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LiPumas “The Social Life of Financial Derivatives” (6)

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28 Nov , 2017  

Die Totalität (des Marktes) ist für LiPuma nichts weiter als eine ontologisch real-soziale Fiktion, fiktiv, weil sie kontingent und sozial kreiert wird, und real, weil sie indeed reale Weltereignisse begründet. Dabei ist die Performativität nicht auf das Ritual oder gewisse linguistische Ereignis begrenzt, sondern ist in der Reproduktion aller sozialen Formen und Strukturen der Zirkulation in der Ökonomie impliziert. Der Aufstieg der derivativen Logik als das Prinzip der Produktion von Derivaten (basierend auf der Trennung und Neuzusammensetzung von Kapital) bestimmt das generative Schema (Gestaltung von exotischen Derivaten), das die Trader übernehmen, welches wiederum dazu dient, die Derivatmärkte performativ zu reproduzieren. Um die Zirkulation, die Zeitlichkeit der Reproduktion und die Logik der finanziellen Praxis zu begründen, muss man die Kraft des Risikos, der Unsicherheit und der Volatilität im Auge behalten.

Das Ritual eines finanziellen Ereignisses ist performativ erfolgreich, wenn es die Integrität der Form oder Struktur de Märkte reproduziert und damit die Liquidität aufrechterhält, egal welche Volatilität in der Entfaltung der Zirkulation enthalten ist. Das Problem ist hier die Reproduktion der Form einer Form, angesichts der Volatilität und den Risiken/Unsicherheiten einer zukünftigen Volatilität sowie bezüglich der Strategien, die in sie implementiert sind. Die Performativität re-objektiviert die Form der Form, i.e. eine transformierte Form, die ideologisch als Aufrechterhaltung der Integrität und Identität des Marktes erscheint. Insofern die finanzielle Zirkulation alle soziale Formen flüssig macht, müssen diese Formen sich ständig selbst re-objektivieren. Die Vereinheitlichung der Performativität und die Objektivierung führen gemeinsam zu einer Rekonzeptualisierung der Totalität, die von kristallisierten Formen zu solchen führt, die permanent re-objektiviert werden müssen.

Dieser kontinuierliche Prozess der Re-Objektivierung besitzt seine eigenen sozialen Konsequenzen, i.e. die Formierung der Form ist positional, perspektivisch und provisorisch. Ein Derivatmarkt ist provisorisch, insofern seine Finanzierung, seine Agenten und die Liquidität sich ständig verändern; er ist positional, insofern seine Definition als Markt sich auf andere Märkte bezieht, und er ist perspektivisch, insofern seine Integrität von den Positionen der Einzelnen, die sich im finanziellen Raum befinden, abhängig ist. Die objektivierten Formen dienen hier als reale und fiktionale Räume, in denen die Geldströme hervorgebracht wie destabilisiert werden, und zwar mittels der Performativität, die sie re-objektivieren. Es ist zudem erforderlich, dass die Agenten ihren kollektiven Glauben an die Integrität der Form trotz der destabilisierenden Effekte der zirkulatorischen Kräfte beibehalten.

LiPuma betont immer wieder das Problem der Funktionalität der Märkte und des Derivativen. Wenn das Derivative als eine spekulative Wette funktionieren soll, sei sie auf Kapital oder auf eine Sicherheit für einen Kredit bezogen, der die Wette hebelt, dann benötigt man einen energetischen Markt. Das Derivat besitzt nur dann einen Wert, wenn es einen Markt gibt, auf dem es zirkulieren kann. Die Funktionalität des Marktes hängt schließlich von der Bereitschaft der Marktteilnehmer ab, angesichts einer unsicheren Volatilität einen Strom an Liquidität zu produzieren. Der Markt ist eine reale soziale Fiktion, welche die Agenten quasi automatisch durch ihren kollektiven Glauben an ihn produzieren und reproduzieren. Die Vermischung des Realen und des Fiktiven via des kollektiven Glaubens der Akteure sowie das Vertrauen an die funktionierende Totalität zeigt an, dass die Märkte einen performativen Aspekt besitzen. Die Liquidität besteht hier in der Repräsentation des Sozialen auf dem finanziellen Feld, was sich in der Objektivierung der Gegenpartei auf der einen Seite und der Annahme des Risikos auf der anderen Seite des Deals anzeigt.

