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Spekulative Zeit, Verschuldung und Klassenpolitik

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18 Okt , 2018  

Viele der eingängigen Aussagen von kritischen Soziologen, angefangen bei Richard Sennett bis hin zu Elena Esposito, bewegen sich dahingehend, dass die Zukunft sich immer in einer gewissen Distanz zur Gegenwart befände und damit gegenüber dem Hier und Jetzt geschützt und nicht als eine ökonomische Ressource in der Gegenwart an den Märkten gehandelt werden sollte. Der ökonomische Gebrauch der Zukunft in der Gegenwart, den man gerne auch als De-Futurisierung bezeichnet, zerstöre die Zukunft als offenes Potenzial und als Raum für Möglichkeiten. Der konstante Bezug auf die Zukunft bringe zudem eine Gegenwart hervor, die zum einen von jedem narrativen Potenzial abgeschnitten sei und zum anderen auch keine Form von Sicherheit mehr bieten könne. Allerdings gibt es auch Soziologinnen wie etwa Helga Nowotny, die dem entgegensetzen, dass die exzessive Orientierung an der Zukunft, die als getrennt von der Gegenwart gedacht wird, die Gegenwart nicht zerstöre, sondern vielmehr eine nicht endenwollende Gegenwart und einen Verlust von Zeithorizonten erzeuge. Mit Bifo Berardi geht sie davon aus, dass der derzeitige Verlust der Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft keine normative, sondern eine sozio-ökonomische Frage ist

Lisa Adkins zieht in ihrem Buch Time of Money zur Eingrenzung des Problems der Zeit erstaunlicherweise die soziologischen Schriften von Pierre Bourdieu heran, der davon ausgeht, dass die Zukunft nicht durch Möglichkeiten charakterisiert wird, die eintreten mögen oder auch nicht und sich zudem durch eine Distanz zur Gegenwart auszeichnen, sondern dass vielmehr die Zukunft im Hier und Jetzt immer schon präsent ist, obgleich dies so nicht erfahren wird. Adkins verweist zur Illustration dieser These auf das Fußballspiel, bei dem eine kommende Spielsituation nicht einfach möglich ist, sondern in der Konfiguration des Spiels im Jetzt schon anwesend ist.

Die Einschreibung der Zukunft in die unmittelbare Präsenz ist aber nicht einfach in und durch die Praxis gegeben, sondern wird in der Beziehung zwischen Habitus und Welt konstituiert. Die sozialen Felder sind in ihrer Logik nur dann erkennbar und dauerhaft, wenn es Agenten gibt, die mit ihren prä-reflexiven Dispositionen und Habiti in ihnen operieren. Diese Dispositionen beinhalten Routinen und Gewohnheiten, die die Gegenwart aufrechterhalten, aber auch praktische Antizipationen der Zukunft, insofern diese schon als objektives Potenzial oder Spur in das unmittelbar Gegebene eingeschrieben ist. So zeigt das gegenwärtige ökonomische Feld eine kalkulierbare Zukunft an, weil die Agenten in ihm mit ihren Routinen agieren, insofern diese eben eine Basis für praktische Antizipationen bilden. Für Bourdieu impliziert diese Erekenntnis aber nicht das rationale Kalkül des Risikomanagements der Neoklassik, weil die praktischen Antizipationen der Zukunft eher unbewusste und kollektive Habiti und Strukturen voraussetzen, die den rationalen Agenten immer out of line stürzen können. Für Bourdieu ist die Praxis nicht etwas, was in der Zeit stattfindet, sondern sie (wie eben auch die Ereignisse) erzeugt Zeit, Praxis ist Temporalisierung.

Im industriellen Kapitalismus, und hier ist laut Adkins nicht Bourdieu, sondern Thompson heranzuziehen, war die abstrakte Arbeitszeit die Einheit, auf die sich der Tausch stützte, und deshalb galt: Zeit ist Geld. Die Profitraten waren auf die Geschwindigkeit in der Produktion bezogen und ökonomische Ereignisse wurden in den Einheiten der Uhrzeit gemessen, das heißt in abstrakten, quantitativen, homogenen und umkehrbaren Einheiten der Zeit. Als eine Form der Zeit läuft die Uhrzeit exogen zu den Praktiken und Ereignissen, sie ist eine externe Messung von Ereignissen, die als Produktionsraten, Profitraten, Zeiten des Arbeitstages etc. definiert werden. Die ökonomischen Ereignisse produzierten keine Zeit, sondern fanden in der Zeit statt. An dieser Stelle verfehlt Bourdieu die spezifischen Charakteristika der exogenen Uhrzeit, allerdeings werden seine Aussagen bei der Analyse des heutigen Finanzsystems wieder interessant, insofern die gegenwärtigen finanziellen Praktiken auf die Diffusion des hegemonialen Status der Uhrzeit verweisen, auf eine Form der Zeit, mit der Ereignisse und Zeit in einem Fluss fortlaufen.

