Geld und Kapital

Wie wir schon in Kapitalisierung Bd. 2 (Szepanski 2014b) angedeutet haben, hat der griechische Ökonom John Milios mit seiner, auf der Kapitallektüre von Louis Althusser aufbauenden, monetären Werttheorie, einen wichtigen Ansatz für eine exakte begriffliche Bestimmung des gegenwärtigen Kapitalverhältnisses angeboten. (Milios 2009) Dabei wendet sich Milios ausdrücklich sowohl gegen die heterodoxe Ökonomie als auch gegen einen mit Ricardo untermauerten Marxismus, indem er als die grundlegende Entdeckung bei Marx den Wert (und das Kapital) als soziale Relation anführt, insofern der Wert die Beziehung zwischen den Begiffen Geld und Ware ist (und nicht ausdrückt). Ware und Geld (als Form) können also nicht unabhängig vom Wert existieren, wobei keine der von Marx im Kapital Bd. 1 entwickelten Wertformen eine Vorrangigkeit gegenüber dem Wert besitzt. Innerhalb der Geldform muss dann für Milios das Geld mit der Formel Geld-Ware und die Ware mit der Formel Ware-Geld dargestellt werden. Milios verweist hier auf den althusserschen Typus der strukturellen Kausalität, nach der die Struktur immanent in ihren Effekten ist und nicht außerhalb dieser Effekte existiert.

Die einfache Wertform, mit der Marx im Kapital Bd.1 die begriffliche Darstellung der Wertformen beginnt, sagt für Milios im Wesentlichen aus, dass eine Einheit der Ware A den Wert von x/y Einheiten B hat. Milios geht hier im Gegensatz zu den meisten marxistischen Interpreten des ersten Kapitels des Kapitals von einer einzigen Ware aus, die sich in zwei Komponenten differenziert, wobei Ware A den Platz der relativen Wertform und »Ware« B den der Äquivalentform besetzt. Der Wert der Ware A soll in den Einheiten des sekundären Gebrauchswerts der »Ware« B gemessen werden (i. e. die »Ware« B nimmt hier die Rolle des Äquivalents ein bzw. deren sekundärer Gebrauchswert gilt als Maß des Werts der Ware A, die sich in der relativen Wertform befindet). Sobald ein Ding im Wertausdruck die Position des Äquivalents einnimmt, kann die Größe seines eigenen Werts nicht mehr quantitativ ausgedrückt werden. Ganz im Gegenteil fungiert das Ding nun rein als die Quantität einer anderen Ware. Die einfache Wertform besagt also, dass x Einheiten der Ware A den Tauschwert von y Einheiten der Äquivalentware B besitzen, oder dass der Tauschwert einer Einheit der Ware A in x/y Einheiten der »Ware« B ausgedrückt wird. Die »Ware« B, die sich in der Äquivalentform befindet, ist damit für Milios potenziell schon Geld. (Vgl. Milios 2004)

Marx hat nun Milios zufolge kein Problem damit, über mehrere Übergange hinweg von der einfachen Wertform über die erweiterte und allgemeine Wertform zur Geldform zu gelangen. Die allgemeine Wertform ist durch ein einziges (ausgeschlossenes) Äquivalent charakterisiert, in dem alle Waren ihren Wert ausdrücken (sie befinden sich nun immer in der Position der relativen Wertform.) Nur ein »Ding«, dessen Materialität allerdings vollkommen sekundär ist, kann qua seiner Funktion das universelle Äquivalent konstituieren. In diesem Sinne besteht die erste Funktion des Geldes darin, als allgemeines Äquivalent das (äußere) Maß der Waren zu sein. Die generelle Austauschbarkeit der Waren wird hier in einem indirekten, medialen Sinne ausgedrückt oder realisiert, das heißt durch das Geld, das als allgemeines Äquivalent funktioniert und durch das alle Waren ihren Wert ausdrücken. Geld gilt Milios als die Repräsentation des Werts, das heißt, Geld steht für die allgemeine Wertform der Waren und besitzt das Potenzial, sofort in jede Form des Gebrauchswerts konvertiert zu werden. (Ebd.) Und damit ist die Ware, noch bevor sie in den Tausch eintritt, zumindest potenziell schon Preis (sie muss aber noch verkauft werden) und damit in Beziehung zum Geld gesetzt. Marx, wie im Übrigen in dieser Frage weitestgehend auch Keynes, insistiert auf dem endogenen Charakter des Geldes, dessen Bedeutung keineswegs darin besteht, als bloßes Tauschmittel, das die Transaktionen an den Märkten erleichtert, zu fungieren. Die erste »Funktion« des Geldes bestimmt Milios mit Marx also als die des allgemeinen Äquivalents bzw. des äußeren Maßes der Werte, i. e. die allgemeine Austauschbarkeit der Waren untereinander kann nur durch Geld ausgedrückt und vermittelt werden. Marx konzipiere, so sieht es jedenfalls Milios, von vornherein eine monetäre Werttheorie. Weitergehend ist für Milios die Wertrelation der abstrakte Ausdruck oder die embryonale Form der Kapitalrelation, in der das Geld ein als Prozess in sich selbst funktioniert. (Ebd.)

Man kann nun weiterhin, wie beispielsweise Peter Ruben es tut und wie gemeinhin im Marxismus auch üblich, anstatt von einer Ware von zwei Waren ausgehen und die Wertform folgendermaßen anschreiben (Ruben 2015: 27):

x Ware A = (x Ware A : y Ware B) X y Ware B

Was sowohl Milios als auch Ruben unbedingt vermeiden wollen, besteht hier darin, das Kontradiktorische der Gleichung x Ware A = y Ware B festzuschreiben. Die Gleichung x Ware A = y Ware B ist insofern als kontradiktorisch anzusehen, als A und B qualitativ verschiedene Waren sind. Weil die Gleichung, worauf Ruben nicht eingeht, prinzipiell umkehrbar ist, sind Positionswechsel der Waren zumindest virtuell gegeben, wobei keine der Waren sich allerdings gleichzeitig in beiden Positionen (relativer Wertform und Äquivalentform) aktualisieren kann. (Dass die Ware A sich in der Gleichung in relativer Wertform und die Ware B in Äquivalentform befindet, ist als ein gradueller Unterschied zu lesen.) Auch durch diese Interpretation der einfachen Wertform wird das Kontradiktorische aufgelöst. Hierbei erweist sich dann aber das Axiom der Symmetrie zur Darstellung der Äquivalenzrelation von klassischen Waren als absolut notwendig. (Vgl. Szepanski 2014: 138f.)

