Thomas Nails „Theory of the OBject“ (2)

Im ersten Kapitel wiederholt Nail noch einmal seine Thesen zu Flow, Materie und Pedesis, wie er sie in seinem Buch „Being and Motion“ entwickelt hat. Im zweiten Kapitel entwickelt er die These, dass Objekts Flows sind, die sich zu stabilen Patterns falten, indem sich etwas vom Flow wegbewegt und zurückkehrt, sich also loopt, und das lässt sich anhand der Zahl und der quantitativen Dimension auch messen. Es geht hier um das Wieviel oder um die Größe der Objekte, die sich in Raum und Zeit befinden. Und dies betrifft nicht nur die natürlichen Zahlen 1,2,3 etc., sondern die grundlegende Struktur der Größe. Für die kinetische Theorie handelt es sich hier um eine emergente Dimension der Realität. Die Quantität eines Objekts hängt davon ab, wie der Flow der Materie kreist und sich wiederholt.

Nail wendet sich in diesem Kontext gegen platonische Positionen, die in der Zahl eine Idee vermuten.i Platon behauptet, dass die in der Sprache liegenden Ideen im Denkprozess
durch die Herrschaft der Zahl überlagert werden. Der Logos wird damit der rechnenden Ratio unterworfen. In seinem Spätwerk geht Platon davon aus, dass alle Ideen letztlich Zahlen seien. Nail hingegen behauptet, dass ohne die Kapazität ein Größe sinnlich wahrzunehmen, es keine Zahl geben kann. Es handelt sich hier um die sinnliche Kapazität Differenzen hinsichtlich der Größe zu erkennen. Alle Objekte besitzen eine Größe, die relativ zu anderen Größen gemessen wird. Es gibt aber keine Größe ohne die qualitative Sensation.

Die Theorie der Größe ist je schon eine Wissenschaft der Messung, die die Existenz von qualitativ und quantitativ differenten Objekten, die gefaltet sind, in der Natur voraussetzt. Natur besteht immer aus oszillierender und vibrierender Materie, die dann, wenn sie hin und her oszilliert, gezählt werden kann, wenn sie sich zu Zyklen oder identischen Intervallen ausformt. Diese Intervalle produzieren eine Größe der Dauer und der Extension. Die Flows der Materie zählen sich jedes mal selbst, wenn sie oszillieren und sind deshalb nicht als exklusive mentale Zustände zu verstehen. Nail vergleicht die Falte, die zum metastabilen Zustand des Objekts führt, mit dem Sturm einer Spirale. Die Falte muss immer als Falten-in-Bewegung verstanden werden, als Wiederholung mit einer Differenz. Alles wiederholt sich, aber immer etwas anders, schreibt Deleuze.

Die Region, in der sich der Flow mit sich selbst bewegt, nennt Nail „Periode“, während der Kreis die Zeit und den Raum benötigt, in dem die Falte zu sich selbst zurückkehrt. Für Nail sind die Objekte nicht streng identisch mit sich selbst, vielmehr sind sie als metastabile Formationen in ihrer Iterationen immer differenziell. Kreise wirken hier eher wie Attraktoren, und zwar als eine Region, in der Bewegungen frequenziell stattfinden. Man denke an den Lorenz-Attraktor, der kein diskreter Block ist, sondern aus Strömen besteht, die sich in der Zeit überlappen. In der Quantenphysik hat man entgegen der gängigen Annahme, dass alle Quantenprozesse zufällig seien, längst entdeckt, dass verschränkte Partikel auch immer wieder zu ihren Ausgangspositionen zurückkehren. Weil Objekte kontinuierlich Bewegungen von außen erhalten und sie auch wieder verlieren, wenn sie durch sie hindurch laufen, besitzen sie keine ganz fixen Perioden.

Wenn ein Kreis die Einheit aller sich überlappenden Kreise in einer Periode reproduziert, dann nennt Nail das eine „Numerierung“. Die Größe ist immer nur eine Größe, die Größen misst, i.e. ein singulärer, aber differenzieller Kreis. Jede Zählung besitzt zumindest drei performative Dimensionen, nämlich das Gezählte, der Zählende und die Zahl. Es gibt hier immer um den Prozess der Multiplikation und des Manifolding; Serien materieller Prozesse des Faltens und und des Unfoldings im Zählen. Die Zählung ist daher immer performativ und nie einfach nur gegeben.

