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Lyotard: Intensitäten

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19 Sep , 2017  

1.

Lyotard sieht im Kapitalismus die Herrschaft der reinen Quantität, den völligen Bedeutungsverlust zugunsten der Zahl/des Profits: „Nirgends eine Verknüpfung mit dem Großen Signifikanten, lediglich das Tauschgesetz, das zwischen den Termen, deren Wert allein in ihrer Beziehung liegt, wirksam ist. Genau das ist die Definition einer Struktur …“; m.a.W.: der mit dieser Struktur einhergehende „Abstand“, der eine Beziehung zwischen Mensch, Dingen und Natur herstellt, „schließt jede Bedeutung aus …“ (Intensitäten S. 134)

Auch auf dem Hintergrund der Schriften psychoanalytischer Erkenntnisse (insbes. Freud/Lacan) stellt sich ja nicht nur die Frage, was das angeblich so Rationale der Rationalität überhaupt (noch) wert ist, sondern auch die Frage, was dem Kapital/ismus in den Köpfen der Individuen korrespondiert bzw. umgekehrt, was das Kapital und den Kapitalismus produziert: eine Triebstruktur, eine semiotische und/oder a-signifikante Struktur, eine neuronale Verknüpfung oder…?

Jedenfalls könnte die Betonung des Linguistischen (die sich der Hybris, der Krone der Schöpfung verdankt) auf Kosten der “niederen Instinkte” gegangen sein (Benns Schwein, der Mensch): Affekte und Aggressionen, Macht und Gewalt, Herrschsucht und freiwillige Knechtschaft, Habgier und Neid, Besitz und Eigentum u.v.a.m.. Wie dann aber einen Ausweg finden? Das würde einen gehörigen Sprung erfordern… eine Mutation oder ein clinamen (Lyotard).

2.

Zu den Themen Ödipus und Kastration: am Beispiel eines Schülers versucht er „die elementarste Regel, das letzte Wort des Kapitals“ zu verdeutlichen: es „definiert sich der Wert durch die Austauschbarkeit: wird dieser oder jener Schüler das Diplom, das man ihm gibt, in seinem späteren Leben (gegen Geld) tauschen können? Das ist das einzige, überall die gleiche Frage. Es ist nicht die Frage der Kastration oder von Ödipus.“ (Int. 132/3)

Dennoch: aus der LÖ ließe sich auch ableiten, dass Ödipus sich nur verschoben hat, und zwar aufs Kapital. Und das Kapital ist zwar seine Grenze verschiebend unterwegs, aber keineswegs ohne Kastration – im Gegenteil: es trennt ab und versucht, alle nicht-kapitalisierenden Verkehrsformen zu unterbinden. Von “nirgends eine Verbindung mit dem großen Signifikanten” (134) könnte dann überhaupt keine Rede sein – im Gegenteil (bzw. nur dann, wenn man im Kapital keinen großen Signifikanten sehen möchte, was aber fraglich wäre). So bleibt bei Lyotard das Kapital “im Verborgenen” (136) – wie auch die Frage, was das Kapital eigentlich ist. Liegt das vielleicht auch daran, dass er das Kapital bzw. den Kapitalismus selbst “als geeigneten Ausgangspunkt für eine Analyse hält” (126), womit das, was es zu erklären gälte, einfach “vorausgesetzt” ist/wird (137-139)?

Wäre für Lyotard nicht die Anerkennung eines großen Signifikanten gleichbedeutend mit der Installierung eines Zero? Das will er gerade nicht. – Daher wohl seine Reduktion des Kapitals ausschließlich auf das Tauschgesetz. Er hegt eine Sympathie für die Oberfläche, die eine (einzige) Seite des Möbiusbands, will gerade keine Repräsentation; daher auch – trotz letztlich radikaler Kritik – seine Wertschätzung von Sraffa (der den Wert suspendiert und auf Preise reduziert). Also: ihm reicht das Tauschgesetz – alles darüber Hinausgehende wäre bereits Repräsentation, die er ablehnt.

