Biopolitics, Mashines, PhiloFiction

Die Elemente von Foucault (4)

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2 Aug , 2020  

Lambert wendet sich daraufhin dem Begriff der Funktion zu, den Althusser in seinem Konzept des ideologischen Staatsapparates genauer zu erfassen versucht hat, wobei zunächst auf die Kategorie des Subjekts und sein Funktionieren zu rekurrieren ist. Althusser spricht hier von der Interpellation als der effektiven Technik, durch die konkreten Individuen in Subjekte transformiert werden, sodass sie in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen funktionieren können. Die Funktion wird an dieser Stelle im aristotelischen Sinne als ein praktisches Wissen begriffen, das ähnlich zum Produktionsprozess in Kräften und technischen Anordnungen besteht (techne). Althusser wendet diesen Begriff sowohl in der Analyse der ideologischen Staatsapparate als auch der des Subjekts an. Die Funktion besitzt die spontane Kraft einer automatischen agency, einer Maschine oder eines Mechanismus, insofern der Effekt des Prozesses von Anfang an gegeben ist. Hier wird aber der Prozess nur durch seine Effekte beurteilt, glaubt Lambert, sodass es von Anfang an die Idee des Subjekts und sein Funktionieren geben muss, so wie etwa ein Maler die Idee eines Bildes im Kopf haben muss, bevor er es malt. Im platonischen Sinn existiert die Idee als eine Art Modell, wobei Lambert einschränkt, insofern bei Althusser die Idee nicht als die Idee einer Repräsentation erscheint, sondern als die Bedingung der Aktualisierung beispielsweise der Idee der Person oder des Selbst in den konkreten Individuen.

Es gilt nun zu fragen, wie die Interpellation kategorisch funktioniert. Bei Althusser erscheint diese als eine natürliche Konsequenz der kapitalistischen Produktionsweise (die Expression einer universellen Struktur hat keine Geschichte). Zunächst stellt sich hier die Frage, was eine Kategorie überhaupt ist, und dabei rekurriert Lambert sinnvollerweise auf Kant, bei dem Kategorien nicht vom Himmel fallen, sondern in einer bestimmten Raumzeit auftauchen und ihre Funktion erhalten. Im Rahmen der apriori Funktion eines Konzepts ist dieses unabhängig von der Erfahrung zu begreifen, und genauso funktioniert bei Althusser die Funktion des Subjekts, nämlich unabhängig von der konkreten Erfahrung, i.e. apriorisch und nicht synthetisch, und somit stellt das Subjekt eine universelle Bedingung jeder möglichen Erfahrung aller konkreten Subjekte dar, die ausnahmslos im Feld der Ideologie gefangen sind. Das Individuum ist somit je schon ein Subjekt, sogar schon, bevor es geboren ist. Das Subjekt ist damit sozusagen ein Faktum, welches die automatische Verbindung zwischen Konzept und Prädikat impliziert, womit das Subjekt ein apriori analytisches Urteil ist, i.e. jedes Individuum drückt das Subjekt per se als sein Prädikat aus. Und dies bezeichnet Althusser als einen elementaren ideologischen Effekt. Das Subjekt ist somit quasi ein transzendentales Subjekt, spontan, universal, selbst-evident und ad hoc. Dieses transzendentale Subjekt bestimmt noch jedes konkrete Individuum, ein schönes System von Ideen, ja eine ungeheuerliche Maschine, wie Deleuze in bezug auf Kant schreibt.

