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Foraminifederalogie contra Non-Ökonomie. Teil 1: Zwangsarbeit, Nontologie und das Transzendentale

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27 Sep , 2016  

[Facebook-Diskussion zwischen Anna Newspeak und Achim Szepanski]

Anna Newspeak: Vielleicht ist es gerade nontologisch, nicht zu schreiben, da das Nicht-Schreiben am nächsten der Bewegung des Nichts ist. Es bleibt daran zu erinnern, das Derrida zwar großartig die Differenz von Stimme und Schrift zuungunsten der Schrift verfolgt hat, aber heute ist es dennoch so, dass der Neoliberalismus zum Schreiben zwingt. Du musst Schreiben um zu überleben, sonst killt der Markt dich; sonst wird dir gesagt, dass du das Verbrechen des Nicht-Schreibens begangen hast. Du musst schreiben. Du sollst schreiben. Auch wenn es nichts Neues gibt: SCHREIBE! Dabei muss vielleicht noch gegen Derrida heute auch eine andere Differenz analysiert werden – jene zwischen Schreiben und Lesen. Das Schreiben ist dem Lesen übergeordnet. Wer schreibt arbeitet wenigstens noch ein wenig (auch wenn es eine verachtete Arbeit ist), doch wer liest ist das ultimative Verbrechen einer Nicht-Arbeit. Im Lesen “arbeitet” das Nichts noch mehr als im Schreiben. Das Lesen ist die größte Bedrohung der hegemonialen Weltäquivalenzkette. Deshalb gibt es die strukturale Verfügung, gefälligst zu schreiben. Schreiben ist heute Zwangsarbeit (in der noch metaphysischen Ausarbeitung dieser Phantomalität). SCHREIBE!

Achim Szepanski: Aber auch das lesen ist längst Arbeit, oder etwa nicht?

Anna Newspeak: Tja, das ist die Frage. Arbeit oder eher Zwangsarbeit. Apropos “Zwangsarbeit”:

Es gehört zu den extremsten Ergebnissen der negativen Dekonstruktion, dass sie sich auf die Seite der Zwangsarbeit schlagen muss. Zwangsarbeit also für alle? Ist das nicht linker Totalitarismus? Nun, nein. Erinnern wir uns: Schlagen sich nicht alle Totalitarismen – egal, ob Faschismus, Kapitalismus, Sozialismus oder Theologismus – auf die Seite der Arbeit? “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.” Dementsprechend wird die Zwangsarbeit gegen “die Arbeitslosen” eingesetzt, mal in schwächeren, oft in härteren Intensitäten. Doch eine negative Dekonstruktion der Differenz Arbeit/Zwangsarbeit sieht sich damit konfrontiert, von der Zwangsarbeit aus zu operieren. Das hat es niemals gegeben. Noch nicht einmal Derrida ging soweit, der wiederum nur bis zur Trauerarbeit kam. Die Zwangsarbeit ist aber noch viel negativer als die Trauerarbeit. Die Frage lautet also: Negative Dekonstruktion = Arbeitslager für alle? Nein. Zwangsarbeit muss im Sinne einer negativen différance verstanden werden, die immer schon zwangsarbeitet. Die Zwangsarbeit hat immer schon stattgefunden, lange vorm Arbeitslager, lange vor der sozialen Konstruktion der Arbeitslosigkeit, denn es gibt gar keine Arbeitslosigkeit, keine Untätigkeit bzw. heißt das – und dies zu verstehen werden sich alle unendlich schwer tun -, dass das Nichtstun, die Nicht-Arbeit, die Untätigkeit bereits die Zwangsarbeit sind. Nichtstun, Nicht-Arbeit, Untätigkeit – das sind keine unbewegten Dinge, sondern Nichtstun, Nicht-Arbeit bzw. Untätigkeit sind die Bewegung der Zwangsarbeit vor aller Arbeit und sogar noch vor aller Trauerarbeit im Sinne Derridas. Die Zwangsarbeit begründet den Pesipalismus – einen negativen Kapitalismus des Minderwertes, des Kontrafits, der Abitrage, des Nerivats usw.; “Pesipalismus” wird daher das negative Gramma sein, das alle vier Totalitarismen durchkreuzt. Pesipalismus (von lat. pes, Fuß) ist dabei kein reines Negativuum, sondern die Bewegung der Negativität aller Negativität, in der Positives nur abgeleitet vorkommt. War Derrida noch Phantomologe, werde ich nunmehr Pesipalistin gewesen sein. Pesipalismus kann daher auch als eine negativ(er)e Phantomologie des Gespensts verstanden werden, die nicht mehr vom noch positiv-logozentrischen Erbe (Ruf, Rufen, Anrufung, Beruf, Ruf des Genießens etc.) des Kapitalismus zehrt, sondern ihn bereits in all seinen Momenten nekonstruiert, nontologisiert, nichtet. … Wird die Linke, die immer der Strukturaltypus der Zwangsarbeit war (daher all die Erschöpfung, die unendliche Verbreitung der Depression, der Trauer, der Suizidalität) mit dieser neuen Zwangsarbeit mitgehen?

