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Internationalisierung des Kapitals und Nationalstaat.

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30 Aug , 2018  

Internationalisierung des Kapitals, Gesamtkapital und Nationalstaat

Der Begriff “Internationalisierung des Kapitals” impliziert in der marxistischen Theorie zwei verschiedene Interpretationen der kapitalistischen Weltwirtschaft: Die meisten Analysen verstehen sie als einen Ausdruck des internationalen Charakters der Kapitalbeziehung; die kapitalistische Weltökonomie wird als eine einheitliche Struktur, in die die Nationalökonomien und die Nationalstaaten als Teile eingegliedert sind. Es gibt aber Analysen, die darlegen, dass die Kapitalbeziehung in ihren vollkommenen Formen nur auf der Ebene der nationalen Gesellschaftsformation reproduziert wird, dass folglich die kapitalistische Weltökonomie keine einheitliche Klassen- und Herrschaftsstruktur, sondern das Resultat der Verflechtung der verschiedenen kapitalistischen Gesellschaftsformationen ist. Dieselbe Diskussion wird von einem anderen Gesichtspunkt unter den marxistischen Staatstheorien geführt. Die Frage ist hier, ob bzw. in wieweit die Gesetze und Funktionen des kapitalistischen Weltsystems den Nationalstaat überwinden. Das Ziel dieses Aufsatzes ist es, auf der Grundlage einer Klärung der Marxschen Begriffe des Gesamtkapitals und der kapitalistischen Produktionsweise (KPW), die Frage der “Internationalisierung des Kapitals”, der “Globalisierung” und des “Weltkapitalismus” zu untersuchen.

Die Vorherrschaft des Weltkapitalismus-Ansatzes

Spätestens seit der Formulierung der klassischen Imperialismustheorien1, herrscht in der marxistischen Theorie eine Anschauung über den Weltcharakter der kapitalistischen Produktionsweise (PKW) vor. Diese Anschauung behauptet, dass die PKW in ihrer vollkommenen Form nur auf der Ebene der Weltökonomie reproduziert wird, dass folglich die Gesetze und die kausalen Beziehungen, die Marx entdeckt hat, nur auf der Ebene der Weltökonomie gelten. Die Weltwirtschaft wird so als eine einheitliche (kapitalistische) soziale und ökonomische Struktur betrachtet.

Diese Auffassung hinsichtlich des Weltkapitalismus wird zuerst von Rosa Luxemburg in entwickelter Form formuliert. In ihrer “Akkumulation des Kapitals” versucht sie von Anfang an die marxistische Theorie der Reproduktion des Gesamtkapitals neu -in bezug auf die Weltebene- zu formulieren. Folgendes Zitat über den inneren und den äußeren Markt macht ihre Ansicht klar: “Innerer Markt vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion ist kapitalistischer Markt, ist diese Produktion selbst als Abnehmerin ihrer eigenen Produkte und Bezugsquelle ihrer eigenen Produktionselemente. Äußerer Markt für das Kapital ist die nichtkapitalistische soziale Umgebung, die seine Produkte absorbiert und ihm Produktionselemente und Arbeitskräfte liefert. Von diesem Standpunkt, ökonomisch, sind Deutschland und England in ihrem gegenseitigen Warenaustausch für einander meist innerer, kapitalistischer Markt, während der Austausch zwischen der deutschen Industrie und den deutschen bäuerlichen Konsumenten wie Produzenten für das deutsche Kapital auswärtige Marktbeziehungen darstellt” (Luxemburg 1970, S. 288). Luxemburg vertritt daher die These, dass eine kapitalistische Nationalökonomie nicht als eine besondere sozioökonomische Struktur betrachtet werden soll, dass sie im Gegenteil nur ein Teil der einheitlichen kapitalistischen Weltökonomie bildet.

In dieselbe theoretische Richtung entwickelt sich die Auffassung Bucharins, die m.E. zur Formulierung sowohl der sowjetmarxistischen Imperialismustheorie seit den 30er Jahren als auch des Zentrums-Peripherie-Ansatzes seit den 70er Jahren entscheidend beigetragen hat2. Der Autor des “Imperialismus und Weltwirtschaft” behauptet:

“We may define world economy as a system of production relations and, correspondingly, of exchange relations on a world scale (…) The whole process of world economic life in modern times reduces itself to the production of surplus value and its distribution among the various groups and sub-groups of the bourgeoisie on the basis of an everwidening reproduction of the relation between two classes, the class of the world proletariat on the one hand and the world bourgeoisie on the other” (Bukharin 1972, S. 17 u. 27). Auf der Basis dieser Argumentation folgert Bucharin: “The world economy is one of the species of social economy in general” (Bukharin 1972, S. 27).

Die Nationalökonomien und die Nationalstaaten werden nach Bucharin als Bestandteile des einheitlichen globalen Kapitalverhältnisses verstanden. Als Folge entsteht nach Bucharin eine territoriale Nichtübereinstimmung zwischen Staat und Kapital. Es gibt daher «a growing discord between the basis of social economy which has become world-wide and the peculiar class structure of society, a structure where the ruling class itself is split into “national groups”» (Bukharin 1972, S. 74).