Ruben würde wahrscheinlich die Erklärung des Geldes, wie etwa Milios sie vornimmt, für unzureichend halten, wobei er versucht, die Funktion des Geldes als Tauschmittel bzw. als Tertium comparationis des Wertvergleichs stark zu machen. Wenn vA =vG und vB=vG ist, dann folgt daraus vA=vB (v=Wert). (Ruben 2015: 30) Ruben hält schließlich die Transitivität der Gleichheit rein logisch für die entscheidende Eigenschaft der Geldform (x=y und y = z, also ist x=z). Er bringt zudem noch den Daseinsschluss Hegels ins Spiel (A-A-A): »Wenn zwei Dinge oder Bestimmungen einem Dritten gleich sind, so sind sie untereinander gleich.«(Hegel 1950: 326) 1

Zurück zu Milios. Obgleich wir mit Milios in vielen Punkten sowohl bezüglich der begrifflichen Bestimmung des monetären Kapitals und des finanziellen Risikos als auch in der Frage der Derivatmärkte konvergieren, was später noch zu zeigen sein wird, kamen wir hinsichtlich der begrifflichen Bestimmung des Geldes schon in Kapitalisierung Bd. 1 (Szepanski 2014a: 154f.) zu anderen Schlussfolgerungen. Übereinstimmung besteht jedoch zumindest darin, dass Werttheorie nur als monetäre Werttheorie möglich ist. Gehen wir darauf kurz ein.

Um die fehlende Stabilitat ökonomischer Formkonstitution zu demonstrieren, greift Marx in der Erstauflage des Kapitals zur Darstellung einer vierten Wertform: «Die allgemeine Aequivalentform kommt immer nur einer Waare zu im Gegensatz zu allen andern Waaren; aber sie kommt jeder Waare im Gegensatz zu allen andern zu. Stellt aber jede Waare ihre eigne Naturalform allen andern Waaren gegenüber als allgemeine Aequivalentform, so schließen alle Waaren alle von der allgemeinen Aequivalentform aus und daher sich selbst von der gesellschaftlich gültigen Darstellung ihrer Werthgrößen.« (MEGA II/5: 43) Das Argument im Kontext einer vierten Wertform, die Marx in der Erstauflage des Kapital eingeführt und in der Zweitauflage wieder gestrichen hat, zeigt, dass, aus der Perspektive eines diskursiv voll entwickelten Kapitals heraus betrachtet, die Darstellung der Geldform als Resultat der Ableitung aus prämonetaren Wertformen einfach scheitern muss, weil in der vierten Wertform die Ware, die den Platz des allgemeinen Äquivalents einnimmt, alle anderen Waren von der Äquivalentform ausschließt. Und dies gilt für jede Ware, sodass wir es mit beliebig vielen Äquivalenten zu tun bekommen. Wir stehen hier vor dem Problem der hegelschen schlechten Unendlichkeit. Die vierte Wertform verbleibt damit begrifflich ebenso unterbestimmt (sie löst keine ökonomische Problematik) wie die einfache, die entfaltete und die allgemeine Wertform, weil es hier möglich ist, dass innerhalb der spezifischen Syntax der Warenverkettungen prinzipiell jede Ware die Stelle des allgemeinen Äquivalents besetzt, womit alle Waren alle von der allgemeinen Äquivalentform ausschließen. (MEGA II/5: 43) Die Position des Äquivalents macht die jeweilige Ware gegen alle anderen Waren austauschbar und zugleich ist diese Position von allen Waren besetzbar. Es kommt weder zu einem gültigen Numéraire noch zu einer allgemeinen Gültigkeit oder Stabilität eines gesellschaftlichen Zusammenhangs qua Wertform. Folglich gelangt die Darstellung der Wertformen auch rein logisch nicht zum allgemeinen Äquivalent (Wertform 3 im Kapital Bd. 1) und dringt in der Folge auch nicht zur Geldform vor (eine Geldware nimmt dann, wenn die Geldform konsistent entwickelt ist – so sehen es die meisten marxistischen Ökonomen immer noch, man sehe von Ausnahmen wie Michael Heinrich ab – den Platz des allgemeinen Äquivalents ein).

Auch Frank Engster versucht dieses Problem zu lösen, indem er auf den Ausschluss einer Geldware verweist, die im starken Sinn einer Gabe praktisch-ideell gegeben werde, um eine ideelle Werteinheit zu fixieren, die auch maßgeblich für die Quantifizierung der Relationen aller anderer Waren sei. Somit wäre nicht nur der scheinbare Bruch zwischen allgemeiner Wertform und Geld(form), wie ihn Backhaus oder Heinrich konstatieren, sondern auch der zwischen der allgemeinen, dritten Wertform und der vierten Wertform gekittet. (Engster 2014: 223) Wer aber beschließt den Ausschluss der Geldware? In gewisser Weise sind es die Waren selbst, die, bevor sie sich an eine ideelle Werteinheit (Geld) halten, den Ausschluss der Geldware schon beschlossen haben. Sind es aber wirklich die Waren selbst, oder sind es doch ganz praktisch die Warenbesitzer, oder sind es womöglich weder die Waren noch die Warenbesitzer? Ist es das Geld, oder ist es gar das Ausschließen selber, welches das Aussschließen beschließt, und damit das unmittelbare Verhältnis der Waren zueinander und ihr Verhältnis zum Geld befördert? Einerseits ist es doch das Geld, das auf einen Schlag die Waren seiner ideellen Werteinheit aussetzt und sie damit in quantitative Beziehungen zueinander setzt, das heißt, sich ihnen gegenüber-setzt, um zugleich für ihre Identität einzustehen. Andererseits reflektiert das Geld gegenüber den Waren nur das Verhältnis, das diese mit dem Ausschluss einer Geldware schon beschlossen haben. Man wird hier zu keiner wirklichen Lösung kommen. Die Synthesis bestünde für den geschulten Hegelianer wahrscheinlich gerade darin, das Ausschließen selber zum Faktor der Ausschließung zu machen, um den Gleitprozess gut hegelianisch auf die nächste Stufe zu heben. Auch das ist wohl mit der Figur der Einholung gemeint.

Geld kommt etymologisch von «gelten«, und dies spielt darauf an, dass als Vetretung etwas Bedeutung erlangt, egal, was es bedeutet. Mit jedem Gelten zeigt sich auch der Anspruch auf eine Art von Einflussnahme; was gilt, soll nicht nur beachtet, sondern unbedingt auch befolgt werden. Der Anspruch kann sowohl von einer Theorie als auch von einer Objektivität wie dem Geld ausgehen, wobei letzteres seine Ansprüche »wie von selbst« durchsetzt. Die logische Geltung eines Satzes ergibt sich wiederum aus der Unmöglichkeit, ihn zugleich zu bejahen und zu verneinen. Hier gehört die Geltung zur Form der theoretischen Praxis.

