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Thomas Nails Magnum Opus “Being and Motion” – eine Sensation in materialistischer Philosophie (1)

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28 Sep , 2020  

Einleitung

Sein Magnum Opus „Being and Motion“ beginnt Thomas Nail mit dem lapidaren Satz “Wir leben im Zeitalter der Bewegung.“ Als Anhaltspunkte dienen für Nail, dass wir unter sozialen Gesichtspunkten heute riesige migrantische Bewegungen haben, die Migranten selbst einen Umfang von einer Milliarde ausmachen, wobei insbesondere der Klimawandel diese Zahl in den nächsten 30 Jahren verdoppeln wird. Im gleichen Atemzug sind eine Reihe von Techniken entstanden, um neue Grenzziehungen zu etablieren, neue Deportationszentren, biometrische Datenerkennungen und so weiter und so fort.

Die Wissenschaften zeigen, dass wir in einer Welt der kontinuierlichen Bewegung leben, wobei auf der makroskopischen Ebene das Universum nicht nur in jede Richtung immer weiter expandiert, sondern das auch immer schneller. Wir leben in einem sich beschleunigenden Universum. Auf der mesoskopischen Ebene zeigt die Entwicklung der nicht-linearen Dynamik, dass selbst die Partikel der klassischen Physik irreversiblen kinetischen und thermodynamischen flows von Energie unterliegen. Und die Chaostheorie zeigt, dass flux, Turbulenz und Bewegung der Energie gegenüber der relativen Stabilität der Körper primär sind. Auf der mikroskopischen Ebene wiederum sind die elementaren Partikel Produkte nicht-lokaler, vibrierender Quantenfelder. Die Stringtheorie und die loop quantum-Theorie sind heute die Kandidaten, um die gravitationale Raumzeit (allgemeine Relativität) und die Theorie der Quantenfelder zu vereinigen. Einkunft besteht zumindest darüber, dass Raum und Zeit ontologisch nicht fundamental, sondern emergente Features von kontinuierlich fluktuierenden Feldern sind.

Als drittes Beispiel erwähnt Nail die Mobilität der Bilder, wobei mit der Popularität des Internets und des Smartphones das Bild nicht nur ubiquitär, sondern auch portabel wurde. Das Smartphone ist die mit 7,2 Milliarden Einheiten am schnellsten wachsende sensorische Technologie ever.

Auch die ontologische Praxis, um die es in Nails Buch hauptsächlich geht, wird zunehmend mobil, insofern sie mit allen möglichen mobilen Ereignissen unserer Zeit verbunden ist. Traditionell wird die Ontologie als die universelle Beschreibung des Seins, wie es in sich selbst ist, verstanden (Sein qua Sein), eine Definition, die heute nicht länger standhält, insofern die mannigfaltigen mobilen und materiellen Bedingungen, welche die ontologische Beschreibung gestaltet und von dieser gestaltet werden, nicht länger ignoriert werden können, und dies geschieht als ontologische Praxis selbst. Die Art, wie wir die Welt beschreiben wird durch den Apparat der Beschreibung mitbestimmt. Ontologien sind damit reale Akte oder Prozesse der Materialisierung, die durch eigene Werkzeuge und Netzwerke der Mobilität zustande kommen. Sie sind keine neutralen Repräsentationen und dies macht sie historisch, praktisch und verbindet sie mit den gegenwärtigen Bedingungen, die sie beschreiben. Die Philosophen vergessen allzu oft zu fragen, welche Medien ihre Praxis unterstützen.

