Biopolitics

It’s Time for Wind oder Qu’est-ce que la dépression?

By

7 Nov , 2018  

It’s Time for Wind1

oder

Qu’est-ce que la dépression?

Adrian Hanselmann2

Wir3 sind depressiv. Die Welt zeichnet sich heute durch die Depression aus. Dieser Essay versucht nicht eine Depression zu beschreiben,4 sondern selbst depressiv zu sein. Da sich aber der depressive Mensch5 dadurch kennzeichnet, dass er sich am letzten6 Halm festhält um zu existieren und nur die Effekte und Affekte der Depression dadurch wahrnehmbar sind, ist die Arbeit nicht in aufbauende oder gar erklärende Kapitel gegliedert, sondern in Ankerpunkten eingeteilt. Jeder davon sucht in einer gewissen Zuschreibung das Abwesende aber Konstituierende im Fokus zu behalten. Dies fällt nicht schwer, ist es doch das einzige, woran man sich halten kann. Die Leserin sei angehalten, sich nicht von den neuen Begriffen einschüchtern zu lassen oder Definitionen zu fordern. Vielmehr wünschen wir uns, dass sie die Depression auch beim Lesen zulässt. Somit haben wir schon den Ansporn dieser Arbeit verraten, wir wollen mit der Konzeption der Depression eine Sichtbarkeit produzieren, welche unsere Gegenwart in einer gewissen, aber auch zerteilten Weise wahrnehmbar macht. Eine Wahrnehmung dessen, was wir uns erwünschen, eine anti-theoretische, anti-faschistische Tendenz in dem findet, dass es keinen nicht-theoretischen oder nicht-faschistischen Raum geben kann um über Theorie oder Faschismus nachzudenken. Ein Denken, das sich nicht darin erschöpft zu denken.7

 

gegen 24:61 Uhr

Es ist ein Papagei!“8
«“Ich habe meinen Schirm vergessen.“»9
«“Es ist ein Papagei!“»10
rot ist der Schirm11
grün ist der Papagei12

07:43, 07:44 – Aufstehen, es ist Herbstanfang, grün. Beim Kaffee Mitte und bei der Zeitung Ende Oktober. Auf die Uhr muss man schiessen. Der Anfang ist das Ende. Ich konnte nicht aufstehen. 07:44, 07:45 – Du kriegst die Anweisungen als kleine Zettel, so wie ich meine direkt von Gott bekomme – jeden Tag. Per Knopf im Ohr, weil ich mich nicht mehr so gut hören kann. Und jetzt: Stirb!13)

 

Die Schöpfung hat keine Schöpferin, die Erfindung keinen Ursprung. Es sind immer mehrere Vielheiten, die an ihren Rändern ausfransen und durch sich decodierende Neuerfindung selbst auffressen um bestehen zu bleiben. Caden Cotard ist Regisseur, Charlie Kaufmann, ist Sammy, ist Ellen Bascomp, ist Gott sowie er seine Tochter ist, seine Frau, das ewig brennende Haus in der Lagerhalle in der Lagerhalle in der Lagerhalle auf der Bühne, unter der Bühne, vor dem Vorhang, ohne Vorhang. Das reine Chaos bewegt sich nicht, der pure Strom der Veränderung steht still, die umfassende Möglichkeitswelt fliesst, während sie im Fluss unbeweglich bleibt. Tabula Rasa, das leere Blatt, im Licht sind alle Farben, der geglättete Raum. Die pure Schönheit der Ruhe, das Nichts in Allem, keine brummende Maschinen oder teilendes Dividuelles, keine springenden Dämonen, nur Gott. In absoluter Geschwindigkeit der reine Stillstand. «Da, ein Punkt!» Erst ein Blick, ein winziges Stimmchen von Josephine oder die ungehörten Worte von Madame Psychosis, die grüne Wand, die blaue Jacke an frischer Luft, Ellen – ein Anker. Die ganze Welt zieht vorbei, dreht sich weg, während das Auge auf dem Anker haften bleibt. Wo ist die Zeit hin? Wo bin ich hier? Wer bin ich? Die unwichtigsten Fragen der Welt. Während alles andere unscharf vorbeizieht, in alle Richtungen abfliesst. Schrödingers Katze ist tot. Der Pulli meiner Mutter. Mein roter Regenschirm. Es ist ein Papagei.14

Nur ein kleiner Geist sieht in diesem Spiel einen psychotischen Traum. Es sind tausend Träume, die den Traum fliehen, um ihn zur einzig wahren Welt zu machen, eine Welt ohne Anfang, ohne Ende. Und deshalb ist der Anfang genauso auch das Ende. Zwei verschobene Gesichter desselben, was nicht heisst, dass sie auf eins reduziert werden können. Keine Vereinheitlichung hält Stand. Jedoch lässt erst die Benennung, die Zuschreibung, die Codierung dies zum Ausdruck bringen, genau an dem Moment, wo sie als vermeintlich einzigartig aus dem Chaos hervortritt, zieht der rauschende Sturm auf.

Die Veränderung ist nicht, sie wird – unwahrnehmbar. Die Zeit ist nicht linear. Scheinbar zufällig hangeln sich die Geschichte, die Figuren, die Zeichen von Anker zu Anker, ohne dass etwas dazwischen wäre. Es gibt kein Fliessen an sich, keine Veränderung, keine Zeitlichkeit. Diese stellt sich erst durch die Gravitationsenergie der Ankerpunkte ein. Es ist Morgen, die Familie steht auf, geht zur Toilette, zum Tisch, Frühstück, Kaffee, Zeitung. Doch das ist nicht die Geschichte, es ist nur das woran sich das Auge gewöhnt hat. Wir springen aber von Datum zu Aussage, zum Versuch etwas zu verstehen, etwas zu halten, während dies im selben Moment wieder zerfliesst, ohne dass wir es merken. Erst wenn der nächste Ankerpunkt auftaucht, wird die Veränderung sichtbar. Ein ewiger Prozess des Festhaltens, Zerfliessens und wieder Festhaltens um überhaupt das Zerflossene wieder sichtbar zu machen. Und dabei braucht es immer ein Werden, das etwas nicht-mehr wird, sich auflöst, alles wird, unbeschreiblich, unsichtbar, a-signifikant. Um aufzutauchen in dem Moment, an dem eine neue Gravitationsenergie sich in einem Ankerpunkt erhebt – so dass alles andere dadurch hindurch wegfliesst. Das Wegfliessen selbst ist wiederum unsichtbar, da der Fokus immer noch von der Gravitationsenergie angezogen wird. Bis diese durch die nächste Gravitationsenergie in einem neuen Ankerpunkt ersetzt wird.

Alles kann zu einem Ankerpunkt werden, innerhalb des Zerflusses. Innerhalb dessen, was da ist, als Wiederholung von etwas, das noch nie da war. Einer Realität, die gleichermassen ausserhalb wie immanent ist. Da ist ein Geisterfilm, der niemals gedreht wurde, aber an den wir uns erinnern können. Wir erinnern uns an die Erinnerung, die genau dann produziert wird, wenn wir uns erinnern. Jedoch ist das, was wir produzieren können nur innerhalb des Geisterfilms möglich. Ein Wiederholen der Wiederholung selbst, ein Ritualisieren des Erinnerns, ein Bild, das wir produzieren, indem wir es sehen. Sichtbar wird es jedoch nur auf der Fläche des Geisterfilms. Die virtuelle Ebene der Möglichkeitswelt der Aktualisierung ist die ganze Welt der Kräfte zur Produktion von Ankerpunkten. Die ganze Gravitationsenergie stammt davon ab. In dem kraftvollen Akt der Positionierung des Ankers, die auch erst die volle Fahrt als Bewegung spürbar macht. Somit haben wir mehrere Paradoxe, welche sich gegenseitig ermöglichen. Eine Geisterebene, welche als Grundlage funktioniert, auf dem Ankerpunkte entstehen können. Ein Sog der immanenten Veränderung, die erst durch die Zuschreibung einer fokussierten Gravitationsenergie sichtbar wird. Und eine Notwendigkeit des Punktesetzens für die Veränderung selbst, obwohl diese die machtvolle Position des Zuschreibens, des Anhaltens einnimmt. It’s only about you.

Depression oder die Üble Sache

Im Gesicht von David Foster Wallaces15 studierenden jüngeren Ich beginnt sich eine klaffende Wunde auszubilden, immer grösser, bis das Gesicht nicht mehr als solches wahrnehmbar ist. Die Üble Sache. Das Gesicht, die Wunde. Er muss kotzen, sofort, jetzt, unverhofft. Er weint. Die Narbe im Gesicht, die herabhängende Wange. Das Kabinett der Gravitationsenergie, anziehende Fokuspunkte, Anker. Eine ganze Welt voller Fluchtpunkte. Blicke, Wege, Wahrnehmung, Gedanken, alles wird angezogen durch die Gravitationsenergie. Die Wunde im Gesicht macht das Gesicht sichtbar.16 Doch passiert dabei etwas Seltsames. Es ist das Gesicht, das sich auflöst, in die Einzelteile aus Blut und Nicht-Wahrnehmbarkeit. Die Gravitation scheint es zu verschlingen. Er kriegt nichts mehr hin. Das Gesicht, die gelatineartige Schicht des gelben Wangenfetts. Der Geruch von Blut. Er sucht einen Ausweg, versucht sein Gesicht mit Nadel und Faden wieder herzustellen, womit er alles nur noch schlimmer macht. Der Arzt verschreibt ihm als Elektro-Krampf-Therapie-Ersatz ein Medikament, er kann sich den Namen einfach nicht merken, aber es hört sich an wie Trillaphon. Trillaphon, sein eigener Planet. Kein wirklich lebensfreundlicher Ort, aber zumindest etwas das bleibt, ein Boden, Halt. Aber auf Kosten der Welt wie er sie in Erinnerung hat, sie bleibt weit entfernt. Eine Tablette täglich sperrt die Üble Sache weg, aber mit ihr die heimatliche Welt, etwas kleines, woran er sich halten kann, während alles andere verschwindet. Was ist aber diese Üble Sache, von der Foster-Wallace schreibt?17

«Was» ist die Frage des depressiven Menschen, wenn er versucht, nicht weggespült zu werden. Es ist die panische Herstellung eines Ankerpunkts, um nicht in den Sog des stürmischen Stroms zu geraten. Die Wunde, das Gesicht, irgendwas. Die Depression ist aber kein «Was». Die Depression ist das «Nicht-Mehr». Der ewig fliessende Strom des Unwahrnehmbaren, Unsagbaren, Unsichtbaren, der Wellen der Quanten, der Deterritorialisierung, der Decodierung, der Auflösung. Alle Linien, Segmente, Schichten, molar und molekular, mikroskopisch und universal sind dem Sog der Depression ausgesetzt. Es ist die Ent-Pression, Ent-Druck, eine Bewegung die den Druck ablässt, der alles zusammenhält. Decodierung, Ent-Subjektivierung, A-Signifikation – bis sich die Einzelteile in reines Werden auflösen. Dem Gegenüber wird das Individuum, der Mensch, der Staat panisch. Eine Panik, der Depression auf immer ausgeliefert zu sein.18 Aus dieser Panik werden die Ankerpunkte geschlagen, auf welche sich der Blick richten kann, das Individuum sich nicht in der reinen Zerteilung auflöst. Immer wieder scheint die Depression zu gewinnen, doch der nächste Anker wird schon ausgeworfen, die nächste Zuschreibung ausgerufen, der nächste Fokus ausgerichtet, das nächste Gesicht gezeichnet, die nächste Wunde klafft auf. Nur scheinbar ist es ein Kampf mit einem Aussen. Es ist das mannigfaltige Chaos, in welchem alles seinen kleinen Raum absteckt, sich an seinen kleinen Ankerpunkten festhält. In, aus und mit der Depression. Die Depression ist das «Noch-Nicht».

