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Marx und die ekstatisierende Arbeitskraft

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25 Mai , 2018  

Ganz im Gegensatz zur Mechanik, die den Begriff der Kraft als das Resultat von sich gegenseitig aufhebenden Kräften in ihrem Verhältnis zueinander definiert, scheint Marx stets auch darauf bedacht zu sein, mit seiner Kritik der politischen Ökonomie den schönen Schein des Gleichgewichts und Stabilität des Systems zu sprengen, diese wunderbar harmonisierende Syntax der Kräfte, die der theoretischen Mechanik irgendwann selbst recht seltsam vorkam, bis sie angesichts der historisch neu entstehenden Möglichkeiten der Quantifizierung, die durch die Maschinen selbst geschaffen wurden, begann, sich für etwaige Differenzen zu interessieren, indem sie etwa bestehende Gleichgewichtszustände auf frühere bezog. Marx interessierte sich hingegen von Anfang an dafür, das Konzept der Ruhe und des Gleichgewichts zu zerbrechen (Ruhe, die man in der theoretischen Mechanik als die Resultante sich gegenseitig neutralisierender Kräfte und ihrer Größen begreift), um anschließend an die Darstellung der Reproduktionsschemata im zweiten Band des Kapital, die ja Gleichgewicht inhärieren, den Aspekt der temporalen und instabilen Dynamik des Kapitalismus in seine Analysen stärker miteinzubeziehen, eine Dynamik, die ohne den Begriff der Grenze, die mit Hegel je schon überstiegene Grenze ist, nicht zu denken ist, dem immanenten Infiniten des Kapitalismus selbst (und eben nicht der absoluten Schranke). In der theoretischen Mechanik bezieht man die Relation Kraft und Geschwindigkeitsveränderung auf den Einsatz einer gleichförmigen Bewegungsmaschine, deren Essenz (Bewegung bewegt sich nicht selbst) in der geometrischen Form der Bewegung liegt, dem Unbeweglichen oder dem Gesetz. (Vgl. Bahr 1983: 225) Die theoretische Mechanik setzt also Kraft mit Kausalität gleich, und derart hatte schon Aristoteles das Ontische mit dem Logischen identifiziert, allerdings bleibt stets die viel später von Galilei aufgeworfenen Frage im Raum, wie denn eine Wirkung bestehen könne, wenn die Ursache nur ein zurückbleibender Kraftanstoß sei, worauf Newton wiederum antwortete, dass der Unterschied zwischen Krafteinwirkung und Bewegung/Trägheit ein rein perspektivischer sei, was dann in der Nachfolge von Hume und Kant dahingehend radikalisiert wurde, dass Kraft nur das sei, was den Empfindungen gegeben sei, die selbst mit einem Minimum an Kraft zur Vereinheitlichung ausgestattet sein sollten. Letztendlich erscheint es gleichgültig, ob man den Begriff Kraft ausgehend von der Ruhe oder von der Bewegung her denkt, und dies deshalb, weil man den Standort des Beobachters zu bedenken hat, der den Unterschied zwischen Ruhe und Bewegung relativiert, womit es unmöglich wird, an gleichförmiger oder kreisförmiger Bewegung festzuhalten, es sei denn, man definiert mit Newton die kreisförmige Bewegung als das Resultat zweier sich ausgleichender Kräfte. Die moderne Physik macht wiederum die Realität durch Maschinen bzw. Apparaturen zugänglich, welche im Rahmen von Experimenten, Diskursen und Dispositiven die sog. unempirischen Dinge, die eine Vielzahl von Differenzen oder Potenzialen (Souriau) »hinter« sich bergen, in Empirie/Theorie übersetzen, ja selbst erst hervorbringen. Das Problem der Kraft wurde also in den vielfältigen Diskursen über Maschinensysteme immer weiter ver- und aufgeschoben, es wurde allerdings schon vor der Geburt der modernen Physik in die Maschine (bzw. Ontologie der Maschine) selbst hinein verschoben. (Ebd.: 199ff.)

