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Henri Lefebvre und Rhythmoanalysis

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27 Okt , 2015  

Shintaro Miyazaki geht in seinem Buch  „Algorhythmisiert. Eine Medienarchäologie digitaler Signale und (un)erhörter Zeiteffekte“ von Platons Definition des Rhythmus als einer zeitlich strukturierten Ordnung von Bewegung aus, wobei Rhythmus immer schon in Relation zu Produktion und Perzeption steht. In diesem Kontext messen Medien die physikalische Effektivität der Materie und ihre Signale, die durch die Sinne perzipiert werden. Miyazaki differenziert klar zwischen Takt und Rhythmus; er versteht den ersteren in seiner Regelmäßigkeit als unhörbar und rein symbolisch, wobei erdurch den Rhythmus realisiert und damit hörbar wird. Der freie Ryhthmus oszilliert zwischen Realem und Symbolischem, exakter, es findet mit ihm eine Verzeitlichung des Symbolischen statt, und zwar durch verschiedene Instanzen hindurch, seien es humane Agenten oder maschinelle Apparaturen. Dabei kann es zu zeitlichen Fluktuationen, zu chaotischen oder nonlinearen Prozessen kommen, die in maschinellen Materialitäten oder der Elektronik stattfinden.

Henri Lefebvre hat sich vor allem in seinem Buch „Rhythmanalysis: Space, Time and Everyday Life“  intensiv mit dem Begriff  des Rhythmus auseinandergesetzt. Für Lefebvre gibt es keinen Rhythmus ohne die Wiederholung in Raum und Zeit, ohne die Reprise oder ohne die Möglichkeit der Rückkehr und der Messung. Im Kontext des Rhythmologischen kann die Wiederholung aber niemals absolut identisch sein, vielmehr ist hier mit Deleuze stets die Relation von Wiederholung und Differenz zu beachten, insofern durch die Differenzierung der Differenz, die stets auch eine Überschreitung ist, immer etwas, wenn auch noch so rudimentär oder minimal, Neues geschieht: Die Wiederholung produziert durch den Bezug des Differenten auf Differente Differenzen, eine differenzierte Zeit oder eine qualifizierte Dauer. Selbst in die linearen Zeiten tauchen noch starke und schwache Zeiten auf, Intervalle, Loops, Stille, Stops und Brüche. Hinzu kommt, dass die Bewegung der differenziellen internen Zeit sich von der externen Uhrzeit nicht trennen lässt, die nur in homogenen und quantitativen Parametern existiert, wobei interne und externe Messungen eine komplexe Beziehung zueinander unterhalten. Die Rhythmen beruhen also auf Wiederholungen, sie sind Bewegungen der Verschiebung und der Differenzen in der Wiederholung. „Es wiederholen sich die Wiederholungen, es differenziert sich das Differenzierende“, schreibt Deleuze in „Differenz und Wiederholung.“

Lefebvre geht zunächst von zwei Formen der Wiederholung aus, die im Realen untrennbar, aber zumindest analytisch voneinander unterscheidbar sind: zyklische und lineare Widerholung. Das Zyklische ist im Allgemeinen kosmischen Ursprungs; es wird nicht auf die gleiche Art gemessen wie das Lineare. Die dafür geeigneten Nummerierungen sind vorzugsweise duodezimal, und dies auf der Grundlage der Zwölf: Zyklische Rhythmen, von denen jede eine festgelegte Periode oder Frequenz hat, sind auch Rhythmen der Reversibilität – des Wiederbeginns oder des Zurückkommens – die sich dem Werden jedoch keineswegs ganz entgegenstellen müssen, obgleich den in die Zyklizität eingebundenen Praktiken – vom Kalender bis zur Organisation der Arbeit – eine Tendenz zur Erstarrung eingeschrieben ist. Serres schreibt: “Von der Abgeschlossenheit des Klosters bis hin zu den drei Schichten in der Fabrik versetzt die menschliche Ratte ihren Käfig in Drehung und glaubt, sie käme voran, während sie sich in Wirklichkeit nur in ihrer Tretmühle im Kreise bewegt. Unsere Gesellschaften, die durch Arbeit und die Aufteilung der Stunden und Tage geprägt sind, stürzen uns in die Reversibilität und versuchen damit, uns den Tod zu stehlen, uns unsere anderen Zeiten zu nehmen oder vergessen zu machen.” (Michel  Serres: Hermes V. Die Nordwest–Passage; 98) Und dennoch, entgegen der Wiederkehr des Reversiblen, die selbst nur ein Intervall ist, so schreibt wiederum Lefevbre, geschieht die Morgendämmerung stets aufs Neue.

