Der Staat ist nichts, lasst uns alles sein

Der folgende Text ist eine Übersetzung der Ansprache von Raoul Vaneigem an die griechische antiautoritäre Bewegung während des Direct Democracy Festes in Thessaloniki 2010. Die englischsprachige Fassung findet sich bei Ill Will. https://illwill.com/the-state-is-nothing-lets-be-everything

Übersetzt von: Henri

Es ist kein Zufall, dass Griechenland, wo die Idee der Demokratie geboren wurde, zum Vorreiter im Kampf geworden ist, der gegen die demokratische Korruption geführt werden muss, die überall den Druck noch erhöht, der durch die multilateralen Konzerne und Finanzmafias eingesetzt wird. In Griechenland haben wir die Demonstration eines Widerstands erlebt, der in scharfem Kontrast zur Lethargie des europäischen Proletariats steht, das seit Jahrzehnten schläft, betäubt im Griff des Konsumismus und der Emanzipationsheuchelei.

Erlauben Sie mir, ein paar Banalitäten in Erinnerung zu rufen. Der Konsumismus hat eine Supermarktdemokratie verallgemeinert, in der die Bürger die größtmögliche Wahlfreiheit haben, unter der ausdrücklichen Bedingung, dass sie auf dem Weg nach draußen den Preis dafür bezahlen.

Und wieder einmal hat sich Griechenland in einer guten Position befunden, um dem Wort „Politik“ seine ursprüngliche Bedeutung zurückzugeben: die Kunst, die Stadt zu regieren.

Die alten politischen Ideologien haben ihre Substanz verloren und sind kaum mehr als die Werbebroschüren geworden, mit denen die gewählten Vertreter ihr Publikum und ihre Macht vergrößern. Die Politik, ob sie sich nun links oder rechts nennt, ist nicht mehr als eine anbiedernde Klientelbeziehung, in der die gewählten Vertreter ihre eigenen Interessen vertreten und nicht die der Bürger, die sie eigentlich vertreten sollten.

Die zweite Banalität ist, dass die Staaten der Welt das sich selbst angemaßte Privileg verloren haben, das öffentliche Wohl zu verwalten. Natürlich hat der traditionelle Staat von den Bürgern immer gewaltsam Tribut in Form von Steuern und Abgaben genommen; aber im Gegenzug sorgten sie dann für den ordnungsgemäßen Betrieb der öffentlichen Dienste, des Unterrichts, des Gesundheitswesens, der Post, des Transportwesens, der Arbeitslosenunterstützung und der Renten… Jetzt sind die Staaten der Welt nicht mehr als die Diener der Bankiers und der multinationalen Konzerne. Letztere mussten erkennen, dass die Blase, die durch die irrsinnigen Geldmengen entstanden ist, die in Finanzspekulationen statt in die Entwicklung vorrangiger Industrien und gesellschaftlich nützlicher Sektoren investiert wurden, zum Platzen verurteilt ist – mit einem finanziellen Crash. Wir sind den Managern dieses Bankrotts zum Opfer gefallen, die gierig die letzten kurzfristigen Profite herauskratzen, indem sie die Bürger super-ausbeuten, die eingeladen sind, die bodenlose Lücke eines durch Bankenveruntreuung entstandenen Defizits zu füllen, zum Preis eines immer prekäreren Lebens.

Der Staat ist nicht nur nicht mehr in der Lage seine Verpflichtungen aus dem Gesellschaftsvertrag zu erfüllen, er frisst auch die Budgets für öffentliche Dienstleistungen auf und streicht alles, was sogar sein eigenes Überleben garantierte, anstatt einfach jedem ein richtiges Leben zu ermöglichen. Und das alles im Namen des gigantischen Schwindels, der „Staatsverschuldung“ getauft wurde.

Der Staat hat nur noch eine Funktion: polizeiliche Repression

Sein einziger Schutz ist die Verbreitung von Angst und Verzweiflung. Und er sorgt für diese Verbreitung ziemlich effektiv, indem er einer apokalyptischen Sichtweise der Welt Gewicht verleiht. Er verbreitet das Gerücht, dass morgen alles noch schlimmer sein wird als heute. Dem Staat zufolge bedeutet gutes Benehmen Konsumismus – beeil dich und gib aus, bevor du bankrott gehst; versuche von allem zu profitieren, was profitabel gemacht werden kann; selbst wenn es bedeutet deine eigene Existenz und den ganzen Planeten selbst zu opfern, um die verallgemeinerte Abzocke am Laufen zu halten.

Nihilismus ist die wahre Philosophie des Geschäfts. Wenn Geld alles ist was zählt, verschwinden alle Werte außer dem Warenwert. Wir haben zugesehen, wie der Konsumismus alle vermeintlich ewigen „Wahrheiten“ der Vergangenheit unterminiert hat: Die väterliche Autorität, die patriarchalische Macht, die Religionen, die Ideologien, das Ansehen von Armee und Polizei, der Respekt vor den Bossen, die Heiligkeit des Opfers, die Tugend der harten Arbeit, die Verachtung von Frauen, Kindern und der Natur… Aber gleichzeitig hat er das Bewusstsein getötet, das wir heute von den Toten zurückführen müssen, indem wir uns an den wahrhaft menschlichen Werten orientieren, die so oft im Zentrum von Aufständen, Revolten und Revolutionen standen.

