Gosse

Die Qual der Wahl oder Blindheit als Lebensaufgabe

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2 Jul , 2017  

Wir leben so, als wenn wir zum Mitmachen effektiv angeworben wären, als wenn wir Auftragsarbeit leisteten. Günther Anders

 

Bei Maupassant kann man lesen:

„Wenn man das allgemeine Wahlrecht näher betrachtet und die Leute, die es uns beschert, bekommt man Lust, das Volk mit Maschinengewehren niederzumähen und seine Vertreter zu köpfen.“

Einhundertfünfzig Jahre später hatte sich die Sachlage dramatisch geändert. Es war nicht mehr der Rebell, den es fast wahnsinnig machte, dass der freie Mensch nicht mehr existierte, vielmehr war es der Bürger, der (fast) an sich selbst wahnsinnig wurde. In „Massenpsychologie und Faschismus“ schreibt Wilhelm Reich folgerichtig, dass Hitler der Ausbruch einer Geisteskrankheit nur deshalb erspart geblieben wäre, weil seine Wahnvorstellungen bei den Deutschen auf massenhaft positive Resonanz stießen.

Siebzig Jahre später hat sich die Sachlage wieder verändert und von Wahnsinn ist keine Spur mehr zu sehen. Der Kapitalismus hat seine Alternativlosigkeit sakralisiert und trägt sie quite paradox wie das Merkmal seiner Auserwähltheit vor sich her. Selbst die durch und durch atheistischen Banker können vom Kapitalismus noch etwas lernen: Man kann in schaler Neutralität bezüglich der Alternativlosigkeit nie weit genug gehen, solange die Kunden bereit sind, sich auf den Kapitalismus wie auf ein Naturschicksal oder gar wie auf eine gegebene Transzendenz einzulassen. Was taugt also Maupassants gut gemeinter Vorschlag noch, selbst wenn er eingeschränkt würde, wie dies beispielsweise im linken Umfeld zu fortgeschrittener Stunde der Fall ist, wenn man dort angesichts des Vollzugs von Handlungen, mit denen ja buchstäblich keine Humans mehr übrigblieben, nur die Vertreter ins Visier nimmt, wobei allerdings aus dem eigenen Lager gleich Einspruch zu erwarten ist, wenn etwa linke Promis im Sog eines feminisierenden Pazifismus tatsächlich behaupten, der Konsens von Kapital und Arbeit stände bei jeder Wahl auf dem Spiel, ein weiteres Bonmot in der unendlichen Volksfront Komödie mit Sahra Wagenknecht als Hauptdarstellerin, die nach jahrelanger Rosa Luxemburg Kostümierung nun im Wahlkampf ihre chameleoneske Seite präsentiert, sich vor der Kamera als Frida Kahlo aufbrezeln lässt und nicht vergisst zu erwähnen, dass sie zuhause gegebenenfalls auch weinen kann. Wenn Volksfront noch nie lustiger war, dann war Feminismus noch nie verruchter, so verrucht wie Mutter Theresa im politischen Überlebenskampf, Politik als Survival-Training für die Superfitten, und egal, ob Sahra Wagenknecht über Kapitalismus redet oder über Banker als eine neokapitalistische Sekte, Marx als vage Erinnerung und Lenin als unscharfe Idee, oder ob sie ein postfeministisches Ritual der einfühlsamen Simulation der Gleichberechtigung zum Mann inszeniert, um eine Zote der Aufrichtigkeit, was den Kampf für einen guten Staat und soziale Marktwirtschaft anbelangt, ist sie inzwischen nie verlegen. Auch für sie gilt wie für ihre Kollegen, dass man nämlich eine eigene Partei in die Welt setzen kann, nur um zu zeigen, dass es Politik nicht mehr gibt. Irgendwie beschleicht einem also das Gefühl, dass alle Mühe vergebens ist, dass man sowieso der Schlappschwanz ist, der beim ersten von Maupassant angedachten Schuss selbst in Ohnmacht fällt, und bekanntlich hat heute vor allem derjenige Zukunft, der gut im Fertigmachen von Schlappschwänzen ist.

