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Der Kapitalbegriff bei Deleuze/Guattari oder die Anarchie der Maschinen

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14 Dez , 2015  

Der Fluss der subjektiven Arbeit und der Strom des objektiven Kapitals. Zu dem Zeitpunkt, exakter, in der Zeitpassage (die sich über längere historische Perioden erstreckt hat), in der an sich kontingente Begegnungen (die der Geldkapital- und Arbeitsströme) »gegriffen« (Althusser) haben, sobald also quasi-stabile Formen der Ware-, Geld- und Kapitalrelationen etabliert worden sind, die als ökonomische Basis in letzter Instanz das gesellschaftliche Feld determinieren, indem sie ein Muster der Selbstähnlichkeit anzeigen – exakt zu diesem Zeitpunkt wird die begriffliche Entscheidung zwischen den ontologischen Konzeptionen des Werdens und des Seins, um etwa eine Beschreibung des Kapitalverhältnisses herbeizuführen, unbedeutend, denn das Sein des Kapitals ist ab jetzt sein Werden und das Werden ist ab jetzt sein Sein. Althusser formuliert dies im Kontext seiner eigenwilligen Erkenntniskonzeption so: »Eine Gesetzgebung verlangt danach, dass größtes Gewicht auf ihre Bedingungen gelegt wird, das heißt auf den Umstand, dass ›es dies und nicht das gibt‹ [ …], sowie auf die Geschichte oder das ›Geworden-Sein‹ dieser Bedingungen; kurz gesagt: der Begegnungen, die nicht hätten stattfinden können […] und doch stattgefunden haben und somit ›Tatbestand‹ und Zustand des Problems bilden. Was soll dies anderes bedeuten, als dass es nicht nur die Kontingenz der Notwendigkeit zu denken gilt, sondern auch die Notwendigkeit der Kontingenz, in welcher sie wurzelt?« (Althusser 2010: 40-41) Althusser beschreibt an dieser Stelle schon die Problematik einer derzeit aktuellen philosophischen Spielart, nämlich des spekulativen Realismus, die u. a. um die begriffliche Brücke zwischen der Notwendigkeit der Kontingenz und der Kontingenz des (scheinbar) Notwendigen kreist. Hier gilt es zu bedenken, dass es sich bei der Notwendigkeit der Kontingenz um keine Notwendigkeit handelt, die die Kontingenz durchquert und regiert, etwa eine Notwendigkeit, die die Kontingenz haben würde, vielmehr geht es um die Notwendigkeit, die die Kontingenz »ist«, ihr esse in alio, i. e. besteht die Notwendigkeit aus keinem abstrakten Vermögen, dieses oder jenes zu sein.

Weiterhin lässt sich mit Althusser konstatieren, dass das »Es gibt« im Kapitalismus auf folgendes hindeutet, a) dass zum einen der Arbeitsstrom nicht länger im Medium der Leibeigenschaft oder Sklaverei codiert wird, sondern sich gewissermaßen nackt und im doppelten Sinne frei darstellt, womit der »objektivlos freie Arbeiter« (MEW 42: 414), der von den Arbeitsmitteln und Lebensmitteln getrennt ist, seine Arbeitskraft zuallererst zu vermieten hat, b) dass der objektive gesellschaftliche Reichtum nicht länger über das Medium des Grundbesitzes entsteht oder sich über die Anhäufung von Handelskapital und/oder über die des Geldes beim Militär- und Steuerstaat (wie zu Zeiten des Merkantilismus oder des Absolutismus) vollzieht. Im schon etablierten Kapitalismus kommt es in Permanenz zur Bildung von purem, homogenem und in politischer Hinsicht unabhängigem Geldkapital, das permanent neu investiert werden muss, um positive Produktionsbedingungen zu erzeugen. Kapitalismus als objektive Gesellschaftsformation tritt historisch mit all seiner Ungleichzeitigkeit in Europa zuerst dann auf, wenn die beiden Ströme des homogenen Geldkapitals und des unqualifizierten Arbeitsstroms aufeinandertreffen und sich in spezifischer Weise miteinander verzahnen und verbinden, ohne auf Welt-Imperien zu treffen, wie diese zu jener Zeit in Asien noch vorzufinden waren. Diese Begegnung der beiden Ströme vollzieht sich Kojin Karatani zufolge im Rahmen einer Welt-Wirtschaft, die nicht mehr allein durch politischen Zwang, sondern früh schon durch Warentausch, Geld und Kapital geregelt wurde (Karatani 2012: 138), wobei jedoch nach wie vor zu berücksichtigen ist, dass auch der absolutistische Staat dem Industriekapitalismus den Weg bahnte.

Das Kapital nimmt die körperliche und kognitive Arbeit in Form einer symbolischen Einschreibung, als variables Kapital in sich auf, wobei es einen Teil der geleisteten Arbeit mit dem Lohn vergütet, der ein Strom von Zahlungsmitteln ist, während es mit dem Abschluss des Lohnvertrages zugleich einen Gebrauch von der Arbeit macht, der einen Überschuss inhäriert. Gleichzeitig generiert das Kapital ein spezifisches Verhältnis zu sich selbst, das sich im Wesentlichen als Kapitalisierung oder als reiner Finanzierungsstrom artikuliert. Deleuze/Guattari fassen das folgendermaßen zusammen: »Im einen Fall ohnmächtiges Zeichen des Tauschwertes, ein Strom von Zahlungsmitteln relativ zu Konsumgütern und Gebrauchswerten, eine bijektive Beziehung zwischen dem Geld und einer vorgesetzten Auswahl an Produkten […]; im anderen Fall Zeichen der Macht des Kapitals, Finanzierungsströme, ein Differenzialquotientensystem der Produktion, das von prospektiver Stärke oder Langzeitberechnung – nicht von hic-et-nunc Realisierung – zeugt und gleich einer Axiomatik abstrakter Quantitäten funktioniert.« (Deleuze/Guattari 1974: 293-294) Niemand wird je bestohlen, denn alles basiert, wie Deleuze/Guattari sagen, rein auf der Unvereinbarkeit von zwei Arten von Geld-Strömungen: Der so höhnisch als »Kaufkraft« bezeichnete und damit je schon disqualifizierte Strom, der die absolute Ohnmacht der Lohnabhängigen anzeigt, insofern hier Geld rein als Zahlungsmittel dient, mit dem die Lohn und Einkommen beziehenden Akteure eine Quantität der von ihnen selbst produzierten Waren kaufen, womit zugleich spezifische Formen der Subjektivierung und der Machtverhältnisse mobilisiert werden, während das infinit strömende Geldkapital als fiktives und/oder spekulatives Kapital ein sich selbst regulierendes und forcierendes Finanzierungsdispositiv bzw. eine Finanzierungsstruktur beinhaltet, die auf virtuelle Wertproduktion in der Zukunft zugreift bzw. Zukunft selbst beansprucht oder beleiht.

Für Deleuze/Guattari gehen der Kredit und die ihm gemäße asymmetrische Gläubiger-Schulder-Relation de facto und de jure dem Tausch voraus, wobei im Kreditverhältnis Quantitäten unterschiedlicher Kräfte und die ihnen zugehörigen Potenzialitäten verhandelt und artikuliert werden. (Vgl. Lazzarato 2012: 73) Es handelt sich um ein Machtdifferenzial, das für alle Gesellschaften Gültigkeit besitzt. Und hierin stellen die Geldkapitalströme mit ihrer befehlenden Kraft ein enormes Reservoir an Optionen, zukunftsorientierten Entscheidungen und Machtpotenzialen bereit, die sich u. a. in Prozessen der quantifizierenden Kapitalisierung artikulieren. Während Geld als Kaufkraft eine Reterritorialisierung hinsichtlich der Faktoren Lohnarbeit, Konsum, Familie etc. formuliert, produzieren die Geldkapitalströme permanent das Faktum der Deterritorialisierung, insofern sie von deterritorialisierten und deterritorialisierenden Kräften getrieben werden, die Zeit als potenzielle Zukunft, Option und mögliche Entscheidung herstellen. Darin eingeschlossen ist die Zurichtung des Raumes durch die Zeit, wofür es historisch einer entwickelten Transport-, Informations- und Kommunikationsindustrie bedarf, mit der sich das Kapital beständig beschleunigt verwerten kann. Körper, Objekte und Schriften müssen letztendlich mit den Übersetzungen des Medialen zirkulieren, um »in« diesen Kommunikationen das Kapital zu realisieren. Heute stellt die kybernetische Information im Medialen eine Einheit als ein reines Abstraktum bereit, mit dem sich sowohl Inhalt wie auch Ausdruck des Ökonomischen algebraisch quantifizieren lassen, und dies nicht lediglich als Zählen, Messen oder Codieren, sondern als abstrakt-symbolische Formalisierung. Dies beinhaltet auf der technischen Seite die algorithmische Abstraktion der Netzwerke, auf der monetären Seite die Abstraktion der Derivate bzw. synthetischen Wertpapiere. Und schließlich gilt es zu konstatieren, dass zwischen dem Strom des Geldkapitals und dem Kaufkraftstrom der Lohnabhängigen unzweideutig kein gemeinsames Maß besteht, wobei die Unterscheidung der beiden Ströme im Rahmen der heutigen Verschuldungsproblematik in komplett inkompatiblen Formen erscheint. Auf der einen Seite bildete die Konsumentenverschuldung eine wichtige Stufe der Expansion der amerikanischen Ökonomie in den letzten beiden Dekaden, aber der Konsumentenkredit ist und bleibt nun einmal endlich; lohnabhängige oder prekäre Individuen werden durch den Konsumentenkredit sozial unterjocht, da sie nun konstant fließende Einkommensströme benötigen, um ihre täglichen Bedarf zu decken und ihre Schulden zurückzuzahlen. Ohne einen Job ist den Verpflichtungen bspw. den Kreditkartenschulden ab einem bestimmten Punkt einfach nicht mehr nachzukommen. Auf der anderen Seite erscheint die Kreditvergabe von Kapital zu Kapital zumindest potenziell unendlich, sie erlaubt womöglich den unendlichen Aufschub jeder abschließenden Berechnung, ohne dass man das Problem der Aktualisierung der Produkte in Geld und der Frage der Sicherheit/Rückzahlung der Kredite für einen einzigen Augenblick ignorieren darf. Wie diesbezüglich Karatani schreibt: »Credit enforces capital’s movement endlessly at the same time that it hastens capital’s self-reproduction and eliminates the danger involved in selling.« (Karatani 2003: 219)

Deleuze/Guattari sind wohl die einzigen Theoretiker, deren polit-ökonomische Philosophie dem Begriff der Strömung, der wiederum einen direkten Bezug zu Deleuzes Sichtweise auf die Mathematik des Differenzialquotienten besitzt, eine ganz enorme Bedeutung zuschreibt, im Gegensatz zu anderen politischen Philosophien, die auf dem Vertrag (Hobbes) oder dem Geist des Gesetzes (Montesquieu), einer Theorie des Staates (Platon) oder auf dem Problem der Legitimation (Durkheim, Habermas) basieren. (Vgl. Deleuze/Guattari 1992: 299ff.) In der Tat kann man sich außerordentlich viele verschiedene Typen von Strömen und Flüssen vorstellen, die in ihrer Mannigfaltigkeit und Direktionaliät, ihren Gegenströmungen und Turbulenzen – man denke nur an die Strömungslehre von Lukrez – immer auf irgendeine Art und Weise kontrolliert bzw. codiert werden müssen.1 So gibt es den Fluss und die Dämme oder Deiche, die den Fluss kontrollieren und kanalisieren, es gibt ökonomische Strömungen, wie die des Geldes und des Geldkapitals, die einer gewissen Kontrolle, Regulation und Steuerung durch Institutionen, Distributionsnetzwerke und generell Akkumulationsregimes oder Regierungsrationalitäten unterliegen. Materielle Ströme von Substanzen wie Öl und Elektrizität bedürfen der Kodierung durch Netze, um etwa die Elektrizität fließen zu lassen. Es gibt einen Warenstrom neben dem Marketing für die Warenwelt und es gibt den codierten Transport der Warenströme. Es gibt den Verkehrsstrom, den man mit Hilfe der Autobahnen, der Zirkulation und Kontrolle der Geschwindigkeit zu codieren versucht. Soziale Ströme der Migranten, Arbeitslosen und Obdachlosen im engen Rahmen der Kontrolle der staatlichen Grenzen sowie die Regulierung der Ströme bis zu ihrem tödlichen Stillstand in biopolitischen Dispositiven. Somatische Ströme, Körperflüssigkeiten und Blut.

Wir werden auf den Begriff der (ökonomischen) Strömung noch genauer zurückkommen, aber es mag hier schon angedeutet werden, dass mit dem Begriff der Mannigfaltigkeit/Rhizom im Kontext eines Denkbildes von den Strömen ein Kontinuum bezeichnet wird, das Deleuze im Rückgriff auf den Physiker und Mathematiker Riemann (und der von Bergson vorgenommenen Verschiebung) als eine kontinuierliche Mannigfaltigkeit definiert, die man über ihre »Dimensionen und unabhängigen Variablen« bestimmen kann, wobei sich die kontinuierliche (virtuelle) a-numerische Mannigfaltigkeit im Gegensatz zur diskreten Vielheit nur dann teilen und messen lässt, wenn sich um den »Preis einer Wesensveränderung« mit jedem Teilungsschritt auch das entsprechende Maßprinzip verändert. (Vgl. Deleuze 2007: 56) In diesem Sinne sind auch die a-zentrischen Rhizome als gefaltete, mobile und unabschließbare Heterogenitäten ohne Anfang und Ende zu verstehen, und dies unter Ausschluss der Eins, d. h., unter der Bedingung der Subtraktion (n-1), die aus jeder Beobachtung eliminiert, was sich als Eins repräsentieren möchte. Man könnte an dieser Stelle auch an die Mannigfaltigkeit der communis denken, welche mit dem Gesellschaftlichen des Kapitals rein gar nichts zu tun hat.

