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Geschichte und Klassenbewusstsein heute

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4 Apr , 2018  

Eine Diskussion zwischen Furio Cerutti, Detlev Claussen, Hans-Jürgen Krahl, Oskar Negt und Alfred Schmidt

zuerst veröffentlicht in: Schwarze Reihe Bd.12, Verlag de Munter, Amsterdam 1971

S c h m i d t: Dialektische Sachverhalte verführen nicht selten dazu, über alles zugleich reden zu wollen, und es kommt dabei wenig heraus. Ich schlage vor, wir schreiten vom Abstrakten zum Konkreten fort, nach alter Tradition, und sprechen zunächst über die philosophische und politische Bedeutung des Buches, Insbesondere über die Frage der sachlichen Bedeutung Hegels für den Marxismus – sie hervorgehoben zu haben ist eines der Verdienste des frühen Lukacs – und kommen dann auf das Problem der Erkenntnis der Gegenwart als zu gestaltender Geschichte.

K r a h l: Das bedeutet, daß die Implikationen der Diskussion, die über Lukacs selber geführt wurde (1), quer durch die Debatte gehen.

S c h m i d t: Ganz sicher. Wichtig am frühen Lukacs ist der gegen den archivarischen, akademisch bleibenden Historismus gerichtete Impuls, Geschichte als unmittelbare Aufgabe zu begreifen. Im Sinne der Marxschen Erklärung der Anatomie des Affen aus der des Menschen und nicht umgekehrt interpretiert Lukacs die vergangenen Stufen der Menschheit im Licht der Gegenwart. Dieses berühmte Prinzip ist das Positive. Fragwürdig daran ist eine gewisse Affinität zur – selber ungeschichtlich werdenden – Katastrophentheorie der Geschichte, wie sie noch heute vorliegt bei Herbert Marcuse in seiner eschatologischen Idee einer „Katastrophe der Befreiung”. Geschichte bleibt hier der abstrakte Raum zur Verwirklichung des immer schon Möglichen. Damit nimmt Lukacs Heideggers “Sein und Zeit” und ähnliche Konzeptionen vorweg.

K r a h l: Zentral ist ja auch der Primat von Emanzipationskategorien (Schmidt: der sich im Subjektivismus ausdrückt!), der sich aus der Rekonstruktion des Verhältnisses des Marxismus zur Philosophie, wie das bei Lukacs und Korsch der Fall ist, ergibt. Und es ist die Frage der undurchschauten idealistischen Implikate, die gerade die Entfaltung dieser Emanzipationskategorien als Kategorien der Praxis betrifft.

S c h m i d t: Die ganze Problematik dessen, was man schlagwörtlich den “Luxemburgismus” des Buches nennen kann, namentlich die Spontaneitätstheorie, hängt mit dem neu aufgenommenen hegelianischen Moment zusammen, mit einem überzogenen Subjektsbegriff. Aber das ist eine doppelschlächtige Sache. Man kann historisch hinweisen auf den “absoluten Historismus” Gramscis, auf die Beziehung zu “Sein und Zeit”, vor allem darauf, daß Lukacs versucht hat, jede Soziologie, alles streng Strukturanalytische, zugunsten einer reinen Prozessualität, die ihn nicht nur in Hegelsche, sondern sogar Fichtesche Gegenden bringt, beiseite zu lassen. Das hat wichtige politische Implikate. Wir freilich müssen das Für und Wider hinsichtlich des Subjektivismus jeweils genau gegeneinander abwägen. – Ferner ist Lukacs’ Begriff “marxistischer Orthodoxie” zu kritisieren. Hier zeigt sich ein gewisser Fetischdienst an der Methode. Neuerdings hat Lukacs selbst zugegeben, daß sein Buch einen problematischen Gegensatz konstruiert zwischen der Erklärung der Geschichte aus der Ökonomie und der Totalitätsbetrachtung. Denn Totalität wird bei Marx gerade inhaltlich bestimmt als durch die Gesamtheit der Produktionsverhältnisse gestiftet. Jenseits der ökonomischen Erklärung der Geschichte gibt es für ihn keine Kategorie der Totalität. Jenen Gegensatz bei Lukacs müssen wir entschieden kritisieren.

K r a h l: Ja, und da vor allen Dingen, daß diese Totalitätskategorie, wenn man so will, von der Empirie getrennt wird; daß Lukacs keinen materialistischen Empiriebegrff hat, sondern implizit gerade in seinen psychologischen Fassungen des Empiriebegriffs einen schon szientivisch reduzierten.

S c h m i d t: Das eben hängt mit dem Begriff “reiner Geschichte”, eines reinen Geschehens zusammen. Die idealistischen Konsequenzen daraus sind völlig klar: die Natur und deren Eigenstruktur verdunsten. Produktion wird “reines Erzeugen”. Das aber ist verkappter Fichteanismus … zugleich aber ist in diesem überzogenen Begriff von Subjektivität ein gewisser Neuansatz der Marxschen Frage im Vormärz enthalten: Wie ist der vom Idealismus entwickelte Begriff welterzeugender Subjektivität materialistisch umzuarbeiten? Also das ist bei Lukacs mit zu bedenken, der Begriff einer “praktischen Subjektivität”. – Theoretisch wichtig ist die Universalität der Warenform. Lukacs hat die Problematik der Verdinglichung in ihrer grundsätzlichen Bedeutung durchschaut und detailliert gezeigt, daß sie sämtliche Erfahrungsweisen im kapitalistischen Alltag beherrscht. Aber nicht nur das. Lukacs hat zugleich den ganzen deutschen Idealismus wirklich historisch-materialistisch aus der von ihm unbewältigten, ihn aber bedingenden Problematik der Fetischisierung abgeleitet, vor allem im Abschnitt über die „Antinomien des bürgerlichen Denkens” (1), der sich mit dem Auseinandertreten von Form und Inhalt in der Kantischen Philosophie beschäftigt. Das wäre das Philosophisch-Allgemeine, das ich mir notiert habe, es läge jetzt an Ihnen, eigene Betrachtungen beizusteuern, auch kritische.

K r a h l: Ich fand die Gliederung der ersten drei Punkte systematisch sehr gut.

S c h m i d t: Die allgemeine Bedeutung des Buches heute beruht darauf, daß Lukacs zu damals brennend aktuellen Fragen Stellung genommen hat; das macht paradoxerweise die “Überzeitlichkeit” des Buches aus. Er hat nicht in bloßer Kontemplation geschrieben, sondern im engsten Kontakt mit den Klassenkämpfen der zwanziger Jahre. Die Geschichte selbst hat sich in seinen Überlegungen verdichtet, und zwar die Periode von der Oktoberrevolution über das Scheitern der westeuropäischen Revolutionsversuche bis zur NEP. Daß Lukacs damals zu sehr zeitbedingten Fragen Stellung genommen hat, das macht unter anderem sein Buch für uns heute so wichtig.

C e r u t t i: …auch im Hinblick auf Theorie und Geschichte, der revolutionären Partei. Nicht zuletzt ist das Buch auch im Zusam-menhang mit dem Bürokratisierungs- bzw. Stalinisierungsprozess der kommunistischen Parteien zu begreifen.

S c h m i d t: Der erwähnte Subjektivismus hängt nicht zuletzt mit dem aus der Zweiten Internationale überkommenen und weitergeschleppten Fetischismus der Objektivität zusammen; er ist eine Art Gegenschlag gegen die alte Sozialdemokratie.

C e r u t t i: … zugleich ein vorweggenommener Gegenschlag gegen die neue Gestalt des Objektivismus und Bürokratismus in der dritten Internationale, in der Komintern.

K r a h l: Ja. Aber eines fällt, glaube ich, heraus, und zwar, daß “Geschichte und Klassenbewußtsein” doch wohl auch in dem Bezugsrahmen zu interpretieren ist, daß es ein Versuch ist, strategische Fragen des Klassenbewußtseins und der Organisation im westlichen Kapitalismus, also für die hochindustrialisierten Länder, auf philosophisch-spekulativer Höhe zu diskutieren. Das bedeutet, daß Lukacs Fragen aufnahm, die in der sozialdemokratischen Bewegung niemals in der Schärfe erörtert werden konnten, in der sie Lenin für das zurückgebliebene Rußland gestellt hatte. Zu diskutieren wäre hier, daß Lukacs die Organisations- und KIassenbewußtseinsfrage auf dem Hintergrund einer undurchschauten Ahistorisierung des Leninschen Parteityps anvisiert.

S c h m i d t: Das sagt sich im nachhinein recht gut, lieber Krahl, damals war es natürlich eine enorme theoretische Leistung, auf die praktische Bedeutung Lenins aufmerksam zu machen. Man maß unterscheiden, was für uns aus der Retrospektive notwendig und was schon damals ein vermeidbarer Fehler gewesen ist denn sonst räsonieren wir bloß am Geschichtsprozeß herum. Man muß sich jeweils genau überlegen: Was hat schon damals eine echte Alternative gegen sich gehabt, was hat Lukacs nicht beachtet, und was stellt sich uns heute im Nachhinein so dar?

N e g t: Aber das ist schon eine inhaltliche Diskussion. Es hat gar keinen Sinn, hier weiterzumachen; das ist bei jeder Rundfunkdiskussion so, je länger die Vorgespräche sind, desto schlechter wird die Diskussion. Es kommt jetzt wirklich nur auf eine Gliederung der zentralen Punkte an. Ich meine, man sollte vielleicht da ansetzen, wo Alfred Schmidt ansetzen wollte, also zunächst die Bedeutung von Lukacs in der spekulativen Präzision einer Gegenwartsanalyse. Das ist ja auch ein allgemeinerer Aspekt einer historisch materialistischen Analyse überhaupt, daß sich ihre wichtigen Erkenntnisse ge-nau nicht einer Abstraktion von historisch-spezifischen Situation verdanken, sondern sie sind Resultate von Versuchen, das begriffliche Sortimentarium der Theorie innerhalb der Bewegungsgesetze einer historischen Situation zu bewähren. Ich schlage deshalb vor, folgende Stichpunkte zu behandeln: Emanzipationsanspruch der Oktoberrevolution, Reaktion auf das Faktum Oktoberrevolution, Rückschlag der westeuropäischen Arbeiterbewegung, Stabilisierung der russischen Revolution in der NEP, nochmalige Reflexion der theoretischen Positionen des Sowjetmarxismus und der Zweiten Internationale, gerade weil sich ja Lenin als genuiner Erbe der Zweiten Internationale in ihrer Entwicklung bis 1919 fühlte.

S c h m i d t: Ganz recht, während Lukacs demgegenüber die Tendenz hat, zu zeigen, daß Lenin der “Überwinder” von Fehlern der Zweiten Internationale ist. Freilich: was Lukacs damals versucht, was ihn von Deborin und diesen Leuten unterscheidet, etwa die Hervorhebung der theoretischen Bedeutung Lenins; sie erfolgt zu einer Zeit, wo der allgemeine Leninkult noch nicht bestand, wo das noch nicht jedem Schriftsteller automatisch zur Auflage gemacht wurde, wo das wirklich noch zur Debatte stand.

C l a u s s e n: Man muß das auch diskutieren in Bezug auf die Tendenz der Internationalisierung der Oktoberrevolution, auch in den Übergangskonzep- tionen von Lenin steht doch die Hoffnung auf den Sieg der Revolution in den europäischen Ländern. Und nun das Scheitern dieser Revolutionsbewegungen; ich glaube, man kann insgesamt sagen, daß, verfolgt man die Diskussionen auf den Kongressen der Dritten Internationale, das Scheitern dieser Bewegung in gewisser Weise subjektivistisch auf Organisationsfragen reduziert worden ist.

S c h m i d t: Kann man das so schroff sagen?

C e r u t t i: Ja, das zeigt sich selbst in der Reaktion auf die Niederlage der ungarischen Revolution, also der Räterepublik von 1919, an der Märzaktion, die ja von Lukacs insgesamt positiv bewertet wurde, was späteren autobiographischen Äußerungen zufolge das Bild seines “ultralinken Subjektivismus” abrundet (2). Eine Subjektivismuskritik findet sich jedoch bei Lukacs selbst, sowohl im theoretischen Rahmen von “Geschichte und Klassenbewußtsein” wie in den gleichzeitigen politischen Artikeln. Als Theoretiker der Landler-Fraktion, die sich in der KPU der ersten Exiljahre gebildet hatte, führte Lukacs einen ständigen Kampf gegen die sektiererische, nicht dialektisch durchdachte Linie der Parteiführung um Bela Kun (3).

K r a h l: An sich sind die ersten drei Punkte, Oktoberrevolution, Rückschlag der Arbeiterbewegung und NEP analytisch nicht trennbar.

C e r u t t i: Noch ein Gesichtspunkt. Wenn wir uns auch in unserer Diskussion auf die systematisch relevanten Kategorien konzentrieren, und dabei “Geschichte und Klassenbewußtsein” als organisches Werk betrachten – organisch im Hinblick auf seinen Erfahrungshintergrund: wir dürfen immerhin seine unmittelbar politischen, und zwar kontrastreichen politischen Bezüge nicht ganz aus dem Auge verlieren. Vergesst bitte nicht, daß “Geschichte und Klassenbewußtsein” nicht aus einem Guß geschrieben wurde, sondern in einer Zeitspanne von drei Jahren (4); die entscheidende und ereignisvolle Jahre für die kommunistische Bewegung waren. In dieser Zeit macht sein Verfasser einen ganzen politischen Lernprozess durch, grob gesprochen: von der noch ethisierenden Revolutionstheorie von 1919 zur entfalteten Organisations- und Parteitheorie von 1922.

S c h m i d t: Ich glaube, wir sollten in unserer Diskussion auf die reiche Literatur über und gegen Lukacs nicht zu äußerlich zu sprechen kommen, sondern das dem dokumentarischen Teil überlassen.

K r a h l: Sie wird hineinkommen, diese Problematik, im Bezugsrahmen des Idealismusvorwurfs gegen Lukacs als Abwehr von Emanzipationsbestrebungen.

S c h m i d t: Ja, der ist aber auch war, was sogar Adorno anerkannt hat.

N e g t: Worin besteht eigentlich die Aktualität und die Gültigkeit einer solchen Diskussion?

S c h m i d t: Wenn es sich in der Gegenwart lohnt, sich mit Lukacs’ “Geschichte und Klassenbewußtsein” zu beschäftigen, so deshalb, weil dieses Buch nicht den Anspruch erhob, sich über den Gang der Geschichte zu stellen, sondern weil es ausgeht von den damals aktuellen Problemen, weil es ausgeht von der Periode von 1919 – 1923, also der russischen Revolution, dem Scheitern der westeuropäischen Versuche kommunistischer Parteien und der schließlichen Stabilisierung der russischen Revolution durch die Neue Ökonomische Politik (N.E.P.).
Es ist das Verdienst von Lukacs, gegenüber den szientistischen Verengungen der Marxschen Theorie während der Zweiten Internationale hervorgehoben zu haben, daß die Marxsche Methode wesentlich historisch ist, was bedeutet, daß sie fortwährend auch auf sich selbst angewandt werden muß: daß die von ihr untersuchten Gegenstände der Vergangenheit zugleich die geschichtliche Selbstreflexion dessen, der die Vergangenheit befragt, mit einschließen muß. Das Hauptziel der Methode, wie sie von Lukacs rekonstruiert wurde, ist, die Gegenwart zu begreifen, und zwar als zu gestaltende Geschichte. Dadurch wurde der Marxismus abgelöst von rein archivarischen, akademisch bleibenden Interpretationen und bezogen auf wirkliche Tageskämpfe.
Die vergangenen Stufen der Menschheit werden im Lichte der Gegenwart und ihrer Problematik erhellt im Anschluß an das methodische Prinzip von Marx, daß wir die Anatomie des Affen aus der des Menschen erklären und nicht umgekehrt.

K r a h l: Ich würde sagen, man muß daran anschließend noch einmal die Frage stellen, warum “Geschichte und Klassenbewußtsein” spekulative Analyse der Gegenwartsgeschichte ist? D.h., welches sind die objektiven Erkenntnischancen, die diese spekulative Darstellung gleichsam aufdrängten? Und der objektive Erfahrungshintergrund, der diese spekulative Darstellung ermöglichte? Und da würde ich sagen: Zentral steht in “Geschichte und Klassenbewußtsein” die Rekonstruktion der Gegenwartsgeschichte als Totalität. D.h., der Erfahrungshintergrund dieser Totalität ist die Oktoberrevolution und ihre falsche Totalisierung auf die Revolutionsgeschichte der westeuropäischen Arbeiterbewegungen. Eine falsche Totalisierung, die zu einer Zerfaserung der Einheit einer revolutionären Bewegung führte.
Lukacs betont immer wieder, gerade in seiner Lenin-Analyse, daß der zentrale Bezugsrahmen, innerhalb dessen die Leninsche Revolutions- und Organisationstheorie sich ausbilden konnte, der Gedanke und die Realität der Aktualität der Revolution ist. Innerhalb dieser angenommenen Aktualität der Revolution hatten sich die revolutionären Bewegungen in Westeuropa nach der Oktoberrevolution, wenn man so will, empirisch zerfasert. Das bedeutet: Aus diesem Bezugsrahmen der Aktualität der Revolution und der faktischen Zerfaserung der Einheit einer revolutionären Bewegung und falschen Totalisierungsansprüchen des Leninschen Parteitypus und der Oktober- revolution hat sich wieder die erkenntniskritische Reflexion auf die Gesellschaft als konkrete Totalität, wie Lukacs es nennt, aufgedrängt, wobei dann zu berücksichtigen ist, daß solche falsche Totalisierungen und ahistorischen Momente der Oktoberrevolution in seine eigene Spekulation mit eingehen. Das zweite ist: Die philosophiekritische Spekulation, innerhalb derer die Restitution des Verhältnisses des Marxismus zur Philosphie, vor allem der Hegels, in “Geschichte und Klassenbewußtsein” und analog in Korschs “Marxismus und Philosphie” wieder vorgenommen wurde, wird begründet gerade aus der spezifischen Revolutionssituation in hochindustrialisierter. kapitalistischen Ländern. D. h., mit dem Totalisierungsbegriff wurden die Begriffe der kritischen Subjektivität gegenüber der Entwicklung der Arbeiterbewegung und ihrer Theorie in der Zweiten Internationale, die selbst wieder Naturwüchsig- keitspraktiken und -kathegorien verfallen waren, wieder aufgenommen, d. h. Kategorien des Bewußtseins, der Verdinglichung, also die im Medium des Bewußtseins interpretierbaren Emanzipations- und Herrschaftskathegorien.
Also, Klassenbewußtsein wird rekonstruiert im Bezugsrahmen der Organisationsfrage als emanzipatives und parteiliches Totalitätsbewußtsein. Das drängt sich auf aus spezifischen Situationen hochindustrialisierter Länder, die andere Qualitäten von Unterdrückung und ein anderes Verhältnis zu Strukturen materiellen Elends haben.