Wenn Gilles Deleuze und Félix Guattari in Tausend Plateaus schreiben, dass sich die Welt nicht aus Widersprüchen, sondern aus Fluchtlinien definiert, sprechen sie von der Depression, der Deterritorialisierung, die sich entlang der Fluchtlinien neu zusammensetzt. Die Fluchtlinie ist nicht in dem Sinne linear, wie es der Begriff scheinbar zu denken vorgibt.19 Die Lignes de fuite20 lassen abfliessen, in alle Richtungen fliehen, ähnlich einem geöffneten Ventil in einem Bassin. Das springende und spritzende Wasser fliesst ab, findet sich aber damit bereits wieder als etwas Neu-Erschaffendes. Das Abfliessen oder Fliehenlassen der Lignes de fuite ist immer positiv. Denken wir weiter in dieser mechanischen Manier der Vorstellung der Welt, die sich durch ihre Lignes de Fuite definiert. Eine im ständigen Auflösen begriffene Welt, scheint völlig unbewegt, im Fluss selbst, ohne Relationspunkt, es gibt keine Geschwindigkeit, keinen Fluss. Das Chaos der Depression ist die vollkommene Ruhe, ein Nichts, nicht weil es nichts ist, aber ein Noch-Nichts und gleichzeitig ein Alles-Mögliche, die reine potentia. In dieser Depression schlägt der Anker nieder, die Ruhe wird augenblicklich zum Sturm, das Chaos fliesst am Ankerpunkt vorbei, durch ihn hindurch, ein schreiend lautes Vorbeiziehen, bis sich dieser wieder löst und sich an einem anderen Punkt festmacht. Die unwahrscheinliche Kraft lässt ein Gravitationsfeld von dem Ankerpunkt ausgehen, um das sich alles dreht, es in sich aufnimmt, stürmen lässt, Sog entwickelt, anzieht, an sich drückt, beschleunigt. Dort wo die Lignes de Fuite zu einem neuen Punkt zusammenlaufen, rückwirkend von der Gravitationsenergie angezogen.21

Schnell wird klar, dass Depression keine eigentliche Krankheit sein kann, kein Zustand, der als solcher diagnostiziert werden kann. Aber genau das passiert täglich. Die Pathologisierung produziert dabei die Trennung in Normalität und A-Normalität, beim Versuch, etwas an sich Nicht-Gesundes22 festzustellen. Um diesem Zustand aufgrund gewisser norm-abweichenden Eigenschaften eine Krankheit zuzuweisen. Die Diagnose gilt in der medizinischen Praxis als Ausgangspunkt, den Beginn der Klinik bzw. als notwendiger Grundstein jeglicher Heilung. Es braucht zuerst eine Untersuchung um festzustellen, mit welcher Krankheit man es zu tun hat, um im nächsten Schritt etwas dagegen tun zu können. Aber gegen was? Mit der psychiatrischen Medizin und der Psychotherapie wurde es möglich psychische Krankheiten zu behandeln, also die Patientin wieder gesund zu machen. Dafür möchten wir gerne auf Foucaults Frühwerk-Definition von Krankheit zurückgreifen, als «die Abwesenheit eines Werks». Also die Unmöglichkeit einer Produktion von Mehrwert im marxistischen Sinne. Hier müssen wir aber stolpern, wenn wir einen Blick darauf werfen, wie in einem neoliberalen (einem maschinischen) Kapitalismus Mehrwert produziert wird. Das freie Arbeiterinnen-Subjekt, das ihre Arbeitskraft verkauft, wurde als solches suspendiert. Ein neofreies Künstlerinnen-Subjekt23 ist an diese Stelle als Idealform getreten, eines, das immer auch mit dem A-Normalen korrespondiert. Es ist ein Subjekt, das sich immer wieder prekarisieren muss, sich verlieren, um neu zu produzieren. Ein Subjekt, das nicht mehr nur als Individuum funktioniert, sondern immer schon als «Geteiltes».24 Ist also die pathologische Produktion von Krankheit ein Relikt aus einer anderen Zeit, das keine Grundlage mehr hat? Natürlich gibt es keine eigentliche Legitimation (was könnte dies überhaupt beanspruchen?), aber eine Funktion, oder zwei.

Der prekarisierte und prekarisierende Mensch kämpft um seine Optimierung, stetig und ewig.25 Er kämpft um die Herstellung seines Ichs als Ebenbild dessen, was in einer heutigen Produktionsweise das Ideal darstellt – das o.g. Künstlerinnen-Subjekt. Ein Ideal und noch dazu eines, das seine Eigenheit daraus gewinnt, sich selbst immer zu verändern, kann niemals erreicht werden. Daraus ergibt sich aber nicht (wie Psycho-Analytikerinnen sagen würden) ein Mangel, sondern der Einbruch der Depression als «Noch-Nicht» und «Nicht-Mehr».

«Ich habe Angst, dass ich krank sein könnte. Eine Krankheit zu haben, die mich auffrisst, etwas, das mein Leid sein könnte. Aber noch mehr Angst habe ich davor, dass man nichts finden wird, keine Diagnose, dass ich einfach so bin, krank gefühlt, aber gesund. Gesund, weil alles in Ordnung ist. Nichts ist in Ordnung. Nichts ist geordnet.»

Die andere Funktion der Zuschreibung einer Krankheit dient zur Herstellung eines Individuums, eines abgeschlossenen. Um für die Behandelnden ein Objekt, das untersucht, behandelt und ausgewertet werden kann, herzustellen. Und damit, so würde man denken, um dieses Objekt wieder als gesunde Produktionskräfte zu reintegrieren. Doch eine Diagnose, v.a. der psychischen Krankheit, wird meist als «für immer» eingestuft. Die pathologische Depression hat man immer, manchmal beeinträchtigt sie mehr, manchmal weniger, aber man muss damit leben. (Wie die Alkoholikerin, die nicht durch Trunkenheit sichtbar wird, sondern dem Risiko immer einen Rückfall zu erleiden).26 Dies bedeutet aber, dass die Klinik nicht der Wiederherstellung von Produktivkraft oder der «Heilung» der Krankheit dient, sondern vielmehr als Instrument der Regierung und Selbstregierung. Es ist die Installation der Kontrolle im Menschen, indem ein Ziel dessen implementiert wird, was «richtig» oder normal ist. Dieses Ziel muss aber so geschaffen sein, dass es nie erreicht werden kann – eine Majorität, die nicht als solche existiert. Die letzte verbleibende platonische Idee, während die Götter bereits auf der Erde sind. «Es gibt kein Majoritär-Werden»27, weil es nicht einen Ort gibt, nicht einen Zustand des Normalen/Gesunden. Jeder einzelne Mensch ist minoritär, es gibt keine legitime Majorität, nur das ewige Streben danach.

«Bist du deiner Neurose bewusst?» – «Ja, aber ich kann nicht anders.»

Die Herstellung des Individuums dient somit auch der Selbst-Wahrnehmung, indem es in eine scheinbar klare Form gedrückt wird, einem Zustand unterwirft um ein Subjekt zu sein.28 Erst durch die Diagnose wird ein Individuum zu einem kranken Menschen, aber dann weiss er wenigstens, wer er ist. Es ist der Ankerpunkt in der Zuschreibung eines Selbst durch die Mechanismen der Human-Medizin, die für sich beansprucht, die Wahrheit über einen Menschen anhand von Untersuchungen zu finden und auszusprechen.29 Wie Althusser festhält, ist es die «Annahme der Anrufung», welche den einen Menschen zu dem einen Subjekt macht.30 In dieser Metapher dreht sich der Mensch zur Polizistin um und wird dadurch zu dem, was die Polizistin gerufen hat. Zu wem dreht er sich aber um? Zu einer scheinbar universalen Macht, die nie erreichbar für ihn sein wird, aber deshalb umso erstrebenswerter. Was damit auch produziert wird, ist der leere Ort des Normalen/Gesunden, nämlich als etwas, das man selbst nicht ist, nie sein kann.31 Die Differenz wird festgestellt und stellt beide Seiten her, ein vermeintliches Innen (die Majorität) und das offensichtliche Aussen, als etwas Fehlerhaftes, Partikuläres, welches zu überwinden ist.

Die Herstellung des kranken Individuums hat in einer Regierung, welche noch Anteile einer Sozial-Demokratie beinhaltet, aber auch die Funktion des Schutzes. Ein krankes Individuum muss geschützt werden, weil es nicht wirklich fähig ist, für sich selbst zu sorgen. Es wird mit der Diagnose in eine Parallel-Welt32 hineinkatapultiert, wo sich Krankenversicherung und Invalidenrente darum kümmern. Das Individuum darf nicht arbeiten, darf nicht produktiv sein. Die Spezialistin sagt, wie lange. Ein sozial-demokratischer Schirm für die Elite, ganz klar, jedoch für alle gedacht.33 Bevor wir nostalgisch werden, reicht ein Augenschein auf aktuelle Regierungs-Praxen, Neoliberalisierung, heuchlerische Lobby und Blick-Lenkungs-Maschinerie. Das kranke Individuum darf nicht mehr krank (oder alt) sein. Oder nur dann, wenn es mit seinem Krank-Sein profitabel Mehrwert produziert. Behandlung ja, aber nur mit Kredikarte. Alt ja, aber nur mit dickem Scheckbuch. Wer nicht bezahlt, muss bezahlen.

3 Der depressive Mensch34 oder das Gesicht bricht mir aus dem Kopf

Die Geschichte des Widerstands, die Geschichte der Philosophie, die Geschichte der Geschichte erzählt die Geschichte vom handlungsfähigen Subjekt. Es ist ein Subjekt, das diese Geschichte schreibt, das etwas tun kann, denken kann, ist. Diese Entität ist aber so grundsätzlich in der westlichen Tradition verankert, dass sie sich sogar dann noch hält, wenn es darum geht, sich von einem Subjekt gänzlich zu verabschieden – jedoch bleibt dabei die Handlungsfähigkeit in einer handelnden Entität erhalten, also wieder einem Subjekt in diesem Sinne. Wir möchten hier versuchen, anhand der Subjektivierung des depressiven Menschen, ein Subjekt zu beschreiben, das paradoxerweise nicht durch seine Handlungsfähigkeit zum Subjekt wird. Und trotz seiner Handlungsunfähigkeit Subjekt bleibt. 35

«Certes, pour résister il faut un sujet, et comme celui-ci ne peut plus être le peuple ou le prolétariat, il faut faire appel à une nouvelle forme de subjectivité qu’on va inventer, construire»36 Die Geschichte ist eine Geschichte der Kämpfe.37 Wir brauchen also etwas anzurufen, das für uns kämpft, auf unserer Seite. Ein Proletariat, ein Prekariat, eine Avantgarde, eine Post-Avantgarde, eine Multitude, die Geschichte, der Mensch: die Liste ist unendlich erweiterbar. Was passiert aber mit dem depressiven Menschen, der sich durch sein Prekär-Sein konstituiert und sich dadurch auszeichnet, dass er keine eigentliche Handlungsfähigkeit besitzt, während er sich selbst wieder auflöst. Entweder in die Richtung der «Normalisierung» und Integration in die Produktionsweise des neoliberalen Kapitalismus, indem er nicht-mehr-krank werden soll. Oder indem er sich gänzlich im Werden auflöst, also A-Signifikant, A-Subjekt wird, weil: Nicht depressiv und nicht Mensch. Beides ist aber genau das, was die Problematik überhaupt erst ausmacht, ein depressiver Mensch zu sein, der deterritorialisierenden Depression ausgeliefert und somit auch als Individuum und Mensch gleichermassen bedroht. Was passiert aber mit dem depressiven Menschen, was ist es, das es notwendig macht, ihn zu erschaffen?

