Minderheit und Proletariat bei Deleuze/Guattari (1)

„Die Macht der Besonderheit, der Minderheit hat ihr Vorbild oder ihr universelles Bewusstsein im Proletarier.“ Deleuze/Guattari

Wenn marxistische Positionen die Frage der  Heteronomie und der Autonomie von Kämpfen ansprechen, dann im Kontext eines Prozesses, der von einer universellen Klasse getragen wird, die sich aber in den Klassenkämpfen durch die Transformation ihrer Existenzbedingungen selbst auflösen muss. Hier scheint die Idee eines „revolutionären politischen Subjekts“ dem Prozess seiner Auflösung vorauszugehen, wobei die Distanz zwischen Idee und Prozess in einem vielleicht unhaltbaren Kurzschluss aufgehoben wird, der zudem den Verdacht in sich trägt, mit einer unmöglichen theoretischen Form die Leere des Subjekts zu überdecken.

Die Theorie der Minderheit von Deleuze/Guattari ist laut Sibertin-Blanc, auf den wir hier uns im Text vor allem beziehen, eines der interessantesten Zeugnisse eines kritischen Erbes des Marxismus. Bei den beiden Autoren finden sich zwei zum Teil antinomische Thesen, zum einen die  der Kontextualisierung der Minderheit als Teil des Proletariats, wie sie durch die Kapitalökonomie konstituiert wird, und zum anderen die der Semiotisierung der Minderheit in ihrer Gegenüberstellung zur Mehrheit.

Die erste These beruht auf der Erfassung einer grundlegenden Tendenz in der politischen Situation nach 68, nämlich des „Minoritär-Werdens aller“, indem neue Formen der politischen Subjektivierung aufgegriffen werden,, wobei sogar ein „Revolutionär-Werden der Menschen“ nicht auszuschließen ist,  das wiederum die Voraussetzungen für eine globale Bewegung schafft, bei der die Minderheiten auf lange Sicht politische Zusammensetzungen vorantreiben, die die kapitalistische Ökonomie und Staatsform in Frage stellen. Dies ist eine Formulierung, die im Kontext  des Problems einer universellen Klasse – „universelle Figur des politischen Bewusstseins“ – gelesen werden muss,  indem sie Negativität in die kapitalistischen Machtpraktiken und ihre sozialstaatlichen Realisierungsarrangements einschreibt.

Was für Deleuze/Guattari die damalige ökonomische und politische Situation charakterisierte, lag sowohl jenseits als auch diesseits des Staates. Jenseits der Nationalstaaten ist die Entwicklung eines Weltmarktes zu nennen, die Macht transnationaler Unternehmen und der Prozess einer Schwächung der Nationalstaaten, aber nicht ihrer Auflösung. In diesem Kontext spricht William I. Robinson heute von der Hegemonie einer transnationalen Klasse und Kurt Röttgers sogar vom Ende der Staaten und der Dominanz des Ökonomischen. Die Umrisse einer „planetarischen“ Organisation und die Ausdehnung eines integralen Kapitalismus auf den gesamten Globus, und zwar nicht nur durch Kapitalexport etc., sondern auch dadurch, dass Menschenrechte und Demokratie wie Öl auf dem ganzen Globus zirkulieren (Baudrillard), bilden für Deleuze/Guattari eine große abstrakte Maschine, die die monetären, industriellen und technologischen Ströme integriert und überlagert.  Aber die abstrakte Maschine sei ebenso wenig unfehlbar wie die Nationalstaaten, die nicht mehr in der Lage sind, die abstrakte Maschine auf ihrem eigenen Territorium und von einem Territorium zum anderen zu regulieren. Lazzarato spricht in diesem Kontext von der globalisierten Kriegsmaschine des Kapitals. Der Staat verfügt nicht mehr über die politischen, institutionellen oder finanziellen Mittel, die es ihm ermöglichen würden, die sozialen und ökonomischen Auswirkungen der globalen Kriegsmaschine des Kapitals zu neutralisieren. Es ist für Deleuze/Guattari deshalb auch überhaupt nicht verwunderlich, dass alle Arten von Minderheitsproblemen, seien es sprachliche, ethnische, regionale, geschlechtsspezifische oder jugendliche Probleme eben nicht nur als Archaismen, sondern in aktuellen, revolutionären Formen auftreten, die sowohl die globale Ökonomie der Kapitalmaschine als auch die Zusammenschlüsse der imperialistischen Nationalstaaten in Frage stellen.

