PhiloFiction

Régis Debray: Lob der Grenzen

By

3 Jun , 2016  

Das vor kurzem im Laika Verlag erschienene Buch „Lob der Grenzen“ von  Régis Debray basiert auf einem Vortrag, den er auf einer Konferenz gehalten hat, die am 23. Marz 2010 in der“Maison franco-japonaise“ in Tokio stattfand.
Debray folgt in seinem elaborierten Loblied auf die Grenze zunächst einem Paradox:

Jeder soll die Öffnung begrüßen, wahrenddessen die Verschlussindustrie (thermische Kollektoren und elektronische Systeme) ihre Verkaufszahlen verzehnfacht. Only one world summt das Show-Business, und es gibt viermal so viele Staaten in der UNO als zu ihrer Gründung. Der Horizont des Konsumenten dehnt sich aus, der des Wahlers kauert sich zusammen. Wahrend das Mantra der Deterritorialisierung, obwohl es schwer auszusprechen ist, gebieterisch auf unseren Kolloquien ertont, „territorialisiert“ das internationale Recht das Meer – das fruhere res nullius – in drei unterschiedliche Zonen (Hoheitsgewässer, Anschlusszone und Ausschließliche Wirtschaftszone). Die Ökonomie globalisiert sich, die Politik provinzialisiert sich. Durch Mobiltelefone, GPS und das Internet werden die Antipoden zur Nachbarschaft, aber die Nachbarn des Townships ziehen ihre Messer und stechen sich umso brutaler ab. Das ist der große Unterschied. Selten gab es in der langen Geschichte der abendländischen Gutgläubigkeit eine vergleichbare Kluft zwischen unserem Denken und der existierenden Realität. Zwischen dem, was wir fur wünschenswert halten, und dem, was ist.

Das Loblied auf die Deterritorialisierung haben die Deleuzianer lange gesungen, zu lange; es blieb Bifo Berardi und zuletzt Sloterdijk vorbehalten, anzumerken, dass die Bewegung der Deterritorialisierung in den globalen Geldkapitalströmen des finanziellen Kapitals zu sich selbst gekommen sei. Nicht nur sie, die Diskurse über Vielfalt, Durchlässigkeit und Vernetzung drängen auf die Aufhebung der Grenze, ja auf die Zerstörung der Haut, die am Anfang war. Und mit ihr die Grenze.

Als polemische Schnittstelle zwischen Organismus und Außenwelt ist die Haut genauso weit von einem wasserdichten Vorhang entfernt wie eine Grenze, die diesen Namen verdient, von einer Mauer. Die Mauer verbietet den Durchlass; die Grenze reguliert ihn. Einer Grenze zu sagen, sie sei durchlässig, bedeutet, ihr ihre Aufgabe vorzuhalten: sie ist da, um zu filtern. Ein lebendiges System ist ein thermodynamisches System des Austausches mit der Umgebung, terrestrisch, maritim, sozial.

Ubiquitär wird vom Transit geschwärmt, der die Welt zu einer Ansammlung von Un-Orten macht. Selbst die Finanzmärkte sind solche Un-Orte, an denen es zur Fixierung von Preisen, Erwartungen und Spekulationen kommt, zu einer quasi-autonomen Bewegungsform des Handels mit Wertpapieren, und dies als differenzielle Akkumulation von Geldkapital.

