Zu “Debt as Power” von Robbins/Di Muzio (1)

Wir wollen hier einige Aspekte des Buchs “Debt as Power” von Robbins/Di Muzio betrachten. Ohne andere Aspekte des Sozialen herunterspielen zu wollen, behaupten die Autoren in der Folge von Bichler/Nitzan, dass im Kapitalismus die soziale Reproduktion größtenteils auf der Logik der differenziellen Akkumulation und dem Ritual der Kapitalisierung basiere, in dem Bestreben, mehr Geld und Macht über andere und die Umwelt zu erlangen. Differenzielle Akkumulation bedeutet hier, dass Kapitalisten darauf abzielen, mehr Geld schneller als andere zu akkumulieren, und dies in Bezug zu einer fluktuierenden Benchmark oder einer sich verändernden “normalen” Rendite. In diesem Sinne haben Kapitalisten keine Ahnung, was maximale Gewinne sind, da sie ihre Profite nur relativ zu anderen Kapitalisten beurteilen können, die versuchen, genau das Gleiche zu tun.

Und Kapitalisierung ist der Akt, bei dem Investoren einen zukünftigen Einkommensfluss in einen Gegenwartswert diskontieren, der um einen Risikofaktor bereinigt wird. Ein Teil der Kapitalisierung besteht aus irgendeiner Form von Schuldeninstrumenten, meist sind es verschiedene Formen von Staatsschulden, Finanzanleihen und nicht verbrieften Krediten (z. B. Studentenkredite und Kreditkarten). Eine andere Art der Kapitalisierung erfolgt auf dem Aktienmarkt. Diese Märkte beinhalten die Möglichkeit, die Macht und das Eigentum von Unternehmen zu organisieren. Sie bieten Investoren eine Ausstiegsoption, wenn sie ihre Eigentumsansprüche an Unternehmen verkaufen oder neue Ansprüche auf die Einkommensströme anderer Firmen kaufen möchten. Eine dritte Art der Kapitalisierung ist die der Derivate, die von den Autoren kaum erwähnt wird. Wir kommen darauf noch zurück.

Weltweit beläuft sich die ausstehende Kapitalisierung auf 67 Billionen Dollar an den sechzig großen Börsen. Di Muzio argumentiert, dass der Anstieg der Kapitalisierung historisch mit der Ausbeutung der aus fossilen Brennstoffen gewonnenen Energie zusammenfiel. Dies deutet darauf hin, dass der explosive Anstieg der Kapitalisierung, die den Handel mit Eigentumsansprüchen auf den zukünftigen Gewinn der Unternehmen beinhaltet, auch die Kapitalisierung von Energie in hohem Maß betrifft.

Die größten Unternehmen der Welt nach Marktkapitalisierung werden Bichler/Nitzan zufolge als “dominantes Kapital” bezeichnet, das heißt, es handelt sich um Unternehmen, die in der Global Financial Times 500 gelistet sind – einer Liste von Unternehmen, die nach ihrer Marktkapitalisierung geordnet sind. Diese Unternehmen haben aufgrund ihrer Kontrolle über die Produktion, Zirkulation und die soziale Reproduktion eine enorme Macht, die Verläufe der sozialen Reproduktion zu formen und umzugestalten, indem sie Finanzen, Energie, Lebensmittel, Medizin, Kleidung, Software, Medien, Telekommunikation, Transport, Bodenschätze und vieles mehr kontrollieren. Es ist hier auch wichtig zu erwähnen, dass viele der nicht-finanziellen Firmen bei den privaten Banken hoch verschuldet sind. Zum Beispiel beträgt die Verschuldung von US-Unternehmen außerhalb des Finanzsektors nach Angaben der Federal Reserve derzeit 13,9 Billionen Dollar.