Das Lineare definiert sich durch gleichförmige Abfolge bzw. die Reproduktion eines vollkommen oder nahezu identischen Phänomens, und dies in mehr oder weniger kurzen Intervallen; beispielsweise eine Reihe von Hammerschlägen, eine repetitive Serie, in die aber auch stärkere und schwächere Schläge und  Pausen in regelmäßiger Folge eingehen können. Das Metronom gibt uns ein Beispiel für den harten linearen Rhythmus. Es bildet dem Ausgangspunkt alles Mechanischen. Das Lineare baut auf die Identität des Wiederholten, das Stereotype, und seine eher extensiven und symmetrischen Rhythmen neigen dazu, sich dem sich dem die Differenz differenzierenden Werden querzustellen. Schließlich wird das Lineare einschließlich der Linien, Bahnen und Wiederholungen, gemäss dem obigen Schema dezimal gemessen (im metrischen System). Wenn sich dergestalt das Zyklische und das Lineare klar unterscheiden, so muss die Analyse, die sie getrennt hat, diese beiden Rhythmologien doch wieder zusammenfügen, denn sie wirken realiter unaufhörlich zusammen und bedingen einander gegenseitig, indem das eine als Masse des anderen dient. Für Lefebvre kann nur eine nicht-mechanische Bewegung einen Rhythmus haben, das heißt, es muss immer differenziert und differenzierende temporale Elemente geben, die markiert, kontrastiert und akzentuiert sind, eine allgemeine Bewegung der Konstruktion der Zeit, als eine des Werdens in der Relation desselben zum anderen. Durch die Messung erhält der Rhythmus schließlich ein Gedächtnis, das sowohl die Messung, die den jeweiligen Prozess initiiert, konserviert und den Neubeginn dieses Prozesses ermöglicht, i.e. den Rhythmus mit Modifikationen anreichert, mit Pluralität und Multiplizität. Und Lefebvre ist sich darüber im Klaren, dass bezüglich des Rhythmologischen dasselbe dem anderen, der Alterität bzw. der Differenz unterzuordnen ist.

Nach der herrschenden Zeitlehre ist jede Messung, was immer auch ihr Referent sei, immer schon in der Zeit, womit die Maßeinheit, nach der gesucht wird, nicht selbst die Zeit sein kann, sondern nur ein Bild von der Zeit. (Hans-Dieter Bahr: Über den Umgang mit Maschinen; 464) Für Kant war die Zeit reine Form der Anschauung, regelndes Schemata, das sinnliche Daten und reine Begriffe vermittelt. Auch der Begriff des Rhythmus ist an zeitbedingten Erscheinungen festzumachen, allerdings gleitet er in den diversen Diskursen in die Frage der Herstellung von Zeitlichkeit hinein und wird dabei absorbiert, wenn man wie gewöhnlich vom Apriori der absoluten Anwesenheit der Zeit ausgeht, sodass jeder Diskurs über die Zeit sich schon in ihr bewegen muss. (Ebd.: 467) Die Zeit fungiert somit als der Quasi-Automatismus der Zeitdiskurse und ihrer Zeitbilder, sie bildet den unüberwindbaren Horizont, der Differenz und Vermittlung von Subjekt und Objekt überhaupt erst ermöglicht. Die Zeit hat aber auch ihre eigene Geschichte.

Bleiben wir aber noch einen Moment bei der Relativität der Rhythmen. Sie lassen sich definitiv nicht so messen, wie man die Geschwindigkeit eines bewegten Gegenstands auf seiner Bahn misst, nämlich von einem klar definierten Ausgangspunkt (Nullpunkt), mit einer ein für alle Mal definierten Einheit. Ein Rhythmus ist nur langsam oder schnell im Verhältnis zu anderen Rhythmen, mit denen er in größeren oder kleineren Einheiten verbunden ist: Zum Beispiel ein lebender Organismus oder auch eine Stadt (freilich ohne die Definition derselben auf jene eines biologischen Organismus zurückzuführen). Das führt uns dazu, die Vielfalt der Rhythmen, ihrer Zusammenhänge und ihrer Interaktionen oder gegenseitigen Wirkungen zu unterstreichen, ihrer Relationen zwischen komplexen Prozessen und Trajektoren, zwischen Wellenform und Körpern. Michel Serres spricht vom Organismus als einem „Zeitverteiler“ (siehe oben), der in Richtung Unordnung geht und dem zweiten Satz der Thermodynamik für geschlossene Systeme untersteht. Körper sind in diesem Kontext als Bündel von Rhythmen zu verstehen, die, indem sie sich der Außenwelt öffnen, nicht nur eine Vielzahl von Einflüssen integrieren, sondern mehrere rhythmologische Systeme zugleich darstellen, die qua Isolierung, Abschließung und eben auch Öffnung durch lokale Regeln gesteuert werden. Nun inkludieren fast alle konkreten Zeiten Rhythmen oder sie sind vielmehr Rhythmen – und jeder Rhythmus schließt den Bezug einer Zeit zu einem Raum ein, bezeichnet eine lokalisierte Zeit oder, wenn man es so nennen will, einen temporalisierten Ort. Der Rhythmus ist stets an diesen oder jenen Ort gebunden, an seinen Ort, sei es das Herz, das Klappen der Augenlider, die Bewegung einer Straße oder das Tempo eines Walzers. Das hindert den Rhythmus nicht, eine Zeit zu sein, das heisst ein Aspekt einer Bewegung und eines Werdens zu sein. So ist jeder mehr oder weniger belebte Gegenstand, und um so mehr jede Ansammlung von solch Gegenständen polyrhythmisch, er ist aus verschiedenen Rhythmen zusammengesetzt, von denen jeder Teil, jedes Organ oder jede Funktion, die ihren eigenen Rhythmus in einer beständigen Interaktion hat, ein Ensemble oder ein Ganzes bildet. Ganzes meint hier nicht ein geschlossenes Ganzes, sondern ganz im Gegenteil ein offenes Ganzes. Solche Ensembles sind stets in einem «metastabilen» Gleichgewicht, es sei denn, es tritt eine tiefgreifende Störung oder eine Katastrophe ein.