Es gibt zunehmend Un-Orte der nicht zu unterscheidenden Unpersonen, die an diese Gegenden angrenzen oder sie abstecken, nützliche und sogar unerlässliche Hafen, aber ohne Qualität oder Gesicht: Supermärkte, Flughafen, Tankstellen, Parkplätze, Autobahnen, Bahnhofe und Mautstationen. Die Leichtsinnigen leiten daraus die Vision des Planeten als Drehkreuz ab, weitläufige Flughafen ohne Menschen, die Mars und Pandora verbinden, mit schwebenden Zweifüßlern, die nie mehr ihre beiden Füße irgendwohin setzen müssen. Ein teleportierter Konsument, eine Luftstadt in den Dimensionen des Globusses: der Gedanke des Uberfliegens ist verpufft, genau wie die Wirtschaft der Schwerelosigkeit, die ihn begleitet. Auch wenn es sinnvoll erscheint, die Welt zu vernetzen, heißt das nicht, dass man dieses Netz wie die Welt bewohnen kann. Es ist unmöglich, aus einem Durchgangsort einen Aufenthaltsort zu machen, weil das Vis-a-vis fehlt. Es gibt kein Anti– auf der anderen Seite. Wie soll man sich setzen, ohne sich zu widersetzen? Eine Gesellschaft ohne ein sie anerkennendes oder belagerndes Außen hatte keinen Existenzgrund; so wie eine Nation, die allein auf der Welt wäre, sich auflösen wurde, ihre Nationalhymne, ihre Fußball- oder Kricketmannschaft, bis zu ihrer Sprache. Eine juristische Person hat einen Umriss, sonst wäre sie keine. Demzufolge ist die „Internationale Gemeinschaft“ keine. Der schlaffe Zombie bleibt eine hohle Formel, ein rhetorisches Alibi in den Händen des abendländischen Direktoriums, das bis jetzt kein Mandat beansprucht hat.

Man meint, die Zeitgenossen könnten gar nicht aufhören, das hohe Lied der Konnektivität zu singen. Es ist ein imperialistisches Diktat. Selten wurde in diesem Kontext Deleuze so missverstanden. In Wahrheit äußert sich Deleuze äußerst pessimistisch zur Konnektivität. Diese operiert durch die inklusive Disjunktion, einem Prozess, der heterogene Elemente in Kommunikation versetzt, ohne dass sie eine gemeinsame Logik besitzen müssen. Deleuze hasst die Kommunikation. Alexander Galloway spricht im gleichen Atemzug von Netzwerkpessimismus. Debray sieht die Dinge ähnlich:

Während wir auf dieses Wunder der grenzenlosen Verbrüderung im Angesicht des Außerirdischen warten, lösen wir die Siegel ab, zerschlagen wir die Codes, zerbrechen wir die Schlosser, connecten wir uns, klicken wir, twittern wir, mailen wir nach Herzenslust, aber wir glauben nicht daran, dass die Verbindung das geheime Einverständnis aufwiegt. Zu jeder zivilen oder spirituellen Offensichtlichkeit gehört eine technische Apparatur, aber es ist weit vom „Konnektiv“ zum Kollektiv.

Es gibt keine Limits mehr, heißt es. Die Inklusion schreitet durch und mit der Divergenz voran. Das ist der Sieg der Differenz, die in der Inklusion alles verschwimmen lässt. Die Macht mag die Differenz. Nietzsche ist angekommen. Mit Nietzsche lässt sich nämlich behaupten, dass die Eigenschaften eines Dings nur Effekte für andere Dinge sind. Wenn man nun den Term „anderes Ding“ eliminiert, dann hat ein Ding gar keine Eigenschaften mehr, und die Folgerung daraus lautet, dass es definitiv kein Ding ohne andere Dinge gibt, i.e. es dominieren absolut die Relationen. Oder anders gesagt, die Dinghaftigkeit löst sich in den Strom der differenziellen Ereignisse auf. Unendliche Vermischung von allem und jedem.