Es stellt sich an dieser Stelle jetzt die Frage, wie es mit Kants Aprioris von Raum und Zeit bestellt ist. Kant selbst unterscheidet zunächst zwischen den Funktionen der Kategorie (Kausalität, Einheit, Multiplizität) und den Formen von Raum und Zeit, welche die reinen Formen unserer Rezeptivität darstellen, während das Konzept bzw. die Kategorien doch Formen unserer aktiven Spontaneität sind. Für Althusser sind die apriori Formen lediglich ähnlich dem Unbewussten ideologische Präsentationen, das heißt, die Ideologie bestimmt unsere Rezeptivität, sodass das Subjekt der Ideologie die Formen der Raumzeit je schon internalisiert hat, weil die Ideologie omnipräsent, transhistorisch und im Verlauf der Geschichte selbst unveränderbar ist. Wie das Unbewusste ist die Ideologie, so Althusser ewig.

Die Kategorie des Subjekts wird also in demselben Moment erfunden, als die Formen von Raum und Zeit unter die Funktion der ideologischen Repräsentation der Bedingungen der realen Erfahrung untergeordnet werden. Subjekte, so Lambert, sind wie kleine Maschinen, sie tendieren dahin, ihre eigene Arbeitskraft verkaufen, ohne dass es ihnen ein Boss oder Prime Mover vorschreiben muss, und genau darin besteht dann in der bürgerlichen Ideologie auch ihre Freiheit. Aus einer marxistischen Perspektive ist diese hauptsächlich eine ideologische Funktion, durch die die Bedingungen der realen Existenz in einer imaginären Form zum Ausdruck kommen. Die Form der Ideologie und die Kategorie des Subjekts entstehen also in demselben Moment, und mehr noch, diese Übereinstimmung ist von diesem Punkt an (als bürgerliche Ideologie des 17. Jahrhunderts) ewig und inkludiert jeden anderen Moment sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft. So reproduzieren die ideologischen Staatsapparate für Althusser lebende biologische Maschinen, insofern ihre primäre Funktion in der Reproduktion der Arbeit besteht. Althusser befindet sich hier in der Nähe Platons, insofern er bei der Kategorie des Subjekts als einem Prinzip insistiert, das vor seinem Funktionieren bei der Produktion von konkreten Individuen gegeben ist. Es funktioniert präzise wie ein platonisches Modell, und alle bürgerlichen Repräsentationen des Subjekts funktionieren nun unbewusst, indem sie die Idee vom Subjekt in die konkreten Individuen als das reale Subjekt ihres Funktionierens transponieren. Dabei wird die cartesianische Idee vom Ursprung Gottes korrigiert, vielmehr geht es darum, dass das Subjekt und sein Funktionieren als eine generelle Strategie erfunden wird, deren Ziel darin besteht, alle konkreten Individuen der bürgerlichen Ideologie zu unterwerfen. Der Apparat ist damit in seinem Funktionieren als Teil einer allgemeineren Ordnung definiert, nämlich der kapitalistischen Produktionsweise, was für Lambert die Tautologie der Kategorie selbst impliziert, die Althusser nur lösen kann, indem er repressive und ideologische Staatsapparate unterscheidet.

Für Foucault hingegen geht es in der Absetzung von Althusser nicht mehr um die Kategorie des Subjekts, sondern um die Verfügbarkeit der Elemente innerhalb einer zeitlichen und räumlichen Einheit. Das heißt, dass die verschiedenen Elemente in Zeit und Raum so organisiert sind, dass ihre Einheit nicht als ein analytische Prädikat desselben Subjekts, sondern als synthetische Prädikate eines ganzen Arrangements ausgedrückt werden (diskursiv, sozial, militärisch oder disziplinarisch). Und darin sind die Disziplinen etwas, das Kräfte bezüglich der Herstellung einer effizienten Maschinen komponiert.