Im Denken von Deleuze/Guattari ist der Begriff der Strömung eng mit dem Begriff der Maschine verzahnt. Maschinen zeichnen sich nach Auffassung der beiden Autoren zunächst durch die Parameter Funktionalität und (exopoietische) Produktion aus – und das nicht unbedingt hinsichtlich der Erlangung eines bestimmten Zwecks oder eines Ziels mittels der Produktion, womit eben der teleologische Aspekt für das »Sein« der Maschine zweitrangig wird. (Deleuze/Guattari 1992: 696ff.) Stattdessen sollte man davon ausgehen, dass die jeweiligen Maschinen immer ganz bestimmte Arten von Strömen bearbeiten, um sowohl ihre eigenen Bedeutungsuniversen wie auch ihre Materialien immanent zu produzieren – Energieströme, Geldströme, Ströme von Dingen und Objekten, Ströme von Körpern etc., denn ohne die Ströme bleiben die Maschinen allenfalls so etwas wie schlafende Maschinen; sowohl hinsichtlich ihrer ontologischen Relevanz (Sein als solches) als auch ihrer Existenz erscheint es daher unerlässlich, dass sich Maschinen immer an andere Maschinen ankoppeln, indem Ströme abgeschnitten oder entnommen werden, um diese wiederum zu transformieren, während die Ströme ihrerseits die Maschinen modifizieren oder modulieren, indem sie die Maschinen zu neuen Strukturierungen bzw. Codierungsverfahren zwingen, wobei Maschinenteile sich verschieben, die nun anders funktionieren, um die einheitlichen Funktionen der Maschinen neu zu justieren. Damit finden die Transmissionen der Maschinen als Übersetzungsmaschinen bzw. als Schneide- und Schnittstellen prinzipiell neue Wege, sodass die Maschinen schließlich außergewöhnlich neuartige Ströme produzieren, um möglicherweise auch revolutionäre Subjektivitäten oder Protosubjektivitäten hervorzubringen (Vgl. Deleuze/Guattari 1974: 15ff.) Das Bestreben der maschinellen Analyse bei Deleuze/Guattari besteht u. a. darin, zu zeigen, dass Maschinen fortlaufend zumindest einen Strom oder Fluss benötigen, um wie geschmiert oder wie gestört auch immer funktionieren oder das tun zu können, was sie eben tun, womit die Strömungen Voraussetzung und Resultat der vielfältigen Funktionen der Maschinen bilden; Maschinen koppeln sich nicht nur an die Ströme anderer Maschinen an, um sie zu entnehmen, sondern sie transformieren, modifizieren und modulieren überdies die Ströme und produzieren damit neue Verkettungen von Strömen. (So produziert der Computer auf seinem Screen einen Lichtstrom, der die neuronalen Synapsen zum Feuern bringt.) An dieser Stelle unterscheidet sich der Begriff der Maschine von dem Begriff der Struktur, weil Deleuze/Guattari den Begriff der Maschine wesentlich anspruchsvoller komponieren als das beim problematischen Zusammenspiel von Elementen und Relationen innerhalb der begrifflichen Konstellation Struktur und Prozess schon der Fall ist. Und was hier als eine weitere Differenz zwischen den Begriffen der Struktur und Maschine keineswegs uninteressant erscheint, besteht einfach darin, dass gegenüber jedem codierten Strom die Maschinen selbst in Ereignissen zeitigen, d. h., jede Faltung der Maschine ist ein Ereignis, wodurch sie etwas modifiziert und übersetzt, und schließlich verortet Guattari dieses (ontologische und problematische) Mehr der Maschine gegenüber der Struktur oder dem System in einem sog. Konsistenzkern, der in einer ontologischen Pluralität mündet. (Guattari 1995: 121) Dieser Kern bedingt die realen (energetisch-räumlichen-zeitlichen) Operationen der Maschine, gerade weil er auf der Öffnung der Maschine auf ein Außen insistiert, sodass die Maschine sich immer gleichzeitig auf den Ebenen der Komplexität, der Falten und des Chaos bewegt.

Mit ihren Operationen codieren die Maschinen jegliche Art von heterogenen Strömen, wobei Codierung sowohl das Formen und Schematisieren als eine Transformation und Translation der Ströme beinhaltet als auch die Einschreibung der Strömungen auf Flächen, die Übersetzung von Zeitpunkten in Flächenpunkte (Verräumlichung der nicht-metrischen Mannigfaltigkeit). Es wäre in diesem Zusammenhang noch wichtig hervorzuheben, dass die Codierung von Strömungen auch deren Transcodierung beinhalten kann, wobei es allerdings ganz selten nur zu nicht-geformten oder unformatierten Strömen kommt, denn jeder Strom, egal, auf welche Art und wie schnell und wohin er fließt, besitzt zumindest eine minimale Struktur (und Materialität). Wenn Maschinen sich an die Ströme anderer Maschinen ankoppeln, besitzen die meisten von ihnen, vor allem, wenn es sich um autopoietische Maschinen handelt, ein zumindest geringes Empfindungsvermögen, das rein selektiv oder graduell funktioniert: Man sollte daher den transzendentalen Empirismus in der deleuzianischen Fassung als eine strukturelle Genese gerade auch hinsichtlich der Formen des Empfindungsvermögens einer partikularen Maschine verstehen. Und schließlich lassen sich die Operationen einer Maschine niemals vollkommen definieren oder fixieren und folgerichtig wären vor allem unflexible Maschinen zum Untergang verdammt, denn sie würden sich in und mit ihrer eigenen stupiden Funktionsweise irgendwann erschöpfen, und dies auf eine ganz und gar reglementierte oder regressive Weise, weil diese Art von »dummen« Maschinen meistens eine straffe oder eine zu gestraffte Codierung enthalten, die eisern anzeigt und rigide reguliert, wie die Ströme durch die Maschine hindurch zu fließen haben. Schließlich leiße sich, insofern Maschinen immer an die Ströme anderer Maschinen angekoppelt bleiben und zugleich auch eigene Ströme produzieren, die wiederum von anderen Maschinen abgezogen werden, von einer Ökologie der Maschinen sprechen.2

Es lässt sich nun sagen, dass bei der Analytik der Maschinen vor allem von heteropoietischen, problematischen Transformationsmaschinen auszugehen ist, die sich durch einander übersetzende heterogene Entitäten, Aggregate und Relationen auszeichnen, Maschinen, deren Einheit nur im Abzug von jeder Einheit erscheint, n-1. (Vgl. Fuchs 2001: 133) Obwohl diese Art der Maschinen sich der rein statischen Identität einer Struktur widersetzen, sondern eher Strukturen entfalten und durch diese gefaltet werden (als qualitative Mannigfaltigkeit selbst nie auf eine Einheit zurückführbar sind), sollte man diese Maschinen dennoch nicht als Un-jekte begreifen, wie dies etwa Peter Fuchs mit seiner Definition des Rhizoms annimmt. (Vgl. Fuchs 2001: 127f.) Wäre es nicht sinnvoller diese Maschinen als strukurierte und strukturierende, gefaltete und faltende (mobile) Netze zu verstehen, in die insbesondere Relationen integriert sind, die in ihrem spezifischen Zusammenspiel etwas produzieren, was als ein Aktivitätsstrom innerhalb der Verkettung von Ereignissen wirkt, die dem Verb definitiv näher stehen als dem Substantiv? So bleiben diese intensiven Mannigfaltigkeiten durch etwas gekennzeichnet, das man weder durch Eigenschaften noch durch Axiome zu definieren vermag, stattdessen werden sie durch ihre differenziellen Relationen markiert. Und dies heißt wiederum, dass die Relationen den Termen nicht nur äußerlich sind, sondern auch für die Konstitution der Terme mit verantwortlich gelten, während im Zuge einer anti-essenzialistischen Denkweise das Strukturelle in die je schon wandelbaren Gegebenheiten oder Umstände verschoben wird, die es wiederum zu problematisieren und deren Bedingungen es darzustellen gilt. (Vgl. Deleuze 1997: 134f.) Und schließlich definiert die begriffliche Konstellation der differenziellen Relationen ein Problem. Im Gegensatz zu den allopoetischen Maschinen koppeln sich autopoietische Maschinen permanent an ihre Umwelt an, um damit ihre eigenen Teile, Konstellationen und Räume (der Nachbarschaften und Risse) herzustellen, und zwar als fortlaufende determinierende Prozesse und eben nicht rein als determinierte Prozesse, die endgültig ein fixes Produkt erzeugen. Um als Objekt und Relation gleichzeitig zu existieren, muss für Deleuze/Guattari die Maschine also stets eine produzierende Produktion nachweisen, die Produktion der Produktion oder die Differenz, die eine Differenz macht. Und jede Maschine ist zugleich das Produkt einer anderen Maschine, wobei sie immer auch so etwas wie eine Blackbox für andere Maschinen darstellt. Maschinelle Prozesse generieren mithin differenzielle Produktionen, die wMaterial oder Produkte für andere Produktionen herstellen, deren Produkte wiederum als Material für weitere Produktionen dienen. Folglich wird die reine Diesheit eines Objekts permanent in einen neuen Prozess der maschinellen Produktion überführt, wobei die Konstitution und Funktion der Maschine durch eine kontinuierliche Produktion von Produktion plus der Gerinnung von Produktion in Produkt gekennzeichnet ist. (Vgl. Deleuze/Guattari 1974: 9f.) Marx hingegen führte eine strikte Unterscheidung zwischen Produktion und Produkt ein, denn der Blick auf das Produkt (dem Geschmack von Joghurt kann man in der Regel nicht entnehmen, unter welchen Produktionsbedingungen es hergestellt wurde) gibt allein keinen Hinweis auf den ihm zugrundeliegenden Produktionsprozess (ebd.: 33), der in der kapitalistischen Ökonomie möglichst störungsfrei abzulaufen hat, während in der libidinösen Ökonomie Produkte immer nur insofern Produktionen sind, als das Produkt mit der Produktion unter der Bedingung konnektiert ist, dass die Produktion konstant gestört und unterbrochen wird, um schließlich noch besser zu fließen – das Phänomen der manischen Depression oder Bipolarität sowie die Schizophrenie. Dabei zeichnet die Regel der kontinuierlich gestörten Produktion von Produktion die Wunschmaschine von Deleuze/Guattari als eine primäre Produktion aus, deren Programm die Affirmation des Kontinuierlichen durch Gefüge ist, die unaufhörlich fließen, kommunizieren und konnektieren.3

In Anlehnung an den Anti-Ödipus von Deleuze/Guattari versuchte der englische Philosoph Nick Land in den 1990er Jahren mit dem Begriff der Materialität die Produktion von Produktion zu erfassen, insofern er das prozessuale Denken selbst als eine Funktion der Materie konzipierte, womit das sog. repräsentative Denken nur noch als eine stark depotenzierte Funktion der Materie erscheint. Materie gilt Land als produktiv und synthetisierend zugleich, gilt ihm als primärer Prozess, wobei Land alles, was sich auf der Ebene der konzeptuellen Repräsentation einer Theorie entfaltet, als sekundär und abgeleitet ansieht. Dieser schon von Deleuze/Guattari angedeuteten materialistischen Eschatologie (Technik löst sich in Natur auf) gilt die (materielle) Synthese in ihrer Verbindung und Verkettung von heterogenen Termen als primär und produktiv, sodass die Materie selbst ihre ureigenen Repräsentationen generiert, womit jegliche andere Repräsentationen auf den Status einer transzendentalen Illusion zurückfallen. (Vgl. Land 2011) Gleichzeitig mutiert die Materie in ihrer maschinistischen Konsistenz zum unbedingt Dunklen und erscheint mit finsteren Techno-Visonen angereichert, um sich schließlich ganz im nächtlichen Ozean einer postkapitalistischen Technosphäre aufzulösen. Gegenüber einer gegenseitigen Infiltration bis hin zur Verschmelzung, sei es, dass Natur sich in Technik auflöst oder Technik in Natur, gilt es jedoch weiterhin auf der gestörten Identität zwischen Natur und Technik zu beharren. Das technologische Objekt zeichnet sich heute sowohl durch die Substitution von Naturstoffen als auch durch die maschinische Automatisierung gegenüber den Subjekten aus, und doch funktioniert die trans-klassische Maschine, die informationen liefert, wie ein Gehirn: Sie ist zwar weder auf die Materie noch auf das kreative Subjekt abbildbar, aber sie macht zugleich als autonomer Bereich eine Neubewertung von Logik und Ontologie, von Natur und Technik möglich, indem man der transklassischen Maschine eine Reflexionsfähigkeit zugesteht, ohne das Humane ganz zu eliminieren. Es geht hier um jenseits von Subjekt und Objekt denkenden, reflexiven Hyper-jekten, die sich in einer noch zu diskutierenden Weise auf das quasi-transzendentale Kapital und das Un-jekt Wert beziehen, auf jenen bestimmungslosen Grund, der inexistiert und es deswegen ermöglicht, dass Technologie und Kybernetik mit ihren scheinbar unendlichen Rückkopplungsschleifen scheinbar Alles und Jedes inkulsive der Natur in Beschlag nehmen können. Und um selbst nicht der Mode einer ungetrübten Affirmation eines immer weiter überdrehenden technologischen Akzelerationismus zu verfallen, den Land als einen unaufhörlichen Prozess der Verflüssigung von kapitalistischen Strukturen beschreibt (»Kernschmelze: planetares China Syndrom, Auflösung der Biosphäre in eine Technosphäre, Spekulationsblase im Endstadium, Ultravirus und eine Revolution, die aller christlich-sozialistischen Eschatologie entkleidet ist.« Ebd.: 442), gilt es das Konzept der Deteritorialisierung, wenn man es an dieser Stelle als die pure Immanenz des Wandels im Sinne einer permanenten Revolution verstehen will, selbst zu relativieren. Ein libertär-konstruktives Konzept einer politischen Deterritorialisierung wäre dahingehend auszudifferenzieren, dass man mindestens vier Typen politischer Ereignisse entwirft, welche die Deterritorialisierung exakt beschreiben: 1) relativ negative Prozesse, die einen Wandel der politischen Situation genaugenommen nur herbeiführen, um die etablierte Ordnung aufrechtzuerhalten, 2) relativ positive Prozesse, die zwar die etablierte Ordnung nicht reproduzieren, aber in ihrer Ambiguität auch keine neue Situation kreieren, 3) absolut negative Prozesse, die keine politische Situation favorisieren, sondern alle gesellschaftlichen Determinanten unterminieren, 4) absolut positive Prozesse, die darüber hinaus noch neue politische Situationen schaffen.

