ZU John Smiths “Imperialism in the Twenty-First Century” (2)

Im nächsten Kapitel untersucht Smith näher die Globalisierung der Produktion hinsichtlich des Outsourcing der transnationalen Konzerne seit den 1960er Jahren. Es waren nicht nur die großen Distributionsfirmen, die auf die Textilproduktionen und andere Waren in den wenig entwickelten Ländern zurückgriffen, sondern es waren Elektronikfirmen wie Cisco, Sun Microsystems und andere, die ihre Produktionen auslagerten, angetrieben durch den Wettbewerb mit japanischen Unternehmen. Die Auslagerung der Produktion nach Taiwan und Südkorea half den amerikanischen Elektronikfirmen, die Produktionskosten zu senken und gab der exportorientierten Industrialisierung in den so genannten “Schwellenländern” einen mächtigen Impuls. Die Elektronik- und andere High-Tech-Industrien standen an der Spitze der Outsourcing-Welle, die nach der Finanzkrise von 2007 noch einmal anzog.

Smith erwähnt schon an dieser Stelle, dass die Kapitalflucht aus den entwickelten Ländern und die Immigration im Zusammenhang behandelt werden müssen. Während die mobilen Teile der westlichen Konzerne teilweise auch als Reaktion auf die Klassenkämpfe der Arbeiter in den Metropolen in den 1970er Jahren in Niedriglohnländer geflüchtet sind, haben weniger mobile Teile des westlichen Kapitals migrantische Arbeit integriert, um den Produktionsprozess zu verbilligen und die Kosten der Reproduktion der Arbeit in ihren Ländern zu senken. Dies wiederum hat Auswirkungen auf die arbeitende Bevölkerung in den imperialistischen Ländern. Das Outsourcing ermöglicht es den westlichen Unternehmen nämlich, die höher bezahlte einheimische Arbeit durch Niedriglohnarbeit aus dem Süden zu ersetzen oder setzt die Arbeiter in den imperialistischen Nationen dem direkten Wettbewerb mit ähnlich qualifizierten, aber viel schlechter bezahlten Arbeitern in südlichen Ländern aus. Fallende Preise für Kleidung, Lebensmittel und andere Artikel des Massenkonsums schützen in den imperialistischen Ländern das Konsumniveau vor sinkenden Löhnen und haben indirekt den Effekt von Lohnerhöhungen. Die Senkung der Kosten durch Outsourcing werden von den westlichen Firmen mit den Arbeitern in den imperialistischen Ländern geteilt.

Für die USA zeigt Smith auf, dass die Ausweitung des Handels mit Niedriglohnländern zwar einen Rückgang der relativen Löhne für wenig qualifizierte Arbeit nach sich zieht, aber eben auch zu einem Rückgang der Preise von Waren führt, die stark von den Armen konsumiert werden. Dieser positive Preiseffekt kann den negativen relativen Lohneffekt mehr als nur ausgleichen. Dabei kann das Outsourcing nicht nur auf den internationalen Handel zwischen intermediären Gütern reduziert werden, sondern muss eben den Export von fertigen Gütern von Niedriglohnländern zu den Unternehmen und Konsumenten der imperialistischen Länder miteinbeziehen. In den Statistiken müssten sowohl die Vorleistungen als auch Fertigwaren erfasst werden, wobei darauf zu achten ist, dass die Geschäftsbeziehungen zwischen nördlichen Firmen und ihren südlichen Lieferanten, die unabhängig sind, immer wichtiger werden. Dennoch machten die Importe der Tochtergesellschaften von großen Unternehmen 27 % der gesamten US-Importe aus Korea im Jahr 1992 aus, und 11 % der gesamten US-Importe aus China. Bis 2005 stiegen diese Zahlen auf 58 % und 26 %.

Die Fertigwarenimporte durch imperialistische Länder aus Niedriglohnländern enthält eine Komposition von diversen Outsourcing- und Offshoring-Beziehungen, die sich in verschiedenen Arten von globalen „Wertschöpfungsketten“ manifestieren. Diese sind seit 1980 in die Höhe geschnellt und haben sich mehr als verdreifacht. in einer Studie, die 2013 von der UNCTAD veröffentlicht wurde, wird gezeigt, dass 67 % der gesamten Wertschöpfung in den globalen Wertschöpfungsketten von Firmen in reichen Ländern erwirtschaftet werden.