Kommen wir zu dem, was LiPuma das spekulative Ethos nennt. Dieses ist für ihn ein Konzept, eine Disposition, eine Haltung gegenüber der Welt und ein Maßstab für das Selbstinteresse, das die Marktteilnehmer dazu bewegt, auf die Unsicherheit der Zukunft zu wetten. Die Spekulation mit Derivaten repräsentiert eine neue Art und Weise mit der Unsicherheit umzugehen und erfordert deswegen das spekulative Ethos, mit dem es gelingt, die Spekulation zu bewerten und zu valorisieren. Dies ist die oberflächliche Form einer sozioökonomischen Struktur, in der die Bearbeitung von Risiken als eine notwendige, objektive und nicht-persönliche Anforderung an die Akteure erscheint, mit den herrschenden Konjunkturen zurechtzukommen.

Das spekulative Ethos wird von denjenigen angetrieben, die als Konkurrenten und Unternehmer manchmal sogar kreativ der Unsicherheit begegnen und sie in Risiken transformieren, um Profite zu erzielen. Es erhält seine Logik, Praktikabilität und Kohärenz vom Faktum, dass die Kultur der Finanzialisierung den spekulativen Charakter determiniert, der bewusst und oft enthusiastisch Wetten eingeht, um Kapitalgewinne zu erzielen und symbolisch mehr als nur ein Stern uner vielen zu sein. Für die Trader von Derivaten setzt das spekulative Ethos einen Impuls frei, der all ihre Immersion und Sensibilität in Richtung Markt lenkt. Das Ethos vermittelt zwischen der Spekulation als einem abstrakten Prinzip der derivativen Märkte und der Spekulation als einer praktischen Angelegenheit für die Teilnahme (als eine tauschbare Sensibilität).

Maschinen, Modelle, Gesetze und die Positionen innerhalb der Unternehmen, das heißt die techno-ökonomische Assemblage bestimmen die Maschinen des Tradings und vermitteln die Expressionen der spekulativen Impulse der Trader. Diese Assemblage in ihrer selbstreferenzielle Funktion, die Impulse der Trader zu kanalisieren und zu begrenzen, macht erst die Zentralität des Ethos kenntlich. Die Spekulation mit Derivaten repräsentiert eine neue Art und Weise des Umgangs mit der Unsicherheit, der geradezu nach einem Ethos ruft, um die Spekulation zu bewerten und zu valorisieren.

Ein hohes Level der Spekulation ist stets auf die Profitabilität der Volatilität bezogen, solange die Unsicherheit an den Märkten die Liquidität nicht verdampfen lässt. Die Spekulation fürchtet sich nicht vor einem Gott, sondern vor der Abwesenheit der Käufer, schreibt LiPuma. Die Partizipation der Akteure an Märkten, die Wetten gegeneinander und die Definition von Kompetenz und wettbewerblichem Erfolg, der mit dem quantifizierbaren Maß Geld gemessen werden kann, all das überdeterminiert das, was LiPuma das spekulative Ethos nennt.

Das Konzept Ethos bezieht sich zudem auf Sensibilitäten und Dispositionen, die tief in die Personen eingelassen sind, ja definitiv Teil ihres Seins und ihrer Verhaltensweisen sind, dass sie schließlich untrennbar von diesem Sein sind. Das Ethos ruft keineswegs in einer mechanistischen Manier ein bestimmtes Verhalten hervor, vielmehr ist es eine kollektiv gehaltene und kollektiv zirkulierende Einstellung, die auf ökonomische Aktionen drängt, die einen gravitationalen Druck auf die Agenten ausüben, die aber auch immer der Gegenstand von diversen Einflüssen bleiben. Das spekulative Ethos ist gewissermaßen auch ein Lifestyle, der ganz bestimmte Dispositionen und Eigenschaften zum Ausdruck bringt, um in einer bestimmten Art und Weise agieren zu können, gerade indem er die Beziehung zwischen den Strukturen des finanziellen Feldes und den Möglichkeiten eines Ereignisses vermittelt. Mit der kollektiven Befürwortung verwertet es sich selbst,

Die Spekulation besitzt zwei Signaturen der Zeit, die sich auf das Risiko beziehen: Es gibt eine intra-temporale Dimension, welche das Risiko konsequent der Erzeugung, Bewegung und dem Marketing des Produkts zuordnet, und es gibt eine inter-temporale Dimension, welche die Kontinuität der systemischen Bedingungen sichert, die für die Logistik, die Produktion und die Märkte notwendig sind. Die Spekulation kann in beiden Zeitregistern existieren, die wiederum mit zwei räumlichen Registern korrespondieren: Dem des Risikos, welches das gesamte soziale Leben von der Arbeit bis hin zum Spiel betrifft, und dem des wettbewerblich organisierten Risikos an den Derivatmärkten selbst. Wenn das Risiko also solches eine zentrale Position einnimmt, dann muss es sdas spekulative Ethos geben, dessen Ursprünge bis zu den Anfängen des Kapitalismus und der Erzeugung des relativen Mehrwerts zurückgehen, das aber heute unter der Matrix der Derivatmärkte auf einem völlig anderen Plateau funktioniert.