Kommen wir zur Maschinenkonzeption bei Deleuze/Guattari zurück. Maschinen seien stets umfassender als eine Summe von Elementen und deren Relationen zu beschreiben, so vermelden Deleuze/Guattari, nämlich als Assemblagen, Ensembles oder Gefüge, die sich weniger durch ihre internen Relationen – der Quantifizierung fähige Relationen zwischen den verschiedenen Komponenten –, sondern vor allem durch ihre externen und nicht-numerischen Relationen auszeichnen. (Vgl. Deleuze/Guattari 1992: 698f.) Deleuez/Guattari definieren Maschinen als Gefüge, die sich durch Rekursion und Kommunikation bilden, um Komplexe wie Arbeiter/Arbeitsmaschinen entstehen zu lassen, die in den Fabriken maschinisiert werden, um in Redundanz zu prozessieren. Und die anschließende These, die lautet, dass Entitäten sich gerade dann aufeinander beziehen, wenn sie singuläre Transmissionen hervorbringen, macht evident, dass die daraus entspringenden Effekte immer stärker einzuschätzen sind als im Falle bloß monokausaler Wirkungen, deren Grund nur die Art und Weise sein mag, wie eine einzige Entität diejenigen Interpenetrationen übersetzt, die sie auch rezipiert. Und es wäre Manuel De Landa zu folgen, wenn er davon spricht, dass eine Relation sich verändern kann, ohne dass sich Entitäten sich modifizieren. (Vgl. De Landa 2006) Zwar lassen die Entitäten sich niemals vollständig durch die Relationen, die sie jeweils eingehen, definieren, aber gleichzeitig bleibt eine Entität auch niemals von spezifischen Sets der Relationen getrennt, sondern sie ist stets in eine ganze Geschichte von Relationen integriert, sodass Entitäten per definitionem durch eine Vielzahl von Relationen determiniert werden und sich schließlich nicht verändern können, solange diese Relationen im Set der multiplen Vielheiten ihre Ordnung, Sequenz und Metrik nicht wechseln. Dennoch lässt sich eine Entität nicht ausschließlich durch ihre Relationen, die sie eingeht, bestimmen, denn es erscheint immer möglich, dass sich eine Entität aus einem partikularen Set von Relationen fortbewegt, um sich in ein anderes Set von Relationen zu integrieren. Man sollte daher die Maschine als einen empty signifier verstehen, dem eine Entität zwar entkommen kann, wenn sie aus einem Kontext bzw. aus einer Relation herausspringt, insofern sie selbst affiziert und affiziert wird, andererseits lässt sich keine Entität als absolut isoliert vorstellen, sie ist und bleibt in differenzielle, problematische Relationen integriert, obwohl sie je schon kontingente Begegnungen mit anderen Entitäten über den Zeitraum ihrer eigenen Existenz herstellt, wie das vielleicht der späte Althusser im Kontext seiner materialistischen und aleatorischen Theorie der Begegnung sagen würde. Diese Art von Begegnungen gehören also nicht dem Ausdruck einer internen Relation an, die man etwa durch eine Axiomatik (Mengentheorie) definiert, vielmehr bleiben sie das, was De Landa »relations of exteriority« nennt. (Ebd.) Und diese externen Relationen oder Begegnungen wären eher als zwingend kontingent denn als logisch notwendig aufzufassen. Sie entstehen aus einer singulären Geschichte, die auch hätte anders verlaufen können. De Landa unterscheidet weiter zwischen den Eigenschaften einer Entität und ihren Kapazitäten, d. h., ihrem Potenzial zu affizieren und affiziert zu werden; Kapazitäten, die von gewissen heterogenen Organisationsformen zwar abhängen, aber niemals auf diese zu reduzieren sind. (Ebd.: 11) Dabei bleiben die Potenziale einer Entität so real wie ihre Eigenschaften.

Schließlich sieht man sich gezwungen, den spezifischen Typen der Maschine (Kognitionsmaschine, Geldmaschine, Affektmaschine, Kriegsmaschine etc.) immer auch sog. abstrakte Maschinen zuzuordnen, die sich durch nicht-formale Funktionen und informelle Materien auszeichnen. (Vgl. Deleuze/Guattari 1992: 706) So könnte man auch die heutigen Maschinen der Kapitalisierung zuallererst als abstrakte Maschinen beschreiben. Greifen nun mehrere solcher abstrakten Maschinen ineinander oder übersetzen einander, so ist daran meistens ein Diagramm beteiligt, das eine Art Plan umfasst, der allerdings keine hypothetischen, sondern stets faktische Möglichkeiten bereithält, die sich u. U. zu algorithmischen Funktionen verdichten können. Auf der Ebene des Maschinellen bezeichnet das Diagramm also die Art und Weise, wie Maschinen geordnet, rhythmisiert und organisiert werden, um sich anschließend an andere Maschinen anzukoppeln und damit selbst Konsistenz herzustellen, dies z. B. im Sinne der von Abel und Galois konzipierten mathematischen Gruppentheorie, einer Konfiguration von Feldern mittels sukzessiver Adjunktion von symmetrischen Objekten, die also einer Verknüpfung entspringt, welche durch die zeitlichen Nacheinander-Ausführungen von Symmetrien gegeben sind. (Vgl. Deleuze 1992a: 231) Dennoch wäre es falsch, das Diagramm lediglich als Zeichnung, Plan oder als (problematische) Struktur zu begreifen, vielmehr beinhaltet es schon im Keim eine (materielle) Anordnung von Strukturalität, bspw. direktionale Vektoren, die eine rhythmische Entwicklung in Gang zu setzen vermögen, und zwar diejenige der Entfaltung/Zusammenfaltung einer Maschine selbst, die sich durch die Zeit als (Ereignis) hindurch bewegt: das Vektorraum-Werden der Maschine und ihrer Singularitäten innerhalb eines differenziellen topologischen Feldes, wobei das Feld der direktionalen Vektoren sowie die Attraktoren die »virtuellen« Trajektoren (der Kurven) definieren, von denen niemals alle aktualisiert werden. Um das Diagramm einer Maschine zu konstruieren, gilt es somit die faktischen Möglichkeiten zu berücksichtigen, wie, wann und wo eine Maschine ihre Transformationen und Modulationen durchführt, wobei man jede ihrer Komponenten als eine mathematische Variable anzuschreiben vermag: die Dimensionen (Attraktoren, Vektoren, Trajektoren) eines rein topologisch konstruierten Raumes, in dem jeder singuläre Punkt (Punkte, mit denen die Kurven ihre Richtung verändern) durch Dimensionen (von durchschnittlichen Punkten, objektiven Zonen der Unbestimmtheit) »definiert« wird, die ein partikulares oder mögliches Stadium der Maschine repräsentieren; empirische Studien mögen in diesem Zusammenhang dazu dienen, die verschiedenen Trajektoren eines Systems zu bestimmen, die einem bestimmten Pfad im topologischen Phasen- oder Vektorraum entsprechen. Diagramme wären also in diesem Sinne als topologische Vektor-Räume zu verstehen, denen immer spezifische Problematiken und Potenziale angehören, die wiederum durch bestimmte Dimensionen (Attraktoren, Trajektoren, Bifurkation) in einer singulären Situation beeinflusst werden können. Die Ergebnisse von nicht-linearen Prozessen schreibt man, werden sie in einem Diagramm zusammengefasst, nicht als gerade Linien, sondern als Kurven an, was wiederum auf nicht-kausale Zusammenhänge verweist. Dagegen scheinen heute gerade eine Vielzahl der aktuellen, numerischen und hyperstabilen Maschinen, welche von machtvollen Attraktoren dominiert werden, ständig dazu zu tendieren, grausame Mechanismen der Erstarrung auszubilden, um etwaige Störungen oder Irritationen abzuschwächen, sodass man wohl sagen müsste, dass das Diagramm immer aleatorische und determinierende Strukturen zugleich besitzt, wie etwa die einer Markov-Kette.4

Abschließend wären nun mindestens acht entscheidende Dimensionen einer schizoanalytischen Kritik des Maschinellen festzuhalten. (Vgl. Deleuze/Guattari 1992: 696ff.): a) Es gibt kein Sein, das nicht je schon in das Feld pluraler ökonomisch-materieller Maschinen, in die Ökonomie des Begehrens und das affektive Feld von allen möglichen Diskursivitäten und Nicht-Diskursivitäten integriert ist, b) Transzendenz enthält stets ein illusionäres Moment, was wiederum in enger Korrespondenz mit Deleuzes Kritik der Naturalisierung und deren Repräsentation zu sehen ist, c) man müsste zeigen, dass das soziale Feld stets rhizomatisch oder immanent verläuft und sich durch Wiederholung vorantastet (intensive Populationen), und d) wie trotzdem molare Formationen (statistische Aggregate) innerhalb dieser Immanenz entstehen können, e) sollte man Praktiken und Strategien entwickeln, um diese molaren Organisationen zu bekämpfen und Fluchtlinien zu produzieren; f) es gibt keine konkrete Maschine, die sich nicht durch eine spezifische Komposition ihrer heterogenen Teile charakterisieren lässt, wobei die abstrakteste Dimension in einem Gefüge/Maschine diejenige des puren Materials und der reinen Expression impliziert, g) es gibt eine Typologie von Prozessen, in die immer spezifische Komponenten involviert sind, Prozesse, die eine Identität stabilisieren und territorialisieren, oder sich wiederholende und differenzierende Prozesse, die eine Identifizierung unterminieren oder deterritorialisieren. Eine weitere Dimension fügt De Landa hinzu: h) Der Grad, in dem ein expressives Medium eine territoriale Identität konsolidiert oder codiert, oder diese eben encodiert.

Eine der zentralen Thesen des Anti-Ödipus lautet, dass die libidinöse und politische Ökonomie in struktureller Hinsicht ein und dasselbe darstellen, was nichts anderes heißt, als dass der Wunsch stets konstituierender Teil der polit-ökonomischen Infrastruktur des Kapitalismus bleibt. (Vgl. Deleuze/Guattari 1974: 15f.) Obwohl es keinen strukturellen Unterschied in der Funktionsweise der Gefüge, Dispositive und Maschinen der beiden Ökonomien gibt, kann man sehr wohl eine Unterscheidung hinsichtlich der jeweiligen aktiven und passiven Synthesen der beiden Regime treffen. Schon in den ersten beiden Kapiteln des Anti-Ödipus entwickeln Deleuze/Guattari eine ausgefeilte Theorie der drei Synthesen des libidinösen und des sozio-ökonomischen Unbewussten: Während die Wunschmaschinen eine immanente Synthesis herstellen (lokale und unspezifische Konnexionen, inklusive Disjunktionen und polovokale Konjunktionen), repräsentieren die sozialökonomischen Maschinen transzendentale Synthesen (globale und spezifische Konnexionen, exklusive Disjunktionen und segregative, biunivokale Konjunktionen). Handelt es sich bei diesen beiden Arten von Synthesen zwar strukturell um die gleichen Maschinen, so doch nicht um dieselben Regime oder um dieselbe Ordnung, was für Deleuze/Guattari heißt, dass die sozio-ökonomischen Maschinen auf einem molaren Level das repräsentieren, was die Wunschmaschinen auf der molekularen Ebene produzieren. (Ebd.: 44f.) Sozialökonomische Formationen oszillieren immer zwischen den beiden Polen der Integration und Seperation, was wiederum davon abhängig ist, wie die Wunschmaschinen ihre Chancen nutzen, um ihrerseits immanente Konnexionen herzustellen und neue Regime sozialer Ordnung zu generieren (aktive schizophrene Fluchtlinie). Im gleichen Atemzug muss gefragt werden, wie sozio-ökonomische Maschinen den Wunsch mittels transzendentaler Repräsentationen oder transzendenten Organisationsplänen übercodieren. Demzufolge gibt es eine Bewegung von der Repräsentation hin zur Produktion und umgekehrt. Und dabei wäre zu berücksichtigen, dass immer die Möglichkeit besteht, dass die Wunschmaschinen von den Anforderungen, Regelmäßigkeiten und axiomatischen Methodologien der repräsentativen Institutionen, Gefüge und Maschinen unterminiert oder von deren Determination und Dominanz sogar zerstört werden können, ja die Wunschmaschinen bringen es sogar fertig ihre eigene Unterdrückung zu wünschen.