Während für Robbins/Di Muzio die differenzielle Akkumulation die dominante Logik des Kapitals darstellt und die Kapitalisierung das dominante Ritual ist, sind als weitere wichtige Faktoren sowohl die Abhängigkeit der Unternehmen vom Markt als auch das Preissystem als integrale Bestandteile des Kapitalismus erwähnen.

Der größte Teil der Geldmenge eines Landes entsteht heute, wenn Banken Kredite an Kreditnehmer vergeben, nämlich an Regierungen, Unternehmen und Haushalte, das heißt Banken sind keine Intermediäre – sie nehmen nicht von Sparern und verleihen an Kreditnehmer mit unterschiedlichen Zinssätzen. Geschäftsbanken sind ganz einfach “Schuldenhändler”, die das benötigte Geld als Giralgeld via der Vergabe von Krediten schaffen und damit Schulden produzieren und zuteilen. Die Technologie der Macht besteht jedoch hier nicht nur darin, dass modernes Geld größtenteils als Schulden von Geschäftsbanken geschaffen wird, sondern dass die Produktion und Zuteilung von Geld in privater Hand liegt.

Im Gegensatz zu David Graeber, der behauptet, dass Schulden auf der Annahme von Gleichheit beruhen, argumentieren Robbins/Di Muzio, dass die kapitalistischen Schulden auf Ungleichheit oder auf „differentieller Macht” (Bichler/Nitzan) basieren. Dabei nehmen die Autoren für sich in Anspruch, dass sie nicht nur die private Kontrolle über die Produktion und die Allokation von Geld analysieren, sondern zum ersten Mal auch das Eigentum und die Kapitalisierung von Schulden betrachten. In jüngster Zeit hat allerdings Katharina Pistor in ihrem Buch „Der Code des Kapitals“ die Schulden als Codierung von Kapital auch im Zusammenhang mit den Eigentumsrechten näher untersucht und zeigt zum Beispiel an der Lehmann Tochter LBIE in London, wie sehr deren Geschäftstätigkeiten auf Kredit basierten und die Kreditrisiken von Lehmann auf diese Gesellschaft abgewälzt wurden. Für Pistor sind die Schulden sogar der Vermögenswert sui generis, vor allem dann, wenn sie von einem Investor leicht in Staatsgeld konvertierbar sind. Ansprüche auf zukünftige Zahlungen müssen in Eigentums-Recht codiert werden und zugleich die Konvertierbarkeit in Bargeld ermöglichen.

Die Autoren gehen von einer Aufteilung der Ökonomie in Netto-Gläubiger und Netto-Schuldner aus, bei der die ersteren mehr Einkommen aus dem investierten Kapital ziehen als sie auszahlen, während die letzteren mehr an Zinsen zahlen als sie an Geld erhalten. Diese Aufteilung zwischen Nettogläubigern und Nettoschuldnern setzen die Autoren gegen den Kapitalbegriff bzw. Kapitalrendite. Wir sagen zwar auch, dass das Kapital Schuldenproduktion sui generis inhäriert, geben aber den Begriff nicht so schnell auf, wie wir weiter unten bei der Analyse des spekulativen Kapitals (im Gegensatz zum Kredit) noch sehen werden. Bezüglich der Kapitalrendite ist die große Frage, ob diese in Zukunft überhaupt realisiert werden kann. So belief sich die Gesamtverschuldung der Welt im Jahr 2014 auf 199 Billionen US-Dollar, wobei weder die erwartete Rendite für diese Schulden noch der Zeitraum, in dem sie bezahlt werden können, bekannt ist. Was bekannt ist, das besteht darin, dass ein stagnierendes zukünftiges Wirtschaftswachstum die Schuldenproblematik verstärkt. So könnte man auch sagen, dass die Zukunft der Gegenwart etwas schuldet, während das Kapital einen Anspruch auf die Zukunft hat.

