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Marx und der Kredit

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27 Apr , 2018  

Als reine Form der »Veräußerlichung des Kapitalverhältnisses«, wie Marx schreibt, entstehen Geld- und Kapitalmärkte, die heute Tag für Tag bestätigen, dass Kreditgeld, Staatsanleihen und synthetische Wertpapiere als fiktives oder spekulatives Kapital die Ökonomie in letzter Instanz determinieren. Und wenn Vilém Flusser schreibt, dass der Holzlöffel zu einem blassen Schatten des Software-Programms geworden sei, aus dem er entstanden sei (Flusser 1995: 189), so gerinnt heute die sog. Realwirtschaft zu einem super-blassen Schatten der synthetischen Finance, die nicht wie gemeinhin angenommen als Derivat funktioniert, sondern umgekehrt die Realwirtschaft zu ihrem Derivat macht. Die synthetische Finance ist mit ihrem unglaublichen Simulationspotenzial, das eine immense Wirksamkeit anzeigt, viel »wirklicher« als die Realwirtschaft. Wir kommen darauf in dieser Schrift noch mehrmals zurück. Angesichts einer Algebra der Kapitalisierung, mit der die Finanzökonomen es heute tatsächlich schaffen wollen, auf die Sekunde genau einen gegenwärtigen Kapitalwert aus der Diskontierung der in der Zukunft erwarteten Rendite zu berechnen, darf es für marxistische Ökonomen bei der Beschreibung dieser Art Ökonomie nicht mehr allein um den wie auch immer kritischen Nachvollzug der Ableitung oder wahlweise Entfaltung Marx’scher Kategorien gehen, wie sie etwa Marx in Bd. 3 des Kapital zumindest ansatzweise ausgeführt hat, um damit auf der Analyse der vielbeschworenen ökonomischen Oberfläche zu beharren (Bewegungsformen der pluralen Kapitale/Gesamtkapital). Es geht auch nicht darum, die Analyse des fiktiven/spekulativen Kapitals sozusagen outzusourcen, indem man vor allem empirische Untersuchungen über »Finanzregime und Globalisierung« anstellt, vielmehr sollte die marxistische Analyse und Kritik endlich nicht mehr davor zurückscheuen, sich umfassend dem Phänomen der monetären Kapitalisierung mit all seinen monströsen Formen der Beeinflussung, Determination und Einfassung des industriellen Kapitals bzw. der »Realwirtschaft« zu widmen. Es hilft wirklich nicht weiter, hinsichtlich der Analyse der nur äußerst rudimentär entwickelten Kapitalformen im dritten Band des Kapital den ständigen Rückbezug auf vorherige Ableitungsstufen einzuklagen, indem man etwa anführt, dass es sich beim fiktiven Kapital und seinen Formen letztlich um nichts anderes als abgeleitete Formen des zinstragenden Kapitals handele, wobei von der sog. Hegellinken sogar davon ausgegangen wird, dass der Wertbegriff qua dialektischem Widerspruch zum Kapitalbegriff bis hin zu den entfalteten Formen des fiktiven Kapitals drängt, und insbesondere erscheint es recht ärgerlich, wenn der dialektisierenden theoretischen Darstellung des Kapitals ein dialektisch verlaufender, realhistorischer Bewegungsprozess des Kapitals unterlegt wird. Marxens Darstellungsproblematik gründet eben nicht auf einer kontinuierlichen Anreicherung von Ableitungsschritten, sondern es werden auf den jeweiligen diskursiven Ebenen im Rahmen von Problematiken Begriffskonstellationen entwickelt und damit zugleich vorangegangene begriffliche Positionierungen destruiert oder dekonstruiert. Hingegen sehen sich viele Marxisten nach wie vor gezwungen, bspw. eine »spekulative Identität« zwischen Maß und Wert im Geld anzunehmen, die das automatische Subjekt Kapital mit seinen drei Geldformen in Bewegung setzt, als hätte der Hegel’sche Weltgeist im Marx’schen Kapitalbegriff tatsächlich seine Wiederauferstehung erlebt, wofür es allerdings im Marx’schen Text zahlreiche Belege gibt. Letztendlich ist es vielleicht der untergründige Hegelianismus Luhmanns, der näher an die sog. reinen Bewegungsformen des Kapitals heranrückt als der Hegel-Marxismus es bisher selbst veranstaltet hat. (Vgl. Schwengel 1978) Wenn Marx Brüche, Übersetzungen und Übergänge im Kapital oft dadurch konstruiert, dass er der kategorialen Darstellung auf einer spezifischen Ebene ein Problem oder eine (logische) Unbestimmtheit konstatiert, was die Transformation oder den Bruch mit der bisherigen theoretischen Darstellung geradezu herausfordert, so lässt sich diese Art der fraktalen oder besser gesagt der gebrochenen Systematik nicht rückwirkend in eine Hegel’sche Bewegungslogik dahingehend transformieren, dass die Auflösung von fixen Formen im Rahmen eines Gleitprozesses (von Begriffen) immer wieder auf ein logisches Zentrum zurückführt, und sei es das einer begrifflichen Bewegungsfigur wie etwa der Widerspruch oder das System selbst. Vielmehr macht Marx im Kapital oft nichts anderes als bestimmte begriffliche Ebenen des Kapitals mit ihren relativ autonomen Relationen, Elementen und funktionalen Beziehungen als Problematiken und Begriffskonstellationen zu formulieren, um damit gemäß den Symptomen der Realität des Kapitals Analyse und Kritik zu betreiben, sodass man die Marx’schen Texte gerade deswegen auch nicht als eine abgeschlossene theoretische Produktion betrachten darf, deren Struktur man ex post immer nur präzisieren muss, indem man etwa neue empirische Untersuchungen oder gar theoretische Versatzstücke aus minoritären Marx’schen Texten angliedert.