Nails Text, das in zwei Bücher unterteilt ist und von denen wir vor allem das erste Buch hier besprechen, setzt sich zwei Ziele: Zum einen eine neue Ontologie der Bewegung zu kreieren, die auf die zunehmenden mobilen Bedingungen unserer Zeit antwortet, zum anderen dieses neue ontologische Gerüst auf die ontologische materielle Praxis selbst zu beziehen. „Being and Motion“ entwickelt also eine systematische Ontologie der Bewegung, eine Geschichte westlichen Philosophie der Bewegung und die Geschichte ihrer praktischen und materiellen Inskription. Nail spricht dabei von einem kinetischen Paradigma des 21. Jahrhunderts. Es geht ihm um die Beschreibung des Seins der Bewegung und der Bewegung des Seienden. Das Anliegen ist somit zweigefaltet, einerseits die Erstellung eines neuen konzeptuellen und ontologischen frameworks, um das Sein der Bewegung zu beschreiben bzw. um die kinetischen Phänomene, welche die Wissenschaften, das Ästhetische und das Soziale durchziehen, besser erfassen zu können, i.e. eine neue Dimension der Gegenwart aus der Perspektive der Bewegung zu erfinden. Andererseits geht es darum, die kinetische Perspektive auf die Praxis der Ontologie selbst zu wenden. Wenn das Sein in Bewegung ist, dann ist die Praxis der Ontologie auch eine Bewegung und muss in die Analyse einbezogen werden. Dies impliziert die Darstellung der Geschichte der Philosophie der Bewegung, die allerdings nie eine der Bewegung selbst war, sondern eine des Raumes, der Ewigkeit, der Kraft und der Zeit.

Das erste Buch, auf das das wir uns hier konzentrieren, liefert ein konsistentes Set von Konzepten, die eine neue Art und des Weise des Denkens anzeigen, indem sie primäre Fragen des Ontologie ansprechen: Qualität, Quantität, Relation, Modalität, Identität, Einheit, Kausalität, Subjekt etc. Zudem geht es eben um die Geschichte der Ontologie, die bisher kaum als eine Ontologie der Bewegung in Erscheinung trat. Wenn es daraufhin um die Gegenwart geht, dann um den Flux der Dinge und der Daten im 21. Jahrhundert. Die philosophische Deduktion der Bewegung, die Nail anstrebt, ist weder im kantianischen Sinne epistemologisch noch im Heidegerr`schen Sinne existenzial, sondern sie ist kinetisch. Analog ist auch die Vergangenheit kein objektives Set fixierter Ereignisse, sondern sie kann sich aufgrund neuer sozialer und wissenschaftlicher Ereignisse verändern, während es doch keine Ontologie der Zukunft geben kann. Zuletzt ist die Ontologie der Bewegung eine historische, insofern sie keineswegs absolute und unveränderbare Strukturen des Seins entdecken will, sondern eine partikulare historische Emergenz beschreibt, die für die ontologische Praxis selbst konstitutiv ist.

Deshalb muss sich Nail von einem naiven Realismus abwenden, in der die gegenwärtige Vorherrschaft der Bewegung Zugang zum Sein in sich selbst gibt. Vielmehr geht es um einen historischen Realismus der minimalen ontologischen Bedingungen der Emergenz der Gegenwart selbst. Die Methode des Buchs ist deshalb weder naiv realistisch noch relativistisch, sondern kritisch, minimal und historisch realistisch. Zwar wird die aktuelle Realität durch menschliche Strukturen gestaltet, aber diese sind durch andere reale materielle Strukturen bedingt, die ihnen vorausgehen und sie eben bedingen. Die realen Bedingungen, die für die Emergenz des gegenwärtigen Seins notwendig sind, sind zu erfinden.

Wenn das Sein in Bewegung ist, so sind die Beobachtungen, die Deskriptionen und Inskriptionen der ontologischen Praxis transformative und kinetische Aktionen. Die Mysterien der Ontologie können nur durch die ontologische Praxis selbst aufgelöst werden. Die Erfindung der Sprache, des Schreibens und der Buchpresse sind durch reale kinetische Veränderungen entstanden, die aber wiederum nicht unabhängig von den ontologischen Deskriptionen sind, die in sie eingeschrieben wurden. Und wenn die ontologischen BeschreibungenTeil der Realität sind, dann sind die Beschreibungen keine Repräsentationen mehr, sondern kinetische Aspekte oder Dimensionen der Realität.

Das erste wichtige Problem der Ontologie besteht darin, statische Eigenschaften des Seins in sich selbst zu behaupten, die die Menschen durch linguistische, epistemologische oder mathematische Formalismen erkennen. Die Teilung in Dinge, die für uns sind, und in Dinge, die für sich selbst sind, ist das Herz des Problems eines statischen Seins und seiner repräsentativen Affirmation. Der Subjektivismus und die Metaphysik sind deshalb die zwei Seiten desselben Problems. Subjektivistische Philosophien argumentieren, dass der Mensch nur durch diverse linguistische, unbewusste, ökonomische und historische Strukturen Zugang zu den Sensationen der Natur hat, so wie sie eben für uns ist. Wir haben keinen Zugang zu dem, was das Sein in sich selbst ist. Dennoch muss der Subjektivismus eine minimale ontologische Bedingung akzeptieren: Das Sein in sich selbst muss in einer Art und Weise strukturiert sein, dass es die Selbst-Affektion des anthropologischen Subjekts produziert, denn diese ist die Bedingung für die menschliche Erfahrung. Der Subjektivismus fällt damit in eine unkritische Metaphysik zurück.