Der Weltkapitalismus-Ansatz wird sowohl vom Sowjetmarxismus als auch von den verschiedenen “neomarxistischen” Zentrum-Peripherie Theorien vertreten:

Im Rahmen des Sowjetmarxismus wird die Theorie des Weltkapitalismus seit den 30er Jahren mit der Konzeption der “allgemeinen Krise” des Kapitalismus und der Auffassung von der revolutionären Rolle der Sowjetunion verknüpft: “Die allgemeine Krise des Kapitalismus äußert sich hauptsächlich in der Spaltung der Weltwirtschaft, in der Ausscheidung eines Sechstels der Erde, d.h. der Sowjetunion, aus dem Bereich des weltkapitalistischen Einflusses. Das bedeutet, dass der Kapitalismus schon nicht mehr ein einheitliches und allumfassendes System der Weltwirtschaft darstellt, dass neben dem kapitalistischen Wirtschaftssystem das sozialistische System besteht (…), das durch die allgemeine Tatsache seines Bestehens die Fäulnis des Kapitalismus demonstriert und seine Grundlagen erschüttert” (Stalin, Politischer Bericht des ZK auf dem 16. Parteitag der KPdSU, S. 13, zitiert in Duncker u.a. 1930, S. 265).3

Das Konzept des “Weltkapitalismus” bildet weiter die Basis für die Formulierung aller Versionen des Zentrum-Peripherie Ansatzes. Wie Sweezy argumentiert: “Wenn aus unserer Analyse des Imperialismus etwas klargeworden ist, so ist es dies: dass der Verlauf des Kapitalismus in seiner Endphase nicht als Problem eines geschlossenen Systems oder einer Gruppe gesonderter einzelner Länder angesehen werden kann. Jede kapitalistische Nation ist Teil eines Weltsystems” (Sweezy 1970, S. 412). Mit den Arbeiten A.G. Franks und Im. Wallersteins entwickelt sich der Weltkapitalismus-Ansatz weiter. Wallersstein definiert nämlich die kapitalistische Produktionsweise als “die Weise, für Profit auf einem Markt zu produzieren” (Wallerstein, in Senghaas 1979, S. 44), und erklärt: «Der Kapitalismus war von Anfang an eine Sache der Weltwirtschaft, nicht eine Sache von Nationalstaaten. Es ist eine falsche Deutung der Lage zu behaupten, dass der Kapitalismus erst im 20. Jahrhundert “weltweit” geworden ist» (Wallerstein, in Senghaas 1979, S. 47).

Angesichts der oben skizzierten Vorherrschaft des Weltkapitalismus-Ansatzes in den marxistischen theoretischen Analysen, scheint mir die Behauptung Holloways (1993, S. 14) sehr fraglich, dass in der Zentrum-Peripherie Tradition “die Analyse sehr staatsorientiert bleibt”. Im Gegenteil, scheitern m.E. alle Versionen des Weltkapitalismus-Ansatzes an der Theorie des Staates, wie auch an der Theorie der kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse, die auf der Basis des marxistischen Begriffs der kapitalistischen Produktionsweise aufgebaut wird.

“Weltkapitalismus” und marxistische Staats- und Nationstheorie

Das theoretische System der “Kritik der Politischen Ökonomie”, das Marx vor allem im “Kapital” entwickelt hat, ist mit einer Theorie der politischen Macht verknüpft. Die kapitalistischen Exploitations- und Herrschaftsverhältnisse beziehen sich nicht bloss auf die ökonomische Ebene, sondern verweisen auf die Existenz eines stukturierten sozialen Ganzen, das durch die Verknüpfung des Ökonomischen, des Politischen und des Ideologischen konstituiert wird (E. Balibar, in Althusser/Balibar 1972, S. 234 ff.). Dieses stukturierte soziale Ganze, innerhalb dessen das Kapitalverhältnis sich als gesellschaftliches Herschaftsverhältnis des Kapitals über die Arbeit manifestiert, ist aber nicht die Weltökonomie, sondern die kapitalistische Gesellschaftsformation. Mit den Worten von Marx: “Es ist jedesmal das unmittelbare Verhältnis der Eigentümer der Produktionsbedingungen zu den unmittelbaren Produzenten (…), worin wir das innerste Geheimnis, die verborgene Grundlage der ganzen gesellschaftlichen Konstruktion und daher auch der politischen Form des Souveränitäts- und Abhängigkeitsverhältnisses, kurz, der jedesmaligen spezifischen Staatsform finden” (Marx 1973, S. 799-800).

Die Auffassung vom “Weltkapitalismus” setzt dagegen eine Ansicht über die territoriale “Nichtübereinstimmung” zwischen Kapital und Staat voraus. In ihrer traditionellen Version versteht diese Ansicht den Staat als eine überlebende, dem “Weltkapitalismus” entgegenwirkende Vergangenheitstruktur: “Der Nationalstaat war ein wesentlicher Bestandteil des Systems, unter dem sich der Kapitalismus entwickelt hat, und gegenwärtig sieht man in ihm eine das Wachstum des Kapitals behindernde Schranke, die überwunden werden muss. Der Nationalstaat stellt jedoch eine Machtstruktur dar, die das internationale Kapital nur überwinden kann, wenn es neue Machtbasen zu seiner Unterstützung mobilisiert” (Hymer S., in Kreye -Hrsg.- 1974, S. 34. Vgl. auch die oben zitierte These von Bucharin).

In einer anderen Version der Nichtübereinstimmungs-These wird der Staat als blosses Anhängsel der Weltökonomie verstanden: “Die verschiedenen Staaten konkurrieren, um den Fluss des Kapitals anzuziehen und stillzustellen (…) Die grossen Veränderungen der Organisation des Staates und seines Begriffes in den letzten etwa fünfzehn Jahren (…) sind die Antwort auf eine radikale Veränderung des Kapitalstroms (…) Die Unterwerfung des Nationalstaats unter das globale Kapital macht die Aufteilung der Gesellschaft in Nationalstaaten schwieriger” (Holloway 1993, S. 25 u. 30).