Im Kapitalismus müssen ständig Produktionen sowie die ihr entsprechenden monetären Transaktionen stattfinden, und wenn dieses Prozedere aus welchen Gründen auch immer unterbrochen wird, dann verlieren die Unternehmen eben Geld oder Vermögen, und dies ist exakt die leere Stelle, in welche der Kredit einspringt, der es schließlich ermöglicht, sowohl Produktion als auch Kauf/Verkauf von Waren zu antizipieren oder vorzuziehen. So lassen sich die aktuellen Zahlungen eines Schuldners, der in ein Kreditverhältnis eintritt, für eine bestimmte Periode vom Gläubiger substituieren, und dies geschieht immer unter der Voraussetzung, dass es zu einem vertraglich fixierten Zeitpunkt zu einem Ausgleich der Gläubiger-Schuldner-Konten kommt (womit die prinzipielle Tilgbarkeit der Schulden unterstellt bleibt). Mit der Etablierung des kapitalistischen Kreditsystems entwickelt sich im Rahmen der Stabilisierung der differenziellen Kapitalakkumulation zugleich eine eindeutige temporale Tendenz zur Beschleunigung, weil das fungierende Kapital, wie Marx das industrielle Kapital in seiner analytischen Trennung vom finanziellen Kapital bezeichnet hat, auf der Grundlage des Kredits nun frühzeitig neu Investitionen vorzunehmen vermag, d. h., bevor es überhaupt über Geldsummen verfügt, die aus den Verkäufen des in einer gegebenen Produktionsperiode erstellten Warenpakets resultieren. Die Beschleunigung, die Expansion und das Wachstum der kapitalistischen Ökonomie sind ohne die Anwesenheit des kapitalistischen Kreditsystems nicht zu verstehen. Und man sollte sich dabei vergewissern, dass dieses Kreditsystem nicht vom Staat (qua Zentralbank) oder einer bestimmten Community reguliert wird, sondern im Dazwischen der sozialen und ökonomischen Relationen des Kapitals stattfindet, denn keinem politischem System ist oder war es bisher auf Dauer vergönnt, das Kreditsystem nach seiner eigenen Disposition oder Façon zu konstruieren oder zu designen, es vermag lediglich die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Kreditsystem zu gewährleisten, sodass das politische System und seine Strategien stets von der Ökonomie des Kreditsystems abhängig bleibt. Unter dem Kreditsystem erscheint die Selbstverwertung des Kapitals nicht länger als das Resultat eines »Willens zur Akkumulation«, vielmehr wird von nun an die differenzielle Akkumulation in und mit ihrer (nicht-ontologischen) Unabgeschlossenheit total zwanghaft, wobei die finale Zahlung anscheinend unendlich aufgeschoben wird. Jedoch muss zugleich berücksichtigt werden, dass der Kredit eine spezifische zeitliche Relation von Endlichkeit und Unendlichkeit inkludiert, nämlich die Zäsuren der Antizipation und des Aufschubs im Kreditgeschäft für den Einzelfall so zu domestizieren, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich auch zur Rückerstattung der Schulden kommt. Das darin inkludierte Credo des Kredits hat es wirklich in sich, insofern selbst Schulden als Ansprüche in der Form von Verbriefungen weiter zirkulieren können, ohne dass da in den iterativen Verkettungen noch ohne Weiteres ein letzter Adressat auszumachen wäre, den man für die immanenten Rissmöglichkeiten innerhalb der Gläubiger-Schuldner-Verkettung zur Verantwortung ziehen könnte. Kreditierung ist und bleibt eine Fristsache, i. e. es ist von einem Primat der Terminierung gegenüber der Kontingenz auszugehen, indem jene diese stoppt, wenn bspw. im Zuge der Krediterfüllung befristete Arbeiten einfach ausgeführt werden müssen, was an dieser Stelle den freien Fall in die Unendlichkeit oder Zeitlosigkeit unterbindet.

Lyotard hat versucht in seiner Schrift zur libidinalen Ökonomie eine griffige Definition des Kreditgeldes vorzunehmen: »Das echte Kapitalgeld ist kein Schatz und auch nicht Erde, sondern ein Verhältnis – und zwar ein Machtverhältnis, denn man muss eine Macht haben, etwas im voraus zu geben, indem man einen Kredit gewährt, und die Macht, davon zu profitieren, indem man sich als solvent erweist; aber es ist auch ein Verhältnis der Trennung des Begehrens von sich selber, der Hemmung und Zurückweisung der libidinösen Energien […] das kapitalistische Geld ist in gewissem Sinne nur gegebene und zurückgenommene Zeit, antizipierte und retardierte Zeit. Geld ist eine erotische und tödliche Angelegenheit.« (Lyotard 1984: 288) Anschließend fragt sich Lyotard, wie ein System (das sich u. a. durch den Gebrauch permanent neu hinzugefügter Axiomatiken steuert und reguliert) beständig Güter, von denen noch nicht sicher ist, ob sie eine monetäre Entsprechung bzw. Aktualisierung in der Zirkulation erfahren werden, zu produzieren vermag, oder, wie es einem Unternehmen gelingen kann, neue Investitionen zu tätigen, ohne dass durch den Verkauf der in einer vorherigen Produktionsperiode produzierten Waren zu Beginn der neuen Produktionsperiode das entsprechende Geld schon auf den Konten des Unternehmens gebucht ist. bspw. haben Firmen, die auf die aufwändige Anwendung neuer Technologien setzen, in neue Maschinenparks investiert, um einen zumindest temporären Extraprofit in den Distributionsnetzwerken zu realisieren, was u. U. dazu führt, dass die älteren Investitionen sich weniger rentabel verwerten, was allerdings durch den realisierten Extraprofit auch kompensiert werden kann. Die Frage der Investition in fixes Kapital, das die Unternehmen über mehrere Produktionsperioden hinweg anwenden, womit es seinen Wert nur in Zeitpaketen oder -intervallen an die Produkte abgibt, führt direkt hin zur Problematik der Finanzierung, weil insbesondere Konzerne bzw. dominante Unternehmen je nach Produktionszweig Investitionen in einen umfangreichen und kapitalintensiven Stock an fixem Kapital (z. B. Fabrikhallen und Maschinen) tätigen müssen, was wiederum den Einsatz großer Geldkapitalsummen erfordert und diese monetären Mittel konnten Unternehmen ab einer bestimmter Größenordnung unter den spezifisch kapitalistischen Produktionsbedingungen des 19. und 20. Jahrhunderts rein mit dem Mittel der Eigenfinanzierung kaum noch aufbringen. Der marxistische Ökonom Ricardo Bellofiore antwortet im Rahmen seiner »makroökonomisch-monetären Rekonstruktion der auf abstrakter Arbeit beruhenden Werttheorie« (vgl. Bellofiori 2011: 306ff.) auf dieses Problem folgendermaßen: Die Geldsumme, die von einer Bank an ein Unternehmen ausgeliehen wird (es kann aber auch die Eigenfinanzierung des Unternehmens sein), damit dieses die nächste Produktionsperiode eröffnen kann, ist ex ante noch ohne »Wert«, da es sich bei diesem Geld nicht um die Realisierung von Waren handelt, vielmehr basiert das von den Banken vorgeschossene Geld zunächst rein auf ihren eigenen kalkulatorischen Analysen, die die erwartete Rendite des zu kreditierenden Unternehmens ins Zentrum rücken und damit auf einer stets unsicheren »ex-ante Validierung der Produktion« beruhen. (Ebd.: 323) (Die Bank müsste in der Position des Senders lügen, wenn sie behaupten würde, dass sie hinsichtlich der Zukunft des Empfängers selbst alles sehen und transparent halten könnte.)

