Kapitalisierung (Assets) und/oder Kommodifizierung (Waren)

Wir beziehen uns hier auf den Aufsatz von Veit Braun „From Commodity to Asset and Back again: Property in the Capitalism of Varieties“ im Buch Assetization, in dem sie versucht zu klären, was es heißt, etwas in ein Asset zu verwandeln (Kapitalisierung) und ob damit das, was man Kommodifizierung nennt, ganz vom Markt verschwindet. Wenn man den Unterschied zwischen der enormen Marktkapitalisierung einiger Unternehmen und dem Marktwert dessen, was sie produzieren, verstehen will (Teslas Nettoeinkommen vom Verkauf elektrischer Autos ist nach wie vor negativ), dann kann man nicht nur auf letzteren schauen, sondern muss untersuchen, wie waren in Wert gesetzt werden. Veit wendet ein, dass hier die Gefahr einer Verdinglichung der Waren bestehe, und das Asset ausschließlich im Gegensatz zur Ware behandelt werde. Das Asset werde behandelt als etwas, dass außerhalb der Kommodifizierung nur in den Konventionen und Kalkulationen von kalkulierenden Instrumenten und agencies bestehe, das heißt, Assets seien ausschließlich sozial und nicht materiell konstruiert.

Veit versucht in diesem Aufsatz zu klären, ob alles in ein Asset verwandelt werden kann und ob es dann noch eine Ware ist. Veit versucht dies am Beispiel des Verhältnisses von Züchtern von Weizen zu Bauern zu klären, wobei erstere Samen an die letzteren verkaufen. Handelt es sich dabei um eine Asset oder um eine Ware? Für die Märkte hier ist die streng standardisierte Natur der Pflanzen eine notwendige Bedingung, um Variationen zu vergleichen und zu evaluieren, sei es für Programme der Taxierung oder seinen es individuelle Bauern. Die Samen für Weizen kommen als standardisierte, quantifizierte und vergleichbare Objekte auf den Markt, was ein guter Grund dafür ist, sie als Waren zu bezeichnen. Als solche können sie geographische, zeitliche und soziale Distanzen zwischen Käufer und Verkäufer überwinden, was impliziert, dass sie reinrassig für verschiedene Generationen hervorgebracht werden und mittels statistischer Methoden über verschiedenen Klimazonen hinweg evaluiert werden, überzogen mit Chemikalien gegen Insekten. Dies alles sind Prozesse der Kommodifizierung, und dies auch im materiellen Sinne, i.e. Samen als Produkte, die auf dem Markt angeboten werden können.

Waren müssen nicht nur verkäuflich sein, sondern müssen auch ohne größere Anstrengungen reproduzierbar sein, um verlässliche quantifizierbare Daten wie Gewicht, Preis und Inhalt zu erhalten. Dies beinhaltet zudem einen materiellen Kommodifizierungsprozess, ohne den sie nicht quantifiziert werden können.

Es liegt in der Natur der Samen, dass sie vermehrt und multipliziert werden können. Während die Züchter neue Variationen kreieren können, die in wenigen Generationen Millionen neuer Samen hervorbringen, können die Bauern ein Teil ihrer Ernte zurückhalten, um sie erneut auszusäen, womit der ökonomische Wert des Züchters zerstört wird. Man findet hier einen Mechanismus der Akkumulation vor, insofern ein Bruchteil der samen nicht dem Nullsummenspiel der Konsumtion folgt, sondern den Gesetzen des Surplus der Reproduktion. Während im Fall der Konsumtion/Kommodifizierung dies Mühlen sind, in denen Waren hergestellt werden, enden im Fall des Assets/Reproduktion von Samen diese in Orten, an denen sie gesäubert und chemisch behandelt werden. Beide Prozesse verwandeln die Ernten in Objekte von Wert. Die Verwertung ist hier nicht nur eine mathematische Prozedur, sondern auch eine biologische. Während Korn die Wertschöpfungskette als Ware durchläuft, generiert der behandelte Samen für den Bauern Wert. Heute kaufen die Bauern immer weniger Samen auf dem Markt. Für sie ist der Samen ein Asset. Während die Züchter eine berechtigte Forderung auf eine monetäre Kompensation für ihre Samen haben, gehen die Bauern davon aus, dass sie nach der Transaktion keinen weiteren Forderungen nachkommen müssen. Die Bauern verstehen also Samen und ihre Variationen als ein Asset, wenn sie ihr dauerhaftes Eigentum sind, aber als Ware, die mit der Transaktion auf dem Markt endet. Veit resümiert, dass es also nicht so einfach sei, Assets von Waren zu unterscheiden.

Da die Hersteller von Gesetzen davon ausgehen, dass die Variationen der Pflanze eine Art geistiges Eigentum sind, und die Züchter ihre finanziellen Ausgaben gegen Variationen als bleibende Quelle von Revenues bezüglich der Kommerzialisierung diskontierter Raten gegenrechnen, heißt daann nicht, dass die Variationen nur als Assets und nicht als Waren zu anderen Zeiten oder gar simultan erscheinen. Ihre Bewertung benötigt sowohl semantisch als auch materiell eben einen gewissen Grad der Kommodifizierung, um eine Realisierung in Geld vornehmen zu können. Variationen gibt es nicht ohne standardisierte Waren-Pakete von zertifizierten, standardisierten Samen. Zugleich sind sie Assets, die weniger der Kalkulation als der Spekulation dienen. Veit geht nun davon aus, dass die Mehrheit der Assets nur mit einer Form der Vermarktung funktionieren, wo sie mit wenig Risiko in Geld konvertiert werden können, und zwar durch den Tausch von Waren für Geld.