Wie Piketty zeigt, gibt es historisch einen immer größeren Anspruch auf zukünftiges Einkommen, und die Frage ist, ob das Wirtschaftswachstum ausreichen wird, um diesen Anspruch zu erfüllen. Nach Piketty wird sich jedoch das Wachstum weiter verlangsamen und sich auf globaler Ebene einem Durchschnitt von 1,5-2 Prozent annähern, während die erwartete Kapitalrendite bei ihrem historischen Durchschnitt von 4-6 Prozent bleiben wird. Piketty erklärt aber nicht, warum sich das Wachstum verlangsamen wird, er erkennt nur an, dass sich die Wachstumsraten der Schwellenländer an die der reichen Länder angleichen werden, ein Phänomen, das Ökonomen als “Konvergenz” bezeichnen; Ökonomen sehen auch, dass es umso schwieriger wird, die Wachstumsrate zu erhöhen, je reicher ein Land wird.

Eine Wirtschaft, die intensiv mit Schulden arbeitet und damit eher ein exponentielles Wachstum benötigt, fordert die Schaffung von immer mehr Schulden. Aber mehr Schulden erfordern wiederum mehr Wachstum, um die erforderlichen Zinsen oder Dividenden zu erwirtschaften, und so geht der Kreislauf immer weiter. Wenn die Wachstumsrate irgendwann nicht mehr ausreicht, um das Geld zu produzieren, das zur Begleichung der Schulden benötigt wird, kommt es unweigerlich zu einer Finanzkrise, da die Kreditvergabe zusammenbricht. Auch wenn die Aufrechterhaltung des Wirtschaftswachstums negative externe Effekte besitzt wie z. B. Umweltzerstörung, Zentralisierung der Macht und dysfunktionale soziale Beziehungen, ist das Wachstum bzw. die erweiterte Kapitalakkumulation unbedingt notwendig, um sicherzustellen, dass das Finanzsystem nicht einfriert oder zusammenbricht und die restliche Ökonomie mit sich reißt.

Gibt es unter diesen Bedingungen überhaupt die Möglichkeiten Schulden zurückzuzahlen? Dafür gehen Robbins/Di Muzio zunächst auf die Problematik des Wachstums ein. Erstens. Eine Wirtschaft, die einen langfristig konstanten Zinssatz halten soll, muss mit einer konstanten Rate wachsen. Einer Wachstumsrate von 3% entspricht ein Verdopplungszeitraum des BIP von 23 Jahren; eine Wachstumsrate von 10% führt bereits nach 7 Jahren zu einer Verdopplung des BIP. Wenn die Steigerung des Zinssatzes zum allgemeinen Ziel der Ökonomie geworden ist, zieht dies eine Beschleunigung aller durch die Ökonomie dominierten Prozesse nach sich. Wenn die Weltwirtschaft also ab heute mit drei Prozent pro Jahr wächst, würde sie sich bis zum Jahr 2100 einer Billiarde Dollar annähern. Andere Verläufe des Wachstums sprechen die Autoren allerdings nicht an.

Zweitens ist das Wirtschaftswachstum bis heute immer noch zu einem großen Teil von fossilen Energiequellen abhängig, und diese Art von Energie ist eine nicht erneuerbare Ressource, deren Kosten im Laufe des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich noch ansteigen werden. Die Frage einer möglichen Durchsetzung von erneuerbaren Energien wird hier nicht diskutiert.

Drittens führt die private Geldschöpfung durch Kredite/Schulden, bei denen Zinsen nie erschaffen werden, dazu, dass es immer mehr Schulden im System gibt als die Fähigkeit, sie zurückzuzahlen. Wenn zum Beispiel eine Bank einen Kredit von 1.000 Dollar zu 10 Prozent Zinsen vergibt, erschafft sie nicht das Geld, um diese Zinsen zu bezahlen – das wären 100 Dollar. Die Bank schafft eben 1.000 Dollar und nicht 1.100 Dollar. Die Frage muss also lauten: Woher kommen die Zinsen? Die einzig mögliche Lösung ist, dass die Zinsen aus der Verwertung des Kapitals in Zukunft kommen müssen – das heißt, es ist aktuell nie genug Geld im System, um alle Schulden zu tilgen. In diesem Sinne liegt die Quelle der Verschuldung als eine Technologie der Macht für die Gläubiger in ihrer eigenen Permanenz.

