Biopolitics, Necropolitics

Psychopathologien vom Standpunkt des Subjekts gedacht

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9 Apr , 2018  

Anmerkungen zu “DER FUNKTIONELLE PSYCHOPATH – ZIVILISIERTE BARBAREI IM SPÄTKAPITALISMUS. ERSTE THESEN von Achim Szepanski”

Anmerkungen zu These 2) Warum viele in der Tretmühle der Inwertsetzung verbleiben

Aus Sicht der Kritischen Psychologie ist Denken und Handeln durch gesellschaftliche Bedingungen und individueller Bedeutungen dieser Bedingungen begründet und zwar gemäß den Interessen des Individuums. Wie schon beschreiben, liegt den Bedingungen «der zentrale gesellschaftliche Antagonismus zwischen Verwertungsinteresse des Kapitals und den subjektiven Lebensinteressen der einzelnen und die dadurch geprägte Form des ‹Lebens auf Kosten anderer›» (Holzkamp 1997, 45) zugrunde. Dadurch entsteht eine paradoxe Situation: Lohnabhängige produzieren Lebensbedingungen unter denen sie zugleich leiden (Holzkamp 1997, 390). Holzkamp hebt hierbei ein widersprüchliches Verhältnis von Möglichkeiten und Behinderungen hervor, indem Individuen die Alternative haben, kapitalistische Verhältnisse mit begrenzten, restriktiven Handlungsstrategien zu bewältigen, die bloß zugestandenen Möglichkeiten der Lohnarbeit zu «nutzen» und nahegelegte Denkformen zu reproduzieren oder diese Möglichkeiten im Interesse aller zu verwerfen und zu erweitern. Zugespitzt ließe sich mit Holzkamp behaupten, dass die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsformation mit ihrer einheitlichen Wirtschaftsstruktur eine, zumindest formell, auch einheitliche Bewusstseinsstruktur hervorgebracht hat. Mit dem einen Unterschied, dass die herrschende Klasse sich in diesem Verhältnis bestätigt fühlt, den Klassenwiderspruch als ihre eigene Macht empfindet. Lohnabhängige sind dagegen den Bedingungen des Verwertungsprinzips ausgeliefert, jedoch mit der Möglichkeit, ihre Lebensbedingungen egoistisch unter prekären Bedingungen abzusichern oder unter ebenso prekären Bedingungen zu verändern. Die erste Möglichkeit «wird einem dadurch ‹nahegelegt›, dass Versuche, die Einschränkungen, unter denen man handelt, zu sprengen, immer das Risiko implizieren, dass man in Konflikt mit den jeweils herrschenden Verhältnissen bzw. Kräften gerät, diese zurückschlagen und man auch noch den letzten Rest von Handlungsfähigkeit verliert» (Holzkamp 1997, 396). Damit wird ein zentraler Mechanismus deutlich, indem die je eigene Existenzsicherung unter kapitalistischen Bedingungen mit Selbstschädigungen einhergeht: Um das je individuelle Überleben zu sichern, werden einerseits Lebensbedingungen produziert, welche selbstschädigend sind und anderseits werden Selbstschädigungen in Kauf genommen, um an der Macht herrschender Strukturen zu partizipieren.

Anmerkung zu These 19) Warum kollektive Psychopolitiken Dividuen gebären, die fortwährend Selbstverbesserungsanstrengungen unternehmen

Mit dem kapitalistischen Zwang aus Geld mehr Geld zu machen gehen Wechselwirkungen einher, die zu Ausbeutung, individueller, unternehmerischer und staatlicher Konkurrenz sowie innerer Kolonisierung von Lebenswelten und Denkweisen führen. Das heißt, die derzeitigen Lebensmöglichkeiten produzieren Verhältnisse, in denen sich die Bevölkerung allmählich an Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit gewöhnt, weil letztlich nur paradoxe und prekäre Bewältigungsstrategien im Umgang mit den Lebensmöglichkeiten entstehen: Denn indem die je eigenen Interessen durch die Akzeptierung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse verfolgt werden, werden sie auch zugleich verletzt, weil das konkurrenzfördernde ökonomische Prinzip aufrechterhalten wird und mögliche Bündnispartner_innen für die Erweiterung der gemeinsamen Lebensbedingungen verloren gehen. Frei nach dem Motto: «Ich verrate um meiner unmittelbaren Absicherung, Bestätigung etc. willen die eigenen Entwicklungs- und Lebensmöglichkeiten» (Holzkamp 1997, 396).