Wir wissen, dass sich jetzt eine neue Allianz mit dem bildet, was die Natur uns kostenlos anbietet, eine Allianz, die der begehrlichen Ausbeutung der Erde und des Menschen ein Ende setzen wird. Es wird an uns liegen diese freien Energien, für die er uns so hohe Preise zahlen lassen will, aus dem aggressiven Griff des Kapitalismus zu retten, der nach neuen Profiten sucht. In diesem Sinne ist unsere Epoche, die gegenwärtig nicht durch eine Wirtschaftskrise, sondern durch eine Krise der Ausbeutungsökonomie gestört wird, auch der richtige Moment für die Menschen, um wirklich menschlich zu werden. Und Mensch werden bedeutet sich zu weigern ein Sklave von Arbeit und Macht zu sein und unser Recht zu bejahen, unser eigenes Schicksal und Situationen zu schaffen, die das Wohlergehen aller begünstigen.

Der Verlauf der Ereignisse, die sich derzeit entfalten, könnte die Dringlichkeit, mit der einige Fragen jetzt gestellt werden, noch verstärken. Ich werde davon absehen irgendwelche Antworten zu geben, da es allzu abstrakt wäre dies außerhalb der praktischen Bedingungen und Gemeinschaften zu tun, in denen diese Fragen aufgeworfen werden – und Abstraktion, als eine Art des Denkens, das vom wirklichen Leben abgeschnitten ist, bringt immer nur die alten Ungeheuer der Macht hervor. Ich begnüge mich damit ein wenig Licht auf diese Fragen zu werfen.

1. Was sind wir bereit zu tun, um das Versagen eines Staates zu kompensieren, der nicht nur den Bürgern nicht mehr dient, sondern ihr Blut aussaugt, um die Krake des internationalen Bankwesens zu füttern?

Wir haben es mit Kräften der Trägheit zu tun. Familiäre, soziale, politische, wirtschaftliche, religiöse und ideologische Traditionen haben die freiwillige Knechtschaft, die La Boétie schon vor langer Zeit anprangerte, von einer Generation zur nächsten immer weiter fortgeschrieben. Andererseits können wir versuchen, aus dem Schock, den der Zusammenbruch des Systems und die Auflösung des Staates verursacht haben, das Beste zu machen und die Versuchung zu nutzen, über die kleingeistigen Beschränkungen der Ware hinauszuschauen. Eine Umkehrung der Perspektive ist zu erwarten. Abgesehen von der eventuellen Plünderung der Supermärkte, die die beschleunigte Verarmung, die jetzt im Gange ist, wahrscheinlich nach sich ziehen wird, werden viele von Ausgrenzung bedrohte Konsument*innen nicht umhin kommen zu bemerken, dass Überleben nicht Leben ist, dass es sich nicht lohnt eine Existenz einzutauschen, in der die Entdeckung der uns von der Natur geschenkten Energien und Güter mit den Attraktionen der Begierde nach einer Anhäufung von verfälschten, nutzlosen Produkten harmoniert. Dieses Leben ist hier und jetzt und es bittet nur darum aufgebaut und vermehrt zu werden, in den Händen der großen Mehrheit der Menschen.

Hören wir auf uns über die gescheiterten Emanzipationsversuche zu beklagen, die unsere Geschichte durchziehen, nicht um unsere gelegentlichen Erfolge zu feiern – denn der Begriff „Erfolg und Niederlage“ hat einen üblen Beigeschmack von Warenbeschränkung, Taktik und Strategie und räuberischer Konkurrenz -, sondern um den Erfahrungen Auftrieb zu geben, die in Freude und Kühnheit auftauchen und darauf warten, dass wir sie durch die Umsetzung eines Projekts der Selbstorganisation und der Versammlungen in direkter Demokratie weiterführen.

Die zapatistischen Kollektive in Chiapas sind heute vielleicht die einzigen Gruppen, die wirklich direkte Demokratie anwenden.

Die Vergemeinschaftung des Landes beseitigt die Konflikte, die mit seiner privaten Aneignung verbunden sind, von vornherein. Jeder hat das Recht an den Versammlungen teilzunehmen, das Wort zu ergreifen und zu sagen, was er*sie will, auch Kinder. Es gibt keine mehrheitsgewählten Vertreter im eigentlichen Sinne. Personen, die sich für bestimmte Bereiche interessieren (Unterricht, Gesundheitswesen, mechanische Arbeit, Kaffee, Organisation von Festen, ökologische Landwirtschaftsstile, Außenbeziehungen usw.), erhalten einfach die Möglichkeit, für eine begrenzte Zeit Funktionäre des Kollektivs zu werden. Sie treten dann in einen „Good-Governance-Rat“ ein und berichten regelmäßig über ihre Aufgabe, und zwar für die Dauer ihres Mandats. Die Frauen, die anfangs aufgrund der patriarchalen Sitten der Maya skeptisch waren, haben nun eine herausragende Rolle in den „good governance councils“. Die Zapatisten haben einen Slogan, der ihre Absicht eine menschlichere Gesellschaft zu errichten definiert und der die Notwendigkeit ständiger Wachsamkeit betont: „Wir sind kein Beispiel, sondern ein Experiment“.