Die Verschuldung von Unternehmen oder Nicht-Finanzunternehmen in den Vereinigten Staaten beträgt derzeit 13,9 Billionen Dollar. Wenn man einen einfachen Zinssatz von nur drei Prozent nimmt, so würden die US-Unternehmen ihren Gläubigern am Ende des Jahres 417 Milliarden Dollar schulden. Da diese 417 Milliarden Dollar zum Zeitpunkt der Kreditaufnahme nicht geschaffen wurden, muss das Geld für die Rückzahlung der Unternehmensschulden an anderer Stelle in der Wirtschaft gefunden werden – und wird letztlich aus dem allgemeinen Kreislauf entfernt, wenn die Schulden zurückgezahlt werden.

Ein weiterer Faktor hinsichtlich des Wachstums ist der chronische Mangel an Kaufkraft in der Wirtschaft, der daraus resultiert, dass die “verteilten Einkommen” nicht ausreichen, um die in der Ökonomie produzierten Güter und Dienstleistungen zu kaufen. Der Beweis für diese Behauptung ist die wachsende Konsumverschuldung in den reichen Ländern.

Die Autoren stellen weiter fest, dass es bei der Privatisierungswelle, die zentral für neoliberale Politiken sind, weniger um die (unbewiesenen) Effizienzsteigerungen geht, sondern vielmehr darum, Möglichkeiten zu finden, an denen man Geld investieren kann. Darüber hinaus inhäriert die Suche nach exponentiell wachsenden Geldanlagen ein immer größeres Risiko, wie das Fiasko um die Subprime-Hypotheken bewiesen hat. Robbins/Di Muzio führen hier das Beispiel der Holzindustrie in den USA von 1990 bis 1995 an; um eine Wachstumsrate von etwa 3,5 Prozent beibehalten, musste sie mehr als anderthalb Millionen Bäume als in der vorangegangenen Fünfjahresperiode fällen. Um jedoch die gleiche Wachstumsrate von 3,5 Prozent von 2005 bis 2010 aufrechtzuerhalten, hätte man umgerechnet zweieinhalb Millionen Bäume mehr fällen müssen. Wenn man diese Wachstumszahlen auf Autos, Fischbestände, Wasserverbrauch usw. hochrechnet, wird die Unmöglichkeit, exponentielles Wachstum aufrechtzuerhalten, leicht ersichtlich.

Eine weitere Schwierigkeit, das Wachstum aufrechtzuerhalten, besteht darin, dass der Zeitaufwand und die Prozesse, die zur Aufrechterhaltung des Wachstums eingesetzt werden, beschleunigt werden müssen; alles muss schneller gehen. Geld muss schneller fließen, Menschen müssen schneller arbeiten, und sogar Nahrungspflanzen und Tiere müssen schneller wachsen; durch den Einsatz von Wachstumshormonen, Antibiotika und Futtermitteln erreichen zum Beispiel Rinder heute ihr Schlachtgewicht in vierzehn Monaten, statt in natürlichen drei bis vier Jahre. Die Zeit wird zu einem Feind, den es zu überwinden gilt.

An dieser Stelle sprechen Robbins/Di Muzio von einem Energie-Schulden-Geld-Nexus, wobei die Ausweitung der Geldmenge bzw. die Schaffung von zinstragenden Krediten durch die Energie fossiler Brennstoffe (Erdöl, Kohle und Erdgas) unterstützt (nicht bestimmt) wird. Es soll historisch nachgewiesen werden, dass Länder, die einen hohen Energieverbrauch haben, immer auch Volkswirtschaften mit großen Geldmengen und steigenden Schuldenständen sind. Dabei ist die Schaffung von Geld als zinstragende Schulden die treibende Kraft, die zum einen den Bedarf an wirtschaftlichem Wachstum und zum anderen ein automatisches Fortschreiten in der Zerstörung, Plünderung und Kapitalisierung einer Welt der begrenzten und endlichen Ressourcen mit sich bringt.