S c h m i d t: Theoretisch wirkt sich das dahin aus, daß der von den Autoren der Zweiten Internationale zur wissenschaftlichen Norm erhobene Objektivismus wieder zur Kritik steht. An die Stelle eines sich dem objektiven Gang der Dinge passiven Überlassens tritt, und das scheint mir das Neue, das Lukacs auch gegen Engels ins Spiel gebracht hat, die Idee einer Subjekt-Objekt-Dialektik. Wobei freilich aus der polemischen Frontstellung zu verstehen ist, daß bei Lukacs eine gewisse Überspitzung des Subjektfaktors der Geschichte unausbleiblich war. Bei Lukacs haben wir eine Affinität zum eschatologischen Geschichtsdenken, eine Affinität zu dem, was Lefebvre eine “Katastrophen- theorie der Geschichte” genannt hat, die noch fortwirkt im “Eindimensionalen Menschen” Herbert Marcuses. Diese Idee reiner Geschichtlichkeit, reiner Prozessualität muß freilich, und darauf hat Krahl soeben hingewiesen, als er den Terminus “spekulativ” einführte, bewirken, daß empirische Sachverhalte, die heute als allgemein-soziologische betrachtet werden, unter den Tisch fallen. Erkenntnistheoretisch, und dieser Aspekt hat später große Bedeutung gehabt, tendiert die Idee reiner Machbarkeit der Geschichte – also dieser verkappte Fichteanismus – dazu, daß die Natur in Subjekt und Objekt verdunstet; daß innerhalb des historischen Materialismus der im weitesten Sinn naturalistische Materialismus als aufgehobenes Moment nicht mehr ernst genommen wird. Andererseits aber, und das ist auch hervorzuheben, hat das Überziehen des Subjektfaktors bei Lukacs den Vorzug, daß die Problematik einer materialistisch gewendeten, jetzt praktisch gefaßten Subjektivität wieder ins Spiel kommt und die Einsicht bereits des deutschen Idealismus – wie ideologisch sie auch formuliert gewesen sein mag, daß die Menschen es mit einer empirischen Wirklichkeit zu tun haben, welche sie selber erzeugten – diese Einsicht politisch unmittelbar fruchtbar gemacht zu haben, ist das Verdienst von Lukacs bei allem, was erkenntnistheoretisch gegen diesen extremen Subjektivismus einzuwenden sein mag.

N e g t: Man sollte noch einmal auf jenen Zwangsmechanismus zu sprechen kommen, dem das marxistische Denken durch die falsche Totalisierung einer historisch-spezifischen Revolution, nämlich der Oktoberrevolution, unterliegt. Ich meine, dieser Zwang, der praktisch erst durch die Herstellung herrschafts- freier Verhältnisse, im theoretischen Vorgriff aber durch konsequente ideologiekritische Reflexion zu überwinden ist, hat seinen gesellschaftlichen Grund darin, daß nach Maßstäben der Marxschen Theorie, die lediglich die Entwicklungsbedingungen einer wesentlich proletarischen Revolution untersucht, die Oktoberrevolution durch innere Widersprüchlichkeit und Zwiespältigkeit charakterisiert ist. Im Leninschen Selbstverständnis war die Möglichkeit der “Totalisierung” der Oktoberrevolution zunächst an die Erwartung gebunden, daß sie eine Kettenreaktion von revolutionären Bewegungen auch innerhalb der industriell fortgeschrittenen Länder auslösen werde. Diese Erwartung einer vom schwächsten Glied des Imperialismus ausgehenden Ausbreitung revolutionärer Situation gehört – und Trotzki hat unter gänzlich veränderten Bedingungen unbeirrt daran festgehalten – zur ursprünglichen Fassung; denn in dem Maße, wie sich Anfang der zwanziger Jahre diese Erwartung allmählich als illusionär herausstellte, setzte die einzige gelungene, aber mit dem Zwiespalt von Bauernrevolution und proletarischer Machtergreifung behaftete Revolution einen Legitimations- zwang in Gang, der eine Neuinterpretation des gesamten Marxismus zur Folge hatte. Lenin hat in einer seiner letzten Arbeiten, den Notizen: “Über unsere Revolution – Aus Anlaß der Aufzeichnungen N. Suchanows” auf die veränderte Funktion der Oktoberrevolution bereits hingewiesen; er sprach ihr die Aufgabe zu, zwischen den westeuropäischen Ländern und den zu erwartenden Revolutionen des Ostens zu vermitteln, also den revolutionären Gedanken in die Länder der Dritten Welt zu tragen. Er sagt in diesen Notizen: “Wie aber, wenn Rußland durch die Eigentümlichkeit der Situation erstens in den imperialistischen Krieg gestellt wurde, in den alle einigermaßen einflußreichen westeuropäischen Länder verwickelt waren, und Rußland, durch diese Eigentümlichkeit der Entwicklung an der Grenze der beginnenden und teilweise bereits begonnenen Revolutionen des Ostens, in Verhältnisse versetzt wurde, da wir gerade jene Verbindung des “Bauernkrieges” mit der Arbeiterbewegung verwirklichen konnten, von der, als einer der möglichen Perspektiven, ein solcher “Marxist” wie Marx im Jahre 1856 in Bezug auf Preußen geschrieben hat?”
Wovon Lenin noch ein Bewußtsein hatte, ist im späteren Sowjetmarxismus durch theoretische Orthodoxie und durch praktische Gewalt gänzlich verdrängt worden. Die Folgen dieser Veränderung der gesamten Denkstruktur zeigen sich in der Ontologisierung ebenso wie in der komplementären Subjektivierung der Marxschen Kategorien, die allmählich ihren kritisch-revolutionären Gehalt gänzlich verlieren und zu undialektischen Legitimationskategorien werden. Lukacs denkt im Bezugsrahmen dieses widersprüchlichen Faktums der Oktoberrevolution; sein Versuch, die Dialektik zum Kriterium des marxistischen Denkens zu machen, ist als Reaktion auf eine historische Situation zu verstehen, die ihren objektiv ökonomischen Bedingungen nach zweifellos als revolutionär angesehen werden konnte, ihren subjektiven Voraussetzungen jedoch keineswegs “reif” für revolutionäre Umwälzungen war. Indem er die revolutionäre Dialektik und die Prinzipien des historischen Materialismus ins Zentrum der Theorie rückte, wollte er offenbar der Komplexität der historischen Situation gerecht werden und jene Tendenzen hervorheben, die trotz der zeitweiligen Stabilisierung des kapitalistischen Systems langfristig auf dessen revolutionäre Umgestaltung hindrängen. Aber der erkenntnistheoretische Objektivismus, den Lukacs etwa in seiner Kritik der Engelsschen Naturdialektik bekämpft, setzt sich unbewußt und auf einer anderen Ebene auch in seinem Denken durch; die antizipierte Stalinismus-Kritik ist erkenntnistheoretisch beschränkt. Die Selbstanwendung des historischen Materialismus, wie sie zur gleichen Zeit Korsch forderte, hat bei Lukacs ihre eindeutige Grenze an der Leninschen Parteikonzeption, deren Absolutheitsanspruch von Lukacs in keinem Punkte in Frage gestellt wird. Die Einschränkung der Revolutionstheorie auf eine reine Parteitheorie, wie sie später für den Stalinismus charakteristisch ist, findet sich in Andeutungen schon bei Lukacs.

C l a u s s e n: Ich glaube, “Geschichte und Klassenbewußtsein” läßt sich überhaupt nur im Zusammenhang der Auswirkungen der Oktoberrevolution auf die internationale Arbeiterbewegung begreifen. Die Veränderung der internationalen Situation durch die russische Revolution ist besonders dadurch gekennzeichnet, daß in alle Fraktionsbildungen der Arbeiterbewegung Westeuropas die Stellung zu Sowjetrussland konstitutiv eingeht. Zur parteilichen Stellungnahme für die Oktoberrevolution gehört Lukacs´ theoretische Kritik des szientistischen Objektivismus in der Zweiten Internationale und bei ihren “Nachfolgern”, die das revolutionär-dialektische Moment aus der marxistischen Theorie ausschalten. Bei den westeuropäischen Revolutionären – und Lukacs ist ein hervorragender Vertreter dieser Richtung – schlägt diese theoretische Kritik auf strategischer Ebene in einen Subjektivismus um, da die kommunistischen Parteien sich erst in der Revolution herausbilden – im Gegensatz zum vorrevolutionären Russland. Während die russische Revolution aus der Dialektik von bürgerlicher und proletarischer Revolution, die organisatorisch zu antizipieren war, schließlich den Bolschewiki die Massen zuführte, weil sie erkannt hatten, daß Frieden, Land und Brot nicht in einer bürgerlichen Demokratie in Russland zu erreichen waren, produzierte das Kriegsende in Westeuropa unterschiedliche Situationen, in denen es nötig wurde, die Massen von den reformistischen Organisationen überhaupt erst zu lösen. Die vorhin ausgesprochene falsche Totalisierung der Oktoberrevolution bedingt bei Lukacs zugleich die Reaktivierung der subjektiv-emanzipatorischen Kategorien des Marxismus, ebenso wie in ihr die organisatorische Verdinglichung angelegt ist. Die Bolschewiki haben die revolutionär-dialektische Seite des Marxismus revolutionstheoretisch wie in der Praxis der Revolution gegen die Reformisten international wie gegen die Menschewiki behauptet (5).
Lukacs hat versucht, dies auf allgemeinster theoretischer – er würde sagen “methodischer” – Ebene durchzuführen. In der Organisationsfrage hat Lukacs die Leninschen Organisationsvorstellungen einerseits aus der Marxschen Theorie und den Erfahrungen der europäischen Arbeiterbewegungen noch einmal zu begründen, und sie zugleich mit den emanzipativen Gehalten der Marxschen Theorie zu synthetisieren versucht. Die Wiederkehr des Objektivismus auf dem neuen Niveau des nachrevolutionären Russland, in dem zunehmend die Verteidigung der Sowjetunion das Primat über die internationale revolutionäre Bewegung gewinnt, sprengt auf theoretischer Ebene diese Synthese auf und begründet auch die radikale Kritik der offiziellen Theoretiker der Dritten Internationale an “Geschichte und Klassenbewußtsein”.

C e r u t t i: Ich möchte einige Punkte, die in den bisherigen Diskussionsbeiträgen aufgetaucht sind, in bündiger Formulierung aufgreifen und ein bißchen weiterspinnen. Ich bin auch der Ansicht, daß die aktuelle Bedeutung von “Geschichte und Klassenbewußtsein” in der radikalen Historisierung der materialistischen Dialektik besteht – aktuell, meine ich, im Hinblick auf die Ontologisierung der Dialektik im Sowjetmarxismus und auf die prinzipielle “Geschichtslosigkeit” der herrschenden Sozialtheorien, nicht zuletzt des Strukturalismus. Wir können unsere Diskussion konkretisieren, wenn wir diese radikale Historisierung der Dialektik an drei zentralen Komplexen sichtbar machen:
Erstens an der Auflösung der traditionellen erkenntnistheoretischen Fragestellten; die im positivistisch oder neukantianisch gefärbten Marxismus durchgehaltene Spaltung von Sein und Bewußtsein wird in einem dialektisch gefaßten Verhältnis von Subjekt und Objekt aufgelöst. Diese nur methodisch abgrenzbare erkenntnistheoretische Frage ließe sich vielleicht auf die in “Geschichte und KIassenbewußtsein” schon ansetzende Kritik der Abbildtheorie konzentrieren.
Zweitens zeigt sich die Historisierung der Dialektik in der geschichtlichen und politischen Vermittlung von Theorie und Praxis, in der Relevanz der Organisationsfrage: das alles fällt unter den Titel der gesellschaftlich-praktischen Bedeutung des Lukacsschen Totalitätsbegriffs.
Ein dritter Komplex wäre die “Natur” als gesellschaftliche Kategorie, also die Kritik der “Naturgesetzlichkeit”, die Einsicht in den Funktionswechsel des Begriffs von Naturgesetz (6). Hier liesse sich die Diskussion an der Frage der Naturdialektik festmachen.
Und jetzt weiter: Was in Euren Beiträgen an kritischen Äusserungen laut geworden ist, etwa unter den Stichworten Eschatologismus, Überspitzung des subjektiven Faktors in der Geschichte, Totalisierung einer spezifischen Revolution, das lässt sich – meine ich – unter ideologiekritischen Gesichtspunkten einheitlich begreifen. Ausgehen müssen wir von der geschichtlichen Konstellation, die schon aufgezeigt wurde: Oktoberrevolution mit all ihren Totalisierungsansprüchen bei Lenin und in der Komintern, Rückschlag der revolutionären Bewegung im übrigen Europa, Stabilisierungs- tendenzen in Sowjetrussland. Auf die Probleme, die sich aus diesem einsetzenden Stillstand der Weltrevolution ergeben, gibt der linkskommunistische Hegelianer Lukacs seine Antwort in der Theorie vom zugerechneten Klassenbewusstsein, die den Kern der Lukacsschen Revolutionstheorie bildet. Gerade an dieser Theorie sind die idealistischen und subjektivistischen Momente von “Geschichte und Klassenbewußtsein” sichtbar zu machen. Denn in der spekulativen Konstruktion des zugerechneten Klassenbewußtseins, ich würde fast sagen, in dieser Flucht in die Spekulation, sucht Lukacs eine geschichtsphilosophische Garantie dafür, daß der Stillstand der Revolution eine temporäre bewußtseinsmässige Erscheinung ist, daß die Leninistische Partei als Trägerin des Klassenbewußtseins das Proletariat aus dieser “ideologischen Krise” herausführen wird.

