Biopolitics, Mashines, PhiloFiction

Die Elemente von Foucault (1)

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28 Jul , 2020  

Gregg Lambert fragt sich in seinem neuen Buch „The Elements of Foucault“ richtigerweise, welche Bedeutung und Nutzen ein weiteres Buch zu Foucault in den Fluten überbordender Sekundärliteratur noch haben könnte, eine Literatur, die oft über die Nacherzählung einzelner theoretischer Parts bei Foucault nicht hinaus kommt. Tatsächlich gelingt es aber Lambert dieser Sekundärliteratur etwas hinzuzufügen, was bisher weitgehend unbeobachtet geblieben ist.

Fast notgedrungen schon beginnt das erste Kapitel des textes mit einer expliziten Darstellung der Methode Foucaults und seinem Bruch mit den gängigen Theorien der politischen Philosophie. Für Lambert sind es die späten Vorlesungen Foucaults, die es erlauben, die verschiedenen methodischen Figuren (Foucaults more geometrico) zum Problem der Machtbeziehungen heute neu zu konfigurieren. Für die Griechen beziehen sich die Elemente auf die die geometrischen Figuren wie die Buchstaben sich auf die Sprache beziehen (a=Punkt, b=Linie und c= Oberfläche). Der Definition der Elemente folgt in der euklidischen Geometrie das Postulat, das keine Proposition ist, vielmehr eine Instruktion, wie man eine Figur zeichnet, indem man beispielsweise einen Kompass oder ein anderes Tool benutzt. Dabei kann die Figur selbst auch als ein konzeptuelles device oder ein Dispositiv bezeichnet werden, den Term, den Foucault benutzt, um seine eigenen Konzeptionen zu beschreiben, beispielsweise wie die Macht sowohl durch die komplexe und hochartifizielle Organisation von historischen Institutionen und diskursiven Ordnungen als auch durch statistisches Wissen und konkrete Techniken hindurch funktioniert.

Im Allgemeinen wird die Methode als eine Technik oder als ein Procedere definiert, das auf der Basis der Logik funktioniert, oder einfach als ein System, das eine Sequenz von Aktionen beherbergt, die durch eine Reihe von Regeln, die einen Plan von Instruktionen vorgeben, angeleitet werden. Descartes, auf den sich Lambert hier bezieht, hat die Methode in die analytische und synthetische Ordnung aufgeteilt, wobei die Philosophie zur letzten Ordnung Zuflucht nehmen muss, wenn sie eine lange Serie von Definitionen, Axiomen, Theoremen und Problemen bearbeiten will. Um die Bedeutung der Methode more geometrico in ihrem Kontext des 17. Jahrhunderts zu verstehen, muss man sie als eine Waffe im Kampf innerhalb eines je schon polemisierten Feldes von Meinungen begreifen, in denen es um die ersten Prinzipien, insbesondere das des einen Gottes geht.

Das kompletteste Statement zu seiner eigenen Methode gibt Foucault laut Lambert im vierten Kapitel der Geschichte der Sexualität und dann zu Beginn seiner Vorlesungen aus den Jahren 1975 bis 1979. Wenn man die kritische Rezeption Foucaults verschiedener neuer Dispositive wie Sexualität, Disziplin, Macht, Sicherheit, Bevölkerung und Territorium sich heute wieder genauer anschauen muss, dann deshalb, weil Foucaults Methode eine Deformation der allgemeinen und standardisierten Bemerkungen zur Macht mit sich bringt, insofern die Macht nicht länger aus einer Zentralperspektive oder als alleinige Quelle einer vereinheitlichten Souveränität gesehen wird, von der aus dann weitere Machtformen wie in einem platonischen System emanieren.