Die Spekulation mit Derivaten, die auf der Abstraktion der Risiken beruht, repräsentiert ein neues Stadium der Unsicherheit, das nach einem Ethos ruft, der die Spekulation bewertetet und valorisiert: Bis hin zum Punkt, an dem das Risiko als notwendig, objektiv und unpersönlich erscheint. Für die Trader liegt die Spekulation an der Schnittstelle einer Kultur harter Arbeit, mathematisch kalkulierter Risiko- und Rückfluss-Raten, der Kapazität, Derivate nuanciert auszupreisen, und der Bereitschaft, äußerst riskante Risikowetten einzugehen. Die Trader hebeln enorme Pools eines nomadischen, opportunistischen und spekulativen Kapitals. Interessanterweise versteckt sich das spekulative Ethos oft hinter sich selbst, insofern die Annahme von den Derivatmärkten als rational reglementierte und kalkulierende Maschinen weit verbreitet ist, womit vergessen wird, dass der Handel an den Derivatmärkten eine Praktik im elementaren Sinne des Wortes ist. Dabei ist immer ein kollektiver Exzess des Vertrauens mit im Spiel sowie der Glaube der Marktteilnehmer, es ginge bei jeder einzelnen Transaktion um die Möglichkeit ihres Lebens. Bei der Spekulation geht es dagegen eher um ein kollektives als um ein individuelles Verhalten, insofern monetäre Risiken von den Einzelnen nur eingegangen werden, insofern diese voraussetzen, dass andere dies auch tun und dass es stes Gegenparteien gibt, die auf bestimmte Angebote von bestimmten Akteuren eingehen.

Heute werden einerseits die Warenbeziehungen und Reproduktionsbedingungen (Häuser, Gesundheit, Bildung etc.) immer weiter finanzialisiert, andererseits geht es um den Aufstieg der Derivatmärkte und die Formen der Abstraktion, der Logik und der Motivationen, die sie erzeugen. Häuser wurden vor der Finanzkrise von 2008 zu finanziellen Assets transformiert, ja zu Underlyings. Das spekulative Ethos wandelte sich selbst zu einer neuen Klasse von Assets, als die Eigentümer lernten, dass ihre Häuser selbst zu Brücken wurden, die den Status, wie man jetzt ist, in den, wie man zukünftig sein wird, transformierten.

Die Frage ist, warum in einem bestimmten Moment der Geschichte des Kapitalismus das spekulative Ethos Mainstream wurde. Die Subjekte werden hier als die Verkörperung einer self-fulfilling-prophecy vorgestellt, und dies mittels neuer Mittel, die das Subjekt bewerten und valorisieren. Das spekulative Ethos induziert und fördert ständig das Vertrauen in die Märkte. Das spekulative Ethos, das die Trader ausführen, ist das Produkt der Verkörperung eines Feldes, vermerkt LiPuma mit Bourdieu, das heißt der Einführung der Strukturen der Märkte in Strategien und Praktiken. Die Thematik der Spekulation oszilliert andauernd zwischen der statistischen Kalkulation der Wissenschaften, der transzendentalen Eigenschaft einer Species von finanziellen Instrumenten, und einer Regularität, welche die Marktteilnehmer mit ihrer Immersion in den Markt selbst herstellen. Genauso sieht es mit dem Risiko aus, das zunächst als eine statistische Kalkulation erscheint, beispielsweise in einem Portfolio at-risk. Die mathematische Berechnung definiert das Level der Spekulation in einem Portfolio, um die maximalen Kosten bei Verlusten vorherzusagen. Das Risiko ist damit eine wichtige Eigenschaft von bestimmten Finanzinstrumenten. Diese transzendentale Sichtweise besitzt ihre Entsprechung in der Annahme, dass die Finance das Risiko durch formale Gleichungen beherrschen und beziffern könne. Zu denken, dass die quantitative Messung das Spekulative voll umfasst, würde aber bedeuten, vom Modell der Realität zur Realität des Modells zu gleiten.

Eine weitere Dimension des Risikos beinhaltet die kulturellen Market-Maker, die das Risiko als eine immanente Eigenschaft ihrer Praktiken des Tradens annehmen. Dazu benötigen sie adaptive Potenziale, um situationsbedingt das Risiko und das Level der Spekulation in einem sich konstant verändernden Markt zu beherrschen. Die Spekulation als eine kulturelle Form bezieht sich nun auf das Modell der Aktionen der Agenten, insofern eine identifizierbare Regularität beschrieben wird, und auf ein Modell ihres Verhaltens, insofern es die Aktionen der Agenten lenkt und beeinflusst.