Achim Szepanski: Günther Anders dazu: “Wahrhaftig, angst und bange kann einem werden, wenn man es sich klarmacht, daß auch jetzt, in diesem Moment, Hunderte von Millionen mit solcher Gymnastik beschäftigt sind, und daß diese Hunderte von Millionen sogar noch dankbar dafür sind, daß es ihnen, im Unterschied zu Millionen weniger Glücklichen: den Arbeitslosen, noch vergönnt ist, diese Gymnastik zu treiben; und daß sie verbissen das Recht auf diese Gymnastik als politisches Grundrecht proklamieren, in der Tat proklamieren müssen, weil sie ohne derart nichtige Gymnastik im Nichts stehen, oder – aber dieses ›Tun‹ ist nur eine Verbrämung von Nichtstun – vor dem Bildschirm sitzen würden; und weil sie gezwungen wären sich täglich durch den sich immer neu vor ihnen aufstauenden Zeitbrei durchzufressen.”

Anna Newspeak: Das ist halt das Problem: Zwangsarbeit wurde bisher immer abszenzmetaphysisch als reines Nichts verstanden (deshalb kommt Laruelle auch bei allem Non- trotzdem wieder auf One, wie gesagt). Es gilt aber die abszenzmetaphysische Zwangsarbeit der Totalitarismen gegen eine nicht abszenzmetaphysische, eben nekonstruktive Zwangsarbeit abzugrenzen. Letzteres wird auch der Unterschied zwischen linker und rechter Zwangsarbeit gewesen sein.

Achim Szepanski: Die Zwangsarbeit ist das Komplement zur freien Lohnarbeit. Jede Variante, links oder rechts, wird in diese Dialektik verstrickt bleiben. Oder sagen wir Differenz. Man muss den Ort der différance bestimmen, sie ist eine Bewegungsform des Kapitals. Das denken des One ein radikaler Bruch mit derlei Denken und Bewegungsformen. Transzendental gesetzt, anders geht es nicht.

Anna Newspeak: Wie gesagt, mein Vorwurf an diese Strategie ist, dass sie Abszenzmetaphysik ist – reines Non, was bei Laruelle “One” bzw. “transzendental” heißt. Genau deswegen habe ich das BGB und die Laruelleianer*innen nicht. Es ist eben reine Negativität, die da propagiert wird. Die Nekonstruktion hingegen kennt keine reine Negativität, sondern wird immer nur noch negativer, noch leerer, noch nontologischer.

Achim Szepanski: Das Reale ist zum einen transzendental, negative Bedingung. Zum anderen gegeben-ohne-Gegebenheit. Da bleibt Laruelle eben Materialist, ohne ontologisch zu werden. … Leerer als leer? Dagegen hat sogar der Buddhist David Loy gegen Derrida berechtigte, materialistische Einwände vorgebracht.