Im Anti-Ödipus entwickeln Deleuze/Guattari eine triadische Typologie der sozialen Formationen im Rahmen einer Universalgeschichte (primitive Gesellschaften, Staat, Kapitalismus), die es den Autoren zufolge nur als Kontingenz gibt. (Ebd.: 177ff.) Während vorkapitalistische Gesellschaften hauptsächlich auf Formen der Codierung basierten, die rein auf der Ebene der Repräsentation operierten, gründet der Kapitalismus in erster Linie auf decodierten Arbeits- und Geldkapitalströmen, die auf den Ebenen der Produktion, Zirkulation und Konsumtion operieren. Eine Theorie des decodierten Stroms finden Deleuze/Guattari übrigens nicht nur bei Marx, sondern auch bei Keynes vor, denn für Keynes sei, so die Autoren, die Theorie der Aktienmärkte, an denen die entfesselten Ströme des Geldkapitals zirkulieren, essenziell, wobei Keynes zugleich den Wunsch in die Ökonomie der Bankpraktiken eingeführt habe, insofern Keynes die Aktienmärkte als Spiegelungen der Psyche der Akteure betrachte. Somit beschreibe Keynes ein neues Modell der Regulation und der Stimulation der Ökonomie, mit dessen praktischer Anwendung durch die politischen Mächte in den Jahren nach der großen Depression ganze Laboratorien zur Produktion von Axiomen entstanden seien, vor allem diejenigen des New Deal und des Fordismus. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass Keynes den finanziellen Rentiers abgrundtief verdammt und damit die Unterscheidung von Real- und Nominalökonomie letztendlich aufrechterhält.

Wir können an dieser Stelle zunächst festhalten, dass Deleuze/Guattari explizit ein Modell konstruiert haben, das den Kapitalismus als ein maschinelles autoreferenzielles System vorführt, wobei die Autoren das Modell durch das Konzept des kapitalistischen Sozius ergänzen, der sich selbst als eine unmittelbar ökonomische Instanz auf die Produktion niederlässt, um derart eine Oberfläche zu konstituieren, auf der die Kräfte und Agenten der Produktion verteilt sind, bis der Sozius schließlich selbst die Surplusproduktion zu absorbieren und deren Produkte sich allein zu attributieren versucht.5 So will sich diese Art des Sozius tatsächlich die Behauptung anmaßen, er sei der letzte Grund der Kapitalbewegung selbst. Der kapitalistische Sozius wäre im Sinne von Deleuze/Guattari jedoch eher als ein Effekt zu betrachten, aber einmal etabliert, funktioniert er wie geschmiert, wenn es ihm denn gelingt, die disparaten sozialen Praktiken zu homogenisieren, um gleichzeitig selbst die encodierten Geldkapitalströme durch die permanente Adjunktion von Axiomen erneut zu codieren und in so etwas wie in einem kohärenten Ganzen zu vereinheitlichen. Für Deleuze/Guattari kann die Produktion der konnektiven Synthesen (des Kapitals) nicht ohne die Zirkulation der disjunktiven Synthesen vonstatten gehen, und dies geschieht eben als Aufzeichnung der Ströme auf den Oberflächen des Sozius, der sich damit als ein ungeheures Aktualisierungsfeld darstellt – denn dort realisieren sich die verschiedenen Produkte als extensive Quantitäten. (Ebd.: 321) Der volle Körper des Kapitals gerinnt schließlich zum Ort all unserer faktischen Begegnungen sowie zu einem sozialen Hyperraum, auf dem die Wünsche registriert, verteilt und gesteuert werden, er ist eine fluide und fraktale Oberfläche, auf der aber insbesondere das Geldkapital fließt. Und als solcher inkludiert er natürlich auch die Lebenszeit, Uhrzeit, Arbeitszeit, Freizeit, aber auch die Zeiten, die der subjektiven Erfahrung wesentlich fremd bleiben, wie etwa die Lichtzeit, die Zeit der elektronischen Netzwerke und die hyper-volatilen Zeitmaße der synthetischen Finance. Guy Debord hat davon gesprochen, dass der sog. »konzentrierte Kapitalismus immer mehr zum Verkauf von ›komplett ausgestatteten‹ Zeitblöcken [tendiert], von denen jeder eine einzige vereinheitlichte Ware bildet, die eine bestimmte Zahl verschiedener Waren in sich integriert hat.« (Debord 2013) Das Kapital generiert in differenziellen Prozessen der Akkumulation als scheinbar allumfassend produktive Kraft also eine ganz eigene temporale Realität in Form von Symptomen, die schließlich auch noch die letzten Nano-Subjektivitäten umfassen sollen, bspw. den mobilen und flexiblen Arbeiter des gegenwärtigen Neoliberalismus, der in erster Linie als ein Produkt der Deterritorialisierung des Kapitals erscheint, wie es heute im Übrigen auch der Konsument darstellt.

Sobald das Kapital als gesellschaftliches Verhältnis einmal voll und ganz etabliert ist, beginnt es als der einzig richtige Quasi-Grund jeder Art von Produktion zu fungieren, während es gleichzeitig an eine virtuelle Einheit (organloser Körper) als seiner absoluten Grenze angebunden bleibt, die Deleuze/Guattari an dieser Stelle nicht nur als ein Konzentrat der Anti-Produktion, sondern auch als einen amorphen Materiestrom konzipieren. (Deleuze/Guattari 1974: 365f.) Es ist der organlose Körper, der als eine abstrakte Materie-Maschine der Abstoßung und Kontraktion fungiert, als das virtuelle Kontinuum der Variation, als Auflösung oder Liquidation der psychosozialen Organisation in Richtung einer nicht aktualisierbaren, rein virtuellen De-Organisation, in diesem Sinne einer Anti-Produktion, die eine sozusagen tödliche Geschichte ist, wenn das Kapital es eben nicht schafft, mit Hilfe der verschiedenen Verfahren der Stratifizierung auf dem kapitalistischen Sozius eine andere Art der Aufzeichnungsoberfläche als die des organlosen Körpers herzustellen. Der organlose Körper operiert zwar immer noch gemäß den Regimen der Ordnung, er selbst besteht aber aus einem Feld von prä-aktuellen Potenzialitäten, wobei man Ordnung hier allenfalls in Form von Tendenzen, Neigungen und Kräften vorfindet, die sich jedoch gerade nicht ausdrücken, indem sie sich aktualisieren. Insofern können Deleuze/Guattari vom organlosen Körper tatsächlich als Anti-Produktion sprechen, die jedoch keineswegs komplett im Gegensatz zur Produktion steht. (Ebd.: 425) Die Produktion wiederum stellt Selektionen in einem sozialen Feld mittels partikularer Pfade her, auf Oberflächen, die die Potenzialitäten des produzierenden Systems festhalten und kartografieren, während der organlose Körper weiterhin als anti-produktiv insistiert, als eine offene, als eine rein virtuelle Oberfläche von Potenzen. Die totale De-Aktualisierung des organlosen Körpers würde wiederum einem Wunsch entsprechen, der sich weigert, überhaupt eine Selektion von Pfaden zu betreiben, um den Null-Punkt des Todes zu erreichen, welcher die reine Virtualität oder das Hyper-Chaos darstellt. Kein Nichts, sondern ein Vakuum, das »alle möglichen Partikel enthält und alle möglichen Formen zeichnet, die auftauchen, um sogleich zu verschwinden, ohne Konsistenz oder Referenz, ohne Folge.« (Deleuze/Guattari 1996: 135) Die unendlichen Geschwindigkeiten der autopoietischen Strömungen im maschinellen Phylum beinhalten also tendenziell die Auflösung jeder Formen, obgleich durch verschiedene raumzeitlich-energetische Diskursivitäten, mit denen die Möglichkeit der Realisation von Ordnungsprinzipien gegeben ist, im Rahmen einer asignifikanten Semiotik ständig Stauchungen der Fluxionen stattfinden. Während die asignifikante Diskursivität den aktuellen Modus der unendlichen Geschwindigkeit darstellt, zeichnet sich der virtuelle Modus als ein Ort der Rekomplexifizierung durch Nicht-Diskursivität aus, i. e. die chaotische Hyperkomplexität zeigt sich als Quelle von unvorhersehbaren, aber kreativen Katastrophen und Ereignissen an und aktualisiert sich an den Punkten der Bifurkation, als raumzeitliche Diskursivität von heterogenen Prozessen und Semiotiken.

Es scheint, dass einer der entscheidenden Momente des Kapitals im Rahmen seiner permanenten Funktionalisierung deterritorialisierter Geldkapitalströmungen genau darin liegt, einen eigenen vollen Körper als sog.s Korrelativ geschaffen zu haben, der eine Oberfläche konstituiert, über die sich die Objekte, Kräfte und Agenten der kapitalisierten Produktion verteilen, ein Sozius, der nun aber seinerseits selbst als eine Quasi-Ursache auftritt, aus der das Kapital zu emanieren scheint. Aber für Deleuze/Guattari stellt selbst das Kapital niemals der materielle Grund dessen dar, was es produziert, sondern es generiert ein rein soziales Verhältnis, wodurch die Systeme der Produktion, Distribution und Zirkulation, ja schließlich der Konsumtion, organisiert, strukturiert und konzeptualisiert werden.6 Und der hyper-transformatorische Prozess der decodierten Geldmaschinen im kapitalistischen Modus bleibt eben auf eine spezifische Weise mit der Einrichtung eines bestimmten Antiproduktionssystems verbunden, dem repräsentativen Modus, der die entfesselten kapitalistischen Geldkapitalströme durch eine Axiomatik replikativer Strukturen beständig zu regulieren und zu recodieren versucht. So strebt bspw. die Antiproduktion des Staates ständig die Realisierung eines imaginären Gleichgewichts zwischen den Geldkapitalströmungen an, und dies nicht notwendigerweise im Sinne einer Trägheit, denn die staatliche Antiproduktion kann in einem gegebenen sozialen Feld bspw. im Zuge neoliberaler Governance zur Generalisierung ganz neuer Beziehungen in der Akkumulation, der Zirkulation und der Distribution beitragen.7 Allerdings gibt es auch eine Antiproduktion des Kapitals selbst, die sich nicht mehr nach dem Dualismus produktiv/unproduktiv richtet, stattdessen voll in die Produktion integriert ist, und dies teilweise auch eine als grausame Destruktion, die heute alle Bereiche kapitalistischer »Vergesellschaftung« erreicht, denn die Kapitalisierung versucht ja nichts offen bzw. nichts auszulassen, sei es das Leben, Kriege, Gene, Umwelt, Wissen, Affekte etc.