Meines Erachtens handelt es sich hier um Fehlinterpretationen der marxistischen Theorie, die den bürgerlichen Staat (d.h. die politische Organisationsform der kapitalistischen Klassenherrschaft) “ökonomistisch” auf die (globalen) Wirtschaftsbeziehungen reduziert. Dadurch wird eine eigene Untersuchung des Staates, wie auch der Nation, überflüssig.

Es ist bemerkenswert, dass die Auseinandersetzung mit diesem, dem Weltkapitalismus-Ansatz inhärenten “Ökonomismus”4, Lenin, kurz vor der Oktoberrevolution, dazu geführt hat, sich von der Theorie des Kapitalismus als einheitlicher sozioökonomischer Weltstruktur zu distanzieren. Als die Anhänger des Weltkapitalismus-Ansatzes behaupteten, dass die nationale Selbstbestimmung, die Bildung neuer nationalen Staaten, im Zeitalter des Imperialismus unmöglich geworden, und für die Sozialisten unerwünscht sei (vgl. z.B. Luxemburg 1983, S. 347 ff.), formulierte Lenin eine Theorie des Selbstbestimmungsrechts der Nationen, sowie eine Theorie der sozialen Revolution, die ihn schliesslich zum Bruch mit der Theorie des “Weltkapitalismus” führte.

Auf der einen Seite formuliert Lenin die Theorie der sozialen Revolution als Gesamtresultat der sozialen Gegensätze und Kämpfe im Inneren einer nationalen Gesellschaftsformation. Seine Thesen fasst er in einem Satz zusammen: “Die Grundfrage jeder Revolution ist die Frage der Macht im Staate” (9. April 1917, L.A.W. (1970) Bd. 2, S. 45). Seine Theorie des Staates als materielle politische Verdichtung der (kapitalistischen) Klassenherrschaft (und folglich die Notwendigkeit des Zerbrechens des bürgerlichen Staates) formuliert Lenin einige Monate später,

in “Staat und Revolution”.

Auf der anderen Seite negiert Lenin die Ansicht, dass der Imperialismus das Verschwinden und “Zerfressen” der Nation bedeutet: “Würden wir sagen, wir anerkennen keine finnländische Nation, sondern nur die werktätigen Massen, so wäre das hanebüchener Unsinn. Das, was ist, nicht anerkennen wollen, ist ein Unding: Es wird die Anerkennung selbst erzwingen” (VIII. Parteitag der KPR(B), 18.-23. März 1919, L.A.W. (1970) Bd. 3, S. 191, hervorgeh. von mir, J.M.). Lenin argumentiert weiter, dass hinter der Ansicht, wonach im Sozialismus die Nation “nur den Charakter einer Kultur- und Spracheinheit” habe, sich die Ideologie des Ökonomismus verberge: «Sie wollen weder an die Staatsgrenzen noch an den Staat überhaupt denken. Das ist eine Art “imperialistischer Ökonomismus” ähnlich dem alten “Ökonomismus” von 1894 bis 1902 (…) Anstatt vom Staat (und folglich auch von der Bestimmung seiner Grenzen!) zu sprechen, reden sie von einem “sozialistischen Kulturkreis”, d.h. wählen absichtlich einen Ausdruck, der insofern unbestimmt ist als alle Fragen des Staates verwischt werden!» (Juli 1916, L.W. (1972) Bd. 22, S. 328-329).

Lenins Auseinandersetzung mit dem “imperialistischen Ökonomismus” in der Staats- und nationalen Frage führt ihn schliesslich zur Differenzierung der Theorie des Kapitalismus als einheitlicher sozio-ökonomischer Weltstruktur. Lenin formuliert nun die Theorie der weltumfassenden imperialistischen Kette: Die Internationalisierung des Kapitalismus durch Aussenhandel und Bildung des Weltmarktes, aber hauptsächlich durch Kapitalexporte, Bildung von internationalen Unternehmen etc. verbindet die verschiedenen kapitalistischen Gesellschaftsformationen untereinander, bildet mannigfaltige, ungleichmässige Beziehungen und formt dadurch eine einheitliche imperialistische Kette auf Weltebene. Es handelt sich aber nicht um eine einheitliche sozio-ökonomische Weltstruktur, sondern um die internationale Verknüpfung der verschiedenen (nationalstaatlichen) sozio-ökonomischen Strukturen, deren jede einen eigenen Entwicklungsrythmus besitzt, hauptsächlich als Resultat der verschiedenen inneren Klassenverhältnisse (Das “Gesetz der ungleichmässigen Entwicklung”).

Lenin schreibt: «Unter dem Kapitalismus ist für die Aufteilung der Interessen und Einflusssphären, der Kolonien usw. eine andere Grundlage als die Stärke der daran Beteiligten, ihre allgemeinwirtschaftliche, finanzielle, militärische und sonstige Stärke, nicht denkbar. Die Stärke der Beteiligten aber ändert sich ungleichmässig (…) Ist die Annahme “denkbar”, dass das Kräfteverhältnis zwischen den imperialistischen Mächten nach zehn, zwanzig Jahren unverändert geblieben sein wird? Das ist absolut undenkbar» (Der Imperialismus…, L.A.W. (1970) Bd. 1, S. 843, 846, 865-66).

