verbot, sich mit dem Unbekannten einzulassen. All das, wiewohl gestaltlos und unbekannt, verdient den Namen Teufel. Ergo: wo die Furcht ist, da ist der Teufel nicht weit. Gemach vs. Ungemach. Was der Geborene an Behagen durch die Welt in Empfang nimmt, wird in seiner Vollkommenheit nur erschüttert durch die Gefahr, daß dieses Behagen einen Schaden nehmen könnte, allerdings dergestalt, daß diese Gefahr unbekannt bleibt, solange bis sie da ist, so daß die Gefahr als solche nicht allein gefährlich, sondern dazu noch reizend zu wirken vermag, obendrein in seiner anziehenden Wirkung durch diese Mischform, zugleich gefährlich wie reizend zu wirken, um so verführerischer ist. In Gestalt wäre das der Teufel, solange unbekannt vertritt der Teufel sie als Symbol. Dieses Symboles bediente man sich auch lange Jahrhunderte, um mit dem Finger auf die leibhaftige Gefahr zu deuten. Die leibhaftige Gefahr ist mit wieder andern Worten unsere Preisfrage. Die Frage lautet also: was ist böse? Der erste Ansatz einer Antwort muß lauten: das böse ist unbekannt. Anhaltspunkt für das Bekannte als die Perpektive für das Unbekannte sei die Gewohnheit, besonders deutlich nach der Geburt, weil dort die erste Gewohnheit. Der Reiz des Unbekannten wird im Laufe dieser Arbeit zu erhellen sein. Setzen wir als Ausgangslage die Geburt, so setzen wir nicht ohne Willkür, weil die erste Gewohnheit vom Geborenen übernommen wird, von Seiten der etablierten Gewohnheiten derer, die ihn pflegen, nämlich nach dem, was sie kennen, erziehen. Der Geborene hat das aber nicht selbst kennen gelernt. Es entsteht ein Spalt zwischen den Erziehern und dem Zögling. Eine Zone, ein vages Gefühl, eine Fremdheit. Ein Potential.

Wir halten fest: man wird in Verhältnisse hereingeboren, folglich bedingt, nicht frei. Diese Bedingungen behandeln den Hereingeborenen zwar vertraut, als den Verwandten, zugleich aber wird derselbe zurechtgemacht, das heißt er lernt den Maßstab richtig>><falsch anzuerkennen, dergestalt, daß ihm das Falsche nicht viel genauer beigebracht wird, als ein Nicht-Richtiges. Ein Potential ergibt sich einerseits aus der Unbestimmtheit dessen, was falsch ist sowie andererseits aus einer gewissen Fremdheit, die allen Beteiligten, der Vertrautheit zum Trotz, vor einander anhaftet.

 

// ein Potential.

Es gibt da zwei Freunde, einer aus dem Osten, der andere aus dem Westen Deutschlands. Eines Tages sitze ich bei dem Ost-Freund in der Stube neben seiner Großmutter, die zerbrechlich im Stuhl lehnt, um Fernsehen zu schauen. Es läuft eine Sendung über Arbeitslosigkeit. Ihr Sohn ist arbeitslos, seit er 1989 entlassen worden war, bzw. war er ein Ingenieur und arbeitet inzwischen weit herabgesetzt als Nachtwächter. Die Familie war 1945 aus Ostpreußen geflohen. Flüchtlinge, die alles durch den Krieg verloren hatten und der DDR neu anfingen, bis auch die im Jahr 89 unterging. An einer Stelle, was mich auf diesen doppelten Zusammenhang brachte, murmelt die alte Dame: und was ist mit den Ossies? Der andere Freund stammt aus einer respektablen 68er-Familie, genießt ein entsprechendes Selbstgefühl. Sein Großvater vererbte ihm Geld, das es ihm erlaubt lange zu studieren, ohne sich um Geld sorgen zu müssen. Dieser Großvater war vor 1933 ein Anwalt, später war er ein Sekretär in der Behörde, die Juden enteignet hat, nach dem Krieg wurde er sehr reich mit Immobilien. Der Enkel spricht von diesem Zusammenhang nicht, den ich mir in die Augen fallen lasse.