2. Das Geld wird nicht nur immer mehr entwertet, es ist auf dem Weg zu verschwinden. Während der spanischen Revolution haben die Gemeinden in Andalusien, Aragonien und Katalonien ein Verteilungssystem eingeführt, das keine Währung verwendet (obwohl einige andere die Peseta weiter benutzten und andere neue, eigene Währungen erfanden, die alle recht gut miteinander funktionierten). Heute ist es an uns Wege zu erforschen, wie wir Beziehungen der Ausbeutung, in denen der kommerzielle Handel mit Dingen den kommerziellen Handel mit Menschen bestimmt, durch menschliche Beziehungen ersetzen können, die auf Gabe statt auf Tausch basieren.

Wir sind zu Sklaven der ökonomischen Operationen geworden, deren Etablierung die Geburtsurkunde der Warenzivilisation unterschrieben hat, die individuelle und soziale Verhaltensweisen verändert und eine permanente Verschmelzung von Komfort und Denaturierung, Fortschritt und Rückschritt, menschlichen Bestrebungen und Barbarei herbeiführt.

Gewiss, der konkrete und virtuelle Modus des Finanzwesens stellt heute noch ein kohärentes System dar – eine absurde Kohärenz natürlich, aber eine, die in der Lage ist das Verhalten der Menschen weiterhin zu steuern. Andererseits, denken Sie daran was passieren könnte, wenn der Finanzcrash dem Geld seinen Wert und Nutzen nimmt!

Diejenigen, die sich weigern, sich von ihm tyrannisieren zu lassen, werden sein Verschwinden zweifellos als eine Art Befreiung begrüßen. Der Fetischismus des Geldes ist jedoch so tief in unserer Moral verankert, dass viele Menschen, noch immer unter sein tausendjähriges Joch gezwungen, auf eine erratische Gefühlsverwirrung stoßen werden, wo das Gesetz des sozialen Dschungels herrscht, wo blinde Gewalt auf der Suche nach Sündenböcken und der Kampf aller gegen alle wütet.

Wir dürfen die Tentakeln der Krake, eingeengt in ihre letzten Verschanzungen, nicht vernachlässigen, denn der Zusammenbruch des Geldes bedeutet nicht das Ende von Raub, Macht und der Aneignung von Dingen und Wesen. Wenn das Chaos, das für den Staat und die mafiösen Organisationen so profitabel ist, verschärft wird, verbreitet es einen Virus der Selbstzerstörung, mit dem wieder aufkeimende Nationalismen, völkermörderische Eruptionen, religiöse Auseinandersetzungen und das Wiederaufleben der faschistischen, bolschewistischen oder fundamentalistischen Pest die Gemüter vergiften können, wenn die sensible Intelligenz der Lebewesen nicht die Frage nach dem Glück und der Freude am Leben wieder in den Mittelpunkt stellt.

Es gab schon immer eine Art Faszination für die Verkommenheit, die sich nach anfänglichem Zögern ihren heimlichen Weg bahnt und erwartet, dass sie, wenn sie alle Bevölkerungsschichten für sich gewinnt, Straffreiheit und Legitimität für eine banalisierte Barbarei garantiert (der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland hat recht gut gezeigt, wie sich ein abstrakter Humanismus schließlich in eine Explosion der totalen Grausamkeit verwandeln kann).

Andererseits muss die Unmenschlichkeit der Vergangenheit nicht die Erinnerung an das verdunkeln, was das Radikalste an den großen Emanzipationsbewegungen war: der Wunsch, den entfremdeten Menschen zu befreien und in ihm die wahre Menschlichkeit entstehen zu lassen, die in jeder Generation wieder auftaucht.

Die kommende Gesellschaft hat keine andere Wahl als die Projekte der Selbstorganisation der Geschichte wieder aufzugreifen und weiterzuentwickeln, die, von der Pariser Kommune bis zu den anarchistischen Kollektiven des revolutionären Spaniens, ihr Streben nach Harmonie in der Autonomie der Individuen verwurzelten, wobei das Glück aller in Solidarität mit dem Glück eines jeden steht.

Der Bankrott des Staates wird die lokalen Gemeinschaften dazu zwingen sich für das Gemeinwohl auf eine Weise zu organisieren, die den vitalen Interessen der Individuen besser entspricht. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass es ohne Konflikte möglich sein wird, Territorien aus dem Griff der Ware zu befreien und Zonen einzurichten, in denen die Menschenrechte die Rechte des Kommerzes und des Profits auslöschen. Wie können wir die Enklaven der freien Teilhabe schützen, die wir innerhalb einer abgeschotteten, überwachten Welt zu errichten versuchen, die von einem universellen System der Ausbeutung und Gier kontrolliert wird?

Aus dieser Perspektive erscheint eine Frage, die von einem persischen Freund von mir aufgeworfen wurde, besonders bedeutsam. Angesichts der repressiven Gewalt der islamistischen Diktatur im Iran brachte er die Probleme einer Opposition zur Sprache, die sich gleichzeitig ihrer zahlenmäßigen Stärke und ihrer tragischen Ohnmacht gegenüber den brutalen Angriffen der Armee, der Polizei und der „Revolutionsgarden“ bewusst wurde, jener Banden paramilitärischer Schläger, deren religiöse Macht ihre Gewalttaten legitimiert. Die folgenden Gedanken wurden auf seine Bitte hin geschrieben.