„Heutzutage gibt es keine Limits mehr“, hört man jeden Morgen an der Kasse, am Tresen, wohin sich in Paris die beste Philosophie geflüchtet hat. Feuerbach, Erzieher des großen Marx, wurde im Bistro seine Kinder erkennen. Keine Limits mehr, tatsächlich, angefangen beim Anstieg der Bezahlung und der Pfründe über den Firlefanz der Madame Schamlos zur Gleichgültigkeit der ungezwungenen Präsidenten. Die Schamlosigkeit der Epoche rührt von keinem Exzess, sondern einem Mangel an Grenzen her. Es gibt keine Limits von mehr, weil es keine Limits zwischen mehr gibt. Zwischen Staatsgeschäften und Privatinteressen. Zwischen Bürger und Individuum, Wir und Ich. Zwischen Sein und Schein. Zwischen Bank und Casino. Zwischen Nachrichten und Werbung. Zwischen Schule auf der einen Seite, dem Glauben und Interessen auf der anderen. Zwischen Staat und Lobbys. Zwischen Umkleide und Rasen. Schlafzimmer und Büro der Staatschefs. Und so weiter. Interessenskonflikte und gefährliche Liebschaften resultieren aus einer Vermischung der Ebenen. Das Prinzip des Laizismus hat einen Namen: die Separation. Das Gesetz ist öffentlich, das Private bleibt zuhause. Es begann im Mai 1968 in der Euphorie eines sympathischen Tohuwabohu. Es versinkt momentan in übler Geschäftemacherei und in wirrem Exhibitionismus. Es ist an der Zeit, den Gott Terminus anzuflehen, die Grenzsteine wieder aufzustellen und die gelben Linien nachzuzeichnen. Sonst sind wir nicht mehr weit vom „Untergang der Welt“ entfernt, den Feuerbach, der Autor von Das Wesen des Christentums, ausrief – jedenfalls vom Untergang der facettenreichen Welt, die noch nicht durch das Empire aus Zahlen und Bildern geglättet und formatiert wurde, weil sie bestimmte Formen einhalten musste.
Das Informelle ist momentan vermurkst. Weil es sofort zur Sache kommen will, ohne Verzögerung und ohne viel Aufhebens. Es mochte spontan, frei von Komplexen sein, und das riecht nach Fertigprodukt. Die Abwesenheit der Präliminarien schadet der Lust, wie der Verfahrensfehler der gerechten Justiz. Es gibt keinen Wächter mehr im Haus, keine Schwelle zum Laden. Sie kundigen nur mehr Verdrießliches an, E-Mails ohne Höflichkeitsfloskeln, Sex ohne „Techtelmechtel an der Tür“, MacDonalds ohne Vorspeise. Das Gluck liegt auf der Wiese, meinetwegen, aber nicht auf der Brachfläche
Die prominenten Soziologen, die Distinktion für Überheblichkeit hielten, haben die Geldschleusen geöffnet. Dies verärgert jede Barriere, und die kulturelle Besonderheit ertragt es nicht. Die Grenze hat eine schlechte Presse: sie verteidigt die Gegenmächte. Erwarten wir nicht von den etablierten Machthabern, die in der stärkeren Position sind, dass sie für sie werben. Noch dass die, die über die Mauer geklettert und finanziell geflüchtet sind – Mitglieder des Jet-Sets, Fußballstars, Schwarzhändler für Arbeitskräfte, fünfzigtausend Dollar-Conferenciers, multinationale Adepten der Transferpreise –, dem, was sich ihnen in den Weg stellt, ihre Liebe erklären. In der Monotonie des Geldmachens (Geld ist immer mehr oder weniger das Gleiche) wachst die Erwartung ins Unermessliche. Bis ins Unvergleichliche. Zur Verweigerung. Damit man wieder zwischen wahr und falsch unterscheiden kann. Darin liegt übrigens der Schutzschild der Untertanen vor der Ultra-Geschwindigkeit, dem Unfassbaren und der Omnipräsenz. Die Enteigneten haben ein Interesse an einer klaren und deutlichen Demarkationslinie. Das einzige Kapital, was sie haben, ist ihr Territorium, und die Grenze ist ihre Haupteinnahmequelle (je ärmer ein Land ist, desto abhängiger ist es von den Einfuhrsteuern). Die Grenze gleicht die ungleichen Kräfte aus (ein bisschen). Die Reichen gehen, wohin sie wollen, pfeilschnell; die Armen gehen, wohin sie können, sich abstrampelnd. Diejenigen, die die Vorratslager beherrschen (Nuklearsprengkopfe, Gold und Devisen, Wissen und Diplome), können mit dem Geldfluss spielen, wobei sie noch reicher werden. Diejenigen, die nichts auf Lager haben, sind die Spielbälle des Flusses. Der Starke ist flüssig. Der Schwache hat nur den Schoß der Familie, eine uneinnehmbare Religion, ein unbesetzbares Labyrinth, Reisfelder, Berge, Deltas. Asymmetrischer Krieg. Der Räuber hasst die Stadtmauer; die Beute liebt sie. Der Starke dominiert die Lüfte, was ihn übrigens dazu verleitet, seine Kräfte zu überschätzen. Widerständler, Guerilleros und „Terroristen“ haben weder Hubschrauber noch Drohnen oder Überwachungssatelliten. Nicht der Himmel ist ihr Freund, sondern der Untergrund. Sie sind eins mit dem Tunnel, der Höhle und den unterirdischen Gängen. Gut gemacht, alter Maulwurf!

