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Das Problem – Althusser – Deleuze – Foucault

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7 Jul , 2020  

Liest man Deleuze nicht ausschließlich im Kontext einer vernunftkritischen Position, die gemeinhin mit transzendentalem Empirismus umschrieben wird (vgl. Rölli 2003), auch nicht als Befürworter eines ontologischen Realismus (vgl. De Landa 2006), dann ließen sich mit Deleuze (und Guattari) auch sozio-ökonomische, synthetische Strukturen der gegenwärtigen kapitalistischen Ökonomie im Kontext von begrifflichen Problematiken beschreiben, Strukturen, die im Kapitalismus permanent durch Maschinen oder sog. Regime von Attraktoren bearbeitet, geformt und transformiert werden. Der ausgezeichnete Deleuze-Kenner François Zourabichvili hat wiederum darauf hingewiesen, dass es Deleuze mit seiner philsophischen Konzeption keineswegs um ein Denken des Seins ginge, das vielleicht sogar in der Tradition der fundamentalen Ontologie stünde. Dagegen sei, so Zourabichvili, das deleuzianische Objekt ganz woanders angesiedelt, nämlich in der wirklichen und gelebten Erfahrung, die man als Zeichen des Körpers verstehen könne, wobei sie Kräfte seien, die den Körper affizierten, was schließlich die Synthesis der Kräfte durch ein Denken erfordere, das mit einer konzeptuellen Symptomatologie (des Realen) und eben nicht mit einer neuen Ontologie antworte. (Vgl. Zourabichvili 2003) Zourabichvilis Position siedelt einen spinozistischen Deleuze zwischen Vernunftkritik und Ontologie an. Wir visieren eine vierte Ebene bei Deleuze an, der in Koexistenz mit Guattari in den gemeinsamen Texten im Ansatz die Konzeption einer Nicht-Philosophie bzw. Nicht-Ökonomie der (realen) Gesellschaftsmaschinen des Kapitals vorbereitet hat.

Die Fragen an die Realität (der Ökonomie) und deren Symptome, die ja auch Marx mit seiner Kritik und Darstellung des Systems der politischen Ökonomie stellt, sollten sich nach dem bisher beschriebenen Konzept einer Nicht-Philosophie und dem noch zu darstellenden Konzept einer Nicht-Ökonomie als »objektive« Probleme explizieren lassen, insofern man Begriffe wie Struktur, System, Mannigfaltigkeit und Prozess (der kapitalistischen Ökonomie) selbst als äußerst problematische Konstellationen auffassen darf, die sich bei Deleuze alle vom Begriff der Virtualität her schreiben. Deleuzes Konzept des Virtuellen favorisiert keine ewig statischen Ideen, sondern lenkt die gesamte Konzentration auf die generische Existenzweise der Ideen jenseits einer strikten Trennung von Ideellem und Materiellem. Der Begriff der Virtualität geht auf das mittellateinische virtualis zurück, das sich wiederum vom Wort virtus ableitet, welches für Kraft, Potenzial, Vermögen steht. Es bezeichnet seit der scholastischen Philosophie das, was zwar dem Vermögen nach, nicht jedoch in aktualisierter Form existiert. Sofort könnte man nun den Begriff der Virtualität in Nachbarschaft zum Begriff der Möglichkeit setzen, dieser bleibt aber bei Deleuze deutlich vom Begriff der Virtualität abgegrenzt. (Vgl. Deleuze 1992a: 206f.) Das Virtuelle, das volle Realität besitzt, muss jenseits einer probabilistischen Festschreibung als je schon indeterminiert und als offen ausgewiesen werden, insofern es sich in sich teilt und sich in dieser Ungleichzeitigkeit permanent qualitativ verändert. Während das Mögliche, das immer schon vom Wirklichen her bestimmt ist, als das Wahrscheinliche sich verwirklicht, zeigt der Prozesscharakter des Virtuellen eine je schon von ihm differierende Aktualisierung an. Dabei dominiert das Virtuelle das Aktuelle, ohne es jedoch zu umfassen, gerade weil das Virtuelle sich in und mit der Aktualisierung realisieren muss. Und weil das Virtuelle und das Aktuelle immanent bestimmt sind ohne miteinander übereinzustimmen, kann das spezifische Verhältnis von virtueller Struktur und Aktualisierung nicht derart unterlaufen werden, dass man den Begriff der Struktur auf die Möglichkeitsform aktueller Zustände oder Spezifikationen reduziert, im Gegenteil sollte jede Beziehung der Analogie oder Ähnlichkeit zwischen (virtueller) Struktur, Aktualisierung und aktuellen empirischen Fällen ausgeschlossen werden, u. a. weil die Aktualisierungen und ihre Arretierungen potenziell unvorhersehbar bleiben, während das Virtuelle über eine ganz eigene Realität verfügt, die Deleuze zufolge stets ein für alle Mal jeden Prozess der Aktualisierung gemäß einer Zeit und einem Raum befördert, also in dem Sinne, dass das Virtuelle sein Bestimmungspotenzial nur ein einziges Mal ausspielen kann, womit wiederum das Aktuelle gerade nicht zu einem Abbild eines universell Möglichen verkommt. (Ebd.: 268)

Die Virtuell/Aktuell-Verschaltungen koexistieren, indem sie oszillieren, anders gesagt, es spult sich hier ein Spiel der Differenzen ab. Dem Begriff der Differenzierung inskribiert Deleuze den Unterschied zwischen Differentiation – Differenz als Bestimmung der Idee oder des Virtuellen – und Differenzierung – Aktualisierung einer Idee, wobei es sich hier keineswegs um ein bloßes Verfahren des Kopierens handelt, sondern um die Verstreuung von virtuellen Singularitäten in ihrem Differenzial. (Vgl. Nancy/Scherer 2008: 44) Der Differenzierung inhäriert also die Distinktion zwischen der Virtualität (als Idee) und dem Aktuellen, das als geformte Qualitäten, Relationen und Dinge unaufhörlich weiter moduliert und transformiert, indem es gerade auch auf das Virtuelle zurückwirkt. (Ebd.: 44) Jede Aktivität, die das Neue zu erreichen versucht, setzt als ein Vermögen auf Differenz und dies geschieht als heterogene Zeitlichkeit jenseits der chronologischen Zeit, geschieht als Zäsur im je schon verschobenen Augenblick, der den sog. Flexionspunkt der Differenzierung hält, welcher die Differenz selbst ist. Schließlich hat die Differenz keine Basis als sich selbst und ist damit in und mit ihren Teilungsprozessen je schon gefährdet, d. h., es gibt Produktionen von infiniten Serien von Differenzen, von Differenzen »en bloc«, die in sich selbst differieren; es sind Differenzen, die sich wiederholen und folglich in allen Differenzen wiederkehren, aber zumindest immer ein klein wenig anders. (Ebd.: 31) Alles, was geschieht, geschieht nur ein einziges Mal, einiges bleibt sich gleich, aber nie in all seinen Zügen. Für Deleuze ist Virtualität damit nicht alles Mögliche, sondern das, was in einem spezifischen Zeit-Raum möglich ist, möglich war oder möglich sein wird. (Vgl. Zechner 2003: 103) Das Virtuelle verfügt über enorme Wirkungen im Realen und gleichzeitig erweist sich das Virtuelle gerade wegen seiner Anbindung an empirische Kausalmechanismen immer auch als Wirkung einer Wirkung und fungiert somit als eine unkörperliche Quasi-Kausalität, wobei das Virtuelle natürlich auch inaktuell bleiben kann und damit den Status einer Reserve annimmt. Mit dem Begriff der Struktur erfasst Deleuze per se problematische (symbolische) Verhältnisse, die sowohl durch die begriffliche Konstellation der ihnen zugehörigen Relationen und Plätze (ihren Differentationen in einem topologischen Raum) als auch durch ihre Aktualisierungen in Zeit und Raum »Lösungen« finden können, aber selbst wenn Lösungen in spezifische Verhältnisse eingeschrieben werden, insistieren und persistieren die Probleme weiterhin in den Lösungen. (Deleuze 1992a: 203f) Damit ist u. a. angezeigt, dass es keine universelle Diskursart gibt, welche etwa unerwartete Begegnungen, Dispersionen und Kämpfe innerhalb eines Systems zu vermeiden oder gar zu lösen vermag. Und es bleibt festzuhalten, dass Deleuze die Struktur keinesfalls in der Sprache fundiert, sondern vielmehr in der Zeit.1 Sämtliche in der Struktur inhärierten Prozesse, die in der Zeit verlaufen, sind mit den Problemen der Zeit als Zeitigung, dem virtuellen Aspekt der Zeit, verhaftet oder vernäht, sodass Deleuze hier von einer statischen Genese spricht. Und (virtuelle) Strukturen lassen sich Deleuze zufolge als komplexe, d. h., problematische, ja als heterogene und polykontexturale Systeme beschreiben, die den »ideellen« Faktor Zeit bzw. hochtemporalisierte Einheiten integrieren, oder, um es leicht verschoben mit den Begriffen der Systemtheorie zu sagen, Zeit wird hier als notwendig für Systeme verstanden, indem sie Operationen (Unterscheidung von Unterschieden) erlaubt, die Ordnungsrelationen herausbilden, sodass erst strukturelle Kopplungen koevolutionärer Systeme entstehen können. Wenn diese Operationen (Austausch von Informationen) im Rahmen einer Kopplung von Systemen, die mit anderen Systemen in ihren jeweiligen Umwelten operieren, stattfinden, dann befinden wir uns auf der Ebene der Struktur. Unter dem Gesichtspunkt des Räumlichen sind Strukturen topologisch und im Hinblick auf das Zeitliche unendlich. Im Zuge der Differenzierung von Operationen, die etwas ins Licht rücken und anderes eben nicht, lassen sich – das sieht selbst Luhmann, der aber im Rahmen der Zeitbindung in erster Linie auf die Anschlussfähigkeit der Systeme pocht – auch Potenziale erschließen und produktive Differenzen ins Werk setzen, deren Wirkungen man im Voraus ganz und gar nicht bestimmen kann, allerdings unterstehen (soziale) Systeme in der Systemtheorie dem Primat der Komplexitätsreduktion und führen dementsprechend zur dynamischen Stabilisierung von strukturell gekoppelten Systemen.

Deleuze verbindet mit dem sui generis problematischen Begriff Struktur eine differenziell-virtuelle Mannigfaltigkeit der Idee, die in einem quasi-transzendentalen Feld (von ideellen Ereignissen) statt hat und deren virtuelles und zugleich reales Differenzial im Prozess der Aktualisierung sich realisiert, und dies inmitten einer intrinsischen Zeitlichkeit, d. h., mit jeder möglichen Aktualisierung, der immer das Moment der Differenzierung inhärent ist, verschieben sich auch die differenten Relationen der Struktur selbst. (Vgl. Rölli 2003: 307) Strukturen umspannen einen transzendentalen Bereich, der von den endlichen Leistungen des Verstandes oder vom transzendentalen Subjekt gar nicht eingeholt werden kann. Es geht Deleuze mit seiner Version des transzendentalen Empirismus u. a. um die Neufassung des Verhältnisses zwischen Abstraktem und Konkretem, wobei sich die Abstraktion von vornherein nicht mit einer Art Logik der Abbildung erfassen lässt. Vielmehr zeigt sich hier für Deleuze eine vertikale Bewegung im Mathem des »Differenzials« an, dessen Gebrauch in eine Integration der in Relation gesetzten Elemente auf noch abstrakterer Ebene mündet. Für Deleuze stellt sein Denkmodell des Differenzials, das er als Alternative zur Dialektik vorschlägt, so etwas wie die Bedingung zur Formulierung eines Problems dar, insofern er darauf insistiert, dass wir in jedem Ding eine Unendlichkeit von differenziellen Relationen vorfinden, über die das Differenzial Auskunft gibt, in dem es auf die Technik eines nicht-quantitativen Kalküls verweist. In der Folge sind mit der Bestimmung des reinen Differenzials Relationen des Universellen denkbar, in denen keiner ihrer Terme als unabhängige Variablen fixierbar sind. Deleuze schreibt: »Dx ist im Verhältnis zu x völlig unbestimmt, dy im Verhältnis zu y, im Verhältnis zueinander aber sind sie vollkommen bestimmbar. Darum entspricht dem Unbestimmten als solchem ein Prinzip von Bestimmbarkeit.«2 Mit der mathematischen Figur des Differenzials ist ein Prinzip der Wechselbestimmung von dx und dy angezeigt, gewendet als (platonische) Idee einer reziproken Synthese, wobei wir aber von keinerlei reflexionslogischer Bedeutung ausgehen müssen, stattdessen fragt Deleuze an dieser Stelle immer auch nach der Genese des Prinzips im Sinne einer Produktion von Realobjekten, die schließlich bestimmbar sein müssen. Unter der Dominanz des Differenzials wird allerdings nicht in erster Linie über die Objekte, sondern über die Relationen (und Veränderungen in der Zeit) nachgedacht (dx/dt, wobei x für alles mögliche steht). Das von Deleuze selbst als statische Genese bezeichnete Strukturmodell, das den Gegensatz von Struktur und Genese über- oder verwindet, ist mit der Bezugnahme auf die kantianischen Momente der Unbestimmtheit, Bestimmbarkeit und Bestimmung vollkommen differenziert/different-siert – die Frage bleibt, ob das bis zum Ende durchgezogen wird (und ob sich tatsächlich eine grammatische Differenz zwischen den beiden Begriffen erzeugen lässt). Die (virtuellen) Differenziale, welche immer diverse strukturale Reihen und singuläre Punkte implizieren, entsprechen einem problematischen Feld, das ein virtuelles Potenzial anzeigt und die Kommunikation zwischen den heterogenen Reihen und singulären Punkten ermöglicht. (Vgl. Krause 2011: 171f.) Strukturen enthalten also vollkommen unbestimmte Elemente, sie sind als differentsierte Relationen oder reziproke Differenzialverhältnisse, die untrennbar von einem Potenzial sind, bestimmt, und sie aktualisieren sich in raumzeitlichen Verhältnissen. Wir werden später in der Diskussion des Kapitalbegriffs bei Deleuze/Guattari darauf noch zurückkommen.