Anstatt über die ewige Unmöglichkeit der Revolution und über die faschistische Wiederkehr der Kriegsmaschine zu spekulieren, so formulieren dies Deleuze/Guattari im Vorgriff auf eine Problematik, wie sie aktuell von Lazzarato in seinem Buch „Capital hates Everyone“ ausgearbeitet wird, sollte man lieber untersuchen, wie eine neue Art von Revolution entstehen kann, um eine Ebene der Konsistenz aufzuspüren, die die Ökonomie des kapitalistischen Weltsystems und der Staaten untergräbt. Dennoch bleibt die Frage nach der Zukunft der Revolution  eine schlecht gestellte Frage, denn es gibt offensichtlich die Massen bzw. die schweigenden Mehrheiten, die nicht revolutionär sind, und genau deshalb wird die Frage auch gestellt, nämlich um die Frage nach dem revolutionären Werden der Proletarier gerade zu verhindern. Es geht für Deleuze/Guattari darum, die Geschichte der Revolutionen von den „revolutionären Entwicklungen“ der Proletarier zu unterscheiden, Entwicklungen, die eine kollektive Subjektivität unvorhersehbarer Brüche herstellen können, die in ihrer Entstehung immer singulär, aber in ihren Auswirkungen manchmal verallgemeinerbar sind, die sich jedoch nie auf die im klassischen Marxismus deduzierten historischen Linearitäten reduzieren lassen, die es wiederum erlauben, sie in einen eindeutigen Diskurs von Macht oder Gegenmacht einzuschreiben. Die Diskrepanz zwischen dem Revolutionär- Werden und der Geschichte ist nicht nur eine diskursive Frage, sondern vor allem eine soziale und politische Frage, die durch eine relative Dezentrierung der sozialen Kämpfe gegenüber der staatlich-nationalen Achse als Hauptorganisator der historischen Repräsentation gekennzeichnet ist. Genau an dieser Stelle, so Sibertin-Blanc, wird von Deleuze/Guattari das Konzept des Werdens auf das Problem der Minderheiten übertragen, und es entsteht die konzeptionelle Hybridisierung eines „Minoritär-Werdens“, die die klassische Revolutionsformel umzukehren und neu zu definieren scheint.

Deleuze/Guattari zeigen in ihrer Analyse der Axiomatik des „integrierten globalen Kapitalismus“ aber auch, dass diese Dezentrierung nicht nur die Wirkung von neuen Kampfformen ist, sondern dass sie im Kontext des Aufstiegs neuer kapitalistischer Akkumulationsmächte zu sehen ist, die die sozialen und wirtschaftlichen Interventionsmechanismen der Staaten sowohl nutzen als auch aushöhlen. Man könnte an dieser Stelle auf die Frage der internationalen Zirkulationskämpfe eingehen, die ihre Gestalt heute in den Riots finden, wie sie Joshua Clover eindringlich beschrieben hat. Die Unterscheidung zwischen revolutionärem Werden und der Geschichte der Revolution hat unweigerlich eine Spaltung verinnerlicht, die der Idee der Revolution selbst innewohnt: zwischen der Revolution als einem historischem Konzept und der Revolution als praktischer Idee. Die darauf bezogenen Formulierungen von Deleuze/Guattari oszillieren für Sibertin-Blanc zwischen zwei instabilen Positionen: Entweder verhärten die Autoren die Heterogenität der beiden Pole, die der Minderheiten und dem integralen Kapital, auf die Gefahr hin, nicht mehr zeigen zu können, wie denn das revolutionäre Werden der Minderheiten zu einer universellen Politik gelangen kann,  oder sie dialektisieren die Beziehung und machen das kommende „Ergebnis“ des Werdens  zum Einsatz einer „Mikropolitik“, die die Frage nach den Schwellen und Umbrüchen bezüglich makropolitischer Wirksamkeit auf unbestimmte Zeit aufschiebt.