Die Quantitäten und Qualitäten, die alle Objekte besitzen, sind zwei untrennbare Dimensionen derselben Bewegung der Materie. Dabei handelt es sich bei der Qualität um die Periode, in der sich der Flow der Materie selbst affiziert, während die Quantität der Kreis ist, in dem sich der Flow im Loop komplementiert. Die gegenwärtige Physik akzeptiert sowohl den qualitativen Flux der Materie in Quantenfeldern als auch die Quantifizierung dieser Felder auf verschiedenen Levels. Quantität ist der kinetische Kreis der Materie-in-Bewegung und dies als  Einheit bzw. als Eins gedacht.

Bei der Konjunktion handelt es sich um ein Ensemble von Objekten, bei der verschiedene Falten sich zusammen loopen – in einer kompositionellen Fabrik, und dies nennt Nail ein „Ding“, zum Beispiel ein Tisch. Auch Dinge sind metastabile Prozesse, die durch andauernde Bewegungen erzeugt werden, die durch sie hindurchlaufen. Instabile Situationen treten fortwährend und in unzähliger Anzahl insbesondere auf allen Organisationsstufen eines Lebewesens auf, und deshalb ist es unerlässlich, auch hier das Wirken der Quanten zu berücksichtigen.

So sind auch lebende Organismen immer nur relativ stabile Pools oder falten sich in einem kontinuierlichen Flow, wobei sie stets energetischen Transformationen durchlaufen. Ganz ähnlich bezeichnet der Quantenphysiker Görnitz Lebewesen als instabile Systeme.  Görnitz schreibt: „Bei instabilen Systemen, wie es Lebewesen sind, kommt eine weitere Reaktionsmöglichkeit hinzu, bei der eine Energie zwar notwendiger Träger, aber nicht entscheidend für die Reaktion ist. Lebewesen können in spezifischer Weise nicht nur auf energetische Einflüsse reagieren, sondern auch auf Information. Wenn die Information eine Reaktion bewirken kann, die man nicht allein dem Träger zusprechen muss, dann ist diese Information für das betreffende Lebewesen bedeutungsvoll geworden. Sie könnte sogar unabhängig vom jeweiligen Träger erfolgen. Die einlaufenden Signale führen Information mit sich, z. B. über den Ort ihrer Herkunft, ihre Stärke und ihre Frequenz. Diese Informationen lösen durch die speziellen Sinnesorgane, mit denen sie im Lebewesen aufgenommen werden, wiederum spezifische Informationen in den Zielorten aus. Dies alles ist möglich, da die Signale selbst gestaltete Quanteninformation sind.“

Nail fasst dann noch einmal zusammen: Dinge emergieren in kinetischen Prozessen, wobei die Prozesse nicht unabhängig von den Dingen sind: Dabei sind die Prozesse der Konjunktion als additiv zu verstehen, wobei es zu keiner singulären Konjunktion einer Substanz kommt. Metastabile Patterns von Objekten bezeichnet Nail als „Felder“, weil die Patterns sich in Raum und Zeit ausbreiten. Felder sind als fabrizierte Oberflächen mit speziellen Ordnungen und Designs zu verstehen. Die Welt besitzt keine vorgegebenen Strukturen, sondern besteht aus Tendenzen, die zu verschiedenen Ordnungen und ihren Auflösungen führen. Es gibt keinen vorgegebenen Plan im Kosmos und das wird in der Quantentheorie mit Unbestimmtheit bezeichnet. Unbestimmtheit heißt in der Quantentheorie auch, dass es stets etwas Unvorhergesehenes gibt, dass die Ermittlung weiterer Informationen ermöglicht. Wenn Informationen gemessen werden, dann, so Rovelli, muss in der Messung ein Teil der Information irrelevant werden, womit etwas zum Faktum wird, dass es erlaubt neue Informationen zu gewinnen.