Schauen wir uns den Prozess noch etwas genauer an: Die Verwertung von Geldkapital heißt Prozess als Ende in sich selbst Geld das Mehr-Geld kreiert , i. e. die Realität des Kapitals ist die Macht des Geldes als solches. Wenn man nun einen ganz entscheidenden Teilabschnitt der permanent verlaufenden Kapitalmetamorphosen innerhalb der diversen Akkumulationszyklen extrahiert, dann sind bestimmte Plätze darin von Subjekten besetzt, indem sie aktiv eine Rolle übernehmen und diese auch durchspielen. Der Platz des Kapitals wird per se von mindestens zwei Subjekten besetzt, nämlich vom Geldkapitalisten und dem fungierenden Kapitalisten, sodass man von vornherein nicht von der Zirkulation des zinstragenden Kapitals abstrahieren darf.

Mit der Auszahlung des Kredits kann seitens des Unternehmens die Anmietung von Lohnabhängigen sowie der Kauf von Maschinen, Rohstoffen, Gebäuden etc. stattfinden, um nach Beendigung einer kommenden Produktionsperiode mit der Realisierung von Profiten in der Zirkulation zu rechnen, sodass es sich letztendlich immer erst ex post herausstellt, ob das Unternehmen tatsächlich in der Lage war zufriedenstellende Gewinn zu realisieren, um aus dem Profit zumindest den Kredit plus Zinsen an die Bank zurückzahlen zu können. Hier zeigt sich die Doppeltheit des Kapitals als Teilung des vom reproduktiven Kapital realisierten Brutto-Durchschnittsprofits in Nettoprofit und Zins an. Geld erhält im Kredit eine neue Bestimmung, und zwar als potenzielles Kapital, das den Gebrauchswert besitzt, rein als Geldkapital zu funktionieren, wobei Marx das zinstragende Kapital als eine Ware bezeichnet, dessen Preis der Zins ist. Und das vorgeschossene Geldkapital, vergrößert um den industriell produzierten Profit, mag nach einer erfolgreich abgeschlossenen Produktions- und Zirkulationsperiode vom Einzelkapital entweder in die Produktion reinvestiert oder wahlweise an den Finanzmärkten angelegt werden, um dann eventuell wieder in die »Realwirtschaft« zurückzufließen. Eine scharfe begriffliche Trennung von realer und finanzieller Ökonomie erscheint von Beginn der Binnengeschichte des Kapitalismus an unmöglich, im Gegenteil, die kapitalistische Ökonomie folgt permanent der Monetarisierung, als ob man ihr beständig Geld von Außen einflößen müsste, womit das äußerste Risiko einer Dissemination des Geldes als Kapital je schon aufscheint, das im zinstragenden Kapital hinsichtlich der Konzentration auf zukünftige Zinszahlungen, ohne scheinbar die Umwege der Produktion zu gehen, auf rein monetäre Verwertung ausgerichtet ist. (Vgl. Deleuze/Guattari 1974: 305f.) Die Funktionen des Kreditsystems als institutionelles Ensemble des Bankensektors und der Geldkapitalmärkte bestehen u. a. darin, Geldkapital zu verteilen und damit die entsprechenden Ausgleichsbewegungen der Profitraten, die sich über die differenzielle Akkumulation durchsetzen, schneller zu ermöglichen. Das Kreditsystem ist daher sui generis als eine strukturelle Instanz zur Beschleunigung, Regulation und Steuerung sämtlicher Reproduktionsprozesse im Kapitalismus anzusehen. Wenn Marx vom Geldkapital als Produktionsquelle spricht, dann verweist er damit auf genau diesen Zusammenhang, insofern das Kreditsystem die obigen Funktionen im Rahmen des sozio-ökonomischen Gesellschaftlichen auszuführen hat.

Allein schon wegen seiner unglaublich-glaubhaften Fähigkeit zur Verleihbarkeit scheint das Geldkapital eine Vermehrung an sich zu generieren, und zwar proportional zu der Zeit, in der es ausgeliehen wird (Terminierung). Geldkapital als Kredit transformiert sich somit in eine soziale Maschine, die in erster Linie die Beziehungen, Begegnungen und Kräfteverhältnisse der verschiedenen Kapitalfraktionen setzt und voraussetzt, indem sie gleichzeitig mit ihren radikal selbstreferenziellen Bewegungsformen die zur Vermehrung des Geldes notwendigen Transite, Transformationen und Übersetzungen (Produktion) unkenntlich macht. (Vgl. Perniola 1998: 80f.) Dies herauszufiltern hieß für Marx eben zu entziffern, dass die strukturelle Festschreibung der quantitativen Teilung des Bruttoprofits in Unternehmensgewinn und Zins zu einer qualitativen Teilung führt, insofern man die zwei Teile des Profits zu voneinander unabhängigen (institutionellen und rechtlichen) Bereichen auseinander dividieren kann. Es scheint, dass die beiden Teile des Profits tatsächlich aus zwei verschiedenen Quellen stammen, als ob dem zinstragenden Kapital, dem die Trennung zwischen dem Eigentum an Geldkapital und fungierendem Kapital inhäriert, nicht der Profit des reproduktiven Kapitals vorausgesetzt wäre, sondern es selbst die einzige Quelle von Zins und Unternehmergewinn sei. (MEW 25: 383f.) Während nun das finanzielle Kapital ausschließlich die Verwertung seines Geldkapitals interessiert, erscheint der Zins für das fungierende Kapital als ein Kostenfaktor, sodass sich die strukturelle Spaltung von Unternehmensgewinn und Zins zugleich als interner Klassengegensatz zwischen zwei verschiedenen Kapitalfraktionen innerhalb der herrschenden Klasse artikuliert. Desweiteren ist der Unternehmenskredit an dieser Stelle als ein Vorschuss zu definieren, der, um noch einmal mit Bellofiori zu sprechen, zumindest bezüglich der industriellen Produktion die Scheidung des Unterschieds zwischen bezahlter/unbezahlter Arbeit bzw. zwischen notwendiger Arbeit/Mehrarbeitszeit einleitet, wobei Profit/Zins, den das industrielle Kapital mit seiner Verwertung abzuwerfen hat, auf der Spezifität eines kapitalistischen Produktionsprozesses basiert, in dem die tote, vergangene Arbeit mit der lebendigen Arbeit in Kontakt tritt, was wiederum vom Kreditgeschäft mit seinen reinen Geld-Geld-Übersetzungen gerade unkenntlich gemacht wird.