K r a h l: Ich möchte noch einmal anknüpften und beziehe mich dann auch auf das, was Genosse Cerutti gesagt hat, an den von Oskar Negt ausgeführten Identitätszwang, den die Oktoberrevolution gesetzt hat. Wenn wir klären wollen, was eine falsche Verallgemeinerung einer besonderen Revolution ist, . . . Negt hat gesagt, daß das sowohl zu Ontologisierung wie zum Subjektivismus geführt hat. Präzisiert man diesen Gesichtspunkt, so bedeutet das, daß sich aus den Revolutionsnotwendigkeiten in hochindustrialisierten kapitalistischen Ländern spezifische Subjektivitätskategorien ergeben; weil nämlich emanzipative Bildungsprozesse selbst unter starken wirtschaftlichen Krisensituationen auf dem Horizont hochzivilisierter Bedürfnisbefriedigung einen ganz anderen Stellenwert haben als unter den Bedingungen unmittelbaren materiellen Elends und physischer Gewalt in einem Land, das aufgrund der Tatsache, daß es die ursprüngliche Akkumulation noch nicht voll durchlaufen hat, eine absolutistische Zwangsgewalt institutionalisiert hat. Anders gesagt: Die Aktualität von Lukacs “Geschichte und Klassenbewußtsein” auch für deren Rezeption in den politischen Protestbewegungen Westeuropas liegt in der Aufdeckung der durch die Zweite Internationale verschütteten emanzipativen Subjektivitätsdimension des Marxismus. Der Identifikationszwang mit dem Bezugsrahmen der Oktoberrevolution wirkt sich nun so aus, daß diese Subjektivitätskategorien an sich selber ontologisiert werden. Das bezeichnet die oben genannte Widersprüchlichkeit, und das möchte ich ganz kurz noch konkretisieren an der Diskussion der Organisationsfrage, wie sie Lukacs versteht.
Die Totalitätskategorie entfaltet sich, wenn man so will, in drei Momenten: KIassenbewußtsein, Organisation und Warenform des Produkts auf der Basis der zweiten Natur, d.h. der Verdinglichung aller gesellschaftlichen Verhältnisse und der Subjektivierung der objektiven Arbeitsbedingungen, der Produktionsmittel. In die Eigentums-, Distributions- und Produktionskategorien wird wieder dieses Marxsche Moment der Verdinglichung aller gesellschaftlichen Verhältnisse und der Subjektivierung der Produktionsmittel in der Gesamtheit des Kapitals eingeführt.
Nun kann man an der Organisationstheorie sehen, daß Lukacs versucht, die Kritik der politischen Ökonomie als Lehre von den Naturgesetzen der kapitalistischen Entwicklung und das heißt immer: als Ideologienkritik der Verdinglichung auf die Organisationsdebatte selber anzuwenden. Ich meine aber, daß mit demselben theoretischen Instrumentarium, mit dem er hier eine richtige Problemstellung entfaltet, die Explikation der Emanzipationskategorien als historisch-praktischer zugleich blockiert. Lukacs begreift Organisation auf zwei Vermittlungsebenen: Erstens auf einer erkenntnistheoretischen Ebene, nämlich Organisation als Form der Vermittlung von Theorie und Praxis, was eine revolutionstheoretische Konkretisierung der zweiten Feuerbachthese bedeutet; zweitens auf geschichtsphilosophischer Ebene, Organisation als Antizipation des Reichs der Freiheit in der kommunistischen Partei des politischen Kampfes selber. In beide richtigen Vermittlungsprobleme gehen meiner Ansicht nach hier zwei entscheidende Ahistorisierungen ein. Organisation als Form der Vermittlung – und das führt auch zurück auf den Zusammenhang von Klassenbewußtsein und juristischen Zurechnungsbegriffen – Organisation als Form der Vermittlung von Theorie und Praxis wird nicht im Rahmen des Totalitätsbegriffes mehr behandelt, sondern fällt zurück in eine undurchschaute Transzendentalität. Anders gesagt: In der erkenntnistheoretischen Bestimmung hat Organisation als Form der Vermittlung von Theorie und Praxis e r s t e n s zu leisten, die im Bereich der subjektiven Doxa verbleibende Theorie zur Objektivität der politischen Wahrheit im Richtungskampf verbindlich zu präzisieren; z w e i t e n s die Organisation konstituiert die chaotische Mannigfaltikeit von nicht-organisierten Aktionen zur Einheit der politischen Praxis. Dabei gehen Momente ein, die es nahe legen, daß in der Lukacsschen Bestimmung der Organisation als Vermittlungsform von Theorie und Praxis diese Vermittlung behandelt wird wie die ursprünglich-synthetische Einheit der transzendentalen Apperzeption, anders gesagt: unterstellt wird eine reine Theorie und eine reine, unorganisierte chaotische Mannigfaltigkeit der Praxis, Lukacs zufolge gibt es immer nur eine richtige Organisation oder keine. Das widerspricht seinen eigenen empirischen Entfaltungen, in der Kritik der Organisation der Zweiten Internationale, die eben falsch war, weil etwa ihre Beschlüsse über den Krieg, die er mehrfach zitiert, keine Verbindlichkeit gewinnen konnten. Es war also eine Organisationsform, in die schlechte Momente bloß subjektiver Doxa immer noch eingehen. Das fällt durch die Maschen der Lukacsschen theoretischen Bestimmung hindurch. Hier sieht es so aus, als ob Organisation, wenn man so will, eine reine, nicht-organisierte Theorie – wobei die Frage nach falscher und richtiger Organisation gar nicht mehr gestellt werden kann – und eine reine, nicht-organisierte Praxis sowohl zur objektiven Wahrheit des politischen Richtungskampfes als auch zur objektiven Einheit einer politischen Praxis zu konstituieren hätte. Das zweite Moment – und daran wird sich das, was ich soeben gesagt habe, konkretisieren – ist dieses, daß Lukacs sehr wohl sieht, wenigstens auf spekulativer Ebene, daß die Organisation des politischen Kampfes das Reich der Freiheit zu antizipieren hat. Er sagt: “Sind die menschewistischen Parteien der organisatorische Ausdruck für diese ideologische Krise des Proletariats, so ist die Kommunistische Partei ihrerseits die organisatorische Form für den bewußten Ansatz zu diesem Sprung und auf diese Weise der erste bewußte Schritt dem Reiche der Freiheit entgegen.” (7) Er präzisiert, was er unter Antizipation des Reichs der Freiheit versteht, nämlich die Aufhebung des kommunikationslosen Egoismus der atomisierten Individuen in der kapitalistischen Gesellschaft zu einem kommunistischen Verein kämpfender und sich selbst befreiender Menschen. Das bedeutet eine antizipierende Aufhebung der isolierenden Konsequenzen des grundlegenden Produktionsverhältnisses der kapitalistischen Gesellschaftsformation, nämlich der abstrakten Arbeit. Diese Problemstellung ist richtig. Lukacs, aufgrund des bezeichneten Identifikationszwanges mit der Oktoberrevolution, gerät nun aber in die dilemmatische Position, die klassen- spezifischen Identitätskategorien des Leninschen Parteitypus: unbedingte Zentralisation und eiserne Disziplin, unter Abstraktion von deren historischen Formbestimmungen auf die Organisation in toto generalisieren zu müssen. Das bedeutet: Er muß unbedingte Zentralisation und eiserne Disziplin ahistorisch als Antizipation des Reichs der Freiheit rechtfertigen und gerät damit in eine latente Verbürgerlichung des Leninschen Parteitypus hinein. Anders gesagt, ihm zufolge nimmt jedes Mitglied der kommunistischen Organisation als Gesamt- persönlichkeit teil am zentralistischen Willensbildungs- und Entscheidungs- prozess der verabsolutierten Zentrale. Diese Gesamtpersönlichkeit ist kein empirisches Individuum, sondern ein intelligibles Subjekt. Als einzelnes empirisches Individuum kann Lukacs zufolge der einzelne Proletarier nur post festum die Entscheidungen der Zentrale nachvollziehen. Anders gesagt, das intelligible Subjekt der kommunistischen Gesamtpersönlichkeit ist gleichsam ein kommunistischer citoyen, der an den Entscheidungen der Zentrale, die ein kommunistischer volonte general ist, teilnimmt. Als empirisches Individuum ist er ein kommunistischer bourgeois, der gleichsam immer diesen Entscheidungen unterworfen ist, und erst post festum zur Einsicht in die Notwendigkeit dieser Entscheidungen, psychologisch gleichsam, kommen kann.
Der Zentrale wohnt gleichsam der Blochsche Geist der Utopie inne und was Lukacs an Rosa Luxemburg kritisiert, reproduziert sich bei ihm auf einer anderen Stufe. Er sagt: Rosa Luxemburgs Emanzipationskategorie der Spontaneität ist affiziert von den Momenten mechanistischer Naturwüchsigkeit, wie sie sich in Interpretationen und Praxis der Zweiten Internationale eingeschlichen haben. Anders gesagt, in Rosa Luxemburgs Spontaneitätsbegriff der mechanistischen Entstehung des Klassenbewußt- seins aus dem Klassenkampf geht noch nicht ein, daß sich während des revolutionären Klassenkampfs eine allmähliche Aufhebung der schäbigen materialistischen Doktrin der kapitalistischen Realität, daß nämlich das Sein das Bewußtsein bestimmt, nicht umgekehrt, daß sich das während des Klassenkampfes allmählich herstellen muß; daß also in die kommunistische Organisation immer Momente des Entrinnens aus dieser Naturwüchsigkeit eingehen müssen, und mit Bewußtsein Geschichte machen, das wird bei Lukacs im Grunde genommen wiederum revoziert, letztinstanzlich, weil er die Rosa Luxemburgsche Spontaneitätskategorie gleichsam verschmilzt und rationalisiert in den Kategorien der Leninschen Zentrale und Disziplin; so kommt es dazu, daß er davon abstrahiert, daß die historischen Formbestimmungen und Idenditätskategorien der proletarischen Klasse in Russland – unbedingte Zentralisation und eiserne Disziplin -Kategorien aus dem Naturzustand des Kapitals sind, der ursprüngliche Akkumulation, Kategorien, in denen der demoralisierende Einbruch des die ursprüngliche Akkumulation repräsentierenden und den unorganisierten Bürgerkrieg darstellenden warenproduzierenden Kleinbürgertums gesichert werden soll. Es sind die Identitätskategorien gegen das den Naturzustand des Kapitals repräsentierende Kleinbürgertum. Das geht bei Lukacs nicht ein, so daß sich auch Momente einer Technifizierung der sozialisierenden Identitätskategorien von unbedingter Zentralisation und eiserner Disziplin finden; diese sind bei Lenin, da er sich an der technischen Organisationsform der Fabrik orientieren mußte, ohnehin vorhanden; denn die Organisations- und Verkehrsform der Warenproduktion war in Rußland noch nicht ausgebildet, und die bestimmte Negation dieses Tauschverkehrs macht die Organisation des politischen Kampfes aus. Zusammenfassend meine ich: 1. daß die Organisationstheorie noch auf dem Boden einer undurchschauten Transzendentalität steht, was das Konstitutionsverhältnis von Theorie und Praxis anbelangt, 2. auf dem Boden einer undurchschauten Transzendentalität, indem der kommunistische Proletarier in einen intelligiblen Citoyen und empirischen Bourgeois aufgespalten wird. 3. die Zentrale ist ein kommunistischer volonte general, der dem Weltgeist gleichsam innewohnt. Auf dem Hintergrund dieser Bestimmungen werden gewissermassen die Momente der Antizipation des Reichs der Freiheit und gerade der Emanzipation wieder unterschlagen. Lukacs liefert u.a. auch, und das ist die Dialektik in der Antizipation der Stalinismuskritik, eine spekulative Begründung des Satzes “Die Partei hat immer recht”, denn die volonte generale der kommunistischen Zentrale kann sich nicht irren.

S c h m i d t: Vorhin hat Oskar Negt darauf hingewiesen, daß die Betonung von Subjektivität bei Lukacs gleichsam antizipierend so etwas wie eine Kritik der stalinistischen Ontologie darstellt. Ebenso sehr aber – und das ist mir jetzt nach dem, was Herr Krahl gesagt hat, deutlich geworden – hat dieses Einwandern jener Spontaneität, die bei Rosa Luxemburg den Massen vorbehalten war, in die Struktur des Parteiapparats, also dieses Ontologisch-Werden von Subjektivität selber, doch weitgehend auch die nachrevolutionäre offizielle Ideologie Sowjetrußlands eingeleitet, die dem Inhalt nach stets äußerst objektiv gerichtet war; aber dadurch, daß sie jeweils manipulativ mit der Betonung dieser oder jener Seite der Objektivität verbreitet wurde, dadurch war es jeweils einer kleinen Gruppe von Menschen oder gar nur einem vorbehalten auszusprechen, was der Inhalt des jeweils als objektiv verbindlich Geltenden sei. Es ist also in diesem Vorgang des Einwanderns der Spontaneität in eine metaphysisch- geschichtstheologische Größe: die kommunistische Partei, schon angelegt, das merkwürdige Nebeneinander einer offiziellen, äußerst objektiv, wissenschaftlich sich gebenden Ideologie und ihrer höchst subjektiven Handhabung. Die Objektivität der Inhalte, die die stalinistische Ideologie verkündet hat, vertrug sich gut damit, daß diese Objektivität selber von Fall zu Fall ganz anders beschaffen war, der Velleität(?) einiger Leute und deren Interessen vorbehalten blieb. Wir haben hier einen Übergang vom Objektivismus der Zweiten Internationale zu einem Subjektivismus und von dort wieder zu einem Objektivismus, der jetzt wiederum mit Subjektivität, aber der der Partei, angereichert ist. An diesem Übergang werden nicht nur kritische Elemente gegen den Stalinismus deutlich, sondern auch solche, die den Stalinismus vorwegnehmen in der Ideologie. Das ist insofern interessant, als die offiziellen Autoren der kommunistischen Partei Rußlands dieses Maß an Identität oder Ähnlichkeit der Lukacsschen Konzeption mit dem, was sie selber damals ausarbeiteten – ich denke an Deborin und an das spätere Mitinsche System – gar nicht sahen.

N e g t: Wenn man von den konstitutiven Leistungen eines historischen Subjekts der Veränderung spricht, so ist es sicherlich nicht schwer, in der Geschichts- philosophie von Lukacs transzendentale Elemente festzustellen; denn “Klasse”, “Klassenbewußtsein” und Partei haben ihre Funktion ja nicht nur darin, die historische Mission des Proletariats durch die politische Machtergreifung erfolgreich abzuschliessen, sondern sie sind gleichzeitig die praktisch entscheidenden Instanzen, durch die sich eine neue, die Verkehrungen des Warenfetischismus endgültig überwindende Gegenstandswelt konstituiert. Alfred Schmidt verwies in diesem Zusammenhang mit Recht auf den geheimen Fichteanismus von Lukacs. Was nun die Wirkungsgeschichte von “Geschichte und KIassenbewußtsein” betrifft, so ist es bezeichnend, daß gerade die Neukantianer – ich denke dabei vor allem an die Rezension von Siegfried Marck – dieses Transzendentalitätsmoment bei Lukacs überhaupt nicht gesehen haben, obwohl ihnen doch die Konstitutionsproblematik von Kant her bekannt sein müsste; sie konzentrieren ihre Argumente gegen “Geschichte und KIassenbewußtsein” im Gegenteil fast ausschließlich auf die Wiederkehr des absoluten Idealismus Hegelscher Provenienz; dabei ignorieren sie vollständig die intellektuelle Biographie von Lukacs, seine Herkunft aus dem Neukantianismus von Rickert und Lask, für die sich noch deutliche Spuren finden. Demgegenüber hat die Kritik der Marx-Orthodoxie, obwohl sie den absoluten Idealismus nicht vergißt, mit Nachdruck auf den impliziten Kantianismus, vor allem unter stereotyper Verwendung des Topos vom Agnostizismus, verwiesen; meines Wissens geht nur Rudas darüber hinaus, indem er zeigt, dass für Lukacs Klassenbewußtsein im Grunde ein bloßes Zurechnungsproblem ist – erkenntnistheoretisch also ein Relikt aus der juristischen Denkweise Max Webers und der Wertphilosophie Rickerts.
Aber diese gegensätzlichen Ansatzpunkte der Kritik an “Geschichte und KIassenbewußtsein” bringen nur einen Widerspruch dieses Buches selber zum Ausdruck. Lukacs hat dieses Werk nachträglich als Stufe seiner individuellen Bildungsgeschichte verstanden, als seinen Weg zu Marx – aber das philosophisch ungeklärte Verhältnis zwischen Kant und Hegel, das er auf einem vergleichbaren spekulativen Niveau auch später nicht mehr thematisiert hat, hat ihn offenbar daran gehindert, seine Marxinterpretation vollständig vom Hegelianischen Objektivismus zu befreien; selbst was als kantianisch an seinem Buch gelten kann, hat sich zu einer bloßen Bestätigung dieses Objektivismus verkehrt; denn die von Hans Jürgen Krahl erwähnte Transzendentalität zeigt sich theoretisch wie praktisch am folgenreichsten in einem Chorismos, in dem Bruch zwischen den wirklichen, empirischen Subjekten, ohne deren aktive Beteiligung auch geschichtlich relevantes Handeln unmöglich wäre, und jener nicht-empirischen, die Einheit des revolutionären Prozesses stiftenden Subjektivität, die sich in einer Klasse oder Partei verkörpert, der wirksamen Kontrolle der empirischen Individuen jedoch entzogen ist. Für Lukacs sind deren Vorstellungen und Handlungen der empirischen Subjekte im Grunde kontingent, zufällig, beschränkt auf die zwei typischen Handlungsformen einer entfremdeten Spontaneität und des verdinglichten Fatalismus. Die Funktion der transzendentalen Subjektspaltung wird hier ganz deutlich; Lukacs kann nur dadurch, daß er das Klassensubjekt von den empirischen Individuen abtrennt, eine zwingende Logik des Geschichtsprozesses konstruieren, die gegen Brüche, Katastrophen, sinnlose Vernichtung abgesichert ist. Wenn man hier also von einer transzendentalen Komponente in “Geschichte und Klassenbewußtsein” spricht, so wird sie schließlich doch von der Prozessualisierung der Geschichte erfaßt und einem objektivistischen Geschichtsverlauf untergeordnet, den sie eigentlich aufsprengen sollte.

C l a u s s e n: In diesen Zusammenhang gehört meines Erachtens Lukacs’ Vorstellung, die bis heute in dem Streit verdinglicht wiederkehrt, welches die “wahre Avantgardeorganisation des Proletariats” sei, daß es nur eine richtige Organisation geben kann, die als einzige der parteiliche Träger der revolutionären Theorie des Proletariats ist.

N e g t: Warum gibt es aber nur diesen einen Organisationstyp? Offenbar doch deshalb, weil Lukacs organisationspraktisch ausschließlich in Kategorien des Erfolgs denkt. In gewisser Weise ist es für alle nachrevolutionären marxistischen Theoretiker charakteristisch, daß für sie die leninistische Parteiorganisation Modell jeder möglichen revolutionären Partei ist, weil sie sich als einzige durch revolutionären Erfolg bewährte. Die leninistische Version des Marxismus ist geradezu dadurch gekennzeichnet, daß die Reflexion auf die historische Bedingtheit dieser Parteiorganisation, die im übrigen sehr bald eine grundlegende Wandlung von der Kaderpartei zur Massenpartei durchmachte, tabuiert ist.