Diese Ambivalenzen werden in den Tausend Plateaus nicht aufgelöst, sondern sie werden durch eine zweite Formulierung des Minderheiten-Werdens kurzgeschlossen, die die Minderheiten nicht mehr an die Spitze einer neuen universellen Klasse projiziert, sondern innerhalb eines Herrschaftssystems formalisiert, das auf der Unterscheidung von Mehrheit und Minderheit basiert, einer Differenz, die aus der Perspektive einer Semiologie der Identitätszuweisungen betrachtet wird, d.h. logische und semiotische Operationen exekutiert, die eine ungleiche Einschreibung von Praktiken und sozialer Vielfalt in Minderheiten aufzeigen, und zwar sowohl als Regime der Äußerung als auch als subjektive Positionen, in denen Gruppen individualisiert, werden, indem sie ihre Interessen und Forderungen artikulieren.

Die Mehrheit setzt für Deleuze/Guattari immer eine Konstante oder einen Standard voraus, sei es in Bezug auf den Ausdruck oder auf den Inhalt. Die Autoren sprechen die Konstante eine dominanten Mannes an, weiß, erwachsen, Stadtbewohner, der englisch spricht. Es ist offensichtlich, dass diese Männer die Mehrheit sind, auch wenn sie weniger zahlreich wären als Kinder, Frauen, Schwarze, Homosexuelle etc. Denn sie tauchen zweimal auf, einmal in der Konstante und einmal in der Variablen, aus der die Konstante entnommen wird. Als entgegengesetzte Bestimmung taucht die Minorität auf, die unabhängig von der Anzahl als Teilsystem oder außerhalb des Systems existiert, und die zugleich das Werden aller beinhalten soll, zumindest ein potenzielles Werden in dem Maße, wie es vom Modell der Mehrheit abweicht. Die Majorität beinhaltet ein homogenes und konstantes System, während es sich bei den Minoritäten um Subsysteme handelt, die aber auch ein potenzielles und kreatives Werden erzeugen können. Die Mehrheit hat einen Inhalt, der durch deren Hegemonie konstruiert wird und einem bestimmten Zustand der Herrschaft entspricht, wobei in diesem Inhalt sowohl diejenigen subjektiviert werden, die mit der Mehrheit identisch sind (und sich mit ihr auch identifizieren), als auch diejenigen, die der Mehrheit nicht angehören, die sich aber dennoch mit einer sie eigentlich nicht betreffenden Positivität des Systems identifizieren können. Deleuze/Guattari sprechen an dieser Stelle ein Herrschaftsverhältnis an, das sich im stets tautologischen Charakter der Kriterien der Mehrheit ausdrückt, das aber auch die Sprache bereitstellt, in der die Beherrschten ihre Forderungen formulieren können (der nationale Arbeiter, qualifiziert, männlich etc.). Was die Plastizität dieses Arrangements ausmacht, ist jedoch gleichzeitig das, was es dem Ungleichgewicht aussetzt, wenn seine Logik bis zum Ende durchgezogen wird.

