Zu „Debt as Power“ von Robbins/Di Muzio (2)

Da für die Autoren der überwiegende Teil des Geldes der kapitalistischen Ökonomien als kapitalisiertes Geld (Giralgeld), das Zinsen für die Eigentümer und Manager der Banken abwirft, zu gelten hat, bedeutet dies, dass eine Möglichkeit, die Renditen zu steigern, darin besteht, den Pool der Schuldner auszuweiten. Eine der wichtigsten Erfindungen dafür war die Schaffung des Verbrauchers und gleichzeitig die Kreation verschiedener Arten von Konsumentenkrediten – von Kreditkarten bis hin zu Auto- und Eigenheimkrediten. Das Ergebnis war ein dramatischer Anstieg der Verbraucherschulden in den entwickelten Ländern in den letzten Jahrzehnten. Dabei sind einige Faktoren zu beachten.

Die Produktion des Konsumenten durch die Werbung hat sich seit der Kapitalisierung der Werbefirmen nicht nur geographisch erweitert, sondern der Konsument wurde auch über eine Reihe von neuen und traditionellen Medien immer weiter ins Visier genommen und ausdifferenziert. Ein Indiz dafür ist das jährliche Wachstum der Werbeausgaben, die mittlerweile eine halbe Billion Dollar übersteigen – mehr als das BIP von 163 Ländern, die von der Weltbank aufgelistet werden. Diese Ausgaben ermöglichen die Verschuldung als eine Technologie der Macht insofern, als sie darauf ausgelegt sind, neue Formen der Identität und Subjektivierung zu produzieren, die wiederum oft genug den Zugang zu Verbraucherkrediten erfordern. In gewissem Sinne hat die Werbeindustrie mit ihren Smiling Faces den Konsumenten das gleiche Bild des guten Lebens verkauft, das die Befürworter der wirtschaftlichen Entwicklung und die Kreditagenturen den Bürgern und Politikern der Dritten Welt verkauft haben.

Zudem haben sich die Kreditinstrumente für Konsumenten längst globalisiert, wenn die Kredite auch extrem ungleichmäßig verteilt sind. Ein wichtiges Beispiel hierfür ist die Kreditkartenindustrie, die insbesondere die Schwellenländer als einen wichtigen Wachstumsmarkt ansieht, solange eben auch dort das Verbraucherverhalten weiter modifiziert werden kann. Allein in China wuchs der Markt für Kreditkarten im Jahr 2013 um 13 Prozent auf 391 Millionen Karten, und man prognostiziert dort auch heute noch ein starkes Wachstum für Kreditkarten.

Da die Löhne in den entwickelten Volkswirtschaften stagnieren oder fallen, ist auch die Abhängigkeit der Bevölkerung von Verbraucherkrediten weiter gestiegen, um die soziale Reproduktion mit Lebensmitteln, Medikamenten, Strom etc. weiter zu finanzieren. Man könnte aber auch umgekehrt sagen, dass die Konsumentenkredite die Voraussetzung sind, um die Löhne weiter zu senken. Die Weltbank hat festgestellt, dass der Konsum der Haushalte heute etwa 60 Prozent des globalen BIP ausmacht, womit klar sein dürfte, dass ohne schuldenfinanzierte Ausgaben es zu sozialen und ökonomischen Krisen kommen würde.

Wichtig für ein Unternehmen ist, dass Konsumentenkredite den Reingewinn beeinflussen, da solche Kredite eine ex ante Substitution für den vorgelagerten Finanzbedarf der Lohnzahlung des Unternehmens sind. Dies ist so, weil das Unternehmen im Rahmen von Krediten „kostenlos“ Einnahmen aus dem Konsum erhält, die es sonst bei der Lohnzahlung vorfinanzieren müsste.

Weiterhin gibt es eine wachsende Industrie, die sich um die Eintreibung von Schulden bemüht, man denke an Inkassobüros, Schuldnerberatungen Kreditauskunfteien, Subprime-Händler, Pfandhäuser sowie neue Technologien zur Überwachung des Aufenthaltsortes von Schuldnern und zudem neue rechtliche Rahmenbedingungen, einschließlich der Wiedereinführung von Haftstrafen für unbezahlte Schulden.

Der Abbau von Schulden reduziert die Geldmenge. Es gibt viele Experten, die behaupten, dass die globale und nationale Staatsverschuldung zu hoch ist und abgebaut werden muss. Aber das macht es eben für viele Unternehmen und Haushalte auch schwieriger, ihre Schulden zurückzuzahlen, und dies könnte wiederum eine Finanzkrise auslösen.