Demarkationslinien ziehen. Die Nicht-Relation lobpreisen. Die Identität. Das Denken jenseits der Relation und des Relationismus verlangt ein Denken in den Termen der Singularität. Die Situation der Nicht-Relationiertheit ist für Laruelle die einer radikalen Einsamkeit. Sie kann sich nur auf die Instanz der Eins-heit beziehen. Über Laruelle hinaus entdecken wir das Konzept eines schwachen Kommunismus oder was Galloway einfach „Kollektivität“ nennt. Die Kollektivität erfordert einen anderen Umgang mit den Differenzen. Das hohe Lied auf radikale Offenheit, absolute Kontingenz und Differenz, das die Queeren singen, endet in der totalen Paranoia. MultiKulti ist das Resultat des Narzissmus der kleinen Differenzen, die in Echtzeit protokolliert werden. Debray umschreibt dies mit Wald- und Wiesen-Globalisierung.

Wünschen wir uns eine andere Unterkunft als einen Bau oder eine Grotte, aber tauschen wir uns nicht darin, was uns die Globalisierung anstelle der Balkanisierung bringt. Insbesondere, was die diasporische Bombe hier und da an identitätsstiftender Energie freisetzt. Migrationsstrome, Verkehr und Vermischung der Menschen sind willkommen, aber das Harlekinkostüm der Erde birgt so viel Konfrontation wie Mischung. Der Ansturm der Immigranten schürt die Xenophobie der reichen Aufnahmeländer, und in den Megastädten im Würgegriff heben die Armutsexilanten ihren eigenen Schützengraben aus. In Die Form der Stadt erinnert Julien Gracq an den „latenten und fortwährenden Reibungszustand, der die Beziehungen elektrisiert.“ Das zivilisatorische Hin- und Herreiben führt zum Ekzem. Die religiösen Fundamentalismen sind Hautkrankheiten einer globalen Welt, in der die Kulturen auf Tuchfühlung sind. „Wenn sich der grenzenlose Raum vereint, bis er eine einzige Grenzzone ist, dann wird die ganze Welt zur Reizzone.“ Und jeder Schmerz wird ein wütender Aufschrei, jede Unstimmigkeit eine Frage der Ehre. Man stößt sich, man spioniert sich aus, man beleidigt sich, man erhitzt sich über ein Wort zu viel. Der Narzissmus der kleinen Differenzen, angestachelt von der Echtzeitkommunikation, erzeugt blitzartige Paranoia. Die Überwachung der Wortwahl, die Protokollierung der kleinsten Geste, Unterstellungen innerhalb der Gemeinschaften – bitterer Effekt einer Wald- und Wiesen-Globalisierung.