Wenn Strukturen als autoreferenzielle Systeme zu verstehen sind, indem sie den ideellen Faktor Zeit integrieren, so werden sie von Deleuze zugleich als Virtualität bestimmt, wobei man vermeiden müsse, »den Elementen und Verhältnissen, die eine Struktur bilden, eine Aktualität zuzusprechen, die sie nicht besitzen, und die Realität abzusprechen, über die sie verfügen.« (Deleuze 1992a: 264) Virtuelle Strukturen insistieren Deleuze zufolge als Teile jeden Objekts, nicht nur des Erkenntnis-, sondern auch des Realobjekts, und zwar als ob »das Objekt einen seiner Teile im Virtuellen hätte und darin wie in eine objektive Dimension eingelassen wäre.« (Ebd.: 264) Und sie sind als virtuelle Relationen (was zu einer gegebenen Zeit an einem gegebenen Ort möglich war, möglich ist oder möglich sein wird) der Aktualisierung fähig, und somit stellt auch jede historische Formation eine raumzeitlich gekrümmte Aktualisierung bzw. eine unendliche Anzahl von aktuellen Arretierungen der virtuellen Struktur dar. In Marx’sche Termini übersetzt hieße dies – wie dies im Übrigen auch Adorno erkannt hat –, dass es eine Art von Selbstbewegung und Selbständigkeit des (virtuell-philosophischen) Begriffs gibt, der spezifische ökonomische Kategorien als »objektive Gedankenformen« (Marx) bearbeitet, die wiederum »Daseinsformen, Existenzbestimmungen« (Marx) des offenen Ganzen der Ökonomie in ganz spezifisch differenter Weise ausdrücken. (MEW 23: 90)

Deleuze entwickelt einen Begriff des Problems, dem die Lösungen immer schon immanent sind. Um es ganz lapidar zu formulieren: Wenn ein Problem gut formuliert bzw. konstelliert ist, so ist es nach Deleuze in der Tendenz schon gelöst. (Vgl. Deleuze 1992a: 203f.) Und zwar durch Konzepte und Begriffe gelöst, die in ihren Anordnungen, Rhythmologien und Stellungen denen des jeweiligen Problems entsprechen, aber Begriffe können auch verschiedene Probleme durchqueren, während bestimmte Probleme die Bildung von dispersiven Begriffen nach sich ziehen. Begriffe reagieren auf insistierende Probleme, und dies weniger mit Antworten, sondern eher schon mit einer begrifflichen Auseinanderfaltung der Probleme, wobei Begriffe mit ihren Komponenten, unter denen auch Fragmente anderer Begriffe sich befinden können, selbst eine Entwicklung bzw. ein Werden durchlaufen. Und auf einer Konsistenzebene, dem Umschlagsplatz der Probleme, der die Möglichkeit zur Bildung von Begriffen offeriert, treffen Begriffe auf andere Begriffe, überschneiden einander oder passen sich gegenseitig an, grenzen mit ihrer endlichen Anzahl an Komponenten an andere zusammengesetzte Begriffe an, die wiederum auf bestimmte Probleme verweisen. (Vgl. Deleuze/Guattari 1996: 24) Der durch intensive Ordinaten als fragmentarisch Ganzes zusammengeschlossene Begriff steht zu anderen Begriffen in einem Exo-Verhältnis, das sich über Brücken und Nachbarschaftszonen realisiert, und dies weniger über Sukzession und Korrespondenz, sondern über Resonanzen, die auf unendliche Verweisungszusammenhänge und Relationen zwischen den Begriffen hindeuten. Jedenfalls stellt Deleuzes Virtualitätsphilosophie eine nicht-kreationistische Konstruktion von Problemen, Begriffen und deren Relationen schlichtweg vor die Interpretation derselben. (Ebd.: 42)

Ähnlich hat dies Althusser in mehreren Passagen in der Schrift Das Kapital Lesen 1 formuliert, wenn er schreibt, dass die Produktion einer Problemkonstellation und der sie entfaltenden Begriffe als Effekt einer neuen Theorie zu verstehen sei. Diese neue Theorie entwickelt zuallererst ein Feld der theoretischen Erkenntnisse, innerhalb dessen das Problem konstruiert wird, wozu wiederum die Erfindung ganz bestimmter Begriffe notwendig ist. (Vgl. Althusser/Balibar 1972a: 102) Althusser schließt an, dass erst durch die Herstellung einer gegliederten Ordnung innerhalb einer Problematik Begriffe ihre Stellung in einem Feld, ihre Bedeutung und ihre Konsistenz beziehen, um mit der jeweiligen Problematik zu variieren. Die Problematik ist das »Gravitationszentrum, von dem die Ordnung und die verschiedenen Teile dieses Textes (Gegenstand, Sprache, Terminologie, Methode, Probleme und ihre Lösungen) ausgehen.« (Karsz 1975: 27) Für Althusser stellt schon allein der Versuch, von den Lösungen auszugehen sich insofern als ideologisch dar, als man das Problem dann genau so stellt, dass die Lösung, die man ihm geben will, mit der angeblichen wirklichen Lösung tatsächlich übereinstimmt, d. h., man konstruiert die Problematik ganz im Hinblick auf die Lösung, die aktuell von den sozioökonomischen Verhältnissen gerade gefordert wird. (Vgl. Althusser/Balibar 1972a: 68) Für Althusser wie für Deleuze resultieren dagegen die »Lösungen« aus der Konstellation der das Problem skizzierenden Begriffe, Relationen und Topologien und eben nicht umgekehrt. Die Lösung wird mit der Konfiguration der Komponenten, Parameter und der Relationen von Begriffen, die das Problem artikulieren, immanent produziert, sie unterscheidet sich aber auch vom Problem. Und wie sich die Probleme nicht ohne Weiteres in den Lösungen enthüllen, so können umgekehrt die Lösungen Probleme auch verstellen, was auf dieser Ebene schon auf die komplexen Übersetzungsverfahren von Problemen und Lösungen hinweist. Und die Produktionen von Ordnungen, Konstellationen und Übersetzungsverfahren als Problematiken bzw. die theoretischen Produktionsmittel zur Produktion von Erkenntnissen sind je schon sprachlich/schriftlich organisiert. Auch hinsichtlich der Darstellungsproblematik von ökonomischen Strukturen hat man es ständig mit neuen theoretischen Produktionen zu tun, sodass »veraltete« Produktionen schließlich keinen Platz mehr finden, wobei es zu bedenken gilt, dass man grundsätzlich die Relationen und Elemente der Strukturen in ihrem Zusammenspiel nur bruch- oder krisenhaft auszulegen vermag, i. e. das Werk als »Baustelle« (Balibar 2013: 176). Althussers Verfahren einer »wissenschaftsgeschichtlichen Rekurrenz« (Brühmann 1980: 230), auch »symptomale Lektüre« genannt, verweist in diesem Kontext darauf, dass man keinen Text einer teleologischen Denkweise unterwerfen sollte, die ihn auf ein Ziel ausrichtet. Ganz im Gegenteil sei die jeweilige Unzulänglichkeit in einem internen Vergleich des Textes mit sich selbst zu suchen, der ja immer schon von heterogenen Diskursstrukturen durchzogen sei. Deshalb kann Althusser von der Problematik als einem »begrifflichen Arbeitsinstrument der theoretischen Praxis« (ebd.: 231) schreiben, das sowohl die Objekte (Daten, Informationen, Begriffe, Ideen etc.) als auch die Produktion derselben ständig in Spannung und Offenheit hält. Und er nimmt schließlich bezüglich des jeweiligen Erkenntniseffekts in der Theorie eine Differenzierung zwischen Problematik und wissenschaftlichem Objekt vor: Während die Problematik mit ihrer jeweiligen Struktur das Feld der möglichen Gegenstände absteckt, besitzt die streng wissenschaftliche Theorie ein gegliedertes und hierarchisiertes Ganzes, das sie erst vollständig von sämtlichen Ideologien bzw. überkommenen Vorstellungen ablöst. Und die Aufgabe der Philosophie besteht gerade darin, diese Spaltung zu beschreiben, ohne jedoch selbst in die theoretische Praxis der einzelnen Wissenschaften einzugreifen. Mit ihren Operationen untersucht die Philosophie, so sieht es zumindest der Althusser der mittleren Phase, das Zusammenspiel von Problematiken, Objekten und Diskursen in den Wissenschaften, und dies eben ohne direkte Intervention. Damit zeigt sich für Althusser die epistemologische Struktur einer Wissenschaft erst vor dem Hintergrund einer Philosophie, der es gelingt die Geschichte epistemologischer Strukturen zu problematisieren, insofern die Wissenschaften tatsächlich neue theoretische Objekte hervorbringen. Dies sei bei Marx geschehen, sodass zugleich ein neuer Typus von Philosophie entstehen konnte, der mit der Vermittlung von Geist und Materie bzw. der Subjekt-Objekt-Problematik gebrochen hätte. Allerdings sei es Marx nicht gelungen, die in seiner Theorieproduktion schon untergründig wirksamen wissenschaftlichen Begriffe selbst auszuformulieren und zu entfalten, und gerade dies zu tun, erweise sich heute als die Aufgabe einer marxistischen Philosophie. (Ebd.: 244f.) Dabei hat sich die Philosophie auf keinen Fall im Sinne einer Wissenschaft der Wissenschaften als die ultimative Richterin aufzuspielen, sondern sollte neben der Konstruktion der Geschichte der Wissenschaften die interne Diskursstruktur singulärer Theorien untersuchen und damit zeigen, wie unter bestimmten Bedingungen in der Theorie selbst immanent geregelte und zu regulierende wissenschaftliche Erkenntniseffekte zustande kommen, ohne dass die Philosophie dafür einerseits transzendentale Garantien abgibt, andererseits bloße Ansammlungen historischer Theorien abliefert, mit denen das jeweilige stringente Objekt der Theorie sich nicht erfassen lässt. Der Erkenntniseffekt der philosophischen Analyse bestünde demnach in der Deskription des spezifischen Erkenntniseffekts einer regionalen Wissenschaft mit ihren Axiomen, Hypothesen, schlüssigen Argumentationslinien, kategorialen Prägnanzen, Methoden, experimentellen Apparaten, empirischen Operationalisierbarkeiten, politischen Relevanzen und Problematiken, d. h., all den Diskursivitäten einer Theorie, die anzeigen, »wie ein Wort zum Begriff, ein Begriffssystem zur Problematik und eine theoretische Montage zur Erkenntnis wird«. (Ebd.: 251) Die Theorie hat sich den pragmatisch zu bestimmenden Begründungskriterien zu stellen, ohne eine Letztbegründung zu initiieren. Gleichzeitig sollte die Philosophie ihre Beziehung zur Nicht-Philosophie insofern in Betracht ziehen, als sie selbst von den ökonomischen, politischen und sozialen Bedingungen, die auf sie einwirken und auf die sie einwirkt, nicht zu trennen ist. Deshalb gilt es hier dreierlei zu beachten: a) Die Struktur einer singulären Wissenschaft wäre zu untersuchen, die Eröffnung neuer Problematiken, Begriffsfelder, Methode, Instrumente und Objekte; b) das wissenschaftliche Umfeld wäre abzustecken, das einen theoretischen Bruch beeinflusst hat und von ihm beeinflusst wird; c) es wären die historischen sozio-ökonomischen Verhältnisse selbst in den Blick zu nehmen, in denen die jeweiligen Wissenschaften und ihre Institutionen arbeiten. Obgleich die Philosophie ständig neue Begriffe und Theorien aus den Wissenschaften zieht, in spezifischer Weise absorbiert und darauf folgend immer neue »Objekte« konstruiert, besitzt sie selbst nicht dieselben Objekte wie die Wissenschaften. Und als Philosophie, die den Gestus der traditionellen Philosophie, in letzter Instanz auf die Dualismen von Geist und Materie und/oder Subjekt und Objekt zu rekurrieren, zurückweist, kann sie nur eine »nicht-philosophische Theorie der Philosophie« sein, wie Althusser selbst schreibt, und damit legt er tatsächlich eine Lunte an Laruelles Konzeption der Nicht-Philosophie.