Vielleicht deswegen zeitweise irritierend Lyotards Umgang mit dem Wertgesetz. Wiederholt hat es den Anschein, als ginge es hier um Äquivalenz, Gleichheit und gerechten Tausch (132). Davon kann aber nur gemäß der kapitalistischen Ideologie die Rede sein. Die Realität hat ein unfreundlicheres Gesicht. Das Gesetz kommt daher, sagt Marx (MEW 25:887), dass “jeder seine Ware so hoch als möglich zu verkaufen sucht” – das Gesetz setzt sich vermittelst der Konkurrenz und des wechselseitigen Drucks aufeinander durch; dadurch sozusagen würde es “inneres Gesetz” bzw. “Naturgesetz”. Und er sagt ferner: Das Kapital ist “die Ursache des Surplusprofits”, der “aus dem Kapital selbst” entspringt (einbegriffen die “davon in Bewegung gesetzte Arbeit”) (MEW 25:657).

“Und der Mehrwert, wird man fragen?” (138) Lyotard erklärt dann auch woher er kommt. Vom Wertgesetz ausgehend, sagte Marx (MEW 25:197), “sind die Abweichungen zu erklären, nicht umgekehrt aus den Abweichungen das Gesetz selbst”. Nun, die Gleichheit ist “nur fiktiv” (138) – das Dispositiv (Axiom des Wertgesetzes) würde nur funktionieren, “indem es die Ungleichheit der Kräfte ignoriert”, wenn das Kapital sagt: ich bin mehr wert als die Arbeit. Hier fehlt der Macht-Aspekt (also die Despotie, die ganz und gar nicht bloß “orientalisch” oder “vorkapitalistisch” (128/29) ist – auch hier gibt es Verschiebungen… Das vorausgesetzte (!) kapitalistische System (“das System”; 138) “privilegiert” via Wertgesetz das Kapital: vorgeschossener Wert gegen hinzugefügten Wert (138 unten) = beim Kapital plus x und bei der Arbeit minus x = Null. Vorausgesetzt ist hier nicht bloß, wie Lyotard sagt, die Kommensurabilität (138 unten), sondern dass das Inkommensurable kommensurabel ist! Die inkommensurable Kommensurabilität ist die Regel/der Regisseur des kapitalistischen Systems. – Mit der LÖ hätte Lyotard eleganter zeigen können, dass der Term Gleichheit den oppositionellen Term Ungleichheit erfordert (wie Identität Differenz) und dass Äquivalenz immer schon zu Nicht-Äquivalenz (Differenz) tendiert.

In seiner Auseinandersetzung mit Baudrillard kommt er zur Frage, ob der Kapitalismus ein Fetischismus (im psa. Verständnis) ist. Wenn man (was Lyotard ja nicht tut) vom Kapital als Kastrierer und Nicht-Kastrierer ausgeht (also von bloß verschobener und aufgehobener Kastration), dann ist die Analyse von Baudrillard zutreffend: “Kastrationen und Spaltung des Begehrens ganz im Verborgenen” (122), keine Geschlechterdifferenz mehr, Desexualisierung… “ein Begehren, das sein eigenes Verbot als Triebsperre einschließt” (123). Also darum dann auch keine Ambivalenz (der Geschlechter) mehr, sondern Gleichheit und Äquivalenz.

Dabei wendet Lyotard kritisch ein: „Baudrillard denkt das Begehren … noch in Termen des Subjekts“ im Gegensatz zu Deleuze & Guattari, „die jedes Denken des Begehrens verlassen, die dagegen rebellieren, dass dieses Denken … auf eine signifikante Ordnung herabgezogen wird.“ (124) Auch bei Lacan sei problematisch, „dass Libido weiterhin in Kategorien des Signifikanten gedacht wird, dass man ihren Non-Sinn und die Kraft des Vergessens außer acht lässt.“ (125) Aber ist das wirklich einleuchtend? Sobald wir Terme haben, haben wir auch Kastration (und Objekt klein a). Die Libido, den Primärprozess können wir immer nur vom Sekundärprozess aus denken – mittels Signifikanten.

3.