1990 veröffentlichte Gilles Deleuze einen kurzen aber folgenreichen Text: Post-Scriptum sur les sociétes de contrôle. Ausgehend von der Disziplinargesellschaft Foucaults hält er seinen (spitzen) Finger(nagel) auf die neuen Formen der Macht, in einer Regierung, die sich nicht mehr auf die Disziplinierung stützt, sondern auf die Logik der Kontrolle. Der Maulwurf wird von der Schlange abgelöst, die Klassenkämpfe von einer Révolution moleculaire. Diese Krise der Institutionen bringt neue Formen der Macht (Pouvoir) hervor, zu welchen es neue Formen des Widerstands zu finden gilt, die Suche nach neuen Waffen. Aber damit auch neue Formen der Subjektivität, die widerstehen können.

Dabei greift Deleuze zurück auf Nietzsche und die Personnage der Pastoralmacht, dem Pastor und dem ewig verschuldeten Menschen. Die Kontroll-Gesellschaft in einer liberalen Produktionsweise stützt sich nicht mehr nur auf eine klare Trennung von Produzent und Produkt, von Produzent und Konsument, die Macht wird zum Gas und durchdringt alle Zellen, zu jeder Zeit. Es geht nicht mehr darum etwas zu werden, das Werden steht für sich selbst. Der Schule folgt die andauernde Weiterbildung. «Hat man bei der Disziplinargesellschaft nie aufgehört anzufangen, wird man bei der Kontrollgesellschaft nie fertig.» Es kann also nicht mehr um die Freiheit selbst gehen, «es geht darum einen Ausweg zu finden».38

Aus der reissenden Mitte des Dividuellen39 steigt nicht der verschuldete40, sondern der depressive Mensch.41 Ein Subjekt, das nicht mehr eingeschlossen, nicht mehr nur verschuldet ist, sondern in den Strömen der Teilung (und Produktion) Halt suchend die Ströme antreibt: deterritorialisiert und deterritorialisierend. Zwischen Diagnose, Anker, Ritornell und der unscharfen Strömung der Veränderung. Prekarisiert in jeglicher Form, durch neoliberaler, gasförmiger Regierung der Deterritorialisierung. Der Horror des glatten Raums wird hier in seiner vollen Entfaltung sichtbar, während die Subjektivierung des depressiven Menschen sich durch diese Prekarität mit einer Geste der Kerbung, der Reterritorialisierung, der Produktion eines états selbst konstituiert.

Dieses Greifen nach dem Halt, dieses Begehren nach Sicherheit und einem Ausweg zeigt sich heute in allen Facetten, als Versuch neue Universalien zu «begreifen».42 Erschreckende Kolloquien und Kongresse versuchen neue Schulen, Methoden zu finden: Transzendente Universalienstreitereien und Essenzialistinnengeblabere in Lenins Hemdchen mit der ach so politischen Frage «Was ist zu tun?». Gäbe es eine Antwort, wäre sie sicher eine Vielheit.

Langsam, langsam. Es ist der depressive Mensch, der diesen Text hier schreibt. Versuchen wir ihn nicht zu verdrängen oder gar von Aussen zu beurteilen.43 Folgen wir seinen Eskapaden. Der depressive Mensch weiss genau, dass es nichts Universales gibt, hält sich aber genau an dieser Vorstellung fest, als wäre diese selbst universal. Selbstzerstörerisch sucht er ständig nach neuen Waffen, während er sich den Boden unter den Füssen wegreisst. Er deterritorialisiert sich stets neu. Doch und genau das ist der springende Punkt, er ist nicht frei von Universalien, oder totalitärer Gravitationsenergie – das Gegenteil ist der Fall. Sein Totalitarismus ist das Prekär-Sein, die Depression als glatter Raum. Dabei hält er sich am kleinstmöglichen, am grössten, um sich nur irgendwie zu halten, um Individuum zu sein, um denken zu können, um Subjekt zu sein. Die Depression jedoch ist es, was dies wieder abfliessen lässt, bis eine neue haltsuchende Geste eine Subjektivierung auslöst, eine neue Welt erschafft, die wiederum totalitär funktioniert.

Obwohl die Gravitationsenergie selbst das Abfliessen antreibt, ist dieser Sprung des Ankerpunktes wiederum nur auf der virtuellen und aktualisierten Realität möglich.44 Diese besteht aber ihrerseits aus sich lösenden und deterritorialisierenden Teilen von Segmenten und Schichten, auf denen die Möglichkeiten der Subjektivierungen stattfinden.45 Womit auch sichtbar wird, dass Deterritorialisierung, niemals ohne Reterritorialisierung verstanden werden kann sowie die Depression nicht ohne die depressive Individuation.

Und es gibt noch eine weitere Ebene in dieser Analyse: Im glatten Raum (und der rauschenden Deterritorialisierung) klammert sich der depressive Mensch an das nächstliegendste und das fernste, aber an etwas, an das er sich halten kann. Wir nennen diesen Prozess «strategischen Totalitarismus».46

Die Bäuerinnen bezeichnete Karl Marx als ungeeignet für die revolutionären Pläne. Er nannte diese als depressiv, also handlungsunfähig. Ein anderes Aussen war bei ihm das Lumpenproletariat. Dieser Tradition folgt Das Unsichtbare Kommitee «… für den, der verweigert, sich selbst zu verwalten, ist die Depression nicht ein Zustand, sondern ein Übergang, ein auf Wiedersehen, ein Schritt zur Seite in Richtung eines politischen Austritts. Von da an gibt es keine andere Versöhnung als die medikamentöse und die polizeiliche.» 47 48 Ein Heraustreten, jedoch auf Kosten des revolutionären Geistes. Warum nur landen wir alle immer wieder in der Metaphysikerinnen-Falle?49

4 Strategischer Totalitarismus oder Immanenz

«Das Schlimmste ist nicht, stratifiziert, organisiert, signifiziert oder unterworfen zu bleiben, sondern die Schichten zu einem selbstmörderischen oder unsinnigen Zusammenbruch zu treiben, der dazu führt, dass sie, schwerer als je zuvor, auf euch zurückfallen.»50

Der Anti-Ödipus ist tot. Wie blöd ist es dies zu schreiben. Und wie wichtig. Es kann nicht mehr darum gehen, die Augen, welche fest auf die Libération gerichtet waren, als diese zu nutzen, welche die Gegenwart sehen können. Der Kampf gegen den Totalitarismus schien erfolgreich, die postmoderne Vielheit, die Selbst-Zerteilung sind Teil von Mainstream-Diskursen, von Subjektivierung in einer neoliberalen Produktionsweise. Aus Kolonialkriegen um Territorium wurden Kriege51 zur Destabilisierung (inkl. Terror), aus einer unsichtbaren Hand des Marktes wurden Derivate, aus Schulen wurde die ewige Weiterbildung, aus Klassenkampf das Prekariat.

Wir leben nicht mehr dafür um mit 27 zu sterben, ein wahrlich schönes Relikt der 68-er Eltern, als einziger Weg noch an die Grenzen zu kommen. Ein bürgerlicher Tod der Jugendlichkeit ist vorbei. Wir wollen alt werden. Wir wollen uns an etwas festhalten, auch wenn wir wissen, dass es nicht «fest» ist. Wir suchen nach dem neuen Diktator-Gott52, dem Faschismus der Sicherheit, dem strategischen Totalitarismus.53 54

Das Dispositiv der Sicherheit, wie es Foucault erarbeitet und im Postskriptum der Kontrollgesellschaft bei Deleuze aufblitzt ist das Beispiel eines solchen Diktator-Gotts. Es ist die absurde Vorstellung von Sicherheit, welche das Prekär-Sein übersteigen könnte. Sicherheit als Recht für das Individuum auf Unversehrtheit seines Körpers, obwohl allseits bekannt ist, dass jeder Körper sterben wird. Und obwohl offensichtlich der Glaube an ein abgeschlossenes Individuum nicht haltbar ist.

Der strategische Totalitarismus beschreibt also die Problematik nach dem «guten Staat»55 in einem notwendigerweise immanenten Kampf.56 Wie Félix Guattari simpel festgestellt hat, kann eine Revolution niemals nur molekular stattfinden, es ist immer beides, also auch molar. Eine fast schon sehr banale Feststellung, jedoch mit dem Fokus auf die Subjektivierung des depressiven Menschen zentral. Die Verletzlichkeit, das Prekär-Sein, das Leben in der Vielheit sucht nach Halt, nach Sicherheit, auch wenn man genauso weiss, dass dies nicht halten kann. Es ist eine ewige Totalität in Veränderung, deswegen aber nicht weniger totalitär oder nicht weniger ewig. Ein Paradox, das in der «Regierung des Prekären» von Isabell Lorey zwischen den Zeilen auftaucht. Es ist der Schrei nach einer Wahrheit, einem Sinn, einem Diktator-Gott, einer Anführerin, etwas, wofür es sich zu sterben und zu leben lohnt.57

Ohne strategischen Totalitarismus gibt es kein handlungsfähiges Subjekt, durch die Unterwerfung unter diese scheinbar ewige Totalität erhält das Subjekt erst seine Handlungsfähigkeit.58 Womit Widerstand immer auch ein (Risiko-)Spiel der Handlungsunfähigkeit mit sich bringt, und die Nähe der Depression zur Unfähigkeit stellt, obwohl diese lediglich in Form der Subjektivierung des depressiven Menschen in seinen Effekten sichtbar wird – während sich paradoxerweise der depressive Mensch für die Handlungsfähigkeit einer ewigen Totalität unterwirft. Ja, was ist er nun, der depressive Mensch? Handlungsfähig oder handlungsunfähig, Subjekt oder A-Subjekt? Eine schwierige Frage, eine einfache Antwort: Beides. Es ist die Ebene dessen, was den Unterschied macht. Und damit kommen wir zum wesentlichen Punkt des strategischen Totalitarismus. Es ist für ein Subjekt notwendig sich zu unterwerfen um überhaupt Subjekt zu werden und um eine Handlungsfähigkeit zu erlangen. Das einfachste Beispiel ist die Sprache59, um zu sprechen muss sich ein sprechendes Subjekt einer Sprache unterwerfen.60 So gibt es also immer eine gewisse Struktur, die gleichzeitig mit der Subjektivierung produziert wird, «Untwerfung/assujetissement» und «Subjektivierung/subjectivation».61 Für den depressiven Menschen jedoch ist das, «unter» welches er sich unterwift zweifach: Der deterritorialisierende Depression und dem reterritorialisierten Ankerpunkt. Also handlungsfähig und handlungsunfähig.