Kommen wir nun zu Deleuze zurück. Wir hatten gesehen, dass man Deleuze zufolge die Genesis der Lösungen als einen differenziellen Prozess der Aktualisierung von (virtuellen) Problemen auffassen sollte. (Vgl. Deleuze 1992a: 228f.) Deleuze befürwortet hier ein Element des Ideellen, das er das »Problematische« nennt, wobei spezifische Lösungen sich nicht anschauen oder ableiten, sondern eben nur aktualisieren lassen, und zwar so, dass das Problem in den Lösungen, die Konzepte oder Begriffe sind, insistiert. Dabei steht das Problem stets in Differenz zu den Lösungen; es ist zugleich immanent in den Lösungen und transzendent in Bezug auf die Lösungen. Auf keinen Fall darf sich jedoch das Problematische als eine fehlende Lösung, bspw. als ein Mangel an Wissen erweisen, den eine Lösung u. U. beseitigen könnte. Das Problem an seiner Lösbarkeit als ein Kriterium für seine Richtigkeit zu orientieren, hieße, jenes seiner produktiven Kraft zu berauben, die sich erst dann voll entfaltet, wenn ein gut gestelltes Problem (es gibt auch schlecht gestellte Probleme) sozusagen seine abstrakteste »Fassung« erreicht hat, wenn das Reale selbst (hier unterschieden vom Realen eines Laruelle) als eine kontinuierliche Streuung bzw. Dissemination von (unpersönlichen, ungegenständlichen) Singularitäten aufscheint, nämlich als Inflexion, die schließlich selbst noch die Unterscheidung von Element und Relation überflüssig macht, insofern das produzierte Objekt vor allem die Relationen selbst ist, die es als Fluktuation, Disparität und divergente Wiederholung durchqueren. (Vgl. Deleuze 1995: 30) Schließlich fasst Deleuze zusammen: »Ein Objekt außerhalb der Erfahrung kann nur in problematischer Form repräsentiert werden; was nicht heißt, dass die Idee kein reales Objekt besitzt, sondern dass das Problem als Problem das reale Objekt der Idee ist.« (Deleuze 1992a: 218) Das Vermögen, das dem Denken innewohnt, sollte sich stets auf reale/objektive Probleme beziehen, indem es zugleich die Erfahrungen auf ihre wirklichen und nicht auf ihre möglichen Bedingungen untersucht und überschreitet. Richtig gestellte Probleme verdanken sich einer spezifischen Konstellation von Begriffen mit ihren jeweiligen Komponenten, Begriffe, die in ihrem Werden wiederum auf andere Begriffe verweisen, wobei sich sämtliche Begriffe auf einer (vorphilosophischen) Ebene verteilen, die Deleuze/Guattari als Konsistenz- oder Immanenzebene bezeichnen, die neben den Begriffen das ihnen korrelierende Diagramm mit seinen jeweiligen Kräften enthält, seien es zentrifugale oder zentripetale Kräfte. Wir haben es also mit dem Problematischen der Idee zu tun, dessen Formalisierungen für Deleuze zunächst nichts anderes sind als Bewerber, die sich in eine evolutionäre Genealogie einschreiben wollen. Genauer gesagt Bewerber als Simulakren, die vorerst noch in einem reinen Status und damit ohne jede Originalität bleiben, wobei sich Spezifizierung aus der Evaluation von Möglichkeiten zur Integration eines Simulakrums, eines Bewerbers in eine der vielen Serien ergibt, aus denen vielfach die heterogenen Gefüge hergestellt werden. (Vgl. Deleuze 1993a: 311f.) Diese Umkehrung des Platonismus zielt auf die Beschreibung eines Simulakrums, das mittels des mathematischen Differenzials kalkuliert werden kann. Die Frage, die Laruelle an dieser Stelle an Deleuze stellt, ist genau diejenige, wie man einen apriorischen und transzendentalen Begriff der Differenz zu entwickeln vermag, der zugleich genetisch und real ist, ohne sich in den Topos der Idee einzuschreiben. (Vgl. Laruelle 2013c: 200) Die Virtualität der Struktur müsste somit von ihrer Idealität ablassen. Für Laruelle handelt es beim philosophischen Konzept von Deleuze immer noch um das Problem eines kontinuierlichen Ideell-Werdens des Realen, während umgekehrt doch ein dispersives Real-Werden der Idealität zu denken wäre, und dies im Zuge der Herstellung von materiellen Äußerungen. (Ebd.: 203)

Wie sind nun die Relationen zwischen den bei Deleuze tragenden Begriffen wie Struktur, Kontingenz, Potenz, Mannigfaltigkeit, Virtualität und Aktualisierung zu verstehen? Für Deleuze zeigt sich Kontingenz als das Sein in Potenz, welches das Sein des Problematischen selbst ist, das als ein unentbehrliche Waffe für all das dient, was je aktuell geschieht. Dabei produziert Kontingenz als »Sinnlosigkeit an sich« einerseits zu viel des Sinns im Realen in Form von überschüssigen Signifikaten und andererseits ein Zuwenig an Sinn, insofern beständig Brüche, Lücken und Poren in den Signifikantenketten auftreten, die wiederum ein Zuviel des Imaginären andeuten. Infolgedessen verweist Kontingenz auf einen die symbolischen Strukturen auszeichnenden Zufallspunkt, der Reales und Imaginäres aufeinander stoßen lässt, und gerade in dieser Eigenschaft deutet Kontingenz das virtuelle (symbolische) Objekt an. (Vgl. Deleuze 1992b: 37ff.)

Dabei unterscheidet Deleuze exakt drei Register der Wirklichkeit: 1) Aktualität – ein Register der Extension = 1; markiert durch eine infinite Komprehension. 2) Potenzialität – ein Register der Extension = ∞; markiert durch finite Komprehension (die diskreten Entitäten sind das Subjekt für probabilistische Verteilungen oder Kontingenz). 3) Virtualität: ein Register der In-Extension; markiert durch indefinite Komprehension. Zur Verdeutlichung könnte man an dieser Stelle das Problem der Instantaneität anführen, eines paradoxalen Werden als Überlappung einer realen Virtualität mit einer Aktualität, wie dies z. B. beim Zusammentreffen zweier Objekte an der Grenze oder im Instantanen geschieht. z. B. lässt sich beim Entzünden von Holz durch ein brennendes Streichholz das Feuer als virtuell und das Holz als aktuell verstehen. Wenn man nun nicht von einer Gleichzeitigkeit des Virtuellen und Aktuellen, aber auch nicht von einem zeitlichen Übergang vom Virtuellen zum Aktuellen ausgehen darf, weil u. a. jeder Übergang nur aktuell sein kann (sodass er von der Virtualität nichts übrig lässt), während Deleuze doch von einem Objekt ausgeht, bei dem der eine Teil virtuell und der andere Teil aktuell ist, dann können wir es schließlich nur mit dem Objekt als Symbol zu tun haben: das Objekt X, das an seinem Platz fehlt und damit je schon verschoben ist. (Vgl. Deleuze 1992a: 138) Dieses der Theorie Lacans entlehnte Symbol trägt schwach signifikative Namen, die Deleuze zufolge (virtuelle) Zeit im Reinzustand dokumentieren; und es enthält Potenziale, mögliche Welten, die die vollkommene Kontingenz zumindest andeuten. Kontingenz in seiner strukturalen Form ist daher an das virtuelle Objekt, i. e. Symbol gebunden, das nie zu einer Identität findet bzw. immer nur anders sein kann. Kontingenz »bedingt« in dieser strukturalen Logik auch die virtuelle Struktur, insofern sie das leere Feld anzeigt, ein virtuelles Potenzial, das die heterogenen Serien von Signifikant und Signifikat unaufhörlich miteinander kommuninizieren lässt. Es handelt sich hier immer um mindestens zwei Serien, die sich nicht durch sich selbst erklären, sondern füreinander durch das paradoxale, dass je schon verschobene Objekt X bestimmt werden, das zwischen beiden Serien zirkuliert, indem es in der einen Serie fehlt und in der anderen überschüssig ist – ein in sich selbst verschobener flottierender Siginifikant, der doch kein echtes Zeichen ist. (Vgl. Deleuze 1992b: 41f.) Hier wäre an Deleuze die Frage zu richten, ob man die Begriffe Objekt X und »leeres Feld« wirklich synonym setzen kann. Jedenfalls bilden Strukturen ein ideelles Reservoir, worin alles in virtueller Gleichzeitigkeit existiert. Und die Struktur freizulegen, bedeutet für Deleuze im Kontext des Strukturalismus »eine Koexistenz der Virtualität zu bestimmen«, die vor den Qualitäten und Termen des jeweils aktualisierten Bereichs existiert. Und wenn jede Struktur eine »Vielzahl von virtueller Koexistenz« (ebd.: 27) ist, so wäre die Virtualität als der Nicht-Modus der Struktur zu verstehen, die sich in einander ausschließende Richtungen zu aktualisieren hat, und es finden immer nur vorübergehende Fixierungen statt, wenn die virtuellen Elemente sich zumindest in zwei Serien organisieren, und dies als arbiträre Verkettung der Ströme von Signifikanten und Signifikate. Und entscheidend für diese Version der strukturalen Theorie bleibt eine Instanz, die eine vorübergehende Verkettung der Serien gewährleistet und zugleich das Zusammenfallen der Serien verhindert, i. e. das bedeutungserzeugende, paradoxe Objekt X, das an seinem Platz fehlt, es symbolisiert einen Nicht-Ort, einen leeren Raum oder einen symbolischen Nullwert, der Virtualisierungen freisetzt, Ordnungen in potenzialis, indem es die beiden Serien durch seine eigene Verschiebung miteinander in Resonanz versetzt. An seinem Platz zu fehlen heißt, in der Verschiebung zu sich selbst in der einen Serie im Überfluss vorhanden zu sein (als leeres Feld) und zugleich in der anderen Serie zu fehlen (als überzählig), womit das paradoxe Objekt X beiden Serien angehört als auch zu keiner der beiden Serien.