Vom Ende her gesehen, mit der entscheidenden Ausführung über die ‚Schnittstelle, lässt diese Abstandsgeschichte (134) sich erhellen. Auf Seite 144 ist von einem “großen Problem” die Rede und dazu heißt es: “Wie kann man diesen Abstand… verstehen…? Wie ist es möglich, dass Sekundär- und Artikulationsprozesse die Primärprozesse überlagern und repräsentieren?” Das ist in der Tat der Schlüssel. Es ging nämlich zuvor (143) um die Frage, ob es “ein Prinzip der Segmentierung” gibt (so was würde man fordern!), das “unterscheidbare articuli, Personen, Rollen, Namen usw. “aus dem vollen Körper… herausschneidet”. Mit so einem Gedanken gibt es aber ein Problem: nämlich wenn man damit auf einen Dualismus rekurrieren würde; und jetzt kommt die Brücke: man müsste “diesen Abstand” zwischen Primär- und Sekundärprozess denken können “ohne auf einen Dualismus zu rekurrieren” (144) – aber wie ist das möglich? Es geht um das philosophische Problem der Letztbegründung: unbewegter Beweger (Aristoteles), prima causa, erster oder “letzter” Grund/Ursache… Der Schöpfer (des Himmels und der Erden) wurde nicht geschaffen (ungegründeter Grund). Mit “dem Gründer-Kastrator” (143) würde man sich die folgenden Dualismen einhandeln: Gründer – Gegründetes und Kastrierer – Kastriertes, und es würde sich die Frage stellen, wer den Gründer und Kastrierer gemacht hat… der wiederum etc. ad infinitum. Um zu einem Anfang zu kommen, bricht man die Kausalkette ab. Darum sagt Lyotard: “im Grunde überhaupt kein Prinzip” (143)! Um dann allerdings zu konstatieren (144), dass “ein Prinzip der Exklusion erforderlich ist (und “bleibt”), das die kontinuierliche Ökonomik libidinöser Intensitäten” (d.h. den Primärvorgang) “in ein innen und ein Außen zerschneidet und somit eine Dualität errichtet”. (Die aber nicht mit dem Dualismus Gründer-Gegründetes zu verwechseln ist!) Auf dieser Dualität baut dann “das Theater” auf: Bühne, Familie, Sozius. Mit dem Wort “Schnittstelle” ist das Problem gut benannt: ein Ort (die “Stelle”) – aber wo? Der Schnitt – aber durch wen oder was? Bei Lacan Sem 4 durch den Vater, der aber schon auf der Bühne steht; später “nur” noch “Im Namen des Vaters”! Die Bühne selbst ist natürlich “irreal, phantastisch, illusorisch” (145 oben) – wie der Wert – und “für immer von der Sache selbst entfernt” (vom Primärprozess; 145). Das ist “der Abstand”, von dem S. 134 zum ersten Mal die Rede war – und es ist klar, dass es hier um die Urverdrängung geht: “Das Prinzip der Exklusion ist die Urverdrängung.” (144)

“Der Abstand, der das Objekt zur Strukturierung in diskrete Terme segmentiert – … – dieser Abstand darf nicht mit dem vermischt werden, … , was Lacan unter ´Rückzug des Signifikanten´ (retrait du signifiant) versteht, um auf der Ebene der besagten Terme Sinneffekte (= Signifikate) zu produzieren.” D.h. der “Rückzug” spielt schon auf der errichteten Bühne, während “der Abstand” den Ort (die “Stelle”) meint, von wo aus die Bühne (mit ihren Signifikanten und Repräsentanten) errichtet wird.

“Die Differenz bei Saussure ist nicht identisch mit dem A bei Lacan.” Bei Saussure kommt der Wert (das Signifikat) immer vom anderen Term; bei Lacan gleitet das Signifikat bekanntlich unter der Kette der Signifikanten – und verdankt sich letztlich einem 3. Term, einem privilegierten Signifikanten (Phallus) – u.E. naheliegenderweise dem Kapital. Das “A bei Lacan” ist also nicht der andere oder ein anderer Term wie bei Saussure, sondern das Andere im Sinne des Symbolischen bzw. die Sprache.

Noch einmal zurück zur Frage, ob der Kapitalismus ein Fetischismus ist (Baudrillard) bzw. eine Perversion oder eine (Art) Schizophrenie (Deleuze/Guattari). Die eine Variante erörtert Lyotard 122 f., die andere 140 f. Für Perversion spricht die Ignoranz, Missachtung oder Übertretung (Verleugnung) der Grenze/des Gesetzes bzw. der symbolischen Kastration. Dafür spricht gewiss auch, dass die Libido im Prinzip alles begehren und besetzen kann – allerdings ist die individuelle Perversion in der Regel eine sehr einseitige Fixierung – da ist der Kapitalismus flexibler. Es sei denn, man versteht ihn als einseitige, nahezu ausschließliche Fixierung auf Quantität – und das auch auf subjektiver Ebene.