Weder Krieger noch Märtyrer

„Wenn du einen Marathon laufen kannst, kannst du sicher auch einen Häuserblock gehen „[1] ist ein passender Grundsatz für die Art des Denkens, die fordert, dass Maßnahmen ergriffen werden, ob gewaltsam oder gewaltlos, um sich der Unterdrückung durch einen Staat, eine Partei, eine Klasse, eine Mafiaorganisation, eine Religion oder eine Ideologie zu widersetzen, wo immer diese die Existenz- und Ausdrucksfreiheit von Individuen behindert. Indem wir das Problem dort untersuchen, wo diese Unterdrückung am grausamsten, am erbarmungslosesten ist, können wir die Konsequenzen für Länder ziehen, deren demokratischer Formalismus die Auswüchse ihrer Barbarei begrenzt. Die Unterdrückungsbedingungen unterscheiden sich natürlich stark zwischen den einzelnen Ländern, wie Iran, Saudi-Arabien, Algerien, Frankreich, Italien, Russland, China, den USA oder Kolumbien…

Dieses Thema zu betrachten und dabei die Beispiele Iran, Nordkorea oder Burma vor Augen zu haben, scheint mir für Antworten förderlich zu sein, die für andere Länder, die weniger an die Anwendung von Grausamkeiten gewöhnt sind, angemessen wären.

Bis heute stehen wir vor zwei Alternativen: Entweder sind diejenigen, die eine Entscheidung getroffen haben der repressiven Gewalt ein Ende zu setzen auf dem Rasen des Feindes gelandet und haben sich selbst an dessen Stelle gesetzt, indem sie gegen ihre Feinde eine Gewalt anwenden, die von der gleichen Art ist, aber in die entgegengesetzte Richtung geht – oder die Opposition gegen die Tyrannei hat auf den passiven Widerstand zurückgegriffen, basierend auf dem Pazifismus, den Gandhi mit so unbestreitbarem Erfolg predigte.

Nichtsdestotrotz, obwohl der Gandhismus über die englische Besatzung triumphierte, hatte er es mit einem Gegner zu tun, der, so unbarmherzig er auch war, überrumpelt wurde und seine Reaktionsfähigkeit durch seinen eigenen philanthropischen Formalismus, seine Restethik und seine Deontologie des Krieges gelähmt sah, die alle dazu tendierten, das Massaker an einer feindlichen, aber unbewaffneten Bevölkerung zu verurteilen.

Trotz ihrer Heuchelei fühlte sich eine Art militärisches Fairplay durch die taktische Entscheidung, die Rebellenbewegung ohne Verzögerung im Keim zu ersticken, in die Enge getrieben. Es ist bekannt, dass die diplomatische Klugheit von Lord Mountbatten nicht ganz versagt hat, um den Sieg der Volksforderungen zu unterstützen. Aber als der Gandhismus benutzt wurde, um Machtstrukturen mit weniger ethischen Bedenken anzugreifen, wie das Apartheid-Regime in Südafrika, erwies er sich als unwirksam. Die burmesische Junta zögerte ebenfalls nicht, friedlich demonstrierende oppositionelle Menschenmengen mit Maschinengewehren niederzuschießen. Der Iran folgt einer ähnlichen Logik der Unterdrückung.

Ein bewaffneter Triumph führt immer zu einer bitteren menschlichen Niederlage

Welche Antwort schlägt der Guerillakrieg vor? Jedes Mal, wenn er gewonnen hat, war es zum Schlechten.

Der grundlegende Fehler des bewaffneten Kampfes besteht darin, militärischen Zielen den Vorrang vor der Schaffung eines besseren Lebens für alle zu geben. In das Terrain des Feindes vorzudringen, um es zu zerstören, heißt den Willen zum Leben für den Willen zur Macht zu verraten. Die Kommunarden kamen in den Besitz einiger Kanonen, aber sie vernachlässigten das Geld in der Bank von Frankreich und den Nutzen, den sie daraus hätten ziehen können, so dass sie am Ende von den Truppen aus Versailles übertrumpft wurden. Es ist bekannt wie der militarisierte Bolschewismus die ersten Sowjets, die Kronstädter Matrosen, die Makhnowisten und später die spanischen anarchistischen Kollektive zerschlug, alles im Namen der Revolution. Relativ gesehen waren es dieselbe sogenannte kommunistische Partei und der stalinistische Geist, die am Ende die Substanz der Mai-68-Bewegung aushöhlten (und hier geht es nicht um den Guerillakampf, sondern um die deprimierende Hartnäckigkeit der Idee der Macht, die am Ende den aufständischen Aufstand pervertierte).

Muss noch jemand daran erinnert werden, dass überall dort, wo der Guerillakrieg triumphierte – ob in Maos China, Vietnam, Kambodscha oder in Kuba – die bewaffnete Ideologie am Ende die ideologischen Armeen bildete, die die Freiheit zerschlugen, während sie behaupteten für sie zu kämpfen? Die widerwärtige Parole „Macht wächst aus dem Gewehrlauf“ zielt vor allem auf diejenigen, die sich gegen jede Form von Autorität wehren. Sie hat weniger Opfer unter den Konterrevolutionären als unter den eigentlichen Revolutionären, den Feinden der Tyrannei, gefunden.