Der strategische Totalitarismus zeigt uns, dass es nicht möglich ist auf der «guten Seite» zu stehen, aber auch, dass nur weil etwas keine Legitimitiät an sich hat, deswegen nicht weniger real ist. Es reicht nicht zu sagen «alles ist konstruiert», denn die Effekte sind genauso real. Wir, die wir schlechte Metaphysikerinnen sind, können nur im Experiment herausfinden, was «gut» und «schlecht» gewesen ist.62 Und das geschieht mit der Produktion der Ankerpunkte und die damit verbundene Gravitationsenergie. Wir können die Depression als solche nicht wahrnehmen, weil sie nichts als solches ist. Die Veränderung können wir nicht als solches wahrnehmen, weil sie nichts als solches ist.63 Erst durch einen neuen Ankerpunkt der Festschreibung, wird sichtbar, was verändert wurde. Die Aktualisierung der potentia, des Experiments produziert erst die Wahrnehmbarkeit. Womit aber genauso ein Zustand provoziert und produziert wird, der keine eigentliche Legitimation hat und nur dadurch in einem Fluss der Veränderung sichtbar wird, wenn er in Richtung des nächsten Ankerpunkts abfliesst. In diesem Moment wird erst der Boden sichtbar, auf dem wir standen, während er sich auflöst.64

«Schwerkraft, Gravitas ist das Wesen des Staates.»65 Der Staat hat die Funktion Ströme zu bündeln, zu kanalisieren, zu kerben. Er zieht an, um zu rastern. Und die Gravitas ist das, was alles zusammenhält, von einem Ankerpunkt ausgehend. Wir möchten vorschlagen Staat hier gleichermassen als Zustand zu lesen.66 Es ist der Zustand, der primär ist gegenüber dem, was wir Staat nennen, der scheinbare Mittelpunkt von allem, welcher tausend Mittelpunkte von allem Möglichen sein kann. Wir begeben uns aber in eine Sackgasse, wenn wir davon ausgehen, dass der Zustand tatsächlich [Etwas] an sich ist. Der Ankerpunkt als Gravitationsmittelpunkt ist keineswegs ein Kern, sondern, wie wir von Stephen Hawkings schwarzen Löchern lernen können, ein Durchgang. Die Mechanik des Durchfliessens der Ströme legt offen, warum wir von einem anziehenden Kern ausgegangen sind. Von der einen Seite wirkt der Durchgang (Staat/Zustand) als etwas Festes, das anzieht und gleichermassen alle Ströme verschluckt, in sich aufnimmt und zu [Etwas] formt. Jedoch durchlaufen die Ströme lediglich ein «Nadelöhr» und springen wieder in alle Richtungen. So kann auch ein Durchgang oder ein Loch nicht [Etwas] an sich sein, es ist eine Funktion, die dies vorgaukelt. Dieselbe, welche uns dazu zwingt in Transzendenz zu denken oder von einem Aussen zu träumen.

Es ist eine Ahnung, die das Aussen an sich anzweifeln lässt. Dieselbe, welche Heidegger stets plagt, aber auch Derrida oder Foucault aufgreifen. Was ist schon ein Aussen, das das eigentlich Innerste erst ermöglicht, es zu etwas macht, etwas machen lässt? Ist das Aussen somit das eigentliche Innen? Oder wie Deleuze in den Vorlesungen zu Foucault an der Vincennes67 als «lointain absolue» begreifbar machen will, als das unendlich Nächste, aber gleichzeitig das unendlich Fernste? Das Sprechen als einziges, was das Nicht-Sprechen ermöglicht, das Denken, als einziges, was das Nicht-Denken beinhaltet, das Wahrnehmen mit der Nicht-Wahrnehmbarkeit. So müsste man die Depression als das eigentliche Nicht-[Etwas] bezeichnen, das das [Etwas] ausmacht. Aber da ist sie wieder die Metaphysikerinnen-Falle. Das «Noch-Nicht» und das «Nicht-Mehr» der Depression sind nicht.68 Was aber durch den Prozess des strategischen Totalitarismus sichtbar wird, ist das, was noch-nicht oder nicht-mehr ist. Und nur im Rahmen die Totalität selbst. Es sind die Effekte und Affekte der Depression, welche sich durch die Zuschreibung entbergen und direkt das Zepter übernehmen. Was Deleuze mit der Transzendenz in diesem Bezug sagt, ist, dass der Ankerpunkt erst ermöglicht zu sehen, was Nicht-Ankerpunkt ist. Somit nur durch den strategischen Totalitarismus der Totalitarismus sichtbar wird, welcher von diesem selbst erschaffen wurde. Erinnern wir uns aber an die Panik des depressiven Menschen, an den Horror des glatten Raums, an die Funktionalität der Deterritorialisierung in der neoliberalen Produktionsweise. Um überhaupt denken zu können braucht es das [Etwas], um überhaupt tun zu können braucht es das [Etwas], um überhaupt zu sein, braucht es das [Etwas]. Wohingegen das Aussen69 mit der Produktion des [Etwas] erschaffen wird, als das, was das [Etwas] nicht, nicht-mehr oder noch-nicht ist.70 Möchten wir aber darüber Nachdenken, was die Depression, das Aussen, das Nichts ist, können wir das nur durch die Zuschreibung des [Etwas] tun.71 Die ausweglose Situation des strategischen Totalitarismus ist aber gleichermassen befreiend wie einschränkend, weil der Prozess der Zuschreibung und Produktion des Ankerpunkts72 trotz der allumfassenden Gravitationsenergie prekär bleibt. Hier kommt die Panik des Individuums wieder hervor, welches sich damit immer in Gefahr wähnt.73 Denn nur in der Opferung, nur im Vergessen, kann sich ein neuer Ankerpunkt bilden. Und weil die Gravitationsenergie alles zum Ankerpunkt hinzieht, ist das, was nicht der Ankerpunkt ist, ein Aussen, das Nichts, der Tod des Individuums. Nur durch die Zerstörung dieses Punktes in der Produktion eines Neuen werden die Effekte und Affekte der Depression wahrnehmbar. Doch diese bedrohliche Aussen existiert nur vom Ankerpunkt aus.74

Wir sind nun an diesem Punkt, an welchem sich die Existenzialistinnen spätestens übergeben. Oder dort, wo sich die Humanistinnen an den Händen festhalten. Und auch dort wo Spinoza seinen Glauben verliert und wiederfindet und Nietzsche jubelt. Es ist das Leben des depressiven Menschen.

5 Depro-Analyse oder Chto Delat?

Die Leninsche Frage nach dem «Was ist zu tun?» scheint mir [heute] eine Befragung der Frage selbst zu sein, der Untersuchung, des Fokus’. Keinesfalls soll nach Antworten oder Wahrheiten gesucht werden, es gilt Fragen zu stellen, spielend zu experimentieren, Furchen aufzureissen, Fluchtlinien zu folgen. Vielleicht ist aber die Frage selbst als unser Ausgangspunkt, als erster Schritt die entscheidende Untersuchung: «Was fragen wir?» und «Was tun?» wird zu derselben Frage. Mit Guattari richten wir den Blick unserer Arbeit auf Subjektivierungsprozesse als mögliche Formen des Widerstands – auf Kriegsmaschinen, die nicht den Krieg zum Ziel haben, wenn sie sich einer Macht gegenübersieht, die über die Dualismen und die Optimierung der Differenzierungen und Individualisierungen waltet– auf die ethisch-ästhetischen Formen von Produktion als Bedingungen im postfordistischen Kapitalismus.

Die Depro-Analyse ist die Frage nach der Frage selbst und fokussiert auf den Subjektivierungspunkt, an dem sich depressive Subjektivierung anknüpft und welche diese mit der Depression verbindet. Ein Ausgangspunkt, der jederzeit an anderen Orten auftauchen kann, aber der das Ereignis des strategischen Totalitarismus aufblitzen lässt – der Griff nach dem letzten Strohhalm. Keinesfalls jedoch ist dies als metaphysischer Akt zu verstehen, sondern als Analyse dessen, wohin/woher analysiert werden kann. Auch soll die Depro-Analyse nicht als etwas Neues verstanden werden, die andere widerständige Praxen überholt. Sie soll lediglich die Singularität des Subjektivierungspunkts anvisieren, welche den depressiven Menschen sowie jegliche Situation konstituiert. Dieser Subjektivierungspunkt ist immer singulär.75

Der depressive Mensch ist nicht mehr das handlungsfähige Subjekt als menschliches Ebenbild von Gott – das tausendfach angerufen wurde. Im Gegenteil, er ist das Subjekt, das die Möglichkeitswelt mit einer Handlungsunfähigkeit verbindet. Er weiss vom eigenen Prekär-Sein, dass der Subjektivierungspunkt sprunghaft funktioniert, die Werte abfliessen, der Körper sterben wird, das Individuum nicht abgeschlossen ist und trotzdem kann er das als Grundlage für seinen nächsten Schritt annehmen.76 Und so kann ein Mensch den Ausweg in Zerstörung und Tod suchen, mit dem Glauben an das «gute Leben», an Vitalismus, an Veränderung, Staat oder Sicherheit. Dabei ist es weder möglich in moralischen gut/böse-Schematas zu ordnen oder ein Innen und Aussen zu erkennen77, es ist ein Zusammenspiel von Kräften der Depression, der Subjektivierung des depressiven Menschen und dem strategischen Totalitarismus, der aus jeder Situation eine Singularität macht, der man begegnen kann. Ohne dabei auf der richtigen oder falschen Seite zu stehen.

Foucault hat es treffend formuliert78 als «Arbeit an einem anti-faschistischen Leben» immer wieder von vorne zu beginnen.79 Sich immer wieder vor den Pflug zu spannen, umzugraben und Totes von Brauchbarem zu trennen, und nochmal, und nochmal. Es ist das, was Foucault mit Ontologie der Gegenwart beschrieb, Nietzsche mit der Genealogie und Deleuze/Guattari mit Schizo-Analyse.80 Eine Intervention, die nicht auf ein Ziel ausgerichtet ist, nicht im Voraus weiss, wo sie landet, keine festen Hierarchien produziert, im Gegenteil, diese zerstückelt. Eine Kartografie der Territorialität von dem, was sagbar und sichtbar ist. Die Arbeit an der Theorie81 als Arbeit an einem anti-faschistischen Leben.

Die Suche nach einer Waffe, der Ausweg, kann somit nur als (Ent-)Haltung, also ewige Wiederholung verstanden werden – einem Experimentieren mit dem strategischen Totalitarismus als Maschine und ihrer potentia. Vielleicht ist es das, was Deleuze an der personnage des «Idioten»82 83 faszinierte: Die wahre Dummheit, sich auf so etwas wie eine platonische Idee einzulassen, damit zu arbeiten, diese wirklich zu glauben, aber nur um zu spielen, zu experimentieren, sie zum Platzen zu bringen.84 Und somit immer als Spiel mit der Handlungsunfähigkeit.85

Wenn die Frage nach der Frage selbst nur in der Sprache dessen, was ist, gestellt werden kann, wie kann überhaupt etwas geschehen, das ausserhalb dessen ist, was bereits geschieht? Indem die Frage in dieser Sprache nicht eine Antwort verlangt, sondern der Grund, auf dem sie steht zu wackeln anfängt.86 Es produziert notwendigerweise eine Ausgangslage, welche nicht nur innerhalb sein kann, sondern etwas entbirgt, das sich davon abgrenzt.87 Es ist jedoch nicht die Frage «Was ist Depression?»,88 sondern was können wir innerhalb der Gravitationsenergie befragen, also was ist die Ganzheit89 des Ankerpunktes. Damit provozieren wir ein Paradox, dem nur durch die Erschaffung eines neuen Ankerpunktes zu begegnen möglich ist. Dieser Standpunkt ist in diesem Falle aber nicht ein erschaffenes Aussen, eine göttliche Perspektive, sondern die Verschiebung des Ankerpunktes, welche die Differenz wahrnehmbar macht.90 Das Zentrale der Depro-Analyse zeigt sich genau in diesem Moment, in der Analyse, welche sich selbst auflösen muss, um Analyse sein zu können, womit sie aber wieder genauso redundant wird. Die Frage nach der Frage befragt das Wer des Fragenden sowie das Worin des Befragten als Gesamtes, womit diese aber als Grund einem Nicht-Fragenden sowie einem Nicht-Befragten ausgeliefert wird. Oder präziser, einem Nicht-Mehr-Fragenden/Befragten und einem Noch-Nicht-Fragenden/Befragten.