Wenden wir uns nun dem Begriff der Strömung bei Deleuze/Guattari etwas genauer zu. Zunächst besitzt jedwede Art von Strömung ein spezifisches Tempo, einen Rhythmus und eine direktionale Richtung, wobei im Verlauf oft auch eine Veränderung des Materials stattfindet. Wird der Prozess üblicherweise durch einen Abstand zwischen zwei Zuständen oder Dispositionen definiert, als Linie oder Pfad zwischen zwei Punkten oder zwei Knoten in einem (variablen) Netzwerk, und darüber hinaus als Prozess in einem weiteren Prozess, so spricht man bei der Analyse von Strömungen von einer reinen Bewegung oder einem positiven Chaos ohne Ursprungspunkt oder Ziel, Strömungen, deren besondere Merkmale, seien es etwa Rhythmus, Direktion oder Tempo, rein relational zu fassen sind. So erscheint es wirklich möglich, die Strömung unabhängig von der Festlegung von Positionen oder Punkten zu betrachten, unabhängig von den Linien zwischen zwei fixierten Punkten, die wiederum meist als unveränderbare Elemente gekennzeichnet sind. (Vgl. Deleuze/Guattari 1992: 298f.) Entscheidend ist, dass Ströme nicht entlang der Linien, sondern nach den Kriterien der n-dimensionalen, virtuellen, kontinuierlichen und nicht-numerischen Mannigfaltigkeiten fließen, die je nur eine Mitte haben. (Ebd.) Und egal ob es sich um Wirbel, Spiralen oder Strudel handelt – es geht immer um besondere Gestaltungen der Strömungen, die man durch eine kurvige, kontinuierliche Deklination anschreibt. (Ebd.: 496) Damit wären Strömungen als gerichtet und rhythmisch, als a-metrisch und irreversibel zu verstehen, sie können in alle Richtungen fliehen und sie befinden sich als dynamisch-verzeitlichte Strömungen im Gleichgewicht und Ungleichgewicht zugleich, sie können sich verbinden oder vereinigen, sie können einem Zusammenprall oder einer Begegnung entspringen, bei der ein Strom auf einen Gegenstrom stößt und abprallt, sodass es zu Stauungen und folglich in einem offenen topologischen Raum zu neuen Lokalisationen kommt. (Ebd.) Reine Strömungen besitzen einen realen und zugleich idealen Status, sie sind wirksam und effektiv, sie entfliehen den Codes, wobei die Quanten der Strömungen als Zeichen und/oder als Grade der Deterritorialisierung gelten. Der entsprechende topologische Raum verweist auf einen vektoriellen und glatten Raum, der von Nichtzählbarkeiten und delirierenden Linien durchlaufen wird und dem eine glatte Zeit entspricht, in der die Verteilungen, Verwirbelungen und Verstreuungen an Kontingenz geknüpft sind, an die unvorhersehbare Ausschüttung von Ereignissen, die ohne Zentren funktionieren, ja den selbst noch der Diagonale abweichenden Linien folgen. Es erscheint auch möglich, dass im Vortex mehrere Strömungen zusammenfließen und damit eine Figur des Mannigfaltigen entsteht, in der sich Natur und Kultur ununterscheidbar mischen; es gibt multiple Strömungen, wobei aus vielen Wirbeln Turbulenzen entstehen können, bis hin zu Kaskaden, sich differenzierende und zugleich auftürmende instabile Wirbel mit unscharfen Rändern, die man wiederum als Verzweigungslinien kleinerer Wirbel aufzufassen hat, die noch kleinere Wirbel erzeugen, und dies eben in einem offenen, topologischen, glatten Raum, in dem sich verschiedenste Strömungen verteilen. Dabei erscheint die theoretische Figur der Verwirbelung stets in hypermoderne Machtdispositive integriert, welche heute Ordnung/Gleichgewicht weniger durch Messung als durch die »Ordnung der Kontingenz« herstellen, indem bspw. die vielfältigen Diskurse der Finanzwissenschaften ständig neue Axiome (stochastische Modelle) der ökonomischen Realität hinzufügen, um für einen Moment neu auftauchende Problematiken zu bewirtschaften, wobei dies längst nicht ausschließlich zur Beschreibung des Ökonomischen geschieht, sondern ganz explizit zur Formatierung bzw. performativer Gestaltung der finanziellen Ökonomie selbst: Axiomatisierung heißt hier, dass man auf Grundlage der Wahrscheinlichkeitstheorie bis hin zum systemtheoretisch inspirierten Zugriff auf die Chaostheorie oder auf die Zipf’schen Potenzgesetze in Permanenz neue Prognoseverfahren und Sicherheitstechniken zugleich installiert. (Vgl. Baecker 2011)

Aus rein ökonomischer Perspektive stellen für Deleuze/Guattari die Strömungen Transaktionen, -duktionen oder -missionen innerhalb der Geld-Kapital-Verkettungen dar, indem Geld von einem Pol zum anderen Pol fließt (hier wäre der Begriff des Stroms zunächst mit dem des Prozesses zu identifizieren), um darin als Ströme der Inputs und der Outputs quantifiziert zu werden. Der Term Pol umfasst in diesem Zusammenhang Aktanten oder Gruppen (Unternehmen, Firmen, Vereinigungen etc.), die als Ansammlungen und Knotenpunkte für die ein- und ausgehenden Geldströme fungieren, die auf Bankkonten gutgeschrieben oder gegeneinander verrechnet werden, auf graphematisierten Aufzeichnungsflächen eine Codierung erfahren. Heute zirkulieren die Geldkapitalströme in topologischen Netzwerken, in denen sich die verschiedenen Pole bis zu einem gewissen Grad permanent verschieben (aber auch der digitalisierte Handel von Finanzderivaten in Realtime bedarf der Räume, der global cities), wobei es sich hier um mehrdimensionale Pole bzw. Maschinen handelt, die die Ströme aufzeichnen bzw. codieren, um sie damit im Rahmen flexibler Schemata zu transformieren und weiter fließen zu lassen. Und hiermit mutiert der Prozess tatsächlich immer stärker zur Strömung, wie wir sie oben beschrieben haben. Wir werden später im Kapitel »Deleuze und das synthetische Wertpapier« auf die Problematik noch zurückkommen.

Deleuze/Guattari affirmieren in diesem Zusammenhang eindeutig die Hypothese, die die Entstehung des Geldes (jenseits eines Geldes als Opfergabe) dem (universellen) Staat als Vereinahmungsapparat zuschreibt, der das Geld keineswegs als ein Mittel erfindet, um etwa den Handel zu stärken, sondern um den Handel durch sein Steuersystem zu kontrollieren. Mit der Legitimierung des Geldes durch den Staat wurde es für diesen letztendlich möglich, sich in jede einzelne Ware-Geld Transaktion einzuschalten, um schließlich in der Form der Steuer Nutzen daraus zu ziehen und selbst Geld abzuschöpfen. Dies umfasste zugleich den ersten Schritt zur Decodierung des Geldes, der schließlich im Kapitalismus zur Existenz des Geldes als pure Geldkapitalströmung führte, zu einer rein (begrifflichen) Abstraktion. Und an dieser Stelle wird, wie wir oben schon gesehen haben, von Robert Kurz hinsichtlich der Entstehung des modernen Geldes auf einen »proto-industriellen, militärischen Komplex« verwiesen, dessen aufwändige Logistik seit dem 15. Jahrhundert einen »rüstungbedingten Finanzbedarf« (Zinn) erforderte. (Vgl. Kurz 2012: 119) Und dieser führte schließlich »zur Entwicklung des modernen Steuerstaates mit festem Beamtenapparat und ökonomisch orientierter Staatsverwaltung.« (Ebd.) Es geht um den Zusammenhang von Manufaktur, Waffentechnologie, absolutistischem Staat sowie dem Mechanismus des Geldeintreibens, der im Gleichklang von protokapitalistischem Geld und bürokratischem Staatsapparat den freien Geldkapitalstrom erst ins Rollen brachte, indem die Staatsmaschine sich aus dem feudalen Körper herauslöste und gleichzeitig das Geld nach und nach von all seinen früheren Ankopplungen befreite, u. a. von der Opferlogik und die sie inhärierenden privaten Verpflichtungssysteme, um jenes (quasi-transzendentale) Prinzip in Gang zu setzen, das Geldkapital im Zuge selbstreferenzieller und differenzieller Akkumulation permanent Mehrgeld generieren lässt, bis es schließlich auch den Staatsapparat dominiert. Das protokapitalistische Geld als materieller Ausdruck eines in immer größerem Umfang realhistorisch stattfindenden Prozesses des Kaufens und Verkaufens von Gütern ist demnach im Zusammenhang mit einer militarisierten Staatsmaschinerie zu verstehen, die Geldabschöpfung als Steuerstaat betrieb, wobei vor allem aufgrund dieses Geldhungers ab dem 16. Jahrhundert in Manufakturen produzierte Güter zu Waren wurden, bis dieser Prozess, der zunächst hauptsächlich die Zirkulation betraf, schließlich selbsttragend wurde und in der Schaffung eines neuen Produktionssystems mündete (Agrarproduktion und Bergbau etc.). (Ebd.: 144) Während der doppelt freie Arbeiter eine Folge der Veränderung der Agrarstrukturen war, führte die Zirkulation des Handelskapitals dazu, dass das Geld zunehmend seine Bindung an den absolutistischen Staat verlor, wobei es sich beim Geld um den am stärksten deterritorialisierten Term handelt, der sich aus der mutierenden despotischen Staatsmaschine herauslöste und einen autopoeitischen Mechanismus in Gang setzte, der auf rein abstrakten Quantitäten und multilinearen Verläufen basiert.

Der Kapitalismus ist Deleuze/Guattari zufolge als eine qualitativ neue Stufe der Decodierung und Deterritorialisierung der Arbeiterströme, aber vor allem der Geldkapitalströme zu begreifen. (Vgl. Deleuze/Guattari 1974: 286ff.) Diese beiden decodierten Ströme drücken sich in zwei Formen des Geldes aus, und zwar als Zahlung und Finanzierung. Während die Zahlung immer in der Zirkulation anzusiedeln ist, wo das Geld lediglich in seiner Funktion als Zirkulationsmittel fungiert und auf Bankkonten gebucht wird, funktioniert das sog. Finance-Geld vollkommen verschieden, denn es konstituiert das, was Deleuze/Guattari die kapitalistische Form der unendlichen Schulden nennen, eine monströse Deterritorialisierung des Geldes selbst (obwohl die Finanzierung bspw. in den Apparaten der Banken ihr eigenes Territorium besitzt). Hierin fließt das finanzielle Kapital als kontinuierliche Geldkapitalströmung, die die Banken als Schulden an sich selbst kreieren, um sie zu vertiefen – und damit fundieren die Banken sog. negatives Geld (Schulden als Schulden der Banken an sich selbst), um daraus positives Geld zu generieren (u. a. Kredit, den die Banken den Unternehmen zur Verfügung stellen). (Ebd.: 305) Es ist exakt diese Formatierung des Geldes und des Geldkapitals, welche die wahre ökonomische Kraft in der Binnengeschichte des Kapitalismus manifestiert, immense deterritorialisierte und deterritorialisierende Geldströme, die schließlich auch den vollen Körper des Kapitals konstituieren. Nun sagen Deleuze/Guattari, dass es kein gemeinsames Maß zwischen diesen beiden Formen der Ströme gibt: Geld in seiner Funktion als Zahlungs- und Zirkulationsmittel realisiert Tauschwerte, während Geld als Symbolisierung der Logik der Finanzierung bzw. Kapitalisierung eine reine Bewegung der Kreation und Destruktion von Geldkapital bedeutet, das sich zu sich selbst in ein Verhältnis setzt. Und schließlich sind es die Banken, die an beiden Geldströmen partizipieren, sie sitzen an den (digitalen) Schnittstellen zwischen Zahlung und Finanzierung, sie fungieren als sog. Umwandler oder als Oszillatoren, die heute vor allem die Ströme der Finanzierung, i. e. mutierendes Geldkapital in kontinuierlicher Variation generieren, wobei die Bedingungen der Konstitution der Geldkapitalströme immer diejenigen ihrer Rückströme mit einschließen. Auch wenn es kein gemeinsames Maß zwischen den Strömen der Finanzialisierung und der Kaufkraft der Lohnabhängigen gibt, so garantiert doch vor allem das Bankensystem eine fiktionale Homogenität, die aber stets unter der Dominanz der Geldkapitalströmungen steht. Deleuze/Guattari nehmen an dieser Stelle eine Dreiteilung der Geldfunktionen vor: a) die Schöpfung des Kreditgeldes durch die Notenbanken (und Geschäftsbanken muss man hinzufügen), b) Geld als Zahlungsmittel, das durch die unendliche Verkettung der Beziehungen zwischen Banken und privaten Kreditnehmern generiert wird, c) synthetische Geldkapitalströme, die rein der Selbstvermehrung dienen und deren Quanten allein durch die Anzahl der ökonomischen Transaktionen determiniert wird. Dabei vermögen die Kapitalisten als Klasse allenfalls die Aufteilung des Mehrwerts zu regulieren, während sie auf die Verläufe der Strömungen von Geldkapital selbst wenig Einfluss haben.