Die Kommodifizierung von Assets wiederum zeigt, dass hier nicht jeder Aspekt eine Frage der Kalkulation ist; so ist der Preis der Weizensamen nicht nur die Summe der Kosten (plus durchschnittlicher Profit), vielmehr setzt der Züchter, der seine Samen am oberen Ende der Preisskala lizensiert, auch ein Signal für eine höhere Qualität. Es geht hier nicht nur um die Kompensation der vergangenen Kosten, sondern auch um zukünftige Projekte.

Es sind aber auch Infrastrukturen, das Recht und die Bauern, die an dieser Stelle wichtig sind. Wenn man die Vorteile von Assets (andauernde Renten anstatt der Anstellung von Arbeitskräften) mit der Zweckmäßigkeit von Waren kombiniert (schnelle Kommerzialisierung), dann hat auch dies seine Risiken.

Die Hybridzüchtung zeigt, warum es notwendig ist, die materielle Dimension von Produkten zu beachten. Diese ist ein effektives Tool, um höhere Renten von den Bauern zu extrahieren, die einen höheren Preis für etwas bezahlen, das sie sich selbst nicht als Assets aneignen können. Für Veit gibt es nun verschiedenene Art und Weisen, Assets und Waren zu trennen, die Teilung in Produzenten, die Assets halten, und Konsumenten, welche Waren benötigen. Das Eigentum spielt hier eine wichtige Rolle.

In einer Marktökonomie spielt das Eigentum eben eine wichtige Rolle für den Verkauf und Kauf von Waren, die Ware verschwindet beim Eigentümer und er erhält dafür Geld. Wenn man hingegen das Eigentum an einem Asset betrachtet, dann geht es darum, dass etwas weg-läuft und zum Eigentümer zurück kommt. Für Veit ist hier die spezifische Artikulation mit Waren essenziell, es sollen alle Vorteile des Warentauschs wie schneller Transport, Skalierbarkeit und Kalkulierbarkeit aufrechterhalten werden, ohne dass die Waren vom Markt verschwinden.

Sehen wir die Sache doch so: Wir sollten zunächst davon ausgehen, dass es hier immer um kapitalistische Waren handelt, die als Teil des Geldkreislaufs von Kapital in Geld realisiert werden müssen. Somit wäre die Kommodifizierung immer Teil einer überordneten Kapitalisierung. Gleichwohl bestehen natürlich die genannten Unterschiede zwischen Waren und Assets.

Das klassische Tauschgeschäft verlangt nach einer sofortigen Übergabe des physischen Objekts/Ware gegen Geld (Wert und Wertgröße wechseln nur die Form; Wert, der ideell als Preis in der Ware existiert, geht reell in Form des Geldes an den Verkäufer der Ware über, und dies hat als eine invariante, symmetrische Anforderung an die ökonomische Eigenschaft der klassischen Ware-Geld Beziehung zu gelten, während beim Kredit diese invariante Anforderung an eine sofortige Bezahlung des Objekts wegfällt – Geld besitzt nun das Potenzial im Rahmen des spezifischen Zeithorizonts einer Versprechensbeziehung auch zu wachsen; mit dem Asset lösen sich die invarianten Anforderungen, denen der Kredit noch unterworfen ist, weiter auf, womit die ökonomischen Eigenschaften des Objekts schließlich die Freiheit annehmen, sich zu falten, zu verdrehen und zu biegen oder zu verschlingen.

Bezüglich der Eigentumsfrage mag Katharina Pistors Buch Der Code des Kapitals weiterhelfen, in dem sie das Eigentumsrecht als eines der wichtigen Module des Kapitals bezeichnet, die einem Produkt gewisse Attribute wie Priorität, Beständigkeit, Konvertierbarkeit und Universalität zulegen. Pistor führt eine Definition von Eigentum an, nach der ihm als Erwartung eines zukünftigen Einkommens ein monetärer Wert beigelegt wird, und dies ist Kapital, i.e. eine rechtliche Qualität, die dazu dient, Vermögen zu schaffen und abzusichern. Dies betrifft hier das Asset, und auch Pistor geht davon aus, dass jedes beliebige Gut in Kapital verwandelt werden kann. Gehen wir von den drei Klassen von ökonomischen Objekten aus, dann verfügen Assets über eine wirkungsmächtigere ökonomische und topologische Realität als die anderen ökonomischen Objekte oder Ereignisse und dies auch hinsichtlich ihrer Wirklichkeitsregister, die sich mit Deleuze als Potenzialität, Aktualität und Virtualität beschreiben lassen. Man sollte die virtuelle Kausalität der Assets zudem als determinierend, performativ und als materiell verstehen, d. h., die Assets. drängen in ihren Effekten geradezu auf reale materielle Konsequenzen. Mit und gegen Veit sagen wir dann, dass es zwar Kommodifizierungsprozesse und solche der Kapitalisierung gibt, dass es zwischen diesen aber eine hierarchische Rangordnung gibt, in der die Assets heute dominieren.

Weitere Besprechungen zum Buch finden sich hier und hier

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