Metaphysische Positionen argumentieren wiederum, dass Menschen direkten Zugang zur Realität, wie sie in sich selbst ist, besitzen. Hier kann das „für uns selbst“ das in sich selbst erkennen, und kennt damit eine vom Denken unabhängige Realität an, die damit per definitionem getrennt vom Denken bleibt. Aber wenn „das in sich selbst“ durch das Denken erkannt wird, dann fällt die Metaphysik zurück in den Subjektivismus.

Nail hingegen untersucht die ontologische Praxis von dem aus, was das Sein in den Akten der Deskription und der Inskription tut, wobei nun die Ontologie weder statisch noch neutral ist, sondern kinetisch als Aktion oder eine materielle Praxis verstanden werden muss, die wirklich etwas tut. Es handelt sich bei dem Text aber weder um eine Kritik des anthropologischen Konstruktivismus noch um eine Dekonstruktion der Metaphysik, weil es nicht um die Natur des Seins in sich selbst, sondern um die historische Praxis der Deskription selbst geht. Die Ontologie der Bewegung ist strikt historisch und zudem eine regionale Ontologie der Bewegung, obwohl es die größte Region des Seins außer der Zukunft umfasst.

Für die idealistische ontologische Praxis geht es um das Denken des Seins, auf das die Inhalte der ontologischen Beschreibungen und Einschreibungen reduziert werden, ja die Materialität des Seins wird auf das reine Denken des Seins reduziert. Dazu bedarf es aber eines Mediums der Kommunikation zumindest, der graphischen Inskriptionen, die solches Denken mit produziert haben. Andererseits gibt es einen Reduktionismus, der behauptet, dass das Denken einfach ein Produkt der technologischen oder medialen Bedingungen ist, durch die sich die Ontologie selbst ausdrückt. Diese beiden Arten des Reduktionismus operieren unter der metaphysischen Voraussetzung einer Teilung von Natur und Mensch. Die Frage, die dabei entsteht, ist folgende: Verursacht die menschliche Beschreibung der Realität neue Technologien der Inskription (Instrumentalismus), oder sind es die neuen Technologien der Inskription, welche die Deskriptionen bestimmen (Determinismus). Wenn aber die Natur die Bewegung und die Organisation der Materie ist, und die Technologie die menschliche Organisation der Materie ist, dann wird das Problem klar: Wenn die Natur Menschen kreiert, dann sind die Menschen selbst eine Technologie der Natur. Der menschliche Körper wird eine technische Maschine, die durch die Natur im Laufe der wachsenden Entropie kreiert wird, während umgekehrt Menschen eigene Technologien erschaffen. Dies hat beides transformative Effekte auf die Natur und den Menschen und somit werden beide Technologien von Technologien.

Nail setzt deshalb auf ein kinetisches Regime der kollektiven Koordination, Transformation oder Synchronisation und lehnt einfache Kausalitäten ab. Der deskriptive Inhalt und die inskriptive Form sind zwei koordinierte Effekte desselben kinetischen Regimes, das sich in der Geschichte sicherlich verändert. Diese Regime sind weder strikt natürlich, menschlich oder technologisch, sondern eben kinetisch. Das Wort Ontologie kommt aus dem Griechischen und wurde traditionell als das Studium des Seins qua Sein verstanden. Der Logos als etwas, das verändert und arrangiert, gibt aber Gelegenheit, sich einer kinetischen Definition zuzuwenden, einer, die die materielle Aktivität des Selektierens, Arrangierens und Veränderns betont. Die ontologische Praxis ist für Nail eine kinetische Aktivität, die zwei getrennte aber zugleich verbundene Gesten oder kinographische Aktionen herausstellt: Deskription und Inskription. Die Ontologie ist deskriptiv in dem Sinne, dass sie etwas aufliest und etwas aus dem bisherigen graphischen oder materiellen Arrangement bewegt, sie ist inskriptiv, insofern sie ein neues graphisches Arrangement erschafft. Eine ontologische Deskription ist deshalb keine Reflexion oder Repräsentation des Seins in sich selbst im Denken, vielmehr ist sie kreativ und aktiv. Die Deskription ist ein System von Markierungen und Zeichen, die auf einer Oberfläche der Inskription arrangiert sind, letztere ein Prozess des Einschreibens deskriptiver Markierungen und Zeichen auf einer aufzeichnenden Oberfläche. Deskription und Inskription sind zwei Seiten desselben Dings. So wie die Deskription nicht-repräsentativ ist, so ist die Inskription nicht-instrumentell, vielmehr haben inskribierte Oberflächen wie Tablets ihre eigene materiell-kinetische Struktur, die neue Bewegungen in die Welt setzen. Die Ontologie ist damit die graphische Bewegung von Zeichen und Oberflächen, die eine Regime der Bewegung kreieren, eine reale materielle Kreation bzw. eine reale Praxis und Performanz.