Der Übergang zur Grenze wird von Deleuze/Guattari mittels einer Reihe illustriert: Mann-Weiß-Erwachsener-Gehaltsempfänger, „vernünftig“, Stadtbewohner, der eine Standardsprache spricht, Europäer, Heterosexueller etc. Die Liste ließe sich praktisch bis zu dem Punkt fortsetzen, an dem sichergestellt ist, dass niemand vollständig mit ihr übereinstimmen kann. Damit stellt sich das Problem der schwankenden Instrumentalisierung gezielter Diskriminierungskriterien in Abhängigkeit von den Umständen und politischen Zielen, der Überschneidung einiger dieser Kriterien sowie der Verschmelzung verschiedener Herrschaftsverhältnisse. Auf der allgemeinsten Ebene zeigt die Analyse, dass die Mehrheit eine leere Universalität definiert, dass Normen, die als mehrheitliche Konstanten festgelegt werden, weniger verordnet werden, damit man sich ihnen anpasst, sondern dazu dienen, um diejenigen zu messen, die sich ihnen nicht anpassen, und um die Abstände zwischen ihnen zu identifizieren und zu kategorisieren. Foucault folgend fordern normative Äußerungen nicht einfach nur Identifikation oder Konformität („Normalisierung“), sondern sie ermöglichen eine Aufzeichnung der verschiedenen Verhaltensweisen in Bezug auf vermeintliche Interpellation, um das Andere zu identifizieren, anstatt es identisch zu machen, oder, um es anders zu sagen, um die „Abweichung“ in einem reproduzierbaren Raum der Aufteilung des Ungleichen zu messen und zu fixieren und um Berichtigungen zu einem Mittel zu machen, um neue Zuschreibungen von Nonkonformität, Abweichung oder „Unangepasstheit“ zu produzieren.


Demgegenüber bedeutet die Idee des Minoritär-Werdens als kreatives Potenzial, dass diese Machtarrangements sich niemals vollständig etablieren können. Dabei werden die minoritären Prozesse  nicht einfach durch Abweichung definiert, sondern durch die nicht kodierten oder nicht geregelten Merkmale der Abstände, die sie in die distributiven oder differentiellen Positionen einbringen und die es erforderlich machen, dem Nicht-Kategorisierbaren, dem Nicht-Verteilbaren, den störenden Oppositionen einen Platz einzuräumen. Sie bilden einen Knackpunkt, der verhindert, dass sich die objektive Repräsentation in sich selbst verschließt oder dass das soziale System mit der Struktur der oppositionellen Beziehungen zusammenfällt, die es zu einem System unterscheidbarer Positionen machen. Zwischen den „Positionen“ gibt es immer noch voll erlebbare und manipulierbare transpositionelle subjektive Prozesse. Der entscheidende Punkt liegt in der spezifischen Wirksamkeit dieser transidentifikatorischen und minoritären Prozesse, die jede hegemoniale oder majoritäre Konstruktion im Inneren schwächen. Die sprachlichen Einheiten werden für Deleuze/Guattari immer durch Machtoperationen erzwungen, indem sie kollektive Arrangements der Äußerung auf ein System homogener Ausdrücke möglich machen. Die Minderheiten arbeiten demgegenüber gegen die leere Universalität der hegemonialen Norm und gegen die einschließende-ausschließende Partikularisierung der Minderheit als Subsystem an.

Da dieser Prozess weder partikularisierbar noch universalisierbar ist, tritt er nicht in die Dialektik zwischen dem Universellen der Gemeinschaft und der distributiven Partikularität ihrer Teile oder Orte ein, sondern gehört eher zur „Heterogenität“ im Sinne von Bataille oder noch mehr zu den  „Simulakren“ eines Klossowski. Diese Heterogenität wird nicht als Überbleibsel oder als einfache Durchbrechung des Totalisierungshorizonts verstanden, da sie einer Logik der „inklusiven Disjunktion“ folgt, die jede binäre Beziehung zwischen Hauptsubjekt/Minderheitssubjekten mit einer wesentlichen Störung versieht. Sie geht also nicht positiv in die Konstruktion einer antagonistischen Konfliktualität oder einer gegenhegemonialen Mehrheit ein, nicht weil sie außerhalb davon steht, sondern weil sie genau die Art und Weise nutzt, wie zugewiesene, anerkannte, majorisierte oder Identifikationen von einem Anderen betroffen werden können, das die Systeme nicht unterscheiden können, ohne es einzuschließen.  Die Crux der Theorie bestünde nun darin, einerseits eine immanente Aussage oder eine immanente Beschreibung über ein System zu treffen, das seiner inneren Logik inklusive der Integration des Anderen bis zum Ende folgt, ihm also qua Theorie nichts hinzufügt und es dennoch völlig umkehrt und damit zeigt, dass es ohne dieses Andere oder Nichts nicht möglich ist, dass es selbst aber auch unmöglich macht. Es geht zudem darum, ein Anderer zu werden, und zwar in einer Weise, die Rancieres „Heterologie“ der politischen Subjektivität zu entsprechen scheint, die von einer De-identifikation und einer unmöglichen Identifikation ausgeht. Daraus ergibt sich die Idee, dass die kritische Wirksamkeit dieses Prozesses gleichzeitig gegen die leere Universalität der hegemonialen Norm und gegen die ausschließende/ einschließende Partikularisierung einer Minderheit als Subsystem wirkt. Dieses Minoritär-Werden ist ein Prozess, der das „große“ Subjekt grundlegend beeinflusst, aber hier nicht nur unter dem Einfluss kapitalistischer Dekodierungen, der Hinzufügungen und Subtraktionen sozialstaatlicher Axiome, die die Deregulierungen „regeln“, sondern in dem Maße, wie die Minderheiten selbst in der Lage sind, in einen Prozess des Minoritär-Werdens einzutreten, der ihre eigenen „Variablen“ betrifft. Entweder lässt man sich vom Staat als eine Minderheit reterritorialisieren, oder man wird in einem Werden deterritorialisiert bzw. aktiv subtrahiert.