An dieser Stelle könnten wir uns Deleuze/Guattaris Konzept des Minoritär-Werdens zuwenden91, jedoch kommt Madame Psychosis zu Wort: Ton ab: «Adipositas, Adipositas mit Hypogonadismus. Und morbide Adipositas. Lepra mit Bildung knotiger Leprome, im Gesicht als Facies leontina. Die Akromegaliker[innen] und Hyperkeratotiker[innen]. Die Enuretiker[innen] – ausgerechnet in diesem Jahr. Die spastischen Schiefhälse. Leute mit Sattelnasen. Leute mit atrophischen Gliedern. Und, genau, Chemiker[innen] und reine Mathematiker[innen] im Hauptfach auch mit Halsatrophien. Leute mit Sclerodema adultorum. Leute mit Serodermatose, die nässen. Nicht einer nur, kommt alle, heisst es hier im Rundschreiben. Die Hydrozephalen. Die Schwindsüchtigen, Kacheketiker[innen] und Anerotiker[innen]. Leute mit Morbus Brag mit ihren schweren roten Hauterosionen. Fälle von Naevus flammeus, Karbunkelbildung oder Steatokryptose oder allen dreien, was Gott verhüten möge. Marin-Amat-Syndrom, sagt Ihr? Her mit Euch. Psoriatiker[innen]. Ekzematüs Gemiedene. Und Skrofulodermatöse. Ihr glockenförmigen Steatopykniker[innen] in euren spezialangefertigten Beinkleidern. Ihr mit Pityriasis rosea. Hier steht „Kommt her zu mir, die ihr abstossend und verwahrlost seid. Selig sind, die da körperlich arm sind, denn ihrer“. Die Leukodermatiker[innen]. Die Xanthodontiker[innen]. Die maxillofazial Fehlgebildeten. Die mit verzerrten Augenhöhlen aller Art. Traut Euch hervor unter dem Deckenfluter der Sonne, heisst es hier. Kommt rein aus dem Spektralregen. Die mit Basiliskenatem und Pyorrhö. All Ihr Peroniker[innen] und Teratoidalen. Ihr phrenologisch Fehlgebildeten. Ihr mit suppurativen Lösionen. Ihr endokrinologisch Übelriechenden aller Duftnoten. Schreitet nicht länger gedemütigt einher. Ihr mit den acervulinen Nasen. Ihr radikal Ektomierten. Ihr krankhaften Diaphoretiker[innen] mit Tempos in allen Taschen. Ihr chronisch Granulomatosen. Ihr, die grausame Menschen, wie es heisst, als Zweitüter bezeichnen – eine Tüte für Euren Kopf und eine für den des Betrachters, falls die auf Eurem Kopf mal abfallen sollte. Ihr Verhassten, Rendevouslosen und Gemiedenen, die Ihr im Schatten bleibt. Ihr, die Ihr Euch nur vor Euren Haustieren auszieht. Ihr Zitat ästhetisch Geforderten. Verlasst Eure Lazarette und Oublietten, ich lese das, wie’s hier steht, Eure Klausen, Keller und TP-Tableaus und sucht Euch Hege Unterstützung und die inneren Ressourcen, um Eurem Spiegelbild furchtlos ins Auge zu schauen, heisst es – etwas übertrieben vielleicht – hier weiter. Doch steht uns diese Bemerkung zu. Lieber Du als Degout, steht hier. Kommt und legt ab das Deckmäntelchen von Genotyp und Phänotyp, steht hier. Lernt, eure verborgenen Seiten zu lieben. Schliesst sie ins Herz. Ihr mit den fast unglaublich geschwollenen Knöcheln. Ihr Kyphotiker[innen] und Lordotiker[innen]. Ihr unheilbaren Zellulitiker[innen]. Fortschritt, nicht Vollkommenheit, steht hier. Niemals Vollkommenheit, steht hier. Ihr todbringend Schönen: Willkommen. Ihr Aktæonisierenden Seite an Seite mit den Medusoiden. Ihr Papulösen, Makularen und Albinos. Medusen und Odalisken: Hier findet Ihr Euresgleichen. Alle Versammlungsräume ohne Fenster. Das ist kursiv: Alle Versammlungsräume ohne Fenster. Ihr mehrfach Ambuptierten. Ihr mit prothetischen Mésalliancen. Ihr mit vorstehenden Zähnen, Doppelkinn, fliehendem Kinn und Walrosswangen. Ihr mit Gaumenspalten. Mit echt grossen Poren. Ihr mit von exzessivem, aber nicht unbedingt lykanthropen Haarwuchs. Ihr Mikrozephalen. Ihr mit zwanghaftem Tourette-Syndrom. Ihr parkinsonistisch Zitternden. Ihr Verkrüppelten und Verkrümmten. Ihr Teratoiden des gesamten Antlitzes. Ihr Entstellten, Buckligen, Höckerigen und Halitosekranken. Ihr auf verschiedenen Arten Asymmetrischen. Ihr Nagern, Sauriern und Rössern Gleichenden. Ihr mit den drei Nasenlöchern. Ihr mit den invaginierten Mündern und Augen. Jene mit den dunklen Tränensäcken unter den Augen, die über das halbe Gesicht hängen. Jene mit Cushing-Syndrom. Jene, die aussehen, als hätten sie das Down-Syndrom, obwohl sie kein Down-Syndrom haben. Es ist an Euch. Es ist Eurem Urteil überlassen. Ihr seid willkommen, egal wie ernst euer Fall ist, heisst es hier. Ernst liegt im Auge des Leidenden, heisst es hier. Schmerz ist Schmerz. Krähenfüsse. Muttermale. Schiefgegangene Rhinoplastik. Leberflecken. Überbiss. Hässlichkeit in Permanenz.»92 93

1 «… to blow it all away.» Pyrit – UFO

2 Studierte Theorie und Kunst in Zureich, schreibt und übersetzt für Madame Psychosis, u.a. mit dem kleinen Buch «Die Erfindung der Einsamkeit: Einsame Leben in einsamen Welten».

3 «Wir» gibt es einige in dieser Arbeit, die Schreibenden, die Denkenden, die Konzipierenden, die Lesenden, die Mit-Lebenden und und und. Gedankt sei euch, den lieben Freundinnen und Zeitgenossinnen.

4 Warum dies absurd wäre, sollte spätestens auf der letzten Seite evident sein.

5 Ja, auch du!

6 Oder ersten.

7 Søren Kierkegaard, Vorwort zu Krankheit zum Tode: «Vielen wird die Form dieser „Darlegung“ vielleicht sonderbar erscheinen; sie wird ihnen zu streng vorkommen, um erbaulich, und zu erbaulich, um streng wissenschaftlich zu sein. Was das letzte betrifft, so habe ich darüber keine Meinung. Dagegen ist meine Meinung über das erste eine andere; und wäre diese Darlegung tatsächlich zu streng, um erbaulich zu sein, so wäre das für meine Begriffe ein Fehler.»

8 Zitat aus dem Notizbuch, geschrieben nach der Sichtung eines Papageis im Friedhof Père Lachaise, Paris

9 Zitat von Nietzsches Zitat als Notat

10 Zitat des Zitats aus dem Notizbuch, geschrieben nach der Sichtung eines Papageis im Friedhof Père Lachaise, Paris

11 Rückwirkende Erschaffung des roten Schirms

12 Rückwirkende Erschaffung des grünen Papageis

13 «“Synecdoche, New York“ is a 2008 American postmodern drama film written and directed by Charlie Kaufman, and starring Philip Seymour Hoffman. It is Kaufman’s directorial debut.» Wikipedia.org