Anna Newspeak: Mir ist das eben zu materialistisch. Ich würde einen Immaterialismus vertreten, der extrem antiidealistisch (Hegel) wäre. Historisch sind Idealismus und Immaterialismus immer wieder verschmolzen gewesen. Hier gilt es eine negative Differenz, eine Foraminifederation zu schlagen und einen Immaterialismus ohne Idealismus zu verfolgen. … Welche Einwände hat er denn dagegen? Übrigens ist “leerer als leer” gar nicht derridistisch, da Derrida immer zwischen Leere und Fülle schwankt bzw. gegen eine absolute Negativität strebt, die eben eine negative Theologie wäre. Derrida ist da noch zu jüdisch. Es braucht ein Judentum ohne Juden und eben eine Operation von einem solchen aus. Der Antisemitismus bekämpft das Judentum ohne Juden, der foraminifederalogische Antiantisemitismus hingegen bekämpft den Wunsch die Abszenz auszulöschen, zu verendgültigen. Es kann nie genug Abszenz geben, sondern muss immer noch “mehr” (also: weniger; aber hier merken wir die Metaphysik der Abszenz, mit der wir uns halt rumschlagen müssen) werden. Das Weniger ist der Beginn des Minderwertes, des Subplements (das keine Ergänzung mehr wäre), der Anfang der Welt als Abzug eines Abzugs, eben eine negative Differenz. Und das ist halt kein Derrida und keine Dekonstruktion mehr, sondern eine Nekonstruktion, eine negative Dekonstruktion, die nicht mit der Differenz, sondern mit der negativen Differenz, der Nifferenz oder Foraminifederation anfängt.

Achim Szepanski: Ja, auch das ein Vorwurf, den Laruelle ihm macht. Allerdings zu anderen Schlussfolgerungen als du kommt.

Anna Newspeak: Minderwert ist die Trennung eines Abzugs, eines Negativen, eines Wenigers von sich selbst. So “entsteht” ein negatives Spektrum, das nicht selbst Teil einer übergeordneten (leeren) Menge ist (die leere Hegemonie bei Mouffe/Laclau), sondern eine Bewegung von Nichtmengen in Nichtmengen.

Achim Szepanski: Was ist negative Differenz? Ist das nicht dasselbe, was Baecker, Zizek und Arndt machen, wenn sie das Absolute bei Hegel subtrahieren? Hier ließe sich aber einwerfen, dass ein derart (gespaltenes) Selbst-Sein der Zeit – inklusive der Gegenwart – nur möglich ist, wenn ein gegenwärtiger Augenblick (Phänomen) von einem anderen, der noch nicht ist oder schon war, real unterschieden werden kann, und dies benötigt immer auch eine stehende Jetzt-Zeit. Wenn die Gegenwart rein als die Reihung verfallender Jetzt-Momente gedacht würde (Sprünge von einem zum anderen anderen, ohne das Moment der Verbundenheit überhaupt noch zu kennen), dann müsste man sich wirklich die Frage stellen, ob es, damit nicht alles dem Zerfall anheimgegeben wird, nicht doch ein »Jetzt« geben muss, das es erst ermöglicht, dass etwas anderes noch nicht ist oder schon war. Es gäbe dann nicht nur die Gespaltenheit der Gegenwart, sondern zugleich das stehende Jetzt der Gegenwart, denn ansonsten hätten wir es tatsächlich allein mit der Problematik der absoluten Kontingenz und des Zerfalls zu tun. Es gibt aber auch immer das »Jetzt« im Sinne der Gleichzeitigkeit, die von uns aber als das Problem der Zeitigung der Zeit gelesen wird…

Anna Newspeak: Eine negative Differenz ist ein in sich stattfindender Zerfall, eine Verwenigerung der Welt. Zum Beispiel wird die Differenz A1/A2 ja von der Variable A aus gedacht. Die Ausprägungen der Variable A sind also A1 und A2. Und diese beiden sind zueinander immer in Bewegung und Neu-De-Konstitution. So denkt Derrida mit seiner Differenz. Eine negative Differenz hingegen denkt weiter, indem die Ausprägungen A1 und A2 selbst wiederum negativer werden und sich teilen, weshalb die Ausprägungen der Variable/Differenz A1 z.B. A11, A12 und A13 sowie A21, A22, A23, A24 und A25 die Ausprägungen der Variable bzw. Differenz A2 wären. Derrida setzt in seiner Konzeption die Momente der Differenz absolut negativ und bliebe bei A1 und A2 stehen und ginge z.B. dann als nächstes wieder zu B mit B1, B2, B3, B4. …