Die Kreditrelation zwischen finanziellem und fungierendem Kapital generiert eine die Produktion und die Realisierung von Waren antizipierende Geldsumme, wobei das zwecks der Organisation und Durchführung der Produktionsprozesse von einem industriellen Unternehmen geliehene Geld diesem als negativer Wert gegenwärtig ist und daher folgerichtig in den Büchern des Unternehmens unter dem Titel »Debet« erscheint. Deleuze/Guattari sprechen im Anti-Ödipus hinsichtlich der Ökonomie der Banken von einem »instantanen schöpferischen Strom der Verschuldung«, den die Banken u. a. gegen sich selbst erzeugen und der auf dem Körper des Bankkapitals als negatives Geld eingeschrieben wird, das man auf der Passivseite der Bilanzen als Verbindlichkeit aufzeichnet. (Deleuze/Guattari 1974: 305) Kapital stellt somit immer die Verschuldung eines Unternehmens entweder gegenüber sich selbst (Eigenkapital) oder bezüglich des Fremdkapitals dar, wobei das Unternehmen daraufhin mittels Produktionsprozessen und dem Verkauf von Waren zumindest Tilgung und Zins auf das ausgeliehene Geld realisieren muss, und dies inkludiert die Generierung von Profit, der sich nach Marx in Zins und Unternehmensgewinn aufspaltet. (MEW 25: 386)

Für Marx’ Theorie des Zinses ist also konstitutiv, den Zins als ein Teil des Profits respektive des Mehrwerts zu fixieren, woraus sich die Teilung der Bruttoprofitrate in die Rate des Unternehmergewinns (Nettoprofitrate) und in die Zinsrate ergibt. (Ebd.: 388) Dabei muss die Zinsrate im langfristigen Durchschnitt unterhalb der Bruttoprofitrate liegen. Gleichzeitig wird bei Marx der Zins ähnlich wie bei Keynes sowie der postkeynesianischen Theorie als eine rein monetäre Kategorie gefasst, die den realwirtschaftlichen Prozessen exterior bleibt und von diesen nicht direkt beeinflusst werden kann. Somit gelingt es der ökonomischen Theorie, Einflussgrößen wie etwa die Politik der Notenbanken oder die Bestimmung des Risikopotenzials der Geldkapitalisten hinsichtlich der Verläufe der differenziellen Kapitalakkumulation und ihrer monetären Artikulationen zu berücksichtigen. Dabei geht Marx von einem »trilateralen Verteilungskonflikt« (Hein) zwischen industriellen Unternehmen, finanziellem Kapital und Lohnabhängigen aus, womit er sofort das Verhältnis von industrieller Profitrate, Zinssatz und Reallohn anspricht, das immer auf die differenzielle Akkumulation des Kapitals bezogen bleibt. Ernest Mandel hat darauf hingewiesen, dass erst mit Keynes innerhalb der bürgerlichen Ökonomie wieder deutlich geworden wäre, dass der Zins als Resultat der Bewegung von von Angebot und Nachfrage nach liquidem Kapital zu bestimmen sei und somit den Gewinn, den das produktive Kapital erziele, nicht determinieren könne. (Vgl. Mandel 1991) Insofern Geld als Sicherheit gehalten wird, lässt sich das Angebot an Geld qua Erhöhung der Sparquote verknappen, worauf die Zinsrate normalerweise ansteigt. Auf diesen Sachverhalt hat Keynes hingewiesen, der dies an die Bereitschaft von vermögenden Akteuren knüpft, auf unmittelbare Liquidität zu verzichten (Zins ist der Preis für diesen Verzicht; Liquiditätsprämie), während Marx die Bewegung der Zinsrate stärker an die Konkurrenz zwischen kapitalistischen Gläubigern und Schuldnern und damit an die konjunkturellen Zyklen der Akkumulation bindet (während in der Krise der Zins steigt, ist er in der Prosperität niedrig). Der Zins fungiert damit als ein Medium, das einerseits Gegenwart und Zukunft vermittelt, andererseits Produktionssphäre und monetäre Sphäre verknüpft. Dabei zeigt sich die Zinsrate einerseits für das fungierende Kapital als ein Kostenfaktor an, sodass das vorgeschossene Kapital in entsprechender Höhe verwertet werden muss, andererseits werden mit ihr Optionen und allokative Funktionen hinsichtlich von Investitionsentscheidungen artikuliert, die von den Institutionen des fiktiven und spekulativen Kapitals per se bereitgehalten werden. Marx sieht zwar die allokative bzw. regulierende Funktion des Zinssatzes, die durch dessen Höhe bestimmt wird, präferiert aber eindeutig die distributive Funktion des Zinses, d. h., den Gesichtspunkt der Spaltung in Zins und Unternehmensgewinn. (Profitrate und Zinsrate sind hinsichtlich der allokativen Funktion des Zinssatzes derart miteinander verknüpft, dass z. B. selbst profitable Investitionen ausbleiben können, wenn der geforderte Zins zu hoch ist.)