Loblied auf die Negation. Mit ihr muss denjenigen ein monströses NEIN entgegengeschleudert werden, die uns sagen wollen, dass wir die Welt so hinzunehmen haben, wie sie ist.

Der Kleinbürger glaubte sich befreit, als der Zeitgeist aufhörte, zwischen den Klassen, zwischen den Geschlechtern, zwischen Werk und Produkt, zwischen Rot und Schwarz, zwischen Info und Kommerz, Geld und Schick, Bühne und Saal, der Sache und ihrer Bewerbung zu unterscheiden. Und die Langeweile entstand bald aus dem Durcheinander. Der Andere ist verschwunden und mit ihm die Geisel der Negativität. Allgemeiner Narzissmus. Ich bezweifle nicht, dass man ein Plädoyer für die Grenze nicht auf eine Verteidigungsrede zugunsten der Armbrust reduzieren kann, wenn die Arkebuse angelegt ist, oder zugunsten der Maginot-Linie, wenn Panzer auf sie zielen. Man wird mich darauf hinweisen, dass Google, das Institut Pasteur und die regierungsübergreifende Expertengruppe zum Thema Klimaveränderung – nicht zu vergessen, aber aus ganz anderen Gründen: die Hollywoodstudios – über den Horizont hinaus modellieren und kalkulieren. Sie wissen also nicht, mein armer Herr, dass die entmaterialisierten „Kulturgüter“ überall vom Himmel fallen, ohne Papier oder Celluloid oder Magnetstreifen? Geben wir es zu: all die Kulte, die technische Gadgets und Gaia-Esoterik kombinieren, geben dem Dogma ohne Grenzen einen Ausdruck von Evidenz, sonst hatte es nicht die hearts and minds der Krippen-, Putten- und Kanarienvögelliebhaber erobern können. Wahrend das Schwarzbuch über die Grenze überall herumliegt (nach dem Motto: „Nationalismus, das ist Krieg!“, tut sich der humanitäre Ohne-Grenzismus darin hervor, seine Verbrechen zu vertuschen. Besser noch: er hat den Konfusionismus zum Messianismus gewandelt. Er hat die Konter-Revolution als Revolution getarnt. Geben wir ihm seine polemische Boshaftigkeit in einem Gebrüll aus Ismen zurück (das genaue Gegenteil dieser Souveränismen, Jakobinismen, Kulturalismen, Relativismen und anderen
Zynismen, die er gern selbst benutzt, wenn es darum geht, die Gegner der Gleichmacherei zu klassifizieren).

Der Ohne-Grenzismus ist Ideologie. Und mehr als das.

Vorwärts, ihr Esel! Was ist der Ohne-Grenzismus?
Ein Ökonomismus. Durch die Vermahlung mit dem global marketplace, durch die „Internalisierung“ der Skalen- und Produkt-Ökonomie, durch die freie Zirkulation von Kapital und Waren – seltsamerweise ist die Gewalt hierbei ausgenommen – verschleiert er den Multinationalismus hinter einem gutherzigen Nimbus von Schicksalsgemeinschaft und Brüderlichkeit. Und gibt der Politik, die durch die Wahlpflicht an ihrer Scholle klebt, den Rest. Er leistet sich weniger Staat und verschleiert die Konsequenz: mehr Mafia; er gibt dem Recht des Stärkeren einen Glanz von Generosität; und breitet den Mantel des Mitgefühls über Deregulierung und Privatisierung. Getragen von den mobilen Finanzen, der numerischen Schreibweise und der Universalität der Bits, lauft unseren  Off-Shore-Gesellschaften das Wasser im Munde zusammen. Sponsoren garantiert. Charity-Business on top.

