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Die Elemente von Foucault (2)

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29 Jul , 2020  

Foucault entwickelt seine Methode in drei Schritten:

1) Die Eliminierung der intuitiven Bedeutung von Termen, sodass sie aus taktischen Gründen nicht wiederkehren können (Souveränität).

2) Die neutrale Definition von Termen aus keinem anderen Grund, als um das Feld von Relationen zu bestimmen, das in den Postulaten erscheint.

3) Die Darlegung von Regeln für die Konstruktion von Modellen, was allein durch Intuition nicht erreicht werden kann.

Die traditionellen Theorien der souveränen Macht zeichnen stets ein Ensemble von Mechanismen als Staats-Form oder bestimmen die Macht als den Ausdruck einer natürlichen Kapazität oder sie konstruieren ein unilaterales Modell der Unterwerfung. All dies will Foucault ausschließen.

Im nächsten Schritt konstruiert Foucault verschiedene Hypothesen, um seine Analytik der Macht voranzutreiben:

In erster Instanz muss die Macht als eine Multiplizität von immanenten Machtbeziehungen in der Sphäre, in der sie operieren, verstanden werden; die Macht ist ein Prozess, der sie durch endlose Kämpfe und Konfrontationen, auch transformiert. Und diese Machtbeziehungen mischen sich, sodass von einer Kette oder einem System gesprochen werden kann, aber die Machtbeziehungen widersprechen sich aus oder konfrontieren sich, sodass sie sich wieder isolieren können. Schließlich muss die Macht als eine Strategie verstanden werden, deren generelles Design oder deren Kristallisation im Staatsapparat verkörpert ist, in den Gesetzen und in den verschiedenen sozialen Hegemonien.

Bevor er nun neue Regeln formuliert, kommt Foucault darauf zurück, was die Macht nicht ist, allerdings jetzt in einer positiven Form, die von von vorherigen Postulaten abgeleitet ist: die Form der Multiplizität und der endlose Kampf im sozialen Feld.

Von hier aus gelangt Foucault zum Problem des Gesichtspunktes. Wenn die Macht von jedem Punkt aus im sozialen Feld (re)produziert werden kann, dann fällt die Bestimmung eines einzigen Gesichtspunktes, der auf die Bestimmung einer Möglichkeit für das empirische Subjekt abzielt, aus. Man muss sich dann natürlich fragen, aus welcher Perspektive die Macht erscheint, und Foucault antwortet, es ist der Raum der Dispositive selbst, in der die phänomenologische Perzeption im sozialen Feld erscheint. Macht erscheint als als eine Sphäre ohne einen zentralen Gesichtspunkt. Für das geometrische Verständnis erscheint diese Aussage unmöglich, aber für eine moderne Theorie des gekrümmten Raumes wird Foucaults Aussage möglich, und zwar indem er die Axiome der klassischen euklidischen Geometrie subtrahiert, i.e. die Subtraktion einer endlichen Grenze oder einer limitierenden Oberfläche. Wie befinden uns nun inmitten einer indefiniten Sphäre der Materie selbst, in der der zentrale Punkt nicht länger ein fixierter Punkt Im Raum ist, sondern sich auf jeden Punkt mittels einer endlosen Intensität ausdehnt, insofern Intensität für die Macht das ist, was Dichte für die Materie ist. Foucaults Schlussfolgerung, die in den Definitionen als Folge der Postulate erscheint, besagt, dass man innerhalb der Machtbeziehungen auch die Mechanismen der Macht suchen muss. Hingegen fungiert die Souveränität immer als der zentrale Punkt, der die Bedingung der Möglichkeit für alle anderen Punkte im Raum ausdrückt, während die neue Figur des Dispositivs das Zentrum durch eine indefinite Sphäre ohne limitierende Oberfläche oder Radius ersetzt. Um es anders zu sagen, wird die Intensität nicht länger durch einen zentralen Punkt bestimmt, sondern wird sie ausgedehnt und durch alle anderen Punkte im sozialen Feld ausgedrückt, dann handelt es sich auch Punkte, die nicht das Zentrum umgeben, sondern die umgebende Peripherie konstituieren.

Um es noch einmal zusammenzufassen, man muss die Macht als eine Multiplizität von Kräftebeziehungen verstehen, die einer Sphäre immanent sind, in der sie operieren und die ihre eigene Organisation konstituiert, sodass innerhalb eines Feldes kein Punkt exterior zu einem anderen Punkt ist und es sicherlich keinen Gesichtspunkt außerhalb des Feldes gibt, mit dem alle Punkte innerhalb eines Feldes zu einer Einheit geformt werden könnten, sei es eine Struktur, ein System oder ein anderer singulärer Mechanismus (eine Maschine oder ein Apparat). Das soziale Feld ist also an jedem Punkt je schon durch existierende Machtbeziehungen durchzogen, sodass auf einem globalen Level, der die Bevölkerungen adressiert, und auf einem individuellen Level die Ebene, welche den realen sozialen Raum inkorporiert, je schon gekrümmt ist.