Nail teilt seinen Text in zwei Texte, der erste fokussiert die Ontologie der Bewegung, die er „Kinology“ nennt, der zweite fokussiert die deskriptiven und inskriptiven Bewegungen der ontologischen Praxis selbst, was er „Kinography“ nennt.

In der Theorie der Bewegung geht es im wesentlichen um drei Konzepte: Das erste, von dem die anderen beiden Konzepte abhängen, handelt davon, dass das Sein durch flows oder kontinuierliche Bewegungen komponiert wird, die sich miteinander kreuzen und Konfluenzen bilden, um sich schließlich auf sich selbst zurückzuwerfen und Falten zu bilden. Das zweite Konzept handelt deshalb von den Falten, wobei die kontinuierlichen Kreuzungen und Falten eine relative kinetische Stabilität hervorbringen. Die Falten können dann zusammen in einem zirkulatorischen System auftreten, das sie als ein Set von kinetischen Synchronien ordnet und aufrechterhält. Das dritte Konzept handelt also vom Feld der Zirkulation.

Im Zweiten Buch, das wir nur ansatzweise diskutieren, geht es um die Geschichte der Ontologie, die Nail in vier Phasen einteilt (prehistoric, ancient, medieval und modern), denen wiederum vier Konzepte entsprechen (Raum, Ewigkeit, Kraft und Zeit), welche die dominanten Deskriptionen ihrer Zeit werden. Und in diesen Epochen gibt es wiederum bestimmte Technologien der Inskription (Sprache, Schrift, Buch und Typographie), um die Deskriptionen aufzuschreiben. Nail unterteilt weiterhin eine kinetische Theorie des Raums, die durch eine zentripetale Bewegung von der Peripherie zum Zentrum entsteht, eine kinetische Theorie der Ewigkeit, die durch eine zentrifugale Bewegung vom Zentrum zur Peripherie entsteht, eine kinetische Theorie der Kraft, die durch eine Bewegung der Spannung entsteht, und eine kinetische Theorie der Zeit, die durch eine elastische Bewegung entsteht.

Das Sein ist in Bewegung wie auch die ontologische Praxis in Bewegung ist. Bevor Nail zur Theorie der Bewegung selbst kommt, diskutiert er seine Differenzen zur Ontologie des Werdens (Deleuze), zur Bedeutung des philosophischen Realismus und zum historischen Materialismus. Wir kommen hier direkt zu den Problemen eines transzendentalen Realismus, den minimalen ontologischen Bedingungen für die aktuelle Emergenz der historischen Gegenwart. Für Nail handelt es sich hierbei um einen minimalen Realismus. Wenn es eine transzendentale Struktur der aktuellen Ontologie der Bewegung geben kann, dann muss das historische Sein zumindest minimale kinetische Attribute besitzen, die die Bewegung selbst sind. Flow, Falte und Feld. Wenn diese kinetischen Attribute nicht vorhanden sind, dann riskiert man es, einen seltsamen ex nihilo Ursprung der Bewegung selbst anzunehmen. Das Transzendentale ist somit eine minimale reale ontologische Struktur des historischen Seins, als eine wichtige unter vielen Transzendentalien. Aber hierbei handelt es sich nicht einfach um einen simplen anthropologischen oder historischen Konstruktivismus, da das Sein nicht nur jetzt in Bewegung für uns ist, vielmehr war das Sein unter anderen Namen schon immer in Bewegung. Die transzendentalen Bedingungen der ontologischen Praxis selbst als einer kinetischen Praxis wurden bis heute laut Nail nicht verstanden, insofern sie in bestimmten historischen Phasen anderen Gesichtspunkten wie der Zeit untergeordnet wurden. So beschreibt Sloterdijk sein Sphärenbuch als Sein und Raum, Badiou interpretiert Ereignisse als ewige Wahrheiten, für Deleuze ist die Frage des Werdens immer eine Frage der Kräfte und Heidegger führt die ontologische Vorherrschaft der Zeit vor.