Schweigen ist eine Macht. Man braucht nicht Kleist sein, um zu ahnen, wie ein Gedanke fertig wird, trotzdem er stockt, und was macht einen Gedanken mehr stocken, als die Isolation, nicht erwünscht zu sein? Es gibt diese Gedanken, deren Gebrechen es ist, unfertig, unformuliert zu sein, und es gibt gleichzeitig ein Interesse, diese bedürftigen Gedanken lieber schmachten zu sehen, als ihnen zum Wort zu verhelfen. So kommen wir auch gleich zum Guten.

// Das Gute

Wenn etwas zu erreichen ist, dann ist es gut. Das Gute ist, was sich als Ziel setzen, vorstecken läßt, das Gute ist möglich und deswegen gut; es bewahrt die Hoffnung. Man könnte abgekürzt so sagen: das Gute ist das Mögliche. Das Böse dagegen ist das Unmögliche. Deswegen böse, weil es schadet, denn was das Unmögliche zu erreichen trachtet, strebt nach nichts, und nichts ist nicht zu erreichen, ehe der Nichter vernichtet ist. Der Nichter ist notwendig nichts noch bevor alles nichts ist. Nichts ist eine Richtung ohne Ziel, wer sie geht, der erschafft nichts, zerstört aber alles, was er ja will, bis er selbst zerstört ist, was er ja erreicht. Das Gute ist eine seltsame Organisationsform, die alles von seinem Ziel her, das es zu erreichen strebt, bewahrt. Tut es das? In dieser Betrachtung kämen wir in der Konsequenz zu der sehr allgemeinen Formel: Das Gute ist Alles, das Böse ist Nichts. Man kann das Nichts auch das Absurde nennen, weil sobald es Ziel, alles, um erreicht zu werden, zerstört werden muß, was unmöglich ist, weil das Zerstörende notwendig unzerstört bleiben muß, um sein absurdes Ziel zu erreichen und Nichts zu erzeugen. Von hier aus leuchtet ein, warum das Gute seit alters siegt, jedoch bewegen wir uns weg von der Frage wozu das Böse gut sei. Es gibt freilich auch die Auffassung des Guten a priori: alles ist gut und dergleichen. Selbt diese Formel, genauer besehen, ist ein Ziel, denn wenn dem so wäre, wie das Wort lautet, wäre das Wort gar nicht nötig. Das Wort verfolgt seinen Zweck (will überzeugen, den Zweifel beheben), es hat folglich auch damit sein Ziel. Also, das Gute will Etwas, das Böse will Nichts, etwas gewolltes ist immer ein Ziel.

//Nun ja

Das Gute hat seine Ziele, das Böse hat keine Ziele, und obendrein zerstört es. Ist dem so? Und unser Potential von eben? Was, wenn nun Gedanken in der kleistischen Unausgedrücktheit schmachten, weil dies Interesse des Guten ist? Mag das Vergessen zum Guten gehören?

Nun, ein Ziel zu setzen bedient das Gute sich der Sprache, um dasselbe zu kommunizieren>Annerkennung>durchzuführen. Das Gute formuliert, setzt einen Wert, nach dem, was dem Ziel zu-, was abträglich ist. Davon abgeleitet versinkt der Unwert (zur möglichen Bosheit), er wird selektiert. Wer gut ist, was also die Sprache anlangt, wird sich, weil er gut ist, bemühen, über den Wert zu reden, über den Unwert zu schweigen. Für das Gedächtnis bedeutet das folglich: ja, es wird vergessen. Das Gute ist vergesslich, weil es selektiert, die Selektion mehr noch sein, wenn man so will, Prinzip ist, weil das Gute=das Ziel, von dem die Unterscheidung sich ableitet zwischen Gut><Böse, Richtig><Falsch, was dergl. mehr. Definitiv läßt sich sagen: das Gute setzt einen Wert: das Gute. Von dem aus leitet sich eine Selektion ab. Das Gute selektiert, es ist ja der Maßstab dazu. Außerdem bedient es sich der Sprache, wegen der Anerkennung>Durchsetzung. Wer spricht, schweigt auch. Das Gute wird zur Sprache gebracht, die Abweichung zum Schweigen; darüber wird nicht gesprochen, weil das wäre eben nicht gut. Wir wissen nun auch, wofür ist das Gute böse: für sein Ziel. So müßte die Banalität des Bösen besser Banalität des Guten heißen. Es ist es, das das Ziel setzt, es durchführt, das selektiert und das vergißt. Das Böse ist nur vom Guten aus gesehen böse. Wer studiert, arbeitet, gegen den Krieg demonstriert, ein Bild malt, mit -dem –Auto- in- den -Urlaub fährt oder Geld erbt, hat halt Ziele, ist gut. Das ist bekannt, offenbar, der Alltag ist das, und das ist gut. Darüber wird gesprochen, es wird sich gewünscht, gut geheißen. Es ist und bleibt: gut.