C l a u s s e n: Gehen wir zurück zur Zweiten Internationale, innerhalb derer die russischen Marxisten gearbeitet haben. Lenins permanenter Kampf galt der “Wiederherstellung des Marxismus”: mit organisationspraktischen Konsequenzen wurde zunächst der Kampf in der russischen Sozialdemokratie geführt, indem der Marxismus, in Herzens Formulierung als einer “Algebra der Revolution” auf die spezifischen Verhältnisse eines Landes angewandt wurde. Doch zugleich wurde diese Auseinandersetzung international ausgetragen, wenn man an die Organisationsdebatte (8) denkt, unter dem Postulat einer internationalen Einheit der marxistischen Theorie. Mir scheint, daß Rosa Luxemburg, um die Erfahrungen der russischen Revolution von 1905 für die deutsche Sozialdemokratie auszuwerten (9), die spezifischen Probleme Rußlands übergangen hat. Lenin ging zwar ebenso von der Annahme aus, daß die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland unvermeidlich sei, aber seine besondere Leistung war es, die Unvermeidlichkeit des Kapitalismus zugleich in der Ungleichzeitigkeit der Entwicklung in einem gegenüber Westeuropa zurückgebliebenen Land zu begreifen. Mir scheint, daß Rosa Luxemburgs Vorstellung einer “rein proletarischen Revolution” bei Lukacs sich auf der Ebene von Klassenbewußtsein und Organisationsfrage wieder durchsetzt. Indem er darauf verzichtet, die Ungleichzeitigkeiten im Bewußtsein des Proletariats zu analysieren, Regressivität wie Progressivität im empirisch daseienden Arbeiterbewußtsein, entsteht ein abgetrenntes theoretisches Klassenbewußtsein als festgelegte Größe, das durch die Praxis des Klassenkampfes nicht mehr korrigiert werden kann. Daraus ergeben sich dann garantierte Ableitungsverhältnisse von Entwicklung des Kapitalismus, revolutionärer Theorie, Klassenbewußtsein und proletarischer Organisation.

S c h m i d t: Ich möchte noch einmal zurückkommen auf das, was von Herrn Krahl über den Rückfall in erkenntnistheoretischen Idealismus gesagt worden ist. Es ist so, daß Lukacs gerade dadurch, daß er die Universalität der Gültigkeit der Warenform für sämtliche Weisen der Erfahrung von Gegenständlichkeit in der kapitalistischen Epoche herausgearbeitet hat, gleichsam die Kant selber unbewußte materialistische Wahrheit des Gedankens, daß das von uns als empi-rischen Individuen unmittelbar Erfahrene immer schon präformiert ist durch ein Ganzes überindividueller Funktionen; daß er diese erkenntnistheoretisch und für die Empirie im weitesten Sinne gültige Einsicht dann auf das Verhältnis von Masse und Partei extrapoliert hat. Das scheint mir mehr der Mangel zu sein, als daß er in der Wiederaufnahme der Problematik subjektiver Präformiertheit des Objektiven gewisse Kantische Motive wieder ins Spiel bringt, die ja per se nicht falsch sind, nur eben unter den spezifisch ideologischen und materiellen Bedingungen des aufsteigenden Bürgertums formuliert worden waren – was unterm Titel der “Antinomien des bürgerlichen Denkens” in “Geschichte und Klassenbewußtsein” ausgesprochen ist. Immerhin ist Lukacs einer der ersten gewesen, der die Fragestellungen des deutschen Idealismus von Kant über Fichte zu Hegel nicht rein immanent-problemgeschichtlich interpretiert hat, sondern hier wesentliche Etappen des Bewußtseins der aufsteigenden Bürgerklasse selbst gesehen und aufgedeckt hat, daß unter der Form höchst abstrakter, transzendentallogischer Erwägungen sehr reale Fragen ausgefochten wurden. Das sollten wir bei unserer Kritik nicht ganz unter den Tisch fallen lassen.
Es ist eben ungemein schwer, wenn wir über diesen Rückgriff auf Subjektivität bei Lukacs sprechen, von Fall zu Fall das Fragwürdige und das Akzeptable daran gegeneinander abzuwägen. Was mir beim damaligen Lukacs nicht geleistet scheint in der Neuformulierung von Subjektivität, ist dasjenige, was Marx bereits geleistet im Begriff der “gegenständlichen Tätigkeit”: daß der Mensch es als Naturgegenstand selber mit Gegenständen zu tun hat, die an sich existieren, deren An-sich aber erst in dem Maße wirklich formulierbar, aussprechbar wird, wie dieses An-sich zu einem Für-uns geworden ist. Und hier war der junge Marx, der ja nicht zuletzt durch Lukacs ins Spiel gekommen ist – auch dieses historische Verdienst ist anzumerken – streckenweise schon weiter als der Versuch, unter den Bedingungen der frühen zwanziger Jahre diese Fragen neu aufzurollen.

N e g t: Die Frage nach der Struktur des Klassenbewußtseins bei Lukacs bedarf noch in einem anderen Zusammenhang, nämlich dem der Kategorie der objektiven Möglichkeit, einer weiterführenden Erörterung. Objektive Möglichkeit ist eine geschichtsphilosophische, nicht-empirische Kategorie – empirisch allenfalls in dem Sinne, wie Marx die abstrakte Arbeit als Kategorie der Realität bezeichnet. Klassenbewußtsein bezeichnet jene Erkenntnis des Geschichts- prozesses, die man haben würde, wenn man die Klassenlage und die historische Mission des Proletariats adäquat erkannt hätte. In dem Maße aber, wie die empirischen Subjekte selber, die proletarischen Massen ebenso wie jedes einzelne, in den Klassenkampf verwickelte Individuum, in diesen Geschichtsprozess aktiv eingreifen, muß sich das in der Erkenntnis der objektiven Möglichkeit einer Gesellschaft begründete Klassenbewußtsein zwangsläufig materialisieren. Der einzelne wird historisch handelndes Subjekt, indem er seine gegenüber den Klasseninteressen bloß zufällige Existenzweise aufgibt. Er ist wie Marx sagt, Klassenindividuum. Eine solche Vermittlung zwischen Allgemeinem und Individuellem hätte weitreichende Folgen auch für den Organisationsbegriff, die Lukacs offenbar abzuwehren versucht. Wenn nämlich empirische Subjekte nicht nur mehr oder weniger bewußte Träger des Klassenkampfes, sondern auch jenes Erkenntnisprozesses sind, in dem die geschichtlichen Entwicklungstendenzen reflektiert und Maßstäbe für historisch bedeutsames und geschichtlich zufälliges Handeln festgelegt werden, so entspringt es einer dogmatischen und irrationalen Entscheidung, die Verdinglichungsproblematik nicht auch auf die Parteiorganisation anzuwenden. Lukacs führt, da in bezug auf das Proletariat nur die Individuen mit einbezogen werden, die Verdinglichungsproblematik nicht über den Horizont der bürgerlichen Gesellschaft und des bürgerlichen Bewußtseins hinaus. So immunisiert er – und das entspricht genau der bereits diskutierten tranzendentalen Subjektspaltung – die historisch einzig legitimierte Instanz der Vermittlung von Theorie und Praxis, nämlich die Parteiorganisation, gegen jede Möglichkeit von kollektiven Irrtümern; diese können allenfalls Einzelpersonen zugeschrieben werden. Man sieht, wie gering hier der Schritt zu der durch die stalinistische Formel vom Personenkult geprägten Entstalinisierung ist. Indem Lukacs das Problem der Bürokratisierung unterschlägt, begibt er sich aller ihm zur Verfügung stehenden Erkenntnismittel, die Bedingungen der Entfernung der geschichtlichen Instanz der Entscheidungen von den Bedürfnissen der Massen historisch-materialistisch zu begreifen.

S c h m i d t: Die im Hegelschen Sinn als eine Art metaphysischen Prozeß genommen wird, wodurch dann auch das Proletariat einerseits überhaupt nichts zu sagen hat – alle Weisheit kommt von den oberen Instanzen – andererseits aber zum absoluten Subjekt-Objekt der Weltgeschichte gemacht wird. Eine Wiederaufnahme Hegels, der ja sagt, daß das Allgemeine bloß im Besonderen, im Einzelnen sich verkörpert, das dann aber gar nicht wirklich berücksichtigt oder geehrt wird, insofern nämlich nicht, als das Einzelne bloß in seinem Untergang als dieses Einzelne den Fortgang des Allgemeinen garantiert. Es ist einerseits alles, andererseits nichts. Wir müssen sehen: hier ist Hegel zu unbesehen dem Marxismus übergestülpt worden, und die richtige Einsicht hinsichtlich der szientistischen Verzerrungen der Theorie während der Zweiten Internationale führt wieder zu einer “Verphilosophierung”, das heißt hinter Marx zurück.

K r a h l: Ich habe da aber noch so ein bisschen Widerspruch. Das ist mir zu schnell gegangen, wie der Transzentalitätsvorwurf behandelt wird. Da muß man, glaube ich, noch einmal darauf eingehen. Negt hat also richtig gesagt – so habe ich ihn verstanden – daß die empirisch handelnden Subjekte im Verkehrs- zusammenhang der kommunistischen Organisation historisch handelnde Subjekte sind.

N e g t: Nur hier, nur hier, und zwar nur in dem Augenblick, wo sie den Entscheidungen der Organisationsinstanzen nicht widersprechen, sondern wo sie diese gewissermaßen in Gestalt der subjektiven Einsicht in die Notwendigkeit adäquat zum Ausdruck bringen. Nur dadurch sind auch ihre Handlungen bewußt historische Handlungen … (Krahl: post festum begreifen?) Ja, post festum begreifen. Nehmen wir an, ein Beschluß der Partei wird als historischer Beschluß verstanden, und jeder Beschluß ist ein historischer Beschluß, dann gilt es für den einzelnen Proletarier nicht, zu räsonnieren über die historische Legitimation dieses Beschlusses, sondern er hat diesen Beschluß als einen historisch notwendigen einzusehen. Nur dann handelt er als geschichtsbewußtes Individuum. Lehnt er den Beschluß ab, handelt aber danach, dann ist er nach Lukacs – es gibt da sogar einige Stellen in “Geschichte und Klassenbewußtsein” – im Grunde ein blind agierendes Subjekt.

K r a h l: Ja, nun möchte ich noch einmal genau auf dieses Verhältnis von empirischen Subjekten und dem Totalitätsbegriff eingehen. Man muß ja zunächst einmal sagen, daß, wenn wir den Idealismusvorwurf an Lukacs richten, das historisch eine geradezu umgekehrte Bedeutung hat wie der Idealismusvorwurf, den Deborin, Rudas usw. erhoben haben. Diese haben aufgrund des praktischen Industrialisierungsterrors nach der Oktoberrevolution in Rußland und aufgrund der daraus folgenden theoretischen Ontologisierungszwänge den Idealismusvorwurf zur Abwehr von Emanzipationsargumenten vorgetragen, während wir umgekehrt sagen, daß es auf dem Hintergrund einer richtigen Problemstellung, im Zentrum der Totalitätskategorie stehend, idealistische Reduktionen bei Lukacs gibt, die die Entfaltung der Emanzipationskategorien als historisch-praktischer Kategorien verhindert haben. Und jetzt würde ich im Hinblick auf den Totalitätsbegriff fragen: Wenn aus dem Totalitätsbegriff in zum Teil schroffer Trennung die empirischen Momente herausfallen, dann begreift Lukacs – und das ist meiner Ansicht nach das zentrale dabei – Klassenbewußtsein nicht als parteiliches Totalitätsbewußtsein. Anders gesagt: Materialistische Empirie ist gebunden, das macht ihren qualitativen Charakter aus, wenn Marx und Engels schreiben, daß sie mit den empirischen Voraussetzungen des Geschichtsprozesses beginnen – Materialistische Empirie ist gebunden an den Produktionszusammenhang der konkreten Arbeit, nämlich Gebrauchswerten, Bedürfnissen und Interessen. Die Kategorien der Theorie konstituieren sich hingegen aus dem Produktionszusammenhang abstrakter Arbeit, nämlich Warenform, Mehrwert und Akkumulation, Verdinglichung, Ausbeutung und Krise. Meiner Ansicht nach liegt in diesem materialistischen Empiriebegriff, der gebunden ist an die Produktion von Gebrauchswerten, die Reproduktion von Bedürfnissen, und die Erzeugung von Interessen genau das Moment von Parteilichkeit. Das fällt meiner Ansicht nach bei Lukacs heraus. Das bedeutet: hier wird dann bestimmte Negation über abstrakte Negation zurückgenommen. Totalität auch in der Kategorie der Warenform meint immer, daß die Momente sowohl empirisch als auch transzendent sind. Transzendentalität meint immer, weder positiv empirisch noch positiv transzendent, Totalität und Transzendentalität verhalten sich erkenntnistheoretisch zueinander wie bestimmte zur abstrakten Negation. Die Warenform ist eine Totalitätskategorie, weil die Ware sowohl empirisch, als auch transzendent ist, ein “sinnlich-übersinnliches Ding”, wie Marx sagt. Und diese Momente der Empirie fallen bei Lukacs heraus. Es gibt undurchschaute Momente eines Standpunktes des bürgerlichen Rechts bei Lukacs. Die Zurechnungskategorie ist die juristische Form der Prädikation einerseits, zum anderen würde ich allerdings sagen – und da hat Alfred Schmidt recht gehabt, ist es nicht so, daß nicht schon bei ihm eine Ideologiekritik der Transzendentalität angelegt wäre, daß er Transzendentalität als in der Warenform verschleierten Gesamtarbeiter begreift, wenn auch nicht explizit.

N e g t: Ja, nur dieses Moment von Transzendentalität, das Hans Jürgen Krahl jetzt meint, ist von dem entsprechenden Kantischen Begriff doch mit einiger Klarheit zu unterscheiden. Denn der Übergang von der subjektiven Transzendentalität Kants zur objektiven der Wertform im Marxschen Kapital, den Lukacs meines Wissens als erster philosophisch entwickelt (wobei er freilich die Kantische Terminologie vermeidet), ist selber schon ein durch Hegel vermittelter Übergang; die materiale Geschichte hat ihre kontingenten Momente bereits verloren; die Alternative von Sozialismus oder Barbarei keinen systematischen Stellenwert mehr. Kontingent in diesem Sinne sind ja nicht nur die unmittelbaren Bedürfnisse des Proletariers, mithin insgesamt die Gebrauchswertproduktion, die nach den Erkenntnissen der Kritik der politischen Ökonomie bloßes Anhängsel der Warenproduktion ist, sondern auch die ganze praktisch-kommunikative Dimension, in der die Proletarier als durch die kapitalistische Gesellschaft geprägte Menschen zu arbeiten und zu handeln gezwungen sind; deren individuelle Lebensgeschichte ist, da sie von der kapitalistischen Gesellschaft abhängt, oder, wenn man so will, unter den “transzendentalen” Bedingungen der Warenproduktion steht, mit der Entwicklungsrichtung des Gesamtproletariats keineswegs gleichzusetzen. Der Wahrnehmungs- und Denkapparat des einzelnen Proletariers ist noch an den naturwüchsigen Kreislauf einer antogonistischen, warenproduzierenden Marktgesellschaft angeschlossen (Schmidt: an die kapitalistische Unmittelbarkeit). Aber das Gesamtproletariat kann nicht mehr in diesem gesellschaftlichen Naturzusammenhang eingeschlossen sein; es muß sich als ein kollektiv handelndes Subjekt konstituieren, um jene strukturelle Abhängigkeit des Wahrnehmungs- und Denkapparates des einzelnen Proletariers von den Gesetzen der kapitalistischen Warenproduktion selber noch durchschaubar zu machen und dem einzelnen Proletarier praktische Kriterien an die Hand zu geben, damit er in jedem einzelnen Fall systemsprengende von systemkonformen Verhaltensweisen unterscheiden kann. Demzufolge gibt es, wenn man den Krahlschen Gedanken aufgreift, zwei Formen von “transzendentaler” Konstitution der gesellschaftlichen Gegenstandswelt, die bei Lukacs nicht auseinander gehalten werden. Auf der einen Seite die Ebene des individuellen Proletariers, der in seinen Vorstellungen, seiner Sprache, ja seiner Spontaneität heteronomen Gesetzen der kapitalistischen Produktions- und Verkehrsform unterworfen ist. Auf der anderen Seite sind es die Konstitutionsleistungen einer Einheit stiftenden Organisation, die als Gesamtarbeiter die kommende Gesellschaft vorausnimmt und sie der Funktion eines kollektiven transzendentalen Subjekts bereits unter kapitalistischen Gesamtbedingungen die Gegenstandswelt so umstrukturiert, daß die kontingenten Verhaltensweisen im Proletariat nach und nach eliminiert werden; das bedeutet aber nichts anderes als die Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung der Bedürfnisstrukturen – eine Veränderung, auf welche die revolutionäre Hoffnung der Theorie Marcuses gegründet ist.