Ich habe das hier auf den Seiten 35 bis 45 und auf 89 bis 100 entfaltet: https://forsproject.files.wordpress.com/2015/03/vortrag_foraminiferderalogie_disvers_13022015.pdf

…Das absolut absurde ist ja, dass ich den Vortrag damals nicht halten konnte/durfte. Das negative Moment der Foraminifederalogie war “größer” als das positive. Ich ärgere mich zwar immer noch irgendwie darüber (so ehrlich bin dann doch), aber andererseits hätte es auch keine bessere Begründung für die Foraminiferderalogie geben können. Wie gesagt, der Vortrag – wenn ich ihn hätte halten können und zu Ende bringen dürfen – wäre in seiner Praxis ontologisch gewesen, was eigentlich im Widerspruch zu dem steht, was ich mache. Aber so hat es absurderweise eine nontologische Praxis gegeben als jene eines Nicht-Vortrages oder Nonvortrages, eines abgebrochenen (von sich selbst abgezogenen) Vortrages, indem das “Positive” weniger war als das “Negative”. Es ist schon krass.

Achim Szepanski: Wenn die zwei Terme A und B gegeben sind, die Konzepte, Objekte etc. repräsentieren, dann wird die Differenz selbst (zwischen A und B) durch A/B repräsentiert. Die Struktur der Metadifferenz zeigt nun folgendes an: Die Differenz in sich selbst zwischen den beiden Termen (der komplexe Term A/B) wird von einem der beiden Terme (A) unterschieden (den sie schon inkludiert) und sie wird mit dem anderen Term (B) identifiziert. Für den Term B in der Relation substituiert man den gesamten Ausdruck A/B, sodass die Differenz (A/B) vom Term A unterschieden ist. Das Resultat lässt sich dann folgendermaßen anschreiben: A/(A/B). Hier bleibt der Term B relativ unanalysiert, oder um es anders zu sagen, der Prozess bleibt unentscheidbar und führt in die schlechte Unendlichkeit von A-B = A/(A/(A/B). Wir stehen jetzt vor der Problematik der Struktur der Selbstinklusion, das heißt eines einseitigen Verdoppelns der Differenz; die selbst einer der Terme ist. Die Differenz nimmt sich also selbst als ihr Objekt und transzendiert zugleich ihre eigene Objektivierung. Dies lässt sich nicht nur als Meta-Differenz, sondern auch als Meta-Relation anschreiben: A-B. Was passiert, wenn einer der Terme der Relation die Relation selbst ist? Man nimmt die Relation A-B für den Term B, substituiert mit ihr B und bekommt erneut den Ausdruck: A-(A-B). Was aber geschieht, wenn nun auch der fixierte Term A iteriert? Dann erhalten wir nicht nur A=A/B, sondern auch B=A/B. (A ist nicht gleich B.) Wir befinden uns hier offensichtlich insofern in einem Konflikt, als jeder der beiden Terme die Differenz und der Konflikt selbst ist. Und nichts anderes stellt die Figur des Chiasmus dar. Letzendlich heißt dies, dass die Philosophie der Differenz keine reale Nicht-Relation ertragen kann. Einerseits gibt es in der Differenzphilosophie den Hang (Nietzsche/Deleuze) die Differenzen zu maximieren, insofern schon der erste Term der Differenz eine Höherwertigkeit verspricht, die bis ins Unendliche getrieben werden kann, andererseits kann der erste Term auch relativ obskur bleiben, um in einen Urgrund zu führen, der bei Heidegger die Tautologie ist (das Nichts nichtet). Mit Nietzsche lässt sich behaupten, dass die Eigenschaften eines Dings nur Effekte auf andere Dinge sind. Wenn man nun den Term »anderes Ding« eliminiert, dann hat ein Ding gar keine Eigenschaften mehr, und die Folgerung daraus lautet, dass es definitiv kein Ding ohne andere Dinge gibt, i. e. es dominieren absolut die Relationen, oder anders gesagt, die Dinghaftigkeit löst sich ganz in den Flux der differenziellen Ereignisse auf. Bei Heidegger muss stattdessen die objektive Partikularität der Relata als abhängig vom Realen gedacht werden, von einer nicht-objektiven Transzendenz, die jedes Relata in zwei formal unterschiedene Seiten trennt, wobei die eine Seite der Entbergung und Verbergung des Seins des Seienden, und die andere Seite dem Objekt, das indifferent gegenüber der anderen Seite ist, zugeordnet ist. Heidegger stellt bezüglich des zweiten Aspekts die Frage nach der Irreversibilität als solche, wobei sie sich am Ende nicht selbst verleugnet. An dieser Stelle ist für Heidegger das kantianische »Ding an sich« eine essenzielle und tautologische Subtraktion in sich selbst als die Essenz des Seins: Nichts nichtet. Derrida führt hingegen eine komplexe Mischung oder den Chiasmus des nietzscheanischen und des heideggerianischen Modells durch – er formuliert die Meta-Differenz der beiden Modelle. Differenz, so die zusammenfassende Kritik von Laruelle, sei eine philosophische Syntax sui generis und eine Realität oder eine Erfahrung des Realen, und damit ein Prinzip, das eher real als formal, und eher transzendental als logisch einzuschätzen ist. Differenz artikuliert im repräsentationalen Modus eine Mischung als solche, indem sie das »weder… noch« fordert, und zugleich eine Art inklusiver Disjunktion, mit der das »weder…noch« so minimal negativ ist, dass es die Unteilbarkeit als Eines produziert (Nichts als Sein).