//Wozu ist das gute böse?

Das Gute strebt zum Ziel. Das Ziel ist gut. Vom Guten leitet sich ab, was böse ist, ergo ist böse, was nicht gut ist. Wie kann das Gute nun böse sein?

Ganz einfach: das Gute gibt es nicht. Weder hat sich einzig ein Ziel durchgesetzt, noch ist das eine einzige Ziel im Begriff dazu. Ziele bestechen partikulär, setzen sich ebenso beschränkt, also ein bißchen nur durch, kommen einander ins Gehege, heben sich auf; sie werden also sozusagen andauernd umgesetzt. Es gibt kein Ziel schlechthin, folglich gibt es auch nicht schlechthin das Gute. Und da dem Bösen nun einmal sein Los vom Guten her zufällt, so bleibt sich auch das Böse nicht immer gleich. Was von dem einen Ziel abweicht, das entspricht schon wieder einem anderen. Doch gut, wie das Gute ist, geschieht es, daß kaum böse geworden, das Gute vom Guten besiegt, sich ein neues Ziel konstituiert, natürlich wieder gut. Gut und Böse verlieren sich in einem Spiel.

//Stawrogin

Und was nun? Stawrogin: Играть так играть! (Na dann, spielen!)

Der vorgefassterweise (siehe Leib) in die Bedingungen seiner Hervorbringer, Erzeuger Hereingeborene wird der Widersprüche inne, die sich aus dem eben Geschilderten ergeben. Sie durchdringen die Wirklichkeit, das heißt die Wirklichkeit, welche sich aus den wechselnden Zielen konstituiert, in der er geformt, erzogen wird, aber in der er nicht vollends aufgeht. So ein Ziel verleiht auch Identität, konstruiert eine Weltanschauung, freilich immer nach dem Guten gerichtet. Das Gute aber wechselt, es entstehen dazwischen Übergänge. Wir können die Trägheit an der Sprache ablesen, mit der wir diesen Wechseln folgen. Stawrogin lehnt sich zurück. In der Tatsache der Übergänge erblickt er einen Rest, der übrigbliebe, wenn man die Summe von allen möglichen Das Gute bildete. Dieser Rest nun, den es nicht gibt, weil diese Summe nur der Einfall Stawrogins ist, wäre konstant das Böse. Das ist der Streich. Eine im Spiel aus Gut<>Böse längst lahm gewordene Redensart vorführen: jemandem eine Nase drehen, ist so ein Streich, den Stawrogin spielt. Er ist böse, und zwar konstant. Er weicht von jedem gesetzten Ziel ab, jedoch ohne jemals endgültig dem Bösen zuzugehören. Er spielt. Und zwar mit der Trägheit der Übergänge. Der kühl errechnete Rest revitalisiert ihm gleichsam die eigene ursprüngliche Fremdheit, die der Geburt anhaftet, und wie ein Fleck in dem Bruch, der entsteht, wenn das Gute wieder einmal auf das Gute folgt, neuerlich sichtbar wird. Der Bruch ist ein Potential. Stawrogins Streiche sind durchaus musisch. Niemals kommt er durch einen solchen Bruch zu Fall, die Bosheit ist seine Prävention. Er ist böse, ja, aber nicht greifbar, weil seinem musischen Gebaren, der intuitiven Hingabe an einen Rhythmus, etwas Urvertrautes liegt. Das Gute selektiert, nämlich vergisst, und zwar immer wieder, und dies auch durcheinander, so daß es sich manchmal erinnert, bis sich eine trübe Aura um das Gute gebildet hat, von der Art einer Melancholie.