Adkins verweist zur Verdeutlichung ihrer These zunächst auf ein spezifisches finanzielles Instrument, nämlich auf die Kurve der Renditen von US-Staatsanleihen, die eine Relation zwischen den Zinsraten und den verschiedenen Laufzeiten der Anleihen impliziert. Die Kurve gilt als Benchmark für den zukünftigen Wert anderer Form von Schulden, bspw. für Hypothekenkredite, sie gilt also als Barometer für generelle ökonomische Entwicklungen und Perspektiven, ja des kollektiven Zugangs an den Märkten zur Zukunft. Ihr Siegeszug muss im Kontext des Endes des Keynesianismus und einer Reihe von neuen infrastrukturellen Maßnahmen in den 1970er Jahren begriffen werden, die eine expansive Dynamik der Kreditvergaben und der Schuldenökonomie in Gang setzten. Man denke hier etwa an die Beförderung der finanziellen Expansion durch die Fed, das Floaten des US-Dollars und der Zinsraten, die Versicherung der Kredite, die Rendite bringenden Kapazitäten neuer Finanzinstrumente, die Aufteilung der Bevölkerungen in kreditwürdige und nicht-kreditwürdige Gruppen, die Ersetzung der dauerhaften Lohnverträge durch kontingente Beschäftigung, die Volatilität der Einkommen, das Aufkommen neuer Finanzinstrumente/Derivate und neuer Finanzinstitutionen.

Die Expansion der Kapazitäten von Unternehmen, Haushalten und Staaten, mit denen sie ihre Kreditschulden zu schultern vermögen, bedarf des Aufbaus einer Reihe von institutionellen Arrangements. Nach der Finanzkrise von 2008 wurde diese Infrastrukturen des Finanzsystems weiter ausgebaut. Das Floaten der Zinsraten und des US-Dollars hat die Beziehung zwischen Zeit und Geld, präziser zwischen der Zeit und den Profitaussichten auf Staatsanleihen erneuert. Die Zeit wird nun selbst Teil der neuen Finanzinstrumente und ihren Operationen und damit ein Ereignis in sich selbst. Und die digitalisierten Kalkulation bietet heute die Möglichkeit, die Relationen zwischen zukünftigen Zeitpunkten in der Zeit zu kalkulieren. Sie generiert neue Profitmöglichkeiten hinsichtlich der Kalkulation zeitlicher Beziehungen und erhöht damit die Profitabilität der finanziellen Sicherheiten und anderer Finanzinstrumente.

Damit ist auch eine Transformation der Materialität der Sicherheiten und Derivate angezeigt. Insofern diskrete ökonomische Objekte in der Zeit verbunden und durch die Zeit gemessen und damit neue Profitpotenziale geschaffen werden können, lassen sich die Sicherheiten als ein Kontinuum der Momente verstehen. Das Floaten der Preise und die Volatilität, die sich in den Handelspraktiken anzeigen, erfordern heute den Handel mit temporalisierten Sicherheiten, die sich nicht in der Zeit bewegen, sondern selbst temporale Formen sind und gerade deshalb kapitalisiert werden können. Die Zeit wird nun selbst zum Objekt der Innovation und der Imagination und dies verdichtet sich in der Feststellung: Geld ist Zeit. Es geht hier für Adkins nicht um die Kommodifizierung der Zukunft, sondern um die Transformation der Zeit selbst. An den Derivatmärkten mutieren nun die finanziellen Objekte selbst zu Formen der Zeit, ja die Zeit dieser Objekte wird durch die Techniken und Praktiken der Finanzmärkte konstituiert, Praktiken, welche die Zeit der Derivate für innovative Strategien zur Kreation von Profiten öffnen. Derivate haben ihre eigenen zeitlichen Profile, Gegenwarten und Zukünfte, die offen für ihre ständige Rekalibrierung sind. Derivate und Sicherheiten sind selbst als Formen der Zeit zu verstehen.

Im zweiten Kapitel ihres Buches behandelt Adkins die Austeritätspolitik als eine politische Strategie, mit der die Schuldenökonomie ausgedehnt und erweitert wird, und daraus folgend die Produktivität der Bevölkerungen zur Generierung von Mehrwert durch die Bewegungen und Ströme des Geldes gesteigert werden kann. Im Konkreten bedeutet dies die Senkung der Staatsausgaben, die zu Lasten der einkommensschwachen Bevölkerungsteile und derjenigen führt, die keinen Zugang zu finanziellen Assets haben. Die Austeritätspolitik inkludiert also eine klassenspezifische Put-Option, welche inzwischen die Mehrheit der Bevölkerungen auch in kapitalistischen Kernländern betrifft und die zudem auf Fragen des Geschlechts und der Rasse auszudehnen ist. Diese Politik bevorzugt nicht einfach nur die Reichen und die Finanzeliten, sondern im speziellen diejenigen, die im großen Stil Zugang zu den Finanzmärkten und den Assets haben oder über sie verfügen, seien es Hypothekenverträge, Kredite und Derivate, die eben an den Finanzmärkten gehandelt werden.