Für Lambert besteht Foucaults more geometrico in einer axiomatischen Theorie, in der Axiome, die nicht notwendigerweise als wahr überprüft werden können, von Beginn der Analyse an subtrahiert werden müssen, und dies sogar dann, wenn sie in den Schlussfolgerungen wieder auftauchen. Für Foucault sind die Souveränität des Staates, die Formen des Gesetzes und die Einheit der Unterwerfung lediglich zeitliche Formen, welche die Macht annehmen kann. Foucault betreibt nicht einfach Philosophie, indem er eine Methode anwendet, um seine bevorzugten Themen zu behandeln, vielmehr setzt er ein neues Set von epistemologischen Regeln in Gang, um die behandelten Objekte zu determinieren, sodie Macht und insbesondere die Machtbeziehungen, weil die Macht kein Subjekt, keine Substanz und kein Sein oder eine Entität ist, denn sie setzt sich aus vielfältigen Relationen zusammen, die extern zu ihren Termen sind (vgl. an diesem Punkt auch Deleuze). Für Lambert ist Foucault in den meisten epistemologischen Fragen ganz klar ein Nominalist, insofern nach Foucaults eigenen Aussagen die Macht keine Institution oder Struktur, sondern der Name für eine komplexe strategische Situation innerhalb des Gesellschaftskörpers ist.

Foucault referiert an dieser Stelle auf den den aristotelischen Begriff der techne, der aus dem Griechischen oft als Kunst übersetzt wird, oder als eine Kraft, um in die Natur zu intervenieren und darin einen immanenten Selbstbezug herzustellen. Zudem benötigt diese Kapazität das ausreichende Wissen um eine zweite Kraft (potentia), die in die erste Kraft intervenieren kann, wohl wissend über die Materie selbst, die Verbindung mit weiteren Kräften, über Techniken und Werkzeuge und mögliche Ergebnisse. Allerdings weicht Foucault auch an dieser Stelle von althergebrachten philosophischen Standards ab, indem er die epistemologische Frage stellt, wie die spezifische Natur des Wissens oder der Techniken zur Ausübung der Macht erklärt werden können, wenn es denn strategischer Interventionen innerhalb der Machtbeziehungen bedarf, um sie in eine spezifische Gesatalt zu bringen oder um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Mit Canguilhem inkludiert für Foucault jede Technik eine vitale Originalität.

Die Frage der techne zeigt ein epistemologisches Problem an, wenn es denn darum geht, eine Methode zur Kenntnis der Machtbeziehungen zu gewinnen. Und wenn die Machtbeziehungen nicht vordergründig rationalisiert werden können, wie können wir dann die verschiedenen Strategien zu ihrer Rationalisierung erkennen und erklären? Wenn Machtbeziehungen für Foucault nicht rationalisiert werden sollen, dann zuallererst nicht als eine Form des Naturrechts oder als eine Form des Vertragstheorie (Rousseau), da die Macht keinesfalls etwas ist, das man besitzen oder wie eine Ware tauschen kann. Zudem besitzt die Macht kein Sein, sondern sie inkludiert eine Strategie, ein Artefakt oder eine Technik. Macht, so schreibt Lambert, sei für Foucault keine Seele wie bei Aristoteles, keine Substanz wie bei Spinoza oder ein Subjekt wie bei Marx und Hegel. Foucaults Politik der Wahrheit, ein anderes Wort für seine Philosophie, subtrahiert konsequenterweise alle allgemeinen und moralischen Imperative und sucht dann nach einer praktischen Forschung, um sich selbst in den realen Kräftefeldern der Macht orientieren zu können. Wenn die Subjekte durch Strategien konstituiert werden und je schon in historischen Dispositiven der Machtbeziehungen gefangen sind, dann kann das, was man reale Kräftefelder nennt, nicht von einem privilegierten Standpunkt oder eine Instanz betrachtet werden und ganz sicher nicht von einem Subjekt der Repräsentation, vielmehr ausgehend von einer Serie von konzertierten Aktionen und Effekten, die allerest historisch, unpersönlich und sozial sind. Das Problem einer rationalisierenden Macht hingegen endet immer in der Affirmation eines Systems der Unterwerfung, indem eine notwendige Theorie zur Kreation von Macht geschaffen wird, eeine Theorie, die blind gegenüber den alltäglichen Machtbeziehungen ist und den Herrschenden dient.