Nach Lacans Definition der Psychose als Verwerfung des symbolischen Gesetzes könnte man den Kapitalismus insofern lokalisieren, als er sich über alle Grenzen und Gesetze hinwegsetzen kann – allerdings bis aufs Wertgesetz nach Lyotard (das aber, wie man sah, nur der Ideologie nach). Mit der Schranke sind ja bereits beide Seiten der Medaille festgesetzt (141 oben). Allerdings geht Lyotard nicht von Lacans Psychose-Definition aus, sondern von s/einer Schizophrenie-Definition, die “jene Kraft wäre, die sich in kein libidinöses Dispositiv einfügen lässt: reine fließende Flexion” (140). “In kein libidinöses Dispositiv”? Bestimmt lediglich durch ein Axiom und keinerlei Kode. Vielleicht ist ja das Borderline-Syndrom eine passendere und zeitgemäßere Analogie!?

Wenn man davon ausgeht, dass der sog. Primärprozess die Nacht bedeutet, in der alle Kühe schwarz sind, das reine Chaos, bloße Intensität/en, der nackte Wahnsinn, jedenfalls völlige Unstrukturiertheit – und der Sekundärvorgang der Versuch, irgendwie damit umzugehen, das Ganze zu ordnen und zu strukturieren mittels einer Sprache, dann folgt daraus, was Lyotard über die Dynamik diesbezüglich gesagt hat: aufgrund der (auf den Primärvorgang zurückgehenden) Tensionalität bzw. tensorischen Kraft der Zeichen gibt es diese Prozesse der Dissimilation und Dissimulation – egal was für Begriffe und Terme, Gesetze und Regeln sich herausbilden (dieser Prozess der Konstitution & Konstruktion des Symbolischen sollte allerdings immer unterm Machtaspekt gesehen und beschrieben werden).

Nun haben wir das Wertgesetz, also die Wertform bzw. das Axiom der Äquivalenz. Dissimilation bedeutet hier, wenn der Tausch ungleich ist (wie bei Lohnarbeit), und Dissimulation, wenn der ungleiche Tausch als Äquivalenzrelation behauptet wird. Die Sprengung der “Schranke” kommt vom Gleichheits-Term, weil mit ihm Ungleichheit in die Welt kommt (wie böse mit gut und Mann mit Frau usw.). Es gelingt nicht, die Terme säuberlich voneinander getrennt zu halten: Arbeit wird in äquivalenten Lohn zerlegt und in nicht-äquivalente, differente Mehrarbeit.

Wenn das – im Bereich des Sekundärvorgangs – eine Gesetzmäßigkeit ist: was hat das für Konsequenzen bezüglich Alternative/n zum Kapitalismus? Kann man den Wert / das Wertgesetz abschaffen? Lyotard scheint den „Beginn des Wertes und der Ambivalenz“ mit der Repräsentation gleichzusetzen – folglich geht es ihm um eine tendenzielle Aufhebung der Repräsentation, damit sich die Libido möglichst weitgehend verflüssigen kann. Intensitäten statt Intentionen (in Anlehnung an Klossowski). „Der Begriff, die Zeit, die Negation, die Ambivalenz gehen mit der Abschwächung der Intensitäten einher. Die Repräsentation geht nicht von toten, wohl aber erkalteten Sternen aus: de-siderum, die Sterne üben keinen Einfluss aus, das nostalgische Begehren, der Wunsch beginnt mit dem Niedergang der Libidoökonomie.“ LÖ 34f. Also: Lyotards Konstrukt der Libidoökonomie beinhaltet keine Affirmation des Wunsches bzw. des Begehrens (was B. Stiegler genau umgekehrt versteht). Daher kann er den zunehmenden Bedeutungsverlust im Kapitalismus als eine Tendenz hin zu größeren Intensitäten verstehen. Dabei sieht er allerdings auch die Problematik seines Ansatzes, wenn er u.a. eine mit größeren Intensitäten verbundene Möglichkeit von Gewalt charakterisiert: „Die Gewalt ist nicht aufbauend. Sie besteht ganz und gar aus dem Nicht-Aufbauen (der Nutzlosigkeit), der Zertrümmerung von Verteidigungen, der Öffnung von Durchgängen, Sinnen, Geist. Diese Zertrümmerung ist blutig wie ein Bulldozer. Die rote Gewalt oder Grausamkeit zerstört die Aneignung der Instanzen, die Macht. Ist sie jemals rein?“ LÖ 310