Wir wollen andererseits auch nicht mehr, was in Frankenhausen geschah, wo 1535 die aufständischen deutschen Bauern auf jeden Widerstand verzichteten und sich vom fürstlichen Heer massakrieren ließen, weil sie auf Gottes Hilfe rechneten; sie hatten die Worte von Bussy-Rabutin vergessen, der sagte, dass „Gott immer auf der Seite der größten Bataillone marschiert.“ Und ein jüngeres Beispiel: Am 22. Dezember 1997 wurden in Acteal, einer kleinen Stadt in Mexiko, fünfundvierzig Menschen, meist Frauen und Kinder, von indianischen Paramilitärs in einer Kirche, in der sie beteten, massakriert. Sie gehörten zur Bewegung der Abejas (Bienen), einer Gruppe von pazifistischen Christen, die zwar eng mit den Zapatisten verbunden sind, aber absolute Gewaltlosigkeit fordern. Der Grund für diese Grausamkeit war, dass die Abejas sich auf Land niedergelassen hatten, das von anderen Indios begehrt wurde, die Mitglieder jener Partei der Korruption sind, die sich Institutionelle Revolutionäre Partei (PRI) nennt.

Abgesehen von dem Abscheu, den solche Grausamkeiten hervorrufen, können wir wirklich gegen die Folterer protestieren, ohne auch die christliche Neigung zum Märtyrertum und zur Entsagung zu belasten, die den Feiglingen einen solchen Nervenkitzel gibt und den Schwächsten eine solch arrogante Grausamkeit beschert? Der schlimmste Feigling weiß, dass es überhaupt kein Risiko gibt, wenn seine Opfer sich nicht wehren und sogar ihren Hals dem Messer entgegenstrecken.

Wir müssen aufmerksamer auf die Aspekte unseres Verhaltens achten, die als Einladung dienen und sie zum Angriff anstacheln, denn – auch ohne uns dessen bewusst zu sein – haben wir dem Feind nur allzu oft die Tür geöffnet.

Wie erreichen unsere Widersacher ihre Ziele? Meistens, indem sie uns den absurden Glauben einflößen, dass sie allmächtig sind. Sie stimulieren den Angstreflex, der den Glauben an die Unbesiegbarkeit der alten Welt aufbaut, während sie in Wirklichkeit überall zerbröckelt. Die verhängnisvollen Auswirkungen eines solchen Dogmas führen nicht nur zu Resignation und Fatalismus bei den Massen, sondern auch zu jenem verzweifelten Mut, der die Menschen zu Angriffen antreibt, mit dem Gefühl, in einem ebenso ruhmreichen wie vergeblichen Kampf in den Tod zu gehen.

Aber was können diese Angriffe gegen das gesamte repressive Arsenal ausrichten, dessen Raffinesse seine Fähigkeit zu blitzschnellen und unaufhaltsamen Gegenangriffen zu suggerieren scheint? Die allgegenwärtige technologische Überwachung konnte die Zerstörung der Türme in New York mit groben, hausgemachten Mitteln nicht verhindern. Ebenso wurde vor langer Zeit die „unbesiegbare“ Maginot-Linie durch eine deutsche Offensive, die sie schlichtweg ignorierte, lächerlich gemacht.

Wenn die Überwachungsnetze solche gähnenden Lücken im Kampf gegen permanent bedrohliche zerstörerische Kräfte haben, wie sollen sie dann gegen Aktionen wirksam sein, die nicht auf ihre Vernichtung abzielen, sondern nur eine radikal andere Gesellschaft schaffen wollen, die das aufgemotzte Gespenst von Kalaschnikows und Atomraketen obsolet und erbärmlich machen würde?

Die Frage bleibt: Was tun wir, wenn wir uns weigern wollen, wehrlos gegen die Waffen der Unterdrückung zu sein, und uns gleichzeitig weigern, gegen die herrschenden Mächte dieselben Waffen einzusetzen, die sie gegen uns einsetzen?

Die Diskussion ist offen. Ich habe keine zwingende Antwort vorzuschlagen. Ich möchte die Debatte nur durch einige Bemerkungen klären.

Der beste Schutz ist, das Terrain nicht zu betreten, auf dem der Feind uns vermutet und erwartet. Er kennt alle winzigsten Winkel des Territoriums, das durch die Ware und die von ihr aufgezwungenen Verhaltensweisen (Raubbau, Konkurrenz, Autoritarismus, Angst, Schuld, Geldfetischismus, Gier, Anbiederung) begrenzt ist. Auf der anderen Seite weiß er aber nichts über das Leben und seine unzähligen kreativen Ressourcen.

Eine erste Vorsichtsmaßnahme wäre also, aus unseren Gruppen und Versammlungen alle Formen und Spuren von Macht und autoritärer Organisation auszurotten. Die Praxis der individuellen Autonomie ist eine Voraussetzung für kooperative Selbstorganisation. Das ist es, woran die VOCAL-Bewegung in Oaxaca arbeitet, mit ihren Basisversammlungen, die ihre Entscheidungen an ihre Delegierten weitergeben, und die jede Einmischung von Parteien, Gewerkschaften, politischen Fraktionen und anbiedernden Demagogen ablehnen.

Wahrer Zusammenhalt kann nur auf der Grundlage eines Projekts des individuellen und sozialen Lebens entstehen. Die Zukunft wird den lokalen Gemeinschaften gehören, die fähig sind, global zu denken, d.h. denjenigen, die sich auf ihren radikalen Ansatz und ihre breite Verbreitung stützen, um die Grundlagen für eine Internationale Union der Menschheit zu schaffen. Nur so können die Fallen des Kommunitarismus, jenes Produkts des staatlichen Jakobinismus, vermieden werden.