Für Nail muss es zudem so etwas wie ein Wissen oder eine Intelligenz in der Natur geben, die sich unter anderem in menschlichen Körpern anordnet, aber nicht nur, insofern die Materie keineswegs  passiv ist, sondern kreativ und aktiv ist, und der menschliche Körper ein Teil von ihr bleibt. Felder sind undulatorisch wie die Wellen eines Ozeans. Während es die Objekte erlauben, dass Materie durch das Cycling persistiert, erlauben es die Felder der Zirkulation den Objekten, dass sie ihre Ordnungen über eine gewisse Zeit beibehalten können. Zirkulatorische Felder sind die Bedingung dafür, dass Objekte metastabile Formationen untereinander eingehen können.

Laruelle hat in seinem Spätwerk versucht eine Non-Theorie der Quantentheorie als Modell zu entwickeln. Laut Laruelle sollte man bei der Quantensuperposition, die eine Relation oder besser eine Uni-lation beinhaltet, zunächst an die Wellenform oder den Rhythmus denken (als zeitliches Pattern), der sich mit den Parametern Zeit, Raum, Frequenz, Amplitude und eben Superpostion charakterisieren lässt. Der Rhythmus integriert die Superposition der Wellen und ihren molekularen Bewegungen, wobei vielfältige Undulationen sich gegenseitig überlagern, durchqueren, absorbieren und ineinander faden können. Man denke etwa an die Wellen am Strand, die keine Entitäten sind, vielmehr handelt es sich hier um Strömungen, die ausgedehnt im Raum fließen. Wenn zwei Wellen sich überlagern oder überlappen, dann ist die Amplitude der daraus entspringenden Welle (die weder eine Synthese der beiden Wellen noch eine »neue« Welle ist) eine kombinierte Amplitude der beiden ersten Wellen, i. e. die Amplitude der zweiten Welle wird zur ersten Welle addiert, und das Resultat ist eine Welle mit kombinierten Amplituden, die Superposition der beiden Wellen.

Im Gegensatz zu Nail geht Laruelle davon aus, dass die Teilung Natur-Wissen keine ontologische, sondern eine epistemologische Teilung ist. Es ist der Begriff als regionaler Bruch oder lokale Störung in der qualitativ homogenen Information, der Ansätze und Wege provoziert, die in Abwesenheit des epistemischen Bruchs unmöglich sind. Der Versuch, die Natur ohne epistemische Teilung allein durch den ontologischen Monismus zu verstehen, ist für Negarastani ein Appell an den Mystizismus. Das bedeutet auch, dass es keine Ontologie des Realen gibt. Für Zizek entsteht das Feld der Ontologie, der positiven Ordnung des Seins, durch die Subtraktion des Realen. Die Ordnung des Seins und das Reale schließen sich gegenseitig aus: Das Reale ist die immanente Blockade des Seins, das die Seinsordnung inkonsistent macht. Für Zizek hat der transzendentale Korrelationismus auf der Ebene der Ontologie recht: Jede „Realität“ ist onto-logisch, und wird transzendent konstituiert durch die symbolische Ordnung.  Das Reale ist eine Lücke in der Ordnung des Seins (Realität) und eine Lücke in der symbolischen Ordnung. In der gängigen transzendentalen Sichtweise gibt es eine Art Reales an sich (wie das kantische Ding an sich),  das dann durch das Subjekt zur Realität geformt oder „konstituiert“ wird, aber aufgrund der Endlichkeit des Subjekts können wir die Wirklichkeit nicht totalisieren, die Wirklichkeit ist irreduzibel inkonsistent.

Das Problem ist hier die implizite Kontinuität der Linie, die von der natürlichen Linie zwischen dem Organismus und seiner Umwelt zu der der symbolischen Ordnung eigenen Bedeutungsstruktur ausgeht. So unterstellt es Zizek der Theorie Barads, In der Natur machen Unterschiede Unterschiede: Es gibt agentielle Schnitte, die eine Differenz zwischen der Reihe der „Ursachen“ und der Reihe der „Wirkungen“ herstellen. Was für Zizek jedoch fehlt, ist ein Kurzschluss zwischen den beiden Reihen von Unterschieden, ein Zeichen, das zur Reihe der „Wirkungen“ sich rückwirkend in die Reihe der „Ursachen“ einschreibt. Angesichts zweier heterogener Serien, zweier Serien von Differenzen, spielt der dunkle Vorläufer von Deleuze die Rolle des Differenzierers der Differenzen. Auf diese Weise setzt er sie kraft seiner eigenen Macht in eine unmittelbare Beziehung zueinander. Er es ist das Objekt = x, dasjenige,das „an seinem Ort fehlt“, da ihm seine eigene Identität fehlt.

