The Dead End of Westernization

Kaum einmal steht der moderne westliche Mensch wieder vor den Resultaten seiner eigenen Gesellschaftlichkeit, tut er so, als hätte er mit all dem nichts zu tun. Wie die Jungfrau zum Kinde kommt der Westen zu seiner Krise. Die Nemesis ist der Russenführer, der Wahnsinnige, der Irre, der Unberechenbare. Wie einfach der Vorwurf des Irrationalismus denen über die Lippen geht, die ihn tagtäglich praktizieren. Man hat die Welt schon vorher nicht verstanden, man will sie nun noch weniger verstehen. Nichts entlastet so sehr wie eine simple Rollenverteilung. Das Böse und der Krieg, woher kommen sie? Von außen. Die einfachsten Dinge sind vergessen, dass der Frieden den Krieg vorbereiten hilft, dass die Ökonomie eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist, dass Handlungen Konsequenzen haben. Nun posiert man eitel im Netz, schreit nach Strafe, ergötzt sich an Rachefantasien, wedelt mit Landesflaggen, wenn man nach Frieden ruft, um endlich Waffen zu bekommen. Die Stimmung ist massenhysterisch, es kann wieder einmal keine zwei Meinungen geben. Den Ausnahmezustand hat man bereits eingeübt, auch die Medien wissen, was sie zu tun haben. Die Wiederaufrüstung beginnt mit der Wiederkehr des politischen Mythos, des Volks der Solidarischen und der Unterwerfung unter diese Ideologie, die militärische Wiederaufrüstung ist nur ein Nachtrag zu der Tatsache. Wer gegen sie spricht, ist einer von den Unsolidarischen, man kennt sie bereits. Und von der Impf- zur Wehrpflicht ist es nur ein Schritt.

Das neupatriotische Jungvolk fährt zur Grenze, um vor den Bergen ihrer abgelegten Klamotten Selfies zu machen. Wodka ist out, man ist aware. Endlich hat man wieder einen Feind. Die ersten Kommentatoren triumphieren, die Zeit der Snowflakes wäre vorbei, das Comeback der Wehrfähigkeit steht an. Es ist weit schlimmer, es werden Snowflakes mit automatischen Gewehren sein. Der Moralismus der Safe Spaces kommt zu sich selbst, als westliche Ideologie schlechthin. Die nützlichen Idioten der ukrainischen Führung wissen diese Sehnsucht nach Heroismus zu bedienen, für die Verbreitung des Schwachsinns sorgen die User inzwischen selbst. Doch die Sache ist weit weniger heroisch. Alles, was der Westen noch hat – das Dollarfinanzsystem, den Militärapparat, das Unterhaltungs- und Medienkartell –, all das hat nicht verhindern können, dass er an seine eigene Grenze geraten ist. Go West, sangen 1993 die Pet Shop Boys, aber Russland und China waren nicht Teil der Westernization. Sie konnten es nicht sein, der Antagonist war geschaffen – die Nemesis der eigenen Hybris.

Der greise Führer der westlichen Welt verkündet, nie sei Russland in der Welt so isoliert gewesen wie jetzt. Wenn das in naher Zukunft nicht eher auf sein eigenes Rumpfimperium zutrifft. Neben China beteiligen sich unter anderem Indien, Brasilien, Indonesien, die Türkei, Israel und die arabischen Ölstaaten nicht an dem Versuch, die russische Ökonomie zu zerstören. Zu ruinieren, wie die deutsche Außenministerin feixt. Als ob das so einfach wäre. Nicht völlig verblödete Wirtschaftsleute warnen, dass am Ende nicht (nur) Moskau, sondern Berlin in Ruinen liegt. Der Rest wird‘s begreifen, wenn die Massenverelendung hierzulande ein Phänomen wird, das man selbst mit diktiertem Fleischverzicht und Klimalockdown nicht mehr in den Griff bekommt. Und der Feind hat seine Vorbereitungen getroffen: Vor einem Jahr schon teilten Russland und China mit, man denke daran, ein eigenes Zahlungssystem als Alternative zu Swift zu entwickeln. Besiegelt wurden auch eine strategische Partnerschaft und ein Militärbündnis. Die alte Ordnung, sie zerfällt, neue Bündnisse entstehen. Und es gehört zur Logik der Sache, dass man dann außen vor ist.

Der Westen begeht Selbstmord aus Furcht vor Altersschwäche. Alles, was an ihm zu retten wäre, wird dem neuen Krieg geopfert. Ein Hauch von Burgfrieden weht durch Deutschland, alles sammelt sich hinter dem noskistischen Führer des offen sozialfaschistischen Flügels der deutschen Sozialdemokratie, die moralische Soße kommt von den Grünen. Bis auf eine letzte Aufrechte hat Linkssozialdemokratie ihre Auflösung beschlossen. Das Kulturpack hat seinen Frieden mit der Nation gemacht, und trotzdem wird es schon bald sein Spielzeug weggenommen bekommen. Bis auf ein paar, die kriegstaugliche Hashtags und Insta-Storys produzieren: #stayathome, #turntheheatingoff, #verdunkeln, #euerlebenfürunserefreiheit. Die Formierung dieses Milieus der neuen Mittelklasse war nicht zu übersehen, nun kommt sie in ihrem Herrschaftsanspruch zu sich selbst. Außer kultureller Hegemonie hat man auch nichts, den Rest schuldet man längst schon der Bank. In dem Krieg, in den man sich jetzt mit Begeisterung (das ist am Anfang immer so, die verschwindet schon noch, dann bleibt der Zwang) stürzt, kann man nichts mehr gewinnen, aber eine Menge zerstören; daher die Hysterie, die historisch die Ankunft des Fatalismus begleitet.

Das eigentliche Schlachtfeld ist die vom Westen diktierte Weltwirtschaftsordnung, kontrolliert vor allem durch das Finanzsystem, Rohstoffe und Produktion sind in anderen Weltregionen. Und während die Basis sich verändert hat, muss der Überbau es nun auch tun. Dass das bisher nicht passiert ist, ist ein Versäumnis, was einem nun um die Ohren fliegt. Wer es nun aber noch nicht begriffen hat, sollte es langsam tun. Der Westen muss die neue Ordnung ermöglichen, er muss verlieren lernen. Tut er es nicht, wird er nicht Teil dieser Ordnung sein. Gewinnen kann er nicht, selbst um den Preis der Vernichtung nicht. Alles, was an Konflikten schon da ist oder noch kommt, muss in seiner globalen Notwendigkeit begriffen werden (it‘s imperialism, stupid!). Da hilft kein Flennen über Putin, kein Sturm im Wasserglas und kein Ignorieren. Die widerspruchsvolle Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft macht sich den woken Neubürgern des 21. Jahrhunderts am schlagendsten fühlbar in den Wechselfällen des periodischen Zyklus, den die moderne Industrie durchläuft, und deren Gipfelpunkt – die allgemeine Krise. Sie ist wieder im Anmarsch, obgleich noch begriffen in den Vorstadien, und wird durch die Allseitigkeit ihres Schauplatzes, wie die Intensität ihrer Wirkung, selbst den bisherigen Glückspilzen der westlichen Staaten Dialektik einpauken.

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Foto: Sylvia John

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