Um dies zu verstehen, kommt Adkins auf die Problematik der Expansion des Finanzsystems seit den 1970er Jahren zurück, das a) die finanziellen Institutionen und Instrumente explodieren ließ, b) nicht beschäftigungsintensiv ist, und c) in steigendem Maß in das alltägliche Leben der Bevölkerungen integriert wird. Nicht nur die Banken, Hedgefonds und finanziellen Eliten operieren in den finanziellen Feldern, um spekulative Gewinne mit dem Handel von Assets zu erzielen, sondern auch zunehmend die Mittelklasse und einkommensschwache Schichten in ihrem Alltag. Somit muss das Alltagsleben als ein Raum für finanzielle Investments gestaltet und konfiguriert werden Die spekulative Rationalität wandert nun in das finanzielle Alltagsleben ein.

Und damit wird auch das Geld als Mediator oder als das Mittel des Warentauschs und als Wertmaß transformiert, indem es selbst als eine spezifische Ware (Kapital als Ware) mit sich selbst tauschbar wird und in seiner spezifischen Bewegung finanziellen Surplus generiert, beispielsweise in der Form der Versicherung von Kreditschulden. Einkommensströme, die aus Konsumentenkrediten, Hypotheken und anderen Schulden resultieren (und den Verträgen zwischen Haushalten und den finanziellen Institutionen, die sie versichern) »verlinken« die Haushalte mit den Operationen an den globalen Finanzmärkten. Wenn das Geld nun selbst als eine Ware fungiert, dann verliert es an diesem Punkt seine Funktion als Wertmaß und als allgemeines Äquivalent und transformiert zum Wert in sich selbst, der neue Kapazitäten und Attribute besitzt, man denke an die Transformation und Verdichtung von Krediten und Anleihen in die Attribute Preise und Zinsraten, wobei diese Attribute in eine Vielzahl von Variationen gebündelt und daraufhin gehandelt werden können, deren Möglichkeiten zumindest virtuell endlos sind.

In der begrifflichen Bestimmung der Derivate bleibt Adkins konfus, wenn sie beispielsweise schreibt, dass Geld hier die Charakteristiken des Kapitals angenommen habe und Kapital die des Geldes. Zugleich schreibt sie vom Geld als Kapital als einer spezifischen Ware des Kapitals. Sie bringt also zur Bestimmung der Derivate die Begriffe Ware, Geld und Kapital ins Spiel, ohne sich auf eine Bestimmung festzulegen. Das soll uns hier aber nicht weiter interessieren, denn wir haben das Problem an anderer Stelle ausführlich behandelt. Wir definieren die Derivate im Gegensatz zu John Milios (spezifische Ware) und Bryan/Rafferty (Geld) als spekulatives Kapital.

Adkins schreibt, dass Derivate Dinge in Bewegung setzten und dies auch gerade in Relation zu Konsumentenkrediten und Hypothekenverträgen zu sehen sei. Und selbst noch Einkommensströme, die von anderen Aspekten des alltäglichen Leben herrühren, wie etwa Studentendarlehen, Rechnungen für Mobiltelefone, Rechnungen der Haushalte für Wasser und Elektrizität etc. würden als Inputs in die neuen Finanzinstrumente eingespeist und somit seien selbst ahnungslose Haushalte mit ihren kleinen Einkommen über bestimmte Ketten inzwischen abhängig vom Handel der Derivate an den globalen Finanzmärkten. Randy Martin hat dies als die Finanzialisierung des alltäglichen Lebens bezeichnet. Dabei werden die verschiedenen Formen alltäglicher Kreditierung mit neuen Finanzinstrumenten wie CDOs (Verbriefung; Bündelung verschiedener Kreditformen) auf einige wenige Attribute heruntergebrochen und dann in vielfältigen Kombinationen an den Finanzmärkten gehandelt.

Diese Art der Verschuldung durch alltägliche Kredite steht in einem speziellen Verhältnis zum Lohn, der in seinen verschiedenen Ausformungen zunehmend kontingent wird und sich den durch die Gewerkschaften erkämpften Standardisierungen entzieht. Die Lohnarbeit selbst wird unsicher, sporadisch und unvorhersehbar. Zudem stagnieren die Reallöhne in den letzten dreißig Jahren. Damit können viele Haushalte nur noch durch die Erhöhung der Schulden ihre Reproduktion sichern. Unter den Bedingungen provisorischer und zeitlich befristeter Arbeitsverträge, Austeritätspolitik und stagnierender Löhne müssen die Haushalte niedriger und mittlerer Einkommen ihre Schulden heute einfach erhöhen, womit sie zur Expansion und Multiplikation der Extraktion eines Surplus, der durch Geld und Finance generiert wird, beitragen. Die Erhöhung der persönlichen Schulden und die Abhängigkeit von spezifischen finanziellen Risiken ist aber nur ein Teilaspekt des finanziellen Regimes der Akkumulation, darüber hinaus sind heute die Haushalte immer stärker auch von den Einkommen und Löhnen der Frauen abhängig, egal wie volatil oder prekär nun diese Einkommen sind.