S c h m i d t: Ich glaube, die Kontroverse von Herrn Krahl und Herrn Negt ließe sich daran noch verdeutlichen, daß wir darauf hinweisen, daß das Ausfallen des im engeren Sinn Materiellen nicht nur ein innertheoretisches Versagen von Lukacs ist, sondern ein Wesensmerkmal der kapitalistischen Gesellschaft selber. Gerade Lukacs weist in dem von uns diskutierten Buch darauf hin, daß in der Krisensituation mit einem Schlag der draußen gehaltene Gebrauchswert, das Menschlich-Qualitative, für das Fortexistieren oder den Untergang des Systems essentiell wird. Wir haben zweierlei zu unterscheiden: Wo handelt es sich innertheoretisch bei Lukacs um ein Abrücken vom Materialismus: Gebrauchswertproduktion und deren menschliche Attribute, wo geht es um die Marxsche Einsicht, daß der Kapitalismus das tatsächlich so macht. Die Schwierigkeiten sind groß, weil diese beiden Ebenen sich in unserer Diskussion notwendig stets durchdringen und nicht säuberlich voneinander zu unterscheiden sind. In dem Maße, wie der Kapitalismus so verfährt, ist es richtig, wenn die ökonomische Analyse seiner Totalität nicht besser ist als das, was den Leuten in ihr geschieht. Es muß aber im nachhinein wieder deutlich werden, daß es ohne die Akteure – und Negt will hier in Bezug auf das Verhältnis des Empirischen und des Transzendentalen darauf hinaus – ohne die empirischen, leibhaftigen Menschen, die unentwegt Gebrauchswerte erzeugen, zur Verdinglichung und Herrschaft der Form über den Inhalt gar nicht käme. Beides ist zu beachten, wobei es schwierig ist, auseinanderzuklauben, wo bei Lukacs ein innertheoretisches Versagen vorliegt und wo er der Marxschen Theorie folgt. Aber im Ganzen hat Krahl insofern recht, als gegenüber den Formbestimmt-heiten der Waren die leibhaftigen, die ontischen Sachverhalte bei Lukacs zu bloßen Anhängseln werden, Beim Heidegger wird das zur Norm selber: Ontologisches setzt Ontisches. Bei Lukacs ist immerhin das Bewußtsein davon noch vorhanden, daß das Ontologische eigentlich sekundär ist und daß die ontischen Sachverhalte primär sind.

C e r u t t i: Ich wollte nur klärend ein paar Worte zu dem sagen, was Oskar Negt gesagt hat. Ich meine, Kontingenz begreift Lukacs nur als Unmittelbarkeit, d, h, als naturgesetzliche Anarchie der kapitalistischen Warenproduktion (Schmidt: Erscheinungsform der Notwendigkeit). Das ist – in der Sprache der “Theorie des Romans” (10) – die Welt der “vollendeten Sündhaftigkeit”. Unmittelbarkeit ist nun, wie Lukacs an einer Stelle im Verdinglichungsaufsatz sagt (11), gemeinsamer Ausgangspunkt für den Proletarier so wie für den Kapitalisten. D, h, der empirische Einzelproletarier kann nur ein konterrevolutionäres Bewußtsein haben, er bleibt seinem partikularen Interesse, also dem Opportunismus verfallen. Von der kapitalistischen Unmittelbarkeit kann sich nur das Proletariat in seinem Klassenbewußtsein, als transzendentales, konstruiertes Gesamtsubjekt absetzen. Nur der Standpunkt der Totalität ist revolutionär.

N e g t: In diesem Zusammenhang noch einige Worte zu dem, was Hans Jürgen Krahl gesagt hat. Wichtig scheint mir auch Lukacs’ Bestimmung des Verhältnisses zwischen dem Totalitätsbegriff und dem Klassenbewußtsein zu sein. Klassenbewußtsein ist nicht als Bewußtsein einer einzelnen Klassenlage zu verstehen. Lukacs betont gerade – und ich meine, das ist eine sehr wichtige Charakterisierung des Klassenbewußtseins -, daß sich Klassenbewußtsein nicht nur im praktischen Klassenkampf, sondern gleichzeitig im Begreifen der Totalität einer Gesellschaft bilde.
So vermag zum Beispiel die bürgerliche Klasse ein Klassenbewußtsein nur in jener Phase zu entwickeln, in der sie noch fähig und bereit ist, die bürgerliche Ordnung als eine von der vorausgehenden Gesellschaftsform sich emanzipierende Totalität zu begreifen. (Schmidt: Unterschied von klassischer und Vulgärökonomie; Cerutti: Nur in der aufsteigenden Phase der bürgerlichen Klasse, danach tritt in ihrem Klassenbewußtsein ein Funktionswechsel – von emanzipativ zu verschleiernd, totalitätslos – ein.) Sobald jedoch die bürgerliche Klasse auch zur politischen Herrschaft gelangt und damit in ihre apologetische Phase eintritt, fällt der Totalitätsaspekt aus dem bürgerlichen Klassenbewußtsein heraus, gleichzeitig beginnt das Proletariat diesen Totalitätsaspekt im Sinne der eigenen Emanzipation zu verwenden und sich zur einzigen Klasse zu entwickeln, deren Bewußtsein mit der objektiven Richtung der historischen Entwicklungstendenz übereinstimmt.

K r a h l: Weil es kritisch bezogen ist auf die Naturschranke des Kapitals, die das Kapital selber ist und sich das bürgerliche Klassenbewußtsein insofern nicht selbst aufheben kann, sondern auf Vereinzelungen und Isolierungen in der Bewußtseinswelt des Bürgertums durch die Naturschranke des Kapitals zurückverwiesen wird.

C e r u t t i: Was Genosse Krahl eben sagte, steht im Text auf S. 74 in der Fußnote (12). Da wird die Schranke in der Entwicklung des bürgerlichen Klassenbewußtseins ökonomisch begründet, in dem von Rosa Luxemburg analysierten “Selbstwiderspruch einer rein kapitalistischen Gesellschaft”.

K r a h l: Ich habe zwei Fragen dazu: Erstens, um diesen hochabstrakten Zusammenhang etwas zu verdeutlichen, in dem wir uns ja im Augenblick bewegen, Das grundlegende Produktionsverhältnis der kapitalistischen Gesellschaftsformation, nämlich das gegeneinander isolierter und vereinzelter Privatarbeiter, die Warenproduzenten deshalb sind, weil sie abstrakte Arbeit leisten, zerstreut und zerfasert zugleich auch die Wahrnehmungs- und Erfahrungswelt der einzelnen proletarischen Produzenten, vor allem durch Arbeitsteilung. Das bedeutet, sie können ihre materielle Bedürfnisstruktur und ihr subjektives Interessenbewußtsein nicht im Hinblick auf die durch die Produktion gesetzte Herrschaftstotalität, also im Zusammenhang von ökonomischer Ausbeutung und politischer Herrschaft durchschauen. Die Organisation des politischen Kampfes leistet jetzt Lukacs zufolge insofern eine antizipatorische Aufhebung der abstrakten Arbeit, als sie ja dieses Totalitätsbewußtsein herstellt. Wie bildet sich jetzt im Proletariat dieses Totalitätsbewusstsein? Wie affiziert dieses Totalitätsbewußtsein schließlich auch die Wahrnehmungswelt des einzelnen empirischen Proletariers?

N e g t: Das Totalitätsbewußtsein als organisiertes Bewußtsein? (Krahl: als organisiertes). Ja. Nur insoweit, als der einzelne Lohnarbeiter imstande ist, seine eigene entfremdete Existenzweise als historisch bedingt und dadurch als vergänglich im Zusammenhang einer revolutionären Aufhebung der kapitalistischen Produktions- und Verkehrsformen zu begreifen. Sicherlich: Marx sagt und Lukacs wiederholt es: es sind die Existenzbedingungen selber, die den Proletarier, oder sagen wir besser: das Proletariat schließlich zwingen, eine revolutionäre Lösung der gesellschaftlichen Widersprüche anzustreben. Wer könnte hier aber das idealistische Element der Aufklärung übersehen, wenn es wahr sein soll, daß ohne Begriff von der gesellschaftlichen Totalität Handeln nur blind sein kann? Denn was den einzelnen Proletarier anbetrifft, so kann er eben doch nur auf einer kognitiven, intellektuellen Ebene einsehen, daß diese historisch lösbaren Aufgaben auch seine Aufgaben sind, die er als einzelnes Individuum zu lösen hat. Ich meine, sonst wäre es kaum zu verstehen, warum von gleichen oder doch ähnlichen Interessenlagen aus die einen revisionistischen Parteien nachlaufen, die anderen sich in “gelben Gewerk- schaften” organisieren (zu denen man heute getrost einen nicht unbeträchtlichen Teil der Gewerkschaften rechnen darf), die dritten sich dagegen der Kommunistischen Partei anschließen oder in irgendwelchen sektiererischen Splittergruppen ihr scheinpolitisches Dasein fristen. Mit anderen Worten: die Mannigfaltigkeit der Reaktionen auf eine vorgegebene Klassenlage wäre nicht zu erklären, wenn in den dialektischen Beziehungen zwischen dem empirischen, oder – wie es bei Lukacs heißt: psychologischen – Bewußtsein der Proletarier und dem KIassenbewußtsein als einem Totalitätsbewußtsein das Moment des Nicht-Identischen, das materiell-gesellschaftliche Substrat der individuellen Lebensgeschichten, der Familienorganisation, der kollektiven Lernprozesse usw. fehlt. Klassenlage und Klassenbewußtsein sind auseinander ebenso wenig logisch deduzierbar wie ohne konkrete Vermittlungsprozesse; in diesem entscheidenden Punkt erweist sich Lukacs als ein undialektischer, mechanistischer Denker.

S c h m i d t: Also bei Lukacs sieht es offenbar so aus: Der im idealtypischen Sinne klassenbewußte Proletarier durchschlägt die kapitalistische Unmittelbarkeit. Er sieht: sie ist vermittelt, sie ist historisch begrenzt.

K r a h l: Die kapitalistische Unmittelbarkeit ist ja analytisch untrennbar von dem reinen Vermittlungsbegriff, der abstrakte Arbeit ist.

S c h m i d t: Auf dem Weg über die ökonomische Analyse wird ihm die historische Begrenztheit und Veränderlichkeit des Systems klar. Aber wie das nun – das ist die sozialpsychologische Frage der Zwischeninstanzen – im einzelnen wirklich zugeht, was eigentlich bedingt, daß die Leute derart mannigfaltige Wege gehen, dazu äußert sich die Lukacssche Theorie nicht; und das hängt wiederum mit dem Ausfallen des Materialismus in diesem elementaren Sinn zusammen. Lukacs belehrt uns nicht darüber, weshalb die einen zum Klassenbewußtsein gelangen, die anderen nicht.

K r a h l: Meine zweite Frage – und ich glaube, die führt uns etwas aus dieser im Rahmen höchst abstrakter Erörterung liegenden Diskussion heraus – ist die nach dem Kontingenzbegriff, den Lukacs von Geschichte hat. Es ist nicht der Kontingenzbegriff, den Merleau-Ponty hat, zentral gesetzt hat (Schmidt: der ist geradezu gegen diesen ersonnen). Genau, und ich wollte folgendes fragen: Ich meine, es ist doch im folgenden zu erörtern: Lukacs’ Theorie des Bewußtseins ist ja gerichtet gegen die revisionistischen und reformistischen Auffassungen der Zweiten Internationale, die die Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung nicht nach Maßgabe einer zweiten, deshalb scheinhaften, sondern nach Maßgabe der ersten Natur so behandelten, als ob die Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung mit Notwendigkeit die sozialistische Gesellschaft produzieren würde.
Eine andere, gleichsam objektiv dogmatische und auf stalinistische Interpretation gehende Auffassung wäre die, daß zwar auf die Revolution nicht verzichtet werden kann, aber die Revolution mit der gleichen Notwendigkeit erzeugt wird wie die Krisen. Nun sagt Lukacs, daß die Krise zwar nicht mit Notwendigkeit die revolutionäre Subjektivität des Proletariats produziert, aber die Möglichkeit eröffnet, daß das Proletariat die Naturwüchsigkeit der kapitalistischen Gesellschaft durchschauen kann. Anders gesagt, daß es die Naturgesetze kapitalistischer Arbeits- und Mehrarbeitszeit durchschaut, einfach, daß es Ausbeutung durchschaut. Das soll die Krise eröffnen können. Gleichwohl meine ich, ist in dem, was Lukacs als Krisengeschichte – und hier komme ich auf das Kontingenzproblem – bezeichnet, etwas enthalten, was bei Rosa Luxemburg angelegt ist, nämlich eine Mythologisierung der kapitalistischen Krisengeschichte. Das auf der einen Seite. Das zweite, das kommt meiner Ansicht nach bei Lukacs auf der Bewußtseinsebene zusammen – und da sind wir dann wieder doch an diesem einen Punkt, der auch mit Transzendentalität und bürgerlichen Rechtskategorien aufs engste zusammenhängt – einer positiven Adaption des Max Weberschen Rationalitätsbegriffs. Wenn er davon spricht, daß die Rolle des Bürgertums gleichsam tragisch ist, daß die Klassenbewußtseinsgeschichte des Bürgertums eine Tragödie ist, spielt Rationalität als Schicksal mit hinein. Das Bürgertum hat ja, ihm zufolge, ein durchkalkuliertes Rationalitätsbewußtsein und kann es haben; hier spielt die von Max Weber vertretene These von der Rationalität als Schicksal mit hinein. Anders gesagt: Die naturgesetzliche Kontingenz in der Verlaufsform der kapitalistischen Gesellschaftsformation wird in Kategorien der Rationalität interpretiert (Negt: bei Lukacs?). Ja, Ja. Und das zweite: Gibt es eine Dialektik der Kontingenz bei Lukacs in der kommunistischen Organisation selber? Das glaube ich nicht. Er verfällt dem Zwang, unbedingte Disziplin an sich selber als Antizipation des Reichs der Freiheit darzustellen. Dieser von der Oktoberrevolution ausgehende Identitätszwang eliminiert die Dialektik der Kontingenz von Disziplin und Emanzipation in der Organisation des politischen Kampfes.

S c h m i d t: Sie kann gar nicht aufkommen, weil der “Sinn” der Geschichte metaphysisch verbürgt ist. Und das ist ganz hegelianisch. Theorie wird zum Organ dessen, was sich ohnehin mit unwiderstehlicher Gewalt realisiert.

C l a u s s e n: Mit dem Eintreten des Proletariats in die Weltgeschichte ist ein ganz bestimmter Rahmen für die marxistische Theorie im Kapitalismus gesetzt, der die objektive Möglichkeit der proletarischen Revolution anzeigt und innerhalb des Kapitalismus keine Veränderung mehr erfahren wird (13). D. h. die Entwicklung der Klassenkämpfe kann höchstens auf strategischer und taktischer Ebene die Theorie tangieren.

K r a h l: Die Methodologie, die Methode nicht tangieren kann …

S c h m i d t: Ja, und merkwürdig entökonomisiert ist – ich glaube, auf diesen Punkt müssen wir noch zu sprechen kommen – (Claussen: … Er verschmilzt die Kritik der politischen Ökonomie und den historischen Materialismus als die Geschichte der Klassenkämpfe, vorschnell) … Das geht so mit, daß er im Aufsatz über Rosa Luxemburg sagt, entscheidend für den historischen Materialismus sei nicht der Primat ökonomischer Sachverhalte, sondern “die Herrschaft der Kategorie der Totalität”. Von ihr heißt es (S. 39), sie sei “der Träger des revolutionären Prinzips in der Wissenschaft”. Hier liegt ein Überbleibsel des neukantianischen Glaubens an die Kraft der Methode vor.

N e g t: Ja, er hat ja auch in einem Fernsehinterview mit Iring Fetscher noch einmal betont, daß er, wenn er heute sagen müßte, was denn nun an Erkenntnissen aus “Geschichte und Klassenbewußtsein” geblieben sei, vor allem sich an seine Formulierung erinnern würde, daß die marxistische Methode richtig und gültig sei, selbst wenn sich alle einzelnen Erkenntnisse im Marxismus als falsch erweisen sollten.

S c h m i d t: Unmaterialistischer kann man nicht argumentieren; denn woraus anders soll die Methode erwachsen als aus dem Begreifen von Einzelsachverhalten?

K r a h l: Ich würde mehr sagen, ein Moment der Lukacsschen Theoriebildung ist die Kritik am bürgerlichen Historismus. Das führt aber zu analytischen Rationalisierungen, in dem Sinne, in dem sie Marx der klassischen bürgerlichen Ökonomie vorwirft und zwar bei Marx innerhalb der Dialektik von Wert und Wertform. Anders gesagt, die Form ist identisch – was jedenfalls die Theorie anbelangt – und die Inhalte haben Geschichte. Das ist ein unmaterialistisches Moment bei ihm. Die Identität der Methode ist ja eine Identität der Form. Und der Formwandel, den Marx in den Geschichtsbegriff, gerade in der Dialektik von Wertform und Wert, hineinnimmt, bleibt unberücksichtigt.

S c h m i d t: Wobei das nicht einfach falsch ist. Die Sache ist kompliziert. Sowie man eine Kritik mit dieser Schärfe ausspricht, merkt man, daß sie nicht ganz sitzt. Denn in der Tat kann die Unterscheidung zwischen allgemeinen, besonderen und einzelnen Sachverhalten ihr relatives Recht behaupten. Allgemein gesprochen befinden wir uns immer noch im Kapitalismus, gehen wir aber ins Besondere und Einzelne, so müssen wir sagen, daß wir es mit dem Wirksam-Werden kapitalistischer Formbestimmtheiten unter neuen und anders gearteten inhaltlichen Voraussetzungen zu tun haben. Das Einander-Äußerlich -Sein von Form und Inhalt ist innerhalb gewisser Grenzen nicht falsch. Insofern kann man sagen, daß unbeschadet notwendiger strategischer und taktischer Änderungen gewisse allgemein-theoretische Konzepte über längere Zeitstrecken ihren Wert behalten. Aber auch hier kann es dazu kommen, daß der Primat etwa innerhalb der Subjekt-Objekt-Relation anders angesetzt werden muß; daß ein inhaltlicher Wandel in einen Formwandel umschlägt, so daß also auch vom Einzelnen und Besonderen her die allgemeine Theorie ebenso modifizierbar ist wie umgekehrt.