Bei Marx ist nicht der Wert, wie LiPuma meint, sondern der in der Arbeitskraft enthaltene Spread eine Arbitrage. Wenn Arbitrage bedeutet, einen Vorteil aus einem simultanen und zugleich differenten Handel , das heißt aus dem Auspreisen derselben Ware zu ziehen, dann folgt daraus, dass der Mehrwert ein Beispiel für eine Wette repräsentiert, die zwei verschiedene Werte hat. Der erste Wert ist der durchschnittlich notwendige soziale Wert, der zweite ist der Surplus, der durch die größere Produktivität einer neuen Innovation erzeugt wird. Der Kapitalist zieht aus dieser Differenz einen Vorteil. Was hier unterstellt wird, ist eine Identität zwischen Produktion und Zirkulation, wobei sich die Arbitrage auf beide bezieht. Allerdings ist heute eine Unterscheidung vorzunehmen, denn der produktionsbezogene Kapitalismus zieht die Arbitrage aus der Arbeitskraft, während der zirkulationsgetriebene Kapitalismus die Arbitrage aus der Objektivierung des abstrakten Risikos zieht.

Für die Finanzmärkte und die Spekulation ist die Beziehung zwischen Temporalität und Volatilität zentral. Hedging ist eine Strategie, welche Risiken kompensiert, indem man eine entgegengesetzte Position zu einer am Markt existierenden Position einnimmt. Das Risiko oder die Spekulation ist der luminöse Bereich, in dem die Märkte und ihre Player die Volatilität und die Zeit in eine kalkulierte Relation von Gewinn und Verlust bringen. Die Spekulation basiert damit auf der Implikation, dass die Kreation einer spezifischen Relation (zwischen einer objektiven, den Erfolg realisierenden Transaktion und den Chancen für Gewinn und Verlust, welche durch Volatilität und Zeit gegeben sind), ausschlaggebend ist, um das monetäre Kalkül zu verstehen.

Dazu ist es notwendig, die semiotische Hierarchie, die in den spekulativen Transaktionen vorhanden ist, zu dekonstruieren. Jede spekulative Wette beginnt mit einem Zeichen oder einer Instanz. Es geht darum, wie die in den Derivaten anwesende Differenz eine Differenz macht. Man kann das Risiko nicht identifizieren und managen, wenn man nur ein singuläres Ereignis betrachtet, vielmehr muss man dafür das Ereignis oder Zeichen typisieren. Um eine Kalkulation vorzunehmen, müssen die Akteure das Zeichen mit Peirce als das „indexicol icon“ eines Typus annehmen. Und die Relation zwischen Zeichen und Typus muss transparent sein, sodass beispielsweise ein currency swap mit einem mathematischen Modell, das für Swaps erzeugt wurde, analysiert werden kann. Zudem benötigt die mathematische Ableitung der Preisbestimmung von Derivaten die Vorstellung von einem effizienten Markt als Totalität. Die Bereitstellung eines geschlossenen, sicheren und effizienten Raumes namens Markt trennt zum Einen die Formen des Risikos von ihren generativen Kontexten, sodass beispielsweise politische Ereignisse, welche die derivativen Preisbewegungen beeinflussen, wie andere marktorientierte Risiken behandelt und mit diesen vermischt werden können. Diese Art der Dekontextualisierung erlaubt es den Akteuren inkommensurable Risiken zu bündeln und auszupreisen, was LiPuma in mehreren Abschnitten als abstraktes Risiko analysiert. Wenn man eine effiziente Totalität voraussetzt, dann lässt sich wohl annehmen, dass alle Instanzen der Preismodelle „indexical icons“ eines Typus sind. Ein Derivat, z.B. ein Währungsswap, kann die projektierte Volatilität auf der Basis dessen typifizieren, dass die zukünftige Volatilität die vergangene Volatilität der im Derivat enthaltenen Relationalität (Bspw. Dollar.Euro) reproduziert. Die Technologie des Risikos basiert auf dem Leverage und der Konvexivität; das Objekt der Spekulation ist die Volatilitätsfuntkion des abstrakten Risikos.

Für LiPuma ist die Logik der Spekulation dreidimensional. Die erste Dimension betrifft die soziale Ontologie, innerhalb derer jede Instanz einen Platz einnimmt, der durch die Totalität gegeben wird. Zum zweiten zeigt diese Logik, dass die Agenten eine Risiko-Position identifizieren können. Die Unsicherheit wird in ein Risiko transformiert und zugleich werden die weltlichen Quellen des Risikos identifiziert und damit kommt es zur Aggregation verschiedener Risiken.

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