Das Geld nimmt die Funktion des Maßes (von Warenwerten) nicht nur einfach passiv in Anspruch, sondern es nutzt die schwache oder unterdeterminierte Kraft einer Geltung (schwach, insofern es in letzter Instanz das Kapital ist, das die Kraft des Geldes bewirkt), die seine Funktion auszeichnet, und zwar so, als hätte es die Funktion der Geltung je schon erlangt. Dies kann es, weil seine ersten beiden Funktionen, Maß (es misst die Produktivität von Kapital und Arbeit) und Zirkulationsmittel zu sein, selbst Resultate des Geldes als Kapital sind. Das Geld fungiert in seiner Funktion des Maßes schon als eine verlässliche soziale Tatsache in einem sozio-ökonomischen Zusammenhang von beliebigen, infiniten monetären Transaktionen innerhalb des Kapitals als Gesamtkomplexion.2 Insofern könnte die Idee der Einholung durchaus bejaht werden. Geld, das nun von vornherein als ein Resultat des Kapitals zu verstehen ist, zeichnet sich at once als symbolisches Geld aus (allein der Name reicht dann schon hin, um seine Wirksamkeit zu setzen) und zieht dafür ein allerdings nicht beliebiges Material aus den Warensammlungen zu seiner Verkörperung heran (notwendige Teilbarkeit des Materials). Als solches realisiert das Geld dann in der Tat eine Art vergegenständlichtes, soziales Verhältnis.

Die Ware ist das, was etwas kostet, und das Geld ist das, was sie kostet. Man formuliert also korrekt, wenn man sagt, X Euro sind pro Ware x oder Derivat y zu zahlen. Damit ist ein Verhältnis symbolisch ausgedrückt. Seine Geltung erreicht das kapitalistische Geld als eine symbolische Markierung, die (instabile) Kaufkraft darstellt – und zwar mit einem Schlag, insofern das Geld als soziale Tatsache eben »gesellschaftlich« schon anerkannt ist. Und dies heißt, dass mit dem Geld die Sicherheit verbunden ist, dass man etwas dafür bekommt. Symbolisches Geld verweist als prinzipiell Nicht-Inhaltliches (es ist nicht-materiell, es ist daher eher ein Unding als ein Ding, es existiert nur qua Vertretungen) auf die unterschiedlichsten Waren, die dem Geld als sämtliche Inhalte gegenüberstehen; und damit sind Waren eben nicht Geld und Geld nicht Ware. (Vgl. Bockelmann 2004: 180f.) Der Sachverhalt der Inhaltslosigkeit des Geldes verweist auch darauf, dass das Geld nicht als Verkörperung des allgemeinen Reichtums zu begreifen ist (als Geld-Ding oder Geldware), vielmehr bleibt es in all seinen Materialisierungen ein körperloser Körper, i. e. das Objekt (an sich) oder eine abstrakte Form. So können Münzen, Scheine, Zahlen und Bits und Bytes das Geld vertreten, und dies heißt, dass kein Gramm Wert im Geld gespeichert ist. Des Weiteren besitzt das Geld, indem es das Kapital und seine Bewegungen vertritt bzw. repräsentiert, selbst eine schwache aktive Kraft, womit es zumindest potenziell alle mögliche Gegenstände bewertet. Und das Schlagartige des Einschlagens des symbolischen Geldes, das zugleich messendes Geld ist, bedeutet, dass es alle Waren in unmittelbare Austauschbarkeit versetzt (und von diesen gesetzt wird). Das Geld hat als sozialer Mediator keinen Inhalt, während ihm sämtliche Inhalte als Warenmenge gegenüberstehen. Sämtliche Inhalte heißt wiederum, dass die Waren Elemente einer Quotientenmenge sind, deren Eigenschaft durch Äquivalenz (Symmetrie, Reflexivität, Transitivität) gekennzeichnet ist. Die Waren müssen als Teil dieser Quotientenmenge ihre Gleichsetzung als Werte, die ihr Äquivalenzverhältnis (das in keinem Gegensatz zum Polaritätsverhältnis der Waren steht) beschreibt, aktualisieren, während der Wert weiterhin rein virtuellen Status besitzt. (Waren müssen verkauft bzw. aktualisiert werden, ansonsten besitzen sie lediglich den Status einer potenziellen Ware.)Trotz der prinzipiellen Trennung bleiben Geld und Ware qua Äquivalenz aufeinander bezogen, insofern die Ware durch ihren Bezug auf das Geld sowie dieses durch seinen Bezug auf die Ware definiert ist, aber zugleich sind Ware und Geld die Negation des jeweils anderen, i. e. Geld ist durch seinen Bezug auf die Ware Nicht-Ware wie die Ware in ihrem Bezug auf das Geld Nicht-Geld ist. (Ebd.)

Kraft seiner objektiven Geltung ist mit Geld potenziell »alles zu haben« (wie auch alle Verpflichtungen beglichen werden können), und dies entspricht zum einen seiner Geltung als kapitalistisches Geld, zum anderen seiner eigentümlichen Positionierung oder Relation gegenüber den Waren. Die Geltung impliziert Konvertabilität oder potenzielle Kaufkraft, i. e. Eintauschbarkeit gegen Waren, die allerdings keine substanzielle Eigenschaft des Geldes ist, sondern eben aus seiner spezifischen Relationalität gegenüber den Waren entspringt, welche wiederum als Preis (im Medium des Geldes) das Geld selbst zur Geltung bringen. Dieser rein relationale Aspekt zwischen Geld und Waren ist nicht quantifizierbar. Es handelt sich hier um eine Vertretungsfunktion, wobei Geltung nicht an sich, sondern immer für anderes zur Wirkung kommt, d. h. die Geltung des Geldes expliziert die Struktur der Vertretung eines Abwesenden, insofern das Abwesende das Kapital und den Wert betrifft. (Strauß 2013: 129f.) Geld gilt zunächst als die Vertretung von Wert, der abwesend ist, doch gerade in seiner Abwesenheit für das Kapital absolut notwendig bleibt. Als Teil der ökonomischen Realität realisiert das kapitalistische Geld ganz explizit Geltung.