Was eine Minderheit ausmacht, ist also nicht die Zahl, sondern die Beziehungen innerhalb der Zahl. Eine Minderheit kann zahlreich oder sogar unendlich sein; das Gleiche gilt für eine Mehrheit. Der Unterschied besteht darin, dass bei der Mehrheit die Beziehung innerhalb der Zahl eine Menge darstellt, die endlich oder unendlich sein kann, aber immer abzählbar ist, während die Minderheit als nicht abzählbare Menge definiert ist, egal wie viele Elemente sie hat. Was der Minderheit eigen ist, ist hier wie bei Badiou die Behauptung einer Potenz des Nicht-Abzählbaren, auch wenn diese Minderheit aus einem einzigen Mitglied besteht. Das ist die Formel für Multiplizitäten.

Sibertin-Blanc behauptet nun, dass Deleuze/Guattaris Begriff der Minderheiten durch eine Reihe von Wiederholungen und Umkehrungen den Platz des marxistischen Begriffs des revolutionären Proletariats einnimmt und gleichzeitig problematische Knotenpunkte dieses Konzepts verinnerlicht. Hier taucht die Schwierigkeit auf, die Identifikation des Subjekts der Revolution aufrechtzuerhalten, das der Marxismus glaubte garantieren zu können, und gleichzeitig die Schwierigkeit, in der Leere zu denken, die durch seinen Rückzug entstanden ist. Hier oszilliert die Subjekttheorie einerseits zwischen den Darstellungen eines zerstreuten, fast nicht realisierbaren Subjekts (Rancières „sans-parts“), und auf der anderen Seite den Darstellungen eines neuen universellen Subjekts (die von Negri und Hardt eingeführte Multitude). Es gibt zudem eine begriffliche Unterscheidung zu treffen, zwischen dem Minoritär-Werden als kreatives Potenzial und den Minderheiten als „Zustände“ bzw. als Subsysteme, die durch ein Machtsystem, das sie als solche konstituiert, minorisiert werden. In diesem Kontext sieht Sibertin-Blanc weiter die Gefahr, dass die minoritäre Strategie von Deleuze/Guattari und der Begriff des minoritären Werdens, der ihre Erwartungen verdichtet, sowohl theoretisch unverständlich als auch politisch leer, wenn nicht gar nihilistisch bleiben, wenn sie nicht in Verbindung mit der globalen kapitalistischen Axiomatik gebracht werden.

Wenn man diese Problematik mitdenkt, dann kann man Sibertin-Blancs Hypothese üüberprofen, die behauptet, dass die minoritären Kämpfe in der Analyse von Deleuze/Guattari an die Stelle des Klassenkampfes treten, und zwar nicht in dem Sinne, dass sie ihn verdrängen, sondern dass sie ihn erweitern, indem sie seine Koordinaten komplexer machen, seine Realisierungsweisen verändern, aber auch indem sie einige seiner Voraussetzungen und bestimmte Schwierigkeiten verinnerlichen.