Wir schlussfolgern: das schlechterdings Gute gibt es nicht, es wechselt. Es gibt aber immer den Maßstab. Maßstäbe haben es an sich, mitgeteilt zu werden. Das ist das Gute, was davon feindselig abweicht, ist das Böse. Die Sprache, auch die, in der sich die Maßstäbe mitteilen, repräsentiert nicht jeweils nur den aktuellen Maßstab, sondern noch alle Maßstäbe mit, die jemals gewesen sind, und, so folgert der musische Stawrogin, jemals sein könnten. Aus diesem Bruch innerhalb der Sprache, außer Stande zu sein das Gute ohne Widerspruch abzubilden, was Foucault Repräsentation nennt, bezieht Stawrogin das Zeug zum Streichespielen. Seine Streiche sind unleugbar böse, doch keineswegs nur, und niemals gut, ohne auch böse enden zu können. Doch wozu sind sie gut? Zwischen den Übergängen sind Potentiale. Was hat es mit ihnen auf sich?

Zudem bildet sich mit der Zeit eine Schwere um das Gute, es wird melancholisch. Nun wollen wir mutmaßen: diese Schwere ist der Geburt fremd. Die Revitalisierung, die Stawrogin erfährt, als er kühl nachrechnet, was ihm die Zeichen verraten, während sie das Gute immer wieder neu bezeichnen, ist sein Spiel. Das Gute tötet keine Neugeborene, um des Guten willen, es trainiert sie. Das Spiel ist davor gefeit, endgültig für böse zu gelten, selbst wenn es seine unleugbar bösen Streiche spielt. Gut, wie gesagt ist richtig im Gegensatz zu falsch, das sein kann: böse, krank, verrückt o.ä. . Zugleich ist es in immer neuen Übergängen begriffen. Diese sind bekannt, man ist nur träge. Ist das Böse vielleicht nicht ganz unbekannt?

//Griechen/Ruß/land

hat kein Geld, sondern Schulden. Es zerreißt alle Mahnbescheide. Wenn es in die Kneipe geht, dann wird es betrunken. Dann stellt dieser Bücherleser die Nazifrage. Das Gute hat Geld, Griechenland fällt aus dem Guten, muß zusehen nicht für böse zu gelten. Natürlich ärgern Griechenland diese scheelen Blicke. Das Weintrinken in einer Villa im Schwarzwald ist ein würdiges Ziel. Das versteht auch Rußland, das neigt ebenfalls zur Nazifrage. Eigentümlich ist, wie attraktiv das Gute für diejenigen ist, die davon profitieren. Und die Anderen hätten lieber das Gute, wovon sie profitieren. Länder sind keine Personen, auch in Rußland und Griechenland gibt es solche, die das Gute anerkennen. Meine beiden Bekannten erkennen es an, obwohl sie unterschiedlich davon profitieren. Sie würden, wenn man sie fragte, antworten: ist halt so. Und so ist es nun einmal auch! Wie in diesen beiden wird das Gute auch in Rußland und in Griechenland letztendlich siegen.

//Inzwischen

herrscht ein Übergang, solange das Gute ihn noch nicht verzehrt hat. Was dem Guten nicht gut genug ist, das spuckt es wieder aus und es wird vergessen. Wenn es sich wehrt, dann wird es böse. Das Böse, und nun folgt der Schlusspunkt, ist in jedem Übergang für die Erinnerung, die noch nicht vergessen worden ist, unterhaltsam. Schiller sagt, der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Spielt er nicht am ehesten  da, wo das Gute am schwächsten ist? Otto Weininger sagt, der Mensch ist da nur ganz Mensch, wo er liebt. Liebt das Gute? Wo es doch vergessen muß und selektieren, den Nutzen ziehen?

Das Böse schnippt unter die Nase. Dazu ist es gut

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