Wir wollen an dieser Stelle noch kurz auf den Versuch eingehen, Deleuzes Konzept an die Darstellung einer relationalen Ontologie zu binden, wie dies etwa von Manuel De Landa vorgeführt wird. (De Landa 2006, 2010) Wenn man die Anwesenheit von Objekten nicht ausschließlich mit deren aktueller Präsenz identifiziert, und dies auch unabhängig davon, ob sie von Subjekten perzipiert werden oder nicht, dann haben wir es stets mit singulären Objekten zu tun, die Potenzen und Kräfte in sich tragen, wobei man die Objekte durchaus als Maschinen zu verstehen hat, die mit ihren Potenzen/Kräften alle möglichen verschiedenen Phasen und Nuancen der Differenzierung im Radius ihrer sie strukturierenden Attraktoren und Vektoren zu durchlaufen vermögen. Und wenn man Substanzen als verschieden mögliche Nuancen sowie Differenzierungen ihrer eigenen Trajektoren durch die Attraktoren eines Systems (Attraktoren sind real, aber nicht aktuell; sie besitzen je schon eine virtuelle Dimension) auffasst, dann wäre Substanzialität von Objekten oder Maschinen nicht als bloßes Substratum zu verstehen, vielmehr drückt sie sich in mannigfaltigen Systemen, den Modi und der Organisation der (aktiven und passiven) Kräfte, der Objekte und Maschinen des Systems aus. Dabei sollte man Deleuze keineswegs als Emergenztheoretiker einstufen, weil all das, was wir als Resultat einer Emergenz des Substrats verstehen, durch genau so viele andere Dinge und differenzielle Relationen wie durch das Substrat selbst konditioniert werden kann. In diesem Kontext inkludieren Kräfte die Potenzialität von Objekten/Maschinen, die tun, was sie tun können, aber jene müssen sich nicht unmittelbar in der Welt manifestieren, sodass sie je schon komplexer (und vollständig) im Vergleich zu den verschiedenen (unvollständigen) Aktualisierungen sind. De Landa schreibt in seinem Buch Deleuze: History and Science Folgendes: »In other words, unlike trajectories representing possible histories that may or may not be actualized, attractors can never be actualized since no point of a trajectory can ever reach them. Despite their lack of actuality attractors are nevertheless real since they have definite effects. In particular, they confer on trajectories a strong form of stability, called asymptotic stabilityIt is in this sense that singularities represent only the long term tendencies of a system but never a possible state. Thus, it seems, that we need a new form of physical modality, distinct from possibility and necessity, to account for this double status of singularities: real in their effects but incapable of ever being actual. This is what the notion of virtuality is supposed to achieve.« (De Landa 2010: 150) Wir haben es hier mit einem an die Potenz gekoppelten Determinismus zu tun, der sich weigert, Virtualität mit Indeterminismus gleichzusetzen, insofern (virtuelle) Singularitäten reale Effekte zeitigen, ohne selbst den Status der Aktualität zu erlangen, wie dies auch bei den Attraktoren der Fall ist, die die Trajektoren eines Systems stabilisieren. De Landa geht davon aus, dass Deleuze für seine Theorie der Virtualität eine Reihe von Anleihen bei der Theorie der Strukturen dynamischer Systeme nimmt, einem Tool, das die Wissenschaften nutzen, um Informationen über die Tendenzen eines individuellen Systems ausgehend von ihren aktuellen Zuständen zu gewinnen. Dabei konzentriert man sich zunächst auf ein Diagramm der aktuellen Historie eines Systems und lässt dieses in der Zeitdimension kollabieren. Man verfügt heute über eine Reihe von komplexen Mathematiken, um schließlich relevante Informationen darüber zu erhalten, wie die verschiedenen Variablen, die die Dimensionen des Systems repräsentieren, in der Tendenz miteinander interagieren, indem in verschiedenen Prozessen nach und nach die irrelevanten Informationen, die die aktuellen Interaktionen mit ihren einzelnen Fällen betreffen, eliminiert werden. Dies lässt sich am Beispiel des Pendels kurz erläutern. (Vgl. De Landa 2005: 14) Hier unterscheidet De Landa zwischen den Zeiträumen und den Kräften eines Objekts, wobei ein Zeitraum eine Menge von Punkten darstellt, die durch eine Serie von Variationen aufgefüllt wird, aber es treten niemals alle Punkte zur gleichen Zeit auf (Pendel). Zugleich könnte man Kräfte als diejenigen Punkte deuten, die ein Objekt zu einem gegebenen Zeitraum aktualisiert. Das Pendel impliziert nun eine Fläche, die eine Dimension weniger als ein Graph oder eine Funktion (Wellenfunktion mit Ortsvektor gleich Amplitude, Wellenvektor und Kreisfrequenz) besitzt, und deren Krümmung nichtsdestotrotz die Tendenzen des Systems in Form der differenziellen Relationen zwischen den verschiedenen Variablen beschreibt. Die topologisch signifikanten Features der virtuellen Fläche nennt man Attraktoren (real, aber inaktuell), die sehr oft als Trajektoren, i.e. Linien oder Punkte auf der abgeflachten Version der Fläche aufgezeichnet werden, um die wichtigsten Tendenzen des Systems in ein simplifiziertes Format zu bringen. Der entscheidende Punkt besteht nun darin, dass die virtuelle Fläche niemals gleich der aktuellen Fläche ist, welche die virtuelle Fläche in der realen Zeit durchquert. Wenn man eine universelle Idee als ein Set von qualitativen und quantitativen Dimensionen setzt, die für Darstellung der modalen Features des Typus eines gegebenen Systems relevant sind und man diese Features als real zu begreifen hat, dann wäre die universelle Idee in der Tat gleich einer virtuellen Fläche, die von Punkten und Linien bevölkert wird, welche den individuellen Instanzen auf der abgeflachten Version der Fläche des jeweiligen Typus des Systems korrespondieren. Deleuze nennt jene Punkte Nomaden, da sie den Raum im differenziellen Modus durchqueren, wobei sie von denjenigen Tendenzen geleitet werden, die in den Dimensionen und Wellenbewegungen der virtuellen Fläche (Graph oder Funktion) kodiert sind. Wenn man jetzt die zeitliche Dimension einführt, dann sind die Linien und Punkte als Aufzeichnungen der aktuellen Trajektoren des Graphen zu betrachten, von dem man das dynamische Modell des Virtuellen bezieht. Diese Formalisierung stellt die Grundlage der immanenten Aktualisierung der Virtualität dar. Dabei sind die Ideen als abstrakte Universalien unfähig ihre spezifischen Instanzen zu individuieren. Das wird spätestens dann klar, wenn man sich vor Augen führt, dass jegliche Anzahl von Nomaden dieselbe Position auf der virtuellen Fläche at once bevölkern könnte. Obwohl ihre Position auf der Fläche wichtige Informationen über ihr aktuelles Stadium enthält, müssen diese Informationen andauernd supplementiert werden, um schließlich die Nomaden komplett zu individuieren. Und die Informationen, die notwendig sind, um ein abstraktes Universal in ein konkretes Universal zu transformieren, das zur vollständigen Individuation fähig ist, können hier nur räumliche Informationen sein. Man muss also extensive Dimensionen zur Idee hinzufügen, um Informationen über die räumlichen Relationen zwischen den verschiedenen Instanzen und den Bewegungen der Nomaden zu gewinnen, d. h., es gilt, die disparaten Sets von Punkten, die die virtuellen Fläche durchqueren, in eine aktuelle Fläche zu verschieben. Die Art und Weise wie die aktuelle Fläche sich mit ihrer Durchquerung der höher dimensionierten virtuellen Fläche krümmt, kodiert die relevanten Informationen über die räumlichen Relationen zwischen den Punkten, die sie komponieren. Und dies hat den Effekt, dass jedes singuläre Individuum seine eigene Idee besitzt, die seine modalen Features kodiert, insofern diese eine Region des konkreten Universals sind. Aber das Bild der verschiedenen disparaten Ideen reicht nicht aus, um ihr Zusammenspiel auf einer einzigen Immanenzebene zu erklären, die einen intensiven Raum eröffnet. Deshalb muss den verschiedenen Räumen eine ihnen adäquate einheitliche Zeit korrespondieren, d. h., die realen modalen Features können nur im Kontext des Kollapses der Zeitdimension gedacht werden. Dabei wird Zeit in kontinuierlichen, jedoch zugleich erratischen Bewegungen der aktuellen Fläche auf der virtuellen Fläche aufgespult. Und was in dynamischen Systemen alle Räume zu Teilen einer einzigen Welt oder zu Perspektiven derselben immanenten informatorischen Fläche macht, liegt einfach darin, dass sie dieselbe Spule der Zeit oder die Zeitigung der Zeit (Gleichzeitigkeit) teilen. Dies nennt Deleuze die pure und leere Form der Zeit, i.e. Äon oder die ewige Wiederkehr. (Vgl. Deleuze 1993a: 207) Im Kontext von dynamischen Systemen stellt Deleuze stets den Bezug zu Heteronomien her. Er erwähnt die Produktion des wirklich Neuen, während die Systemtheorie an dieser Stelle von Autopoiesis spricht, wobei es ihr nicht nur um eine in der Zeit identische Struktur geht, sondern um je dieselbe Reproduktion in der Relation von System und Umwelt. Systeme sind zeitbasierte Verkettungen spezifischer Ereignisse und ihrer Komponenten, die vom System selbst produziert werden, womit das System kein Ereignis außerhalb seiner selbst kennt, wenn es denn als autopoietisches System funktioniert, vollständig gleitend. (Vgl. Fuchs 2001: 84) Peter Fuchs spricht hier von Tauto-poiesis (ebd.: 109).

Hinsichtlich des Strukturbegriffs bei Deleuze wäre vor allem das Moment der Idealität der Struktur und ihre Präexistenz gegenüber jedweden Aktualisierungen zu problematisieren, obgleich diesen ja auch eine Wirksamkeit zugestanden wird. Insofern Deleuze die Problematik von Virtualität und Aktualisierung vom Objekt bzw. Bild her denkt, hat er die anstehenden Fragen mit der Konzeption des Kristallbildes in seinem Buch Das Zeit-Bild selbst schon aufgeworfen. (Deleuze 1991: 95f.) Für Deleuze bleibt beim sog. Kristallbild der Unterschied zwischen einem aktuellen und virtuellen Bild zwar de jure bestehen, aber de facto findet ein kontinuierlicher Austausch zwischen aktuellem und virtuellem Bild statt, sodass die Differenz der Kategorien Virtualität und Aktualität offen gehalten wird und in eine phänomenologische Ununterscheidbarkeitszone fällt, die Deleuze interessanterweise »objektive Illusion« nennt. Insofern ist das Kristallbild ein Simultanbild von Vorder- und Rückseite, ein Bild, das umkehrbar ist, wobei es von der jeweiligen Beobachterperspektive abhängt, was denn nun als aktuelles oder als virtuelles Bild erscheint. Mit dem Kristallbild wird im Zuge der Gleichzeitigkeit eine Lücke geschlossen, insofern virtuelles und aktuelles Bild koexistieren, und dies lässt sich wiederum nur nach räumlichen, nicht aber nach zeitlichen Gesichtspunkten festhalten. Zugleich ist Deleuze zufolge immer die Begrenztheit des aktuellen Bildes und die Potenz des virtuellen Bildes zu bedenken. Und schließlich ist diese Zweiheit wiederum Dreiheit, weil aktuelles und virtuelles Bild je schon gerissen bzw. durch eine undarstellbare und unsichtbare Grenze getrennt sind, die sich allerdings auch körperlich manifestieren kann. Es muss also de facto von Simultaneität ausgegangen werden, die im Kristallbild eine adäquate Darstellung findet, aber es bleibt die Frage, ob diese Konzeption einer Bildrelation schließlich hinreicht, um den Komplexionsgrad der Relation von Virtualität und Aktualisierung wirklich entfalten zu können. Hat Laruelle bezüglich seiner nicht-philosophischen Fragestellungen sich immer stärker der Quantentheorie und infolgedessen der Figur der Überblendung zugewandt, so könnte man mit Mirjam Schaub Deleuzes Konzept des Virtuellen in Analogie zur Superstringtheorie dahingehend zuspitzen, dass das Virtuelle so etwas wie einen »schwingenden Resonanzboden der aktuellen Ereignisse« bildet, der die Macht/Potenz besitzt zu totalisieren, ohne jedoch Identität oder Einheit herstellen zu müssen. (Vgl. Schaub 2003: 170) Und die immerwährende Spaltung der Zeit wäre mit der stetigen Gründung der Zeit oder der Zeitigung der Zeit (Virtualität) in ein Verhältnis zu setzen. Die Frage ist nun gerade die, ob wir es hier mit dem Virtuellen als einem Sein oder einem (Seins-)Modus zu tun haben und/oder mit der Zeit als einem metaphysischen Prinzip (Zeit als universeller Wandel), dem die Potenz zu vereinigen eigen ist, indem es die Ereignisse spaltet. Oder, um es anders zu sagen, alles, was geschieht, ist im Verhältnis zu sich selbst je schon verschoben und dies als Effekt der Zeitigung der Zeit (universeller Wandel), wobei man an dieser Stelle der Potenz durchaus auch den Kontext der Determination zuschreiben kann. Virtualität inkludiert dann etwa die Potenz oder Macht zur Machbarkeit oder Verteilbarkeit, wobei dies als die inkonsistente Ausfüllung eines Intervalls geschieht, das zwischen dem, was unter bestimmten Bedingungen möglich ist, und dem, was tatsächlich realisiert wird, aufgespannt bleibt.

Noch eine kurze Bemerkung zu Deleuzes Konzept der kontinuierlich-divergenten Mannigfaltigkeiten, das wir im Abschnitt »Deleuze und das synthetische Wertpapier« noch etwas ausführlicher diskutieren werden. Diese qualitativen Mannigfaltigkeiten sind mit einer (unkörperlichen) Quasi-Kausalität ausgestattet. Quasi, weil sie trotz ihrer Virtualisierungspotenz zugleich von irgendwelchen aktuellen Kausalmechanismen abhängig bleiben, wenn sie miteinander in Relation treten und sich dann je schon um den Preis einer Wesensveränderung beeinflussen und intern teilen. Es gibt bei Deleuze somit keine Relation des Multiplen zur Eins, sondern immer nur die Relation des molekularen Multiplen und des Eins-Alles. Und mit Laruelle wären Deleuzes kontinuierliche Mannigfaltigkeiten weiter zu verschieben, und zwar in Richtung eines begrifflichen Konzepts, das von transzendental-apriorischen, aber zugleich wirklichen, dispersiven Mannigfaltigkeiten ausgeht, und damit eben gerade nicht von ideellen Mannigfaltigkeiten, wie wir dies z. B. auch bei Badiou noch vorfinden.3 Bei Laruelle ist das Multiple nicht selbst multipel, behauptet nicht sich selbst, wobei das Faktum, dass es kein Multiples des Multiplen gibt, nicht heißt, dass das Multiple selbst eine metaphysische Entität formt, vielmehr determiniert das Eine in der letzten Instanz das Multiple als solches oder in seiner Identität.