Auf dieser theoretischen Basis entwickelt Lenin ferner die Theorie des “schwachen Gliedes”: Er vertritt die These, dass der Umsturz des Kapitalismus weder ein Resultat der Unfähigkeit des Weltkapitalismus, sich auf der Weltebene zu reproduzieren5, noch ein Resultat der Widersprüche, welche aus dem übermässigen Reifen des Kapitalismus entstehen, sein wird. Die Revolution findet in dem Land statt, wo alle inneren und internationalen Widersprüche auf allen sozialen Ebenen in solcher Art und Weise sich vereinigen und verschärfen, dass die offene politische Manifestation des Widerspruchs zwischen Arbeit und Kapital und die revolutionäre Krise unvermeidlich wird. Ein solches Land bildet also ein “schwaches Glied” der imperialistischen Kette (vgl. die “Briefe aus der Ferne”, L.W. (1972) Bd. 23, S. 311 ff.). Die Stätte der kapitalistischen sozialen Macht und daher das Kampffeld für ihren Umsturtz (d.h. die Stätte der Revolution) ist die nationale Gesellschaftsformation: “Das national Besondere, das national Spezifische beim konkreten Herangehen jedes Landes an die Lösung der einheitlichen internationalen Aufgabe (…) zu erforschen, zu studieren, herauszufinden, zu erraten und zu erfassen – das ist die Hauptaufgabe des historischen Augenblicks, den alle fortgeschrittenen (und nicht allein die fortgeschrittenen) Länder gegenwärtig durchmachen (Der linke Radikalismus …, L.A.W. (1970) Bd. 3, S. 460).

Als Resultat der theoretischen Intervention Lenins dominiert in der KPdSU nach der Oktoberrevolution vorübergehend die Theorie der imperialistischen Kette.6 Nach dem politischen Sieg Stalins gewinnt aber die Theorie des “Weltkapitalismus” wieder an Bedeutung. Seit den 30er Jahren und der entgültigen Formulierung des “Sowjetmarxismus” herrscht wieder die Theorie des “Weltkapitalismus” und seiner “allgemeinen Krise” vor.

Die theoretische Intervention Lenins erlaubt uns, den (kapitalistischen) Staat als die politische Verdichtung der gesellschaftichen (kapitalistischen) Herrschaftsverhältnisse zu verstehen. Dabei setzt der Staat zweierlei Funktionen durch: a) Er trägt entscheidend zur Organisation der langfristigen Interessen der Bourgeoisie bei. Er erscheint also als die wirkliche “Partei” der Bourgeoisie, die die verschiedenen Fraktionen des Kapitals als herrschende Klasse (politisch) vereiheitlicht. b) Er trägt auf der Basis der langfristigen Interessen des Kapitals entscheidend zur Organisation der ganzen Gesellschaft bei. Er setzt gleichzeitig diese bürgerliche soziale Ordnung als Ausdruck der “einheitlichen nationalen Interessen” durch. Der Staat nimmt seine Hauptfunktion, die Aufrechterhaltung des Zusammenhalts der kapitalistischen Gesellschaftsformation wahr, indem er die langfristigen Kapitalinteressen sichert und als nationale Interessen durchsetzt.

Die Nation repräsentiert die spezifisch kapitalistische Zusammengehörigkeit der antagonistischen Klassen einer Gesellschaftsformation. Es handelt sich um eine Vereinheitlichung der gesellschaftlichen Beziehungen, die dazu tendiert, das “Innere”, d.h. Nationale, zu homogenisieren und vom “Äusseren”, d.h. vom Nicht-Nationalen, abzutrennen. Auf diese Weise tendiert die Nation dazu, mit dem Staat zusammenzufallen (Nationalstaat), was nicht bedeutet, dass Staat und Nation begrifflich gleichgesetzt werden können.

Die moderne Nation ist das Resultat eines historischen Prozesses, der eine spezifische, der Kapitalherrschaft entsprechende, kulturelle und ökonomische Einheit zwischen bestimmten antagonistischen Klassen bildet. Der Staat ist die politische “Vervollkommnung” dieses Prozesses: Durch die “nationale Unabhängigkeit” wird die “nationale Einheit” tatsächlich verwirklicht. Die Frage des Staates ist also gleichzeitig eine Frage der nationalen Grenzen, innerhalb derer die Klassenherrschaft organisiert wird, d.h. eine Frage der Herrschaftsgrenzen des Gesamtkapitals. Der Imperialismus ist die (dem Gesamtkapital inhärente) Tenzenz zur Erweiterung der (ökonomischen, ideologischen, politisch-militärischen) Herrschaftsgrenzen und Einflusssphären eines kapitalistischen Herrschaftssystems, eine Tendenz die manchmal die “absolute” Form der territorialen Expansion annihmmt.

Der asynchrone Verlauf der bürgerlichen Revolutionen resultierte in einer tendenziellen Übereinstimmung der territorialen Grenzen der neukonstituierten bürgerlichen Staaten mit denjenigen der existierenden absolutistischen Staaten. Die Konstituierung der kapitalistischen Nationalstaaten macht es daher seitdem unmöglich, ihre Vereinheitlichung mit anderen Mitteln als Krieg, Besatzung und Annexion fremder Länder voranzutreiben.

Von den marxistischen Autoren hat Nicos Poulantzas (1981) eine zutreffende Analyse der Beziehung zwischen Staat und Nation durchgeführt: “Dieser Staat führt eine besondere Beziehung zwischen Geschichte und Territorium ein und bringt eine besondere Beziehung zwischen der Raummatrix und der Zeitmatrix zustande, deren Übereinschneidung und Kreuzung die moderne Nation darstellt. Der kapitalistische Staat setzt die Grenzen, indem er das konstituiert, was innen ist – Volk und Nation – und das Vorher und Nachher des Inhalts dieser Einfriedung homogenisiert. Die nationale Einheit, die moderne Nation, wird so zur Historizität eines Territoriums und zur Territorialisierung einer Geschichte, zur nationalen Tradition eines Territoriums, die sich im Nationalstaat materialisiert” (Poulantzas 1978, S. 107).