Dabei sind die transnationalen Konzerne, die ihre Headquarter in den imperialistischen Länder haben, die stärksten Treiber der Globalisierung der Produktion. Ihre Strukturierung der Produktionsprozesse in den Niedriglohnländern nimmt zwei grundlegende Formen an: Zum einen die “Inhouse”-Beziehung zwischen der Muttergesellschaft und ihrer ausländischen Tochtergesellschaft, zum anderen eine “arm’s-length”-Beziehung mit formal unabhängigen Lieferanten. Trotz der schwierigen Datenlage schätzt die UNCTAD, dass im Jahr 2013 etwa 80 % des Welthandels (in Bezug auf die Bruttoexporte) mit den internationalen Produktionsnetzwerken der transnationalen Konzerne verbunden waren.

Smith resümiert an dieser Stelle, dass der Süd-Nord-Export von Industriegütern nicht so sehr als Handel, sondern als Ausdruck der Globalisierung der Produktion gelesen werden kann, und diese wiederum nicht nur als eine technische Transformation von Maschinen und anderen Produktionsmitteln, sondern als die Entwicklung eines gesellschaftlichen Verhältnisses zu sehen ist, nämlich das zwischen Kapital und Arbeit. Der internationale Wettbewerb zwischen Unternehmen um die Steigerung von Profiten, Marktanteilen und Shareholder-Value geht in zyklischen Schüben voran. Ein wichtiges Merkmal der neoliberalen Globalisierung der Produktion besteht in der Auslagerung von einzelnen Segmenten und Glieder von Produktionsprozessen, der Fragmentierung der Produktion oder der “Aufsplitterung der Wertschöpfungskette” (Paul Krugman). Somit ist die alte Vorstellung eines Nord-Süd-Handels von lediglich Rohstoffen gegen Fertigwaren längst hinfällig geworden.

Die Entwicklung von export processing zones ist mittlerweile in mehr als 130 Ländern zu finden, wobei die industrielle Entwicklung im globalen Süden zwar ungleichmäßig verteilt, aber dennoch sehr weit verbreitet ist. Nach den Angaben der Weltbank ist eine Exportzone “ein Industriegebiet, in der Regel ein eingezäuntes Areal von 10 bis 300 Hektar, das auf die Produktion für den Export spezialisiert ist. Sie bietet den Firmen Freihandels-Bedingungen und ein liberales regulatorisches Umfeld.” Es geht hier um zollfreie Importe von Roh- und Zwischenprodukten und Investitionsgütern, um flexible Arbeitsgesetze, langfristige Steuervergünstigungen und eine Infrastruktur, die stärker ausgebaut als in anderen Teilen des Landes ist. Smith beruft sich auf Zahlen, die zeigen, dass solche Zonen im Jahr 2006 für 75 % der Exporterlöse in Kenia, Malaysia, Madagaskar, Vietnam, Dominikanische Republik und Bangladesh verantwortlich waren, während die Philippinen, Mexiko, Haiti und Marokko 50 bis 60 % der Exporte in diesen Zonen erwirtschafteten. In den über 900 Zonen Asiens waren 53 Millionen beschäftigt, davon 40 Millionen in China und 3,25 Millionen in Bangladesh.