Die Fragen, die sich nun hinsichtlich des von Deleuze vorgeschlagenen Konzepts des Virtuellen bzw. des Problems stellen lassen, sind u. a. folgende: Besitzt das Problem wirklich eine eigenständige Realität, wenn es durch Lösungen erkannt wird? Und wenn Lösungen, die ja auch immer real sind, stattfinden, ist dann das virtuelle Problem nicht längst ins Aktuelle übergegangen? Wenn nun das Virtuelle volle Realität besitzt, wobei sich mit jeder Aktualisierung seine Konstellationen verändern, dann lässt sich das Virtuelle nicht als eigenständiger ontologischer Bereich vorstellen, dem eine virtuelle Präexistenz mit einem Sinn-Überschuss an Verkettungspotenzialen zukommt, denn, indem es sich differenziert, gefährdet es stets seine eigene Univozität. Hier taucht sofort das Problem der Zeit als eine »Instanz« des Virtuellen auf, indem Zeit, die ja selbst reine Asignifikanz ist, sich in Dimensionen zeitigt, gemäß dessen, was die Differenz zwischen Sein/Aktuellem und Zeichen ausdifferenziert. Dabei sollte man das Problematische der Zeit immer auch als die Frage nach der Gleichzeitigkeit auffassen, wenn man denn bereit ist, eine einzige Zeit zu unterstellen, selbst wenn sie an verschiedensten Orten und Räumen gemessen wird. Das Problem mit der Zeit spult sich genau daran auf, dass mit der Kategorie der Gleichzeitigkeit die Zeit gleichzeitig als Sukzession gedacht werden soll, sodass die Gleichzeitigkeit, mit der im gleichen Atemzug die Zeit auseinandergelegt bzw. deren ständiges Vorübergehen thematisiert wird, scheinbar in keiner Zeit mehr einen Platz hat, womit die Gleichzeitigkeit das Unmögliche der Zeit selbst ist, aber auch die Möglichkeit zur begrifflichen Erfassung der Zeit in sich enthält. (Vgl. Nozsicska 2009: 291) Alfred Nozsicska, an dessen Schrift Die Zeichen, der Automat und die Freiheit des Subjekts die Argumentation sich jetzt orientiert, schreibt zur Kategorie der Gleichzeitigkeit Folgendes: »Die Gleichzeitigkeit als der einigende Ort in der Zeit, der die Zeit gleichzeitig auseinander dividiert.« (Ebd.: 291) Dies könnte man wiederum auf die Schreibweisen der Zeit bei Heidegger beziehen: »Was zeitigt die Zeit? Antwort: Das Gleich-Zeitige, d. h., das auf dieselbe einige Weise in ihr Aufgehende […] das Gleich-Zeitige der Zeit sind: die Gewesenheit, die Anwesenheit und die Gegen-Wart, die uns entgegenwartet und sonst die Zukunft heißt. Zeitigend entrückt uns die Zeit zumal in ihr dreifältig Gleich-Zeitiges, entrückt dahin, indem sie und das dabei Sichöffnende des Gleich-Zeitigen, die Einigkeit von Gewesen, Anwesen, Gegen-Wart zubringt. Entrückend-zubringend be-wegt sie das, was das Gleich-Zeitige ihr einräumt: den Zeit-Raum. Die Zeit selbst im Ganzen bewegt sich nicht, ruht still.« (Heidegger 1959: 213) Damit wird in erster Linie die dem rechnenden Denken eigene parametrische oder gemessene Zeit, die Uhrzeit, der Gleichzeitigkeit oder der Nullzeit, der Stasis subsumiert.

Simultaneität wäre dann wohl als die Unbewegtheit der Zeit selbst zu verstehen, wobei die verschiedendsten Zeiten sich ereignen können, ohne dass Gleichzeitigkeit je sich auflöste. Und Zeit als universelle Form des Wandels wäre in ihrer Reinform Virtualität, die in all ihren Aktualisierungen Virtualität bliebe, ein Paradox, welches das Problematische der Virtualität selbst anzeigt. Es müssten nämlich Virtuelles und Aktuelles, zumindest als Teil eines virtuellen Objekts – Symbol – gleichzeitig sein, ohne dass sie zugleich existent wären, weil man in der Zeit nicht vom Virtuellen zum Aktuellen übergehen kann, sondern nur vom Aktuellen zum Aktuellen; andererseits wäre diese Gleichzeitigkeit als problematisch anzusehen, weil man eine exteriore Position für diese Erkenntnis einnehmen müsste, und es müssten dann Aktuelles und Virtuelles im Objekt gleichzeitig existent sein. (Vgl. Nozsicska 2009: 293) Badiou schreibt in seinem Deleuze-Buch Der Schrei des Seins, dass für Deleuze das Sein des Virtuellen Aktualisierung sei, während die Aktualisierung der Vollzug des Virtuellen sei, woraus dann wiederum zu folgern wäre, dass Sein und Aktualisierung in irgendeiner Art von Gleichzeitigkeit zusammenfallen würden. An dieser Stelle schließt Deleuze die gesamte Problematik um die Gleichzeitigkeit tatsächlich an die des virtuellen Objekts bzw. Symbols an, insofern Simultaneität sich darin zu repräsentieren hat. Wenn die Zeit selbst paradoxal aufzufassen ist, insofern das Sein-als-Sein (Virtualität) problematisiert wird, dann können Virtualität und Aktualisierung de jure aber nicht zusammenfallen. Jedoch gibt es auch keinen zeitlichen Übergang zu vermelden, insofern dieser (weil jeder Übergang ja nur aktuell sein kann) das Virtuelle auch auslöschen würde. Wir stehen hier vor dem Problem, dass man einerseits im Denken der Zeit auf den Begriff der Gleichzeitigkeit als Zeitigung der Zeit (Virtualität) nicht verzichten sollte, andererseits lässt sich die Gleichzeitigkeit nur dann erfassen, wenn man bedenkt, dass man je schon auf der Seite des Aktuellen ist. Für Deleuze liegt hier die Antwort tatsächlich im virtuellen Objekt, das er vom Bild her denkt: Es gibt das Objekt mit seinem virtuellen und aktuellen Teil, aber es gibt keinen Übergang vom Virtuellen zum Aktuellen. Und dies lässt sich nur vom Symbol her schreiben, das an seinem Platz fehlt. Wie in Lacans Interpretation des entwendeten Briefes bei Edgar Allen Poe repräsentiert das virtuelle Objekt X als stets verschobenes Fragment eine reine Vergangenheit, die nie gegenwärtig war (Deleuze 1992a: 138). Wenn das Objekt X die Relationalität der (seriellen) Struktur garantiert, wobei es in den Serien der Signifikanten und Signifkate anwesend ist, indem es in den Serien sowohl fehlt als auch überzählig ist, dann kann es selbst nicht relational sein, und wenn, dann nur im Verhältnis zu sich selbst. Es ist für Deleuze der nicht-relationale Ort, der aber stets zu sich selbst verschoben bleibt, es gilt als die absolute Verteilungsinstanz der Objekte und ihrer Relationen und es zeigt das Ganze der Strukur aus deren Innenansicht an.

Die Problematik der Virtualisierung (anwesend-abwesend) führt zur Quintessenz der Zeit als Zeitigung der Zeit (Virtualität), die je schon in Beziehung zur Verzeitlichung (Aktualisierung) zu sehen ist. Es kann vom Virtuellen zum Aktuellen keinen identisch gehaltenen Übergang, sondern nur so etwas wie einen Zeitsprung geben. (Nozsicska 2009: 294) Wie die Zeit eine Gleichzeitigkeit als Zeitigung der Zeit mit sich impliziert, so sind sog. Zeitpunkte nur identisch, indem sie geteilte Zeitpunkte sind. Das Zugleich ist nur zugleich, indem es sich in Kontexten verzeitlicht und verräumlicht, womit jede Gleichzeitigkeit unmittelbar einen Raum eröffnet, und zwar als Verräumlichung der Zeit. Und damit stehen wir je schon vor der Singularität von Relationen, die durch Zeichen und Technologien zustande kommen. Dabei wiederholt Zeichen/Technik nicht etwas Gegebenes, sondern Zeichen/Technik wiederholt sich selbst als Wiederholung des Zugleich (Virtualisierung), und dies ist untrennbar von den Einschnitten und vom Geteilten der Zeit. Virtualisierung qua Zeichen/Technik ereignet sich, indem aus Einschnitten hervorgeht, was als Teilung sich aktualisiert. Zugleich inhäriert Virtualisierung inhäriert die Wiederholung als Iteration von offenen Zeiträumen, deren Einschnitte keine letzte Grenze besitzen, sondern die als letzte Grenze selbst am Mehr des Offenen partizipiert. Wenn nun das Zeichen eine Struktur der Verzeitlichung in das Objekt einführt, indem es dieses virtualisiert, so muss das Zeichen vom Objekt getrennt sein, wobei der sog. virtuelle Part, d. h., die Virtualisierungskapazität des Symbols/Zeichens, die Zeitigung der Zeit bzw. den Sprung zeitigt, während wir es gleichzeitig je bloß mit Aktuellem zu tun haben. Zeichen ist also das, was aus dem Objekt herausspringt, indem es das Objekt virtualisiert. (Ebd.: 294f.) Und Virtualisierung markiert den Sprung des Zeichens. Dabei bleibt das Zeichen dem offenen Raum ausgesetzt. Aktualisierung wird wiederum begleitet von Zeichen, ohne dass die Zeit je etwas Zeichenhaftes an sich haben könnte. Zeit ist mit ihrer Virtualisierungskapazität de jure asignifikativ, während Zeichen nicht virtuell sein können, vielmehr virtualisieren die Zeichen das, aus dem sie hervorgehen, und das ist je schon Aktuelles. Und gerade dadurch stellen Zeichen neue Aktualitätswerte her. (Peirce definiert das Zeichen als ein »Objekt« (Repräsentamen), das ein Anderes veranlasst, sich zu einem Zeichenobjekt (Bezeichnetes) zu verhalten, wie dieses »Objekt« selbst sich zu diesem Zeichenobjekt verhält. Das Andere ist im Verhältnis zu diesem »Objekt« ein »Interpretant«. Durch die Veranlassung wird der Interpretant selbst zum Zeichen, und dies vollzieht sich ohne Ende, was heißt, dass die triadische Struktur kontingent bleibt: Repräsentamen, Zeichenobjekt und Interpretant zeigen sich als Spielregeln im Feldern von unabschließbaren Texten und Techniken.) Das Problem um das virtuelle Symbol zeigt deshalb Folgendes: Das Symbol ist einerseits als absolute Aktualität, i.e. Virtualität, zu verstehen, andererseits soll es alles virtualisieren, auch seine eigene Aktualität. Man könnte dies nun dahingehend übersetzen, dass das je schon problematische Symbolische die Problematik des Virtuellen problematisiert, eine Problematik, die in der Zeitigung der Zeit besteht. Aber nur ausgehend vom Aktuellen können Virtualisierungen qua Zeichen/Symbol stattfinden, womit eben durch Virtualisierung neue Aktualitätswerte erzeugt werden, ergo gibt es keine Virtualität, sondern es gibt nur Virtualisierungen. (Ebd.: 295) Das Zeichen ist immer aktuell im Sinne einer Wirkung, die selbst Wirkungen hervorbringt, und dies im Zuge der spezifischen Zeitigung der Zeit (Virtualisierung), womit ausgehend von einem Aktuellen über Virtualisierung neue Aktualitätswerte möglich werden. (Ebd.: 297) Durch Virtualisierung wird über differenzielle Wiederholung aus etwas Aktuellem etwas anderes Aktuelles geschöpft, das mit dem ersten Aktuellen zwar verbunden ist, aber keinerlei Ähnlichkeit mit ihm ausweist. Dementsprechend wäre Virtualisierung im Zuge von differenzieller Wiederholung als ein operativer Eingriff (qua Technologien, Matheme und Zeichen) in aktuelle Verhältnisse zu verstehen, die als Gegebene je schon bewirkt sind, d. h., Wirkung von (ökonomischen) Strukturen sind. Und diese sind wiederum bewirkt, insofern sie in diverse empirische Kausalmechanismen eingebunden bleiben (Strukturen als Quasi-Transzendentalität des Kapitals, die sich über die Aktionen von Einzelkapitalen aktualisieren). Deshalb sollte man die Potenz zur Virtualisierung immer im Zusammenhang mit der Kategorie der Determination-in-der-letzten-Instanz, i. e. Ökonomie, denken. Ökonomische Matheme und ihre Zeichen bestehen rein im Modus der Aktualität, indem sie das virtualisieren, aus dem sie aktuell hervorgehen, um damit neue Aktualisierungen zu generieren. »Virtualität« wird ausgehend vom Aktuellen produziert – insofern handelt es sich bei den(virtuellen) Mannigfaltigkeiten, um es mit De Landa zu sagen, stets auch um passive Entitäten, die von der Empirie und deren diversen Kausalmechanismen abhängig bleiben.4 Wir haben es immer schon mit einem (un)problematischen Aktuellen (Realität) zu tun, das von sich aus in Erscheinung tritt: Es ist das, was es ist, dies aber nur im Kontext der Relation von spezifischer Zeitigung der Zeit/Virtualisierung und Aktualisierung. Und Virtualisierung vermag das ihrem Eingriff Vorausgesetzte, ja das Gegebensein, im Zuge von Wiederholungen zu verändern, womit eine neue aktuelle Strukturierung gegeben ist, die sich nun an einer anderen Zeitstelle ereignet, an der wiederum das ist, was ex post ein Ereignis sein könnte, das entscheidet, ob irgendein Ereignis vorher stattgefunden hat oder nicht. (Vgl. Fuchs 2001: 137f.) Und wenn das Sein vom Denken qua Zeichen gezwungen wird zu sein, dann haben wir es mit der Virtualisierung des Seins durch Sprache/Schrift zu tun. Als absolute Virtualisierung würde dann der Satz (der Satz ist Zeichen einer Virtualisierung) je schon seinen eigenen Referenzapparat aktualisieren, Aktualisierung und Virtualisierung wären mithin zwei Seiten einer Medaille; und insofern dann das Sein vollkommen vom Satz ausgesagt werden könnte, würde das Sein einem Realen begegnen, das nicht ein »being-nothing« (Brassier), sondern reines Nichts wäre. Wenn wir dies nicht denken können, dann haben wir es stets mit verschiedenen Graden der Virtualisierung zu tun, was u. a. heißt, dass gerade dort, wo die Virtualisierung am schwächsten ist, die Differenz von Sein und Realem gegen Null geht.