Rhythmus ist ein zeitliches Pattern, das durch informations-übertragende Prozesse beschrieben werden kann, und dies durch folgende Parameter: räumlich, temporal, Amplitude, Frequenz und Superposition. Während prozessierende Systeme eine beobachterabhängige Realität des Rhythmus inkludieren, ist es auch möglich, die Existenz von Rhythmen zu entdecken, die unterhalb der menschlichen sensoriellen perzeptiven Kapazitäten liegen. Zudem muss gefragt werden, ob es eine simple Opposition zwischen Rhythmus und Noise gibt. Die Antwort ist Nein, weil wir den Rhythmus als eine Relation von idenfizierbaren und nichtidentifizierbaren Prozessen bestimmen können, die es erlauben, dass das Chaos eine Ordnung der Differenz, eines Grades oder einer Quantität von nicht-linearen und nichtrhythmischem Noise trassiert. Rhythmus existiert auf verschiedenen Graden der Größe und der Dynamik. Er mag vom Noise emergieren, wobei die Simulation des Noise durch stochastische Prozesse zeigt, dass der Prozess des Entfaltens der Rhythmen und Signale eine Vielfalt von heterogenen Bewegungen ermöglicht, die durch verschiedene Zeitskalen und Frequenzen wandern. Aber nach wie vor besitzt Noise eine größere Dynamik und Größe als der Rhythmus. Und Noise ist gegenüber jeder ontologischen oder epistemologischen Theorie abgeschlossen. Der Rhythmus klebt also an der Wellenform, die durch die Parameter Frequenz, Amplitude und verlagerte Energie charakterisiert ist.

Der Rhythmus integriert die Superposition der kleinen Bewegungen, wobei vielfältige Undulationen sich gegenseitig durchqueren, absorbieren und ineinander faden. Man denke an die Wellen am Strand, die keine Entitäten sind, sondern es handelt sich um Störungen ausgedehnt im Raum. Wenn zwei Wellen sich überlagern oder überlappen, dann ist die Amplitude der daraus entspringenden Welle eine kombinierte Amplitude der beiden ersten Wellen, i.e. die Amplitude der ersten Welle wird zur zweiten addiert, und das Resultat ist eine Welle mit kombinierten Amplituden, die Superposition der beiden Wellen (siehe Karen Barad). Wenn ?1 und?2 Lösungen für die Wellen darstellen, dann ist jede arbitäre lineare Kombination der beiden Lösungen auch eine Lösung von Se. Wenn jede der individuellen Lösungen mit einer arbiträren komplexen Zahl multipliziert wird und man sie zusammenzählt, so ist die Summe auch eine Lösung. ?=a?1 + b?2, so lange die Koeffizienten folgendermaßen relationiert sind: /a/2 + /b/2=1. In diesem Fall sind die Lösungen sichtbare Wellenfunktionen. SE ist eine lineare Gleichung. Die Superpostion ist ein Feature des Verhaltens der materiellen Wellen der Quantelung der Welt. (Vgl. Karen Barad: Verschränkungen; 40ff.) Die Quantenwelt besteht aus diskreten Zuständen, wie etwa den Photonen. Das Licht ist demnach kein kontinuierlicher Strahl oder eine sich kontinuierlich ausbreitende Welle, sondern es besteht aus kleinsten Teilchen, die sich allerdings wie Wellen verhalten können. Somit ist das Licht beides gleichzeitig: Teilchen und Welle. Photonen, die einen Filter nur mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit passieren, bleiben auch hinter dem Filter in einem verschränkten Zustand, der darin besteht, daß sie den Filter entweder passiert haben oder nicht. Erst durch eine Messung entscheidet sich, ob ein verschränktes Etwas durch den Filter gelangt ist. Solange nicht gemessen wird, verharren die Photonen in ihrem verschränkten Zustand, gleichzeitig als ‚durch und nicht durch‘ zu sein. So wie Schrödingers Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist. Auch das wird neuerdings wieder in Zweifel gezogen. ( siehe Telepolis)

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