Ein Technizismus. Ein Standardwerkzeug hat weder Lange noch Breite. Mein letztes Modell hat eine kurze Lebensdauer, aber es findet sich im Handumdrehen überall wieder. Der Standard Unicode, der alle Schriften codieren kann (Ihre Tausenden Kanjis16 inklusive), zwingt sich allen Computern auf. Diese roboterartige Hybris, die sich als weltweite Metakultur aufspielt, wird mit Hilfe von Numerik und Glasfaser darin enden, den Posthumanismus mit einem Irrlicht zu verwechseln.-

Ein Absolutismus. Der Delinquent verinnerlicht den Gedanken des Limits nicht, noch der Prophet oder der Pseudo-Gelehrte. Diese drei Schlauberger haben gemein, dass sie sich über alle Limits erheben. Weil sie auf alles eine Antwort haben und sich überall zuhause fühlen, sind sie gefährlich. Der Missionar mit dem Stern, der Inquisitor mit dem Turban und der Scharlatan mit der weisen Weste kennen die Weisheit der endlichen Dinge nicht. So geht es den Universalreligionen, die sich in ihrer Schieflage ins Unendliche verlieren – statt sich wieder aufzurichten. Der arabisierte Andre Miquel kann im Islam noch vor der ersten Jahrtausendwende keine Grenze ausfindig machen. Es geht um die Frage der Einflussbereiche, nicht der Territorien (die natürliche, aber verschwommene Grenze der Sahara; veränderlich und in Spanien und mit Byzanz diskutiert, aber stets störend und illegitim). Nach dem Koran wäre die Welt in Dar-al-Islam und Dar-al-Harb (Land des Krieges) eingeteilt. Die Grenze zwischen beiden ware nichts als eine Zwischenstation. Die Wahrung des Absoluten? Kein laizistischer Geist kann diese Vermessenheit der globalen Allwertigkeit akzeptieren, sei es die der neo-mittelalterlichen Umma17 oder jene des neo-missionarischen Abendlandes. Der erste Wert der Grenze ist die Begrenzung der Werte.

Ein Imperialismus. Weil sich das Imperium dem Königtum nicht durch seine geografische Masse entgegenstellt, sondern weil es den Anderen Grenzen aufdruckt, nicht aber sich selbst. Das neue Rom greift die Devise des alten auf, gezeichnet Ovid: “Anderen Völkern wurde Land mit fester Grenze gegeben; der Umfang der Stadt Rom und der der Welt sind gleich.”18 Die Organisation des Nord-Atlantik-Vertrages (NATO) erstreckt sich heutzutage uber den Kaukasus und Zentralasien. Und ´”Gerechtigkeit ohne Grenzen” ist der Name, den Washington zunächst der ersten Aktion im “Krieg gegen den Terrorismus” gegeben hat, der mit einer Niederlage enden wird. Die “Pflicht, einzugreifen” ist zum Rosenwasser geworden, mit dem sich die alternden Imperien des Abendlandes parfümieren. Der Westen fühlt sich nicht dazu angehalten, den Krieg zu erklären, um ihn zu führen, und mokiert sich über das Recht der Menschen genauso wie über ihre Bedürfnisse. Weil sein eigenes Recht für alle gilt, gilt das internationale Gesetz nicht für ihn. Alles Fremdartige ist ein Komplize – oder ein Klient – mit Einfluss. Und es ist vermessen, sich in die Prinzipien des urbi et orbi einzumischen, in das Kuddelmuddel zwischen Soldaten und Söldnern, Präventivkrieg und legitimen Verteidigungskrieg, unilateraler Einflussnahme und kollektiv entschiedener Assistenz, zwischen Allianz und Hegemonie. Budapest, Prag, Kabul; Vietnam, Irak, immer noch Afghanistan: gestern wie heute besteht das Unglück der Imperialisten, das zu ihrem Scheitern fuhrt, darin, dass sie die Grenzen als eine zu vernachlässigende Größe ansehen.

Erschienen im Laika Verlag

 

Foto: Bernhard Weber

print

, , , , , ,

By