Nozsicska geht also den umgekehrten Weg wie Deleuze: Davon ausgehend, dass es erschöpfend nur Aktuelles gibt, lässt sich Virtualität selbst nicht als Sein oder als Seinsbereich denken, sei es Symbol, Idee oder Prinzip, womit wir es immer nur mit Virtualisierungen qua Zeichen zu tun haben, die, so wie sie sind, sein können, aber auch anders sein könnten. (Vgl. Nozsicska 2009: 295) Jedes Zeichensystem/Automat enthält ein Minimum von Zeichen, die einer Virtualisierung fähig sind, Leistungen, die auch nicht oder anders sein könnten. Wenn sich im Kapitalismus die Prozesse der Entscheidung, Planung und Programmierung durch einen sog. seelenlosen Automaten vollziehen, der sich aber weder als Hegels Geist noch als automatisches Subjekt definieren lässt, dann haben wir es mit dem Virtuellen eines nicht-quantitativen Werts zu tun, das allerdings nicht als Seinsbereich, sondern als die unbestimmbare Potenz des Werts zur Symbolisierung und Aktualisierung zu verstehen ist. Damit lässt sich Deleuzes Verständnis der Relation »Virtualität und Aktualisierung« modifiziert als eine Heuristik einschleifen, die der begrifflichen Erfassung des kapitalistischen Automaten Hilfestellungen leistet. Und der Automat ist immer im Modus der Aktualität; dies anzuerkennen erlaubt erst Virtualisierung bzw. Gegenaktualisierung, bspw. von aktuellen ökonomischen Quantitäten, die durch Preise virtualisiert werden, um zu den nächsten aktuellen Quantitäten zu gelangen (zumindest können wir vom Preis als einem Faktor der Gegenaktualisierung bei der Untersuchung der synthetischen Derivate ausgehen). Ergo wird das Kapital durch die Prozesse der Aktualisierung-Virtualisierung-Aktualisierung-Verschaltung (qua ökonomischem Mathem) in Permanenz voran geschoben. Und Virtualisierung qua ökonomischem Mathem (Ausdruck der Differentation von Wert) bleibt immer auf das determinierende Kapital in seiner Gesamtkomplexion (Quasi-Transzendentalität) bezogen, das je schon als dieselbe Reproduktion insistiert. Als Seinsmodus oder als reine Simultaneität gedacht würde die Virtualität des Kapitals seinen eigenen Tod bedeuten, wie wir später noch zeigen werden.

Kommen wir nun kurz auf einige Aspekte der Terme Struktur und Prozess in den Theorien von Bichler/Nitzan, Niklas Luhmann und Dieter Wolf zu sprechen, um schließlich zu einem ersten Fazit bezüglich der methodologischen (In)konsistenzen in den angesprochenen Theorieansätzen zu gelangen. Es scheint auf den ersten Blick so, dass wir es bei Deleuzes Konzept der Struktur mit einer komplexen Form der sog. Creorder zu tun, ein Begriff, der an vorderster Front der methodologischen Befunde bei den Ökonomen Bichler/Nitzan auftaucht. (Vgl. Bichler/Nitzan 2009) Wenn sich die Struktur in jedem ihrer Momente (wir werden später noch sehen, warum der Begriff der Maschine zur Untersuchung der Kapitalstruktur hilfreicher und umfassender als der Begriff der Struktur ist) in Prozessen aktualisiert, so belegen Bichler/Nitzan diesen Vorgang mit den Begriff »Creorder« (ebd. 2009: 19f.). Sie halten diesen für einen höchst artifiziellen Begriff, der anzeigen soll, dass sich eine Struktur/Ordnung in der (historischen) Zeit permanent konstruieren und rekonstruieren muss, wie sich eben auch eine Form unaufhörlich zu transformieren hat. Bichler/Nitzan zufolge liegt im Kontext der Creorder der Sinn der Beziehung zwischen dem heraklitischen Werden und dem parmenidischen Sein genau darin, dass die Fusion von Verb und Substantiv den Begriff »Creorder« ergibt: »To have a history is to create order – a verb and a noun whose fusion yields the verb-noun creorder.« (Ebd.: 305) Einerseits mag nun die sog. Creorder vollkommen vertikal bzw. hierarchisch geordnet sein, wie dies etwa in ultrabürokratischen Systemen der Fall ist, andererseits vermag sie auch horizontal zu verlaufen, wie dies etwa in radikalen Demokratien der Fall sein könnte, oder sie befindet sich im Dazwischen von Ordnung und Unordnung. Dabei können die Fluktuationen innerhalb der sog. Creorder fast unwahrnehmbar langsam ablaufen, bis man schließlich den Eindruck einer vollkommenen Stabilität der Ordnung erhält, oder sie vermögen im Gegenteil zu rasanten Beschleunigungen (Erhöhung der Outputs pro Zeiteinheit) und Wachstumsexzessen zu führen, die die Ordnung schließlich unterminieren, wobei die jeweiligen transformativen zeitlichen Patterns kontinuierlich oder diskret oder im Dazwischen prozessieren, etwa im Sinne einer Dedekind-Operation. Dabei gilt es mit Hartmut Rosa (Rosa 2005: 118) festzuhalten, dass im gegenwärtigen Kapitalismus nicht nur immer schneller produziert, distributiert und konsumiert wird, sondern auch immer mehr, wobei es zu einer progressiven Verdichtung oder Verknappung von sozialen und individuellen Zeitressourcen nur dann kommt, wenn die Wachstumsraten der Produktion von Gütern, Dienstleistungen Informationen, Wegstrecken etc. die temporalen Beschleunigungsraten der ihnen korrespondierenden Prozesse übersteigen, ansonsten würden die technologisch forcierten Beschleunigungsprozesse eher zur Freisetzung von sozialen Zeitressourcen führen. Und schließlich mag man sich die temporalen Beschleunigungen sowie die Fluktuationen der Wachstumsraten uniform oder zufällig, singulär oder multifaktoriell vorstellen, aber egal, welche Eigenschaft diese Art von prozessualer Strukturordnung schließlich auszeichnet, die sog. Creorder impliziert für Bichler/Nitzan immerfort eine paradoxale Dualität, nämlich die einer dynamischen Kreation einer an sich statischen Struktur (das Paradoxon eines Systems/Satzes, das/der die Fähigkeit besitzt, sich auf sich selbst zu beziehen). Nun scheinen die meisten hierarchischen Systeme tatsächlich eine außerordentlich hohe Stabilität zu besitzen, womit bspw. ihr akzeleratives Potenzial zumindest restringiert oder eingeschränkt erscheint, wobei dies in der Ökonomie laut Bichler/Nitzan entweder durch materielle Begrenzungen und/oder symbolische Beschränkungen geschieht, in und mit denen sich die permanente Anstrengung des Systems ausdrückt, jede Art von Konflikten, von Klassenkämpfen und Widerständen zu regulieren oder gar zu eliminieren, zumindest aber einen offenen Ausbruch der Konflikte zu verhindern. Nach Bichler/Nitzan hat der Kapitalismus diese Art Restriktion jedoch durch zwei Formen der sich selbst immer weiter beschleunigenden Deterritorialisierung, die jegliche Prinzipien der Bewegung und der Erstarrung noch einmal dynamisieren, entscheidend und wesentlich gelockert und flexibilisiert (ohne sich je des Faktums der Konfliktualität entledigen zu können; d. h., Konflikte bleiben in der Struktur aufgespeichert): a) durch die permanente Revolutionierung der wissenschaftlichen und ideologischen Denkweisen und Mentalitäten, im Zuge von Beschleunigungs- und Wachstumsprozessen und b) durch Prozesse der intensiven monetären Kapitalisierung, die die unaufhörliche Übersetzung von Qualitäten in Quantitäten mit zunehmender Veränderungsgeschwindigkeit (variable Rhythmen, Sequenzen und Metriken) zustande bringen. Und hierin erweist sich Kapitalisierung als die generative Matrix des Kapitalismus selbst, indem sie äußerste Akzeleration und rapides Mengenwachstum von ökonomischen Entitäten ermöglicht, Faktoren, die wiederum miteinander in Beziehung zu setzen sind, wenn man zu schlagkräftigen Aussagen hinsichtlich der Verdichtung der ökonomischen Zeit kommen will. Dabei zeigt sich Kapitalisierung heute als eine rein monetär orientierte Bildung und Kalkulation von (synthetischem) Kapital an, d. h., mit Hilfe von effizienten mathematischen Kalkülen versuchen machtorientierte Kapitalisten die risikobehafteten, in der Zukunft zu erwartenden Gewinne zu diskontieren, zu kalkulieren und zu realisieren. Im ersten Moment scheint es, dass diese Art der Begriffsbildung bei Bichler/Nitzan mit Deleuzes Versuch korrespondiert, unaufhörlich diejenige objektive Illusion zu zertrümmern, die den Prozess hinter der Struktur vergisst, allerdings besitzt in Deleuzes Darstellungen die Struktur selbst eine reale Differenzialität, deren Aktualisierung wiederum sich noch bis in die Mikropartikel der sozialen Realität und ihrer Semiosen und Matheme finden lässt.

In einem ganz anderen Zusammenhang hat sich Luhmann dem Problem der Beziehung zwischen Struktur und Prozess unter den Gesichtspunkten der Reversibilität und Irreversibilität zugewandt und hat allerdings eine vollkommen andere Gewichtung der Terme als bspw. Bichler/Nitzan vorgenommen. Bichler/Nitzan betonen das Wechselspiel zwischen statischer Struktur und dynamischem Prozess, während Luhmann hingegen Folgendes schreibt: »Die Differenz von Reversibilität und Irreversibilität [gehört] mit zu der Ordnungsleistung, die sie [die Handlungssysteme] erbringen. Und gerade das, was sie durch Strukturbildung der Vergänglichkeit des Moments entziehen, wird damit reversibel gemacht: Es dauert, man kann es also ändern. Anders als eine vereinfachte Entgegensetzung von Struktur und Prozess es wahrhaben will, dient gerade die Strukturbildung dem Vorhalten von Änderungsmöglichkeiten, während als Prozeß die Verkettung der Ereignisse erscheint, sofern sie irreversibel wird. Strukturen dienen dem Aufbau von Reversibilität, Prozesse dem Erzeugen von Irreversibilität.Gerade umgekehrt, wie normalerweise angenommen wird, sind Strukturen also dynamischer als Prozesse.« (Luhmann 1998: 132) Strukturbildung erscheint hier gerade untrennbar mit Faktoren wie Dynamik, Emergenz und (relativer) Kontingenz verbunden, wobei Kontingenz allerdings nicht im Kontext von Virtualität bzw. Virtualisierung gelesen wird, welche etwa die basale Unterscheidungsfähigkeit (System-Umwelt) oder die jederzeitige Anschlussfähigkeit des Systems, die Luhmann im Sinne einer creatio continua formuliert, überfordern könnte, vielmehr schreibt die Systemtheorie jede Art von Nicht-Sinn in sinnhafte Ereignisse ein, damit Anschlussfähigkeit im Zuge eines Verfahrens, das sich als work in progress erweist, so oder so sich herstellen lässt. Gleichzeitig kommt die Systemtheorie nicht umhin, dem Begriff des Problematischen einen gewissen Stellenwert einzuräumen, und zwar mit dem Hinweis auf Kalküle, die dem System dazu dienen die eigene Unwahrscheinlichkeitsschwelle in Permanenz zu überwinden. In dieser Hinsicht zeitigt das System die unaufhörliche Entscheidung hinsichtlich der Frage der Zugehörigkeit beziehungsweise der Verwendbarkeit bestimmter Komponenten (Elemente, Relationen, Operationen), um die Erhaltung seiner selbst im Rahmen eines Wahrscheinlichkeitskalküls zu gewährleisten, ein (negentropisches) Kalkül, das es erlaubt, ständig mit der Unzuverlässigkeit der Komponenten zu rechnen und zugleich mit seinen eigenen Operationen eine, wenn auch noch so fragile Zuverlässigkeit des Systems herzustellen. Dabei geht es nicht allein um die Thematik der Problemlösung, sondern vor allem um die Beschreibung der Topik der Beobachtung des Systems in seiner Relation zur Umwelt, die ständig neu justiert werden muss, womit sich dann auch empirisch bestimmen lässt, wie das System operiert, was es denn operieren können muss. Und so schreibt Dirk Baecker auch folgerichtig: »Deswegen, um es noch einmal zu sagen, ist der Systembegriff kein Begriff der Lösung aller Probleme, sondern ein Begriff der Bestimmung und Schärfung aller Probleme, mit denen es Beobachter im Umgang mit der Komplexität selbst organisierender Prozesse aktuell zu tun haben.« (Baecker 2008b: 12) Mit dieser Formulierung nähert Dirk Baecker sich in gewisser Weise Deleuze an, der die begrifflichen Problematiken von sämtlichen Kriterien der Repräsentation durch Lösungen trennt, indem er zeigt, dass die Lösbarkeit einer dem Problem inhärenten, einer begrifflich zu erfassenden Konstellation und Konfiguration der Differenziale entspringt – schließlich werden Lösungen gemäß den Begriffen, deren Relationen und Komponenten, die die problematische Konstellation ausmachen, immanent und zugleich kontingent produziert. Zwar kann auch Kontingenz in der Systemtheorie durchaus die Qualität eines Potenzials annehmen, aber sie bleibt stets an lösbare Probleme gebunden, womit Kontingenz im Infinitum derselben Reproduktion des Systems auftritt, sodass, werden Systemleistungen fristgerecht bewältigt, die Außenseite des Systems immer nur als Umwelt und keinesfalls als Potenzial zur Gegenverwirklichung von Ereignissen aufscheint. Mit der Hypostasierung des Beobachterdispositivs wird schließlich die je schon knappe Zeit, die über ein Fristenwesen kontrolliert wird, dem System und seinen Leistungen untergeordnet, um letztendlich doch den Mechanismen der Aktualisierung/Virtualisierung von divergenten Ereignissen und den ihnen entsprechenden disparaten Wiederholungen zu entkommen, weil eben der Schwerpunkt der Theorie eindeutig auf den Leistungen des Systems selbst liegt, die rein funktional im Medium homogener Zeit Anschlüsse erzeugen, wobei diese stets aktuell und beobachtbar sein sollen. Peter Fuchs hat im Anschluss an Derridas Figur der différance auf den Faktor der Nachträglichkeit, der jener Forderung eigen ist, hingewiesen, allerdings ohne den ultrastabilen Horizont der Systemtheorie ganz zu verlassen, während doch die Begriffsfigur der diffférance als Zeit ohne Zeit auf die virtuelle Macht der Zeit verweist, auf radikale Kontingenz – eine Problematik, die bei Deleuze vor allem als jene permanente Verschaltung von Virtualität und Aktualisierung auftaucht, die es im Sinne der Gegenverwirklichung von (unvorhersehbaren) Ereignissen stets auch zu subvertieren gilt. Gegenverwirklichung von Ereignissen findet vor jenem Bogen der Simultaneität von inkompossiblen Gegenwarten statt, die wie ein Gespenst des Denkbaren dessen erscheinen, was dann als künftige Gegenwart wirklich eintritt. Damit gibt Deleuze dem Unverwirklichten bzw. der Virtualität im Ereignis ernormes Gewicht.