Lambert referiert dann auf Canguilhems Schrift „Maschine und Organismus“, für den der Prozess der technologischen Evolution ein Resultat der graduellen Realisierung von Prozessen der Mechanisierung von verschiedenen materiellen und technischen Praktiken ist. In dieser Schrift taucht zum ersten Mal der Begriff des Dispositivs auf, um die Idee des Mechanismus in der modernen Biologie nachzuweisen. Ein weitere Definition besteht in der des Werkzeugs, das benutzt wird, um auf die Natur einzuwirken. Die Konstruktion der Maschine folgt hier dem technischen Wissen, das versucht die Effekte der Maschine zu multiplizieren, insofern jede technische Innovation eine irreduzible Vitalität besitzt, die nicht auf ihre Rationalisierung zurückführbar ist. Oder, um es anders zu sagen, die Idee des Mechanismus basiert auf der Konstruktion von aktuellen Maschinen und nicht umgekehrt.

Im Jahr 1844 fragt sich Marx, welcher Maschine der Staat angehört, wobei sich Marx von der Analogisierung von Organismus und Maschine absetzt und sich auf die moderne Maschine bezieht: die Dampfmaschine. Er folgt zunächst der Definition der Maschine durch Babbage, nach der die Maschine durch die Vereinigung verschiedener Instrumente konstruiert wird, die durch einen Motor in Gang gesetzt werden. Ähnlich funktioniert das Gesetz als der Motor des Staates, wobei die Klassenungleichheit in legale Gewalt übersetzt wird, sodass sich der Staat von der Zivilgesellschaft absetzen kann.

Im nächsten Abschnitt behandelt Lambert das Problem um das Raster der Intellektualität. In den Schriften zur Sexualität und den Vorlesungen zur Gouvernementalität aus den Jahren 1977-7 gibt es eine parallele These zwischen der Evolution der Disziplinar- und Sicherheitstechniken, die an die Bevölkerungen adressiert sind, und der Evolution des Konzepts der Freiheit, das an die Individuen unter Hilfe der klassischen Doktrinen des Liberalismus adressiert ist. Für Foucault ist die Freiheit nichts anderes als das Korrelativ der Sicherheitdispositive. In diesem Zusammenhang funktioniert das Subjekt der Macht nicht nach den Gesetzen des Staates, sondern als ein autonomer, normativer Agent. Das heißt freilich nicht, dass die Macht nicht länger durch disziplinarische Mechanismen beeinflusst wird und als reiner bios funktioniert, vielmehr sind die Effekte der Normalisierung immer auch Funktionen neuer Dispositive der Sicherheit. Disziplinen und Biomacht existieren in einer sozialen Organisation gemeinsam und operieren gemäß verschiedenen Prinzipien, die sie separieren, aber auch gleichzeitig in einer bestimmten Form der Gouvernementalität zusammenführen. Die biopolitischen Dispositive sind die andere Seite der juridischen und politischen Strukturen der Repräsentation (Staat) und dienen als Bedingung für das beidseitige Funktionieren der Dispositive. In seinen Vorlesungen betreffen viele Beispiele der Biopolitik sowohl die Zunahme neuer Techniken, die die Messung der Geburtenrate in nationalen Ökonomien betreffen, als auch der Zunahme der Institutionen des „Humankapitals“. Die sogenannte Ökonomisierung von privaten Bereichen, die das betrifft, was Wilhelm Röpke als „Gesellschaftspolitik“ und Alexander von Rüstow als „Vitalpolitik“ bezeichnet hat, betreffen das Problem der neuen neoliberalen Gouvernementalität. Dabei wird beim Arbeiter nicht nur die Verkürzung der Arbeitszeit oder die Erhöhung des Lohns als positive Maßnahmen ins Visier genommen, vielmehr geht um die gesamte vitale Situation des Arbeiters Tag und Nacht. Den ordoliberalen Theorien im Nachkriegsdeutschland ging es darum eine „Marktgesellschaft“ zu schaffen, die nicht ganz dem unbedingten Wettbewerbszwang der kapitalistischen Ökonomie unterliegen sollte. Damit geriet man in Gegensatz zu den Theorien von Hayek und der Chicago School, in der das Prinzip des kapitalistischen Wettbewerbs jeden sozialen Bereich erfassen sollte.

Foto: Bernhard Weber

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