Die Geltung des Geldes qua Kaufkraft markiert, wie wir schon gesehen haben, eine Abspaltung des Geldes gegenüber allen Waren, womit das Geld zugleich einer Entwicklung anheimgegeben ist, die auf Vermehrung in primärer Potenz abzielt, was wiederum das Geld innerhalb seiner Äquivalenzrelation mit den Waren gar nicht leisten kann. Diese Anheimgebung wird nicht durch den Tausch gegeben, sondern setzt das Kapitalverhältnis zwingend voraus. Die theoretische Position, Geld rein als Tauschmittel oder als Aktivum zu konzipieren, das aus dem Warentausch entstanden ist, berücksichtigt nicht, dass nicht jedes Verkaufsangebot zu einem Kauf führen muss, und somit in komplexen ökonomischen Verhältnissen ganz andere Formen und Funktionen des Geldes zwangsweise ins Spiel kommen müssen.3 Natürlich stellt der Tausch, insofern er die Reproduktion einer komplexen, arbeitsteiligen Ökonomie mit-regelt, eine der Bedingungen für das moderne kapitalistische Geld dar. Dafür wird ein Numéraire benötigt, der explizit eine algebraische Struktur besitzt. (Ebd: 336) Wenn Marx vom Geld als einem »gesellschaftlichen Verhältnis« spricht, dann heißt dies, dass das Geld schon eine gewisse Stabilität, eine große Streuweite und -kraft besitzen muss, d. h. allgemein akzeptiert und anerkannt ist, oder, um es modern zu sagen, ihm eine Netzwerkqualität inhärent ist, die die Reproduktion einer hochkomplexen Kapital-Ökonomie garantiert. (Keynes fasst das Geld als Numéraire bzw. Recheneinheit, die hier schon rudimentär für das Maß des Werts und des Kredits gilt, als die wichtigste aller Geldfunktionen.) Um als kapitalistisches Geld zu gelten, das wesentlich »mehr« als allein nur Numéraire ist, dem also das Mehr schon eingeschrieben und das damit je schon auf tiefe Geld- und Kapitalmärkte bezogen ist, dafür muss ein hochentwickeltes Zahlungs- und Kreditsystem im Rahmen des Kapitals als Gesamtkomplexion vorhanden sein, damit Geldtransaktionen effizient und möglichst friktionslos abgewickelt und insbesondere die Anweisungen auf zukünftige Zahlungen (Kapitalisierung) realisiert werden können. Zudem müssen Substitute für seine Wertaufbewahrungsfunktion vorhanden sein. Das kapitalistische Geld muss für seine Funktion als Wertmaß zwar keinen zu 100% stabilen Wertstandard etwa qua Geldware (ideelle Werteinheit) besitzen, aber der Wertstandard darf auch nicht zu volatil sein, da ansonsten seine Vermögenssicherungsqualität oder seine Funktion hinsichtlich des Kredits problematisch wird (Inflation/Deflation). Selbst die Modalitäten der Geldemission sind nicht vollständig geregelt. Dennoch benötigt ein Kapitalsystem, das auf kreditfinanzierten Kapitalinvestitionen, fiktivem und spekulativem Kapital basiert, ein stabiles Maß, oder wie man sagt, einen stabilen Bewertungsstandard. Der Term »Standard« bezieht sich hier stärker auf den Aspekt eines gesellschaftlich anerkannten und allgemeingültigen Geldes als auf seine Potenz zur Quantifizierung. Dieser stabile Bewertungsstandard (Funktion des Rechengeldes) verweist auf die allgemeine Transmissionsfähigkeit des Geldes, bringt aber eine Reihe weiterer Geldfunktionen gar nicht erst zur Erscheinung – Zahlungsmittel, Kredit, Entzug der Geldmenge aus der Akkumulation, Geld als Kapital etc. (Vgl. Bahr 1983: 406) Ohne genügende Operationalität dieser Geldfunktionen lässt sich die Kapitalökonomie nicht hinreichend flexibel halten, während dem Geld und seinen Funktionen die voll entwickelte Kapitalökonomie vorausgesetzt bleibt. Heute beruht das Geld auf Konstellationen, die aus staatlichen und privaten Funktionen und Steuerungen bestehen, die sowohl reguliert als auch kontingent sind. Private Banken werden zwar bis zu einem gewissen Grad von staatlichen Instanzen und Notenbanken reguliert (durch die Geldpolitk der Notenbanken), aber allein schon die geldschöpfende Ausgabe von Zahlungsmitteln durch die privaten Banken qua Kreditvergabe oder die Existenz der Derivatmärkte weisen darauf hin, dass die Steuerungskompetenzen der Staaten und der Notenbanken insofern begrenzt sind, als sie die globale Dynamik der Geldkapitalakkumulation nicht in toto regulieren, sondern gewissermaßen nur begleiten können.

Das Geld besitzt intrinsisch keinen Wert, es kann keinen Wert speichern. Der »Wert« des Geldes, im Unterschied zum Wert der Waren, besteht vielmehr in der Anwesenheit und der Realisierung des Verhältnisses G-G` (Kapital). Geld als Kapital enthält die Anweisung auf zukünftige Vermehrung, wobei es zu beachten gilt, dass die Zukunft sui generis nicht determiniert werden kann, denn als solche wäre sie schon vergangen. Das Geld ist als Kapital in ein quasi tautologisches Verhältnis zu sich selbst gesetzt, bei dem allein die quantitative Differenz von G-G`, das heißt die Vermehrung, die Crux ausmacht. Der einzige Sinn dieser Relation, die von Geld zu Geld führt, kann also nur in der quantitativen Vermehrung bestehen, oder, um es anders zu sagen, es handelt sich bei dieser Relation um eine Uni-lateration, die der quantitativen Addition fähig ist. Der Surplus wird als Quantität in die tautologische Kette injiziert. Geld als Kapital muss der Bestimmung des quantitativen Mehr genügen, das aber stets knapp bleibt. Um es noch einmal anders zu sagen: Kapital ist Gesetz, das definiert, dass die Bedeutung der Relation G-G` dem Mehr genügen muss, ein Mehr, an dem es per se mangelt. (Schwengel 1973: 294f.) Das jeweilige vorausgesetzte Geld (Signifikant) wird wie ein Signifikat (Mehr) behandelt, das sich in surplushaltigen Signifikanten (Geld`) anzeigt. Marx hält nun eine weitere begriffliche Verschiebung für notwendig, um diese Gleitfigur zu explizieren, i. e. die begriffliche Differenz von Arbeit und Arbeitskraft wird zur Quelle möglicher Surplusproduktion, deren determinierender Differenziator jedoch weiterhin das Kapital ist, das eine sui generis unabschließbare Bewegung differenziert. Das Signifikat Mehrwert, welches in der Signifikantenkette des Geldmehrwerts enthalten und zugleich unsichtbar bleibt, zeigt sich in immer weiteren stellvertretenden Signifikanten an, die nichts weiter als das Signifikat des Mehr (als Geldkapital) repräsentieren. Geldmehrwert impliziert einerseits die differenzielle Wiederholung als quantitative Variation, andererseits die selbstreferenzielle Setzung (Determination), die jedoch zu keinem fixen Resultat führt und definitorisch nur wirken kann, indem sie die Vermehrung permanent voranschiebt. (Ebd.) Als solche Setzung ist sie mit der quantifizierten Wiederholung kompatibel. Mehrwert wird jetzt zur (abwesenden) Instanz, die at once die Anweisung auf zukünftige Vermehrung beschließt. Das Kapital muss beständig auf einen Zeitgewinn hoffen, der jedoch nie eingeholt werden kann. Dies drückt sich im Geldkapital als Differenz aus, insofern es auf das Projekt der Kalkulation der Zukunft angewiesen ist, die als das Noch-Nicht der Aneignung immer wieder aussteht, und dies bedeutet zugleich das Mehr, das es unaufhörlich zu vermehren gilt. Die Prozesse der Vermehrung des Geldkapitals implizieren die Freisetzung von gesellschaftlichen Praktiken, in denen sich quantitative Differenz, Setzung (Determination und Superposition) und Wiederholung (Idempotenz und Virtualisierung-Aktualisierung) gegenseitig bedingen, wobei die Setzung die Zerstörung jedes fixen Resultats qua potenziell zirkulierender Struktur bedeutet (Virtualisierung), was wiederum Wiederholung qua potenziell fixierbarer Zirkulation impliziert (Aktualisierung). Diese Virtualisierung-Aktualisierung-Verschaltungen bleiben per se an das Ziel der Erzielung des Mehr gefesselt. (Ebd.: 294) Eine seltsame Art der Un-Gleichung, die hier jenseits einer bloß bürgerlichen Verteilung des Mehrprodukts stattfindet. Entgegen der Äquivalenz des Tauschs ist das abstrakte Mehr als jene entscheidende Instanz des Kapitals zu verstehen, als jenes verschobene Signifikat, das sich in den repräsentierenden Signifikanten des Geldes anzeigt. Der Begriff »Geldmehrwert« bedingt hier sui generis den Mehrwertbegriff, insofern jener sich komplett vom Inhalt emanzipiert hat, und dieser Sachverhalt impliziert als rein formeller Gleitprozess den systemischen »Mangel«, den »Mangel« an Mehr oder die berühmte Maßlosigkeit des Kapitals, wobei diese als Vorgriff auf das Mehr den Mangel dominiert und nicht umgekehrt, sodass jede lacanistische Position des Mangels hier ausgeschlossen bleibt. (Ebd.: 191) Entgegen der ausschließlichen Fundierung des Mehrwerts in der lebendigen Arbeitskraft gehen wir zudem von der Möglichkeit eines maschinellen, eines algorithmischen und generell eines Mehrwerts aus, der durch die Exploitation von Differenzen entsteht.