Smith beschreibt daraufhin in kurzen Zügen die Marx`sche Wert- und Mehrwerttheorie, das Verhältnis von produktiver und unproduktiver Arbeit, von Industrieproduktion und Serviceleistungen. Erwähnenswert ist an dieser Stelle, dass falls ein Industrieunternehmen die Erbringung von Dienstleistungen an ein Unternehmen auslagert, das billige Arbeitskräfte in einem anderen Land einsetzt, die scheinbaren Produktivitätsgewinne des Industrieunternehmens größer sind, da die Arbeit nicht nur ausgelagert, sondern auch im Preis gesenkt wurde. Wenn ein Industrieunternehmen Verträge über arbeitsintensive Dienstleistungen wie Reinigung, Catering abschließt und die Serviceleistungen auslagert, steigt die Produktivität der verbleibenden Mitarbeiter nach dem konventionellen und am weitesten verbreiteten Maß für Produktivität an. Der unveränderte Output des Unternehmens wird nun auf eine kleinere Belegschaft verteilt. Dienstleistungen im Offshoring werden erheblich unterschätzt und machen einen überraschend großen Anteil am jüngsten Wachstum der Multifaktorproduktivität des verarbeitenden Gewerbes der westlichen Länder aus. Produktivitätsverbesserungen, die aus Offshoring resultieren, sind größtenteils Kosteneinsparungen und keine Verbesserungen pro Arbeitsstunde westlicher Arbeiter.

Im nächsten Kapitel untersucht Smith die schon angesprochene Unterscheidung zwischen zwei Formen der Auslagerung der Produktion eindringlicher. Einerseits ausländische Direktinvestitionen, bei denen der Produktionsprozess ins Ausland verlagert wird, aber im eigenen Unternehmen bleibt, und andererseits Unternehmen, die einen Teil oder den gesamten Produktionsprozess an einen unabhängigen Lieferanten auslagern, unabhängig in dem Sinne, dass das führende Unternehmen nichts davon besitzt, auch wenn es die Aktivitäten in der Produktion in vielerlei Hinsicht kontrolliert.

Vielfach werden heute direkte Inhouse-Beziehungen mit einer Tochtergesellschaft in Geschäftsbeziehungen mit unabhängigen Lieferanten umgewandelt, und zwar einfach durch die Unterzeichnung einiger juristischer Dokumente oder der Eröffnung eines neuen Bankkontos, ohne irgendwelche Änderungen an den Arbeitsbedingungen oder an den Arbeitsprozessen, an den Preisen der Inputs oder an den Gewinnen, die beim Verkauf des Outputs entstehen, vorzunehmen.

Bei Direktinvestitionen hingegen kauft einen westliche Firma Maschinen und gibt sie als Kapitaleinlage an eine lokale Firma in Schwellenländern weiter, wo die Maschinen installiert werden. Die lokale Firma kann die Maschinen als Sicherheit benutzen, um einen lokalen Bankkredit zu bekommen und Geld aus dem Land bringen. Dies ist nicht die einzige Möglichkeit, wie finanzielle Überschreibungen die Produktionsbeziehungen transformieren können, wobei transferierte Gewinne etwa in Finanzanlagen reinvestiert werden können.

Die Staaten, die die größten Volumina an Direktinvestitionen, Handelsumsätzen, Auslandskrediten und Auslandsvermögen aufweisen, sind zudem in die Wirtschaftspolitik der Schuldnerländer integriert und sie überlassen die Verwaltung der nationalen Defizite der unterentwickelten Länder keineswegs den verantwortlichen Regierungen, vielmehr sind sie zum Tausch von Finanzhilfen nur gegen Zugriffsrechte auf das staatliche Eigentum und auf die nationale Verfügungsmasse des Kapitals des ökonomisch schwach entwickelten Landes bereit. So ergeben sich zwischen den führenden Weltwirtschaftsmächten und den vielen schwachen Ländern, die am Weltmarkt notorisch verlieren, streng hierarchisch ausgeprägte Machtverhältnisse.

Insgesamt lässt sich auch an dieser Stelle wieder sagen: Transnationale Firmen der imperialistischen Länder bleiben an der Spitze, Fusionen und Übernahmen verstärken die Monopolisierung, Unternehmen aus den imperialistischen Ländern haben die größten Preisaufschläge und steigende Marktmacht geht mit einem Rückgang der Unternehmensdynamik einher.