Das Kapital operiert stets mit dem Code Profit/Nicht-Profit, wobei bei Verlustgeschäften im Normalfall Vermögens- und Kapitalwerte vernichtet werden, mindestens in der Höhe des Zinses, den das Unternehmen sich selbst oder dem Fremdkapital gegenüber schuldet. Produziert ein Unternehmen Waren oder Dienstleistungen, dann muss man das veranlassende Geldkapital daher zuallererst als negatives Kapital betrachten, welches das Unternehmen quasi sich selbst oder von anderen Unternehmen/Banken leiht, um es als Tilgung des Kredits plus Zins wieder zurückzuzahlen. Da kein Unternehmen, sei es industriell oder merkantil, ohne die Aufnahme von Geldkapital reproduktive Produktionsprozesse veranlassen kann, muss es den »Preis« des Geldkapitals, den Zins, als Kosten kalkulieren, als Vorschusskosten, und dies auch dann, wenn das Unternehmen nur Eigenkapital anwendet (in diesem Fall hat das Unternehmen den Zins sich selbst als Kapitaleigentum zu zahlen). Damit bleiben die Eigentümer von Kapital kontinuierlich veranlasst, das Eigenkapital wie Fremdkapital zu behandeln. In der betriebswirtschaftlichen Kalkulation erscheint der Zins nicht nur als Kostengröße und diese als ein konstitutives Element des Marktpreises, vielmehr gilt der Zinssatz zudem als eine alternative Verwertungsrate für neu anzulegendes Geldkapital und beeinflusst damit in seiner allokativen Funktion die zukünftige Akkumulation von Kapital. Mithilfe von Kalkulationen, die man in der betriebswirtschaftlichen Rechnung als Opportunitätskosten veranschlagt, sieht sich das Unternehmen gezwungen, permanent zu überprüfen, ob ihm durch den jeweiligen Kapitaleinsatz/Investition u. U. bessere Gelegenheiten (Opportunitäten) entgehen oder entgangen sind. Es gilt also immer den prinzipiell möglichen, aber u. U. nicht realisierten Zins bei der Planung von Investitionsentscheidungen miteinzubeziehen. Zur Kalkulation der Rentabilität von reproduktiven Investitionen bedienen sich die Unternehmen verschiedener finanzmathematischer Methoden der Investitionsrechnung, z. B. der Kapitalwertmethode und der Methode des internen Zinsfußes. Im betriebswirtschaftlichen Planungskalkül wird, um etwa zukünftige Investitionsvorhaben einzuschätzen, meistens der sog. Kapitalwert (Net Present Value) verwendet. Unter Festsetzung eines Zeitpunkts t0 berechnet man den Kapitalwert einer Investition mit dem Diskontfaktor: 1/1 + Marktrate des Zinses. Dies kann ohne Weiteres auf die Formel der Kapitalisierung von Bichler/Nitzan bezogen werden: Mit dieser berechnet man den Wert des jeweiligen Investments als Relation von Zinsrate r (erwartete Gewinne) und aktuellen Gewinne E, so dass man die folgende Formel erhält: K = E/r. (Bichler/Nitzan 2009: 185) Demnach wäre das Kapital tatsächlich nicht als ein (absoluter) positiver Wert zu verstehen, wie dies bspw. selbst noch Schumpeter angenommen hat, sondern als eine relationale Dimension, wobei das intensional Negative (des kapitalisierten Geldes, das keiner Warenmenge angehört) als positive Bedingung für die kapitalistische Produktion aufzufassen ist, wie dies etwa Peter Ruben ausgeführt hat – Kapital bzw. Kapitalisierung ist auch Schuldenproduktion sui generis. (Ruben 1998: 53) In vielen Fällen werden, sieht man einmal von der Selbstfinanzierung der Unternehmen ab, kapitalistische Produktionsprozesse uno actu mit einem Kreditkontrakt in Bewegung gesetzt. Damit ist im Kapitalismus die fortlaufende Iteration von Zahlungen, jene Spirale von Zahlungsfähigkeit und Zahlungsunfähigkeit eröffnet, die eher einer logarithmische Spirale ähnelt als einem Kreis (der Kreis ist ein Sonderfall der logarithmischen Spirale, nämlich einer Spirale, deren Wachstum gleich null ist).

Der Soziologe Dirk Baecker schreibt im Hinblick auf die Einführung der doppelten Buchführung, Sombart zitierend, dass das «kapitalistische Unternehmen in verschiedenen europäischen Sprachen zugleich Firma, Ditta und Ratio genannt (wird).« (Baecker 2011) Weil ein Unternehmer mit seiner Unterschrift (»firma«) dafür bürge, Fremdkapital wie Eigenkapital (und umgekehrt) zu behandeln, sei er kreditwürdig (»ditta«), wobei der Bruch (»ratio«) zwischen Fremd- und Eigenkapital zumindest als analytische Voraussetzung für die Existenz des Unternehmens notwendig erscheine und daran anschließend die vernünftige, die rechnende und berechnende Performativität des Geldes »im Netzwerk der sachlich, sozial und zeitlich bestimmten Gelegenheiten.« (Ebd.) Die doppelte Buchführung, erfunden im Jahr 1494 von Luca Pacioli, einem Franziskanermönch, Mathematikprofessor und Freund von Leonardo da Vinci, sollte man in diesem Kontext durchaus als eine zivilisatorische Errungenschaft ansehen, wobei diese Art eines ökonomischen Aufschreibesystems es tatsächlich ermöglicht, Vermögen als Schulden und Schulden als Vermögen zu erfassen, sodass das Geldkapital in der Bilanz immer unter zwei Aspekten erscheint: a) als Eigen- oder Fremdkapital, das unter spezifizierten Modalitäten zur Nutzung überlassen wird (Passiva), und b) als Anwendung des entsprechenden Geldkapitals (Aktiva). Diese Rechensprache, die Baecker zufolge sowohl eine Positivsprache (Affirmation von Sachverhalten) als auch eine Negativsprache (Umwertung von Sachverhalten) beinhaltet, verweist wiederum auf das oben im Text schon bei Lyotard erwähnte Machtverhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner, wobei Kreditfragen immer auch Fragen des Eigentums und zeitindizierte Fragen der Codierung sind, ja Fragen von Schriften, deren Virtualisierung allerdings heute durch alle Axiomatisierungen hindurch kaum zu bändigen ist, wenn bspw. Kredite sich wie Kettenbriefe vervielfältigen. Und all dies wäre ohne die Einführung der arabischen Zahlen in oberitalienischen Raum des 14. Jahrhunderts nicht möglich gewesen, da erst im und mit dem arabischen Zahlensystem die Null als Meta-Zahl denkbar wurde und damit ein Sachverhalt, der so für das okzidentale Denken bis dahin noch nicht möglich war: Eine Zahl, die wie das Geld nichts bedeutet, aber die Bedeutung aller anderen Zahlen hervorbringt, ein Meta-Zeichen bzw. ein leeres Zeichen, das es erlaubt, Haben gleichzeitig als Nicht-Haben zu verrechnen wie jeden Posten der Aktiva zugleich als Passiva. (Ebd.) (In der Bilanz eines Unternehmens werden nicht nur Stromgrößen wie Einnahmen und Ausgaben gegenübergestellt, sondern auch Bestandsgrößen in ihren Relationen dargestellt; aus den Stromgrößen resultieren die Veränderungen der Bestände.)