Wir kommen darauf zurück.

Das Wissen repräsentiert für Nail die Welt nicht, sondern ist Teil von ihr, indem sie die iterative Koordination von Objekten und ihren Relationen ermöglicht. Das Wissen ist den Objekten immanent und ist Teil ihrer interaktiven Stabilisierung. Darüber hinaus geht es nicht nur darum, dass Wissenspraktiken materielle Folgen haben, sondern dass die Praktiken des Wissens selbst spezifische materielle Engagements sind, die an der (Neu-)Gestaltung der Welt beteiligt sind.

Bewegungen sind indeterminierte Prozesse, wobei der Grad eines Bewegens relativ zur Bewegung eines Feldes ist. Alles bewegt sich in Relation zu anderen Bewegungen, und insofern bezeichnet für Nail „Fluxion“ die relative kinetische Differenz zwischen Objekten, die ihre Ordnung im Feld definieren. Nail erwähnt an dieser Stelle Einsteins spezielle Relativitätstheorie, mit der Einstein zeigt, dass Raum und Zeit zueinander relativ in Bewegung sind. Die Raumzeit ist die Gesamtheit der Vergangenheit und der Zukunft bezogen auf jedes Ereignis, auch das, das weder vergangen noch zukünftig ist, sodass es keinen Zeitpunkt hat, sondern eine Dauer besitzt.  Wenn die Grade der Fluxion ansteigen, dann verlangsamt sich die Zeit oder der Raum zieht sich zusammen, und zwar relativ zu einem gegebenen Feld der Koordination. Jeder Grad des Fluxes determiniert den Grad der Raumzeit und nicht umgekehrt. Die Fluxion ist einfach nur eine Differenz im Grad der Bewegung relativ zum gegebenen Feld, während umgekehrt ein kinetisches Feld der relative immobile Background ist, von dem aus die verschiedenen Fluxionen gemessen werden.

Insofern alle Materie eine Dauer und eine Größe hat, misst sie sich ständig selbst. Die Messung ist ein kinetischer Akt. Dazu benötigt man eine Fluxion des gemessenen Objekts, das heißt die Messung hängt immer auch davon ab, was gemessen wird. Die Messung ist relational zwischen den Objekten und produziert ein Resultat, dass ihre Koordination beschreibt. Das messende Instrument, das Karen Barad zum Beispiel als Apparat beschreibt, muss deshalb ein drittes Objekt sein, das aber in der Messung enthalten ist. Apparate sind keine bloßen Instrumente, etwa ein System von Linsen, die unsere Aufmerksamkeit auf die Objektwelt vergrößern und fokussieren, sondern vielmehr sind sie materiell-diskursive Praktiken, die helfen, die zu untersuchenden Phänomene zu konstituieren. Außerdem erkennen Apparate nicht einfach Unterschiede, die bereits vorhanden sind, sondern sie tragen zur Produktion und Rekonfiguration von Differenz bei.

Die Bildung einer Ganzheit und deren Existenz werden in der Quantenphysik mit dem Begriff der Verschränkung“ gekennzeichnet. Wird dann diese Ganzheit durch einen Eingriff – eine Messung – in Teile zerlegt wird, so werden die Eigenschaften dieser Teile bzw. ihre Zustände miteinander korreliert sein, da sie zuvor eine Einheit gebildet hatten. Mit ihr soll ein faktischer Zustand eines Quantensystems erhalten werden. Der Begriff der Messung wird oft ausschließlich assoziiert mit Geräten und Apparaten. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass damit auch gemeint sein kann, dass eine Fülle von quantischen Möglichkeiten durch einen Informationsverlust am betreffenden System in ein Faktum übergeht.