Die Idee der Nachbarschaftskomitees, die in Oaxaca Fuß gefasst hat, verdient eine Untersuchung als möglicher Weg. Mexiko ist nicht der Iran, bei weitem nicht, aber es fehlen die Bedingungen, die wir in Europa haben. In Oaxaca töten die Paramilitärs Menschen mit dem Segen eines despotischen Gouverneurs. Er braucht Wortführer, in denen er die Keime der Korruption findet, die der Macht innewohnen, wie auch immer sie aussehen mögen. Er braucht Parteien, Gewerkschaften, Fraktionen. Die findet er leicht. Und mit ihnen fühlt er sich wieder auf vertrautem Terrain und kann sie zermalmen oder mit ihnen verhandeln, je nachdem, wie es gerade passt.

Auf der anderen Seite haben die Nachbarschaftskomitees, indem sie die Dinge und Wesen an der Wurzel packen, keine andere Agenda als die Interessen der lokalen Bevölkerung zu verteidigen; was also im Interesse einiger weniger unternommen wird, kommt auch den vielen zugute (das ist, wieder einmal das Prinzip, dass das Lokale untrennbar mit dem Globalen verbunden ist). Die Nachbarschaftskomitees sind keine bewaffnete Bedrohung; also sind sie keine Gefahr, die die Macht identifizieren kann. Sie bilden ein schlecht identifizierbares Terrain, das sich mit Dingen wie Lebensmittel-, Wasser- und Energieversorgung beschäftigt. Daraus entwickelt sich eine Art von Solidarität, die, indem sie um scheinbar harmlose Themen operiert, Mentalitäten verändert und sie für Bewusstsein und Erfindungsreichtum öffnet. Und so beginnt die Praxis der Gleichberechtigung von Mann und Frau, des Rechts auf Glück, der Verbesserung des Alltags und der Umwelt ihren abstrakten Charakter zu verlieren und das Verhalten zu verändern. Die Behandlung der Fragen, die der Alltag aufwirft, als erste Priorität, macht allmählich die Probleme obsolet, die traditionell von Ideologen, Religionen und der alten Politik aufgeworfen wurden – der Politik der alten Welt. Und so kommen wir zurück zur traditionellen Bedeutung des Wortes „Politik“: die Kunst, die Stadt zu verwalten, den sozialen und psychologischen Raum zu verbessern, in dem eine Bevölkerung nach ihren Wünschen leben möchte.

Wir haben alles zu gewinnen, wenn wir das System angreifen und nicht die Menschen, die gleichzeitig seine Manager und seine Sklaven geworden sind. Sich der emotionalen Plage, der Rache, den druckentlastenden Explosionen hinzugeben, bedeutet, sich an der blinden Gewalt und dem Chaos zu beteiligen, die der Staat und seine Repressionsorgane brauchen, um weiter zu existieren. Ich unterschätze nicht die wütende Erleichterung, die ein Mob empfindet, wenn er eine Bank niederbrennt oder einen Supermarkt plündert. Aber wir wissen, dass die Transgression eigentlich nur eine Art Hommage an das Verbot ist; sie liefert Sicherheitsventile für die Unterdrückung – sie zerstört sie nicht wirklich, sie stellt sie nur wieder her. Unterdrückung braucht blinde Revolten.

Andererseits sehe ich keine effektivere Möglichkeit, die Zerstörung des Warensystems voranzutreiben, als die Idee und Praxis der Freeness zu propagieren (das wird hier und da schon zaghaft skizziert mit der Sabotage von Parkuhren, zum großen Missfallen der Konzerne, die uns unseren Raum und unsere Zeit rauben wollen).

Sind wir so phantasielos, so unkreativ, dass wir nicht in der Lage sind, die Zwänge zu beseitigen, die uns der Staat und die privaten Lobbyisten auferlegen? Welches Mittel hätten sie wirklich gegen eine große kollektive Bewegung, die einfach den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr ausrufen könnte, sich weigern würde, Steuern und Bußgelder an den Raubritterstaat zu zahlen, und sie stattdessen zum Nutzen aller investieren könnte, indem sie regionale Gebiete mit Anlagen für erneuerbare Energien versorgt und die Qualität der Gesundheitsversorgung, des Unterrichts, der Ernährung und des Umweltschutzes wiederherstellt? Müsste eine selbstorganisierte Gesellschaft nicht auf der Wiederherstellung einer echten Politik der Nähe beruhen? Warum sollte man nicht statt all der Streiks der Bahn-, Bus- und U-Bahn-Beschäftigten, die die Bürger am Verkehr hindern, diese umsonst fahren lassen? Das würde vier Fliegen mit einer Klappe schlagen: Es würde die Rentabilität der Verkehrsunternehmen schädigen, die Profite der Öllobbys schmälern, die bürokratische Kontrolle über die Gewerkschaften brechen, und vor allem würde es massive Unterstützung und Solidarität von den Nutzern hervorrufen.