Fassen wir zusammen: Der Staat, als konstitutives Element bürgerlicher Herrschaft, ist notwendig (d.h. er ist keine überlebende Vergangenheitsstruktur, sowie kein Anhängsel der Weltwirtschaft). Die konkreten Staaten und staatlichen Grenzen, (sowie die konkreten Nationen: die U.S.-amerikanische, die belgische, die österreichische, die bosnische …) sind theoretisch nicht notwendig, in dem Sinne, dass sie das Produkt eines konkreten historischen Prozesses sind.

Kapitalistische Produktionsweise und Gesamtkapital

Die im Rahmen des Weltkapitalismus-Ansatzes vertretene Ansicht über die territoriale Nichtübereinstimmung zwischen Staat und Kapital wird auf folgende These begründet: “Das Verhältnis von Nationalstaat und Kapital ist das Verhältnis eines national fixierten Staates zu einem weltweit mobilen Kpital (…) Die relative Immobilität des Nationalstaates und die extrem hohe Mobilität des Kapitals machen es unmöglich, eine derart einfache Beziehung zwischen Nationalstaat und irgendeinem besonderen Teil des Weltkapitals zu behaupten” (Holloway 1993, S. 21-22).

Diese Ansicht verwechselt offenkundig das Gesamtkapital (d.h. das Kapital als gesellschaftiches Klassenverhältnis und seine erweiterte Reproduktion) mit den verschiedenen Formen des Einzelkapitals (insbesondere seiner Geldform). Auf der ökonomischen Ebene ist das Gesamtkapital, die Kapitalbeziehung per ce, ganauso immobil wie auf der politischen Ebene der Staat. Das Gesamtkapital ist kein “Ding”, das ins Ausland geschickt werden könnte. Es ist das dominierende gesellschaftliche Produktionsverhältnis in jeder kapitalistischen Gesellschaftsformation, das durch die von der Konkurrenz vermittelten Ausgleichsprozesse durchgesetzt wird: “Diese Ausgleichung gelingt dem Kapital mehr oder minder, je höher die kapitalistische Entwicklung in einer gegebenen nationalen Gesellschaft ist: d.h. je mehr die Zustände des bettrefenden Landes der kapitalistischen Produktionsweise angepasst sind” (Marx 1973, S. 206, hervogeh. von mir, J.M.).

Die Einzelkapitale können dagegen mobil sein. Die Vorherrschaft der kapitalistischen Produktionsverhältisse in einer Gesellschaftsformation bedeutet die Unterwerfung aller dort sich befindenden (in einem historischen Zeitpunkt) Einzelkapitale den “immanenten Gesetzen der kapitalistischen Produktion selbst” (Marx 1972, S. 790) und die Bildung des Gesamtkapitals auf nationaler Ebene: Die Konkurrenz der Einzelkapitale im ökonomisch und politisch “homogenen” Raum des Binnenmarkts (ohne die Schutzmassnahmen der verschiedenen Staaten und die Schwankungen der Wärungsparitäten, die für den Weltmarkt charakteristisch sind), gewährleistet die Beweglichkeit der Einzelkapitale vom einen zum anderen Produktionssektor und die Bildung einer nationalen allgemeinen Durchschnittsprofitrate. Die für die Einzelkapitalbewegung entscheidenden Momente, wie durchschnittliche Intensität und Produktivität der Arbeit, Reallohn und Mehrwertrate und vor allem die allgemeine Profitrate sind national bestimmte Grössen.

Die nationalstaatliche Verfasstheit des Gesamtkapitals bestimmt weiterhin die eventuelle Weltmarktmobilität der Einzelkapitale. Mit anderen Worten bestimmen hauptsächlich die nationalen Prozesse die Art und Weise der Artikulation des Nationalen im Internationalen: Die Höhe der allgemeinen Profitrate in jeder Gesellschaftsformation (als Resultat eines historisch konkreten Prozesses der Kapitalakkumulation) ist ein entscheidender “Index”, der die Richtung der internationalen Kapitalströme bestimmt. Es ist darum verständlich, warum mehr als 75% der weltweiten Direktinvestitionen sich auf die entwickelten kapitalistischen Länder konzentrieren (Busch u.a. 1984, Busch 1992), wobei die Kapitalbewegungen in den Entwicklungsländern kontinuierlich an relativem Gewicht verlieren.

Das empirische Bild der Weltmarktbewegung des Kapitals, die Tatsache nämlich dass der Kapitalexport eingleisig läuft7, widerspricht den Thesen des Weltkapitalismus-Ansatzes, dass die Mobilität des Kapitals (oder die “globale Akkumulation”) auf das Primat des Weltsystems gegenüber dem Prozess der Kapitalakkumulation in den einzelnen Gesellschaftsformationen hinweise. Im Gegenteil wird die Weltmarktbewegung des Kapitals von der Kapitalakkumulation in den einzelnen Gesellschaftsformationen determiniert, wie ich im Teil 5 dieses Aufsatzes zu erklären versuche.

Das Konzept des Gesamtkapitals ist mit dem Konzept der kapitalistischen Produktionsweise (KPW) eng verbunden. Die KPW, der Hauptgegenstand des Marxschen “Kapital”, ist ein theoretisches Objekt, das auf die spezifisch kapitalistische Einheit der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse, d.h. auf die grundlegenden (ökonomischen, politischen, ideologischen) Strukturmerkmale, die für jedes kapitalistische System charakteristisch sind, verweist.