In seinen verschiedenen Beiträgen zur Marx’schen Theorie hat Dieter Wolf immer wieder eingewandt, dass die Darstellung und Kritik der kapitalistischen Ökonomie die Explikation von nicht-intentionalen bzw. unbewussten Strukturen zu berücksichtigen habe,und darüber hinaus obliege die Problematik der Erklärung, auf welche Art und Weise die unbewussten Strukturen die strategisch bewussten oder intentional adressierten Handlungen von Aktanten definieren könnten. Dabei geht es Dieter Wolf um die Darstellung von dynamischen Strukturen, und zwar unter dem Aspekt, dass intelligible Strukturen in der Theorie als problemlösend aufzufassen, mithin »Problem Solving Structures« (Wolf 2013a: 14) sind. So leiste Marx in den ersten drei Kapiteln des Kapitals Bd.1 eine umfassende Analyse der Waren-Struktur, und diese führe zu dem Ergebnis, dass Marx nicht nur die Geldform entwickele, sondern auch zeige, wie mit der »dialektischen Darstellung« des »Widerspruchs« zwischen Gebrauchswert und Wert das für den Kapitalismus grundlegende Problem gelöst werden könne, in welcher Form vereinzelte, konkret-nützliche Arbeiten den gesellschaftlichen Status der allgemeinen, abstrakten Arbeit erlangten. Allerdings droht man mit dieser Art des Problemverständnisses – wie dies übrigens schon viele Spielarten des Marxismus praktiziert haben – das Problem erneut auf ein Schattenbild des Negativen zu reduzieren, insofern das Problem einen Mangel an Stabilität (als gesellschaftliche Ressource) oder einen Widerspruch in der Realität des Kapitalismus anzeigt, der durch die kapitalimmanente Etablierung von struktural zu verstehenden Wertformen bzw. von gesellschaftskonstitutiven Gesetzen wie etwa dem strukturalen Wertgesetz aufgehoben bzw. »gelöst« wird. Dem marxistischen Theoretiker obliegt es, das Wertgesetz als sich selbst setzende Lösung (des Kapitals) hinter der als Kapitalfetisch erscheinenden Oberfläche zu analysieren, zu beschreiben und schließlich der Kritik zuzuführen. Dagegen wollen wir in dieser Schrift davon auszugehen, dass das Problem als begriffliches Instrumentarium, das in spezifischer Weise auf die Symptome der Realität des Kapitals bezogen ist, mit nicht-dialektischen Begriffen und deren Komponenten und Konstellationen zu erfassen ist. So schreibt bspw. der ehemalige DDR-Ökonom Peter Ruben, dass die Definition der Ware als Element einer intensionalen Warenmenge eine logisch-formale Operation beinhalte, die man durch ein Abstraktionsverfahren, das zur Bildung von Äquivalenzklassen mit ihren Merkmalen der Symmetrie, Transitivität und Reflexivität führe, darstellen könne. (Vgl. Ruben 2008: 98) Erfülle nun die Marx’sche Wertformanalyse als Teil einer begrifflichen Problematik diese Voraussetzung, so könne man sie zumindest als die Teil-Beschreibung eines gesellschaftskonstitutiven Systems verstehen, wobei man hier sofort anfügen sollte, dass die logische und logistische Problematik des Kapitals ganz allgemein in der Demonstration dessen besteht, was einen notwendigen Prozess qua differenzieller Strukturierung ausmacht, aber nicht, wie Nietzsche es ausdrückt, »weil Gesetze in ihr (der Welt) herrschen, sondern weil absolut die Gesetze fehlen, und jede Macht in jedem Augenblicke ihre letzte Consequenz zieht.« (Nietzsche 1967: 31) Mit Nietzsche und über Nietzsche hinaus lässt eine nicht-fundamentalistische Sozialtheorie neben dem Faktum der machtorientierten Produktionen von Gesetzen immer auch diejenigen Produktionen anklingen, die die Strukturen gespalten und zerrissen halten, insofern sie einerseits Produktionen innerhalb der Struktur darstellen, andererseits deren Reproduktion je schon entzogen sind, wenn sie etwa auf Begriffe wie Gerechtigkeit, Kooperation und Gemeinwesen verweisen, die sich nicht ontologisieren lassen, sondern gerade das Überschreiten der Gesetze (in der Theorie) selbst bezeichnen. Und es gilt zu bedenken, dass Regime – das Kapitalverhältnis aktualisiert/virtualisiert sich durch eine Reihe von Regimen hindurch – sich nicht allein durch ihre konstitutiven ökonomischen und politischen Systeme, Vektoren, Variablen und Parameter reproduzieren, sondern auch mit den Handlungen der Aktanten sowie allen Sorten sog. nicht-humaner Objekte wie Technologien, Bakterien, Texte, Glasfaserkabel, Autobahnen etc. im doppelten Sinne rechnen müssen.

Schließlich gilt es darauf zu verweisen, dass sowohl zwischen Geltung und Genese als auch zwischen Virtualisierung und Aktualisierung kein Verhältnis der Analogie besteht, sondern stets eine Lücke klafft. In der ersten Relation ist die Frage eingeschlossen, wie Kontingenz in Stabilität übersetzt wird. Wir können festhalten, dass es sich bei den Genesen stets um differenzielle Wiederholungen, Rückkopplungsprozesse und Ansteckungen handelt, während die Festigkeit oder das Greifen einer Beziehung (Sich-Befestigen) eher die Geltung betrifft. Und die Binnengeschichte des Kapitals schiebt sich qua Virtualisierung/Aktualisierung-Verschaltung voran und diese Verschaltung impliziert Wiederholung. Was sich mit ihr im Kapitalismus wiederholt, ist in erster Linie die Struktur, i.e. je dieselbe Reproduktion. Und schließlich ist die kapitalistische Ökonomie als Ganze gegeben oder es gibt sie nicht. Als gegeben ist sie eine soziale Tatsache und kein Faktum im transzendentalen Sinn, ergo keine Bedingung der Möglichkeit von …, sondern stets eine materielle Bedingung der Existenz. Und somit stehen wir, wenn man so will, vor einem doppelten Abgrund der Tatsache, nämlich ihrer Möglichkeit, nicht zu sein, und ihrer Möglichkeit, nicht mehr zu sein. Jedenfalls ist das Kapital als (offenes) Ganzes gegeben, wobei die ökonomische Struktur im Kapitalismus sämtliche Bereiche und Facetten des Gesellschaftlichen und Politischen in letzter Instanz determiniert, und zugleich prozessiert das Kapital über den Mechanismus der Virtualisierung/Aktualisierung, d. h., als Zeitigung der Zeit in der Zeit. Was ist nun wirklich als die Bedingung des Kapitals zu verstehen? Konsequent gilt es in der Kapitalanalyse vom unbezweifelbaren »Es gibt Kapital« als Bedingung des Kapitals auszugehen, ein »Es gibt«, das selbst noch einen Luhmann antreibt, der als Einleitung zur Systemtheorie froh verkündet, dass es zweifelsohne das System gibt. Ganz leger bedient sich Luhmann einer Existenzaussage im Zuge einer auktorialen Performance und das gerade im Hinblick auf die Theorie eines radikal de-ontologischen Systems, das es permanent zu dekonstruieren und zu dementieren gilt, wodurch aber die Figur des Systems nur bestätigt wird. Durch die Konstruktion einer derartigen Theorie wird die anfängliche Entscheidung, die im »Es gibt« besteht, geradezu bestätigt. (Vgl. Fuchs 2001: 116) Wir verhandeln hier das historische Apriori eines Marx, i.e. »Es gibt Kapital«, stärker infolge des Verständnisses eines historischen Apriori bei Foucault, der Bedingung des »Es gibt«, das sich bei Foucault als primär Sagbares und sekundär Sichtbares (je schon Aktuelles) über Virtualisierung in der Zeit andauernd neu aktualisiert. (Vgl. Deleuze 1987: 80f.) Der nicht-philosophische Term »Es gibt« verweist auf das Laruell’sche »Gegeben-ohne-Gegebenheit«, das Reale, das, wie wir gesehen haben, zumindest in einer untergründigen Korrespondenz zum Marx’schen Begriff der ökonomischen Basis als Determination-in-letzter-Instanz steht. Hierbei handelt es sich um eine radikal determinierende Relation (der ökonomischen Basis in Relation zum Überbau), um eine unilaterale Kausalität, die von der ökonomischen Basis zum Überbau führt und eben nicht umgekehrt, ja es darf an dieser Stelle wirklich keinerlei reziproke Beziehung zwischen den Termen angenommen werden. Die Begriffe »Bedingung« und »Determination« sind also im Kontext des »Es gibt« im strengen Sinne zu denken – i.e. irreversibel, unidirektional und »in-der-letzten-Instanz«. Und (historische) Zeitlichkeit heißt nun, dass man von keiner allgemeinen bzw. ideellen Struktur ausgehen darf, sondern die ökonomische Struktur mit aller Vorsicht als ein reales, äußerst variables und doch radikal determinierendes »Quasi-Transzendental«, das in der Zeit wirkt, begrifflich zu entwickeln ist, daher Zeit bewirkend, wie die Struktur auch das Faktum nicht abschütteln kann, dass sie durch Zeit bewirkt wird. Es gilt zu verstehen, dass Kapitale nicht »In der Zeit« sind, sondern in der Zeit sind. Das Apriori ist immer historisch, und Reproduktion hieße dann nicht die eines Subjekts oder Dings, sondern bezeichnete vor allem dieselbe Reproduktion, nämlich die des Kapitals. Der Reichtum erscheint in Gesellschaften, in denen die kapitalistische Produktionsweise herrscht, als eine ungeheure Warensammlung. So beginnt Marx das Kapital. Es gibt also Produkte, die potenziell Waren sind, wenn sie auf der Oberfläche des Kapitals erscheinen, wobei mit dem Wort »erscheinen« schon Zweifel an der Feststellung, dass es Waren gibt, angebracht sind, insofern es tatsächlich ein Problem darstellt, trotz differenter Begehren, Bedürfnisse und Wertungen von einer Existenz der Ware auszugehen, i.e. die Ware ist dynamei, Potenz, und dies bringt Marx mit dem Wort »erscheinen« auch zum Ausdruck. Es gibt aber zweifelsohne das Kapital als Produktionsweise, und dies ist als Apriori einer Gesamtkomplexion (Quasi-Transzendentalität) zu begreifen, die wiederum an Virtualisierungs-Aktualisierungsprozeduren gekoppelt bleibt. Man sollte deshalb nicht, wie dies Generationen von Marxisten getan haben, aus dem ersten Satz im Kapital einen organizistischen, Hegel’schen Anfang mit der Elementarform Ware herauslesen, vielmehr ganz lapidar davon ausgehen, dass die Marx’sche Wissenschaft mit einem (theoretisch) Gegebenen beginnt, das von vornherein nur in Relationen angeschrieben werden kann, als eine Theorie-Architektonik mit Konnotationen zu anderen Theorien und spezifischen theoretischen Praktiken. Um nun jede Art der Verräumlichung des Gesellschaftlichen zu vermeiden (siehe die berühmte Rede von den Einbettungen des Kapitals in das unmögliche Objekt Gesellschaft oder siehe die Figur der Gesellschaft als Behälter für alles Mögliche), setzen wir den Wert als unhintergehbaren Un-Grund für das Gesellschaftliche, der sich im Kapitalismus stets über und durch ein Gefüge (Quasi-Transzendentalität des Kapitals im Sinne der Wirkung von Wirkung) virtualisiert/aktualisiert. Der Wert zeigt die Figur der ultimativen Ungründbarkeit des Gesellschaftlichen an und verhilft diesem zu einer opaken Anwesenheit. Es ist gerade das Kapital als Gesamtkomplexion (Stabilität), das über seine Virtualisierung/Aktualisierung Verschaltung (Kontingenz) in der Zeit anzeigt, dass der Wert (quantitativ) unbestimmt bleiben muss. Stabilität und Kontingenz werden hier durchaus als konstitutive, ja als (logisch) notwendige Ressourcen eines ökonomisch-strukturellen Zusammenhangs begriffen, innerhalb dessen gesellschaftliche Synthesis unaufhörlich unbeständig hergestellt wird.