In der Quantentheorie betrifft für Görnitz die determinierte Entwicklung lediglich die Möglichkeiten. Die „Zufälligkeit“ im Rahmen der Quantentheorie ergibt sich in den Fakten, die bei einer Messung am System gefunden werden. Die Schrödinger-Gleichung zeigt, es ist nicht alles möglich, die Möglichkeiten unterliegen in ihrer Entwicklung Gesetzen, andererseits ist auch nicht alles festgelegt, die konkreten Fakten ergeben sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten zufällig. Görnitz schreibt: „Wird allerdings eine Messung vorgenommen, so wird dadurch das Quantensystem gezwungen, aus den Möglichkeiten lediglich diejenigen auszuwählen, die einer sinnvollen Antwort auf die Messanfrage entsprechen. Diese sind dann in der Regel nur noch eine diskrete Auswahl aus dem vorherigen Kontinuum der Möglichkeiten, was dann zum „Quantensprung“ führt. Zugleich wird daran deutlich, dass je nach der gewählten Fragestellung nur bestimmte Antwortzustände als Messergebnis erscheinen können. Da jede Messung eine Handlung ist, ist es evident, dass eine Vertauschung der Reihenfolge verschiedener Messungen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen wird.  Da sich nicht alle Möglichkeiten realisieren lassen und mit dem Messergebnis das System in einen neuen Zustand geraten ist, ergibt sich sofort, dass verschiedene Messungen am gleichen System je nach ihrer Reihenfolge sehr unterschiedliche Resultate liefern werden.

Eine solche „Nichtvertauschbarkeit“ bei der Reihenfolge von Handlungen ist uns aus dem Alltag geläufig. Für die Physiker bedeutete es jedoch eine große Überraschung. Die klassische Physik geht davon aus, dass alles, was gemessen werden kann, im Prinzip auf einmal, also gleichzeitig, gemessen werden könnte. Daher dürfte eine Reihenfolge der Messungen keine Rolle spielen. Die Verwunderung über die „Nichtvertauschbarkeit in der Physik“ beruht also auf dem Missverständnis, eine Messung nicht als Handlung zu begreifen, die auch eine Wirkung auf das Gemessene hinterlässt. Sie erklärt sich aus der falschen Hypothese der klassischen Physik, dass jede Einwirkung im Prinzip beliebig klein gemacht werden könnte.“

Bohrs Argument für die Unbestimmbarkeit von Messwechselwirkungen beruht auf seiner Einsicht, dass Begriffe durch die für ihre Messung erforderlichen Umstände definiert sind. Das heißt, theoretische Begriffe haben keinen ideellen Charakter; sie sind spezifische physikalische Anordnungen. Für Barad müssen sie im Kontext von Phänomenen verstanden werden, die eben nicht bloß das Ergebnis von Laborübungen sind, die von Subjekten getätigt werden, sondern sie sind differenzielle Muster der Materie, die durch komplexe agentielle Intraaktionen einer Vielzahl von materiell-diskursiven Praktiken oder Apparate der körperlichen Produktion hergestellt werden, wobei Apparate nicht nur Beobachtungsinstrumente sind, sondern grenzziehende Praktiken – spezielle materielle (Re)konfigurationen der Welt. Für Bohr bedingen sich Messung und Beschreibung (das Materielle und das Diskursive), und zwar nicht nur im schwachen Sinne des Operationalismus, sondern im Sinne ihrer gegenseitigen ontologsichen und erkenntnistheoretischen Implikation. Dem Diskursiven wird hier ein anderer Status zugeschrieben als bei Nail. Bohr argumentiert, dass Begriffe wie „Position“ und „Impuls“ spezifisch verkörpert sind, und sich gegenseitig ausschließende experimentelle Versuchsanordnungen gleichzeitig angewandt werden müssen, um alle erforderlichen Merkmale der Messinteraktion und der Wechselwirkung zu erzielen.

Wenn die Realität objektiv „da draußen“ ist und wir uns ihr endlos nähern, dann sinobachter nicht Teil dieser Wirklichkeit, sondern stehen irgendwo außerhalb. Innerhalb der verschränkten Einheit eines Phänomens gibt es jedooch a priori keinen eindeutigen Weg, um zwischen der Agentur der Beobachtung und dem beobachteten Objekt zu unterscheiden: Jede solche Unterscheidung hängt von einem kontingenten agentiellen Schnitt innerhalb der Einheit eines Phänomens ab, ein Schnitt, der nicht nur eine „subjektive“ mentale Entscheidung ist,
sondern „konstruiert, agentiell vollzogen, materiell bedingt“ ist. (Barad)