Wie Althusser (in Althusser/Balibar 1972, S. 162 ff.) gezeigt hat, bildet die KPW nicht den Begriff der kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse schlechtin, sondern ihre “Kerngestalt” (“sa structure du noyau”). Die absolute Trennung des Arbeiters von den Produktionsmitteln (und nicht das Produzieren “für Profit auf einem Markt”, Wallerstein, in Senghaas 1979, S. 44) ist die Basis dieser spezifischen Produktionsweise. Die KPW gibt, nach den Worten von Marx, “den inneren und notwendigen Zusammenhang” (Marx 1973, S. 235) zwischen den konstitutiven Elementen der Kapitalbeziehung wieder. Sie gibt also die Strukturmerkmale und die Haupttendenzen der erweiterten Reproduktion des Gesamtkapitals wieder.

Die Stätte der KPW ist, wie schon erwähnt, die kapitalistische Gesellschaftsformation8. Umgekehrt, wird eine im Staate zusammengefasste Gesellschaftsformation als kapitalistisch bezeichnet, insofern als sie auf der Basis der Vorherrschaft der KPW konstituiert wird. Trotzdem, verweist die kapitalistische Gesellschaftsformation auf den Begriff eines sozialen Ganzen, das viel komplexer ist als die KPW:

a) Die Gesellschaftsformation enthält nicht nur eine Produktionsweise (die KPW), sondern kann auf der Basis der Verknüpfung mehrerer Produktionsweisen bzw. Produktionsformen (z.B. einfache Warenproduktion) mit der vorherrschenden KPW konstituiert werden.

b) Die KPW bildet die “Kerngestalt” der Kapitalbeziehung. Für die wissenschaftliche Untersuchung eines real existierenden Gesamtkapitals muss man alle historisch (d.h. im historischen Prozess des Klassenkampfs) konstituierten, der KPW “äusseren” Bestimmungen miteinbeziehen (Dumenil 1978). Es handelt sich um die historisch gegebenen Verhältnisse, die in jeder Gesellschaftsformation konkret erscheinen, und, obwohl sie kein Bestandteil der notwendigen, immanenten Gesetzmässigkeiten der KPW sind, durch diese Gesetzmässigkeiten konkret zum Ausdruck kommen. Solche “äussere” Bestimmungen sind u. a. die höhere oder niedrigere Qualifikation der Arbeitskraft, die politische Stärke der Arbeiterklasse, das Vorhandensein von natürlichen Ressourcen, die konkrete Dauer des Arbeitstages, und, vor allem, die konkreten Formen der Konkurrenz auf dem Weltmarkt (Vorhandensein von Kolonien und Monopolhandel, Zoll- und Tarifpolitik, Verschärfung bzw. Abschwächung der internationalen Konkurrenzposition des nationalen Kapitals mittels aussenpolitischer Massnahmen etc.)

Fassen wir zusammen: Die KPW stellt die grundlegenden Strukturmerkmale der kapitalistischen Herrschaft dar, wie sie im Inneren der nationalen Gesellschaftsformation vegegenständlicht werden. Die konkrete Existenzform der Kapitalbeziehung in einer konkreten kapitalistischen Gesellschaftsformation wird weiterhin durch die Vielfalt der “äuseren Bestimmungen” determiniert. Zu diesen “äuseren Bestimmungen” gehören auch die fürs nationale Gesamtkapital konkret bestehenden Formen der Weltmaktkonkurrenz.

Die Modifikation des Wertgesetzes auf dem Weltmarkt

Der Weltkapitalismus-Ansatz betrachtet den Weltmarkt als das par excellence Spezifikum der Globalisierung der Kapitalbeziehung. Dem Anschein nach setzt der Weltmarkt alle Produzenten der Welt als Konkurrenten gleich.

In Wirklichkeit aber schlägt sich die nationalstaatliche Verfasstheit des Gesamtkapitals in den konkreten Trennungslinien zwischen den verschiedenen (nationalen) Zirkulationssphären nieder, die sich u.a. in der Verschiedenheit der nationalen Währungen, d.h. in dem Fehlen einer gemeinsamen internationalen Währung ausdrücken.

Auf der nationalen Ebene werden die Preise der Waren “spontan” in nationaler Währung ausgedrückt. Wenn aber eine Ware exportiert wird und auf dem Weltmarkt zirkuliert, transformiert sie ihren “Geldnamen”, indem sie ihren Preis in internationaler oder ausländischer Währung darstellt. Das Fehlen eines allgemeinen Äquivalents auf der Weltebene impliziert die Herausbildung eines Tauschverhältnisses zwischen den Währungseinheiten der verschiedenen Länder. Im Idealfall drückt die Entwicklung dieses Verhältnisses die reale Position der verschiedenen Nationalkapitale in der Stufenleiter der universellen Arbeit aus.

Die nationalstaatliche Verfasstheit des Kapitals modifiziert also die Wirkungsweise des Wertgesetzes auf dem Weltmarkt:

Das nationale Kapital mit der im internationalen Massstab höheren (niedrigeren) Arbeitsproduktivität verbraucht weniger (mehr) nationale Arbeitsstunden für die Produktion einer bestimmten Ware als das Kapital, das auf der Basis der international bestimmten gesellschaftlich notwendigen Arbeitsproduktivität produziert.