Die Aussage »Es gibt Kapital« beinhaltet also ein historisches Apriori, wobei sich im Anschluss an Foucault sagen ließe, dass sich dieses auf ein sich in Einzelkapitale aktualisierendes, verzweigendes und distributierendes Gesamtkapital als ein gegebenes und offenes Ganzes bezieht. So schreibt Foucault: »Das Apriori der Positivitäten ist nicht nur das System einer zeitlichen Streuung; es ist selbst ein transformierbares Ganzes.« (Foucault 1981: 185) Und mit Althusser wäre vielleicht dann bezüglich des wichtigen Aspekts einer möglichen Unterbrechung des Ganzen an das ursprungslose und grundlose »Es gibt« von Heidegger anzuschließen, das nicht-kalkulierte »Geben« (wobei der leidenschaftlich-passive Aspekt der Gabe hervorgehoben wird, das, was man nicht gewählt hat zu geben, aber einen offen hält, ja die gegebene Zeit in einem Zeit-Raum offen hält), das der Präsenz des Gegebenen im Sinne einer transzendentalen Kontingenz immer vorausgeht. (Vgl. Althusser 2010: 24) Hier zeigt sich denn auch das Primat der Abwesenheit über die Anwesenheit an (Derrida), und dies nicht als die Rückkehr zu einem Ursprung, sondern als ständigen Aufschub jeden Grundes, als ein unverfügbares und kontingentes »Gesetz«, das paradoxerweise ständig zurückweicht, wenn man es denn greifen will, um sich dann doch erneut an anderer Stelle zu etablieren. Solch ein »Gesetz« wäre, wenn man dessen determinierende Funktion trotzdem bedenkt, dann mit Marx als »Tendenz« zu begreifen, insoweit eine Tendenz nicht die Form oder Figur eines linearen Gesetzes behauptet, sondern sich stets durch Begegnungen mit anderen Tendenzen verzweigt, um u. U. Durchschnitte oder Allgemeinheiten herauszubilden. Was Marx als Tendenz bezeichnet, hat durchaus auch Ähnlichkeiten mit dem, was Deleuze Virtualität nennt, insofern beide Terme vollkommen real, aber nicht aktuell sind. Und zugleich gilt es die determinierende Funktion mitzubedenken.

Wir sollten an dieser Stelle noch kurz die Frage des Methodologischen bei Foucault erwähnen, insofern es unseren Gegenstand hier betrifft. Wir haben wir es bei Foucaults Archäologie bekanntermaßen nicht mit »Dokumenten« zu tun, die etwa Zustände und Ereignisse belegen, sondern mit »Monumenten«, die Zustände und Ereignisse quasi konstruieren. Und Begriffe wie Frequenz, Strom oder Wachstum, auf die wir noch öfters zurückkommen werden, verweisen in diesem Kontext direkt auf Veränderungen in der Zeit, auf Dauer, Tempi, Sequenzen und Rhythmen. (Vgl. Foucault 1981: 15f.) Dabei lassen sich die Monumente immer nur aus einer der Theorie immanenten Perspektive beschreiben, wobei entscheidend für die sog. Adäquatheit der Beschreibung, die der Bewegung wissenschaftlicher Experimente folgen soll, das Kriterium der Stabilität der internen Kohärenzen und Regelmäßigkeiten von Aussagen ist, die sich aus den anfänglichen Axiomen, den darauf folgenden deduktiven Reihen und den so zu eruierenden Konstellationen der empirischen Objekte ergeben, die wiederum solche eines endlichen historischen Korpus sind. Bei Foucault geht es in einem Feld des Sagbaren um die Aussage, die jenseits des Referenten, des Signifikanten oder der Proposition das konstitutive Element für einen jeweils endlichen Korpus von Texten stellt, dessen Aussageregelmäßigkeiten jeweils zu erstellen sind. Foucault schreibt: »Das Referenzial der Aussage bildet den Ort, die Bedingung, das Feld des Auftauchens, die Differenzierungsinstanz der Individuen oder der Gegenstände, der Zustände der Dinge und der Relationen, die durch die Aussage selbst ins Spiel gebracht werden.« (Ebd.: 133) Foucaults Konzeption der Aussagen umfasst nicht in erster Linie wissenschaftliche Theorien, die auf der Analyse empirisch beobachtbarer Phänomene und Strukturen beruhen, sondern sie weist über die Erfassung des Referenzials auf eine zu konstruierende funktionale Strukturalität hin. Der Mensch zeigt sich, »sobald er denkt, seinen eigenen Augen nur in der Form eines Wesens, das bereits in einer notwendig darunterliegenden Schicht, in einer irreduziblen Vorherigkeit, ein Lebewesen, ein Produktionsinstrument, ein Vehikel für ihm präexistente Wörter ist.« (Foucault 1974: 379) Die Funktionalität der Aussage als eine verschiedene Einheiten bildende Diagonale folgt bei Foucault keiner repräsentationalen Logik, sondern sie enthält eher eine Art produktiver Analytik, mit deren Apriori – quasi-transzendentales Prinzip – die historischen Bedingungen der Aussagen und ihrer generative Regeln freizulegen sind. Das Apriori ist historisch. Foucault schreibt weiter zur Aussage und ihren Gegenständen: »[…] es wird ein Gebiet von Objekten sein, die in demselben Augenblick existieren und auf derselben Zeitskala, auf der die Aussage formuliert wird, oder es wird ein Gebiet von Gegenständen sein, das einer ganz anderen Gegenwart zugehört – dasjenige, das durch die Aussage selbst angegeben und konstituiert wird, und nicht das, dem die Aussage auch angehört.« (Foucault 1981: 133) Aussagen sind mit ihrer Subtraktion von der Referenz mit einem sog. Referenzial verbunden, das nicht unbedingt auf vorhandene Dinge, Fakten oder Realitäten hinweisen muss, sondern sich auch auf zu konstruierende Bedingungen und Regelmäßigkeiten (Gesetzen der Möglichkeit) von vergangenen oder zukünftigen Gegenständen bezieht, auf Existenzregeln für Gegenstände, die mit jenen beschrieben werden. Foucaults Bestimmung des Referenzials, bei der von der Referenz abstrahiert wird, könnte man vielleicht analog zu Deleuzes Herleitung des nicht-quantitativen Differenzials als reine Differenz von der Differenz lesen. Und Foucault definiert Aussagen analog der analytischen Logik als Funktionen. Doch sind sie als solche nicht mit einem Korrelat verbunden wie etwa dem Wahrheitswert im Fall von logischen Propositionen oder dem Sinn im Fall von Sätzen in der Pragmatik, vielmehr ist hier durchaus auch eine Nähe zur Konzeption des Erkenntniseffekts bei Althusser zu spüren, der dadurch zustande kommt, dass in einem wissenschaftliches System Begriffe einen spezifischen Platz einnehmen und damit bestimmte Funktionen in einem Netz hergestellt werden, womit ein komplexes, systematisches wissenschaftliches Objekt (laut Deleuze ein musikalisches Netz) erst erzeugt wird, in das auf jeder seiner Stufen Diskurse eingeschrieben sind, die die Anwesenheit oder Abwesenheit des Systems anzeigen. Referenzialität enthält also sowohl minimum-transzendentale wie auch positivierbare Komponenten von Aussagen oder Begriffen, die man schließlich in Übersetzungen an die Empirie zurück binden sollte, ja gemäß dem Realen konstruieren sollte.

1Das Sein kann sich nicht von sich selbst, sondern nur von den Differenzen aussagen.Für Deleuze scheint Differenz identisch mit Sein zu sein. Bei Derrida ist die Leistung, welche die Bewegung des Differierens und Aufschiebens der Präsenz in Gang hält, eine Zeit-Leistung, die sich nur nachträglich oder im Voraus zu sich selbst zeigt. Das Sein verschwimmt. Während Derrida also das Gewicht stärker auf Emergenz und produktive Differenz legt, setzt Deleuze Akzentuierungen in Hinsicht eines Sinns als Idealität. An dieser Stelle könnte man nun einfügen, dass es sich bei Deleuze gerade um keinen Relationalisten handelt, weil seine differenziellen Relationen keine selbständigen Teile haben, desweiteren sollte man ihn auch nicht so ohne weiteres als Prozess-Philosoph verstehen, weil das Werden für ihn kein extensives zeitliches Ereignis enthalten muss.

2Deleuze 1992a: 222. In Bezug auf die Sprache inkludiert das Virtuelle der Struktur das vollständig Ganze des Sagbaren, das sich in den sprachlichen Ausdrücken aber niemals vollkommen aktualisiert, sodass der Sinnüberschuss, der durch die Verkettungsmöglichkeiten von Sätzen entsteht, niemals zur Gänze ausgeschöpft wird. Und die virtuellen Potenziale können nur ein einziges Mal ausgespielt werden, womit die Konstellationen des Virtuellen sich mit jeder Realisierung neu aufstellen müssen, auch weil das Virtuelle das Aktuelle niemals voll und ganz umfasst. Aktualisierung vollzieht sich immer als Differenzierung in der Zeit. Dabei sind die Bedingungen nicht allgemeiner als das Bedingte. Unter diesen Gesichtspunkten greift Deleuze die drei wesentlichen Momente der Idee bei Kant auf – Unbestimmtheit, Bestimmbarkeit und Bestimmung – und bestimmt das Denken als das, was nicht gedacht werden kann, aber gedacht werden muss, also als das letztlich Unbestimmbare. Diese drei Momente lassen sich selbst noch beim cartesianischen Cogito nachweisen: »[…]das Ich bin als unbestimmte Existenz, die Zeit als Form, in der diese Existenz bestimmbar ist, das Ich denke als Bestimmung.« (Deleuze 1992a: 219) Die Bestimmung des Differenzbegriffs als in sich selbst unterscheidend entbirgt die Differenz als Öffnung auf Räume und Zeiten positiver Differenzen (entscheidend ist nicht die Differenz an sich, sondern die Verwandlung der Differenz in sich). Eine divergente Mannigfaltigkeit, die schließlich keine Totalität darstellt, sondern der das Prinzip der Differentiation inhäriert, drückt sich als Quasi-Ursache in jedem aktuellen Objekt bzw. empirischen Zusammenhang aus, der seinerseits als eine Vielzahl von Ursachen, Umständen und Relationen die Manigfaltigkeiten beeinflusst. Für Deleuze ist deswegen das Aktuelle keineswegs mit der Bestimmung von Passivität gleichzusetzen, wie dies z. B. Badiou in seiner Kritik an Deleuze annimmt, wenn er dem deleuzianischen Aktuellen eine rein passive Oberfläche zuschreibt, auf der keinerlei Differenzen produziert werden. So muss schließlich für Badiou das deleuzianische Virtuelle ganz unabhängig von seiner Fähigkeit zur Differentation als eine einzige vereinheitlichende und kreative Kraft erscheinen, als eine reine Quelle der Aktivität.

3Badiou will mit der Gleichung Mathematik=Ontologie eine Mannigfaltigkeit formalisieren, die jenseits jeder Zählung-als-Eins, also jenseits eines operativen Aktes liegt. Dabei impliziert seine Metamathematik ein Zeichensystem, das nur sich selbst als Referenten hat, wobei mit der Ontologisierung die Differenz zwischen Sein und Zeichensystem geschlossen wird. Das Sein ist gezwungen, reine Mannigfaltigkeit zu sein. Badiou identifiziert also Menge und Sein und sieht die finale Priorität der Mengentheorie unter der Überdeterminierung der Ontologie.

4zitiert nach Žiżek 2005, 45.

Foto: Bernhard Weber

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