Diese Mechanismen produzieren ein Gefüge von Regulationen, in denen Individuen ihr Verhalten selbst so regulieren, dass ihre Verhaltensweisen in einem relationalen Verhältnis zur Regulation stehen. Mit diesem so beschriebenen Mechanismus können auch die Reaktionen der Lohnabhänigen auf Selbstverbesserungsanstrengungen verstanden werden, indem eben diese selbstschädigenden Bedingungen in Kauf genommen werden, weil ein Erfolg im Konkurrenzkampf gesellschaftliche Teilhabe in Form von Konsum und politischer Verwaltung ermöglicht. Auf der subjektiven Ebene bleibt durch den Zwang – gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse zu akzeptieren, um das individuelle Überleben zu sichern – allzu oft nur noch die Angst als Bündnispartnerin übrig. Angst vor Arbeitsplatzverlust, Leistungsdruck, finanziellen Einbußen, Intensivierung der Arbeit oder die Angst vor einer persönlichen Ressourcenerschöpfung sind ständige Begleiterscheinungen der Subsumtion der Arbeitskraft unter das Kapital. In der Selbstmobilisierung der Individuen für herrschende Interessen zeichnet sich letztlich ein Verhältnis ab, in dem Menschen «unermüdlich an sich arbeiten, um zu erfolgreichen Subjekten ihrer Entfremdung zu werden und so über ihre Konkurrenten zu triumphieren» (Haug 1991, 42).

Zusammenfassung:

Die beschriebenen Mechanismen deuten darauf hin, dass soziale Gerechtigkeit aktuell scheinbar nicht mehr in der Auflösung des gesellschaftlichen Klassenwiderspruchs hergestellt wird, sondern in der Absicherung der je egoistischen Lebensgrundlage mittels der Abschottung der eigenen Interessen gegenüber «Anderen». Unter Berufung auf die Überlegenheit oder zumindest Vorrangigkeit der «eigenen Nation», «Rasse», des «Körpers» etc. werden Sozialneid und Standortideologien etabliert, in denen der Stolz auf das «Eigene» dann zum passenden ideellen Lohn für eine Bevölkerung wird, deren realer Lohn zum Leben immer weniger taugt. Die Gefahr dieser Logik ist nicht nur das Abdriften in einen modernen Faschismus, sondern die autoritäre Aufrechterhaltung des kapitalistischen Prinzips und der Selbstverwertung des Werts. Die Krux liegt darin, dass das Verfolgen egoistischer Interessen gleichzeitig auch eine Verletzung dieser ist. Sich einzurichten, sich mit den bestehenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abzufinden und unter diesen Bedingungen zu versuchen, einen Rest an Verfügungsgewalt zu erhalten sowie in Bestätigung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse – zumindest partiell – an diesen teilzuhaben, ist vermutlich die Entscheidung, die auch ein Grossteil der Leser_innen von NON getroffen haben. Gleichzeitig bedeutet dies, dass man «die Bedingungen, die einem die Verfügung einschränken, selbst stärkt, d.h., die Kräfte bestätigt, die durch die eigene Handlungsfähigkeit bzw. Entscheidungsmöglichkeiten eingeschränkt sind” (Holzkamp 1997, 396).

Haug, Wolfgang Fritz 1991. Entfremdete Handlungsfähigkeit. Fitness und Selbstpsychiatrisierung im Spannungsverhältnis von Produktions- und Lebensweise. In: Brüsemeister, Thomas et.al. (Hg.); Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen, Berlin, S. 34-51

Holzkamp, Klaus. 1997. Schriften 1. Normierung, Ausgrenzung, Widerstand. Hamburg: Argument

 

Foto: Stefan Paulus

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