Für Sibertin-Blanc unterscheiden sich in der Folge von Deleuze/Guattari die Faktoren, die mit der Konstitution von Minderheiten zusammenhängen, nicht grundlegend von den Faktoren der Proletarisierung. Wenn Deleuze/Guattari schreiben, dass „die Macht der Minderheit, der Partikularität, ihre Gestalt oder ihr universelles Bewusstsein im Proletariat“ findet, dann weil sie sich gerade weigern, das Proletariat, das zum Teil als variables Kapital innerhalbder sozioökonomischen Strukturen des Kapitals existiert, unabhängig von den widersprüchlichen Dynamiken zu betrachten, durch die diese Struktur einerseits das Proletariat in sich selbst aufrechterhält und durch die sie zumindest teilweise sogar Effektivierungsformen  setzt, andererseits aber auch die Bedingungen für die Kämpfe setzt. Deshalb verweisen sie bei ihrer Verortung des Minoritär-Werdens auf die systematischen Dynamiken des weltweiten integralen Kapitalismus.

Ausgehend von den geoökonomischen und geopolitischen Achsen der Kapitalakkumulation in den ungleichen Abhängigkeitsverhältnissen zwischen „Zentrum“ und „Peripherie“ benennen Deleuze/Guattari  folgende Faktoren, die minoritäres Werden hervorbringen können: Dekodierungen der Nahrungsströme, die zu Hungersnöten führen, Dekodierungen der Bevölkerungsströme durch die Zerstörung indigener Lebensräume und Urbanisationen sowie Dekodierungen der Materie-Energie-Ströme, die politische und monetäre Instabilitäten erzeugen. Die Entwicklung eines prekären Proletariats, dessen Lebensunterhalt nur durch den informellen Sektor, durch staatliche Transferleistungen und temporäre, nicht rechtlich abgesicherte Löhne gesichert wird, und die Existenz eines Surplus-Proletariats, das von der Lohnarbeit ganz ausgeschlossen ist, bilden die Ressourcen selbst noch für „interne Dritte Welten“ in den Metropolen. Dies eröffnet auch die Möglichkeit für eine Vielzahl von qualitativ neuen Kämpfen in allen sprachlichen, ethnischen, regionalen, sexistischen und jugendlichen Bereichen, aber diese Kämpfe werden immer von der systemischen Ungleichheit des integralen globalen Kapitalismus überdeterminiert.

Das globale kapitalistische System „minorisiert“ ebenso wie es prole-tarisiert. Dennoch muss, so Sibertin Blanc, der Unterschied zwischen den beiden Prozessen genauer untersucht werden. Der marxistische Begriff des Proletariats bezieht sich zuerst auf seine Stellung innerhalb der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, die durch die Enteignung von den Produktionsmitteln und die Eingliederung in den Produktionsprozess als Arbeitskraft gekennzeichnet ist, aber eben auch auf die Macht des Werdens, das,  was die Klasse konstituiert, um die Klasse abzuschaffen, oder wie Balibar sagt, seinen Übergangswert anzeigt.  Im Operaismus wird der zweite Aspekt so überakzentuiert, dass das Proletariat als solches keine positive Funktion für das Kapital hat, insofern es vor
allem befreiende „Produktivkraft“ ist, als hätte es nichts mit der Produktion und Extraktion des Mehrwerts durch das Kapital zu tun, der Metamorphose von „lebendiger Arbeit“ in „Kapital. Minderheiten sind wiederum „proletarisierte“ Massen, letztere
insofern, als sie in die institutionellen, sozialen, rechtlichen und ideologischen Strukturen der Nationalstaaten eingebunden sind (und der  Transpolitik, die sie auf statistische Größen reduziert, müsste man mit Baudrillard sagen). Losgelöst von einer rein ökonomischen Bestimmung des Arbeiterklasse und einer soziologischen Bestimmung des Proletariats  ist der Begriff der Minderheit nicht ohne Prozesse zu denken, durch die die Staatsmacht, die Kultur und die Medien sie in die sozialen und institutionellen Strukturen der kapitalistischen Formation eingliedern. Als „Minorisierung“ bezeichnet Sibertin-Blanc nun den kreativen Abstand, der im Prozess der Proletarisierung, dem was durch das Kapital an Verfügbarkeit über Lebensprozesse entzogen wird, und dem, was durch soziale und politische Rechte, gesetzliche und symbolische Anerkennungen, Vertretungs- und Delegationsorgane in liberale Staatsform reintegriert wird, entsteht.