Auf diese Weise gelingt es dem höher entwickelten nationalen Kapital, auf dem Weltmarkt einen Surplusprofit zu erzielen: Eine Ware, die auf dem Weltmarkt einen einheitlichen internationalen Wert besitzt, stellt aber gleichzeitig einen niedrigeren nationalen Wert für das höher entwickelte Kapital dar (wenigere nationale als internationale Arbeitsstunden). Das entspricht dem von Marx beschriebenen Fall der “individuellen Werte” einer Ware (Marx 1973, S. 190 ff.): Der “individuelle” Wert (Preis) einer Ware ist im Falle eines Einzelkapitals mit überdurchschnittlicher Produktivität niedriger als sein tatsächlicher, gesellschaftlich bestimmter Wert (Preis); er ist im Falle einer unterdurchschnittlichen Produktivität höher. Demzufolge eignet sich das produktivere Kapital bei der Realisierung des tatsächlichen Wertes (Preises) dieser Ware einen Extra-Mehrwert (Surplusprofit) an.

Die Aneignung von Surplusprofiten seitens der mit überdurchschnittlicher Arbeitsproduktivität produzierenden Kapitale im Inneren einer nationalen Produktionsbranche wird tendenziell durch die Konkurrenz immer wieder aufgehoben, weil a) die produktiveren Arbeitstechniken verallgemeinert werden (die weniger produktiven Kapitale führen die produktiveren Arbeitsmethoden ein) und/oder b) die Einzelkapitale, denen es nicht gelingt, ihre Produktionsmethoden zu “rationalisieren”, niederkonkurriert werden.

Auf der internationalen Ebene können sich diese beiden Prozesse viel weniger effektiv durchsetzen. Die nationale Verfasstheit des Kapitals bringt den Abbau der vom höher entwickelten Land angeeigneten Surplusprofite mit sich, ohne die für den Binnenmarkt charakteristischen Ausgleichsmechanismen in Kraft setzen zu müssen.

Im Idealfall, d.h. unter Abstraktion von sonstigen Massnahmen der Aussenwirtschaftspolitik, wirkt die Existenz verschiedener nationaler Währungen und der entsprechenden Wechelkurse für die weniger entwickelten nationalen Kapitale protektionistisch.

Die produktiveren Länder können am Anfang ihre Waren zu niedrigeren Preisen als die weniger produktiv produzierenden Länder auf dem Weltmarkt realisieren. Das hat wachsende Handelsüberschüsse (bzw. Leistungsbilanzüberschüsse) für die produktiveren Länder und wachsende Handelsdefizite (bzw. Leistungsbilanzdefizite) für die Länder niedrigerer Arbeitsproduktivität zur Folge. Unter dem Druck der Handelsdefizite wird das weniger entwickelte Land gezwungen, seine Währung abzuwerten, während gleichzeitig die Handelsbilanzüberschüsse der höher entwickelten Länder eine Aufwertungstendenz für die Währungen dieser Länder in Gang setzen.

Dabei müssen auch die unterschiedlichen Inflationsraten einbezogen werden: Eine höhere Inflationsrate wird sich bald in höheren internationalen Warenpreisen und steigenden Leistungsbilanzdefiziten niederschlagen, was natürlich wieder eine Abwertung der nationalen Währung zur Folge hat.

Die oben beschriebenen Wechelkursmechanismen modifizieren die Wirkungsweise des Wertgesetzes auf dem Weltmarkt. Die weniger entwickelten nationalen Kapitale werden durch die Abwertung ihrer nationalen Währung von der Weltmarktkonkurrenz mit den höher entwickelten nationalen Kapitalen geschützt, die internationalen Unterschiede der Arbeitsproduktivität können weiter bestehen, die im internationalen Handel erzielten Surplusprofite der höher entwickelten nationalen Kapitale werden abgebaut. Durch die Abwertung der Währung werden die “hohen” Preise der Waren der weniger entwickelten Länder in niedrigere internationale Marktpreise transformiert. Analog werden die “niedrigen” nationalen Marktpreise der höher entwickelten Länder durch die Aufwertung ihrer nationalen Währungen in höhere internationale Preise übersetzt.

Die oben kurz skizzierte Theorie der Modifikation des Wertgesetzes auf dem Weltmarkt, die in der B.R. Deutschland in den 70er und 80er Jahren formuliert und entwickelt wurde (Busch/Schöller/Seelow 1971, Neusüss 1972, Busch 1973, Busch 1974, Busch/Grunert/Tobergte 1984), erhellt die Wirkungsweise und die Mechanismen des Weltmarkts, die in der Tat viel komplizierter sind, als der Weltkapitalismus-Ansatz vermutet. Meines Erachtens kann die Modifikationstheorie alle gegenwärtigen empirischen Tatsachen der internationalen Wirtschaft (Entwicklung der Finanzmärkte, Richtungen der Weltmarktbewegung des Kapitals, Korrelation zwischen Warenexport und Kapitalexport, Liberalisierungstendenzen des Welthandels etc.) erklären (Milios 1988, S. 90-95)9.

Die nationalstaatliche Verfasstheit des Gesamtkapitals wird aber auch angesichts der internationalpolitischen Initiativen der verschiedenen Staaten deutlich: “Wie wichtig der Staat bei der Verbesserung der Kapitalverwertungsbedingungen nach wie vor ist, wird im Osthandel der BRD deutlich, in dem der Staat nicht nur Aufträge vermittelt, sondern gerade im Bereich der Infrastruktur (Telekommunikation, Verkehrssysteme) gebraucht wird, um das Risiko des einzelnen Unternehmens abzudecken (…) Direkt politisch beeinflusste Zonen bekommen wieder eine viel grössere Relevanz” (Möller 1994, S. 29).