Anna Newspeak: Wahrscheinlich ist die nächste “Stufe”, dass ich niemals werde meinen Vortrag zur Begründung der Foraminiferderalogie werde halten können und irgendwann Leute auf Basis meiner Facebook- und sonstigen Erörterungen das Buch bzw. die Bücher oder Texte schreiben, die eigentlich – ontologisch – ich hätte schreiben sollen. …

Achim Szepanski: Eigentlich bist du, siehe oben, ein lupenreiner Nietzscheaner.

Anna Newspeak: Jetzt wirst du lachen: Ich habe nie viel Nietzsche gelesen… noch so eine nontologische Praxis.

Achim Szepanski: Das ist ja das Seltsame, man ist plötzlich irgendetwas oder irgendwer, von dem man noch nie gehört hat.

Anna Newspeak: “Ich ist kein Anderer” lautet die nächste Generation.

Achim Szepanski: Okay. Wobei sich dann wieder eine gefährliche Nähe zu Stirner auftut.

Anna Newspeak: Apropos gehört: Hier versagt das Interpellationstheorem von Althusser, da eine Subjektivation ohne Anrufung stattfindet. Das ist dann die Nonjekt(non)philosophie, oder? … ja, klar. Das “ich ist kein anderer” muss von Stirner abgegrenzt werden. Es geht darum durch Nichts bzw. Nichtse “subjektiviert” zu werden.

Achim Szepanski: Nonjekt(non)philosophie. Okay darüber muss ich nachdenken. Es gibt übrigens vom Systemtheoretiker Peter Fuchs bezüglich des Unjekts interessante Überlegungen zu Derrida. Kommt deinen Sachen irgendwie nahe.

Anna Newspeak: Fuchs kenn ich noch nicht. Muss ich viell. auch irgendwann mal anschauen.

Achim Szepanski: http://www.velbrueck-wissenschaft.de/pdf_ausfuehrlich/978-3-934730-30-4.pdf

Anna Newspeak: Ich denke, die Diskussion zwischen Nonjekt und Subjekt dreht sich halt um das “sub”, welches nicht negativ genug ist, auch wenn das Sub des Subjektes schon in diese Richtung weist – vermeintlich. Die Bedeutung von Sub ist in der Übersetzung auch stark fluktierend; es heißt sowohl über als auch unter, aber oft wohl auch eher unter.