In dem Maße, in dem das exklusive Privateigentum durch Gewalt und rechtliche Sanktionen vorangetrieben wurde, wurden Schulden in einer systematischen und intensiven Weise von denjenigen mobilisiert, die die Kontrolle über den Kredit hatten, um das Terrain der sozialen Reproduktion im Interesse der symbolischen Akkumulation der im Geld repräsentierten Macht zu formen und umzugestalten. Zudem gibt es einen Übergang zur modernen, organisierten Kontrolle von Kredit/Schulden mit der Geburt der Staatsverschuldung und der Ausdehnung von staatlicher Bürokratie, Besteuerung, stehenden Armeen und des Weiteren mit der privaten Kapitalisierung des Bankwesens oder der Geldschöpfung. Im Laufe des Kapitalismus werden Kredite/Schulden weitgehend entpersonalisiert und von Unternehmen so dominiert, dass eine kleine Anzahl von Investoren durch ihren Besitz von Banken und Finanzinstrumenten immer mehr Aspekte der Ökonomie und der natürlichem Ressourcen kapitalisieren. Katharina Pistor hat aber auch darauf hingewiesen, dass die Staaten gerade heute die Schuldenzyklen der privaten Investoren immer wieder glätten, indem sie die Inhaber von Finanzinstrumenten vor der Insolvenz retten. Damit wurde einerseits das Finanzsystem stabilisiert, andererseits die Vermögenskonzentration in den Händen einer Elite gefördert.

Das gegenwärtige Ausmaß der Verschuldung im Rahmen der Globalisierung wäre ohne die Ausbeutung der zugänglichen fossilen Brennstoffe nicht möglich gewesen. Die Geldmenge verschiedener Länder – insbesondere der Imperien von England/Britannien und später der Vereinigten Staaten – konnte aufgrund des Energieüberschusses, der durch fossile Brennstoffe bereitgestellt wurde, ausgeweitet werden. Das moderne Geld, das für die Autoren größtenteils als zinstragende Schulden geschaffen wurde, treibt die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums an, und zwar mit drastischen sozialen, kulturellen und ökologischen Folgen, die zu immer neuen sozialen Verwerfungen und katastrophalen Umweltfolgen wie dem Verlust der Artenvielfalt, der Abholzung von Wäldern, der Wüstenbildung und dem globalen Klimawandel führen. Im 20. Jahrhundert wird die Verschuldung zudem an den Konsumismus gekoppelt, wodurch die Menschen konditioniert werden, sich durch den Kauf von beworbenen Waren selbst zu verwirklichen Das derzeitige Verschuldungsniveau impliziert das, was Polanyi eine “starke Utopie” nennt: den Glauben, dass das moderne System des Geldes, das als zinstragende Schulden geschaffen wurde, auf einem endlichen Planeten ad infinitum fortbestehen kann. Solange die Eliten an dieser Utopie der endlosen Verschuldung und zugleich am Wachstum festhalten, wird der Übergang zu einer gerechteren und ökologisch nachhaltigen Welt nahezu unmöglich sein.

Die Schöpfung von Geld als zinspflichtige Schulden erfordert also unbedingt ein Wirtschaftswachstum, was wiederum die schnellere Ausbeutung der natürlichen Ressourcen erfordert. Es gibt drei Haupthindernisse, die diesem Streben entgegenstehen: (1) Der Planet ist endlich und es kommt zur Erschöpfung der Ressourcen in einem beschleunigten Tempo. (2) Fossile Brennstoffe sind nicht erneuerbar und ihre Verbrennung trägt übermäßig zur globalen Erwärmung bei. (3) Es gab noch nie ein Beispiel für kontinuierliches exponentielles Wachstum auf der Erde.