Die Gläubiger-Schuldner-Relation besteht stets in Abhängigkeit von Kräften, die innerhalb der Machtverhältnisse von Aktanten wirken, welche als juristisch fixierte Eigentümer oder als Nichteigentümer in diese Relationen eintreten. So hat schon der Soziologe Gabriel Tarde jeden fixierten Preis, Lohn oder Zins als einen für den Moment still gestellten Streit bezeichnet, der jederzeit, wenn denn entsprechende Machtmittel eingesetzt würden, erneut ausbrechen könne. (Vgl. Latour/Lepinay 2010: 71f.) Obgleich für die Spannbreite des Zinssatzes im Gegensatz zu anderen auf die Zukunft bezogenen ökonomischen Größen, wie bspw. Rendite oder Profit, noch engere Intervalle gelten (mit der Marx’schen Annahme kann der Zinssatz, der von einem Unternehmen geleistet werden muss, nur zwischen Null und der Durchschnittsprofitrate pendeln, vgl. MEW 25: 370), entscheiden neben der Politik der staatlichen Institutionen wie der Zentralbank vor allem die fluiden Konkurrenz- und Machtverhältnisse zwischen den verschiedenen dominanten und weniger dominanten Kapitalfraktionen, wie hoch innerhalb eines gegebenen Intervalls der jeweilige aktuelle Zinssatz liegt. Die Fixierung des Zinssatzes durch Angebot und Nachfrage nach Geldkapital weist auf den Verwertungsgrad des zinstragenden Geldkapitals selbst hin, wobei der Zins als das Exkrement einer vorgeschossenen Geldsumme gilt, sodass der Zinssatz auch ein Beleg dafür ist, dass das Geldkapital nun ohne die Umwege der Produktion in ein Verhältnis zu sich selbst tritt. An den Kapitalmärkten wird so etwas wie ein Durchschnitt des Zinssatzes durch Angebot von und Nachfrage nach Geldkapital ermittelt, wobei sich diese Märkte in den sog. Geldmarkt, den Markt für kurzfristiges Geldkapital, und den Kapitalmarkt, den Markt für langfristiges Geldkapital, unterteilen lassen. Es ist damit auch ein durchschnittlicher Geldmarktzinssatz und ein mittlerer Kapitalmarktzinssatz zu unterscheiden, wobei letzterer in der Regel über dem ersteren liegt. Innerhalb der verschiedenen Sektionen der Kapitalmärkte differenzieren sich die Zinssätze entsprechend der Machtverhältnisse aus, die sich in der Handlungskapazität der Gläubiger und der Bonität der Schuldner ausdrücken. Und im Gegensatz zu einer empirisch nicht zu erfassenden Durchschnittsprofitrate sind die fluktuierenden Zinssätze zu jedem Zeitpunkt bei gegebener Fristigkeit und Bonität als Größen anschreibbar.

Wenn Deleuze/Guattari schreiben, dass es in gewisser Weise die Banken sind, die sowohl das ökonomische System als auch die Wunschbesetzung reproduzieren, dann werden libidinös-okonomische Prozesse mit der Kreditrelation unaufhörlich mobilisiert, wobei diese eine spezifische Form des Vertrauens und Glaubens seitens des Gläubigers und das Versprechen auf zukünftige Gewinne seitens des (industriellen) Schuldners voraussetzt.(Deleuze/Guattari 1974: 295) Und damit wird der spezifisch kapitalistische, der anonymisierte Kredit, der im Übrigen mit bloßen Wuchergeschäften rein gar nichts zu tun hat, zu einer wesentlichen Bedingung der Kapitalisierung im Allgemeinen, indem er die Potenz jedes fungierenden Kapitals steigert, eventuell in Zukunft rentabel produzieren zu können, womit es sich relativ aus der Abhängigkeit gegenüber den bereits errungenen Erfolgen an Konkurrenzmärkten befreien kann. Gerade weil über die Korrekturmechanismen der Konkurrenz als der dominierenden Marktstruktur im Kapitalismus (gegenüber dem Monopol) dem Einzelkapital bestimmte Verwertungsstrukturen und -dimensionen vermittelt werden (Markt ist hier weder als Abweichung noch rein als Exekution des Kapitalverhältnisses zu denken, obwohl das Kapitalverhältnis den Markt in-der-letzten-Instanz determiniert), scheint kein (industrielles) Unternehmen auf die Kreditaufnahme verzichten zu können, und dies in struktureller Abhängigkeit vom finanziellen Kapital, das selbst wie reißende (im doppelten Wortsinn von mitreißen oder zerreißen) Geldkapitalströme fungiert, die die Banken als Schulden an sich selbst kreieren, d. h., sie vertiefen damit ein negatives Geld, um daraus positives Geld zu projektieren (Kredit, den die Banken dem fungierenden Kapital gewähren.) Und wir wollen von vornherein nicht vergessen, dass Kreditverhältnisse im Kapitalismus stets auch Kräfteverhältnisse zwischen Akteuren inkludieren, bspw. auch zwischen jenen Akteuren, sich de jure als Eigentümer von Geldkapital bezeichnen, und solchen Aktanten, die diese Eigentümer definitiv nicht sind, wobei diese Art der Kreditverhältnisse im Kapitalismus eine ganz und gar nicht unwesentliche Rolle spielt, sodass sich mit Maurizio Lazzarato konstatieren lässt, dass Konsumentenkredite heute ein weitgehend deterritorialisiertes und transversales Machtverhältnis implizieren, das die Dualismen produktiv/unproduktiv, Konsument/Unternehmen, Arbeit/arbeitslos etc. zunehmend verflüssigt, um letztendlich fast alle Bevölkerungsschichten und deren Subjektivierungen zu durchqueren. (Lazzarato 2012: 85) Schließlich sollte man noch anmerken, dass das verliehene Geld aus der Perspektive des Kreditgebers (als Personifikation des zinstragenden Kapitals) per se als Kapital behandelt wird – und zwar zunächst unabhängig davon, ob ein Kreditnehmer die geliehene Geldsumme für Investitionen, zur Finanzierung von Renten oder zum Kauf eines neuen Autos verwendet, was natürlich auch impliziert, dass der Kreditnehmer nicht unbedingt als industrieller Kapitalist fungieren muss.