Für Nail erfordert jedoch das Verständnis der gegenwärtigen ontologischen Praxis eine kinetische Reinterpretation der historischen transzendentalen Strukturen der Vergangenheit, die in der Gegenwart insistieren. Die verschiedenen historischen historischen Namen für das Sein (Raum, Ewigkeit, Kraft und Zeit) besitzen daher eine bisher verdeckte kinetische Struktur und Dimension. Um diese zu lüften, bedarf es eines methodologischen Tricks. Nur wenn man die Ontologie der Gegenwart versteht, kann man zu einer zukünftigen Ontologie zu gelangen sowie zu einer historischen Ontologie. So sind Vergangenheit und Gegenwart wie zwei Seiten eines Möbius Bandes, eine Seite ist transzendental historisch, insofern sie durch verschiedene frühere Felder der Zirkulation geordnet wird, und eine andere Seite ist transzendental real, insofern alle früheren Felder der Zirkulation Aspekte des ontologischen Frameworks der Gegenwart werden, in diesem Falle der Bewegung. Der transzendentale Realismus erhält daher paradoxe Namen wie historische Ontologie oder ontologische Geschichte. Dem steht die Metaphysik oder der Konstruktivismus entgegen. Die Metaphysik reduziert das Sein zu einer ahistorischen und nicht transzendentalen Deskription qua Sein, während der Konstruktivismus das Sein auf transzendentale Strukturen wie Sprache, Gesellschaft, Denken etc. reduziert. Während die Metaphysik keine transzendentalen Strukturen kennt, gibt es im Konstruktivismus nur anthropologische transzendentale Strukturen. Wie auch immer, in beiden Fällen ist das Sein statisch, entweder als nicht veränderbare Essenz oder als unerreichbares Außen für den Menschen. Für den transzendentalen Realismus, so Nail, gibt es hingegen eine Multiplizität von mutierenden Transzendentalien (anthropologisch und nicht anthropologisch), die jeweils eine reale Dimension der Realität beschreiben.

Kant sollte als erster sowohl die Metaphysik und den Empirismus kritisieren, aber er beschränkte das Transzendentale auf das Bewusstsein und schnitt es damit von der Bewegung, der Materie und dem Sein ab. Der transzendentale Realismus hingegen verfügt über sechs Thesen zum Transzendentalen: 1) Das Transzendentale ist keine Bedingung der Möglichkeit, weil es aktuelle Dinge geben muss, die ein immanentes Feld beschreiben, von dem aus begonnen werden muss. Transzendentale Relationen sind deshalb extrinsisch und nicht intrinsisch. Bevor es Falten gibt, die gemäß ihrer Grade des Flusses in einem Feld angeordnet sind, gibt es kein präexistierendes Feld, das sie ordnet, sondern nur ungeordnete Flows. Mögliche Bedingungen sind deshalb eine idealistische Abstraktion. 2) Das Transzendentale ist keine empirische Bedingung, da dessen Bedingung selbst nicht empirisch sein kann. Ansonsten gäbe es keine Differenz zwischen Bedingung und Bedingtem. 3) Das Transzendentale ist keine universelle Bedingung. Wenn das transzendentale Feld kinetisch und aktuell ist, dann ist es notwendigerweise historisch und kann deshalb nicht universell sein, da noch nicht alle Geschichte zu Ende geführt ist. 4) Das Transzendentale ist keine idealistische oder subjektive Bedingung. Für Kant gibt es nur eine Art des Transzendentalen, das Bewusstsein, aber eine solch anthropologische Proposition kann die historischen und materiellen Bedingungen der Emergenz der transzendentalen Strukturen selbst nicht erklären. Kant fällt in eine ahistorische ex nihilo Kreation eines anthropozentrischen transzendentalen Ego zurück, das seine materielle und nicht-menschliche Emergenz nicht historisieren kann. Postrukturalismus und Poststrukturalismus fallen laut Nail in dieselbe Falle. 5) Das Transzendentale ist eine reale Bedingung. Wenn es keine Unterscheidung zwischen Sein in sich selbst und Sein für sich selbst gibt, dann ist jedes Transzendentale ein realer Anteil, eine Dimension oder lokale Region des Seins selbst. 6) Das Transzendentale ist kinetisch. Wenn eine transzendentale Bedingung die Regeln oder die ordnenden Relationen zwischen empirischen Dingen beschreibt, dann sind die Relationen keine Dinge, sondern im strikten Sinne kinetische Relationen, insofern Bewegung weder ideell noch empirisch ist. Es handelt sich um einen kinetischen Prozess, durch den die Dinge selbst geordnet werden. Die Bewegung der Dinge ist diesen selbst immanent, aber nicht auf sie oder unsere Perzeption von ihnen zu reduzieren. Kinetische Transzendentalien existieren somit nicht apriori, sondern sind emergente materielle Strukturen, Patterns und Zirkulationen, immanent zum kinetischen Prozess, der sie produziert.

