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(4) Akzeleration- Der prometheische Wahn oder some stuff about technology

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17 Jun , 2015  

Das linke akzelerationistische politische Projekt, insoweit es nicht die Form einer science-fiction-Mythologie (Negarestani) annimmt, fordert zur Herstellung einer Kombinatorik von Plattformen und Organisationen auf, die fähig sind, das Kapital in seinem planetarischen Maßstab zu bekämpfen oder gar zu dominieren. Dazu bedarf es eines Heers von neuen Technokraten und anderer Experten, um ein prometheisches „guidance-system“ zu entwickeln, das die globalen mobilen Trajektoren des sozio-ökonomischen Feldes nicht nur umgestaltet, sondern auch effektiviert, und damit den multi-dimensionalen Phase Space des Kapitals umorientiert, um neue Pfade zu erfinden, die die kapitalistische Wertform endgültig überwinden.

Meistens wird in diesen hoffnungsfrohen Erzählungen aber vergessen, dass Prometheus zuallererst den Prototyp des ordnungschaffenden “homo faber” darstellt, des Handwerkers und Arbeiters. Hans-Dieter Bahr hat darauf hingewiesen, das es gerade das Eigentümliche des prometheischen Mythos sei, die Technik per se als Produktivkraft und somit jede Innovation als explosiv vorzustellen, um konsequent zu ignorieren, dass die Syntax des Technischen sich (insbesondere in der Mechanik) geradezu dann als rational anzeigt, wenn die Relation der Kräfte, die in die Techniken eingeschrieben sind, sich als eine geordnetes und ordnendes Verhältnis erweisen. Bahr schreibt: “Das Technische ist ein Ordnungshüter par exellence. Ihr interner Diskurs zeigt sie nicht als Produktivkraft, sondern als Ordnungssystem.” (Bahr, Über den Umgang mit Maschinen: 186) Und selbst noch die gegenwärtige wissenschaftliche Produktion der Natur ist nicht als die simple produktive Durchsetzung einer prometheischen Konstruktion zu denken. Zwar wird die Existenz einer Natur außerhalb dessen, was wir über sie denken, gerade auch im spekulativen Realismus anerkannt, aber dennoch wird ein metaphysischer Wille konstruiert, der sich in die Natur einschreibt. In welt-ökologischer Perspektive signifiziert diese Produktion der Natur die Emergenz von historischen Relationen, die humane und außerhumane Aktivitäten, Praxen und Bewegungen bündeln.

Prometheus kann man man sich ohne Werkstätten gar nicht vorstellen, nicht ohne die sie gestaltende Organisation und ihre Arbeitspläne. Die prometheische Welt ist sui generis eine Arbeitswelt, und nirgends blitzt sie intensiver auf als dort, wo in rastloser erfinderischer Arbeit, nämlich in Technik und Wissenschaft, also im Umkreis ingeniösen Denkens, das heißt im Bereich von Werkstätten und Laboren Rationalität und Fortschritt erzeugt wird. Der Mythos kapriziert einen Prometheus, der stolz auf die Werke seines Geistes und seiner Hand ist, und man findet diesen Stolz noch bis in die moderne Verkrümmung hinein wieder, bis in jene abgrundtief melancholische Selbsteinschätzung der Arbeit und des Arbeiters, die dem Sisyphismus – man denke hier an Camus’ 1942 erschienenen Essay Der Mythos von Sisyphos – huldigt. Im Unterschied zum Tun der Götter, das sich durch Mühelosigkeit und Heiterkeit auszeichnet, ist das Tun des prometheischen Menschen mit großen Anstrengungen verbunden. Nicht der Gedanke an eine erschaffene Welt, sondern der an eine noch zu erschaffende Welt treibt ihn beständig voran.

Schon mit der Zähmung des Feuers war zweifelsohne eine Technologie verbunden, mit der man der Natur gegenüber nicht nur trotzen, sondern sie kontrollieren und effektivieren wollte, aus der Nacht einen Tag, aus dem Rohen das Gekochte, aus der Kälte die Wärme machen wollte. Für Günther Anders ist diese Strategie nicht gescheitert, sondern in der Geschichte bis heute außerordentlich erfolgreich gewesen, waren doch schon zu seiner Lebenszeit die Produkte erfolgreicher als ihre Produzenten, und schließlich waren es damals schon die Maschinen, die die Menschen unter ihre Gesetze zwangen. Und der Mensch, der an der Stelle Gottes steht, erfährt damit sein eigenes Trauma, nämlich von seinen eigenen Kreationen verhöhnt zu werden. Wenn Anders von einem prometheischen Gefälle spricht, dann meint er die Struktur des Vorsprungs der Technik gegenüber dem Menschen. Hinter die von den Geräten gesetzten Faktizitäten kann der Mensch nur hinterher humpeln. Dies zeigt sich noch daran, dass Maschinen, wo sie ihre Präzision als Ordnungshüter verlieren oder uns vorm Ordnen freisetzen (Freizeit), uns in schwer zu kontrollierende Verkehrsysteme einklinken, die ständig neue Restriktionen erzeugen, man denke bspw. an die Fahrt zum Arbeitsplatz, die wohl kaum jemand als zeitsparend empfindet.

Das gerade veröffentliche dezelerationistische Manifest, das in nett persiflierender die bisher eher spärlichen wissenschaftlichen Forschungsergebnisse des Akzelerationismus zusammenfasst (Some stuff about technology. Something about Nick Land. Hegemony! Platforms! etc.) bringt die verschwiegene Ordnungsgeste der Akzelerationisten doch treffend auf den Punkt: “As Stalin was aware, capitalism cannot be identified as the agent of true acceleration. Similarly, the assessment of left politics as antithetical to technosocial acceleration is also, at least in part, a severe misrepresentation. Indeed, Stalinist communist parties across the Earth worked hard to prevent any improvements in non-communist countries. Successful such preventions were termed accelerating [sometimes translated as “heightening”] the contradictions of capitalism.”