Wie beschreiben Deleuze/Guattari nun die filiative Struktur des Kapitals selbst? Dafür sollten wir zunächst Deleuzes Verständnis der Nicht-Mathematik im Sinne einer problematischen, d. h., einer nicht-axiomatischen Mathematik des Differenzials kurz skizzieren. Deleuze bringt hier vor allem Mathematiker wie Abel, Galois, Riemann und Poncaré ins Spiel. (Vgl. Deleuze 1992a: 209, 230, 231, 233) Er benutzt für seine Konzeption der immanenten Idee das Differenzial/Kalkül als ein Modell, weil es in seiner rein symbolischen Form das Problem des puren Wandels anzeigt, wobei er eine strenge Unterscheidung zwischen differenzieller und axiomatischer Relation vornimmt, die es zuallererst erlaubt, das Problem als solches unabhängig von seinen Lösungen zu denken. Schließlich handelt es sich um die intrinsischen Bedingungen und Konstellationen des Problems selbst, mit denen in einem progressiven Verfahren die eigenen Felder der Lösbarkeit zu konstruieren sind. Mit dem Begriff der Idee umschreibt Deleuze in seiner Schrift Differenz und Wiederholung eine virtuelle Mannigfaltigkeit, deren always problematische Selbstbestimmung ihren Ausgangspunkt in einer unbestimmten Quantibilität besitzt, die sich mit den mathematischen Symbolen dx und dy anschreiben lässt – Symbole, die den internen Charakter des Problems als solches konstituieren. Es gilt zu konstatieren, dass dx und dy als Symbole weder eine Allgemeinheit (Verstandesbegriffe als variable Quantitäten; quantitas) noch einen besonderen Ausdruck (Anschauungswerte als fixe Quantitäten; quantum) darstellen, vielmehr jenen Begriffen vorgelagert bleiben. Damit sind erst Relationen des Universellen denkbar, in denen keiner der Terme über eine unabhängige Variable bestimmbar ist. Dx und dy (ideelle Quantibilitäten) gelten als unbestimmt und unausgedehnt, während erst die entsprechenden Differenziale (wenn x zu dx sich ändert, dann folgt y zu dy) die Bestimmbarkeit von Quantitäten ausdrücken. (Ebd.: 225f.) Die Ableitung dx/dy repräsentiert das Unveränderliche der Funktion. Man löst somit die Parameter Identität, Bedeutung und Wert in die Nullwerte von dy und dx auf, womit die Relata keinen individuellen Wert und schließlich keine von der Relation unabhängige Existenz besitzen, sie werden allenfalls durch das Differenzial aktualisiert. Es handelt sich um wesentlich unbestimmte Elemente, die Deleuze in ein (virtuelles) Differenzverfahren mit seinen drei Momenten der Unbestimmtheit, Bestimmbarkeit und Bestimmung integriert, durch das er sie schließlich definiert. Die symbolischen Elemente, die weder eine externe Identität noch eine interne Bedeutung besitzen, werden schließlich allein durch ihre reziproke Relation definiert; sie zeigt an, dass man die Elemente nur im Rahmen der Differenzialisierung selbst darstellen kann. (Ebd.: 222f.) So ist das Differenzial dx/dy als reziproke Relation bestimmbar, und dies innerhalb einer rein symbolischen Relation, welche eine serielle Struktur von differenziellen Elementen impliziert: Serien, die zu ihren Schnittstellen hin streben, welche wiederum ausgezeichnete Punkte darstellen, durch die sich die Struktur (der Differenzialrelationen) in ihrer ganzen Potenzialität zeigt. Deleuze führt also neben der realen und der imaginären Relation noch den dritten Typ der symbolischen Relation ein. Er schreibt: »Der dritte Typ aber stellt sich her zwischen Elementen, die selbst keinerlei bestimmten Wert haben, und die sich indessen in der Relation bestimmen. So z. B. ydy + xdx = 0 oder dy/dx = – x/y. Solche Relationen sind symbolisch, und die entsprechenden Elemente stehen in einem differenziellen Verhältnis. dy ist völlig unbestimmt im Verhältnis zu y; dx ist völlig unbestimmt im Verhältnis zu x: ein jedes hat weder Existenz, noch Wert, noch Bedeutung. Und dennoch ist das Verhältnis dy/dx völlig bestimmt, die beiden Elemente bestimmen sich gegenseitig im Verhältnis. Dieser Prozeß einer gegenseitigen Bestimmung innerhalb des Verhältnisses ist es, der es ermöglicht die symbolische Natur zu definieren.« (Deleuze 1992b: 21) Aus den reziproken Differenzialverhältnissen ergibt sich die Bestimmbarkeit der unbestimmten Elemente. Deleuze sieht in der Denkfigur des Differenzials ein Prinzip der Wechselbestimmung, das für ihn die Funktion einer reziproken Synthese besitzt. (Deleuze1992a: 234f.) Elie Ayache hat die Crux des Kalküls folgendermaßen zusammengefasst: »The differenzial is such that neither of the two entities (dy, dx) that are seemingly related by the differenzial are present in the differenzial. The differenzial is only the relation, not the actual entities. It is only the power of producing, or generating, the co-variation of the two mathematical entities when they come to be actualized. It is a place of repetition and retrieval (extraction) rather than a finished result. It is the place where the function (to be actualized) is determined, that is to say, differentiated, the place where it could have been otherwise yet it is faceted and cut to be this way, the place where the rift separating the variables and orienting their relative differences (in other words, their future co-variation) is first opened and the function is first shaped.« (Ayache 2010a: 293-4)

An diesem Punkt wird der Gebrauch des leibnizianischen Kalküls nur aufgrund der Tatsache möglich, dass Deleuze die logische Struktur des Kalküls von dem bei Leibniz unterstellten Sein der infinitesimalen Quantitäten separiert. Diese anti-quantitative Lesart des Kalküls ermöglicht erst ein Verständnis der differenz(t)iellen Relation als Grundlage der problematischen Natur der Ideen jenseits der Beschränkungen eines kantianisch-subjektorientierten Denkens. Die reziproke Synthese des Differenzialquotienten besitzt keine reflexionslogische Komponente, vielmehr führt Deleuze die Synthese auf die Frage der Genese zurück; er begreift die reziproke Synthese der Differenzialquotienten auch als Quelle zur Produktion von Realobjekten, womit sich sofort die Frage anschließen lässt, in welcher Form Realobjekte überhaupt bestimmbar sind, um sinnvoll über die Welt der Erscheinungen und Ereignisse sprechen zu können. Gleichzeitig lässt sich jedoch mit dem Differenzial weniger über die Objekte selbst, sondern mehr über deren Relationen und Verwandlungen in der Zeit nachdenken (dx/dt, worin x für alles Mögliche stehen kann.) Damit werden Objekte als Quasi-Objekte durch die Bestimmung jener Relationalität definiert.

Nun setzt das Prozessuale der kapitalistischen Maschinen komplexe, differenzielle und problematische Relationen frei, die historisch durch das kontingente Zusammentreffen bzw. die äußerliche Konjunktion von generell decodierten Strömen, den Kapital-Geldströmen mit den Arbeitsströmen entstanden sind. (Vgl. Deleuze/Guattari 1974: 287ff.) Es lässt sich, seitdem der Kapitalismus seine Binnengeschichte generiert, eine in immer gewaltigeren Schüben der Deterritorialisierung sich vollziehende kontinuierliche Konjunktion der Geldkapitalströme feststellen, während man die »doppelt freien« Arbeiter und Angestellten heute umfassend zugunsten der Funktionsweisen der informationellen Maschinen decodiert. Mit Deleuze/Guattari wäre der aktuell gegebene Kapitalismus als ein Effekt der Differenzialverhältnisse des Kapitals selbst zu verstehen, die eben der historisch-singulären Konjunktion der Geldkapital- und Arbeitsströme entsprungen sind. Erst mit der Wechselwirkung (der Differenziale dx/dy) sind die beiden Strömungen innerhalb eines symbolischen Verhältnisses bestimmbar, indem sie als decodierte Strömungen beständig ihre Konjunktion an der Schwelle zum glatten Raum weiter verfolgen und damit ihrer »wahren« Bestimmung zu treiben, die Deleuze/Guattari schließlich als die filiative Form des Kapitals beschreiben, um diese mit dem mathematischen Symbol x + dx zu bezeichnen. (Ebd.: 292) Diese Formel symbolisiert die Produktion von Mehrwert, der nicht nur produziert, sondern immer auch realisiert bzw. absorbiert werden muss. Wie in der reziproken Synthese des Differenzialquotienten im Rahmen der Konstitution der immanenten Idee auch die Genese der Relationen zum Ausdruck kommen soll, so reflektiert der kapitalistische Differenzialquotient die Ströme des Geldkapitals und der Arbeit in kapitalistischen Reproduktionsprozessen: Es kommt zu einer direkten Transformation des Mehrwerts an Code, dem Differenzialquotienten des Kapitals, in reinen Mehrwert an Strömen, dem Differenzialquotienten der Produktion, wobei diese Funktionsweise des kapitalistischen Differenzialquotienten, wie Deleuze/Guattari mit Jean-Joseph Goux annehmen, auf kein Ende des Kapitalismus hin zusteuert, sodass jeder Bruch, Einschnitt oder Krise immer nur die interne Grenze des Kapitals selbst verschiebt (danach läuft es wieder wie geschmiert, schreiben Deleuze/Guattari), die sich somit in den Variationen der Differenzialquotienten manifestiert. (Ebd.: 293) Deleuze/Guattari schreiben »Dies der Differenzialquotient Dy/Dx, worin Dx sich aus der Arbeitskraft ableitet und die Fluktuation des konstanten Kapitals ausmacht, Dy aus dem Kapital sich ableitet und die Fluktuation des konstanten Kapitals konstituiert.« (Ebd.: 292) Die abstrakte Kapitalmaschine erscheint als ein immanent strömendes System, das seine Operationen in: der Zeit vollzieht, wobei sich dies auf der mathematischen Ebene als Differenzialquotient darstellen lässt, der graduellen Änderungsrate der beiden Ströme in ihrem Verhältnis zueinander, und dies unter der Dominanz der kontinuierlich fließenden Geldkapitalströme. Demnach stellt das Kapital kein Objekt dar, sondern ist als eine Relation von Strömungen, Geschwindigkeiten und sich bewegenden Quantitäten anzuschreiben. Die Ströme können zwar in diskrete Einheiten geschnitten werden, aber in sich selbst bilden sie kontinuierlich fließende, intensive Quantitäten, die zunächst ohne externe Kontrolle von Apparaten an- und abzuschwellen vermögen, und gerade deswegen tauchen ständig neue, für das Kapital zu meisternde Problematiken auf, was Deleuze/Guattari zufolge eine permanente Reterritorialisierung der Strömungen erfordert, und zwar mittels strategemisierter Axiomatiken, die von zentripetalen Einfangungs-Apparaten durchgesetzt werden, die sich historisch über die Aufblähung des Hegel’schen Staatsapparates über die Foucault’schen Governance-Maschine bis hin zu den Machtmechanismen der Zentralbanken entwickelt haben. Die abstrakte Kapitalmaschine besitzt nach Deleuze/Guattari einen real/virtuellen Status und determiniert jegliche Aktualisierungen in-der-letzten-Instanz, was natürlich auch bedeutet, dass das Reale dem Aktuellen nicht gleichzusetzen ist, denn das Virtuell-Reale kommt im Aktuellen niemals ganz an. Mit der Einführung von neuen Technologien bzw. neuen Zusammensetzungen der technologischen Codes ist im Laufe der Binnengeschichte des Kapitalismus zur Extraktion des menschlichen Mehrwerts die Entnahme des maschinellen Mehrwerts hinzugetreten. Dabei bedarf die Äquivalenzrelation, die die Warenform auszeichnet, stets der Supplementierung durch die nicht-äquivalente Konjunktion des Kapitals, den Verhältnissen zwischen decodierten Geldkapitalströmen, die zuallerest aktuelle Qualitäten konstruieren (außerhalb dieses Verhältnisses bleiben die Ströme rein virtuell). »Diese Konjunktion ist zugleich die Disjunktion der abstrakten Quantität, worin diese etwas Konkretes wird.« (Ebd.: 320) Die Parameter dy und dx stellen in den sich wechselseitig bedingenden Relationen die reinen Quantitäten von Arbeitsstrom und Kapitalisierungsstrom dar, wobei der letztere jedoch über eine ungleich größere Potenz verfügt als der Arbeitsstrom, sodass Deleuze/Guattari an dieser Stelle exakt von einem Verhältnis zwischen Potenz (Kapitalisierung) und gegebener Größe (Arbeit) sprechen.

Kommen wir nun zum Begriff des Codes. Deleuze/Guattari beziehen sich bei ihrer Darstellung des Codes häufig auf die Funktionsweise des genetischen Codes, wobei sie diesen weniger als eine Struktur, sondern als eine Art blinder Kombination auffassen, eine passive Synthesis, die unter bestimmten Umständen auch eine Domäne für Chancen ausbildet oder eben als ein Medium der realen De-Organisation fungiert. Code bezeichnet im ökonomischen Kontext zunächst ein (binäres) Schema und/oder eine Form der graphematisierten Einschreibung bzw. der symbolischen Aufzeichnung von Geldströmen. (Ebd.: 318f.) Dies geschieht im Kapitalismus bei Unternehmen im Rahmen der doppelten Buchführung, bspw. als eine Geld-Geld-Transaktion, die auf den Bankkonten zweier Unternehmen stattfindet. Beim Zahlungsscheck handelt es sich um einen eingehenden Strom, während ein Scheck, der ausgestellt wird, um eine Rechnung zu begleichen, einen ausgehenden Strom darstellt. Dabei dient der (asymmetrische) Code der Übersetzung von Strömungen, er ist notwendig, um die Systeme der Strömung kommunikativ zu beherrschen, wobei hier sowohl semiotische als auch probabilistische Komponenten mit ins Spiel kommen. So lässt sich zunächst ganz allgemein festhalten, dass das Verhältnis zwischen Strom und Code der Regel der Reziprozität obliegt, denn es ist unmöglich, auf einen Strom anders Zugriff zu haben als mit einer Operation, die den Strom eben codiert, während umgekehrt die Strömung spezifische Codierungen herausfordert. Es gibt keine Ströme ohne Entnahmen, Abtrennungen und Einschnitte, ohne die dazugehörigen maschinellen Pole, die die Ströme mit Hilfe ihrer spezifischen Aufzeichnungsflächen codieren, während Codes selbst transformiert werden, indem die maschinellen Pole neue Konjunktionen schaffen, um die Ströme weiter und anders fließen zu lassen. In diesem Kontext verweist die Operation des Decodierens auf die jeweiligen Übersetzungsleistungen, allerdings kann das Verfahren der Decodierung auch die komplette Vernichtung von Codes implizieren, die bis dahin die Übersetzung oder Vermittlung von Strömen gesichert haben. Codierung operiert also durch Prozesse der Aufzeichnung, und dies vollzieht sich im Kapitalismus im Rahmen von ökonomischen Mathemen, ob dies nun Zahlen auf einem Bankauszug aus Papier oder Charts/ Formeln/Markierungen auf dem Computerbildschirm sind.