N e g t: Ich möchte hier noch eine Frage stellen, die ich selber nicht beantworten kann, die mir aber für unsere Diskussion wichtig zu sein scheint; ich meine, es findet sich bei Lukacs ein Widerspruch, von dem ich schwerlich annehmen kann, daß es sich um einen bloßen Denkfehler handelt. Auf der einen Seite ist “Geschichte und KIassenbewußtsein” die philosophisch reflektierte Reaktion auf das Ausbleiben der erwarteten revolutionären Kettenreaktion in den hochindustrialisierten Ländern, und zwar mit dem zentralen Argument, daß für historisch wirksame, auf revolutionäre Veränderung gerichtete Aktionen des Proletariats nicht nur die objektive Klassenlage, sondern auch das Klassenbewußtsein konstitutiv sei. Gegenüber allen objektivistischen Theorien, die einen ökonomistischen und zum Teil naturalistischen Einschlag sowohl im Kautskyanismus als auch im traditionellen Revisionismus haben, hebt Lukacs die Bedeutung des subjektiven Faktors hervor, das heißt, die Notwendigkeit der revolutionären Bewußtseinsveränderung des Proletariats. Auf der anderen Seite erhält diese Argumentation ihren historischen Stellenwert erst dadurch, daß in den Begriff des Klassenbewußtseins das Bewußtsein wirklicher, handelnder Subjekte eingeht. Und die Widersprüchlichkeit der Argumentation von Lukacs besteht nun darin, daß er die die Kritik am Objektivismus motivierenden geschichtlichen Erfahrungen enthistorisiert, soweit generalisiert, daß der Eindruck einer geistesgeschichtlichen Kontinuität seiner Fragestellungen entsteht. Das Wesentliche, die Erfahrung des Bruchs in der Erfolgstradition der Arbeiterbewegung, wird nicht auf seine theoretischen Konsequenzen gebracht. (Krahl: und zwar Erfahrungen, die sich nicht im Leninschen Parteitypus sedimentieren, sondern aus den Industrialisierungszusammenhängen des entwickelten Kapitalismus stammen.) Ja, weil Lukacs nämlich von einer Stufe des gesamtgesellschaftlichen Bewußtseins ausgeht, und der Verdinglichungsaufsatz ist gänzlich auf sie beschränkt, auf der Bildung, Erziehung, Aufklärung einen Stand erreicht haben, die ihrer Struktur nach – Comte hat das im übrigen sehr klar erkannt – zwiespältige politische Folgen haben: höheres Bildungsniveau der Massen, formale Rechtsgleichheit, angehobener Lebensstandard, politische Beteiligungsrechte usw. haben natürlich nicht nur eine revolutionäre Funktion, sondern sind gleichzeitig die Grundlage, auf der unter anderem auch kapitalistische Denkweisen in das Bewußtsein der Proletarier in einem höheren Maße eindringen können, als in Ländern des massenhaften Analphabetismus, wo das Proletariat oder andere Klassen, wie die Bauern in Rußland, unter dem objektiven Zwang stehen, sich aus elementarem Elend zu befreien.

C e r u t t i: Ich habe zwei Hinweise, eigentlich sind es zwei Interpretations- thesen. Zunächst zum Verhältnis von Klasse und KIassenbewußtsein: in den Lukacsschen Klassenbegriff geht, wie ich meine, das Klassenbewußtsein als konstitutives Element ein. Uneingestanden zwar, denn Lukacs übernimmt ja zunächst die Marxsche Definition, also die ökonomisch fundierte Definition der Klasse (14). Aber gerade in dem Aufsatz Klassenbewußtsein läßt sich zeigen, daß das ge-schichtlich relevante Handeln der Klassen durch ihr (zugerechnetes) Bewußtsein bestimmt wird. Das ist ein Hinweis darauf, daß in “Geschichte und Klassenbewußtsein” die Klassentheorie, überhaupt der historische Materialismus in der Lukacsschen Interpretation überlagert ist von einer transzendentalen Geschichtsphilosophie – ein Stichwort, unter dem sich manche unserer Überlegungen zusammen-fassen lassen, ein Begriff, der in der intellektuellen Biographie Lukacs ‘ ihre alte und lange Geschichte hat.(Die Theorie des Romans will eine Geschichtsphilosophie der Formen sein.)
Jetzt zu der Frage: wo nimmt das Klassenbewußtsein empirische Gestalt an? Oskar Negt verlangt von Lukacs eine Antwort auf diese Frage, als wäre Lukacs eben nicht der Lukacs von 1923, sondern der Wilhelm Reich von 1934 (15). Allerdings könnte der Lukacs von 1923 doch eine – fingierte – Antwort geben. Empirische Gestalt nimmt das KIassenbewußtsein nicht in der Klasse, sondern in der Partei an. Versucht man nun, die Lücke der herausgefallenen Empirie zu schliessen und zwar so, daß man verstreute Elemente der Parteitheorie Lukacs’ zusammenträgt und zu Ende denkt, dann würde die Antwort schließlich lauten: empirische, oder besser: leibhaftige Gestalt nimmt das Klassenbewußtsein im Parteiführer neuen Typus an, also im philosophisch verklärten Lenin der Lenin-Studie von 1924 (16).

S c h m i d t: Aber eben diese Gloriole, mit der dort Lenin bereits umgeben wird, lieber Cerutti, spricht doch eigentlich für unsere These, daß ein Klassenbewußtsein, wenn es sich in einer solchen Gestalt manifestiert, der eigentlich alles Menschlich-Empirische genommen wird, im Grunde transzendentalphilosophisch ist.

K r a h l: Sind die Führer überhaupt in dem Lukacsschen Begriff der Führung involviert? Ist es nicht vielmehr so, daß die Führung nahezu unter Jurisdiktionskategorien nach Maßgabe der rechtlich-praktischen Vernunft behandelt werden?

S c h m i d t: Was meinen sie damit genau?

K r a h l: Daß die politische Zentrale wirklich behandelt wird wie ein Gerichtshof, um es einmal so zu sagen, und daß in dieser rechtlich-praktischen Behandlung der politischen Zentrale doch die einzelnen Führer aus der Reflexion genauso herausfallen wie die empirischen Individuen dem Klassenbewußtsein nachgestellt werden.

C e r u t t i: Wenn ich das schlagwortartig berichtigen darf: nicht als Gerichtshof tritt die Parteizentrale auf, sondern als Weltgericht, auf dem weltgeschichtliche Individuen (Lenin) agieren.

C l a u s s e n: Ich glaube, daß ist eine falsche Problemstellung, wenn man jetzt “Methodisches zur Organisationsfrage” mit dem “Lenin”-text (17) synthetisieren will.

N e g t: Dieses Problem läßt sich nicht in der üblichen Weise auf die Tendenz zur Verselbständigung von Führungspersönlichkeiten beschränken. Lukacs begreift zweifellos das Parteipräsidium oder das Zentralkomitee als diskutierendes Kollektiv, in dem Lenin zwar eine beherrschende, aber von den vor allen akzeptierten Entscheidungsmaximen keineswegs ausgenommene Figur ist. Würde es Lukacs anders verstehen, so wäre das in der Tat ein Rückfall in die an große Persönlichkeiten orientierte bürgerliche Geschichtsauffassung.

S c h m i d t: Keine Theologisierung von Individuen, sondern eine Theologisierung der kommunistischen Partei.

C e r u t t i: Das meine ich im Grunde auch. Durch den Rückgriff auf das Lenin-Bändchen wollte ich nur – heuristisch, und ein wenig boshaft – diese Lücke in der Systematik schließen.

N e g t: Sicherlich, ich wollte diesen Gesichtspunkt auch nur erwähnen, um daran eine aktuelle Frage anzuknüpfen. Wenn der junge Lukacs mit besonderer Intensität von politisch bewußten Leuten wie Dutschke und anderen gelesen wurde, so ist diese politische Aktualisierung von “Geschichte und Klassenbewußtsein” durch die studentische Protestbewegung wenigstens der der Bundesrepublik wesentlich wohl auf diese eher in impliziten Formalisierungen enthaltene subjektive Dimension des Lukacsschen Denkens zurückzuführen. In dieser Rezeption drückt sich nicht die zufällige Bildungsgeschichte einzelner, sondern das bestimmende Interesse der Neuen Linken aus, eine durch die Orthodoxie des Sowjetmarxismus verschüttete subversive Tradition im Marxismus wieder zu beleben.

S c h m i d t: Ich darf dem nur in Klammern hinzufügen, daß Lukacs sich zu jener Zeit stark mit Sorel beschäftigt hat, also mit syndikalistischen Problemen, mit den Erfahrungen einer Fraktion der Arbeiterbewegung, die nie durch die Disziplinierung des westeuropäischen und dann russischen Marxismus hindurchgegangen war.

N e g t: Genau. Ich sagte bereits, daß vor allem diese subjektive Dimension von Rosa Luxemburg Spontaneitätsdenken bis hin zu Sorels Mythologisierung der action directe und des Generalstreiks (Krahl: diese syndikalistischen Momente sind bei ihm ja deutlich spürbar; Szabo, der sein erster praktisch-politischer Lehrer in Ungarn war, hat ihm Sorel vermittelt)(18) die gegenwärtige Protestbewegung motivierte, den jungen Lukacs aufs neue, und zwar in politischen Zusammenhängen zu diskutieren. Aber die von den Studenten sichtbar gemachten Emanzipationskategorien im Denken von Lukacs sind, wie die der gesamten marxistischen Philosophie des Vorstalinismus, in sich gebrochen. Es finden sich bereits beim frühen Lukacs – und das mag zur Erklärung der späteren Entwicklung seiner Philosophie beitragen – Momente des stalinistischen Objektivismus, wenn auch in idealistischer Form. Meine Frage lautet also: Gibt es innertheoretische Mechanismen bei Lukacs selber, die einen solchen Objektivismus produzieren?

S c h m i d t: Lukacs verfolgt ein doppeltes Interesse. Einerseits geht es ihm auf der strategisch-taktischen Ebene um die Reaktivierung des Subjektiven gegenüber der passiven Erwartung, daß die Evolution des Kapitals den richtigen Zustand schon herbeiführen werde, andererseits aber vertritt er einen Objektivismus, den er letztlich gemeinsam hat mit der stalinistischen Ideologie, und zwar in seiner Wendung zur politischen Ökonomie. In dieser kommt, wie gesagt, der Subjektfaktor eigentlich nur vor im Gedanken der geschichtlich- gesamtgesellschaftlichen Erzeugtheit aller unmittelbar gegebenen Tatbestände des Alltags. Lukacs wollte die metaphysische Logik Hegels mit politischer Subjektivität verbinden. Diese wiederum hat konstitutive Bedeutung für seine Konzeption der “Logik der Dinge”. Lukacs hat sie nicht einfach außer Kurs setzen wollen, sondern sie sollte, durchschaut in ihrem Produkt-Charakter und von den Individuen gehandhabt, gerade eine höhere Wirksamkeit erhalten. Zugleich ist “Geschichte und Klassenbewußtsein” ein politisch-ökonomisches Buch, nicht nur ein unmittelbar aktionistisches. Es ist auch an einer strukturellen Analyse interessiert.

K r a h l: Ja, aber auf welcher Ebene? Vielleicht, daß man die Fragen, die Negt gestellt hat, versucht folgendermaßen zu diskutieren: Fällt nicht – das hängt mit dem zusammen, was Cerutti als transzendentale Geschichtsphilosophie bezeichnet, die die Lukacsschen Interpretationen überlagert – auch bei Lukacs auf einer ganz bestimmten Ebene die konkrete Geschichte aus dem Reflexionsprozess heraus? Das antiautoritäre Emanzipationsbewußtsein der studentischen Protestbewegung in Westdeutschland zum Beispiel, das ja diese Aktualität von Emanzipations- und Verdinglichungsbegriffen ideologiekritisch erkannt hat, hat diese immer – wie abstrakt und in kleinbürgerlichen Erscheinungsformen sie auch auftreten möchten – auch immer bezogen auf die veränderte historische Objektivität der kapitalistischen Produktionsweise, auf den veränderten Zusammenhang von ökonomischer Ausbeutung und politischer Herrschaft (an Marcuse anknüpfend), und auf die veränderten Bewußtseinsverfassungen und objektiven Stellungen im Produktionsprozeß des Proletariats. Anders gesagt: Die Transformation des Konkurrenz- kapitalismus in den Monopolkapitalismus fällt aus der Reflexionsweise von Georg Lukacs heraus.

S c h m i d t: Kann man das sagen? Ist nicht die Imperialismustheorie Lenins auch im Spiel?

K r a h l: Ja, aber ist es nicht so, daß es in “Geschichte und Klassenbewußtsein” eine unveränderte Stabilität des Proletariats und der kapitalistischen Krisengeschichte gibt?

S c h m i d t: Die Imperialistischen Weltkriege kommen nur als politische Tatbestände rein, nicht so sehr als ökonomische.

C e r u t t i: Richtig. In der Konstruktion des zugerechneten Klassen-bewußtseins wird jede Artikulation, jede Klassenschichtung zum Makel der Empirie degradiert. Das ist gerade heute eine unbrauchbare Schematisierung der Klassenstruktur.

K r a h l: Das ist noch affiziert von der schlechten naturgesetzlichen Identität des kapitalistischen Geschichtsverlaufs, die die Ideologien der Zweiten Internationale konstruiert haben und auf einer ganz bestimmten Ebene auch methodologisch begründet haben. Alfred Schmidt sagt richtig, es ist auch ein politisch-ökonomisches Buch. D. h. Lukacs durchschaut den Produktions-prozess, die Frage ist jetzt, wie. Es gibt bei Lukacs keine vermittlungskritische Reflexion auf den wirklichen Zusammenhang von Produktion und Zirkulation. Das scheint mir das Schlechtanalytische zu sein. Alle Zirkulationskategorien stellen sich primär dar in den Kategorien der Rechtsformen. Von daher kommt er meiner Ansicht nach auch in die ambivalente Dialektik des Marxismus als Legitimationswissenschaft hinein und von daher gibt es meiner Ansicht nach auch undurchschaute Naturrechtsmomente in “Geschichte und KIassen-bewußtsein”, die sich – und das wiederum auf die aktuelle Situation bezogen – bei Bewegungen in hochindustrialisierten kapitalistischen Ländern einstellen müssen. Denn die Organisation des politischen Kampfes ist bestimmte Negation des kapitalistischen Tauschverkehrs. Wenn es stimmt, was Marx gesagt hat, daß das “künftige Jerusalem” gegen die Anarchisten nicht einfach in der Organisation des politischen Kampfes zu realisieren ist, sondern daß es Sozialisierungs- und Disziplinierungskategorien gibt nach Maßgabe der Erfordernisse des politischen Kampfes, dann hat im Grunde genommen die kommunistische Organisation des politischen Kampfes das ideologische Versprechen des bürgerlichen Tauschverkehrs erst einzulösen; denn dieses ideologische Versprechen lautet: daß jeder sich um der Freiheit des anderen willen die repressive Wertabstraktion auferlegt. Marx hat nachgewiesen: das ist Ideologie. In Wirklichkeit konstituiert sich das partikularisierte Allgemein- interesse hinter dem Rücken und über den Köpfen der Individuen aufgrund einer Verabsolutierung der Einzelegoismen. Die Kommunistische Organisation hätte überhaupt erst diese repressive Abstraktion von den eigenen Bedürfnissen zugunsten der Emanzipation des anderen nach Gesetzen des politischen Kampfes zu erfüllen. Das ist historisch enorm schwierig zu konkretisieren und Lukacs hat das auch nicht geleistet; hier fällt man auch immer wieder in die mit allen Verdinglichungsmechanismen verbundenen Legitimationskategorien des bürgerlichen Denkens zurück.