Die Krümmung des sozialen Raums hat laut Lambert fünf Bedeutungen:

1) Der reale soziale Raum ist in solch einer Weise gekrümmt, dass zwei Subjekte, die relativ nah zueinander sind, eine externe Position einnehmen können udn sich niemals auf derselben Linie oder demselben Punkt begegnen, da ein dritte Linie durch diese Punkte verläuft und sie sie schneidet, indem sie die Form der Intersubjektivität konstituiert, die durch die Sprache gekennzeichnet ist.

2) Im kantianischen Sinne ist der soziale Raum als unendliche Repräsentation gekrümmt, und zwar als die Idee eines Ganzen, das niemals in einer einzigen Repräsentation totalisiert werden kann.

3) So sind die subjektiven Positionen im sozialen Raum je schon durch Strategien und konkrete Assemblagen arrangiert.

4) Es gibt keinen objektiven und neutralen Gesichtspunkt, der nicht je schon historisch durch die konkreten Assemblagen der Machtbeziehungen bedingt ist.

5) Der reale soziale Raum wird durch die generalisierte Form von strategischen Intentionalitäten gekrümmt, durch die die jeweils historischen Machtbeziehungen determiniert werden.

Die wahre Unterscheidung zwischen Macht und Wissen liegt irgendwo zwischen der generellsten und strategischsten Intentionalität (die Macht bezüglich der Ebenen und der Dauer (Raum und Zeit) betreffend). wo diese Strategien innerhalb konkreter Mechanismen und Taktiken manifestiert sind, nämlich in den Dispositiven der Sexualität, der Biomacht, der Sicherheit und des Territoriums. Und es gibt keine ontologische Repräsentation der Macht bzw. keine Theorie der Macht, das es keine Distanz gibt, von der aus die Macht in Form einer quasi-wissenschaftlichen Objektivität ergriffen werden kann. Stattdessen transformiert Foucault den prä-ontologischen Charakter einer allgemeinen Intentionalität in eine neue Phänomenologie, indem er die Begriffe Strategie und strategisch benutzt.

Die Idee von der Macht als einem immanenten Feld von Strategien konstituiert für Lambert Foucaults radikalste Aussage, weil dies impliziert, dass die Macht keine ontologische Repräsentation benötigt. Vielmehr noch, wenn die Macht keine ontologische oder eine Form apriori besitzt, dann kann es historische Modulationen und Transformationen in verschiedenen aposteriori Formen geben, das heißt, die Macht kann in einer historischen Formation als Organismus und in wieder einer anderen als Struktur erscheinen. Dabei ist der reale soziale Raum als eine Mannigfaltigkeit von Relationen (Immanenz, Kontinuität und Kontiguität) an diesem Punkt noch nicht hierarchisch oder pyramidal strukturiert, obgleich Hierarchien im sozialen Feld immer subsistieren. Natürlich wird die Relation des Vertikalen (dominant und dominiert) immer schon ein Feature des sozialen Raums sein, aber die Macht fließt nicht per se in eine Richtung (von oben), sondern sie emergiert gleichzeitig von unten.

Größere Aufmerksamkeit widmet Lambert dem französischen Begriff foyer, der in Foucaults Beschreibungen für lokal oder singulär steht, und dies genau dann, wenn sowohl in der Theorie als auch in der Praxis bestimmte Strategien aktualisiert werden. Im Französischen bezeichnet der Begriff auch den Punkt, von dem etwas wie in einer Ansteckung oder Epidemie beginnt. Der Begriff ist für Foucault ein Anhaltspunkt, für eine virtuelle Position, von der aus eine politische Strategie innerhalb eines Kampfes emergiert und sich durch die sozialen Relationen hindurch aktualisiert, indem die Kämpfe bezüglich der Richtung und der Bewegung vereinheitlicht werden. Man nehme etwas den Kampf der Gefangenen gegen den Gefängnisdirektor. Sicherlich wissen die Gefangenen, dass hinter dem Direktor eine Serie von weiteren Mechanismen, Apparaten und Personen stehen, ein legislativer Körper und Gesetze. Aber von einem singulären Punkt aus kann nun der Kampf auch den gesamten sozialen Raum ergreifen, bis das soziale Feld mit seinen eigenen Machtbeziehungen saturiert ist. Foucault versteht dies als die Geburt einer neuen subjektiven Form des Widerstands und der Herstellung neuer Verbindungen im realen sozialen Raum, die über verschiedenene Punkte, von foyer zu foyer, miteinander verlinkt sind, um selbst noch die Peripherien des sozialen Raums zu erreichen.

In den letzten Jahren hat man Foucault immer wieder versucht zu korrigieren, indem man die axiomatische Position der Zentralperspektive wieder eingeführt oder die Relation der Vertikalität als eine essenzielle Funktion der Macht betont hat. Aus dieser Perspektive gehört die Macht nur denjenigen, die je schon im sozialen Feld schon so identifiziert sind, dass sie sie aus der Perspektive des jeweiligen sozialen Feldes besitzen. Foucault hat hingegen immer wieder argumentiert, dass innerhalb der hierarchisch angelegten Überwachung der Disziplinen die Macht nicht als ein Ding in Besitz genommen werden kann, vielmehr funktioniert sie wie das Element einer Maschine. Und obwohl eine hierarchische Organisation vorhanden ist, ist es der Apparat als Ganzes, der die Macht produziert und die Individuen im sozialen Feld kontinuierlich verteilt.

Teil 1 hier

Foto: Bernhard Weber

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