Schließlich führt Marxens eigene begriffliche Differenzierung der Maschine in Kraft- (Arbeitsmaschine oder Motor), Transmissions- und Werkzeugmaschine (MEW 23: 398f.), die sich implizit gegen einen axiomatisierten Maschinenbegriff richtet, das teleologische Moment in den Maschinendiskurs wieder ein, indem er den Maschinen bezüglich ihrer Werkzeughaftigkeit (Werkzeug als Verlängerung der menschlichen Organe bzw. als Ausdruck von Protosubjektivität) eine Intention zuschreibt und damit in gewisser Weise die Abwendung von der Teleologie, die schließlich notwendig war, um den Begriff der abstrakten Arbeit als bloße Verausgabung von Muskel, Hirn und Nerv etc. zu gewinnen, wieder relativiert, um dann in einem weiteren Schritt die Erklärung des Mehrwerts an eine ekstatisierende Kraft – Arbeitskraft – zu binden. Obgleich nun Marx in einigen Textpassagen diese Transzendenz der Arbeitskraft unterstellt, so muss er die Externalisierung der Arbeitskraft ständig mit ihrer Integration in die kapitalistische Maschinerie konfrontieren (qua reeller Subsumtion der lebendigen Arbeit unter das fixe Kapital), und zwar solange, bis durch die Diskussion der verschiedenen Typen der Maschinerie hindurch die Differenz zwischen der Leiblichkeit (und Kognition) menschlicher Arbeitskraft und der Maschinerie schließlich zerfällt. Somit rückt der Aspekt der Axiomatisierung der Maschinerie immer stärker in den Vordergrund, u. a. das Mathem von Verhältniszahlen, das die innerbetriebliche Kooperation durch die numerische Aufteilung, Distribution und Organisation des Arbeitskörpers ermöglicht (viele arbeiten das Gleiche). (Vgl. Bahr 1983: 268f./ Lenger 2004: 162f.) Es geht hier um eine Axiomatik, die Maschinen und ihren symbolischen Maschinenoperationen schreiben und heute mit der ubiquitären Existenz der Informationsmaschinen, ihren objektorientierten Sprachen und Algorithmen fortgeschrieben wird, womit zugleich jedes Phänomen in der Natur ununterscheidbar und unentscheidbar von der Maschine erscheint, weil jene maschinell interpretiert, ja gar erst hervorgebracht wird. (Bahr 1983: 227)

Kommt in den Begriffen der Transmission und Übertragung nicht nur die Maschine als »Zwischenwelt« (ebd.: 267) zum Ausdruck, sondern findet der Begriff des Mechanismus, der die Ersetzung des Produktiven durch das Reproduktive (Verteilung) impliziert, hier erst seine Vollendung, so stellt sich für Marx im Anschluss an Friedrich List (und das explizit gegen Ricardo gerichtet) diejenige Frage umso dringlicher, wie denn nun ein asymmetrischer, a-mechanischer und zugleich historisch situierter Kraftbegriff zu denken und dieser an die Produktivität der lebendigen Arbeit zu binden sei, nämlich die »Vorstellung einer sich verausgabenden Kraft, deren output keine energetische Äquivalenz zu ihrem input aufweist.« (Ebd.) Und Marx tendiert dazu, die ekstatisierende Arbeitskraft als die einzig produktive Quelle des Mehrwerts gegen die Immanenz des kapitalistischen Reproduktionsprozesses zu externalisieren und in gleichem Atemzug die Frage der Mehrwertproduktion immer stärker an das Problem der technologischen Innovation zu binden, an Forschung und Wissenschaft, Sektoren, die zu Marxens Zeiten zunächst noch außerhalb des unmittelbaren Einflussbereiches der industriellen Produktion zu liegen schienen. Marxens Darstellung der fortschreitenden Maschinisierung im Zuge ihrer strukturellen Differenzierung in eine dreigliedrig zusammengesetzte Maschine läuft also letztendlich doch wieder auf die Einsicht hinaus, dass die menschliche Arbeitskraft selbst zum Maschinenteil degeneriert und damit jede Steigerung der Arbeitsproduktivität einer maschinellen Rationalisierung in der Produktion gleichkommt, einer Rationalität, die im Näherrücken der verschiedenen Elemente der Produktion besteht. (Ebd.: 268) Damit wäre die Mehrwertproduktion vor allem als das Resultat einer Eliminierung des Unproduktiven zu verstehen, und dies aufgrund der Verdichtung der menschlichen Arbeitszeit und der Funktionszeit der Maschinen; es handelt sich um Strategien der Beschleunigung, die das Einzelkapital unabwendbar einsetzen muss, wenn es mit geringerem oder gleichem Aufwand an lebendiger Arbeitszeit oder Maschinenzeit entweder eine höhere Anzahl oder qualitativ bessere Produkte pro Zeiteinheit herstellen will (einen höheren Output pro Zeiteinheit), um in und durch die Verfahren der Konkurrenz hindurch gegenüber anderen Unternehmen zu punkten. Mit der Steigerung der Umschlagsgeschwindigkeit des Kapitals und der damit zusammenhängenden Verwissenschaftlichung der Produktion wird im Konetxt der produktiven Teilung des Arbeitskörpers auch der Unterschied zwischen res extensa und res cogitans zunehmend eliminiert, indem die Analytik der getakteten Zeit von nun an die Zusammensetzung der verschiedenen Parzialobjekte der lebendigen Arbeit und der Kognition ansteuert. Der Mechanismus geht selbst in einen fluiden Maschinismus über, der von der Mathesis der Uhr reguliert wird, indem die analogen Bereiche der Kraft, der Energetik und der Übertragung integriert und somit erst rekursive Prozesse möglich werden, die sich als Ordnungen von Zahlenströmungen technisch ereignen, bevor kybernetische Rechenmaschinen und ihre binäre Symbolik die Produktionsprozesse selbst schreiben wie lesen, um sie gleichzeitig über die entsprechenden Feedbackprozesse zu steuern.