Wenn Pohrt den müde und/oder reizresistent in partnerschaftlichen Beziehungen Verweilenden einst noch vorschlagen konnte bei Balzac nachzulesen, was ihnen da entgangen sei, soll man sich dann heute folgerichtig, wenn einem die ubiquitäre Blödmaschinen-Propaganda nicht mehr reizt, nächtelang RAF Videos auf You Tube anschauen, soweit sie nicht gelöscht sind? Ist es das? Oder sich beispielsweise darüber aufregen, dass einer wie Seeßlen mit Verve sich die Finger blutig schreibt, und die Light-Light-Superlight-Variante Georg Diez die Kartoffeln erntet, wo Gedankenblitz und totaler Mist sich permanent die Hand schütteln ohne sich je aufheben zu können. Borderline als Lebensaufgabe. Wer für den Spiegel arbeitet, der muss Borderline sein.

Dass Journalisten am liebsten reiche Witwen heiraten wollen, weil diese die besten Connections haben und talentierte Ghostwriterinnen sind, ist nichts Neues, aber was, wenn die Ghostwriterin doch nicht so talentiert ist, wie es den Anschein hat, siehe den Insolvenzverlag. Irgendwie vergeht einem langsam die Lust auf Befreiung, sowieso besitzt der Einzelne eher zu viel Freiheit, steht er doch als Kunde von so ziemlich allem, ganz gleich ob vor dem Jobcenter, als Wohnungssuchender oder als Antragssteller eines Schlafplatzes im Obdachlosenasyl nicht vor der Frage, wie man aus dem Knast raus kommt, sondern wie man ins Kuschelwohnheim Deutschland rein kommt. Und konnte man in den 1980er Jahren noch frivol und in der Hoffnung auf jouissance mit laufender Kamera in deutsche Wohnzimmer eindringen, um sich an Deutschland privat zu begeistern, der Mischung aus Einkaufszettel, geistiger Beweglichkeit, Aufrichtigkeit, Terminkalender, Feierlust und Sauerbraten, so reicht heute der Blick in den Ikea Katalog oder wahlweise auf eine Pornoseite um zu wissen, wie es mit der Privatsphäre der Leute bestellt ist.

Das ist okay, weniger okay ist es, wenn derlei Privatexistenzen als solche, i.e. Träger der Ware Smartphone, einem auf der Straße mit ihrer Privatexistenz belästigen. Sollte sich also gerade jetzt die Konzentration auf den blinden Fleck als die letzte politische Notwendigkeit erweisen, auf die Tatsache, dass man zwar sehen, aber das Sehen nicht sehen kann, sodass man, weil man ja nicht wegsehen kann, irgendwie auf die operative Seite kommen muss, oder soll man tatsächlich auf die Ankunft des grauen Stars hoffen, sodass man nicht mehr in der Lage ist alles andere zu sehen, das lebendig gewordene Stelleninserat, das Konglomerat aus Ratgeberlektüre, Kochbuch und Neobuddhismus, aus flexibler Amateurpsychologie und Pop, mobil bis in die Zehenspitzen und doch geistig unbeweglich wie ein Krokodil, aber zäh wie dieses, wenn es um die eigene Selfishness geht, im Großen und Ganzen die Jungen oder ewig Junggebliebenen, die mit ihrem neuro-mentalen Schmieröl die Zirkulation am Laufen halten, während nach wie vor die Alten absahnen.

„Der Junge schmiert die Maschinerie, der Alte sahnt ab,“ schreibt Badiou und sieht darin so etwas wie die Quintessenz, ja das Leben in der Demokratie. Womit wir irgendwie wieder bei Maupassant angelangt wären, der in seinem Roman Bel Ami eine seiner Figuren sprechen lässt: „Atmen, schlafen, trinken, essen, arbeiten, träumen, alles, was wir tun, ist sterben. Mit einem Wort, Leben ist Sterben.“

Schon hier spricht die Realität des Kapitals zu sich selbst und wird sich als rasender Stillstand selbst, denn das Leben selbst ist nichts weiter als ein endloser Tod, auch wenn ihm das Trauma des Realen ab und zu eins in die Fresse drischt.

Ist das Leben erst einmal unter der Kategorie des Sterbens begriffen, dann erscheint es nur folgerichtig, mittels Sport, Sex und Diät fieberhaft bis eisern von jungen Jahren an gegen den Tod anzukämpfen, als mögliche Subjekte die Enhancement-Industrien in Softcore-Schleifen zu nutzen, um sich irgendwie an die Genussterminals der Waren- und Bilderwelten sowie die der exzentrischen Job- und Shoppingwelten anzuschließen oder angeschlossen zu bleiben. Leben ist Fitnessindustrie, die Illusionsmaschine schlechthin, welche jeden noch so winzigen Akt der Desillusionierung und Schwäche der Individuen als Anlass nimmt, die nächste Stufe der Perfektionierung anzugehen.

 

Fotto: Bernhard Weber

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