14 Nein, ist es nicht! Nein, ist es doch!

15 US-Amerikanischer Autor von «Unendlicher Spass», «Trillaphon und die Üble Sache», u.a., nahm sich 2008 das Leben.

16 Und nicht seine Auflösung in etwas anderes, sondern in seiner Zuschreibung.

17 «Ich weiss nicht, ob die Üble Sache wirklich eine Depression ist. Früher habe ich mir irgendwie immer vorgestellt, eine Depression wäre einfach eine total intensive Traurigkeit, so wie das Gefühl, wenn einem der Hund stirbt oder wenn in Bambi Bambis Mutter stirbt. Ich dachte, da ziehst du die Stirn kraus, vergiesst ein paar Tränen, wenn du ein Mädchen bist, sagst dir „Heilige Scheisse, heute bin ich aber echt deprimiert“, und dann kommen deine Freunde, wenn du welche hast, muntern dich auf oder nehmen dich mit und besorgen es dir, am nächsten Morgen ist das schon wie ein verblasstes Foto und nach ein paar Tagen ist es ganz weg. Die Üble Sache – was eine wirkliche Depression ist, nehm ich mal an – ist ganz anders und unbeschreiblich viel schlimmer. Wahrscheinlich sollte ich lieber irgendwie unbeschreiblich sagen, weil ich in den letzten Jahren gehört habe, wie verschiedene Leute eine wirkliche Depression zu beschreiben versucht haben. Im Fernsehen hat ein wortgewandter Typ mal gesagt, manche Leute benutzen das Bild, dass du unter Wasser bist, in einem Gewässer, das keine Oberfläche hat oder jedenfalls nicht für dich, und egal in welche Richtung du schwimmst, du findest nur mehr Wasser, aber keine frische Luft, und du kannst dich nicht bewegen, sondern bist eingeschränkt und bekommst weder Luft noch Licht. (Ich weiss nicht, ob dieser Unterwasservergleich es trifft, aber wenn du dir den Augenblick vorzustellen versuchst, in dem dir klar wird, in dem dir schlagartig aufgeht, dass es keine Oberfläche für dich gibt, dass du ertrinken wirst, egal in welche Richtung du schwimmst; wenn du dir vorzustellen versuchst, wie du dich in genau diesem Augenblick fühlst, so wie Descartes am Anfang seiner zweiten Kiste, und wenn du dir dann vorzustellen versuchst, dass sich dieses entzückende Gefühl des Erstickens über Stunden, Tage und Monate hinzieht … dann trifft es das vielleicht besser.) Eine einfach reizende Lyrikerin namens Sylvia Plath, die leider nicht mehr lebt, hat gesagt, das ist, als ob dir eine Glasglocke übergestülpt wird, und dann wird die Luft unter der Glocke abgepumpt, sodass du keine frische Luft mehr bekommst ( und jetzt stell dir den Augenblick vor, wo das Glas deine Bewegungen hemmt und dir klar wird, dass du unter Glas bist …). Manche Leute beschreiben es so, als hättest du ständig ein grosses schwarzes bodenloses Loch vor dir und unter dir, ein pechschwarzes Loch, vielleicht mit einer Andeutung von Zähnen, und dann bist du plötzlich Teil des Lochs, und du fällst, obwohl du bleibst, wo du bist (… vielleicht weil dir klar wird, du bist das Loch, sonst nichts …). Ich bin nicht so wortgewandt, aber ich sag dir mal, was die Üble Sache meiner Meinung nach ist. Ich würde sie damit vergleichen, dass mir total schlecht ist, richtig sterbenselend. Ich versuche mal, das zu erklären. Stell dir vor, dir ist hundeübel. Praktisch jedem war schon mal hundeübel, also weiss auch jeder, wie das ist: Spass macht das nicht gerade. Okay. Okay. Dieses Gefühl ist aber örtlich begrenzt: Es beschränkt sich mehr oder weniger auf den Magen. Jetzt stell dir vor, dass deinem ganzen Körper übel ist: deinen Füssen, den langen Muskeln in deinen Beinen, deinem Schlüsselbein, deinem Kopf, deinen Haaren – der ganze Körper fühlt sich so sterbenselend wie bei einer ausgewachsenen Magen-Darm-Grippe. Und wenns geht, dann stell dir jetzt vor, dass sich dieses Gefühl noch weiter ausbreitet und Besitz von dir ergreift. Stell dir vor, jeder Zelle, jeder einzelnen Zelle deines Körpers wäre so übel wie bei einer Magenverstimmung. Und nicht nur deinen eigenen Zellen, auch den E. Coli und Laktobazillen, den Mitochondrien, den Basalkörpern, allen ist übel, und sie brodeln und brennen wie Maden in deinem Hals, deinem Hirn, in jeder Ecke, überall, in allem. Allen ist einfach hundeübel. Jetzt stell dir vor, dass jedem einzelnen Atom in jeder einzelnen Zelle deines Körpers so übel ist, unerträglich schlecht. Und jedem Proton und Neutron in jedem Atom … aufgequollen, pochend, verfärbt, voll Übelkeit und ohne eine Chance, jemals alles zu erbrechen, um das Gefühl loszuwerden. Jedem Elektron ist schlecht, es trudelt unkontrolliert durch sein Juxhausorbital, wo dicke gelbe und violette Giftgase durcheinanderwabern, alles unwuchtig und schwummrig. Quarks und Neutrinos eiern ausgetickt und kotzübel durch die Gegend. Stell dir das einfach mal vor, eine Übelkeit, die sich bis in kleinste Stück von dir ausbreitet, bis in die Stücke der Stücke. Und am Ende ist dein Ganzes … Wesen von nichts anderem als dieser Übelkeit geprägt: Du und die Übelkeit, ihr werdet „eins“ wie man so sagt. Im Grunde ist die Üble Sache ungefähr das. Allem in dir ist übel, alles ist verzerrt. Und da du nur durch Teile deiner selbst – deine Sinnesorgane, dein Gehirn usw. – Bekanntschaft mit deiner Aussenwelt schliesst, und da allen diesen Teilen kotzübel ist, erreicht die Welt, wie du sie wahrnimmst und kennst und in ihr bist, dich nur durch diesen Filter der Übelkeit, und auch ihr wird übel. Allem in dir wird übel, und alles Gute verschwindet aus der Welt wie die Luft aus seinem kaputten Luftballon. In der Welt, wie du sie kennst, gibt es nur noch scheusslichen Gestank, traurige, verzerrte und entsetzliche Pastellbilder, scheppernde oder todtraurige Geräusche, unerträglich andauernde Situationen, die zu einem Kontinuum aufgefädelt werden, das einfach kein Ende nimmt … unvorstellbar dämliche und hoffnungslose Ideen. Und genau wie du bei einer heftigen Magenverstimmung instinktiv Angst hast, dass sie nie wieder weggeht, jagt die Üble Sache dir eine Heidenangst ein, nur schlimmer, denn die Angst wird von der üblen Krankheit noch potenziert und dadurch grösser, schlimmer und gefrässiger. Sie reisst dich auf, bohrt sich in dich hinein und dreht und windet sich. Die Üble Sache attackiert dich nicht nur, flösst dir Übelkeit ein und setzt dich ausser Gefecht, sondern sie attackiert dich, flösst dir Übelkeit ein und setzt genau die Fähigkeiten ausser Gefecht, die du brauchst, um die Üble Sache zu bekämpfen, um vielleicht wieder auf den Damm zu kommen und am Leben zu bleiben. Das mag schwer nachvollziehbar sein, aber es stimmt. Stell dir vor, eine schmerzhafte Krankheit hat deine Beine befallen und verursacht starke Schmerzen und Lähmungen und unterträgliche Qualen in diesen Körperpartien. Die Krankheit ist an sich natürlich schon schlimm genug, darüber hinaus ist sie aber auch unbefristet; du kannst nichts dagegen tun. Deine Beine sind gelähmt, und du hast höllische Schmerzen … aber du kannst dich nicht bewegen, um deinen leidenen Beinen Linderung zu verschaffen, eben weil sie zu krank sind, um dich überhaupt irgendwohin zu tragen. Deine Kehle brennt wahnsinnig, und du hast das Gefühl, sie explodiert gleich … aber du kannst keinen Arzt anrufen oder um Hilfe flehen, eben weil deine Kehle dafür zu krank ist. So funktioniert die Üble Sache: Sie versteht sich besonders gut darauf, deine Abwehrmechanismen auszuschalten. Die beste Methode, die Üble Sache zu bekämpfen oder ihr zu entkommen, wäre natürlich, anders zu denken, zu argumentieren und zu diskutieren, die Dinge schlicht und einfach anders wahrzunehmen, zu spüren zu verarbeiten. Aber dafür brauchst du deinen Kopf, deine Gehirnzellen mit all ihren Atomen, deinen Verstand und das alles, du brauchst dein Selbst, und genau das hat die Üble Sache lahmgelegt, genau das funktioniert nicht mehr. Genau da ist dir übel, und zwar so übel, dass du einfach nicht mehr auf die Beine kommst. Und du denkst über den ganzen Teufelskreis nach und fragst dich: „Junge, Junge, wie zum Geier schafft die Üble Sache das bloss?“ Du denkst darüber nach – kniest dich voll rein, denn es dient ja nur deinem Wohl – und dann dämmert dir unvermittelt … dass die Üble Sache das schafft, weil du selbst die Üble Sache bist! Du bist die Üble Sache. Das ist alles: Du hast keine bakterielle Infektion, man hat dir nicht in der Kindheit ein Brett oder einen Hammer über die Rübe gezogen, und du hast auch sonst keine Entschuldigung; du selbst bist die Krankheit. Sie ist es, die dich „definiert“, dich nach einiger Zeit ausmacht. Hier wird dir das alles klar. Und wenn du redegewandt bist, ist das wohl der Moment, wo dir aufgeht, dass das Wasser keine Oberfläche hat, wo du dir die Nase an der Glasglocke einrennst und schnallst, dass du in der Falle steckst, wo du in das schwarze Loch blickst und es dein Gesicht trägt. Wo die Üble Sache dich völlig auffrisst, besser gesagt, wo du dich selber auffrisst. Wo du dich umbringst. Dieses ganze Gerede über Leute, die sich umbringen, wenn sie eine „akute Depression“ haben; wir sagen „Heilige Scheisse, wir müssen sie irgendwie davon abhalten, sich umzubringen!“ Das ist falsch. Denn weisst du was? Diese Menschen haben sich schon umgebracht, den Teil, der zählt. Wenn diese Menschen ganze Medizinschränkchen schlucken, in der Garagen eindösen oder sonst was, dann haben sie sich schon eine lange Ewigkeit lang umgebracht. Wenn sie „Selbstmord begehen“, schaffen sie nur noch Ordnung. Es ist eine reine Fomsache, einen Sachverhalt herzustellen, dessen Substanz schon längst in ihnen existierte. Von dem Augenblick an, wo du verstehst, was mit dir los ist, existiert faktisch der Sachverhalt der Selbstzerstörung. Ausser dieser Formsache kannst du dann kaum noch etwas tun. Wenn du nicht ganz so weit gehen willst, bleiben vielleicht noch EKT[Elektro-Krampf-Therapie]oder der Abflug von der Erde zu einem anderen Planeten oder Ähnliches. Tja, damit habe ich über die Üble Sache mehr gesagt, als ich wollte. Selbst jetzt, wo ich darüber nachdenke und introspektiv drauf bin, spüre ich, wie sie mir auf den Leib rückt und mir die Elektronen verpfuschen will. Aber ich bin nicht mehr auf der Erde.» David Foster Wallace, Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache

18 «Panik ist Schöpfung» Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus P. 102

19 In deutscher Sprache geht einiges vom französischen Begriff Lignes de Fuite flöten. Um eine weitere Ebene in der transsprachlichen Dimension von dem Concept hinzuzufügen, möchten wir gerne einem Umweg über Englisch folgen. Brian Massumi hat in seinem Vorwort zur englischen Ausgabe von Mille Plateaux die Eigenheit des französischen Begriffs Fuite so zusammengefasst: «Flight/Escape. Both words translate fuite, which has a different range of meanings than either of the English terms. Fuite covers not only the act of fleeing or eluding but also flowing, leaking, and disappearing into the distance (the vanishing point in a painting is a point de fuite). It has no relation to flying.»

20 Immer in Mehrzahl, weil es die grammatische Form von Vielheit nicht gibt.

21 Von dem erst wieder ersichtlicht wird, was war. Absurd, wer denkt, als Vorläufer bereits eine spekulative Gravitationsenergie zu erschaffen, um auf sich selbst in demselbem Moment zurückzublicken.

22 Dabei geht es nicht um die Herstellung eines Nicht-Gesunden an sich, sondern die Herstellung der Normalität, des Gesunden, des Ordentlichen in der Produktion der Differenz und der Grenzziehung.

23 «Ich habe dafür bezahlt – also tanz!» SXTN – Deine Mutter oder «Be Creative» wir bezahlen dich ja schliesslich mit symbolischem Kapital oder ein paar ECTS-Punkten.

24 Vgl. Gerald Raunigs Dividuum oder Nietzsches Dividuom

25 Vgl. Deleuze im Postskriptum zur Kontrollgesellschaft

26 Was hier als Krankheit gefunden wurde, ist nicht etwas Krankhaftes, das man nicht mehr weg bringt, sondern konstituiert überhaupt erst ein neoliberales Subjekt als depressiven Menschen – aber dazu später.

27 Gilles Deleuze, Abecedaire

28 Die in der deutschen Sprache undurchsichtigen Zusammenhänge von Unterwerfung und Subjektivierung werden im französischen mit assujetissement und subjectivation oder im englischen mit subjection und subjectivation sichtbarer.

29 Die schmierigen Metaphysiker mit der ödipalen Enquête (vgl. Foucault Die Wahrheit und die juristischen Formen)

30 Vgl. auch Tausend Plateaus S. 142 ff, Sprache als Befehlsordnung.

31 Vgl. Judith Butler, Universalität: Universalität kann nur artikuliert werden (mit der Installation der Exklusion)

32 «Die grosse Frage ist: Gibt es auf dem Planeten Trillaphon die Üble Sache? Ich weiss es nicht. Vielleicht hat sie es in der dünneren Atmosphäre mit weniger Spurenelementen schwerer. Mir geht es jedenfalls in mancher Hinsicht so. Wenn ich manchmal nicht daran denke, habe ich das Gefühl, ich bin der Üblen Sache entkommen und kann hier auf Trillaphon ein normales und ergiebiges Leben als Anwalt oder so führen, wenn ich wieder lesen lerne. Weit weg zu sein, hilft gegen die Üble Sache. Nur ist dieser Gedanke einfach albern, wenn du daran denkst, was ich oben gesagt habe: Die Üble Sache ist » Foster-Wallace, Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache

33 Mit der gütigen Geste des grausligen Humanisten.

34 Alternativ-Titel: Das handlungsunfähige Subjekt». Wir verwenden den Begriff «Mensch» nicht im Sinne eines universalen, humanistischen oder anthropozentrischen Begriff, sondern als Platzhalter, den wir gleichermassen in seiner Vielheit an seine Grenzen bringen möchten. Die Problematik von zugeschriebenen Begriffen lässt sich nicht einfach damit auflösen, indem man den Platzhalter durch ein anderes Wort ersetzt, wie Körper, Subjekt, Entität etc. Dieser nur scheinbaren anti-anthropozentrischen Haltung widersprechen wir indem, dass die Arbeit an Begriffen nicht damit getan ist einfach andere Begriffe an jene Stelle zu setzen, welche in den zum-abschuss-freigegebenen Konzepten inhärent scheinen. Es gilt die Begriffe selbst zu verschieben.