Zusammenfassung

Unsere theoretischen Überlegungen zum kapitalistischen Staat, zum Begriff des Gesamtkapitals und zur kapitalistischen Produktionsweise, sowie die theoretischen Feststellungen der Modifikationstheorie führen zu der These, dass die nationalen Verhältnisse im Vergleich zu den internationalen Verhältnissen das Primat haben (nationalstaatliche Verfasstheit des Gesamtkapitals).

Gleichzeitig bedeutet aber die Internationalisierung der kapitalistischen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse und die Herausbildung der “imperialistischen Kette” (Lenin), dass das Kapitalverhältnis im Inneren jeder kapitalistischen Gesellschaftsformation auch von den internationalen Beziehungen überdeterminiert wird. Die erweiterte Reproduktion des nationalen Gesamtkapitals, d.h. der nationalstaatlich verfassten Kapitalbeziehung, hängt auch vom “internationale System”, d.h. von der konkreten Form der imperialistischen Kette ab.

Literaturverzeichnis

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Bucharin, N. (1970): “Der Imperialismus und die Akkumulation des Kapitals”, CARO Druck, Heidelberg

Bukharin, N. (1972): “Imperialism and World Economy”, Merlin, London

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Kurz, R. (1993): “Der letzte macht das Licht aus”, Edition Tiamat

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Luxemburg, R. (1970): “Die Akkumulation des Kapitals”, Neue Kritik, Frankfurt/M

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Wallerstein, I. (1979): “Aufstieg und künftiger Niedergang des kapitalistischen Weltsystems”, in Senghaas, D. (Hrsg.): “Kapitalistische Weltökonomie”, Suhrkamp, Frankfurt/M.

Anmerkungen

1. In chronologischer Reihe: Hilferding “Das Finanzkapital” 1909, Luxemburg “Die Akkumulation des Kapitals” 1912, Bucharin “Imperialismus und Weltwirtschaft” 1915, Lenin “Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus” 1916.

2. Über die theoretische Konvergenz des sowjetmarxistischen und des sog. “neomarxistischen” Ansatzes s. Milios 1988.

3. Die Theorie des “Weltkapitalismus” inspiriert auch die linke Opposition der KPdSU. Vgl. die folgende Formulierung Trotzkis aus dem Jahre 1930: “Der Marxismus geht von der Weltwirtschaft aus nicht als einer Summe nationaler Teile, sondern als einer gewaltigen, selbstständigen Realität, die durch internationale Arbeitsteilung und den Weltmarkt geschaffen wurde und in den gegenwärtigen Epoche über den nationalen Märkten herrscht” (Trotzki 1972, S. 9).

4. Die umfassendste Kritik am Ökonomismus der zeitgenössischen Linken formuliert Louis Althusser (“Das Kapital lesen”, “Für Marx”, “Antwort an John Lewis”): “It is born spontaneously, that is to say necessarily, of the bourgeois practices of production and exploitation, and at the same time of the legal practices of the bourgeois law and its ideology, which provide a sanction for the capitalist relations of production and exploitation and their reproduction” (Althusser 1984, S. 124).

5. Diese Thesse vertritt z. B. Luxemburg (1970, S. 410), die über die “objektive wirtschaftliche Unmöglichkeit des Kapitalismus” spricht, aber auch Kurz (1993), der das “globale Marktsystem” für “reproduktionsunfähig” betrachtet.

6. Es ist charakteristisch, dass sich Bucharin in seiner Polemik gegen Rosa Luxemburg (Der Imperialismus und die Akkumulation des Kapitals, 1925 erst heraugegeben) kaum auf die Theorie des “Weltkapitalismus” bezieht. Ein Jahr später schreibt Bucharin sogar: «Die moderne Weltwirtschaft stellt eine realle Einheit im bedingten Sinne dieses Wortes dar (…) Deshalb tragen die sogennanten “allgemeinen Schlussfolgerungen” in Bezug auf die Weltwirtschaft in ihrer Gesamtheit ebenfalls einen bedingten Charakter» (Bucharin 1926, S. 31-32).

7. «Wer ist das “Weltkapital” (…)? Zu 90 Prozent sind die Zentralen der 500 grössten Konzerne in den Staaten der drei grossen Wirtschaftsblöcke, EU, Nafta und Japan angesiedelt. Zu 76 Prozent verteilen sie sich auf Deutschland (21%), Japan (22%) und die USA (33%) (Winfried Wolf “Die Triade. Die Aktualität imperialistischer Konkurrenz”, SOZ 3, 10.2.94)» (zitiert nach Heiner Möller: Neue Proletarität?, Bahamas Nr. 13, 1994, S. 28)

8. Marx formuliert diese These im Vorwort zur ersten Auflage von “Das Kapital”, wie folgt: “Was ich in diesem Werk zu erforschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnise. Ihre klassische Stätte ist bis jetzt England. Dies ist der Grund, warum es zur Hauptillustration meiner theoretischen Entwicklung dient” (Marx 1972, S. 12)

9. Es ist charakteristisch, dass auch bürgerliche Ökonomen nicht selten auf die besondere Rolle der Wechselkurse hinweisen: “If everything were perfectly and instantaneously mobile, there would be no reason to study the interaction of separate national economies, as there would be only one, global economy. One of the reasons for distinguishing goods according to the nation in which they are produced, and factors according to the nation in which they produce, is that different currencies are used for monetary exchange in different countries. International macroeconomists are specially concerned with a very special price, the exchange rate between two currencies” (Betrola, 1989, S. 114).

[Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, No. 217, Heft 5/6, 1996, S. 713-724]

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Foto: Bernhard Weber

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