Dass ein (industrielles) Unternehmen in der Funktion des Kreditnehmers seinen realisierten Gewinn am (negativen) Gesamtvorschuss des eingesetzten Kapitals (Eigenkapital plus Fremdkapital) messen muss, entspricht dem verbrieften Recht des Kreditgebers auf eine Geldsumme, die eine vertraglich fixierte Zuwachsrate seines geliehenen Geldes impliziert, welche Marx zufolge wiederum aus dem Gewinn des fungierenden Unternehmens bestritten werden muss, und zwar unabhängig davon, in welcher Höhe und Rate der Gewinn bzw. ob er überhaupt zustande gekommen ist. Der Gewinn oder die Rendite, die das Unternehmen mit der Aufnahme eines Kredits sichern oder vergrößern will, gilt zugleich als der rechtlich fixierte Sachzwang der kreditierten Geschäftsbeziehung, womit das Machtverhältnis zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer und der daraus resultierende Kampf um die Höhe des Zinses auf Dauer gestellt ist. Es will der zeitweilige Verzicht des Kreditgebers auf das eigene Geldkapital und der damit verbundene Zahlungsaufschub entgolten werden, was nichts anderes heißt, als dass das eigene verliehene Kapital vermehrt werden soll, und zwar mit der im Zinssatz vertraglich exakt fixierten Proportion. Und um in diesem Kreditgeschäft Unsicherheiten jeglicher Art zu minimieren, erscheint es notwendig, die Konditionen des vergebenen Kredits präzise auszuhandeln, Sicherheiten, Laufzeiten, Zinssatz, Projektierung der Produktion, Investitionsvorhaben etc. Zwar kann nun der Kreditnehmer mit dem Abschluss des Kreditvertrags augenblicklich über die ausgehandelte Geldsumme verfügen, aber die Bank wird eben vor der vertraglichen Fixierung dessen Sicherheiten überprüfen und zugleich Bewertungen hinsichtlich des Verwendungszwecks des Kredits vornehmen, wonach man eben die Parameter wie Laufzeit, Zinskonditionen etc. endgültig fixiert. Und somit erscheint die Verfügungsgewalt des fungierenden Kapitals über das ausgeliehene Geld von Anfang an begrenzt, denn mit den Sicherheiten hält die Bank mehr als nur den reinen Rechtsanspruch auf Tilgung des Kredits und die entsprechenden Zinszahlungen, sodass im Falle einer Insolvenz des fungierenden Kapitals die Bank zum neuen Eigentümer des industriellen Unternehmens mutiert, d. h., Kredit gerinnt zum Eigenkapital der Bank.

Kommt es nun zum Abschluss eines Kreditvertrags zwischen zwei Eigentümern (bspw. zwischen finanziellem und fungierendem Kapital), so erhält das industrielle Kapital (als Schuldner) eine bestimmte Geldsumme und gewinnt damit eine neue Dispositionsfreiheit, während der Gläubiger sich den Verzicht auf sein Eigentum sowie auf seine Eigentumsprämie, die ihm durch das Ausleihen des Geldes entstanden ist, entgelten lässt, Rate für Rate mit dem Anspruch auf ein Mehr »ersetzen« lässt – durch den Zins.1 Der Schuldner, insofern er als industrielles Unternehmen oder als Dienstleistungsunternehmen fungiert, erhält mit der Geldsumme zugleich Zeit zugesprochen (jeder Kredit spielt im Medium der Zeit), um neue Investitionen zu tätigen, neue Projekte in Gang zu setzen und diese konsequenterweise auch zu realisieren (und dies immer auch in Konkurrenz zu anderen Schuldnern an den Märkten), um bis zum Ende der vereinbarten Kredit-Periode mehr Geld an den Kreditgeber zurückzuzahlen, als er zu Beginn des Kreditvertrags von diesem erhalten hat. Mit dem Inkrafttreten des Kreditvertrags schuldet der Gläubiger die Überlassung einer Geldsumme und der Schuldner verpflichtet sich zur zeitlich proportionierten Zahlung von Zinsen und zur fristgerechten Tilgung der im Kreditvertrag vereinbarten Summe, die zur Auszahlung gekommen ist, eine seltsame Äquivalenz, die da ins Werk gesetzt wird, denn ganz entgegen dem Äquivalententausch hat diese Nicht-Äquivalenz ihr (letztes) Maß an den in die Zukunft projizierten Rückzahlungsgarantien der Schulden, wobei die entsprechenden Dispositive, wie schon Nietzsche gezeigt hat, bisweilen mit äußerster Gewalt vorgehen, um Rückzahlung schließlich zu erzwingen. (Vgl. Lazzarato 2012. 49f.) (Kreditverträge sind Aufzeichnungsflächen, auf denen man Tilgung und Zinszahlung bis ins Detail festlegt, womit der so definierte Kredit sich in eine Vielzahl von gleichberechtigten Teilen splitten lässt. Damit ist einerseits sichergestellt, das sich für den Schuldner durch den Weiterverkauf eines Schuldscheins die Kreditbedingungen nicht verändern, andererseits wissen die Gläubiger exakt, was sie von einem Schuldner verlangen können, d. h., sie müssen mit der Übernahme eines bestimmten Anteils am Kredit auch nur ein tranchiertes Ausfallrisiko übernehmen.) Getauscht werden bei diesem Geschäft also keineswegs äquivalente Geldbeträge, sondern Geldsummen gegen das Recht/Pflicht auf ihre Vergrößerung. Getauscht wird im Sinne von Abtretung und Gegenabtretung auch Zeit, indem der Gläubiger Zeit verleiht, während die Gegenabtretung als Tilgung des Kredits und Zinszahlung zeitlich gestreckt wird, dem Schuldner die Stundung von Zeit zur Realisierung seiner Projekte gewährt wird, wobei sich das Versprechen auf Rückzahlung auf eine zu kalkulierende und zugleich unvorhersehbare Zukunft erstreckt. Darin bleibt die Bifurkation des Schuldners eingeschlossen, der ja selbst das Nichteinschätzbare nicht einzuschätzen vermag bzw. die Differenzen der beiden Zukünfte nicht glätten oder gar eliminieren kann. Die Zeit, in der das Geld für den Eigentümer blockiert ist, ist für diesen zunächst verloren, als ob er selbst das Geld blockiert hätte, und genau das soll mit den jeweiligen Zinszahlungen des Schuldners entgolten werden, während der Schuldner durch die Zeitbindung des Geldes, die im Kreditvertrag aufgeschrieben ist und einen spezifischen Zeitdruck erzeugt, gezwungen bleibt, die Produktion, den Fluss lebendiger Arbeit als Ankopplung an die Bewegung der Maschinerie, als Ökonomisierung von Ressourcen, Projektplanung und technische Innovation etc. zu betreiben. (Vgl. Lyotard 1989: 284)