Frauen werden zunehmend in den postfordistischen Arbeitsmarkt gedrängt und integriert, sei es als Lohnarbeit im Bereich der sozialen Fürsorge und der Pflegedienste, aber auch prekär bezahlter Tätigkeiten im häuslichen Bereich. Ein neues institutionalisiertes Modell der Erwachsenen-Arbeit hat das alte fordistische Modell der Familie ersetzt, ersteres ist ein Modell, bei dem in der tendenz alle Erwachsenen an die Arbeit und Beschäftigung gebunden oder zumindest in die konstante Suche nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten integriert werden sollen. So sind gerade Frauen Mehrfachbelastungen ausgesetzt – kurzfristige Beschäftigung oder Lohnarbeit, Hausarbeit und Kindererziehung – und generieren, wenn die geringen Löhne Verschuldung notwendig machen, selbst eine kleine Investitionstätigkeit im Bereich des Haushalts und der sozialen Reproduktion. Gerade durch diese Mechanismen wurde die Familie im Postfordismus wieder neu erfunden und reorganisiert, und zwar hinsichtlich der Neuinszenierung der Eigenverantwortlichkeit und der damit einhergehenden Anbindung an das Finanzsystem. Während im Fordismus die heterosexuelle Familie als Ort der Reproduktion der männlichen Arbeitskraft sowie der Konsumnachfrage fungierte (plus den Zuwendungen des Sozialstaates), transformiert im Postfordismus die Familie in eine sich selbst genügende ökonomische Einheit und/oder in einen Bereich des Investments, wenn sich die Familie durch private Schulden reproduzieren und mittels eines Set von ökonomischen Verantwortlichkeiten, die an die Finanzmärkte gebunden sind, operieren muss Somit wird selbst noch die Familie ein kleines Unternehmen, wonei die Frauen im Zuge der Redefinition der sozialen Reproduktion als eine Art von Unternehmen den Imperativen der Beschäftigung unterworfen werden. Für den Postfordismus ist die Feminisierung des Überlebens essenziell. Und oft genug fungieren die Löhne der Frauen als eine Art Leveraging und der »Spekulation«, um bei den Banken und anderen Kreditinstitutionen Zugang zu versicherten Kreditformen zu finden, um das alltägliche Leben der Haushalte zu gewährleisten, dies auch gerade hinsichtlich der Finanzierung von Leistungen, die bisher vom Staat oder den Kapitalisten übernommen wurden.

So werden die Löhne bewegt, indem sie als Ausgangsbasis für den Zugang zu Krediten und Hypotheken dienen, für die regelmäßige Zahlungen zu leisten sind. Die Löhne, so Adkins, seien an dieser Stelle nicht als ein Mittel für den Tausch von Waren, sondern selbst als eine Ware zu verstehen bzw. als eine Form des Geldes, das ein Wert in sich selbst sei. Auch hier finden wir wieder die Vermischung von Geld, Ware und Kapital bei Adkins vor. Zumindest lässt sich sagen, dass die Löhne mit der Verschuldung korrelieren und mit dem Kauf von Wertpapieren auch ein kleines Kapital x generieren können. Die Arbeiter und Angestellten müssen nun selbst – wenn auch in sehr beschränktem Maß- auf ihr alltägliches Geld spekulieren, um Dinge in Bewegung setzen zu können. So sind die Haushalte nicht nur immer stärker von den Löhnen der Frauen abhängig, sondern auch davon, was diese Löhne hinsichtlich des Potenzials zur Kreditaufnahme in Bewegung setzen können. Die Haushalte werden somit in die neoliberale Risikoproduktion regelrecht hineingetrieben und dies betrifft heute eben auch die Haushalte niedriger und mittlerer Einkommen. Damit werden die Haushalte in spezifisch asymmetrischer Weise abhängig von den Fluktuationen an den Finanzmärkten. Wohnung, Regeneration, Erziehung und Gesundheit – Bereiche der sozialen Reproduktion, für die der Sozialstaat im Fordismus noch seinen Beitrag geleistet hatte – werden nun finanzialisiert, wobei die Haushalte, indem sie ihre soziale Reproduktion durch Kreditaufnahme sichern, weitere Risiken eingehen müssen. Eine neue Topologie der Anbindung der Bevölkerung an das finanzielle Risiko wird damit geschaffen. Wenn es an dieser Stelle um Fragen der Gerechtigkeit geht, dann sollte man sich nicht länger nur auf die Umverteilung der Einkommen konzentrieren, sondern auch auf die Verteilung der finanziellen Risiken.