Die Schwierigkeit, exponentielles Wachstum aufrechtzuerhalten, besteht darin, dass die Kapitalisierung ein Anspruch auf erwartete zukünftige Erträge ist und dass diese Erträge nicht nur von der Macht der Firmen und bestimmter Regierungsorgane abhängen, sondern auch von der Fähigkeit, verschiedene Aspekte der natürlichen und sozialen Welt zu Waren zu machen. Darüber hinaus erfordert die Umwandlung der natürlichen Welt in Geld und Einkommen Energie, die ebenfalls an Grenzen stößt und schwerwiegende Folgen für die Biosphäre und das menschliche und natürliche Leben hat. Robbins/Di Muzio schätzen, dass jedes Prozent Wirtschaftswachstum eine Steigerung der Erdölproduktion um 0,27 Prozent erfordert; bei einer Wachstumsrate von 4 Prozent müsste die Welt die derzeitigen 90 Millionen Barrel Öl pro Tag bis 2022 auf etwa 114 mbd steigern. Das Problem liegt nicht unbedingt beim Angebot (obwohl einige Schätzungen davon ausgehen, dass konventionelles Öl rückläufig ist), sondern bei den ökologischen und monetären Kosten für die Gewinnung dessen, was übrig bleibt, einschließlich “unkonventioneller” fossiler Brennstoffe.

Die Hauptannahme neoliberaler Ökonomen besteht nach wir vor darin, dass das fortwährende Wirtschaftswachstum, gemessen am Bruttosozialprodukt (BSP), die Quelle allen Wohlstands und Fortschritts ist. Wie Michel Foucault es ausdrückte, gibt es für den Neoliberalismus nur eine wahre und grundlegende Sozialpolitik: das Wirtschaftswachstum. Eingebettet in diese Logik ist die Annahme, dass wir in einer Welt leben, in der es möglich ist, die kapitalistischen Ökonomien ad infinitum zu erweitern.

Die Berechnung des BIP ist lediglich eine Aufsummierung von wirtschaftlichen Transaktionen in der Ökonomie. Das bedeutet, dass Dinge, die dem Gesellschaftskörper tatsächlich schaden – wie Autounfälle, mehr Krankheiten, Ölverschmutzungen und so weiter – dem BIP hinzugefügt werden. Zudem sagt das Wirtschaftswachstum sehr wenig darüber aus, wie der potenzielle Nutzen und Schaden der finanziellen Transaktionen zwischen den Klassen verteilt ist. Darüber hinaus ist es schwierig, empirisch zu belegen, ob das Wachstum, der Grundpfeiler der neoliberalen Logik, seine Ansprüche erfüllt hat. Wenn wir bis zum Jahr 1950 zurückgehen, ist die Weltwirtschaft um mehr als das Sechsfache gewachsen. Bei diesem Wachstum hätten sich die versprochenen sozialen, ökonomischen und ökologischen Verbesserungen eigentlich schon längst einstellen müssen. Die Autoren argumentieren hier, dass das Wachstum nicht nachhaltig sei und den Gesellschaften und der Umwelt irreparablen Schaden zufüge.

Derzeit übersteigt die globale Gesamtverschuldung 199 Billionen Dollar oder fast 300 Prozent des globalen BIP. Wenn wir annehmen, dass die durchschnittliche Verzinsung der Schulden fünf Prozent bei einer Laufzeit von zehn Jahren beträgt, müsste die Weltwirtschaft in diesem Zeitraum über 50 Billionen Dollar neues Geld produzieren, um alle Zinsen zu bedienen. Und das setzt voraus, dass keine neuen Schulden ausgegeben werden, was in einem schuldenbasierten Geldsystem unmöglich ist.

Foto: Bernhard Weber

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