Es ist begrifflich von einer virtuellen Gleichzeitigkeit von Ware, Geld und Kapital auszugehen, und dies bei gleichzeitiger Determination der Simultaneität durch das Kapital in der letzten Instanz. Innerhalb der quasi-tautologischen Formel G-W-G` wird das Geld nicht verausgabt, sondern vorgeschossen und in die Produktion ausgelegt, um aus ihr vermehrt zu sich selbst zurückzukehren. Das Geld fungiert hier als Kapital, innerhalb dessen selbstreferenzieller Relation G-G’ es zirkuliert. Wenn das Geld als Kapital die Kapazität besitzt, sich als Selbstzweck zu setzen, dann beherrscht es umfassend die Produktionssphäre, um diese in die primär-monetäre Zirkulation G-W-G’ zu integrieren. (Vgl. Sotiropoulos//Milios/Lapatsioras 2013a: 43) Die Produktion und Zirkulation von Waren sind demnach als Integrationen (sowohl strukturell als auch temporär) in die monetäre Ökonomie des Kapitals aufzufassen, also als Phasen, Aspekte und Teile des Umlaufs des Geldkapitals. Wir können dies mit Laruelle als die irreversible Logik der uni-lateralen Dualität oder als die mono-laterale Natur der Determination-in-der-letzten-Instanz denken. (Damit muss der Sinn des Begriffs »Relation« definitiv umgestaltet werden, nämlich in den einer uni-lateralen Relation oder eben der Nicht-Relation.) Marx hat gezeigt, dass auf der Ebene des Einzelkapitals die Formel G-W-G’ den entscheidenden Ausdruck aller dem Kapital gemäßen ökonomischen Relationen darstellt, und darin ist selbstverständlich die Warenproduktion miteingeschlossen, die nun ein rein funktionaler Prozess, ein Prozess für den Tausch bzw. für den Profit geworden ist. Das Kapital bindet den Produktionsprozess je schon an die (monetäre) Zirkulation, i. e. die Produktion ist eine Phase oder ein Moment der Zirkulation des Kapitals, dessen allgemeine Form sich schließlich in folgender Formel anschreiben lässt: G-W-P-W’-G’ (Ebd.)

Dergestalt gilt die Logik der Kapitalisierung apriori für jedes Einzelkapital, egal welcher Fraktion oder welchem Sektor es nun angehört. Damit muss zunächst jedes kapitalistische Unternehmen als gleichwertig mit jedem anderen gelten, und diese Gleichwertigkeit bezieht sich auf das Unternehmen als einem struktural-funktionalen »Ort« des Kapitals, an dem und von dem aus die wichtigsten Aktivitäten des Geldkapitals generiert werden. Die obige Formel der Geldkapitalzirkulation (in Relation zu den im zweiten Band des Kapital vorgeführten Kreislaufformeln des Warenkapitals und des produktiven Kapitals) ist der primäre Ausdruck der Kapitalökonomie und seiner sozialen Relationen, die die Warenproduktion als Produktion-für-den-Tausch und als Produktion-für-den-Profit inkludieren. Dies heißt auch, dass das Geld zwar nur eine Erscheinungsform, aber eben die primäre Erscheinungsform des Kapitals ist. Jedes kapitalistische Unternehmen, egal welchem ökonomischen Sektor es nun angehört (primärer, sekundärer oder tertiärer Sektor, Zirkulation, Finance), muss apriori strukturell gleichwertigen Kapitalprozessen nachgehen, angefangen vom Einsatz des Geldkapitals und dem Kauf der Waren, der Kosten generiert (Kauf von Produktionsmitteln, Rohstoffen und Anmietung von Arbeitskräften), um dann im Zuge von Produktionsprozessen Waren herzustellen, die einer differenten Quantifizierung gegenüber den eingekauften Waren angehören, das heißt als monetärer Output einen höheren Preis als der monetäre Input realisieren. 4