Die Zeit der vertraglich geregelten Schulden von Haushalten und Personen sowie die der versicherten Schulden muss ausführlich analysiert werden, wenn man die Integration der Bevölkerung in die Schuldenökonomie und die Erweiterung der Potenziale der Bevölkerung, ein positives Risikomanagement leisten zu können, verstehen will. Dies bedarf wiederum des Verständnisses der Logik der Spekulation als ein spezifisch historischer Modus der Akkumulation und der sozialen Organisation. Dabei geht es zum einen um den quantitativen Anstieg der privaten Schulden in den kapitalistischen Kernländern, zum anderen um die zukünftigen Einkommensströme, die aus den vertraglich geregelten Schulden resultieren, und um ihre Anbindung an gegenwärtige Akkumulationsstrategien des Kapitals, das heißt an die Produktivität der Schulden bezüglich der Generierung des Surplus via Geld und Finance. Potente Kreditgeber wie die Banken inkorporieren heute ein strukturelles Machtverhältnis, gerade wenn es um ihre Position innerhalb der Verschuldungskreisläufe der Haushalte geht, die als Kreditnehmer oft keine andere Wahl haben als sich zu verschulden. Wenn Marx die Arbeiter als Lohnsklaven bezeichnet hat, dann muss die Verschuldung als eine asymmetrische Relation verstanden werden, in der die kleinen Schuldner Schuldensklaven sind.

Gewöhnlich wird die zeitliche Dimension der Verschuldung auf das Versprechen der Kreditnehmer zukünftige Zahlungen zu leisten und damit auf die Schließung einer offenen Zukunft für die Kreditnehmer reduziert, die nun keine Möglichkeiten mehr besitzen, bestimmte Potenziale der Zeit zu nutzen. Gegen die darin angelegte Vorstellung, dass Schulden eine Destruktion der Zeit, der Vernichtung der Möglichkeiten in der Gegenwart und der Zukunft nach sich ziehen, will Adkins aber darauf hinaus, dass die Schulden nun eher auf ein generatives Moment in der Zeit verweisen. Damit wird die Logik der Rückzahlung der Schulden auf die Logik der möglichen Zahlungen verschoben, und die Bewegung der Zahlungstermine und -fristen, die einer Logik der Wahrscheinlichkeit entspricht, verschiebt sich hin zu einer Logik des Möglichen. Diese Logik bindet das verschuldete Subjekt an eine Zeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich nicht mehr in einer fixierten Relation zueinander befinden, vielmehr ist die Zeit nun offen für jede Art der Revision. Diese Form der Zeit nennt Adkins »spekulative Zeit«; diese ist an die Logik des Geldes und der Finance gebunden und im Speziellen an den Prozess der Verbriefung von Krediten (CDO), der für das finanzielle Kapital neue Möglichkeiten der Extraktion von Profiten geschaffen hat, und dies eben auch die Kapitalisierung der Einkommensströme der Haushalte betreffend. Die Massenverschuldung inhäriert eine neue Ordnung der Zeit, in der die Produktivität der Bevölkerungen bezüglich der Generierung von Mehrwert – aus den Strömen des alltäglichen Geldes – maximiert werden soll. Diese Reorganisierung des Sozialen bedarf spezifischer Modi von Praktiken, wobei die Architektur der Schulden wiederum bestimmte zeitliche Rhythmen, Sequenzen, Patterns und Sensationen verlangt.

Schulden enthalten also eine temporale Relation, sie werden durch die Zeit definiert: Sie erfordern das Versprechen, zu einer Zeit zu zahlen, die noch nicht erreicht ist, nämlich in der Zukunft, und damit erfolgt die Zurückstellung der Gegenwart zugunsten einer vertraglich geregelten Zukunft, die bekannt ist, noch bevor sie eintritt. Bezüglich der Zeit operieren Schulden mit einer doppelten Bewegung: Das Versprechen zu zahlen, inkludiert Aufschub und Antizipation. Es ist davon auszugehen, dass das ökonomische Überleben der Mehrheit der Bevölkerung in den kapitalistischen Kernländern heute von der Schuldenökonomie abhängig ist. Lazzarato hat schon vor einigen Jahren angemerkt, dass zunehmend größere Anteile des Lebens in die Schuldenökonomie gesogen werden, sodass finanzielle Risiken und finanzielle Kosten letztendlich das ganze Leben durchqueren. Gegen Lazzarato wendet Adkins allerdings ein, dass Schulden eine Komplexität besitzen, die nicht auf den Verlust an (offener) Zeit und Aneignung zu reduzieren ist, das heißt eine datierte Zeit der Rückzahlungen, die ein punktiertes und gleichförmiges Subjekt einfordert, ein Subjekt, das Sanktionen vermeidet, indem es pünktlich Rückzahlungen leistet. Die Kalenderzeit ist extern zu den Handlungen und wird durch Kontexte nicht tangiert, sie ist also nicht variabel, obgleich sie massiv auf die Kontexte einwirkt. Die disziplinäre Handlung gemäß der Uhrzeit ist nach Adkins und Frederici stark auf das weibliche Subjekt im häuslichen Bereich ausgerichtet und bedarf der Anbindung an die Uhrzeit. Darin eingebunden ist das Operieren mit zeitlichen Patterns und Schedules, und gerade dies verweist aber auf keine Entleerung oder den Abschluss der Zeit, sondern auf ein zeitliches Universum, dass durch Rhythmen und Brüche im Fluss der Gleichmäßigkeit gekennzeichnet ist. ,