4

Bei seiner Erörterung der Frage, wie eine “affirmative Politik” (Int. 55) aussehen könnte, meint Lyotard, dass man nicht mit Kritik aus dem Kapitalismus herauskommen könne (51f.), sondern nur “durch eine Verschiebung der libidinösen Besetzung. Unser Begehren” dürfe nicht mehr “auf Besitz, auf ´Arbeit´ oder Herrschaft” (52) abzielen, sondern…? Auf was sonst? Das sagt er nicht. Er führt lediglich aus, was es nicht mehr braucht: “keinen Repräsentanten (keine Partei) des Negativen als Stütze” (55). Keinen Repräsentanten-Signifikanten? Das ist kaum vorstellbar: keine Sprache mehr, nur Sprachlosigkeit und reine Intensität/en? Es ginge darum (62/63), mit Hilfe der Verschiebung oder Entstellung Getrenntes zusammenzufügen (Gut und Böse, Mann und Frau), Gebundenes zu dissoziieren (GW und TW von Lohnarbeit)… Eine Kraft, die mit extremen Intensitäten arbeitet… Anders als Arbeitskraft und Sprache, wo es um den Ausschluss extremer Intensitäten gehe, wo Kraft ökonomisiert, d.h. eingesperrt sei und Intensitäten ausgeschlossen würden (64). Er sagt tatsächlich: Todestrieb oder Intensität/Abweichung, Verschiebung von Besetzung seien insofern positiv (65), als sie der Sprache als Regulativ entfliehen und auf jeden “Grund” verzichten. Keine Grenzen, Hierarchien, Regelabstände und keine Leere usw. Aber es bleibt ungeklärt, weshalb ungebundene Intensitäten zu bevorzugen sein sollen, wo er doch selbst Zweifel formuliert: Überflutung, Überreizung, Überschwemmung (104) … keine Grenze mehr zwischen Leben und Tod.

Wenn er – wohl zurecht – feststellt, dass Kapitalismus (z.B. im Stadium der Nicht-Übertreibung) “das Einfangen und Auslöschen von libidinösen Strömen” sei (94), dann wäre zu fragen, warum das Begehren dahin geht, eine Ordnung zu installieren, in der stets die Repräsentation mit ihren junktiven/disjunktiven Scheidewänden das letzte Wort hat. Warum will man das so? Doch wohl, weil man gerade nicht “zielloses Herumirren dieser (libidinösen) Ströme” will, sondern – ja! – Berechenbarkeit; weil man wissen will, womit man zu rechnen hat, und weil man die Kontrolle haben und behalten will… oder weil das Erleben von „Inkompossobilitäten“ unaushaltbar ist? Und das vermutlich auch in und bei Gesellschaften, die keine autoritären und despotischen, diktatorischen und totalitären Herrschafts-und Machtsysteme und -strukturen aufweisen.

Ob Anarchie das ziellose Herumirren von Libidoströmen meint? Es wird bestimmt nicht ausreichen, alle unbewussten Libidoblockaden (98) zu entfernen. Unklar, was es soll, die Ströme zum Fließen zu bringen, so dass sie nicht mehr ausgetauscht werden können (98)…