Codierungen gilt es als Zuordnungen zu verstehen, bei denen jegliche Inhalte oder Kontexte ausgelöscht sind. Es finden Zahlungen oder Nichtzahlungen statt, gleichgültig wer diese wofür leistet, entscheidend bleibt rein die Aktualisierung der Schemata selbst, die das entweder/oder setzen. Binäre Codes fungieren als übergreifende Schemata, mit denen Operationen so behandelt werden, dass mit Notwendigkeit Funktionalität sich einstellt. (Vgl. Fuchs 2001: 159ff.) Und diese Tertium-non-datur-Schemata schließen Kontexturen, wie etwa Gotthard Günther sie untersucht hat, d. h., dritte Möglichkeiten per definitionem aus. Somit funktionieren diese Art der Semiosen als nonsignifying Zeichen, entscheidend ist nicht, was sie bedeuten, sondern dass sie überhaupt Bedeutungen freisetzen, um in ihrer Indifferenz gegenüber allen Spezifiken die jeweiligen Ströme regelgerecht zu funktionalisieren. Demzufolge setzt der Code selbst keine inhaltliche Spezifik frei, er greift nicht auf so etwas wie begriffliche Konsistenz zurück, jedoch rechnet der Code in seiner Funktion als ökonomisches Mathem immer auch mit ihm vorausgesetzten Regelmäßigkeiten, ohne dabei auf inhaltliche Bedeutungen überhaupt zu achten. Wenn binäre Codes nicht eine der beiden Seiten fixieren, sondern mit ihren Aufzeichnungen eher Kontingenz in die Systeme einführen, die sie wiederum inhalieren, indem sie als reine Ja/Nein-Oszillationsmaschinen funktionieren, so bleiben sie doch immer auf die jeweiligen Systeme und deren Präferenzen bezogen und von ihnen abhängig. So gilt als der entscheidende Code, durch und mit dem das ökonomische System im Kapitalismus funktioniert, der Profit/Nicht-Profit-Code, womit man schnell begreift, dass das kapitalistische System seine Umwelt beständig hinsichtlich der Frage bearbeiten und filtern muss, ob da etwa Profite zu erzielen sind oder nicht. Und so erscheint es nur folgerichtig, dass heute die strukturellen Prozesse der Kapitalisierung fast alles Denkbare erfassen – Geld, Kredit, Arbeitskraft, Institutionen, Wissen und Meinungen, Energie, genetischer Code, Körper, Kriege und Freundschaften usw. – was schließlich auch heißt, dass das ökonomische System anderen Systemen gegenüber in gewisser Weise blind bleibt, solange diese eben nicht der reinen Verwertung dienen. Tatsächlich verschiebt sich die Codierung hier zunehmend auf eine Seite, sodass wir es in der Tendenz immer nur mit der Reproduktion derselben Profitproduktion zu tun haben, schiere Produktion und Zirkulation des Kapitals, schiere Positivität des Immergleichen. Und mit dem symbolischen Geld, das ganz anders strukturiert ist als andere Symbole, wird mit Hilfe einer algebraischen Syntax, die einem quantifizierenden Komputieren der Wertschöpfungen gleichkommt, die Anzahl der scheinbar gleichwahrscheinlichen Geldkapitalströme und ihren Relationen reguliert, wobei hierin der Code selbst wiederum eine Entropie anzeigt, was u. a. darin zum Ausdruck kommt, dass es an den Derivatmärkten in der Tendenz so viele Preise wie Derivate gibt.

Die Geldkapitalströme werden in den finanziellen Regimen neben den binären digitalen Codes über die Modelle der Stochastik codiert, indem man an den Märkten permanent Volatilitäten berechnet, und insofern Geld über diese Codes funktioniert, haben wir es hier mit objektiven Funktionalitäten zu tun. Die Diskursivität wird an dieser Stelle eindeutig vom ökonomischen Mathem dominiert, dessen Aktualisierungs-Virtualisierungs-Verschaltungen gerade unberechenbar bleiben, sodass im Hinblick auf Futurisierungskapazitäten des Kapitals permanent mit offenem Ausgang zu rechnen ist, solange das synthetische Geld eben Geltung besitzt. Der Code erlaubt als symbolische Algebra die Transmission, Transformation oder Reproduktion der Informationen, er ermöglicht ihre Synthesen. Ähnlich funktionieren auch Zahlungssysteme, obwohl hier die Informationen nicht vorgegeben sind, sondern mit jeder Aufzeichnung erst neu produziert werden. Wie der Kapitalismus auf der einen Seite die Decodierung vorantreibt, so muss er auf der anderen Seite permanent codieren bzw. axiomatisieren, denn generell bleibt der Albtraum jeder Gesellschaft eine uncodierte Strömung. Man darf sich schließlich die Beziehung zwischen Strom und Code nicht derart vorstellen, dass zuerst der Strom auftritt und dann der Code folgt, indem er sich etwa dem Strom überstülpt, sondern es ist von vornherein davon auszugehen, dass dasjenige, was jeweils auf dem und durch den kapitalistischen Sozius strömt, immer nur in Korrelation mit dem Code erscheinen kann, wobei der Kapitalismus es tatsächlich schafft – das ist heute seine wesentlich neue Qualität – die Codes durch ständig sich replizierende und expandierende Axiomatiken zu substituieren, damit die Maschinen sich in ihre eigene Struktur als Kräftefeld zu interiorisieren vermögen. (Vgl. Deleuze/Guattari 1972: 299)
Nach klassischer Definition bedeutet das Axiom eine operative Aussage, die keines Beweises bzw. keiner Ableitung durch andere Aussagen bedarf. Daran anschließend enthält die Axiomatik ein System von axiomatischen Sätzen. (Die Beweisbarkeit als eine Eigenschaft von Axiomen ist für die Philosophie spätestens seit Kant infrage gestellt.) In der modernen Mathematik gilt z. B. die Theorie der extensionalen Mengen (Cantor) und deren rigorose Axiomatisierung durch Zermelo-Fraenkel als eine herausragende Errungenschaft, die u. a. Badiou für die Explikation der Ontologie in seinem Buch Das Sein und das Ereignis (Badiou 2005) verwendet; für Deleuze ist dies allerdings eine durch und durch »royale« Mathematik, gegen die er eine ganz andere Art der mathematischen Deduktion setzt, nämlich die problematische Deduktion. Man denke bezüglich der ersteren bspw. an die »royalistische« Definition der Linie als die kürzeste Distanz zwischen zwei Punkten, während in der archimedischen Geometrie die gerade Linie als ein Fall der Kurve erscheint (auch in der euklidischen Geometrie ist die Linie rein statisch ohne jeden Bezug zur Kurvigkeit). In einer minoritären bzw. problematischen Geometrie erscheinen die Figuren untrennbar von ihren immanenten Variationen, Affektionen und Ereignissen. Oder man denke an die Geschichte des Differenzialkalküls, dessen Problematik Leibniz und Newton in der Hypothese erkannt hatten, dass das Integral hinsichtlich der Bestimmung eines Raumes invers zur Frage der Determination der Tangente durch Kurven zu begreifen sei, bevor dann das Problem im 19. Jahrhundert rigoros in arithmetische Terme rückübersetzt wurde. (Cauchy, Weierstrass, siehe dazu: Smith 2013b) Gleichzeitig wurden die kontinuierlichen Mannigfaltigkeiten in diskrete Mengen von Zahlen transformiert, die geometrische Idee der Annäherung an eine Grenze arithmetisiert und axiomatisiert. In diesem Rahmen bewegen sich auch die Mengentheorien von Cantor und Dedekind bis hin zur Definition der Mengentheorie durch Zermelo Fraenkel (Menge als ein endliches Set von Axiomen). Es gilt aber auch zu sehen, dass die nicht-quantitative Sichtweise des Differenzialkalküls heute an ihre Grenzen stößt, wenn mit dem numerischen digitalen Code eine neue Stufe der Abstraktion erreicht wird.

Deleuze/Guattari stützen ihre Analyse des modernen Kapitalismus u. a. auf den Term Axiomatik, indem sie zeigen, wie der Kapitalismus als eine »Axiomatik decodierter Strömungen« entsteht. (Deleuze/Guattari 1992: 628) Dies geschieht mit der permanenten Addition oder Subtraktion von operativen Aussagen, die »rein funktionale Elemente und Beziehungen« betreffen und wesentlich unspezifiziert bleiben, sodass die Wahl eines Axioms bezüglich der ökonomischen Analyse zunächst bedeutet, dass essenziell wichtige, z. B. technische Terme undefiniert bleiben, da der Versuch alle Terme zu definieren angeblich in eine endlose Regression führen würde. Axiomatik versucht als operative Methode, die keiner Begründung oder keines Beweises bedarf, mit der Addition oder Subtraktion von Hypothesen, Normen, Kommandos oder eben weiteren Axiomen stabile Gefüge oder Systeme herzustellen, die sich mit unspezifizierten Elementen und Relationen im Rahmen einer Funktionalisierung verwalten lassen, wobei diese Art der reinen Funktionalität stets von weiteren Deduktionen von Theoremen und Axiomen begleitet wird. (Ebd.: 630) Man sollte in der Ökonomie Axiome zugleich als operative Aussagen im Kontext der immanenten Virtualisierungs-Aktualisierungs-Verschaltungen des Kapitals lesen, aber sie sind auch in Bezug zu externen Realisierungsmodellen wie dem Staat zu beachten. Dabei bieten Axiome keinerlei Flächen oder Anhaltspunkte für Exegesen, Interpretationen oder Kommentare an, vielmehr zeigen sie als Geldschriften die »immanente semiologische Form des Kapitals« an (ohne Totalisierungsinstanz oder transzendente Institution). (Ebd.: 640) Sie umfassen ein Set von Aussagen, Komputationen und Regeln, die in sämtliche Maschinen der Kapitalisierung eindringen, um in und mit diesen das ökonomische Prozedere zu rechnen, zu steuern und zu strukturieren.

Vor allem in Tausend Plateaus führen Deleuze/Guattari die Axiomatik als wesentliche Operation des gegenwärtigen Kapitalismus vor (innerhalb ihrer Konstruktion einer kontingenten Universalgeschichte und einer allgemeinen Semiologie, siehe ebd.: 640ff.). Ständig repariert oder regeneriert sich der Kapitalismus mithilfe von Axiomen und versucht seine Antagonismen zu überwinden, indem er weitere Axiome hinzufügt, bspw.: »Du sollst an das Marktsystem glauben, damit Kapitalakkumulation sich unaufhörlich fortsetzen kann«, was allerdings eine ziemlich simple Axiomatik beinhaltet; oder wenn bspw. der Keynesianismus oder der Goldstandard in die Krise gerät, werden überkommene Axiome der Wirtschaftswissenschaften durch die des Neoliberalismus ersetzt oder komplexere Axiome des Neokeynesianismus hinzugefügt, die keineswegs die grundlegenden Axiomatiken des Kapitalismus modifizieren, sondern vor allem dessen Operationen komplizieren. Axiome beinhalten, dass der Kapitalismus äußerst flexibel mit den Quantitäten des Geldes und der sozialen Arbeit dealt, womit wir es heute mit der Tendenz zu tun haben, dass man die Codes umfassend durch Axiomatiken ersetzt, weil letztere hinsichtlich ihrer Kraft zur Vereinnahmung eine wesentlich stärkere Kraft darstellen als die Codes, die doch immer wieder Reduktionen unterliegen, indem man sie bspw. durch Transzendenz oder Externalität auf eine höhere Einheit reduziert. Die Beschränktheit der politischen Codes, die die Regulierung der Beziehungen zwischen den Geldkapitalströmen und den Arbeitsströmen immer nur indirekt zustande bringen, indem sie Steuerung und Konfliktregelung durch qualitative Entnahmen, Aufzeichnungen und Lenkung der Ströme herstellen – diese Beschränktheit wird heute durch die hyper-kapitalistische Form der neoliberalen Axiomatisierung ver- und überwunden, und zwar indem die Politik der reinen Marktbezogenheit aller sozialen Institutionen und Konflikte huldigt, und dies eben mit Hilfe von Axiomen, d. h., eines Sets von Gleichungen, Variablen und Parametern, die keine Referenz auf fixierte Definitionen oder Größen besitzen, was es gerade erlaubt, die jeweiligen Variablen und Koeffizienten permanent neu zu kombinieren und damit zumindest kurzfristig zu fixieren, wobei es durchaus auch vorkommen kann, dass eine Strömung Gegenstand von mehreren Axiomen wird oder gar kein eigenes Axiom besitzt und sich sozusagen von externen Axiomen nährt. Und jeder Parameter, der eine sichere oder standardisierte Fundierung von Werten erlauben soll, vermag auch wieder aufgelöst zu werden, siehe eben die Auflösung des Goldstandards nach Bretton Woods. Und dies geschieht als fortwährende Temporalisierung der Axiomatik in der Ökonomie selbst. Es wird deswegen ständig nach der Addition/Subtraktion von Axiomen verlangt, denn ohne den Fluss von Axiomatiken wäre es kaum möglich die vielfältigen Relationen und Verbindungen zwischen den verschiedenen Geldkapitalströmungen herzustellen. Trotz der enormen Kraft zur Deterritorialisierung der Geldkapitalströme, was gerade auch wegen der äußerst geschmeidigen Axiomatisierung funktioniert, gibt es ständig Tendenzen zur Reterritorialisierung, bspw. durch Ausbildung von Kontrollfunktionen jeder Art, durch Subjektivierungsprozesse und staatliche Governance, die letztere als Teil der »Realisierungsmodelle einer Weltaxiomatik, die über sie hinausgeht.« (Deleuze/Guattari 1992: 630) Und Deleuze/Guattari fügen wohlweislich hinzu, dass man im Kapitalismus den Staat nicht los wird, auch wenn man ihn zu überschreiten versucht. Allerdings, und darauf gilt es hinzuweisen, darf hier nicht der Eindruck entstehen, Axiomatik sei das den Kapitalismus in der letzten Instanz determinierende Moment, vielmehr ist und bleibt das Kapital/Kapitalisierung selbst durch kein einziges Axiom oder ein Set von Axiomen determinierbar und verlangt gerade deswegen ständig nach neuen Axiomen.