Dies ändert sich noch einmal mit der Finanzialisierung der Schulden bzw. der Existenz des Kalküls der verbrieften Schulden (Konsumentenkredite und Hypotheken). Die Securitization/Verbreifung von Krediten besteht darin, vertraglich abgesicherte Schulden zu sammeln, zu bündeln und in liquide Assets zu verwandeln, die an den Finanzmärkten gehandelt werden können. Dies hat nicht nur zu neuen Möglichkeiten in der Kreation des Surplus für das finanzielle Kapital geführt, sondern auch die Möglichkeiten der Realisierung von Renditen, die in Hypotheken und Konsumentenkrediten verborgen sind, erhöht. Damit werden die »alltäglichen« Kredite in die Kapitalmärkte hineingezogen. Und damit werden auch die Zahlungsfristen und -pläne der Schulden transformiert, die jetzt nicht mehr gleichförmig, regulär und sequentiell, sondern flexibel, variabel und anpassungsfähig sind. Die Schedules für Rückzahlungen können nun gedehnt, verlangsamt, beschleunigt, reorganisiert und zurückgesetzt werden. Sowohl die variablen Zahlungsräume zur Rückzahlung als auch die Kalkulation der Kreditvergaben werden nicht auf einen zukünftigen Endpunkt ausgerichtet, an dem die Schulden dann endgültig getilgt sind, sondern auf den laufenden und möglichen Service von Schulden, also in Richtung von möglichen, zukünftigen Zahlungen anstatt von Rückzahlungen. Somit sind Kredite, Hypotheken und andere Schulden der permanenten Adaption ausgesetzt und zudem mit Optionen aufgefüllt, sodass bspw. einer Zeit der Zahlungen mit hohen Zinsen eine Befreiung der Zahlungen für eine bestimmte Periode folgen kann.

Auch die Vergabe von langfristigen Krediten ist nicht mehr allein an die Indexierung zukünftiger und wahrscheinlicher Lohnzahlungen gebunden (ausgehend von bekannten Löhnen in der Gegenwart), stattdessen werden Löhne und Einkommen stärker auf Potenziale und Möglichkeiten hinsichtlich der zukünftigen Bedienung von Schulden bezogen. Anstatt weiterhin von der Kalkulation des Wahrscheinlichen, die von der Gegenwart in die Zukunft projektiert wird, auszugehen, bezieht sich das Kalkül der versicherten Schulden auf die Kalkulation möglicher Zukünfte. Die Zukunft wird nicht von einer bekannten Gegenwart aus entfaltet, vielmehr wird die Gegenwart durch kommende Zukünfte saniert, die eintreten können oder auch nicht. Damit werden zugleich Ressourcen von der Zukunft in die Gegenwart transferiert, von Zukünften, die bisher noch nicht eingetreten sind oder nie eintreten werden. Man ersetzt die statistische Kalkulation der Wahrscheinlichkeit durch die algorithmische Anordnung des Möglichen, von der aus neue Praktiken in Gang gesetzt werden sollen. Rouvory und Stiegler haben im Kontext der Analyse einer neuen Form der algorithmischen Governance und einer post-aktuellen Realität schon früh darauf hingewiesen, dass es heute nicht mehr um die Kalkulation der Wahrscheinlichkeit, sondern darum gehe, im Voraus schon dasjenige zu berücksichtigen, was der Wahrscheinlichkeit entflieht und damit den Exzess des Möglichen möglich macht. Auch der Staat bedient sich der neuen Methoden und Techniken, das Mögliche zu modellieren, etwa mittels Software, Risikomanagement, biometrischer Verfahren und des privaten Consultings. Diese Techniken ermöglichen eine neue Form der algorithmischen Governance und der Macht, die ganz auf mögliche Zukünfte ausgerichtet ist und mittels präemptiver Maßnahmen agiert. Man liest nun Spuren, die von möglichen Zukünften hin zur Gegenwart führen.

Die Produktivität der Schulden basiert nicht nur auf der Akkumulation von Profiten, die eben auf Schulden bezogen sind, im speziellen auf Zinsen, die in fixierten Blöcken der zukünftigen Zeit bezahlt werden, sondern in der Akkumulation von Profit, die durch den Handel mit Schulden in der Zeit selbst funktioniert; dafür sind konstitutiv: vertraglich fixierte Einkommensströme, ihre Gewinne und Verluste bezüglich der Schulden, und die »Wetten« auf diese Gewinne und Verluste, das heißt das Herunterbrechen der Kredite auf wenige Attribute und daraufhin das Bündeln, Auspreisen und Handeln dieser Attribute innerhalb der durch das Risiko bewerteten Tranchen. Diese experimentelle Behandlung der Schulden wird nun selbst zur Profitquelle. Profite resultieren für das finanzielle Kapital unter anderem aus dem Handel mit Derivaten, der Restrukturierung von Schulden und der Auktionen mit Krediten, CDOs und CDS.