Jeder Kapitalist fungiert strukturell als eine Art Händler, der mit geliehenem Geld oder als Geldeigentümer Waren einkauft (Input des Unternehmens), um einen produzierten Output zu verkaufen, und/oder als ein Manager, der die Produktionsprozesse bilanziert, überwacht und koordiniert, um sie zu effektivieren. Und die Preise werden in einem Unternehmen nicht nur bestimmt, um einen monetären Output, der höher als der monetäre Input einer gegeben Periode ist, sondern um zumindest eine durchschnittliche Profitrate auf den Märkten zu realisieren. Und dies gilt eben auch für die Unternehmen des finanziellen Sektors. Das finanzielle Unternehmen generiert Kosten, stellt Arbeitskräfte ein und kauft Maschinen, um bestimmte Waren zu kreieren und zu verkaufen: Tauschwerte, die Gebrauchswerte für andere sind. (Ebd.: 45) Das Finanzunternehmen mag zwar verschiedene Typen von Institutionen umfassen, aber es produziert eben bestimmte Serviceleistungen, die kapitalistische Waren oder Kapital sind. Der Relation von virtuell zirkulierender Kapitalstruktur und virtuell fixierbarer Kapitalzirkulation ist auch das finanzielle Kapital unterworfen. Es geht also um durch das Geld eingeleitete und immer nur vorläufig abgeschlossene Kreisläufe, oder, exakter, um sich wiederholende erweiterte Spiralbewegungen bzw. um durch das Geld homogenisierte Prozesse der erweiterten Reproduktion (inklusive Produktion und Zirkulation), die auf der Ebene des Gesamtkapitals ihre quasi-transzendentale Bedingung besitzen.

Wenn man die wichtigste Phase aus den permanent verlaufenden Kapitalmetamorphosen von Geld-, Waren- und Produktivkapital extrahiert, nämlich die Bewegung des Geldkapitals selbst, dann sind darin mindestens zwei Kapital-Subjekte anwesend. Der Platz des Kapitals wird vom Geldkapitalisten und dem fungierenden Kapitalisten besetzt, sodass man bei der Kapitalanalyse von vornherein nicht von der Zirkulation des zinstragenden Kapitals abstrahieren kann. Dafür haben die marxistischen Ökonomen Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras folgendes Diagramm entwickelt (Ebd.: 8):

Der Geldkapitalist (A) ist Adressat und Eigentümer von Sicherheiten (Aktien, Wertpapiere, Derivate etc.), die ein geschriebenes, aber trotz erbrachter Sicherheitsleistungen nach wie vor kontingentes Versprechen auf Zahlungen des fungierenden Kapitalisten (B) beinhalten. Dieses Versprechen zertifiziert, dass der Geldkapitalist (A) Eigentümer des Geldkapitals (G) bleibt, sodass bei einer monetären Transaktion dem fungierenden Kapitalisten (B) nur das Recht übertragen wird, vom Geldkapital (G) des Geldkapitalisten (A) unter spezifischen Bedingungen (Zins und Tilgung) für eine gewisse Periode Gebrauch zu machen. Wenn das Unternehmen börsennotiert ist, dann korrespondieren dem fungierenden Kapitalisten (B) die Manager des Unternehmens und dem Geldkapitalisten (A) die legalen Eigentümer. Der fungierende Kapitalist (B) setzt die Geldsumme (G) als Kapital ein, um die notwendigen Anschaffungen vorzunehmen und den Produktionsprozess mit dem Ziel der Generierung von Profit zu organisieren und kontrollieren. (Ebd.: 8f.) Daraus ergeben sich nun folgende Konsequenzen: 1) Die beiden der Kapitalrelation inhärenten Plätze werden von finanziellen und fungierenden Kapitalisten besetzt, womit die von Keynes getroffene Unterscheidung zwischen einer produktiven Klasse, die innerhalb der Unternehmen angesiedelt ist, und einer externen und gegenüber der Produktion parasitären Klasse der Rentiers, abzulehnen ist. 2) Das finanzielle Wertpapier stellt eine Form des Eigentums an Kapital dar. Bei den Eigentumstiteln erster und zweiter Ordnung handelt es sich um Papierduplikate, die für die Eigentümer hinsichtlich eines zukünftig zu realisierenden Einkommens einen Preis besitzen (Kapitalisierung gemäß einer Zinsrate, die die jeweiligen Risiken darstellt). Eigentumstitel sind Formen des fiktiven/spekulativen Geldkapitals. Der Preis eines Eigentumstitels ist das Resultat der Kapitalisierung eines Geldeinkommens. Die finanzmathematische Rechenoperation besteht in der Berechnung (Diskontierung) des gegenwärtigen Werts (einer ökonomischen Einheit) der in Zukunft erwarteten Gewinne. (Bichler/Nitzan 2009: 188f.) 3) Der finanzielle Modus des kapitalistischen Eigentums als Versprechen und Forderung auf die Aneignung eines zukünftigen Surplus eröffnet ein Terrain, auf dem tendenziell jeder x-beliebige Einkommensstrom in Beziehung zum fiktiven/spekulativen Kapital gesetzt werden kann. 4) Es kommt zum Anstieg der nicht auf Banken bezogenen Kredite. Dabei steht das Risikomanagement, das sich in Solvenz-, Zinsraten-, Liquiditäts- und Kreditrisiken diversifizieren lässt, heute im Zentrum der Finanzmärkte und ihrer Entscheidungsproblematiken. Es gilt die Kontingenz als Möglichkeit der Nicht-Realisierung eines erwarteten Gewinns stets in die Planungen eines Unternehmens miteinzubeziehen.

Die monetären Techniken des Risikomanagements lassen sich am Beispiel der Preisfindungsprozesse des Kapitals explizieren. Die Autoren Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras haben dafür folgende Formel angeschrieben: Aufgrund einer konstanten Zinsrate (r) sowie einem zukünftigen Strom von Gewinnen (Gt + 1,Gt + 2 … Gt +) kann ein gegenwärtiger Wert Kt wie folgt kapitalisiert werden(Sotiropoulos//Milios/Lapatsioras 2013a:140):

Da jeder zukünftige Gewinn als kontingent einzustufen ist, gibt es keine Möglichkeit, die Gewinne als Quantitäten exakt vorherzusagen. Man kann jedoch wenigstens den Grad des Vertrauens, der sich in der Zinsrate r ausdrückt, mit quantitativen Größen anschreiben.