C e r u t t i: Mir leuchtet der Objektivismusvorwurf gegen Lukacs nicht ganz ein. Und es fällt mir schwer, in “Geschichte und KIassenbewußtsein” die Momente aufzufinden, die einen zu Ende gedachten Lukacs in die Nähe des Stalinismus bringen sollten. Das fällt mir schwer zunächst angesichts der Politik Lukacs’ in dieser Zeit, wo er im Kampf gegen das Sektierertum der Bela Kun-Fraktion, gegen die Bürokratisierung der KPU stand; in seinem Beitrag zu dem von Rudas herausgegebenen Band gegen Bela Kun hat er schon 1922 so etwas wie eine Phänomenologie des stalinistischen Parteitypus geliefert (19). Auch die späteren Blum-Thesen stehen in dieser Linie. Dann aber würde ich auch in systematischer Hinsicht nur mit großem Vorbehalt von Objektivismus reden. Lukacs wendet sich gegen den Objektivismus der Zweiten Internationale, gegen das Bernsteinsche “friedliche Hineinwachsen in den Sozialismus”, zugleich gegen die opportunistische, menschewisierende Rücksichtsnahme auf “objektive Tatsachen”, gegen die Hinnahme der Tatsache, daß der revolutionäre Prozess zum Stillstand gekommen ist (dieselbe “Tatsache”, von der das Konzept zum “Aufbau des Sozialismus in einem Lande” ausgeht). An diesem Punkt setzt in Lukacs’ Strategie der Subjektivismus in Gestalt der Klassenbewußtseinstheorie ein, und zwar in eigenartiger Koppelung mit einem ökonomischen Luxemburgismus: der wirtschaftliche Zusammenbruch des Kapitalismus ist da, jetzt zerbricht die Naturgesetzlichkeit der “Vorgeschichte”, Geschichte kann endlich, im Marxschen Verstande, als bewußtes Produkt von den emanzipierten Menschen gemacht werden. Bloß ist es mit dem Marxschen Ansatz nicht sehr weit her, denn wer die Geschichte bewußt macht, sind ja nicht leibhaftige Menschen, sondern die Partei als Gestalt des idealtypisch konstruierten Klassenbewußtseins. Zwar soll die Revolution freie Tathandlung des Proletariats sein, aber sie ist letzten Endes unausweichliches Resultat der geschichtsphilosophischen Dialektik des Klassenbewußtseins. Denn die Alternative zur Revolution, die Barbarei, ist in “Geschichte und Klassenbewußtsein” kaum etwas mehr als rhetorisches Abschreckungsmittel. Von Objektivismus würde ich also nur reden in dem Sinne, daß Kontingenz aus der Geschichte ausgemerzt ist, daß – wie Habermas (20) erkannt hat – objektive Möglichkeit so viel bedeutet wie historische Notwendigkeit.

S c h m i d t: Und zwar hier und jetzt. Nicht etwa in der Perspektive, sondern in dieser Unmittelbarkeit.

C l a u s s e n: Man kann diese Frage aktualisieren, indem man sich das unterschiedliche Verhältnis der Rolle der Avantgardeorganisation in der Emanzipation des Proletariats vergegenwärtigt. Die Rolle der bolschewistischen Partei ist von Lenin klar bestimmt durch den objektiven Geschichtsverlauf in Rußland: Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland muß zwangsläufig in Konflikt geraten mit den zurückgebliebenen Verkehrs- und Herrschaftsformen der Autokratie: da die bürgerliche Klasse zu schwach ist, die bürgerliche Revolution durchzuführen, muß man die bürgerliche Revolution, die zum Sturz des Zarismus führt, in eine proletarische transformieren, wenn auch nur die unmittelbaren Bedürfnisse der revolutionären Massen befriedigt werden sollen (21). Die Avantgardeorganisation, die revolutionäre Partei, hat die Aufgabe, die Arbeiterklasse über ihre Rolle aufzuklären, ihre Aktionen zu unterstützen und zu führen, damit sie befähigt wird, die bürgerliche Demokratie in den Sozialismus zu transformieren. Bei Rosa Luxemburg steht nicht mehr die Dialektik von bürgerlicher und proletarischer Revolution im Vordergrund, sondern eher die von Reform und Revolution. Zweifellos ist für Luxemburg die ökonomische Entwicklung des Kapitalismus objektiv bestimmt, die politische Entwicklungs-tendenz ist weitaus unbestimmter geworden. Nicht die organisatorische Spaltung in zwei Organisationen mit verschiedenen revolutionären Strategien, sondern das Verhältnis der Massen zu ihren Organisationen hat Priorität für Rosa Luxemburg. Spontaneität bedeutet für Luxemburg ein emanzipatives Moment nicht nur gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch gegen die Verdinglichung der Organisation. Die Erziehung der Massen liegt für Rosa Luxemburg hauptsächlich im Kampf, in den Niederlagen und der Ausübung revolutionärer Herrschaft (22). Die Situation von 1917 bis 1923, gegen deren Ende Lukacs’ “Geschichte und Klassenbewußtsein” erschien, wurde nach seinen eigenen Worten durch die “Aktualität der Revolution” und die “ideologische Krise des Proletariats” gekennzeichnet. Da aber zu diesem Zeitpunkt objektiv eine scharfe politische Spaltung der Arbeiterklasse in kommunistische und sozialdemokratische Partei bestand, blieb Lukacs in “Methodisches zur Organisationsfrage” keine andere Möglichkeit, die Frage von Selbsterziehung und Emanzipation in die für ihn einzig revolutionäre Organisation hineinzuzwingen. Dadurch entsteht das Bedürfnis, einen ebensolchen Begriff der objektiven Notwendigkeit des Geschichtsverlaufs zu bekommen, wie ihn die russische Revolution gehabt hat. Und damit besteht auch wiederum die Rücknahme dieser subjektiv-emanzipatorischen Elemente in einen Objektivismus, der sozusagen die Einheit des Kapitalismus als Weltsystem, von der Begründung des Kapitalismus als System bis heute unverändert unterstellen muß.

S c h m i d t: Ja, das wäre eine Antwort auf die Zweifel von Herrn Cerutti, ob wir hier zu Recht von einer gewissen Affinität selbst des Lukacsschen Buches zum Objektivismus sprechen können, obwohl wir zunächst mit großem Nachdruck hervorgehoben hatten, daß das Verdienst von Lukacs gerade darin bestand, gegen die verschiedenen Spielarten des Objektivismus Subjektivität zu pointieren.

K r a h l: Ja, aber ich meine, da muß man doch noch einmal auf das hinweisen, was Oskar Negt gesagt hat. Die geschichtlichen Motivationen, aus denen heraus sich Protestbewegungen in den spätkapitalistischen Industriemetropolen die Emanzipations- und Bewußtseinskategorien aufdrängen, sind ja doch andere als jene geschichtlichen Motivationen, die sich Lukacs in “Geschichte und Klassen–bewußtsein” aufdrängten. Diese bildeten sich doch bei Lukacs heraus im kontinuierlichen Zusammenhang der Revisionismusauseinandersetzung, wie sie in der Zweiten Internationale aufgebrochen ist, und geht gegen den Verding-lichungsprozess in der Zweiten Internationale, der, wenn man so will, die kapitalistische Geschichte nicht als zweite Natur begreifen konnte. Während es sich bei uns daraus motiviert, daß aus der Zerschlagung der Arbeiterbewegung im Faschismus, gerade in Deutschland, und aus der Erfahrung der staatsinter-ventionistischen Fähigkeiten des Kapitalismus und den Veränderungen, die sich dadurch – wie akzidentell und substantiell auch immer – in der Krisengeschichte des Kapitals ergeben haben, folgendes Problem auftritt: daß auf einer hochentfalteten zivilisierten Bedürfnisbefriedigung nach wie vor dadurch, daß die Lohnarbeit gezwungen ist, ihre lebenstätige Eigenschaft der Arbeitskraft als Ware von sich abzuspalten, das Bewußtsein der Massen in den Bannkreis der Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse fixiert bleibt. Daß also mit erhöhter Bedürfnisbefriedigung keineswegs das Bewußtsein politischer Sensibilität gegenüber Herrschafts- und Ausbeutungsprozessen zugenommen hat. Diese Fragestellung, wie sie etwa, wenn auch mit kinderkranken Erscheinungsformen – Marcuse aufgenommen hat, bis hin zu biologisch- individuellen Triebtheorien in der Bedürfnisstruktur, verweist auf einen Wandel in der Bedürfnisstruktur und der Bedürfnisbefriedigung. All das sind doch Momente, die in die Emanzipationskategorien von “Geschichte und Klassenbewußtsein” noch nicht eingehen konnten. Sie sind aber zentral für eine Antwort auf die Organisationsgeschichte der Zweiten Internationale einerseits und – worauf Negt auch hingewiesen hat – auf den Erfolgscharakter des Leninschen Parteitypus, der mit der einzigen gelungenen Revolution identifiziert wurde, nämlich der Oktoberrevolution. Sie sind nicht primär Reaktionen auf eine veränderte Struktur sowohl in der Bedürfnisbefriedigung wie in der Produktionsweise, wie sie sich in der Transformation des Konkurrenz- zum Monopolkapital begeben hat, und wie sich uns aus den Erfahrungen des Faschismus heraus aufgedrängt haben.

S c h m i d t: Was ich vorhin so formulierte, daß bei Lukacs der imperialistische Weltkrieg und einige neue Phänomene des Kapitalismus mehr in ihrer politischen Dimension als in ihrer spezifisch ökonomischen in den Blick kommen. Es ist kein Zufall, daß er den ersten Band des “Kapitals”, das “Marxsche System”, wie sozialdemokratische Theoretiker sich ausgedrückt haben, einfach als solches stehen läßt. Und das ist ein Leiden auch der Frankfurter Schule gewesen. Adorno hat nicht selten die ökonomische Theorie repetiert und hinzugefügt, daß sie heute nicht mehr stimmt. Die Theorie wurde von uns allen als gültig unterstellt, stets haben wir gesagt: es ist nicht mehr so, aber was das an Modifikationen des Gesamtansatzes einschließen würde, das ist bis heute – trotz Mandel – noch immer nicht klar. Deshalb habe ich unlängst auch Mandel nicht beipflichten können, als er sagte: das System haben wir ja, jetzt kommt es auf die Anwendung an. Ich könnte mir den Fall seiner “Anwendung” denken, die es in Wahrheit selbst in Frage stellt. Wahrscheinlich müssen wir auch ökonomisch neue Kategorien entwickeln, die über das bloß Sozialpsycho- logische, wie es bei Marcuse entwickelt wird, hinausreichen. Daher unser Versuch, Ökonomie neu zu begründen.

K r a h l: Durch diese Veränderung im objektiv ökonomischen Krisenprozess durch Staatsinterventionismus wie durch den kapitalistischen Fortschritt in der Bedürfnisbefriedigung, bei gleichzeitiger Elimination von emanzipativen Bedürfnissen, drängt sich natürlich von vornherein die Umsetzungsproblematik auf: nämlich das Problem der Bildung von revolutionärem KIassenbewußtsein, die politische Erziehung der Arbeiterklasse. Da gibt es bei Lukacs keine Ansatz-punkte. Man muß beinahe sagen, die Umsetzungsproblematik taucht überhaupt nicht als Problem auf. (Schmidt: Das Subjekt der Geschichte ist ihm verbürgt.) Es ist vorausgesetzt, genau.(Schmidt: Und das macht den Objektivitätscharakter aus!) (Cerutti: Genau!)

C l a u s s e n: Ich wollte nur darauf hinweisen, daß die Eliminierung gerade der emanzipatorisch eingeführten Begriffe bei Lukacs besonders im Begriff der Methode vollzogen wird, natürlich auch in seinem Verständnis von Theorie. Die emanzipatorischen Momente werden wirklich zu bloßen Momenten dadurch, daß die kapitalistische Gesellschaft immer schon als kritisiert vorausgesetzt wird. Der Emanzipationsgehalt der “Kritik der politischen Ökonomie” läßt sich nicht mehr aktualisieren.

K r a h l: Die “Kritik der politischen Ökonomie” ist geschrieben und das Proletariat steht, . . . das ist apriori … (Schmidt: Gewehr bei Fuß.)

N e g t: Furio Cerutti hat, als er Wilhelm Reich erwähnte, auf das hingewiesen, was bei Lukacs gänzlich fehlt: nämlich eine Reflexion auf die Veränderung der realen Bedürfnisstrukturen und der politischen Interessen der Proletarier. Das ist nicht zufällig. Untersucht man den Begriff der Bedürfnisse bei Lukacs genauer, so wird man feststellen können, daß es sich um einen unhistorischen, naturalisti-schen Bedürfnisbegriff handelt. Lukacs hat auf Grund der Einschränkung seines Kategorienapparates nichts zu der Erkenntnis beizutragen, daß der Kapitalismus imstande sein kann, nicht nur einen erheblichen Teil der revolutionären Energien des Proletariats in faschistische Entwicklungen abzudrängen und dadurch zu deformieren, sondern auch, was vor allem nach dem Zusammenbruch der faschistischen Gesellschaftsordnungen von Bedeutung war, die Arbeiter auf einem Niveau der Bedürfnisbefriedigung zu halten, das die Bildung von Klassenbewußtsein zusätzlich erschwert. Lukacs ist nicht der Vorwurf zu machen, daß er die Möglichkeit faschistischer Tendenzen im Innern der proletarischen Massen nicht gesehen hat, sondern daß sich in seiner Theorie keine Kategorien für die kritische Verarbeitung dieser Erfahrungszusammenhänge finden. Es war nun gerade Wilhelm Reich, der bereits Ende der zwanziger Jahre in dem substanzialisierten Begriff von Klassenbewußtsein und historischer Mission des Proletariats theoretisch aufdeckte, was in den katastrophalen Niederlagen der Arbeiterbewegung (schon der Sieg Mussolinis ist vom offiziellen Marxismus-Leninismus nicht ernst genommen worden, jedenfalls hatte er keine Konsequenzen für die Gesellschaftstheorie) blutige Realität wurde. Reich sah sehr deutlich den illusionären und politisch folgenreichen Zusammenhang zwischen dem Klassenbewußtsein, das die Parteien, die kommunistischen ebenso wie die sozialdemokratischen, zu verkörpern beanspruchten, und dem tatsächlichen Verhalten der Proletarier. Die Hilflosigkeit dieser Parteien und Massenorganisa- tionen gegenüber dem Phänomen des Faschismus hat die von Reich gegebene kritische Analyse der ambivalenten Bedürfnisstrukturen der Proletarier vollkommen bestätigt.

K r a h l: Eine materiell-empirische subjektive Dimension, die bei Lukacs ausfällt, allerdings bei Reich zum Teil in der vulgärmarxistisch begriffenen Sexualökonomie bei ihm selber wiederum empiristisch auch reduziert ist.

N e g t: Diese empiristische Verengung trifft zweifellos zu. Ich beziehe mich hier nur auf die frühen Arbeiten, insbesondere auf die “Massenpsychologie des Faschismus” und “Was ist Klassenbewußtsein”. Es mag heute notwendig sein, den Reichschen Ansatz einer methodologischen Kritik zu unterziehen, aber es bleibt sein großes Verdienst, als erster die komplexen Bedürfnisstrukturen des Proletariats aufgedeckt und ihre Folgen für den politischen Klassenkampf zur Diskussion gestellt zu haben. Denn wer von den Marxisten, die sich mit ihrer Orthodoxie nicht genug tun konnten, hat schon gesehen, daß Sexual- hemmungen Angst erzeugen, Angst auch vor revolutionären Veränderungen? Daß die bürgerliche Familienstruktur im Proletariat in bestimmter Weise fortexistierte und autoritäre Einstellungen erzeugte, die in der Regel der Anpassung an die bestehenden Verhältnisse zugute kamen? Während Lukacs darin im Grunde nur das Problem sieht, daß die Proletarier eben ihre Klassenlage noch nicht adäquat erfaßt haben, weist Reich nach, daß das tragende Element ihres Handelns keineswegs lediglich eine unklare, undurchschaute Antizipation des Klassenbewußtseins ist, sondern daß in der Struktur ihres Bewußtseins wie ihrer psychischen Energien die Möglichkeit einer reaktionären Umfunktionierung der revolutionären Interessen und Bedürfnissen schon mitenthalten ist. Was Wilhelm Reich – um das abkürzend zu sagen – in der Analyse des Faschismus wie in der Kritik der Vernachlässigung der Politisierung der Alltagsinteressen und Bedürfnissen geleistet hat – man denke etwa auch an die recht provokative These, daß einzelne Fraktionen innerhalb der faschistischen Bewegung, wie zum Beispiel die SA, ursprünglich ein stark proletarisches Element repräsentierten und revolutionäre Energien, wenn auch nur in einer linksfaschistisch deformierten Form, binden konnten – alle diese Einsichten sind für eine Theorie der Arbeiterbewegung unter den Bedingungen spätkapitalistischer Herrschaftssysteme von großer Bedeutung. Das konkrete, historisch wechselnde Verhältnis zwischen dem Klassenbewußtsein, wie es Lukacs als Totalitätsbewußtsein und als objektive Möglichkeit begreift, und jener materiell konkretisierten subjektiven Dimension der Bedürfnisse und Interessen handelnder Subjekte, von der Reich spricht, ist meines Erachtens ein Zentralproblem der politischen Ökonomie als Theorie der Revolution. Die systematische Neubestimmung dieses dialektischen Verhältnisses ist eine aktuelle Forderung an die Theorie der Neuen Linken.

K r a h l: Die materielle, naturale Bindung des Bedürfnisbegriffs haben Marx und Engels nicht aufgegeben.

S c h m i d t: Ja, aber sie haben sie doch relativ gering veranschlagt in ihrer geschichtsbildenden Bedeutung. Der Schritt über Feuerbach hinaus ist zu rasch erfolgt. In diesem Punkt ist wirklich etwas nachzutragen.

N e g t: Was sich auf der empirisch-analytischen Ebene in der Abwehr Feuerbachs und anderer zeigte, ist auf der politischen Ebene die Auseinandersetzung mit dem Anarchismus. (Krahl: eben!) Der Anarchismus repräsentiert auch eine bestimmte Dimension von subjektiven Ansprüchen an die Gesellschaft, auch Bedürfnisansprüchen. Das bedeutet: Die Abwehr dieser materiell-naturalen Sinnlichkeitsmomente im Bedürfnisbegriff läuft natürlich darauf hinaus, daß die Bewußtseins- und Organisationsbegriffe auf theoretischer und politisch-praktischer Ebene – und das hängt dann zusammen mit bürgerlichen Momenten im Wissenscharakterbegriff – von rechtsformalen Ideologisierungen der abstrakten Arbeit affiziert werden. Das ist auch bei Lukacs auf einer bestimmten Ebene der Fall. Wir haben natürlich einen Punkt noch nicht genügend behandelt. Ich meine, ob die spätere Entwicklung von Lukacs ein Bruch ist, ein Persönlichkeitsbruch und ein theoretischer Bruch. Es sieht ja so aus, daß es eben kein wirklicher Bruch in seiner Entwicklung zur stalinistischen Phase ist.