Wertpapiere sind mit ihrer Integration in die Geldkapitalströmungen, die beständig von einem Pol zum anderen Pol oder multilinear in mehrdimensionalen Netzwerken fließen, u. a. als Bestand zu verstehen, i. e. als rechtlich kodifiziertes Eigentum (wir werden noch sehen, dass dies bei Derivaten nicht der Fall sein muss), das die Verfügbarkeit über ein Konto oder den »Wert« eines Investments impliziert. Bestand definiert den aktuellen Wert/Preis bspw. eines Derivats zu einem gegebenen Zeitpunkt, während den Strom des Geldkapitals die ständige Fluktuation des Bestandes in der Zeit auszeichnet. (Vgl. Smith: 2013a) Mit einem Input fügt man dem jeweiligen Bestand ein Quantum hinzu, während man mit dem Output ein Quantum vom Bestand subtrahiert. Ein Wertpapier als Bestand fordert zur Akkumulation oder zur Destruktion seines Werts in der Zeit auf, es steigt oder fällt im Preis, während der Strom die Veränderungsrate des Bestandes anzeigt. Und Wertpapiere besitzen zu jedem Zeitpunkt einen Preis, den man als Zahl aufschreiben kann, während die Geldkapitalströme den Preis des Bestandes in der Zeit verändern. Mathematisch ausgedrückt bildet das Wertpapier als Bestand das Integral des Geldkapitalstroms, während der Differenzialquotient die Variation des Geldkapitalstroms bezeichnet. (Eine Stromgröße wie das Bruttoinlandsprodukt gibt in der Dimension Milliarden Euro pro Jahr an, wie groß die in einem Jahr erbrachten Güter und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft sind, was allerdings über die bereits vorhandenen Reichtümer einer Volkswirtschaft – Bestandsgrößen – rein gar nichts aussagt. Der Zinssatz etwa ist das Verhältnis eines Zahlungsflusses zu einer Bestandsgröße: Zinsen einer Rechnungsperiode zur Größe der Kredits am Beginn dieser Periode. Wer in diesem Fall Strom- und Bestandsgrößen durcheinander wirft, der vermischt zwar nicht Birnen und Pfirsiche, aber wohl Birnen und Birnbäume. Dass Strom- und Bestandsgrößen nicht unmittelbar vergleichbar sind, bedeutet jedoch noch lange nicht, dass man sie nicht in eine Relation setzten könnte.) Vor allem die Analyse der Geldkapitalströme erlaubt heute die Rolle der synthetischen Inputs und Outputs an den Börsenmärkten genauer zu verstehen: Während sich die Geldkapitalströme in kontinuierlicher Variation befinden, wissen wir von ihnen doch nur durch spezielle Aufschreibesysteme. Schließlich lässt sich die Relation flow-code-stock noch einmal mit den Worten von Deleuze/Guattari zusammenzufassen: Der Strom befördert die konnektive Synthese der Produktion, der Code beinhaltet die disjunktive Synthese der Aufzeichnung oder Einschreibung und das Wertpapier als Bestand stellt die konjunktive Synthese der Konsumtion dar. (Ebd.)

 

 

  1. »Die Turbulenz bezeichnet einen Bewegungszustand von Flüssigkeiten oder Gasen, bei
    dem in jedem (durch den Ortsvektor r beschriebenen) Punkt zu jeder Zeit t die Geschwindigkeit
    v (r, t) den Charakter eines Wirbels besitzt; […] Ort, Größe und Ausrichtung der Wirbel (sind) hier in ständiger Veränderung begriffen. Diese Wechselhaftigkeit macht es unmöglich, v präzise vorherzusagen; bei Turbulenzen handelt es sich um Zufallsereignisse.« (Eintrag »Turbulenz«. In: Serres/Farouki 2004: 997)
  2. »Für die Maschine ist das Subjekt der Geschichte in der Struktur. Um genau zu sein: Wenn man das Subjekt der Struktur in seinem Entfremdungszusammenhang eines Systems der enttotalisierten Totalisierung betrachtet, müßte es eher auf ein ›ichhaftes‹ Phänomen bezogen werden, wobei das Ich im Gegensatz steht zum Subjekt des Unbewußten, insofern das letztere dem Lacanschen Prinzip entspricht: ein Signifikant repräsentiert das Subjekt des Unbewußten an Stelle eines anderen Signifikanten. Als solches gehört das unbewußte Subjekt auf die Seite der Maschine, neben die Maschine: Bruchstelle der Maschine; Einschnitt diesseits und jenseits der Maschine. Das menschliche Wesen ist gefangen im Schnittpunkt der Überschneidungen von Maschine und Struktur. Damit verbunden ist der Paradigmenwechsel zwischen Maschine und Computer.« (Guattari 1976: 43f.) Subjektivität, deren Definition nicht über das Prinzip der reziproken Bestimmung des Ich hinausgeht, ist und bleibt in die Struktur eingeschlossen. Nach Guattari umfasst der strukturelle Prozess der enttotalisierten Totalisierung das Subjekt und lässt es nicht entkommen, während die Maschine sich ihrem Wesen nach exzentrisch zur Subjektivität
    verhält. Und wenn, so lässt sich weiter folgern, die Fabrik eine Form der Organisation ist, welche das Kapitalverhältnis annehmen kann, so wären nach Guattari mit den heutigen Verfahren der horizontalen Verschiebung und Ausgliederung von Produktion insbesondere. Individualisierungsprozesse, aber nicht unbedingt solche Prozesse verbunden, die dem Subjekt den Status der Autonomie gewähren, aber wenn diese dennoch stattfinden, wird das Kapital nichts ungeschehen lassen, um sie unaufhörlich zu integrieren, indem es etwa die Individuen qua betrieblicher Teilhabe in solide Vermögensindividualisten transformiert.
  3. Deleuze gibt drei Bedingungen für die Existenz einer Struktur im Allgemeinen an, a) mindestens
    zwei heterogene Reihen, von denen die eine als Signifikant und die andere als Signifikat funktioniert, b) jede dieser Serien besteht aus Elementen, die durch ihre Relationen zueinander koexistieren, und c) sind die beiden heterogenen Reihen, wenn sie zu einem paradoxen Element X konvergieren, nach Guattari auf die Ordnung der Maschine zu beziehen. (Vgl. Deleuze 1993: 62f.) Maschinen lassen sich also nicht lediglich als Summe von Einzelteilen definieren, sondern montieren immer ganze Ensembles – Relationen verschiedener Objekte oder Komponenten –, die permanent Ströme aufnehmen, transformieren und produzieren, ohne dass man sie selbst jemals auf Objekte oder Komponenten zu reduzieren vermag. Eine solche relationale Funktion von ineinandergreifenden Objekten/ Elementen lässt sich keinesfalls nur im Kontext mechanischer oder elektronischer Maschinen konzipieren, stattdessen wären sie durchaus auch auf kognitive, affektive und soziale Maschinen auszuweiten. Und Guattari zufolge haust in fast allen (autopoietischen) Maschinen eine Art Lebendigkeit oder Protosubjektivität, eine Art Äußerungsvermögen in Form einer Reserve oder von Potenzialen, die man nur dann entdeckt, wenn man sich selbst auf einer spezifischen maschinischen Ebene aufhält.
  4. Die Geschichte der Technologie ist auf jeder Stufe von einem spezifischen Maschinentyp
     geprägt. Hingegen sollte man Dispositive als gesellschaftliche Maschinen begreifen, sie sind ihrerseits nicht in erster Linie von der techne abhängig, denn die technologischen Maschinen stellen nur einen ganz bestimmten Fall des Maschinismus dar. Die für den Kapitalismus leitende Definition einer maschinischen Indienstnahme sehen Deleuze/ Guattari mit der Kopplung der Subjekte an die Maschinen gewährleistet, wobei diese selbst als Elemente der maschinellen Dispositive fungieren, als Input/Output-Elemente oder heute als Relaisstationen bzw. des Computers, der Informationen, Kommunikationen und Zeichen speichert, prozessiert und transportiert, wobei, wie Hans Dieter Bahr auch im Hinblick auf die (informationellen) Maschinen richtig schreibt, »gewaltigste ökonomische, soziale, juristische, bürokratische, kulturelle, natürliche, geschichtliche Funktionen zu ihren Eingaben, aber auch zu ihren Ausgaben zählen« (Bahr 1983: 281). Funktionen, die sich keineswegs auf die binäre Unterscheidung brauchbar oder unbrauchbar reduzieren lassen. So kennt die Funktionsweise der maschinischen Indienstnahme auch keinerlei Unterscheidung zwischen humanen und nonhumanen Objekten, zwischen Subjekt und Objekt oder sinnlich und intelligibel, während hingegen der mit Deleuze/Guattari formulierte Typus der sozialen Unterwerfung sowohl die Individuen als auch die Maschinen als in sich selbst geschlossene Totalitäten (Subjekt und Objekt) vorführt, wobei hier der sog. molare Zugriff auf die Subjekte vor allem in der diskursiven Mobilisierung des Gedächtnisses, des Gewissens und der Einbildungskraft besteht, man denke an das sich schuldig fühlende verschuldete Subjekt. Im Unterschied dazu inhäriert die Funktionsweise der maschinischen Indienstnahme die permanente Mobilisierung und Modulation von präindividuellen,präkognitiven und asignifikanten Komponenten der Subjektivierung; sie lässt Affekte, Wahrnehmungen und Empfindungen, die längst noch nicht individuiert sind und deshalb auch keinem Subjekt zugeschrieben werden können, als molekulare Bestandteile und Elemente der Maschine funktionieren. Wendet sich die soziale Unterwerfung an die molare, individuierte Dimension der Subjekte, so aktiviert die maschinische Indienstnahme die molekularen, präindividuellen, vorsprachlichen und präsozialen Dimensionen der Subjektivierung, was natürlich auch impliziert, dass heute, ganz im Gegensatz zum industriellen Kapitalismus und zu Zeiten der Disziplinargesellschaft, nicht nur die Körper, sondern auch die Bewusstseine durch spezifisch industrielle und postindustrielle Zeitobjekte kontrolliert und damit die der souveränen Subjektivität zugeschriebenen Handlungen des Urteilens, des Bewertens und des Entscheidens industrialisiert werden. So hat bezüglich des permanent verschuldeten Subjekts Maurizio Lazzarato die maschinische Indienstnahme, die vertrauensbildende Prozesse durch soziotechnischeOperationen ersetzt, eindringlich beschrieben, und zwar anhand der Kredikarten oder derGeldautomaten, welche die Dividuen in das soziotechnische Dispositiv des Banknetzes(Lazzarato 2012: 123) integrieren, wobei Dividuen sich als Operateure an soziotechnischeMaschinen ankoppeln, indem sie sich qua Geheimcode und Tastendruck in die Texteder elektronischen Netze einwählen und einschreiben, womit sie deren Programme undgeschriebene Befehle aktivieren, von denen sie wiederum als Komponenten verwendet werden, Programme, die u. a. auch Datenerfassungen durchführen, die als Eingaben für Maschinen zur Marketinganalyse dienen, die wiederum Maschinen zur Produktinnovation
    füttern, um in Rückkopplungsschleifen die Dividuen mit neuen Produkten zu beglücken. Dividuen werden somit qua maschinischer Rekurrenz sowie den kybernetischen Mechanismen des Feedbacks unaufhörlich kontrolliert.
  5. In dieser Hinsicht sollte man auch gegenüber der in akademischen Kreisen gegenwärtig
     estzustellenden Euphorie für jedwede Konzepte der Emergenz und der Selbst-Organisation ganz vorsichtig sein, weil sie zunächst rein gar nichts Befreiendes an sich haben, denn komplementär zur Überbetonung des deleuzianischen Moments der Selbstorganisation, wie dies etwa Massumi oder De Landa phasenweise praktizieren, gibt es immer auch das reaktionäre Pendant eines Hayek oder Kelly, Autoren, die beide den Markt als wundersam sich selbst organisierendes System konzeptualisieren, wobei sich diese Theologien der Selbstorganisation natürlich als nichts anderes als die postmoderne Version von Adam Smiths unsichtbarer Hand erweisen.
  6. Im Kapital Bd. 1 gehören Ware- ,Geld- und Kapitalformen der Ebene des Ausdrucks an, während die komplexen Beziehungen der Arbeit dem Feld des Inhalts zuzuordnen sind. Für Deleuze besitzt die Realität des Inhalts wie auch des Ausdrucks eine eigene Logik: Es gibt eine Form und eine Substanz des Inhalts, wie auch der Ausdruck eine Form und eine Substanz besitzt. Die Korrelation der beiden realen Ebenen impliziert ein Modell, in dem der Inhalt durch einen gegebenen Code oder eine Axiomatik artikuliert und ausgesagt wird (Ausdruck), derart, dass beide Ebenen auch unabhängig voneinander als differente Ebenen weiterhin existieren, wobei die Korrelation der Ebenen inklusive ihren Elementen und Relationen niemals als der Effekt einer totalisierenden Struktur zu begreifen ist, sondern als der einer virtuellen Struktur, die aber nicht alles Mögliche ist, sondern das, »was zu einer gegebenen Zeit an einem gegebenen Ort möglich ist, möglich war oder möglich sein wird« (Zechner 2003: 103).

 

 

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