So gesehen riskiert eine vorsichtig ausgedrückt unvorsichtige Politik der auf dem Computer basierenden Akzeleration einen virulenten albtraumartigen Drift, denn man sollte die strukturelle Affinität zwischen Kapital und Technologie, gerade wenn sie als Onto-Techno-Logie konzipiert wird, keineswegs unterschätzen. Der Kollaps der Unterscheidung zwischen sozialen and technologischen Kräften, i.e. seinem revolutionären Potenzial, indem letztere erstere befreien, markiert einen Einbruch in die kapitalistisch (de)codierten Prozesse als solche, wie ihn angeblich die Cyberculture exemplifiziert hat, die eine transzendentale Opposition zwischen Technologie und dem sozio-ökonomischen Feld annimmt.

Akzeleration mag zunächst in Deleuze & Guattaris Insistenz auf der Beschleunigung dieser Prozesse einen Grund finden, wobei die Lücke, die sich angeblich zwischen Maschinen und der Ökonomie auftut, definitiv überschätzt wird, gerade wenn das Dazwischen angeheizt durch Kognition (reason), Affekt und Operation sich im Intermezzo andauernd nur nach vorne realisieren soll. Revolutionäre Transfigurationen des revoltierenden Subjekts sind hingegen orthogonal zu den Relationen der Produktion und technischem Fortschritt zu verstehen; sie drücken sie indirekt aus. Und Computer sind immer auch Kriegsmaschinen, die das kapital und der Staatsapparat für eine gewisse Zeit “vereinnahmt” hat, um den Wunsch zu stratifizieren und zu kontrollieren, die individuelle und soziale Existenz zu fragmentieren. Eine revolutionäre Akzeleration der Lücke zwischen sozialen und technologischen Transformationen muss sich stets der eigenen Blindheit gegenüber den Tiefen und dem Chaos der Transformationen versichern, in das man  gerade navigiert. (In Kapitalisierung  Bd. 3 werden wir eine exakte Bestimmung des Technischen, des Technologischen und der Maschinen vornehmen.)

 Wie spüren bei Deleuze, dass er auf der Lücke, die zwischen technischem Fortschritt, der heute auf dem Computer beruht, und der Kraft des Kapitals, die den Computer axiomatisch für sich programmiert, klafft, zu insistieren versucht. Deleuze und sein Partner Guattari waren durchaus noch optimistisch, was die befreienden Möglichkeiten der computer-aided Modi des Denkens und der Kreation betrifft, die Potenziale und neue Horizonte eröffnet, um die Aktualisierung von bisher undenkbaren oder kaum wahrnehmbaren virtuellen Modi des Existenziellen, der Sichtbarkeiten und Sagbarkeiten, ja der Affekte zu erzielen. Die konsensuelle Theorie der Kommunikation könnte das sicherlei nicht leisten. Kommunikation, schreibt Deleuze, sie sei unbrauchbar, sie sei völlig vom Geld durchdrungen. „Das Wichtige wird vielleicht sein, leere Zwischenräume der Nicht-Kommunikation zu schaffen, störende Unterbrechungen“. Einen neuen Typus von Ereignissen gelte es zu erfinden, „die der Kontrolle entgehen, auch wenn sie klein sind, oder neue Zeit-Räume in die Welt zu bringen, selbst mit kleiner Oberfläche und reduziertem Volumen.“ Und Revolution erscheint nur dann möglich, wenn der Gap zwischen Technologie und sozialen Kräften, zwischen Computer und Macht, der panoptischen Infrastruktur und unserem militarisierten Bewusstsein kollabiert, das heißt eine neue Differenzierung zwischen dem Sozius und dem techno-wissenschaftlichen Fortschritt erfolgt.

Ist eine unifizierte Vision der Akzeleration überhaupt möglich? Vielleicht am ehesten noch als eine völlig fremde und nicht-standardisierte Version, die in keinster Weise auf existierende politische Manifestationen und Technologien bezogen oder auf die Fulguration von zukünftigen Intelligenzen eingestimmt ist. Begreift man die Zukunft als eine irreduzible Voraussetzung für das Denken der Welt und der Geschichte, dann geht es bei dieser Zukunft nicht um die von Esposito oder Derrida inspirierte differenzielle Kalkulation der Differenz zweier Zukünfte oder ihrer möglichen Konsistenzen (die das Kapital bewusstlos selbst betreibt), aber auch nicht um die Konstruktion eines positiven Inhalts (Akzelerationismus), vielmehr bestimmen wir mit Laruelle die Zukunft als vollkommen abgeschlossen gegenüber der Gegenwart und der Vergangenheit, abgeschlossen auch gegenüber dem Platz der Plätze, der Welt, und dies impliziert eine Methode, um eine theoretische Praxis jenseits von imaginären Zuschreibungen zu etablieren. Eine nicht-standardisierte Akzeleration, die sich eher an einer bildlosen Zukunft orientiert. Dieser revolutionäre Traum könnte als eine Gesellschaft ohne Bild charakterisiert werden, wohingegen sich heute die global integrierte kapitalistische Kontrollgesellschaft vehement gegen die Bilderlosigkeit organisiert hat, sie hat eine tiefgreifende Beziehung zwischen sozio-ökonomischer Realität und Bild geschaffen, und selbst noch die kriegerischen Auseinandersetzungen werden heute von einer obsessiven Mobilmachung der Bildmaschinen begleitet. “Die Bilder sind damit nun Teil der Dispositive der Gewalt, die sich als rein versteht.” (Mbembe, schwarze Vernunft: 8)
 

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