Der Streit darüber, ob die Staatsausgaben gesenkt oder erhöht werden sollen, ist für die Autoren zudem in den widersprüchlichen Funktionen des Geldes begründet. Auf der einen Seite dient es als Wertaufbewahrungsmittel; folglich beklagen Geldbesitzer die Inflation, weil sie die Kaufkraft) des Geldes reduziert. Auf der anderen Seite dient das Geld auch als Tauschmittel; je mehr Geld (oder Schulden) emittiert werden, desto größer ist die wirtschaftliche Aktivität und desto mehr Waren und Dienstleistungen werden produziert. Die Tatsache, dass Zentralbanken die Kontrolle der Inflation als eines ihr Hauptziele benannt haben, ist ein Hinweis darauf, wer die Zentralbanken kontrolliert, nämlich die Inhaber von zinstragenden Vermögen.

Es gibt eine Hierarchie der Gläubiger, sodass einige ihre Kapitalrendite vor anderen erhalten. Es sind die Gläubiger als Vermögensinhaber, du zudem den stärksten rechtlichen Schutz genießen. Eine ganze Reihe von Rechten wie Vertrags- , Eigentums- oder Konkursrecht dienen dazu, das mit Schulden verbundene Risiko zu schmälern. Diese Hierarchie kann man auch bei Staatsschulden beobachten, man denke etwa an Griechenland, das im Jahr 2012 nicht mehr in der Lage war, seine Staatsschulden zu bedienen, und dies führte zu einer großen Umschuldung. Dank der rund 174,5 Milliarden Euro Rettungsgeldern von anderen Regierungen der Eurozone war Griechenland dann in der Lage, einen Teil seiner Gläubiger zu bezahlen. Aber die Eurozone und der IWF verlangten, dass zuerst die griechischen Anleihegläubiger ausbezahlt wurden, und dass nur das, was übrig blieb, für öffentliche Bedürfnisse wie die Bezahlung von Rentnern oder Lehrern, zu verwenden waren. Es kam zur Streichung von Geldern für Dinge wie Bildung, Wohlfahrt und Gesundheitsdienste. Im Allgemeinen laufen solche Maßnahmen unter dem Begriff „Austerität“. Finanziers, Banker und Politiker rechtfertigen die Sparmaßnahmen mit der Behauptung, dass die verschuldete Regierung oder das verschuldete Land „über seine Verhältnisse lebt“, so als wären alle Mitglieder eines großen Haushalts, der unverantwortlich mehr ausgibt als er einnimmt.

Damit es eine Rendite für investiertes Kapital geben kann, muss es eine Verpflichtung von jemanden geben, einen Betrag zu produzieren, der größer ist als der investierte. Ob die Rendite eine Darlehenszahlung, Miete oder Gewinn ist, sie muss wie alle Schulden, größer als der ursprüngliche Kredit oder Kapitaleinsatz sein. Folglich sollte es nicht überraschen, dass die Ungleichheit mit dem Anstieg der Verschuldung zugenommen hat, und dass, sobald man Rolle der Zinsen in der Wirtschaft versteht, man sehen kann, so die Autoren, dass Schulden im Wesentlichen eine strukturelle regressive Steuer sind, und dies aufgrund der Art und Weise, wie das Geld gegenwärtig ausgegeben wird.

Laut Robbins/Di Muzio muss jede wirtschaftliche Transaktion, sei es der Kauf einer Ware, eine Miet- oder Hypothekenzahlung, eine Mahlzeit in einem Restaurant oder die Zahlung für eine Dienstleistung, Zinsen enthalten, die Schulden von jemandem sind. Auch ein Teil der Einkommens- und der indirekten Steuerzahlungen geht in die Bedienung der Zinsen für die Staatsschulden ein. Ein Teil des Preises von praktisch allem, was wir kaufen, und jede Steuer, die wir zahlen, beinhalten Zinsen für einen Kredit, durch den Geld in die Wirtschaft gepumpt wurde.

Die Frage ist, an wen geht der Zinsanteil des Preises? Der in den Preisen enthaltene Zinsanteil kommt, wenn er umverteilt wird, nicht allen Haushalten zugute und schon gar nicht den schwächeren. Der überwiegende Teil fließt denen zu, die über die meisten zinstragenden Vermögenswerte verfügen. Je reicher man also ist, das heißt, je mehr zinstragendes Sach- und Geldkapital man besitzt, desto größer ist der Anteil, den man aus dem Topf der vereinnahmten Zinsen erhält. Der größte Verlust wird relativ getragen, allerdings von jenen Haushalten, die kein zinstragendes Vermögen besitzen oder zumindest keines, das nennenswert ist. Sie zahlen nur ein, ohne jemals etwas zurückzubekommen.