Achim Szepanski: Für Fuchs sind Objekte je schon durchgestrichen, also Unjekte oder transontologische Objekte… Das kann man natürlich auch auf das Subjekt beziehen. Ich denke Fuchs macht dasselbe wie du. Hier ein Fuchs Zitat: “Sie wird gründlich aufgelöst in den Weiterentwicklungen der Luhmannschen Systemtheorie, die einen im Prinzip nicht räumlichen Systembegriff konzipiert: System als Differenz von System/Umwelt (S = S/U). Das System wird so zum Ausdruck einer Differenz, es ist symbolisiert durch die Barre der Unterscheidung, mit der es beobachtet wird. Es ist damit nicht ein stellengebundenes ‚Sein‘, sondern, wie man sagen könnte, ein trans-ontologisches ‚Objekt‘ oder, wie ich es bisweilen nenne: ein Unjekt. Es steht für Durchdringungs- und Überlappungsverhältnisse nicht zur Verfügung.”

Anna Newspeak: “Es steht für Durchdringungs- und Überlappungsverhältnisse nicht zur Verfügung.” Genau da gehe ich nicht mit und würde eher sagen, dass die Durchdringungs- und Überlappungsverhältnisse eben negativ bzw. sich nichtend sind. Also, sie machen sich negativ und negativer, leerer und leerer. Aber das lange Zitat oben zu Laruelle ist natürlich interessant, trifft aber nicht ganz das, was ich mache, stellt aber wissenschaftlich sozusagen die Konkurrenz zu meiner Thematisierung im gleichen Feld dar. Das Gute an meiner nicht vorhandenen Laruelle-Lektüre ist, dass ich dadurch nicht anfange wie Laruelle zu denken. Einer der Gründe, warum ich mich auch möglichst weigere den Philosophengott Hegel zu lesen. (Wenn, dann möglichst indirekt und nicht durch männliche Autor*innen.) Ich habe Angst, dieses Denken zu übernehmen, von ihm okkupiert zu werden und dann doch wieder im ekelhaften Hegelianismus und Hegelmarxismus gefangen zu sein.

Achim Szepanski: Das Zitat weiter oben ist von mir. Aus meinem neuen Buch. Genauer ist Fuchs in dem oben erwähnten Buch, wo er sagt, dass das Unjekt die Eigenschaft hat, keine Eigenschaft zu haben. Es bleibt immer paradox oder, wie du sagst, negativ. Das heißt aber in diesem Fall eben auch immer anschlussfähig. Das denken des Außen ist dann nicht drin. Da setzt Dark Deleuze an.

Anna Newspeak: Diese Lesestrategie, diese wissenschaftliche Strategie wird mir institutionell sehr sehr übel genommen, aber ich halte an ihr fest, weil die Ergebnisse dadurch besser sind. Ich fasele mich nicht an Hegel ab, sondern erhöhe die Geschwindigkeit der Auseinandersetzung derart, dass sie beginnt negativ zu werden und ich so “schnell” bin, dass ich immer langsamer werde ohne jemals stehen zu bleiben: Ich bin langsamer als langsam. Das wäre quasi auch meine Contraoperationalisierung zu dem ganzen Beschleunigungszeug. Am besten lässt sich das viell anhand der Umrundung der Erde erklären: Nehmen wir an, ein Objekt umrundet die Erde und ist dabei derart schnell, dass es sich selbst überholt, ja sogar mehrfach selbst überholt und diese Selbstüberholung immer weiter zunimmt, dann ist der Effekt, dass das Objekt langsamer als es selbst ist, und zwar gleich n-fach.

Achim Szepanski: Wenn du negativ sagst, denkst du nur die inklusive Disjunktion, aber niemals die exklusive Disjunktion.

Anna Newspeak: Ich denke negativ immer als n-fach negativ, also als Negativierung von Negativierung. Bei mir gibts kein Innen, sondern nur dekonstitutive Außen von dekonstitutiven Außen.

Achim Szepanski: Das ist nicht die Frage. Deine Angst davor, Hegel zu lesen ist begründet. Galloway hat gezeigt, dass digitale Philosophie immer mit Hegel und immer mit der Teilung von 1 und 2 beginnt, alle weiteren Teilungen leiten sich daraus ab. Meinetwegen n-fach Teilungen.