Die Idee vom Kapitalisten als einem funktionslosen und abwesenden Eigentümer, der seinen Gewinn außerhalb des Produktionsprozesses in Form einer Rente erzielt, indem er Vorteile aus der Knappheit des Kapitals zieht, geht auf die Werke von Ricardo zurück. Die Autonomie gegenüber dem Produktionsprozess eröffnet dem Rentier freien Zugang zu den Finanzmärkten, wo er als Teilnehmer genau dann profitiert, wenn er Rente oder Profit durch die Inbesitznahme eines Teils des Einkommens, das in der »realen« Produktionssphäre kreiert wurde, generiert. In diesem Sinne funktioniert der moderne Rentier als ein verantwortungsloser Wucherer, der die Produktion und Akkumulation von Gebrauchswerten behindert, indem er den Profit ausschließlich in der Zirkulationssphäre sucht und dort auch realisiert (durch Spekulation und Inbesitznahme). So wird in der marxistischen Literatur die Formel G-G′ zumindest teilweise gelesen: Die Profitabilität des Kapitals kann demnach durch zwei verschiedene Modi gesichert werden: Einen produktiven (G–W– G′) und einen parasitären oder spekulativen Modus (G– G′′, mit G′′ = ΔG′). Ricardo selbst kommt natürlich zu solchen Schlussfolgerungen nicht, nichtsdestotrotz hat er den Großteil der marxistischen Literatur mit seiner Renten- und Arbeitswerttheorie wesentlich beeinflusst. Wenn schließlich der Rentier in der Ökonomie dominant wird, dann werden die produktiven Kapazitäten der »Gesellschaft« unterdrückt oder sabotiert, wie dies Bichler/Nitzan sagen (Bichler/Nitzan 2009), während die spekulativen und räuberischen Aktivitäten der Financiers in den Vordergrund treten. Das Hauptmotiv des Kapitals bestünde dann tatsächlich in der rastlosen Suche nach Profiten in der finanziellen Zirkulation, die letztendlich jedoch nach wie vor aus den Produktionsprozessen des industriellen Kapitals oder aus den Einkommen von Lohnabhängigen stammen. Die Zirkulation wäre das entscheidende Mittel, um Profite zu absorbieren, die vorher in der Produktion generiert wurden oder in der Zukunft generiert werden müssen, um die Verschuldungen zu decken. Gerade dieser Sachverhalt würde heute die Stagnation und Instabiliät der Produktion von Gebrauchswerten begünstigen. Dies ist eine der Marx`schen Wert- und Kapitaltheorie diametral entgegengesetzte Position, wie wir noch zeigen werden.

Kommen wir beim Abschluss unseres analytischen Kurzdurchlaufs durch die monetäre Werttheorie noch zum fiktiven Kapital. Beim zinstragenden Kapitals wird der Wert der regelmäßigen Geldzahlungen (Zins) durch die Kapitalisierung zum jeweiligen Durchschnittszinsfuß ermittelt. Das Marx`sche Konzept des fiktiven Kapitals (Staatsanleihen, Wertpapiere, Derivate etc.) kann nicht ohne den Bezug zum zinstragenden Kapital verstanden werden, weil hier schon eine fiktive Verdopplung des Kapitals in fungierendes Kapital einerseits und einen Eigentumstitel andererseits stattfindet. Das zinstragende Kapital ist sui generis fiktives Kapital, dessen Preisfestlegung auf der Basis von Einkommen und Renditen geschieht, die in der Zukunft erwartet werden. Die wahre Erscheinungsform des Kapitals ist notwendigerweise seine fiktive Form. Fiktiv ist das Kapital nicht wegen seiner Flüchtigkeit in der Finanzsphäre oder wegen der imaginären Abtrennung gegenüber dem »Realkapital«, vielmehr bedeutet, so sieht es zumindest John Milios, der Term »fiktiv«, dass die Relationen der kapitalistischen Produktion verdinglicht sind – die Relationen des Kapitals erscheinen als ein Ding, als eine Ware sui generis, als eine finanzielle Sicherheit. (Milios 2004) Es gilt allerdings den Begriff »Verdinglichung« in Anführungszeichen zu setzen, denn fiktives Kapital inkludiert je schon einen temporalen und relationalen Preisbildungsprozess, der auf die Kapitalisierung von zukünftigen Einkommen bezogen ist. Das fiktive Kapital stellt eine spezifische Form des real-finanziellen Kapitals dar. Es findet hier quasi eine »Realitätsverdopplung« statt, wobei sich die »reale Realität« allerdings nur analytisch von der fiktiven Realität unterscheiden lässt, während die Verknüpfung der beiden Realitäten niemals aufgehoben werden kann. Auf dem Kapitalmarkt erhält die fiktive Verdopplung des Kapitals (fungierendes Kapital und Eigentumstitel) eine real-ökonomische Existenz. Das je schon wahrscheinlichkeitsorientierte fiktive Kapital hat zwar insofern fiktionalen Charakter, als zukünftige Zahlungen unsicher sind, aber sie werden in der Regel doch geleistet (wobei bei Krediten Sicherheiten hinterlegt werden müssen) und wirken damit auf die »reale Realität« der Ökonomie zurück, somit sind sie selbst wieder »real«. Schon bei einem Kredit kann sich das fiktive Kapital selbst verdoppeln, wenn der Kreditnehmer in der Funktion des Kapitalisten die geliehene Geldsumme gewinnbringend einsetzt und der Kreditgeber in Zukunft mit Tilgung und Zins rechnen kann. Wenn nun die monetären Ansprüche, die im fiktiven Kapital inkludiert sind, Waren- oder Kapitalgestalt annehmen (Aktien, Anleihen Wertpapiere etc.) und beliebig übertragbar werden, dann nimmt das Spiegelbild des Ausgangskapitals ebenso an der Kapitalzirkulation teil wie eben die ursprüngliche Geldsumme: Der Kauf eines Eigentumstitels ermöglicht die spezifische Nutzung des sekundären Gebrauchswerts des Geldkapitals, der in seinem Handel und der Rendite besteht, während der Verkäufer der Anleihe von der Kapitalisierung des Geldkapitals keinesfalls ausgeschlossen bleibt, denn wie beim Verkauf von gewöhnlichen Waren verfügen die Emittenten der Anleihen ganz real über das Geld, das ihnen der Verkauf des Eigentumstitels einbringt, um schließlich profitbringende Prozesse in Gang zu setzen. (Vgl. Lohoff/Trenkle 2012: 131f.).

Zudem ist das fiktive Kapital auch aus der Sicht des Gesamtkapitals bzw. des ökonomischen Gesamtprozesses als Kapital zu betrachten. Produktivitätsgewinne durch den Einsatz neuer Technologien wecken Erwartungen auf zukünftig höhere Gewinne und führen zur Steigerung der Aktien- und Vermögenswerte, während gleichzeitig durch die Steigerung der Produktivität erzielte Kostensenkungen die Inflation dämpfen. Kommen nun bei gedämpfter Preisentwicklung durch Notenbanken initiierte zinsgünstige Kreditbedingungen hinzu, so kann dies wiederum die Nachfrage nach fiktivem Kapital steigern, das seinerseits das Wachstum von Produktion und Produktivität anschiebt, soweit es die Entwicklung der Profitraten zulässt.