Die diese finanziellen Operationen begleitende Zeit ist spekulativ, sie hat zumindest eine spekulative Komponente. Adkins verweist an dieser Stelle wieder auf Bryan und Rafferty, Autoren, die die Derivate als eine Form des Geldes bezeichnen. Wenn Derivate aber in Geld realisiert werden müssen, dann sind sie selbst nicht Geld, sondern allenfalls spekulatives Kapital oder eine spezifische Ware, die des Geldes als Kapital. Auf jeden Fall besitzen diese Finanzinstrumente Liquidität und das Potenzial des Transfers, das nicht an das Eigentum eines unterliegenden Basiswert gebunden ist, auf das sich das Derivat bezieht. Im gleichen Atemzug spricht Adkins wieder von den Wareneigenschaften der Derivate, ja von Kapital. Anyway, auf jeden Fall ist ihr darin zuzustimmen, dass die Derivate kein fiktives Kapital sind, sondern wie wir sagen würden spekulatives Kapital, das materiell und real ist.

Die spekulative Zeit ist eine Zeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht in einer prä-determinierten Relation oder Linearität zueinander stehen, sondern die in einem Kontinuum von Bewegung, Transformation und Entfaltung prozessiert. Die Zukunft kann hier nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf die Vergangenheit zugreifen. Die Gegenwart und ihre Relationen zur Vergangenheit und Zukunft können wiederum innerhalb einer Aktion einem ständigen Reset unterworfen werden. Vergangenheit und Gegenwart können in die Zukunft und Zukunft und Gegenwart in die Vergangenheit geschoben werden. Die Flüsse dieser nicht-chronologischen Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte inklusive ihres Resettings und ihrer Reorganisation, ja sogar ihrer Suspension können ohne Weiteres einer Vermehrung von Profiten dienen. Die Zeit der versicherten Schulden und Profite insistiert in einer nicht-chronologischen und indeterminierten Bewegung der spekulativen Zeit.

In dieser Zeit und im speziellen im Kontext ihrer ökonomischen Produktivität muss die Akkumulation via Schulden (die wechselnden Schedules der Schulden von Personen und Haushalten, die verzögert, beschleunigt und reorganisiert werden können) erfolgen. Der am Kalender orientierten Zeit der Rückzahlung wird nun die kalendarische Zeit der Zahlung hinzugefügt, die das Subjekt an die nicht-determinierte Zeit der Spekulation bindet. In dieser Zeit werden finanzielle Aktivitäten mobilisiert und intensiviert; es ist eine Zeit, in der sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem kontinuierlichen Fluss der Revision befinden. Das finanzialisierte Subjekt jammert jetzt nicht länger über die Leere der Zeit, den Verlust der Zukunft oder der zeitlichen Orientierung, sondern dieses Subjekt ist jederzeit bereit die Rekalibrierungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft freudig in Angriff zu nehmen zuzüglich ihre Relationen und Stadien untereinander. Und dieses Subjekt hat nicht zu wenig, sondern zu viel Zeit, nämlich die des Ereignisses und des nicht-chronologischen Flusses der Zeit.

Die Zeit des versicherten Schulden schreibt in die Gegenwart die spekulative Zeit ein. Dies inkludiert keine Praktik der Temporalisierung, wie Bourdieu noch annimmt, sondern eine Praktik der Spekulation, welche die Kapazitäten der Bevölkerung bezüglich möglicher Zahlungen über ganze Lebenswelten hinweg maximieren soll. Denn der Prozess der Securitization inkludiert ein Rewriting des sozialen Lebens der Bevölkerungen, das nun in Finanzsystem und seine Risikoproduktion integriert wird: Der Kreditwürdigkeit von Teilen der Bevölkerung wird die erweiterte Logik der Zahlung des Möglichen hinzugefügt.

Adkins macht die Transformationen im Finanzsystem seit den 1970er Jahren an der Entwicklung neuer Finanzinstrumente, der Verbriefung insbesondere von Krediten, der Austeritätspolitik und der Integration der Bevölkerung in die Finanzkreisläufe fest. Daraus zieht sie weitere Schlussfolgerungen: Die Finanzmärkte haben nach Bretton Woods das Verhältnis von Zeit und Geld verändert sowie eine radikale Temporalisierung der Securitization in Gang gesetzt, deren Profitmöglichkeiten eben in der Zeit liegen. Durch die Austeritätspolitik wird die Schuldenökonomie ausgebaut, die Produktivität der Bevölkerung hinsichtlich der Generierung von Surplus via der Bewegungen und Ströme des Geldes gesteigert. Hinsichtlich der langfristigen Finanzierungsstrategien wurde das »alltägliche Geld« in die Finanzkreisläufe integriert. Kredite werden für Teile der Bevölkerung immer dringender notwendig, um überhaupt ökonomisch überleben zu können. Dies führt zu einer Restrukturierung der Klassenrelationen und des Sozialen insgesamt, bis hin zu den alltäglichen finanziellen Praktiken, die durch spekulative Mechanismen infiziert werden. Insbesondere die Reduzierung der Löhne treibt die Haushalte in die Schuldenökonomie, in der sie auf ihre reduzierten Einkommen spekulieren müssen.