Anna Newspeak: … und wenn das “Objekt” langsamer als es selbst ist, dann zirkuliert es nicht, sondern die “Zirkulation” löst sich immer weiter auf, sozusagen eine Art sich leerender Ring. Freilich alles ohne Ring. (Es ist ein immer weiter nichtendes Strömen.) … Irgendwie gehören die Unterhaltungen mit dir immer zum “Produktivsten”, was ich mache.

Achim Szepanski: Zur Disjunktion: Während für Laruelle sich angesichts seiner Bevorzugung der Immanenz die Frage des Dritten gar nicht erst stellt (Superposition und Idempotenz erfordern folgende Formel: 1+1=1), beharren Deleuze/Guattari, wenn man sie jenseits der logischen Figur der inklusiven Disjunktion liest, auf einer durchaus interessanten Nicht-Beziehung zwischen dem ersten, dem zweiten und dem dritten Term, insofern der dritte, der nomadische Term, die beiden anderen Terme nicht synthetisiert, sondern sich radikal von ihnen abtrennt. Dabei werden zwei Terme innerhalb eines einzigen Gegenstandes gedacht (beispielsweise die liberale und die autoritäre Komponente des Staates), wobei mit dem dritten Term des widerständigen Nomadischen keineswegs die Synthesis der beiden Terme oder die Fortschreibung der Differenz, sondern die Herstellung einer Beziehung zum Außen angestrebt wird. Widersprüche müssen nun definitiv außerhalb der Dualität gedacht werden. Die inklusive Disjunktion (weder… noch/ dieses oder dieses und/oder dieses und/oder dieses) sollte man deshalb durch die radikal exklusive Disjunktion ersetzen.

Anna Newspeak: Ich habe mich auch schon gefragt, ob ich die Texte, die ich habe, dir so “unfertig” zur Veröffentlichung auf NON schicke. Wo sämtliche Brüche, Unvollständigkeiten, Splitter, Seltsamkeiten etc. zu sehen sind. Das wäre für mich eigentliche fast eine nontologische Praxis – und auch viel extremer als das, was Sarah Kofmann macht, wenn sie mitten im Text Auslassungspunkte setzt und abbricht. Das ist alles noch zu clean, zu berechnet. Es muss viel viel dreckiger sein, viel psychotischer.

Achim Szepanski: Ja, okay, ist gut so…

Anna Newspeak: Wenn ich das mache, kriege ich extrem viel Schelte von der Wissenschaftswelt.

Achim Szepanski: Scheiß auf die Wissenschaftswelt.

Anna Newspeak: Da hast du auch wieder Recht. …. Danke, dass du mir diese Freiheit gibst. Das würde sonst kein*r tun.

Die Zwangsarbeit begründet auch die Auflösung des gegenwärtigen Weltwertverhältnisses (meinetwegen: des “Kapitals als Gesamtkomplexion”) und begründet neben BGE eben auch ein BGB, einen Bedingungslosen Grundbesitz durch Schaffung einer neuen Weltwährung, die das bestehende Weltwertverhältnis nicht – wie sonst bisher immer – zu übersetzen und so die Herrschaftsgeflechte mitzunehmen versucht, sondern sie baut sozusagen das Weltwertverhältnis insgesamt neu. Deshalb muss für ein BGB auch nicht die hegemoniale Weltäquivalenzkette im bestehenden ökonomischen Weltwertverhältnis besteuert werden (die absolute Grenze der bestehenden kapitalismuskritischen Diskurse), sondern wird durch eine weltwirtschaftliche Parallelwelt neu aufgesetzt. Diese Parallelwelt ist die FORS-Simulation, die die Realität dieser Welt ablöst.

(Es gehört übrigens zu meinem Schwächen, dass ich es nicht packe unsere Unterhaltungen in gegenseitige Interviews, die auf NON veröffentlichbar wären, zu transkribieren. Ich weiß noch nicht, ob ich das absolut Scheiße finden soll oder gerade das meine “Superkraft” ist. Schließlich ändert sich mit der Nontologie auch die soziale Praxis, die natürlich durch und durch ontologisch ist.)

Achim Szepanski: einerseits, andererseits…

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