Smith beschreibt vier Typen der Direktinvestition, a) die nach Effizienz strebende Formation, die eine Senkung der Kosten, vor allem der Lohnkosten impliziert, b) die auf dem Markt basierende Investition, die vor allem zwischen den imperialistischen Ländern selbst stattfindet, und auf der Nähe der Produktionsstätten zu den Konsumenten drängt, c) die Ressourcen suchende Direktinvestition in den extraktiven (fossilen) Industrien. (Die Verlagerung von firmeninternen zu fremdbestimmten Produktionsvereinbarungen ist in der Rohstoffindustrie weniger häufig, weil die Einnahme von Pachten aus reichen Erz- oder Ölvorkommen viel leichter zu schützen ist, wenn das führende Unternehmen die Ressourcen und die Mittel zu ihrer Gewinnung direkt besitzt.), und d) die fast nur zwischen imperialistischen Ländern bestehende Direktinvestition, die auf den Transfers von Technologien basiert.

Smith bestreitet die Aussage von John Milios und anderen Marxisten, die behaupten, dass bis heute der Fluss der Direktinvestitionen hauptsächlich zwischen den entwickelten Ländern selbst stattfindet. Für Smith hat der massive Anstieg der Auslagerung in Niedriglohnländer schon vor der Krise von 2007, ein Trend, der durch die globale Krise nur noch verstärkt wurde, diese Ansicht endgültig zunichte gemacht. So übertrafen im Jahr 2013 die Direktinvestitionen in Entwicklungsländer erstmals die zwischen den Industrieländern. Dabei geht Smith davon aus, was natürlich höchst zweifelhaft ist, dass die Direktinvestitionen im Finanzbereich und im M&A, die meist zwischen den imperialistischen Ländern stattfinden, alle als unproduktiv zu gelten haben.

Einige der Direktinvestitionen zwischen imperialistischen Ländern sind in der Tat Investitionen in Firmen, die einige oder alle ihrer Produktionsprozesse in Niedriglohnländer verlagert haben. Smith führt zur Veranschaulichung die Umstrukturierung des zweitgrößten Ölkonzerns der Welt im Jahr 2005 an. Royal Dutch Shell erhöhte die ausländischen Direktinvestitionen in Großbritannien damals um 100 Milliarden Dollar. Doch wo auch immer sie ihre Umsätze und Gewinne verbuchten, die große Mehrheit der 98 Länder, in denen Shell Tochtergesellschaften unterhält, befinden sich in Lateinamerika, Afrika, Zentralasien und dem Nahen Osten.

Das überwältigende Gewicht der M&As in den Strömen der Direktinvestition zwischen den imperialistischen Ländern in den Jahren vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise stellt einen Prozess der Konzentration und Monopolbildung unter den transnationalen Konzernen dar, im Finanzsektor und in allen Industriesektoren, der parallel zur Verlagerung von Produktionsprozessen Produktionsprozesse in Niedriglohnländer verlief. Diese verschiedenen Phänomene werden in den Statistiken unter dem Begriff Direktinvestition zusammengefasst. Sie vereine drei sehr unterschiedliche Trends: die Konzentration von imperialistischen Banken und Finanzkapital; die Konzentration von Unternehmen in Wertschöpfungsketten, in denen die eigentliche Produktion von Arbeitern in den weit entfernten südlichen Zulieferern stattfindet und schließlich ein Prozess der Desintegration von Produktionsprozessen und deren Verlagerung in südliche Länder auf der Suche nach super-ausbeutbaren Arbeitskräften.

Und wenn beispielsweise ausländische Zulieferfirmen Teile für ein Produkt liefern, das in der Endproduktion in den Fabrikhallen eines Konzerns, der in einem entwickelten Industrieland angesiedelt ist, zusammengesetzt wird, dann besitzt der Konzern zwar keine direkten Zugriffsrechte auf die Zulieferfirmen, jedoch bleiben diese im speziellen, wenn sie in den Niedriglohnländern angesiedelt sind, ganz an die Produktionszyklen der Unternehmen der reichen Länder gebunden (siehe Foxconn). John Smith geht auf Grundlage der Daten von UNCTAD davon aus, dass heute ungefähr 80% des Welthandels über die Produktions- und Verteilungsnetzwerke international agierender Unternehmen abgewickelt wird, und es deshalb falsch wäre, sich in der Analyse der Weltmarktbeziehungen und der globalen Wertschöpfungsketten nur auf die Daten zu konzentrieren, die über die ausländischen Direktinvestitionen vorliegen.

Teil 1 hier

Foto: Stefan Paulus

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