Wenn sowohl die Lohnarbeit als auch die Reproduktion des Lebens zunehmend prekär werden, dann besteht für viele Arbeiter und Angestellte die Gefahr, in subproletarische Bereiche abzurutschen. Die tragende Rolle der Lohnarbeit, die in den produktiven Produktionsprozessen stattfindet, schwindet in den westlichen Kernländern. Damit steigt der Anteil derjenigen, die ohne reguläre Lohnzahlungen im Kontext der Prekarisierung der Arbeit auskommen müssen. Für Adkins besitzen heute aber selbst ein Großteil der Löhne dieselbe Rationalität wie die neuen Formen der Finanzinstrumente. Die Stagnation und die Reduktion der Reallöhne sind ein kennzeichnender Faktor der Zeit des Postfordismus. Adkins zitiert an dieser Stelle David Harvey, der nahelegt, dass die Stagnation der Reallöhne Resultat der Aufkündigung des sozialen Pakts im Fordismus ist, das heißt eines andauernden Angriffs auf die Organisationen der Arbeiterbewegung sowie einer Periode der Konsolidierung der Macht des Kapitals.

Im finanzialisierten Postfordismus sind die Löhne aber nicht ausschließlich durch ihre Stagnation, sondern auch durch ihre Volatilität und Unsicherheit gekennzeichnet. Die Krise der sozialen Reproduktion wird durch den Abbau des Sozialstaates verschärft (Gesundheit, Pflege, Bildung, Wohnung etc.). Diese Faktoren haben im Zusammenspiel mit stagnierenden Reallöhnen die Lücke zwischen den real verfügbaren Einkommen und dem, was zum Leben benötigt wird, erweitert. Für die unsicheren Löhne sind heute selbst die Nullstunden-Verträge beispielhaft, die keine spezifische Arbeitszeit und Lohnhöhe mehr ausweisen und eine permanente Bereitschaft zur Arbeit erfordern. Man denke des Weiteren an die vielen Formen von Verträgen, die außertariflich sind. Gleichzeitig hat sich der Schuldenservice der Haushalte erhöht: Hypotheken, Kredite und Studentendarlehen haben die Form versicherter Kredite angenommen, vertraglich geregelter Schulden, die durch spezifische Finanzinstrumente in Assets transformiert und an den Finanzmärkten gehandelt werden. Damit wird die Produktivität der vertraglich geregelten Schulden für den Prozess der Akkumulation via versicherte Schulden zentral. Die Kreation des verschuldeten Konsumenten dient nun als »Lösung« für stagnierende Löhne und hat das Lohnarbeitsverhältnis selbst verändert. Die Verschuldung wird zudem kontinuierlich gemessen und ihr Anstieg wird heute durch steigende Einkommen-Schulden-Relationen auch empirisch bestätigt, wobei das Augenmerk stärker auf die steigenden Schulden als auf die Entwicklung der Löhne gelegt wird. Unter den Bedingungen der expandierenden Verschuldung werden die Arbeiter nicht nur durch das Lohnarbeitsverhältnis ausgebeutet, sondern auch durch ihre Anbindung an die Banken und andere Finanzinstitutionen via Kreditierung.

Wenn Arbeiter und Angestellte wegen ihrer zumeist zu niedrigen Löhne (um ihre soziale Reproduktion zu sichern) Kredite aufnehmen müssen, dann handeln sie quasi ihre Löhne, um Zugang zu Geld zu bekommen, das etwas in Bewegung setzen kann, das heißt sie beziehen sich auf Eigenschaften des Geldes, die noch nicht vorhanden sind, aber ungenutzte Potenziale frei setzen können. In der Tendenz kann nun selbst noch der Arbeiter ein kleines Investor-Subjekt werden, das Zugänge zu Assets besitzt (bspw. über Versicherungen). Wie Derivate von den ihnen unterliegenden Basiswerten, so können Löhne bis zu einem gewissen Maß von der Arbeitskraft abgetrennt werden, um als Basis für Verschuldungsexzesse zu dienen. Um darauf eine Antwort zu geben, müsste eine neue linke spekulative Politik ins Auge gefasst werden, die sich auch um die Rechte und Bedingungen von Beschäftigten kümmert, die via Kredit Geld in Bewegung setzen müssen.

Foto: Bernhard Weber

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