35 Und aufgrund dessen immer auch Subjekt bleibt.

36 Philippe Mengue, Faire l’Idiot: la politique de Deleuze, s. 9.

37 An dieser Stelle möchten wir gerne unseren guten Freund Karl grüssen.

38 Deleuze/Guattari, Kafka, für eine kleine Literatur

39 «Die Individuen sind „dividuell“ geworden[…]» Gilles Deleuze, Postskriptum zur Kontrollgesellschaft

40 «Der Mensch ist nicht mehr der eingeschlossene, sondern der verschuldete Mensch» Gilles Deleuze, Postskriptum zur Kontrollgesellschaft

41 Amewu – Demut: «Eine Nacht die wie ein Jahr vergeht | Ich bleibe wach egal wie lange ich mich schlafen leg | Mein Atem zittert, wenn ich vergangene Taten seh’ | Schande rieselt von meinem Haupt so wie schwarzer Schnee | Tun die Narben weh, sind sie vielleicht nie verheilt | Und zu tief im Fleisch, unabhängig wie viel Zeit verstreicht | Sie krallen sich ein, verbreiten Pein | Ich könnte mich befreien, weise sein, doch ich bleib | Leicht überheblich, weil lachen so schwer ist | Keiner versteht mich, ach wie erbärmlich | Doch wenn sie mich hassen, dann lern ich es | Wie schmerzhaft die Entfernung ist, wenn mich Wiederbegegnung wie ein Inferno trifft | Doch keine Wärme gibt, denn ich hab nur Kälte geteilt | War zu selten bereit zu zeigen welches selbst in mir weilt | Statt Vereinigungen schlage ich die Welten in zwei | Wo eine Bindung war sitzt an ihrer Stelle ein Keil | Vor den meisten Menschen schreck ich zurück | Gehe in der Einsamkeit auf als brächte es Glück | Leute werden vom guten Licht in das schlechte gerückt | Die gesamte Außenwelt in eine Ecke gedrückt | In diesem Vakuum kann sich dann mein Ego entfalten | Mit Fehlern jeden Zentimeter meines Lebens gestalten | Ich sehe meine Seele weiter in den Nebel abgleiten | Eigentlich soll sie anderen Lebewesen Wege bereiten | Widersprüche sind dabei mir meinen Schädel zu spalten | Eigentlich ist das Leben leicht, es könnte jeder begreifen | Doch ich versteh nichts mehr sobald ich mit jemand zu zweit bin | Ganz zu schweigen davon, wenn wir mehr als zwei sind | Mein Gesicht bricht mir aus dem Kopf | Selbst wenn du mich berührst fühl ich mich wie ausgestopft | Emotionen stauen sich auf, werden ausgekotzt | Wenn ich alleine für mich bin, schießen sie aus dem Loch | Das in vergangener Zeit mal mein Ich war | Egal wie tief ich reinschau, da ist nichts da | Und so klammer ich mich fest am Nichts | In der Hoffnung, dass noch irgendwo ein Rest da ist | Feingefühl abgelegt selbstbezogen | Ich meide das Licht von der Welt da oben | Meine Geschichte ist schnell verflogen | Aus Leiden gedichtet zerschellt am Boden | Zwischen Selbstmitleid und Selbstüberschätzung | Egoismus und Geltungsdrang | Schlittert meine äußere Hülle nach dem Sprung von der Klippe erst mal am Fels entlang | Lächerlich, ich hielt mich für klug | Was besseres, doch war mir niemals genug | Es fesselt mich, liegt auf mir wie ein Fluch | Ich breche mich, hoffentlich siehst du mir zu | Hmm, wär vielleicht doch nicht so gut | Alleine ist peinlich genug | Mich demütigt Demut, bis ich am Boden liege | Doch wenigstens weicht meine Wut | Ich bin einsam, kann viele Dinge nur mit mir selbst teilen | Schaff’s weder dich noch mich, doch würde gerne die Welt heilen | Spiele mit dem Feuer doch passe nicht auf | Die Seele brennt, mein Körper ist ein abgefackeltes Haus | Die Augen glühen auf wie Glut bevor sie erlischt | Keiner bemerkt mein verstorbenes Ich | Sie sagen, das ist mein Charakter ich wär so und sorgen sich nicht | Doch wer ich bin bleibt verborgen im Licht | Es tut mir Leid, so Leid, endlos Leid | Wer ich war, wer ich bin, ihr wisst, wer ihr seid | Ich hab Menschen gekränkt, zu oft Schwäche gezeigt | Bitte habt Nachsicht, ich erkenn’s mit der Zeit.»

42 Brutale Schulproduktionen um avantgardistisches Denken namentlich von Akzellerationistinnen, Neuen Realistinnen oder Globalisierungskritikerinnen mit ihren Anführerinnen-Action-Figuren.

43 «Erstes Stockwerk Transzendenz, zweites Stockwerk Immanenz.» So spöttelt Anne Sauvagnargues über die Metaphysiker, wenn sie ein weiteres Mal die Immanenz ausrufen. Gäbe es sowas wie eine Immanenz, gäbe es sie nicht. Immanenz bezeichnet nichts, es ist eine Art zu denken, die, Ontologie unmöglich macht, keine Was-Frage sinnvoll und Moral ein noch leererer Begriff ist, als er davor schon war. Aber vor was? Danke Spinoza, danke Nietzsche – ihr lebendigen Geister im Geisterfilm der Vitalität.

44 Vgl. Deleuze/Guattaris Begriff Agencement bzw. Immanenz-Ebene

45 Im Unterschied zur absoluten Kontingenz des Ereignisses

46 Welcher vom Fatalismus oder Nihilismus als auch Faschismus abgegrenzt werden muss, jedoch solches beinhalten kann – denn niemand glaubt an Nichts oder nur die Zerstörung, ohne dabei etwas «Gutes» tun zu wollen! (als Grundlage dafür überhaupt etwas tun zu können.)

47 Das Unsichtbare Kommitee – Der kommende Aufstand S. 15

48 «Alles erlischt | Verwelkt | Vergeht | Verzischt | Verbrennt | Verfliegt | Versenkt | Versiegt | Liebe in Zeiten des kommenden Aufstands» grim104 – Der kommende Aufstand

49 Die Frage muss leider in dieser Arbeit in diesem Fall offen bleiben. Nicht weil wir uns vor Heidegger fürchten (nicht ängstigen), aber es wohl andere Spiesse braucht um diese Frage zeitgenössisch anzugehen und (Ausrede Nr. 2) der Platz wird wohl nicht reichen, in diesem Text auch noch den pariser Theorie-Widerstand-Popstars zu widersprechen. Trösten wir uns damit, dass sie im Herzen dabei sind.

50 Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus, P. 221

51 «Endlich wieder Krieg!» Zugezogen Maskulin – Endlich wieder Krieg

52 «Nur noch ein Gott kann uns retten.» letztes Heidegger-Interview im Spiegel

53 Gayatri Spivaks strategischer Essentialismus ist sicher inspirierend für den Begriff; wir möchten aber darauf bestehen, dass «strategisch» keine gewählte aktivistische Haltung sein kann, um auf der «richtigen Seite» zu stehen, sondern die Notwendigkeit, trotz dem Wissen, dass nichts beständig ist und alles veränderbar, eine (scheinbar ewige) Wahrheit erschaffen werden muss, in der deterritorialisierten Subjektivierung der Prekarisierung und im Prekär-Sein.

54 Dass ein einziges Festhalten des depressiven Menschen als taktisch angesehen werden kann, ändert nicht die strategische Komponente der Notwendigkeit sich überhaupt erst auf so etwas wie einen Ankerpunkt einlassen zu müssen.

55 Der «gute Staat» ist genauso der «gute Zustand» als a-moralischer Zustand als eigentliches Podium von welchem gesprochen, gedacht, gesehen werden kann. Ein Zustand, der nur soweit Zustand bleibt, bis ihn die nächste Gravitationenergie wieder fortreisst und einen neuen «guten Zustand» zuweist.

56 Aber auch ein Fortleben einer dialektischen Logik in der Überwindung der Dialektik, einem Willen zur Ontologie und einer polizeilichen Ordnung in duale Grenzziehungen für das Aussen der Immanenz, der Essenzproduktion in der Vielheit, der moralische Realismus und Überwindung von dem, was wir objektivieren, wie z.B. einem Kapitalismus oder Faschismus.

57 Essay von Joelle Van Dyke aus Sicht des depressiven Menschen, «Warum ich mich in die Luft sprengte», nachzulesen auf madame-psychosis.com: «Wir leben in einer Welt der Decodierung, Deterritorialisierung, einer Welt, in der keine Wahrheit hinter dem Vorhang vorstellbar wäre. Ich bin depressiv. Was heisst das schon? Zürich, Zureich, Arbeit, Mehrwert. Paris. Ein Ort, der den sozialen Wohlfahrtstaat mit Intermittent nach Gesetz umgeht. Die Produktion von Individuen, am Rande einer guten Gesellschaft. Wir werden direkt konfrontiert mit der Mehrwert-Produktion oder dem Nichts, des scheinbaren Aussens. Doch woran können wir uns orientieren? Ich, nein du, nein wir, nein die. Ich bin weil das ist. Ich bin weil ich nicht Objekt bin. Eine scheinbar autistische Frage wird zentral. Die Geste des Haltens an irgendwas wird existenziell. Du sagst mir, ich sei depressiv? Du sagst mir, ich gehöre nicht in deine guten Werte? Ich will auch leben. Du sagst mir in Zürich, ich sei depressiv, du sagst mir in Paris, ich sei gefährlich, ich sei Terrorist. Die Krise des Subjekts ist nicht eine Krise des Subjekts selbst. Es ist die Krise eines davon getrennten Objekts. Nicht das, was zu mir gehört, sondern die unmissverständliche Tendenz dessen, was nicht zu mir gehört. Nicht das Leben zum Tode, sondern das Leben zum Nicht-Leben. Ein prekäres Individuum auf der Suche nach dem, was es nicht ausmacht. Eine autistische Frage der unmöglichen Zuschreibung. Was ist Raum, was ist, was nicht ich ist? Ich bin gesund, ich weiss, was ich bin. Aber weiss ich, was ich nicht bin? Haarspalterei. Nein. Bin ich das, bin ich dies, sei dies, sei das. Schizo? Nein. Eine andere Frage, ich bin nicht nur vieles, vieles bin ich nicht nur, aber was, wenn nicht nur das was ich nicht bin? Die Krise des Individuums ist nicht die Krise des Individums als ungeteiltes, sondern die Krise dessen, was das Individuum von dem abgrenzt, was es nicht ist. Kapitalismus ist Deterritorialisierung, ja, aber was ist dann das Subjekt? Ist es noch die Suche nach dem handlungsfähigen Subjekt? Oder nach dem, was nicht Objekt ist? Wir haben hier also mehrere Ebenen der Zerstreuung. Die der Subjektivität, die der Objektivität, aber auch die der Zuschreibbarkeit. Ein philosophisches Problem mit philosophischer Antwort? Wohl kaum… Stellen wir uns ein deterritorialisiertes Individuum vor. Was ist das? Keine Ahnung. Es gibt es nicht. Doch was ist ein deterritorialisiertes Individuum, das sich reterritorialisiert? Als was tut es dies? Und das ist der Moment, in welchem es wirklich interessant wird. Aus zwei Gründen, warum und wie… Also historisch und politisch. Grund eins ist historisch, damit es ein Subjekt geben kann und zwei politisch, inwiefern es zum Subjekt wird. Dabei möchte ich gerne an die Deterritorialisierung erinnern, welche grundlegend für eine heutige kapitalistische Produktionsweise ist. Als Produktion des Prekär-Seins und der Panik. Dies soll keinesfalls an eine humano-zentristische Konzeptualisierung ausgerichtet sein, sondern an eine ontologische Dimension erinnern. Eine Ontologie im Sinne der Ontologie der Gegenwart, ohne universalistisch aufzutreten, mehr in einer Tradition der Observation der innewohnende Kräfte. Und hier, genau dabei tritt ein Paradox zu Tage, dem wir tatsächlich einige Gedanken widmen sollten. Hier trifft die kritische (sogar anti-humanistische) Tradition auf eine Kondition des Transzendentalen. Doch nur um sich gegenseitig auszuspielen. Dabei wird die Produktion eines nicht-universalen Gestus der Klammerung an eine scheinbar ewige Wahrheit unsichtbar. Ein strategischer Totalitarismus, der aus dem Imperativ der Handlungsfähigkeit selbst entspringt. Es ist ein kapitalistisch, pragmatischer Moment der Subjektivierung, anhand dessen dem Prekär-Sein begegnet werden kann. Einem Gestus des Haltes, der selbst das Objekt dessen, woran sich das Halten hält, produziert. Es ist der Ausgangspunkt jeglicher Handlung, wertfrei in ihrer Konsistenz. Ortbar in ihrem Effekt. Hiermit schnalle ich mir den Spreng-Stoff-Gürtel um, um nicht an Nichts zu glauben, um Subjekt zu sein. Hiesse dies als depressiver Mensch geboren zu werden und als Terrorist wiedergeboren.»