Marx führt im Wesentlichen drei Funktionen des Kredits vor : a) Aufrechterhaltung und Erweiterung der Akkumulation von Kapital, b) Verkürzung der Umschlags- und Zirkulationszeiten des Kapitals, und c) Ermöglichung der Herstellung von Durchschnittsprofitraten in und zwischen den verschiedenen Branchen. (Vgl. MEW 25: 451f.) Bei Letzterem sieht Marx die entscheidende Funktion des Kredits darin, die Übertragung von Profiten aus dem Bereich, in dem sie entstanden sind, in einen profitableren Sektor zu ermöglichen. Demzufolge können auf der Ebene des Gesamtkapitals Kapitaltransaktionen aufgrund des Kredits schneller ineinandergreifen, während auf der Ebene des Einzelkapitals die Realisierung von Waren in Geld durch den kommerziellen Kredit antizipiert und zugleich die der Produktion vorgelagerte Phase der Bildung von Geldkapital durch den Investitionskredit wesentlich abgekürzt wird, was wiederum die Akkumulationsprozesse des Gesamtkapitals beschleunigen kann, aber nicht unbedingt beschleunigen muss, denn die Kreditierung führt unter ganz bestimmten Bedingungen auch zur Entschleunigung bzw. zu Störungen im Akkumulationsprozess. Marx schreibt: »Die notwendige Tendenz des Kapitals daher Zirkulation ohne Zirkulationszeit, und diese Tendenz ist die Grundbestimmung des Kredits und der Credit contrivances (Krediteinrichtungen) des Kapitals.« (MEW 42: 50) In diesem Kontext impliziert das immanente Größenwachstum der Einzelkapitale, der damit verbundene hohe Anteil an fixem Kapital sowie die steigenden Anforderungen an Logistik und Forschung, dass jede Verzögerung des Kapitalumschlags die Existenz des Unternehmens aufs Spiel setzt, wobei schließlich immer größere Summen Geldkapitals notwendig sind, um die eigenen Geschäfte überhaupt fortzuführen. Je höher der Kapitalaufwand (hoher Fixkostenblock) sich darstellt oder je stärker die Unternehmen an die Zirkulation (Transport, Lagerhaltung, Unverkäuflichkeit von Waren etc.) angekoppelt sind, desto notwendiger wird es, ein komplexes Kreditwesen im Kapitalismus auszubilden.

Um es zusammenzufassen. In der Regel orientieren sich die Investitionen des fungierenden Einzelkapitals an der Relation zwischen erwarteter Profitrate und aktuellem Zinssatz, wobei letzterer so etwas wie ein Maß hinsichtlich der in einer kommenden Periode durch eine Investition initiierten Mindestrendite offenbart. Nach Marx stellt die intra- oder intersektorelle durchschnittliche Profitrate jeweils die Obergrenze für die Zinsrate dar, da der Zins schließlich aus den realisierten Profiten der Unternehmen zu bezahlen ist. Diese Aufteilung des Profits in Zins und Unternehmergewinn wird laut Marx durch »kein allgemeines Gesetz« geregelt, sondern folgt den konjunkturellen und zyklischen Schwankungen der Kapitalakkumulation sowie dem ständig wechselnden Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage nach Geldkapital, den institutionellen Bedingungen des Bankenwesens und nicht zuletzt den historischen Kräfteverhältnissen zwischen den Klassen und Klassenfraktionen. (MEW 25: 376) Der marxistische Ökonom Anwar Shaikh, der umfassende Analysen zu den strukturellen Bedingungen sowie zur historischen Entwicklung der Kapitalakkumulation und der Profitraten in den USA vorgelegt hat, schreibt dazu Folgendes: »What stimulates accumulation is not the profit rate but the profit rate net of the cost of borrowing capital, ie the interest rate. If the profit rate is flat and interest rates are falling, the incentive to accumulate is kept alive, though it’s kept alive artificially.«2 Letzten Endes (unter Nichtberücksichtigung der Profitmasse) ist es Shaikh zufolge die aktuelle Zinsrate, an der sich das einzelne Kapital hinsichtlich der eigenen Rentabilitätsanalysen orientiert und die seine Investitionsentscheidungen beeinflusst. Falls bei gegeben niedrigen Profitraten auch die Zinsraten niedrig sind, vermögen Unternehmen u. U. ihre Verwertung zu verlängern, was Shaikh als künstliche Akkumulation des Kapitals bezeichnet. Durchaus lässt sich aber auch der entgegengesetzte Fall annehmen: Solange eine außerordentlich hohe industrielle Profitrate den Zinssatz weit übersteigt, kann es für das industrielle Kapital sogar rentabel sein, relativ teure Kredite aufzunehmen, ein Prozess, der zu wechselseitigen Progressionen zwischen Investition und Zinsrate führt, allerdings erscheint dies als eine rein temporäre Angelegenheit, denn die Beschleunigung der Akkumulation befördert schließlich wieder die Faktoren, die die Profitrate senken und u. U. zur Überakkumulation von Kapital führen.

1Heinsohn/Steiger (Heinsohn/Steiger 2009) leiten das Geld logisch-historisch aus dem Kreditvertrag her, wobei das (immaterielle) Eigentum als rechtliche Konstruktion des Ausschlusses und damit eben nicht der Besitz (Fähigkeit oder das Recht, etwas zu gebrauchen) als die unabdingbare Voraussetzung dafür erscheint, dass ein Kredit von einem Eigentümer vergeben wird, indem er sein Eigentum quasi als Pfand einem Kreditnehmer verleiht, ein Pfand, das als Geld fungiert, weil es einen (einholbaren) Anspruch auf das Eigentum des Kreditgebers inkludiert. Weil der Eigentümer sein Eigentum verpfändet und damit auch seine Eigentumsprämie aufgibt, kann er nun vom Kreditnehmer einen Zins verlangen, was indessen auch heißt, dass der Kreditnehmer, um eben Tilgung und Zinszahlungen leisten zu können, »produktiv« werden muss, entweder einen Mehrwert erzeugen oder mehr Eigentumsansprüche auf dem Markt realisieren muss als er selbst ausgehändigt hat. Nun kann diese Art der logisch-historischen Herleitung des Geldes aus dem Kreditkontrakt allerdings überhaupt nicht erklären, wie die monetären Substitute, die für das Pfand stehen, das der Kreditgeber für sein Eigentum herausgibt, als Geld dienen können, denn diese monetären Substitute setzen das Geld, egal, ob es nun als Geldform, als Resultat von staatlich eingetriebenen Steuern oder als Resultat des Tauschs oder des Kredits expliziert wird, in seiner gesellschaftlichen Gültigkeit schon voraus. Ansonsten würde niemand diese Substitute, seien es irgendwelche Zettel oder Täfelchen, als Zahlungsmittel jemals akzeptieren.

2 Anwar Shaikh zitiert nach: International Socialism. Marxist accounts of the current crisis. In: http://www.isj.org.uk/?id=557

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