Wir sind in falsche Probleme verwickelt, die die wirklichen verbergen. Politische Ansichten – die immer manipuliert werden können – manipulieren in Wirklichkeit selbst das, was die Grundlage für individuelle Aktivität sein sollte: die zufällige Laune der alltäglichen Wünsche, zu welchen Erfahrungen sie uns drängen, und ihre Mittel, alles zu zerschlagen, was sie fesselt. Was nützen all die politischen Reden, die es vermeiden über die Krise zu sprechen, aus der wir herauskommen müssen, indem wir uns nicht von ihr abwenden, im Vergleich zu der Verzweiflung, ständig arbeiten gehen zu müssen, vom Konsumieren gelangweilt zu werden, unsere Leidenschaften aufzugeben, einfach immer mehr zu besitzen, alle Freuden des einfachen Seins zu Gunsten des Habens zu verlieren, das ohnehin zusammenbrechen soll?

Zusammen mit seinen Varianten der aufgezwungenen Emanzipation (Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus) haben der Konsumismus und der Klientelismus der so genannten demokratischen Regime das Klassenbewusstsein geschrumpft, das einst die sozialen Errungenschaften des Kapitalismus erkämpfte. Wir wurden von abstrakten Ideen durch Blut und Schlamm geschleift. Die Sache des Volkes ist ihnen auf den Kopf gefallen und hat ihnen das Rückgrat gebrochen.

Die Rückkehr zur Basis, den gewöhnlichen Menschen- das ist der einzige radikale Ansatz. Er beseitigt das falsche Themengerangel, das das emotionale Chaos zum Nachteil der Bewusstseinsbildung nährt. In dieser Hinsicht zeigt die „islamische Schleierdebatte“ die Wirkungsweise der spektakulären Funktion, die unser Recht auf ein authentisches Leben rekuperiert und verfälscht. Die Polemik, in der Rechtfertigungen und Flüche, Puritanismus und Laxheit, Unterdrückung und Freiheit, Verbot und Übertretung hin- und hergeschoben werden, verdeckt eine gelebte Realität: die den Frauen auferlegten Bedingungen. Das Spektakel beschert uns eine ganze Menge Brot und Spiele mit endlosen Debatten über einen kleinen Modeschmuck: Symbol der freiwilligen Knechtschaft; bewusste Provokation; folkloristische Manifestation; Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft; religiöse Entscheidung; Reaktion auf die in der Werbung gezeigte Verachtung von Frauen; erotische Anspielung versteckter Reize; Allianz zwischen Flirten und Anstand; Ausdruck einer gewissen Heiligkeit; ein bequemes Mittel um sexuelle Belästigung durch Männer zu verhindern, die von der patriarchalen Tradition ermächtigt sind, sich mit den geifernden Blicken der Frustration zu vergnügen.

Aber der wirkliche Kampf findet nicht dort statt – er findet an der Basis statt, in der gemeinsamen Emanzipation von Männern und Frauen; er findet in der Ablehnung von Apartheid, von Ausgrenzung, von frauenfeindlichem und homophobem Verhalten statt. Genug der falschen Debatten, genug der Ideologien! In meinem Buch „Nichts ist heilig, alles kann gesagt werden“ habe ich das Prinzip verteidigt: Toleranz für alle Ideen, Intoleranz für alle barbarischen Handlungen. Unser einziges Kriterium muss der menschliche Fortschritt sein, das großzügige Verhalten, die Bereicherung des täglichen Lebens.

Das Recht auf Leben garantiert unsere Legitimität

Die Macht spielt mit den Emotionen der Menschen. Die irrationale Angst, die sie überall verbreitet, ist eine Quelle blinder Gewalt, von der sie vorzüglich profitiert. Der Vorteil, den lokale Gemeinschaften haben, die über ihr eigenes Schicksal entscheiden wollen, besteht darin, dass ihre Praxis, indem sie dem Aufbau eines authentisch menschlichen Lebens Priorität einräumt, die Transzendenz roher Emotionen impliziert und ein poetisches Bewusstsein weckt.

So wie der Boykott von gepanschten Produkten der petrochemischen und landwirtschaftlichen Mafia ohne Zugang zu qualitativ hochwertigen Lebensmitteln wirkungslos wird, so wird der Wille zur Abschaffung des Konsumismus, in dem das Haben das Sein verdrängt, nicht so sehr einer ethischen Anweisung folgen als vielmehr dem Reiz eines freien Lebens.

Die Waffen des Feindes zu ergreifen, bedeutet eine vorhersehbare Niederlage; aber der umgekehrte Weg führt ebenso sicher zu einer anderen Art von offensichtlicher Tatsache: Je mehr das Gefühl, dass das Leben und die menschliche Solidarität das einzig mögliche Triebmittel für eine Existenz sind, die diesen Namen verdient, desto mehr werden Unbehagen und Unsicherheit die Entschlossenheit und den Fanatismus untergraben, die die Söldner der Partei der Korruption und des Todes antreiben.

Viele haben von der Unsicherheit gesprochen, die an einer wachsenden Zahl von autorisierten Mördern nagt, sei es die iranische „Revolutionsgarde“, die von der Hamas rekrutierten Schläger, die israelischen Soldaten, deren Barbarei im Gazastreifen angeprangert wurde, die Attentäter im Nord- und Südsudan, die somalischen Plünderer usw. Diese Beobachtung ist kein taktisches Argument und fällt nicht in irgendeine militärische Perspektive, aus der heraus man, vielleicht etwas oberflächlich unterstellen könnte, dass der Feind sich sein eigenes Grab schaufelt. Es geht nur um eine Wahrscheinlichkeit: dass wir einen herannahenden Finanzcrash erleben, der alle Währungen vernichten wird, und dass auf dieselbe Weise eine Entwertung droht, die die selbstmörderische Entschlossenheit bedroht, auf die die Bürokraten des Verbrechens, die Mafias der profitablen Barbarei, zählen, um mehr Truppen anzuwerben (d.h., wenn die alten religiösen oder ideologischen Vorwände an Glaubwürdigkeit verlieren und die Fanatiker zu zweifeln beginnen, dass sie von irgendeinem mörderischen Gott unterstützt werden).