58 Die Nicht-Haltbarkeit ist genauso ein Glaube, wie es die Handlungsunfähigkeit ist. Doch produziert der Glaube an die Handlungsunfähigkeit eben kein Nicht-Subjekt, sondern genau eines, das durch die Handlungsunfähigkeit seine Subjekthaftigkeit erhält.

59 Sprechen und Ernsthaftigkeit: Als wäre die Benutzung von Worten etwas anderes als Theorie, sprechen wir von etwas statt mit. Wir sprechen, als gäbe es das Wort an sich, als wäre es etwas, womit wir uns verstehen können. Doch das ist es nicht. Wir halten uns an Worte, die wir als Begriffe begreifen, um überhaupt unsere Welt zu sehen ohne zu merken, dass die sichtbare Welt eine andere ist. Als ob unabhängig von dem Ding, das wir Ich nennen etwas gesagt werden könnte. Doch darum geht es genau. Die Ernsthaftigkeit ist etwas ausserhalb eines sprechenden Ichs, das wichtiger ist als das Ich selbst. Es ist ein Zustand, dessen sich für das Ding der Ernsthaftigkeit zu opfern bereit ist. Erst die Gefahr, sich selbst zu verlieren, sich verändern zu lassen, den eigenen Boden anzugreifen, macht überhaupt aus irgendwas etwas Ernsthaftes. Eine Wahrheit, dessen wir uns erst als solche messen können, an welcher wir als Ich und Du scheitern müssen, weil wir uns daran verändern. Nur Reden ist Theorie, Ernsthaftigkeit ist Leben. Leben als das, was niemals ist, sondern sich aufgrund dessen, dass man es verliert, erst wird. Wie können wir behaupten zu sprechen, ohne uns einer Welt zu unterwerfen, welche nicht die unsere sein kann? Wie können wir behaupten, dass wir damit nicht alle zu sogenannten Theoretikerinnen werden? Die Ernsthaftigkeit ist die Anti-Theorie, weil sie sich auf ein Aussen stützt, während das Ich abstürzt. Es ist eine Sorge um sich selbst, welche nur in Gefahr des Selbst relevant ist. Parrhesia. Wahrsprechen, nicht als jemand, sondern als Niemand-Mehr. Wahrsprechen nicht als Produktion göttlicher Wahrheit, sondern als Produktion der Welt. (Nur dürfen wir nicht vergessen, dass es trotzdem ein South-Park-Sprechen gibt, das von sich aus plaudert, von einem «ich-will-einfach-reden», aber nicht um etwas in der Sprache zu produzieren, sondern um einen Gemeinplatz zu besetzen, welcher etwas anderes sagt als einfach sagbar wäre, ein Miteinander, das sich durch Sprache ausdrückt, aber nicht dadurch auszeichnet.)

60 «Dein Leben ist fake, mein Rap ist real» SXTN – Deine Mutter

61 Woraus sich so etwas wie ein grundlegendes Paradox offenbart mit einer textlichen Arbeit wie dieser überhaupt eine eigentliche anti-theoretische Perspektive zu produzieren. Aber genau das meint Deleuze als Versuch die Sprache selbst zum Stottern zu bringen. Also innerhalb der Sprache gegen die Sprache selbst zu schreiben, einer Ent-Theoretisierung der Theorie in der Theorie selbst. Deleuze lacht zurecht, wenn man den «Tod der Philosophie» ausruft, weil nur wenn man dem Denken, das die Sprache auf ihre Grenzen befragt, einen anderen Namen gibt, die Philosophie (oder zeitgenössisch die Theorie) als Funktion oder Aufgabe dieselbe bleibt.

62 Baruch sagt Hallo insbesondere an Martin, Hallo!

63 Vgl. Das Erhabene bei Lyotard, als der Abstand des Sichtbaren und Sagbaren, welchem noch keine Bezeichnung zukommt. Das Erhabene ist für ihn das Ereignis, also die Veränderung bevor der nächste Ankerpunkt ermöglicht im Rückblick eine Zuschreibung zu machen. Wir würden dies jedoch eher umdrehen und die Veränderung als Grund-Konstitution verstehen, während das Setzen eines neuen Ankerpunkts dem Ereignis entspricht. Um aber wirklich fundiert die Depression in eine Ereignis-Geschichte einzureihen, müssten wir uns tiefer graben. Wäre sicher ein spannendes zukünftiges Projekt.

64 Martin Heidegger beschreibt in seiner Antrittvorlesung von 1929 (im Anschluss an Sein und Zeit) die Angst als das, was in der Konfrontation mit einem Nichts (oder Seins) auftritt. Wie er selbst gerne noch im dritten Teil von Sein und Zeit ausgearbeitet hätte, dem Sein als Ereignis, also dem, was als Aussen der philosophischen Metaphysik eine Veränderung provoziert. Ob dieser Text hier nun der Überwindung der Philosophie als Metaphysik zugerechnet werden kann und somit denkerisch oder dichterisch ist, sollte er selbst diagnostizieren, ah, nein, er ist ja tot.

65 Gilles Deleuze / Felix Guattari, Tausend Plateaus, S. 532

66 Frz. Etat und état.

67 1986

68 Siehe oben.

69 Oder das Nichts.

70 Womit Erin Mannings Dance of the Not-Yet immer auch ein Dance of the No-More wird.

71 Die Produktion des [Etwas] ist immer auch eine Form von Experiment, eine Setzung, die wie eine Wahrheit wirkt, ist genauso ein Vorschlag, ein Baukasten für eine Maschine, ein Versuch – Stefano Harney und Fred Moten setzen genau dort mit fugitive planning und black studies an. Der Ankerpunkt kann deshalb nicht nur als der «Zustand» oder «Staat» als solches gedacht werden, sondern nur als als ob, um ihn im Experiment wieder zerspringen zu lassen. Womit spätestens klar wird, dass Ankerpunkte (als Leck und Mittelpunkt) niemals alleine auftauchen, es ist immer eine Vielheit von Ankerpunkten, die das Chaos in monströser Weise (oder rhizomatisch) abstecken, ausmessen und kartografieren – wuchernd, ausufernd, verbindend, zeichnend und umreissend. Immer prekär widerstehen sie der Depression durch das Leckschlagen, Ankern und der damit erschaffenen Gravitationsenergie – mit welcher sie sich aber selbst schon wieder ins Auflösen stürzen und neue Ankerpunkte produziert werden müssen.

72 Oder wie oben beschrieben des [Etwas].

73 Ist es das, was Heidegger Angst nennt?

74 Würde Heidegger den Ankerpunkt vielleicht als das Seiende bezeichnen?

75 Vgl. Die Begriffe Prekär-Sein in Prekäres Leben von Judith Butler und Subsistenz in Didivuum von Gerald Raunig.

76 Nicht zu verwechseln mit Utopie, Illusion oder Ideologie.

77 Weil wir uns damit in eine gottesähnliche Position begeben, in ein über oder neben oder ausssen statt mit stellen, also eher ein «Hör mir zu!» als ein «Was ist zu tun?». Aber das kennen wir ja schon.

78 Vorwort der englischen Ausgabe von Deleuze/Guattaris Anti-Ödipus

79 «Verschwende deine Zeit!» Zugezogen Maskulin – Verschwende deine Zeit

80 Nietzsches Genealogie fragt nach der Herkunft der Kräfte, Foucaults Ontologie der Gegenwart nach den zugrundeliegenden Machtverhältnisse, Deleuze/Guattaris Schizoanalyse nach dem, wie etwas funktioniert.

81 Theorie-Begriff im Sinne des Denkens/Handelns vorausgesetztem Glauben, also der Welt selbst. Es gibt somit keine zuschreibbare Theoretikerinnen, sondern etwas Theoretisches in jeglichem Durch-das-Leben-gehens.

82 Philippe Mengue, Faire l’idiot: la politique de Deleuze

83 Wenn wir die etymologische Herkunft von Idiot im Griechischen finden wollen, wäre es der ἰδιώτης, als die eigentliche Unterwerfung und Subjektivierung in Form eines Individuums oder einer Person. Die pejorative Konnotation kommt erst mit dem lateinischen idiōta hinzu und hält sich bis heute.

84 Slavoj Zizeks Overidentification könnte der von ihm beschriebene dritte Weg zwischen Ironie und Affirmation sein, der die Majorität so ausreizt, dass sie sich gegen sich selbst richtet. Nur dürfen wir hier nicht denken, dass die existenzialistische Perspektive einer Wahl dazugehört. So kann Overidentification nur als konstitutiv für kollektive Subjektivierung funktionieren, keinesfalls als aktivistischer Vorausläufer. Und schon gar nicht ist es eine Überwindung von einem System o.ä., sondern Teil einer Erschaffungs-Maschine von Ankerpunkten und Gravitationsenergie. Statt Laibach würden wir heute SXTN als Beispiel vorschlagen.

85 Oder wie Gilles Deleuze im Interview mit Raymond Bellour sagt: «Plus tu oublies, mieux c’est, parce-que, plus tu oublies, plus tu vis». Lettres et autres textes, p. 224

86 Heideggers Frage «Was ist Metaphysik?» innerhalb der Metaphysik kann die Grenzen aufzeigen, was die Metaphysik selbst ist, indem sie das Seiende als Ganzes annimmt und ein Nicht-Seiendes notwendig wird um eine Differenz zu produzieren, was nur das Seiende und somit nicht das Nicht-Seiende ist.

87 Vgl. Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung

88 Dies wäre als solche genauso absurd wie die Frage «Was ist das Nichts?», weil es damit bereits wieder etwas wäre.

89 Oder die Totalität.

90 Zur Erinnerung, dieser Prozess ist nicht in dem Sinne eine Wahl, sondern eine Subjektivierungsweise im Zusammenspiel von der Depression und dem depressiven Menschen oder wie wir es auch schon genannt haben des strategischen Totalitarismus.

91 Eine zukünftige Forschung müsste sich diesbezüglich um den Begriff «Vérifiction» von Asino Ki Ride kümmern und damit die periphären Ströme am Rande der Gravitationsenergie in den Fokus rücken.

92 Radiosendung von Madame Psychosis in David Foster Wallace, Unendlicher Spass, S. 266ff

93 Ja, es ist nicht offensichtlich, aber der Text hat sich in eine Möbius-Schleife entwickelt. Repeat für die Differenz! Wieviele Wiederholungsschleifen erträgst du?

pdfDepro-Text

print

, , , , ,

By