 
Der Begriff der Minderheit beinhaltet folglich eine irreduzible Vielfalt, die sich weder in der Skizze eines Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit noch in der vermeintlichen Homogenität der sogenannten Arbeitnehmerbedingungen auflösen lässt. Dabei gilt es immer die Variabilität der Positionen der Staaten innerhalb der internationalen Arbeitsteilung und die ungleiche Integration ihres Binnenmarktes in den Weltmarkt, die Variabilität der politischen Strukturen und Regime, die zwischen sozialdemokratischen und totalitären Polen schwanken, mitzudenken. Zudem die Differenz zwischen der institutionellen und rechtlichen Integration von Minderheiten als „Subsystem“ und dem Ausschluss von Minderheiten aus dem System, die dann der repressiven staatlichen Gewalt ausgeliefert sind; die entsprechende Variabilität der Formen und des Entwicklungsgrads der Minderheitenkämpfe;die Variabilität der Arten der politischen Manipulation von Minderheiten.

Deleuze/ Guattari denken einerseits die Bipolarität der kapitalistischen Systeme in der Addition/Subtraktion von Axiomen und andererseits die Bipolarität von Mehrheit und Minderheit. Dabei kann die Minderheit nicht als „Zustand“ analysiert werden, der mit Invarianten oder Indikatoren für Konstanten beschrieben werden kann. Es kommt zu einer exklusiven Inklusion der Minderheiten, die durch ein Spektrum von Variationen, Verschiebungen gekennzeichnet ist.

Weiterhin gilt es den Unterschied zwischen „proletarisch werden“ und „minoritär werden“ als einen Unterschied innerhalb des Proletariats selbst zu verstehen. Dies ermöglicht es wiederum, so Sibertin-Blanc, die minoritäre Strategie von Deleuze/Guattari mit den neueren Debatten über die „Biopolitik des Kapitals“ oder der Surplus-Bevölkerung zu konfrontieren, die schon von Marx gegenüber dem Proletariat und seiner industriellen Reservearmee abgegrenzt wurde. Die erweiterte Reproduktion des Kapitals kann nicht stattfinden, ohne einen Überschuss  im Verhältnis zur Arbeitskraft, die in die Lohnarbeit integriert ist,  zu schaffen und zu proletarisieren. Was Marx als relative Überschussbevölkerung bezeichnet, die gleichzeitig proletarisiert ist und außerhalb des Lohnverhältnisses steht, ist  die industrielle Reservearmee, die den Kontakt zum offiziellen Arbeitsmarkt nicht ganz verloren hat,  waährend die absolute Überschussbevölkerung das Surplus-Proletariat umfasst, das auch jenen Kontakt noch verloren hat.

Deleuze/Guattari sagen, dass die Kämpfe der Minderheiten nicht einfach mit den Kämpfen der Arbeiterklasse gegen das Kapital
identifiziert werden können, weil die Minderheiten sich zunächst aus der relativen und absoluten Überschussbevölkerung rekrutieren. Die Minderheitenbildung ist also doch nicht ganz mit der Proletarisierung gleichzusetzen, sondern hängt mit der internen Unterscheidung zwischen dem Teil der Bevölkerung zusammen, die dem Kapitalverhältnis subsumiert ist, und der „überzähligen“ Bevölkerung, die spezifisch neue Probleme der Subsumtion aufwirft. Minderheiten sind zwar immer bis zu einem gewissen Grad in den wirtschaftlichen und sozialen Enteignungsprozess der Proletarisierung verwickelt, der untrennbar mit den verschiedenen Kombinationen von Zerstörungen in den kulturellen und territorialen „Überbleibseln“ verbunden ist, aber auch noch weiteren Diskriminierungen unterworfen.