K r a h l: Man kann sagen, daß mit den Kategorien der Psychoanalyse eine Konkretion des Bedürfnisbegriffs und der Emanzipations-und Reproduktions-potenzen, die Marx in diese Begriffe hineingelegt hat, im Sinne einer materiellen Subjektivität möglich ist, die Lukacs’ Totalitätsbegriff, so wie wir ihn hier diskutiert haben, natürlich ausschließt; man kann beinahe sagen: es sind noch idealistische Momente einer psychologia rationalis in seinem Bewusstseins- begriff enthalten.

S c h m i d t: Was sich ja schon auf einer frühen Stufe des Marxismus darin abzeichnet, daß Marx und Engels dem Feuerbachschen Sensualismus mit seinem triebdynamischen Element allzu rasch den Rücken gekehrt haben, zugunsten einer ökonomisch-historischen Analyse. Mit dem berechtigten Hinweis auf die Abstraktheit dessen, was bei Feuerbach “Mensch” heißt, wurden zugleich naturale Bestände der menschlichen Wirklichkeit zu sehr, zu voreilig vielleicht soziologisiert. Was sich in den letzten Arbeiten von Marcuse als “natürliches” Bedürfnis anmeldet in zunächst befremdlichen Formulierungen wie “biologische” Grundlage des Sozialismus, “neue Sensibilität”, spielt darauf an. Die Unterschätzung des Naturalen datiert schon weit zurück, und es ist kein Zufall, daß auf einer späteren Stufe des Kapitalismus wie der marxistischen Bewegung dieses psychisch-materielle Element wieder durchbrechen mußte. Es konnte praktisch und theoretisch nicht länger drunten gehalten werden.

S c h m i d t: Das kann man an seiner Kunsttheorie natürlich besser nachweisen, worin er eigentlich immer einem klassizistischen Schönheitsideal verhaftet blieb, was sich ja gut mit den Ansprüchen einer stalinistischen Kunstpolitik versöhnen ließ. Auf diesem Gebiet ist die Kontinuität viel deutlicher als etwa auf dem der Philosophie.

K r a h l: Das aber im Anfang (Claussen: von der Zweiten Internationale zur Dritten, das ist eine Einheit) ja, diese Fixierung an den bildungsbürgerlichen Neuhumanismus und Klassizismus ist bei Lukacs ab ovo angelegt gewesen. Er hat zum Beispiel – das kann diesen Zusammenhang anekdotisch sehr gut illustrieren – als er Volksbeauftragter für Kultur in der ungarischen Räteregierung war, während der Hungersnot und Revolutionsperiode große Plakate anschlagen lassen, auf denen dem Sinn nach stand: auf den Theatern sind sozialistische Stücke zu spielen, falls das Repertoire daran erschöpft ist, ist auf klassische zurückzugreifen. Das zeigt, Karikaturistisch verzerrt, den ganzen bildungsbürgerlichen Lukacs.

S c h m i d t: Ich dachte an tragende ästhetische Kategorien wie “das Typische”, “Einheit des Besonderen und Allgemeinen”, die bei Lukacs auf die deutsche Klassik, Goethe zumal, zurückgehen. Es handelt sich hier mehr um einen terminologischen Wandel als um einen sachlichen. Auch die “Sinnesimmanenz” aus der frühen Romantheorie: die These, daß die objektive Welt in sich sinnvoll ist, klingt traditionell metaphysisch. Nihilistisch angekränkelt war Herr Lukacs zeit seines Lebens nicht. Wen die bürgerliche Kultur, auch in ihren besten Resultaten, nicht einmal angewidert hat, der weiß freilich auch nicht, was sie ist. Die spezifische Moderne hat Lukacs geistig kaum erfahren.

K r a h l: Aber das könnte man doch auch systematischer sagen. Wir haben am Anfang gesagt, daß Lukacs’ “Geschichte und Klassenbewußtsein” eine kritisch-spekulative Verarbeitung der revolutionären Gegenwartsgeschichte darstellt. Dieses spekulative Begreifen der revolutionären Gegenwarts- geschichte ist aber zugleich mit der Ambivalenz behaftet, daß in diesem spekulativen Abstraktionsprozess die konkrete Geschichte auch zum Teil verdunstet. Es ist die schlechte Apriorität, mit der die Kategorien der Organisa-tion und des Klassenbewußtseins ausgezeichnet sind. Und ich glaube, daß sich dieses spekulative Begreifen auch beim späten Lukacs, auf einer bestimmten Ebene, dort nämlich, wo es um das Begreifen der konkreten Geschichte geht, findet. Die Kategorie des Alltagslebens, die er phänomenologisch in seine Ästhetik eingeführt hat, ist eine ontologische Kategorie und auch die Kategorie von Geschichte, so wie er sie jetzt diskutiert (geradezu mittels Nicolai Hartmannscher Kategorien), ist eine Kategorie, die dispensiert von einer konkreten Kritik an der gesellschaftlichen Realität in den von der Sowjetunion repräsentierten sozialistischen Ländern. Es wird die Frage von Entfremdung und Alltagsleben unter Abstraktion von den verschiedenen Gesellschaftsformationen, die heute miteinander koexistieren, abgelenkt.

S c h m i d t: Daß eine solche Diskussion den Reichtum des Lukacsschen Werkes nicht ersetzen kann, bedarf keiner Erwähnung. Lukacs selbst und einige der wichtigsten Dokumente werden in den Band aufgenommen. Dieser enthält Stellungnahmen zu “Geschichte und Klassenbewußtsein”, die sowohl politisch als auch für seinen jetzigen philosophischen Standort wichtig sind. Zu verweisen wäre auch darauf, daß Lukacs inzwischen versucht hat, einige der hier aufgetretenen kritischen Ansätze zu berücksichtigen.

C e r u t t i: Das 1967 geschriebene Vorwort zur Neuausgabe von “Geschichte und Klassenbewußtsein” wäre ein brauchbarer Ansatzpunkt, um das Verhältnis des späten zum frühen Lukacs zu diskutieren. Es kommt darauf an, die richtige Einsicht des heutigen Lukacs in die idealistischen Rückfälle von “Geschichte und Klassenbewußtsein” zu scheiden vom orthodox-leninistischen Ausgang, den seine Selbstkritik seit den dreissiger Jahren genommen hat. Man müsste also zeigen, wie der dialektische Ansatz der materialistischen Theorie in “Geschichte und Klassenbewußtsein” unterdrückt wird in der späteren Entwicklung zu einem real-ontologischen System; eine Entwicklung, die mit der Übernahme der Leninschen Widerspiegelungstheorie beginnt. Das braucht uns aber nicht dazu zu zwingen, das pauschale Verdammungsurteil zu teilen, das etwa Adorno über den “orthodoxen Lukacs” gefällt hat. Da würde ich noch die Frage stellen, ob die literatur- und philosophiehistorischen Schriften, in denen Lukacs die Widerspiegelungstheorie angewandt zu haben meint, tatsächlich in deren Rahmen bleiben. Ich glaube, es klafft einfach ein Mißverhältnis zwischen der historisch-soziologischen Arbeit, die Lukacs geleistet hat, und seiner unentwickelten Erkenntnistheorie, die sich von der übernommenen Abbildtheorie Lenins durch keinen kritischen Beitrag abhebt. Wo Lukacs die Widerspiegelungstheorie, als erster in der Geschichte des Marxismus, nun nicht, wie in “Materialismus und Empiriokritizismus”, an der Naturerkenntnis, sondern am historischen Material entfaltet, ist das Resultat viel dialektischer als Lukacs’ eigenes Selbstverständnis.

Anmerkungen

(1): Georg Lukacs, Geschichte und Klassenbewußtsein, Berlin 1923,S. 122 ff, Neudruck 1967, Verlag de Munter, Amsterdam, S.122ff. (zum Text)

(2): Zur Märzaktion s. vor allem “Spontaneität der Massen, Aktivität der Partei”, in “Die Internationale”, Nr. 6, 3. Jg. (1921), nachgedruckt in Lukacs, “Schriften zur Ideologie und Politik”, Luchterhand-Verlag, Berlin und Neuwied 1967, S. 149. Die späteren Stellungnahmen sind in “Mein Weg zu Marx”, geschrieben 1933, in den zit. Schriften zur Ideologie etc., S. 327, sowie im Vorwort zu Neuausgabe (1967) von “Geschichte und Klassenbewußtsein”, Band 2, der von Luchterhand herausgegebenen Werke, S. 16, enthalten. (zum Text)

(3): Jeno (Eugen) Landler (1875 – 1928), linker Sozialdemokrat, nach 1918 Kommunist, setzte sich für die Verbindung von legaler und illegaler Arbeit im konterrevolutionärem Ungarn der zwanziger Jahre und die Gründung einer linken Arbeiterpartei (MSZMP) unter Kontrolle der illegalen KPU, ein. Die von ihm geprägte Parole der “Republik” setzt sich fort in der Strategie der “demokratischen Diktatur”, die in den Lukacsschen Blum-Thesen von 1928 entwickelt wird. Zu der von ihm geführten Fraktion gehörten außer Lukacs, der in Landler seinen politischen Lehrmeister gesehen hat, noch zwei Rezensenten von “Geschichte und Klassenbewußtsein”: Jozsef Revai und Ladislaus Rudas. Einem Brief von Rudas an Sinowjew zufolge trat er jedoch aus der Landler-Fraktion aus, weil ihm diese verboten haben soll, gegen den “Revisionismus” von “Geschichte und Klassenbewußtsein” offen aufzutreten: was Rudas dann in seinen beiden Rezensionen tat. S. Sinowjews Bericht vor dem V. Komintern-Kongress (1924) im Anhang zu Lukacs “Schriften zur Ideologie zit., S. 720-21. Zu seiner Tätigkeit in der Landler-Fraktion hat sich Lukacs ausführlich geäussert in der Diskussion (1956) über die Blum-Thesen, ebda., S. 763-4. (zum Text)

(4): “Was ist orthodoxer Marxismus?” und “Der Funktionswechsel des historischen Materialismus” wurden während der ungarischen Räterepublik 1919 verfaßt, alle anderen Aufsätze im Wiener Exil: “Klassenbewußtsein und Legalität und Illegalität” im Jahre 1920, die Aufsätze über Rosa Luxemburg im Januar 1921 (“Rosa Luxemburg als Marxist”) bzw. im Januar 1922 (“Kritische Bemerkungen über Rosa Luxemburgs ‘Kritik der russischen Revolution'”). Die beiden theoretisch zentralen Aufsätze (Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats und Methodisches zur Organisationsfrage) wurden eigens für die Buchveröffentlichung im Jahre 1922 geschrieben. Diese Zeittafel müsste im Zusammenhang gesehen werden, sowohl mit den für die revolutionäre Arbeiterbewegung wichtigen Daten als auch mit den politischen Artikeln, die Lukacs als Kommentar zu einzelnen Ereignissen schrieb. (zum Text)

(5): Ich möchte darauf hinweisen, daß zwischen Reformisten und Menschewiki zu differenzieren ist. Die Reformisten beschränken sich auf Reformen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, während die Menschewiki als Revolutionäre sich zentral in der Frage des Zeitpunkts der proletarischen Revolution im nicht-kapitalistischen Rußland von den Bolschewiki unterschieden. Sie wurden deshalb auf eine scheinbar gleiche Position wie die Sozialdemokraten gedrängt, als die proletarische Revolution in Russland auf der Tagesordnung stand, die aber nicht die realen geschichtlichen Differenzen verwischen sollte. (zum Text)

(6): Vgl. hierzu auch “Zur Frage der Bildungsarbeit” in “Jugend-Internationale”, 2. Jg., Heft 7 (1921), nachgedruckt in Lukacs, Schriften zur Ideologie etc., zit., S. 144 (zum Text)

(7): Georg Lukacs, Geschichte und KIassenbewußtsein, S. 317 (zum Text)

(8): Lenin, Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, Werke, Bd. 7, S. 197-430; Luxemburg, Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie, Politische Schriften III, Ffm., 1968, S. 83-105; Lenin, Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, Eine Antwort N. Lenins an Rosa Luxemburg, Werke, Bd. 7, S.480-491 (zum Text)

(9): Rosa Luxemburg, Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, Politische Schriften, Bd.I, Ffm. 1966, S. 135-228 (zum Text)

(10): “Der Roman ist die Form der Epoche der vollendeten Sündhaftigkeit, nach Fichtes Worten … ” (Die Theorie des Romans, Luchterhand-Verlag, 1963, S. 157) (zum Text)

(11): Geschichte und Klassenbewußtsein, S. 165; “Konkreter gesagt: die objektive Wirklichkeit des gesellschaftlichen Seins ist in ihrer Unmittelbarkeit für Proletariat und Bourgeoisie dieselbe.” (zum Text)

(12): Vgl. Lukacs, Geschichte und KIassenbewußtsein, S. 14-15 (zum Text)

(13): Vgl. Georg Lukacs, Geschichte und KIassenbewußtsein, S. 74 15) Vgl. Lukacs, Geschichte und Klassenbewußtsein, S. 57 (zum Text)

(14): Vgl. Lukacs, Geschichte und KIassenbewußtsein, S. 57 (zum Text)

(15): Gemeint ist der Aufsatz “Was ist Klassenbewußtsein? “, den Reich 1934 unter dem Pseudonym Ernst Parell im Verlag für Sexualpolitik veröffentlichte. Nachdruck 1968, Verlag de Munter, Amsterdam, Schwarze Reihe Nr. 4 (zum Text)

(16): Georg Lukacs, Lenin, Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken, Wien 1924, Neuausgabe 1967, Luchterhand-Verlag Neuwied-Berlin (zum Text)

(17): siehe Anmerkung 2 (zum Text)

(18): Krahls Behauptung, Szabo sei der praktisch-politische Lehrer von Lukacs gewesen, stimmt nicht.
Erwin Szabo (1877 – 1919), Bibliothek-Direktor in Budapest, erster ungarischer Herausgeber von Marx und Engels, Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Ungarns, in der er – als abseits stehender Intellektueller – syndikalistische Positionen vertrat; “Welchem Umstand können die Gewerkschaften die wenigen Resultate, die sie erreichen, verdanken? Ihrer wirtschaftlichen Kraft. Und wem verdankt die Partei das bißchen Autorität? Ebenfalls der wirtschaftlichen Kraft der Gewerkschaften. Nicht umgekehrt, nicht die Gewerkschaften der Partei!.. Niemand soll sie bevormunden. Auch die eigene Partei der Arbeiter nicht!” (zitiert aus Zoltan Horvath, Die Jahrhundertwende in Ungarn, Luchterhand-Verlag, 1966). Auf Szabos Humanismus und Sozialidealismus gründet auch seine scharfe Kritik gegen zentralistische Disziplin und Opportunismus in der deutschen und ungarischen Sozialdemokratie. Ihm verdankt Lukacs nicht nur die Vermittlung von Sorel (vgl. das neue Vorwort zu Geschichte und Klassenbewußtsein in Werke, Bd. 2, zit., S. 12), sondern die Aufmerksamkeit auf die problematische Beziehung von Partei und Klasse (vgl. Taktik und Ethik, ebenda, S. 71) und überhaupt auf die ethische Relevanz des Sozialismus. 1917 beteiligte sich Szabo an der von Lukacs betriebenen Gründung der “Freischule der Geisteswissenschaften”, die “die Weltanschauung des neuen Spiritualismus und Idealismus” und “das Pathos der normativen Ethik” verbreiten wollte (vgl. die zit. Arbeit von Horvath, S. 50G). (Anmerkung von Cerutti) (zum Text)

(19): Ladislaus Rudas, Abenteuer- und Liquidatorentum. Die Politik Bela Kuns und die Krise der KPU, Wien 1922. Lukacs Beitrag, Noch einmal Illusionspolitik, ist jetzt (1971) in den zit. Schriften zur Ideologie etc., S. 161-68, zu lesen. (zum Text)

(20): Vgl. Jürgen Habermas, Theorie und Praxis, Luchterhand-Verlag, 1963, S. 323 (zum Text)

(21): Vgl. u, a. Lenin, Werke, Bd. 25: “Vorwärtsschreiten im Rußland des 20. Jahrhunderts, das die Republik und den Demokratismus auf revolutionärem Weg erobert hat, ist unmöglich ohne zum Sozialismus zu schreiten … ” (Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, S. 369.) (zum Text)

(22): “Die proletarischen Massen sozialistisch schulen, das heißt: ihnen Vorträge halten und Flugblätter und Broschüren verbreiten. Nein, die sozialistische Proletarierschule braucht das alles nicht. Sie werden geschult, indem sie zur Tat greifen. ” (Rosa Luxemburg, Unser Programm und die politische Situation, Politische Schriften, Bd. II, Ffm. 1966, S. 200 und vgl. Ordnung herrscht in Berlin,a. a. 0.,S.204 ff.) (zum Text)

 

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