Die Autoren schreiben, dass etwa 35-40 Prozent von allem was wir kaufen, als Zinsen an Banker, Finanziers und Anleihegläubiger gehen. Das erklärt, wie Reichtum systematisch von der Mehrheit zur Minderheit an der Spitze der Einkommenspyramide übertragen wird. Schulden als eine Technologie der Macht beinhalten, dass Herrschaft durch die Umverteilung von Geld an die bereits Reichen mathematisch in das System einkodiert wird. Folglich haben wir ein schuldenbasiertes Geldsystem konstruiert, aufgeteilt in eine Ökonomie von Netto-Schuldnern und Netto-Gläubigern, wobei letztere höchstens 1-5% der Bevölkerung ausmachen.

Worauf die Autoren so gut wie gar nicht eingehen, ist die Unterscheidung zwischen Krediten einerseits und fiktivem/spekulativem kapital andererseits. Damit wird der der Eindruck vermittelt, es gäbe eigentlich nur zinstragendes Kapital. Sehen wir uns nun die Unterschiede zwischen dem zinstragenden und dem fiktivem Kapital etwas genauer an: Während beim Kredit das verliehene Geld für den Kreditgeber vermittels eines Rechtsanspruchs auf Verzinsung und Tilgung eine zukünftige Geldvermehrung operationalisiert, wird beim fiktiven Kapital ein antizipierter Gewinn als Wertpapier festgeschrieben, das für den Käufer den Rechtsanspruch auf zukünftige Zahlungen enthält und zudem von ihm gehandelt werden kann. Während es im Kredit um die Potenz des Geldes geht, das auch beim Kreditnehmer als ein möglicher Profit fungieren kann, wofür er einen Zins zahlen muss, geht es beim fiktiven Kapital um zukünftige Einkommensströme, die einem Wertpapier entspringen, welches der Investor für eine Geldsumme kauft, zu der sich die erwarteten Erträge, die das Wertpapier abwerfen soll, wie eine Verzinsung verhalten. Die Kreditnehmer treten beim fiktiven Kapital nicht mehr als Schuldner auf, die an Geldmangel leiden, sondern als Emittenten von Wertpapieren – Anleihen -, die wiederum ein sich vermehrendes Vermögen für den Käufer darstellen, i. e. Teilhabe an der Kapitalmacht des Emittenten gewähren. Während ein Schuldner mit dem Kredit die Pflicht auf sich nimmt, Zinsen zu zahlen und Sicherheiten zu hinterlegen, gibt der Emittent/Schuldner eines Wertpapiers das Versprechen, dass die Realisierung des Zahlungsversprechens für den Investor in Zukunft funktionieren wird. Anstatt durch die Kreditvergabe finanzielle Optionen für die Unternehmen bereitzustellen, verschaffen die privaten Banken bei der Verwaltung der Anleihen den von ihnen betreuten Unternehmen, die hier als Emittenten von Wertpapieren fungieren, Zugriff auf Geldmittel, damit sie ihre zukünftigen Projekte und Optionen erweitern können. Die Kreditwürdigkeit mutiert hier zu einer abgesicherten Bedingung, die mit dem Wertpapier gehandelt wird. Investoren wiederum agieren am Kapitalmarkt nicht mehr nur als Gläubiger, sondern als Spekulanten, die Wertpapiere kaufen, um durch den Handel an ihnen zu verdienen. Das Wertpapier fungiert für den Käufer als ein Investment, das heißt als eine Summe Geldkapital, die im Wertpapier vergegenständlicht ist und eben auch weiter verkauft werden kann. Wo der Gläubiger eines Kredits auf pünktliche Zins- und Tilgungszahlungen besteht, da ist beim Wertpapier die Auszahlung von Renditen (und die Rückzahlung der investierten Summe) Teil eines Investments, das anhand bestimmter Kriterien (Zinssätze, Vergleich mit anderen Wertpapieren etc.) auf seine Robustheit als spekulative Kapitalanlage überprüft wird.

Der Kredit hat, was die Zeitlichkeit anbetrifft, die Kreation der Derivate zu antizipieren, die wiederum als eine Absicherung für Kredite dienen, aber auch für die Derivate selbst oder für die Liquidität einer Institution. Die symbiotische Form zwischen Kredit und Derivaten kreiert eine zeitliche Dynamik, wobei die Produktion des Geldes nicht länger mit der Produktion und Zirkulation von Gütern und Dienstleistungen korreliert. Ein das Wachstum der Produktion weit übersteigendes Wachstum des US-Dollars sowie die Tatsache, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes in der Produktion sinkt, deutet auf ein zirkulatives Kapital hin, das sich weitgehend unabhängig von der Produktion bewegt.

Teil 1 hier

Foto: Bernhard Weber

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