Marx ist dafür kritisiert worden, dass er die primitive Akkumulation und die eigentliche Akkumulation als zwei aufeinanderfolgende historische Phasen unterschieden hat, anstatt ihre Artikulation als permanente Bedingung der erweiterten Reproduktion des Kapitals zu analysieren. Durch diese entsteht gerade auch eine absolute Überschussbevölkerung, absolut nicht ausbeutbar. Der entscheidende Punkt ist, dass die Surplus-Bevölkerung und die industrielle Reservearmee ein organischer Bestandteil der Einverleibung in die kapitalistischen Produktionsverhältnisse wird. Letztere steht im Zusammenhang mit der  Existenz eines Arbeitsmarktes, der scheinbar nur seine eigenen, endogenen Zwänge auf die Individuen ausübt und den äußeren staatlichen Zwang durch den stillen Druck der Überzähligen ersetzt. Sozialliberale Strategien neigen dazu, die Minderheiten als Teil der relativen Überschussbevölkerung als in die Produktionsverhältnisse integrierte Bevölkerung zu behandeln und sie in den entsprechenden sozialen Institutionen zu zählen (indem sie Minderheiten als Subsysteme konstituieren und den“Sans-Papiers“ einen Teil geben); neoliberale Strategien streben danach, integrierte Bevölkerungen als relative Überschussbevölkerungen zu behandeln und soziale Institutionen zu zerstören, gemäß dem Wahn, dass man es immer nur mit Kapital zu tun hat, und der Umsetzung dieses Wahns in der Eliminierung dessen, was nicht als „Humankapital“ codierbar ist. Das eine ist nicht zynischer als das andere, denn der Zynismus ist eine immanente Dimension der Struktur selbst. Wenn das Produktionsverhältnis die Voraussetzung für seinen eigenen Zyklus der erweiterten Akkumulation setzt, wird die Überschussbevölkerung durch dieses Verhältnis selbst, durch den immanenten Rhythmus und das Ausmaß der Zerstörung nicht-kapitalistischer sozialer Beziehungen gesetzt. Das Verschwimmen von relativem Überschuss als industrielle Reservearmee und absolutem Überschuss als Surplus-Proletariat  erhält seine objektive Bedeutung in Abhängigkeit von der realen Verallgemeinerung des Kapitals, das dazu neigt, jede andere soziale Beziehung auszuschließen. Mit der Unterschätzung des Erfindungsreichtums des Kapitalismus und der Flexibilität der institutionellen und staatlichen Rahmenbedingungen für die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse entsteht die Auffassung, dass die relevanten theoretischen und praktischen Probleme des revolutionären Prozesses durch die unfehlbare historische Entwicklung der Produktionsweise spontan gelöst werden würden. Die Vervielfältigung der Funktionen des Kapitals und der Interessen, die sie bestimmen, die Komplexität der Produktions-, Zirkulations- und Konsumtionsprozesse, die Zunahme staatlicher Eingriffe in die kapitalistischen Gesellschaftsbeziehungen und die Verteilungsmodi des gesellschaftlichen Reichtums und schließlich die Internalisierung des Staates in Brüchen und Klassenzusammensetzungen formulieren das entscheidende Problem einer autonomen Politik der revolutionären Bewegung neu: Die Erfindung von originären Organisationsformen, aber auch von Kultur, Denken und Praktiken, die in der Lage sind, den asymmetrischen Charakter des Konflikts aufrechtzuerhalten und so innerhalb des revolutionären Prozesses die immanenten Bedingungen einer Politik zu schaffen, die sich nicht an den Formen der bürgerlichen Politik oder den Praktiken der kapitalistischen Staatsmacht orientiert.

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