Wenn er sagt, Verschiebung in Richtung eines anderen Dispositivs (96/97), dann dürfte man keine Probleme damit haben, denn es würde sich ja um eine andere Ordnung handeln, um andere Regeln; möglich, dass dann alles anders läuft – aber ob auch besser, das könnte man erst sagen, wenn alles anders läuft… “Subversion” als solche ist bestimmt kein Garant für Verbesserung! Es ist erstaunlich, dass er Verschiebung so positiv bewertet, wo er sie beim Kapitalismus eher negativ findet (103). Umkehr(ung) kommt jedenfalls nicht in Frage (104). Weil das Kapital sich längst schon auf einer “Reise ins Blaue” befindet, auf grenzenlosen “Irrfahrten” (106) – weswegen z.B. Umweltverschmutzung nur dann ein Thema ist, wenn sich damit Profit machen lässt (107). Die Analysen des libidinösen (ruinösen) Kapitals sind völlig zutreffend – allerdings scheinen Lyotards Phantasien, dem ein Ende zu setzen, mit der Entwicklung eben des Kapitals selbst zusammenzufallen. So dient das clinamen (111) dem Kapital wie zu seiner Überwindung… Und er empfindet “Freude” an der “durch das Kapital erzeugten allgemeinen Verflüssigung” (113), findet die “Perversion des Kapitals” sogar “normal” (109) und seine Schizophrenie (109f.) “vollkommen positiv” (114)? Und Kapitalismuskritik dann auch eher neurotisch und einen hysterischen Diskurs – im Sinne Lacans.

Jedenfalls würde der Kapitalismus niemals am schlechten Gewissen krepieren oder am Mangel, sondern – wenn überhaupt – “dann durch den Exzess” (115). Andererseits schreibt er, das Wertgesetz, “das einzige Axiom dieses Systems”, sei zwar eine Grenze, die es immer weiter zu verschieben gelte, die aber andrerseits, eben weil sie “seine einzige Grenze” sei, würde sie “den Kapitalismus von einer Reise” ins Unberechenbare zurückhalten.

An der Deterritorialisierung allerdings würde der Kapitalismus auch nicht zugrunde gehen, weil diese “qua Definition” überleben würde: “der Kapitalismus ist diese Deterritorialisierung” (141). Seine Zerstörung könne “nur von einer noch flüssigeren Verflüssigung, von noch mehr clinamen und noch weniger Geradenfall, von noch mehr Tanz” kommen: “Wir brauchen noch unvorhersehbarere, noch stärkere Intensitätswechsel.” Noch mehr jedenfalls – so sieht es auch die Kapitalisierung, “die Macht des” kapitalistischen “Diskurses als Macht”… (145/46)

Auf S. 125 sagt Lyotard, dass es keinen guten vs. schlechten Zustand der Libido gäbe – womit eine manichäische Weltsicht (wie Dark Deleuze sie vertritt) nicht in Frage kommt. Vielleicht kann man Lyotard vorhalten (aber ist das seine Schuld?), dass es gemäß der Libidoökonomie keine Ethik gibt, sondern nur den Kampf konkurrierender Ströme oder Ströme und Gegenströme (Prozesse der De- und Reterritorialisierung). Wer Reformen fordert, meint Deterritorialisierung, Deregulierung etc., wer Regulierung will, wünscht Reterritorialisierung, Re-Deregulierung und Entliberalisierung usw. Libidoökonomisch gesehen ist die Besetzung des Bösen nicht schlechter als die des Guten – und umgekehrt.

Bleibt noch die Frage nach dem Kapital. „… der Kapitalismus fegt alles hinweg … und verzichtet auf jeden Kode zur Kennzeichnung der Libido, außer auf das Tauschgesetz …. Das einzige unantastbare Axiom betrifft die Voraussetzungen der Metamorphosen und des Übergehens: den Tauschwert. Ein Axiom und kein Kode: die Energie und ihre Objekte werden nicht länger gekennzeichnet. Wenn man genau wäre, müsste man sagen, es gibt keine Zeichen mehr, da es keine Kodes, keinen Verweis auf den Ursprung, auf eine ‚Praktik‘, eine Referenz, eine vorausgesetzte Natur oder Surrealität oder Realität, Extra-Dispositiv oder großen Anderen mehr gibt – sondern nur noch ein kleines Preisschildchen als Index der Austauschbarkeit: das ist nichts, das ist enorm, das ist etwas anderes.“ (Intensitäten 122)

INTENSITÄTEN (Des dispositifs pulsionnels, Paris 1973)

Jean-Francois Lyotard: Intensitäten, Berlin (Merve) 1978

Foto: Bernhard Weber

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