In diesem Kontext stellt Karen Barad fest, dass die Tatsache, dass h (die Plancksche Konstante) im Verhältnis zur Masse großer Objekte klein ist, nicht bedeutet, dass die Erkenntnisse von Bohr nur für mikroskopische Objekte gelten. Es bedeutet vielmehr, dass die Auswirkungen der wesentlichen Diskontinuität für relativ große Objekte weniger sind, aber sie sind nicht gleich Null.  Es gibt keine Beweise für die Annahme, dass die physische Welt in zwei getrennte Bereiche geteilt ist, von denen jeder seine eigenen physikalischen Gesetze hat: einen mikroskopischen Bereich, der den Gesetzen der Quantenphysik unterliegt, und einen makroskopischen Bereich, der den Gesetzen der Newtonschen Physik unterliegt. In der Tat ist die Quantenmechanik die erfolgreichste und genaueste Theorie in der Geschichte der Physik. Sie erklärt Phänomene in einem Bereich von fünfundzwanzig Größenordnungen, von den kleinsten Teilchen der Materie bis hin zu großen Objekten. Die Quantentheorie, so Barad, ergänzt nicht nur die Newtonsche Physik, sie ersetzt sie.

Zurück zu Nail. Für Nail ist auch die Beobachtung ein kinetischer Akt, der die Objekte koordiniert, die sie im Feld haben. Jedes Objekt beobachtet andere Objekte im selben Feld, in dem es sie affiziert. Auch der menschliche Beobachter ist als Subjekt in die kinetische Intrakation eingeschlossen. Das deckt sich insofern mit Bohr, als die Unbestimmtheit der Messwechselwirkung von großer Bedeutung ist.  Da es sich bei den Beobachtungen um eine unbestimmbare diskontinuierliche Wechselwirkung handelt, gibt es prinzipiell keinen eindeutigen Weg, zwischen dem „Objekt“ und den „Arten der Beobachtung“ zu unterscheiden. Es gibt keine inhärente cartesianische Subjekt-Objekt-Unterscheidung.

In Zizeks Verständnis der Quantenphysik wiederum ist der Beobachter dem Beobachteten nicht immanent
in dem Sinne, dass er ihm eingeschrieben ist, sondern in dem elementareren Sinne, dass sein Beobachtungsakt konstitutiv für das Beobachtete ist. Außerdem ist dieser Beobachter das Subjekt der Wissenschaft, das Subjekt, für das die Wirklichkeit „flach“ ist, für das es keinen blinden Fleck in der Wirklichkeit gibt, aus dem das Objekt den Blick zurückwirft. Bohrs Lösung für den ontologischen Status der Komplementarität (Welle oder Teilchen) ist, dass das mikroskopische System, das Atom, nicht an und für sich existiert. Wir müssen immer die verschiedenen makroskopischen Versuchsapparate mit einbeziehen, die zur Darstellung der beiden komplementären Aspekte verwendet werden.

Die Quantenrevolution privilegiert innerhalb dwa Wellen-Teilchen-Dualismus die Welle. Sie schlägt zum Beispiel vor, Wellen nicht als Wechselwirkungen zwischen Teilchen zu verstehen und Teilchen als Knotenpunkte in der Wechselwirkung von Wellen. Für die Quantenphysik lassen sich Wellen also nicht auf eine Eigenschaft von etwas, das mit Teilchen geschieht, reduzieren. Dies ist auch der Grund, warum Bohr behauptet, dass Quantenphysik sich mit (Mess-)Phänomenen befasst, nicht mit Dingen, die „hinter“ den Phänomenen stehen: Das gesamte traditionelle Problem der Unterscheidung zwischen Eigenschaften, die zu „Dingen an sich“ gehören, und Eigenschaften, die lediglich aufgrund unseres Wahrnehmungsapparates zu den Dingen zu gehören „scheinen“, wird damit untergraben: diese Unterscheidung zwischen primären und sekundären Eigenschaften macht keinen Sinn mehr, denn die Art und Weise, wie ein Ding „erscheint“, wie es „für den anderen“ ist, ist ihm „an-sich“ eingeschrieben.Die Vorstellung von „objektiven“ Dingen ist subjektiv, von der Wahrnehmung abhängig, während die Wellenschwingungen der Wahrnehmung vorausgehen und daher „objektiver“ si

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