Der transzendentale Realismus beschreibt die Strukturen und Prozesse der Bewegung, aber was ist in Bewegung? Es ist die Materie, die in Bewegung ist, und welche Materie in Bewegung ist und ontologisch indeterminiert bleibt, zeigt sich im kinetischen Prozess der Materialisierung. Die ontologische Vorherrschaft der Bewegung zeigt also, dass die Materie selbst ein kinetischer Prozess ist, der auf empirische oder metaphysische Substanzen nicht reduzierbar ist. Nail spricht immer von Materie-in-Bewegung. Dabei ist die Materie kein passives Objekt der ontologischen Repräsentation oder Anschauung, sondern etwas Produziertes und Produzierendes, das durch Bewegung bewirkt wird und dabei die ontologische Praxis selbst inkludiert. Dieser Prozess-Materialismus steht im Gegensatz zu einer empirischen Definition der Materie als eine diskrete, determinierte oder probabilistische Substanz, insofern das Sein in Bewegung ist und damit das substanzielle Sein der Materie (Atome, Partikel, Felder etc.) historisch offen und ein interaktiver Prozess bleibt. Dabei sind die Beschreibungen und Verteilungen der Materie real und immanente Prozesse ihrer Materialisierung, also keine Ideen über die Materie. Materie ist also keine Substanz, sondern ein nicht determinierter kinetischer Prozess, der in und durch kontinuierliche Bewegung erscheint. Diese Thesen beziehen sich auf einen realen historischen Materialismus, in dem die Deskriptionen reale praktische und performative Konstruktionen der Materie-im-Prozess sind. Man weiß längst, dass Materie Quantenfelder in kontinuierlicher Bewegung sind, der historische Name für kontinuierliche Prozesse der Materialisierung. Der Materie mangelt es als fluktuierende und gefaltete topologische Oberflächen an nichts, sondern sie wird in verschiedene Regionen verteilt, in denen der Prozess des Einfaltens und des Entfaltens auftritt. Materie ist ein nicht determinierter und relationaler Prozess. Es gibt keinen atomistischen und diskreten Körper, der nicht intern in Bewegung und im Fluss ist.

Der Prozess-Materialismus erkennt, dass die Materie wie die Quantenfelder nicht auf diskrete und statische Dinge zu reduzieren sind, vielmehr ist die Materie kreativ, instabil und in konstanter Bewegung, sie ist zudem nicht komplett beobachtbar, vorhersehbar oder messbar, und ist daher nicht aktuell im klassischen Sinne. Materie ist zuletzt stochastisch und bewegt sich in emergenten Patterns einer konstanten Konjunktion. Dabei sind die ontologischen Beschreibungen selbst materielle Aktionen, wobei die Materie ein offener Prozess von Bewegung bleibt, in dem organische Materie von anorganischer Materie emergiert.

Im den folgenden Teilen wenden wir uns ausführlich der Theorie der Bewegung mit ihren Komponenten flow, fold und field zu.

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