Fiktives Kapital inhäriert zudem die Repräsentation der kapitalistischen Realität – Ideen, Perzeptionen, Wissen und Diskurse, die nicht aus den Meinungen und gewöhnlichen Vorstellungen der Akteure resultieren, sondern aus den sozialen und ökonomischen Relationen des Kapitals selbst entstehen. Die ideologische Repräsentation, die John Milios immer mit der Marx`schen Fetischismustheorie verbindet, stellt hier kein subjektives Phänomen dar, das auf Illusionen, Glauben und Meinungen basiert, vielmehr bezieht sie sich auf eine ökonomische Realität, die durch ökonomische Objekte und deren Relationen vermittelt wird. (Vgl. Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras 2013 a: 148f.) In dieser Hinsicht handelt es sich um objektive Perzeptionen, die die Ökonomie und die Klassenstruktur wesentlich opak halten und zugleich zu einem dem Kapital adäquaten Modus des Verhaltens und der Handlungen aufrufen, die für die Effektivität der kapitalistischen Machtbeziehungen unbedingt notwendig sind. In diesem Kontext spielen die Finanzmärkte heute eine aktive Rolle in der Organisation der sozialen Machtbeziehungen. Kapitalisierung impliziert also immer auch Strategien der Bewertung, die das Resultat bestimmter »Repräsentationen« der Ökonomie auf der Basis von Risiken sind. So ist die Interpretation der Fundamentaldaten der Unternehmen ohne diese Art der »ideologischen« Repräsentation gar nicht vorstellbar. Die multiplen ökonomisch-technisch-politischen Ereignisse, die aus den Unternehmen selbst emergieren, werden an den Geld- und Kapitalmärkten in objektive Perzeptionen und quantitative Zeichen (a-signifikante Semiotiken) konvertiert. Das finanzielle System usurpiert darüber hinaus heute auch die Repräsentation und die Quantifizierung der sozialen Machtbeziehungen und damit das alltägliche Leben der Menschen. Man muss diese Sachverhalte überhaupt nicht an die Debatten um Modelle binden, in denen es fast ausschließlich um die Effektivität von Informationen geht, darum, ob die Marktteilnehmer fähig sind, einen essenziellen Teil der beobachteten Realität (Fundamentaldaten) korrekt zu erfassen oder eben nicht. Befüworter und Gegner dieser Modelle teilen die These, dass es hier stets um Relationen zwischen den beobachtenden Subjekten (Marktteilnehmer) und den beobachteten Objekten (Realität) geht. Das Subjekt wird als der Realität äußerlich begriffen und die Realität erscheint als völlig transparent. Der Streit entbrennt schließlich allein darüber, ob die Marktteilnehmer die Fähigkeit besitzen, brauchbare Informationen auch zu nutzen und wie diese deren Entscheidungen beeinflussen. Die Position von Marx bricht radikal mit dieser anthropologischen und zugleich empiristischen Perspektive. Für Marx ist das beobachtende Subjekt immer schon in den suprapersonalen ökonomischen Relationen des Kapitals eingebunden und wird von ihnen dominiert, von den objektiven Formen der existierenden Komplexe kapitalistischer Machtbeziehungen, und dies ganz unabhängig von der Qualität und Brauchbarkeit der verfügbaren Informationen. (Ebd.) In den Grundrissen schreibt Marx: »Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehen.« (MEGA II/1.1: 188) Gesellschaft, das heißt die Ökonomie, wird nicht durch Individuen konstituiert, sondern drückt Marx zufolge die Summe der Relationen aus, in denen Individuen existieren. Die Relationen werden hier nicht als transzendent, sondern als immanent bezüglich der Terme vorgestellt.

1 Zwei Geraden, die parallel verlaufen, haben (als gemeinsame Eigenschaft) dieselbe Richtung, wobei es sich bei diesem Schema um die Abstraktionsdefinition handelt, wie sie von dem Mathematiker Guiseppe Peano 1894 in die mathematische Logik eingeführt wurde. (Vgl. Schlaudt 2011: 265) Es war Bertrand Russell, der diese Formalisierung mit den Termini der Mengenlehre prägnant ausgedrückt hat:«Die Zahl einer Menge ist die Menge aller ihr äquivalenten Mengen.« (Russell 1960: 55/56) Für Marx sind Warenwerte als qualitativ gleich dargestellt, insofern sie im Geld gemessen werden können, und damit sind sie auch quantitativ vergleichbar. (MEW 23: 109) Dass der Wertausdruck als unsinnliche Eigenschaft der Relata in der Relation der Gleichheit zu verstehen sei (womit er keine externe Relation gegenüber den Relata impliziert, sondern eine interne Relation expliziert), das rechtfertigt Oliver Schlaudt mit dem Rückgriff auf eine scholastisch inspirierte Abstraktionsdefinition: Die Wertabstraktion verweise als Verhältnisbestimmung immer auf ein Begriffspaar, wobei dasjenige, das abstrahiert wird, nämlich Wert, und dasjenige, wovon abstrahiert wird, aufeinander bezogen seien. (Schlaudt 2011: 266)

2 Daraus »leiten« sich dann auch die weiteren Funktionen des Geldes wie Zahlungsmittel, Wertaufbewahrungsmittel, Schatz etc. ab. Mit dem Geld als Zahlungsmittel wird der Preis der Ware als Zahlungsversprechen realisiert. Geld löst das Zahlungsversprechen ein.

3 Es gilt hier zwischen Geld- und Kapitalformen – Geld als allgemeines Äquivalent und Geld als Kapital – und weiteren Geldfunktionen zu unterscheiden. Geld gilt über das Maß der Werte und als Zirkulationsmittel (in Relation zu Zeit und Menge) hinaus auch als Zahlungsmittel, Giralgeld, Zentralbankgeld etc. und daraus folgen Probleme wie Verschuldung, Wertschwankungen des Geldes und Schatzbildung.

4 Dabei sind alle Arten von Arbeit, die Mehrwert produzieren, als produktiv einzustufen – sie werden gegen variables Kapital getauscht und generieren Profit für das Kapital. Als nicht-produktiv gelten alle Formen der Arbeit, die nicht gegen variables Kapital ausgetauscht werden, wie etwa reproduktive Arbeiten in privaten Haushalten, die der eigenen Konsumtion dienen; Arbeiten, die nicht mit Kapital, sondern mit privatem Einkommen ausgetauscht werden; Angestellte im Staatsapparat, die keine Güter oder Dienstleistungen verkaufen; Selbständige, die Waren ohne Mehrwert verkaufen etc. Wir gehen zudem von der Existenz eines maschinellen Mehrwerts aus, was wir ausführlich in Kapitalisierung Bd.1 diskutiert haben. (Szepanski 2014a: 302f.)

Foto: Sylvia John

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