Wenn die Macht keine Substanz oder ein Subjekt inhäriert, dann kann die Präsentation der Macht auch keine Form der natürlichen Intuition des Bewusstseins annehmen. Es gibt keinen objektiven Gesichtspunkt oder Perspektive denn eine theoretische Perspektive, die durch weitere Machtbeziehungen innerhalb eines Feldes von realen Kräften infiziert wird. Diese betrifft die axiomatische Methode sui generis. Oft wird die Macht als ein apriorisches analytisches Konzept oder als eine Kategorie definiert, die in der Philosophie dem Axiom in der Geometrie äquivalent ist. Solch eine immanente Definition beschreibt Descartes als das, was als das Objekt in unseren Ideen intrinsischer Teil des Objekts selbst ist. Es muss wie auch bei Kant ein „Raum“ konstruiert werden, sodass eine Schlussfolgerung möglich ist, mit der die Rolle der natürlichen Intuition in bestimmten Räumen behandelt werden kann, Räumen, in denen eine intuitive Repräsentation kaum möglich ist. Die Manifestation der Idee der Biomacht, die mit der analytischen Konstruktion eines Dispositivs geschieht, erscheint als eine komplexe Idee, die historisch im Inneren des Dispositvs der Sexualität aufgetreten ist.

Foucault stellt bezüglich der Methode von vornherein klar, dass seine wichtigen Terms zunächst hypothetischer Natur sind (Postulate, wenn man es geometrisch ausdrücken will), es sich bei ihnen also nicht um Prinzipien, Regeln oder Theoreme handelt. Foucault bezieht sich in wenn auch negativer Weise zunächst auf die euklidische Geometrie (letztlich stellt sich aber die Frage nach einem non-euklidischen Foucault). Diese hypothetische Natur der Aussagen muss zunächst im Vergleich zu den allgemeinen Behauptungen der klassischen juridischen Theorien der Souveränität und sie muss wie eine axiomatische Theorie (auch in Absetzung zur Geometrie und Logik) gesehen werden, das heißt, als ein System, in dem undefinierte Terme und Propositionen zu Hypothesen transfomiert werden, und dies auf der Basis einer Konstruktion von Propositionen gemäß einer logischen Ordnung und expliziter Regeln, was dann wiederum in der Konstruktion einer „machina“ bewiesen werden muss.

In der klassischen Geometrie ist die Maschine mehr oder weniger ein gezeichnetes oder eingebildetes konzeptuelles Werkzeug, das allerdings nicht mechanistisch verstanden werden darf. Die euklidische Methode gibt zunächst eine Proposition vor, dann das Setting einer Figur und dann die partikularen Elemente, und dies führt zur Definition bis schließlich die Konstruktion der Maschine erfolgt. Dabei ist die Antwort auf die Frage „Was ist ein Dreieck“ schon in der Enunziation der Proposition gegeben, nämlich die Summe aller Winkel ist in jedem Dreieck 180 Grad. Bei der Frage „Was ist Macht?“ gibt es hingegen keine initiale Enunziation, vielmehr existieren eine Reihe von Propositionen, die beispielsweise das spezifische Dispositiv der Sexualität oder der Sicherheit betreffen, ihre Funktionen und die Frage, warum sie überhaupt erfunden wurden. Bei der klassischen Methode folgt die Konstruktion der Maschine ihrer Definition und die Maschine liefert dann den Beweis. Bei Foucaults Methode hingegen werden die Propositionen hypothetisch mit der Konstruktion konzeptueller Anordnungen geliefert, worauf Definitionen folgen, die zeigen, wie die Macht gemäß dieser Propositionen funktioniert. Damit gibt Foucault der Maschine den ersten Platz, und zwar als Definitionen oder als Axiom, wobei er dennoch keine deduktive Logik wie in der Geometrie benutzt, da er keineswegs die Existenz von ewigen Formen und Ideen zu deduzieren oder beweisen versucht, sondern das Funktionieren einer Maschinerie, die im technischen Sinne erfunden wurde und eine effektive Kausalität besitzt. So listen die ersten vier Kapitel der Geschichte der Sexualität die Parameter und das Feld der strategischen Bedeutungen auf, Objekte, Methode, Bereich und Periodisierung. Für Lambert ist Foucaults Methode, die dazu dient, um die neuen Strategien der Macht zu beschreiben ganz klar eine axiomatische Methode, in weil foucault zuerst danach fragt, wie die Macht durch die konkreten Institutionen und Individuen hindurch funktioniert, indem er dann heterogene Terme zusammenführt und sie in Propositionen verlinkt, die anzeigen, wie die Macht in historischen Dispositiven operiert, und dies alles, um schließlich neue Propositionen zu erfinden. Wenn die Dispositive artifizielle devices sind, dann stellt sich sofort die Frage, wer sie erfunden hat: die Menschheit, das Vernunftsubjekt, die Geschichte oder die Gesellschaft? Wir werden darauf zurückkommen.

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