In diesem Sinne schließe ich mich der Verbreitung einer Lebensreaktion an, die in der Lage ist, die von der Ausbeutungswirtschaft und ihrer mafiösen Bürokratie verödeten und sterilisierten Territorien zu befruchten. Unsere reiche Kreativität hat es in sich, das Geheimnis der Organisation von Räumen und Zeiten im sozialen und individuellen Leben zu entdecken, das endlich von der Unterdrückung durch die Ware befreit ist. Nur die Poesie kann dem stählernen Blick der Macht entkommen. Nur die Leidenschaft für das Leben kann den Tod zurückdrängen.

Zwei Anmerkungen zur Selbstverteidigung

  1. Die Zapatistische Nationale Befreiungsarmee (EZLN) besteht aus einigen tausend Kämpfern im mexikanischen Dschungel. Die Frauen haben in Versammlungen der direkten Demokratie vorgeschlagen und durchgesetzt, dass sie nicht offensiv eingreift, sondern sich auf eine defensive Rolle beschränkt. Als jedoch paramilitärische Gruppen die zapatistischen Dörfer bedrohten, hielt sich die EZLN heraus; stattdessen errichteten die „Räte der guten Regierung“ einen menschlichen Ring um das Dorf, gebildet aus Hunderten von Partisanen und Sympathisanten, die von überall her herbeiströmten. Die Journalisten und Fernsehkameraleute berichteten über das Ereignis und nutzten das Spektakel, um die ganze Welt über das Geschehen zu informieren. Das reichte, um die Angreifer zurückzuschlagen.
  2. In einer Geschichte aus Indien gingen die Dorfbewohner zu einem weisen Mann, um sich über die Grausamkeit einer Riesenschlange zu beschweren, die sie biss und tötete. Das rasselnde Geräusch, das sie machte, wenn sie sich näherte, reichte aus, um Terror im ganzen Dorf zu verbreiten. Der weise Mann ging hin und fand die Schlange und schaffte es sie zu überzeugen, die Dorfbewohner in Ruhe zu lassen. Doch dann machten sich die Dorfbewohner sofort daran die friedlich gewordene Schlange zu verspotten, sich über ihre Schwäche lustig zu machen und sie heiter zu provozieren; ihrer Verhöhnung überdrüssig, schlängelte sich die Schlange zu dem weisen Mann hinüber und gestand ihm ihre Verwirrung: Wie soll ich darauf reagieren? Der weise Mann dachte darüber nach und sagte: „Ich habe dir gesagt, dass du sie nicht beißen sollst, aber niemand hat gesagt, dass du nicht mehr nach ihnen rasseln darfst.“

Ansprache an die griechischen Revolutionäre

Genoss*innen – ich habe nie daran verzweifelt die Revolution der Selbstorganisation als eine Revolution des täglichen Lebens zu sehen. Jetzt erst recht nicht.

Ich bin fest davon überzeugt, dass mit dem Gang auf die Barrikaden des Widerstands und der Selbstverteidigung die lebendigen Kräfte der ganzen Welt aus einem langen Schlaf erwachen. Ihre unwiderstehliche, friedliche Offensive wird jedes Hindernis niederreißen, das gegen den immensen Lebenswillen errichtet wird, der die unzähligen Wesen, die jeden Tag geboren und wiedergeboren werden, nährt. Die kreative Gewalt der Wachstumsschmerzen einer neuen Welt wird die zerstörerische Gewalt der selbstmörderischen alten Welt verdrängen.

Bis heute waren wir kaum mehr als hybride Wesen, halb Mensch, halb wilde Bestie. Unsere Gesellschaften waren riesige Lagerhäuser, in denen Menschen, die auf den Status einer Ware reduziert und als gleichermaßen wertvoll und abscheulich betrachtet wurden, als universell austauschbar behandelt und zur Unterwerfung geprügelt wurden. Wir leiten jetzt eine neue Ära ein, in der die Menschheit sich ihrer Bestimmung als Schöpfer und Denker stellt und etwas wird, was sie noch nie war: ein vollwertiges menschliches Wesen.

Ich bitte nicht um etwas Unmögliches. Ich bitte um gar nichts, um ehrlich zu sein. Ich habe kein Bedürfnis nach Hoffnung oder Verzweiflung. Ich wünsche mir nur die konkrete Verwirklichung, in Ihren Händen und in den Händen der Menschen der ganzen Welt, einer Internationalen Union der Menschheit, die die heutige moribunde Warenzivilisation und die Partei des Todes, die verzweifelt versucht sie auf ihren letzten Beinen zu halten, in der Vergangenheit begraben wird.


[1] Qui peut le plus peut le moins… Wörtlich übersetzt: „Wer am meisten tun kann, kann am wenigsten tun“.

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