Marx besteht im Kapital Bd.1 hinsichtlich der begrifflichen Bestimmung der Arbeitskraft auf der Betonung der Komponente Kraft, wohingegen er in den Grundrissen die Arbeitskraft stärker als Vermögen akzentuiert. Wird die Arbeitskraft als »Inbegriff aller physischen und geistigen Fähigkeiten« (MEW 23: 181) definiert, die in der Leiblichkeit des Arbeiters existieren und untrennbar von seiner Person sind, dann ist damit das allgemeine Arbeitsvermögen angesprochen. Und es gilt festzuhalten, dass die Produktion der Arbeitskraft selbst Arbeit verlangt, muss doch ihr Informationswert, zu dem sie sich heute im Wesentlichen transformiert hat, physisch und kognitiv erhalten bleiben, und dies durch Ausbildung, Ernährung, Qualifikation etc., um eben als Arbeitskraft und nicht als Arbeit in die Zirkulation einzutreten. Wie Paolo Virno bemerkt, handelt es sich bei der Arbeitskraft um sämtliche Fähigkeiten des Arbeiters, jegliche Art der Vermögen, sei es nun Sprache, Affekte, Einbildung, Gedächtnis etc. (Vgl. Virno 2008: 150f.) Dabei ist das Arbeitsvermögen als Virtualität zu verstehen, was im Kapitalismus stets die universelle Einsetzbarkeit und Vermietbarkeit des Vermögens beinhaltet, wobei man im gleichen Atemzug hinzufügen sollte, dass das Arbeitsvermögen nur als integrativer Teil des kapitalistischen Produktionsprozesses existiert. Es erfindet sich mit ihm und wird von ihm erfunden. Und das Arbeitsvermögen kann die Bedeutung eines Vermögens nur dann annehmen, wenn es sich verkauft. Wenn das Arbeitsvermögen nicht verkauft wird, dann zeigt sich eben an, dass die Arbeit buchstäblich nichts ist und insofern ist sie vor allem kein erstes, kein Fundament, auf dem sich eine Metaphysik der Arbeit errichten und einrichten könnte.

In diesem Kontext sei mit Peter Ruben auf den Zusammenhang zwischen dem physikalischen und ökonomischen Begriff der Kraft hingewiesen: »Die klassische Physik bestimmt die Kraft (K) durch das Verhältnis der Arbeit zur Wegstrecke (s), in deren Länge Arbeit verrichtet wird: K = A : s.« (Ruben 1995: 18) Solche Arbeit verrichtet bspw. der Transportarbeiter ohne den Gebrauch zusätzlicher Arbeitsmittel, wobei Marx die durchaus produktive, d. h., den Produkten Mehrwert zusetzende Transportarbeit als ein Mittel zur Bildung von Waren bezeichnet. (MEW 24: 151) im Übrigen hat Gabriel Tarde die Dimension »Virtualität einer Kraft« an die des Geldes geknüpft, wenn er von der Kraft schreibt, sie sei »die Möglichkeit einer bestimmten Quantität von Bewegung in unendliche Richtungen; das Geld ist die Möglichkeit einer bestimmten Quantität von Wert, die durch unendlich viele Käufe gewonnen werden kann.« (Latour/Lepinay 2010: 59) Ruben dagegen verortet und verschüttet zugleich das Problem der Mehrwert schaffenden Dimensionen wieder, wenn er bezüglich des Arbeitswerts rein inhaltslogisch argumentiert und die Arbeit quasi substanzialisiert. So schreibt er: »Diese Dimensionsbestimmung stellt den Grundsatz einer korrekt bestimmbaren Wertlogik dar, sofern man die Dimensionen im Sinne der intensionalen Logikauffassung als Inhalte thematisiert sowie die beiden verwendeten Operationen der Verhältnisbildung und Vereinung (Produktbildung) logisch bestimmt.« (Ruben 1995: 19) Wenn Ruben zudem die Dimensionen der Maschinisierung, Innovation und Invention als grundlegende ökonomische Dimensionen neben Arbeitskraft, Zeit und Gebrauchswert ausblendet, dann gilt es demgegenüber an dieser Stelle wieder festzuhalten, dass als ökonomische Dimension stets auch die über die Maschinen zu integrierenden und integrierten Arbeitskraftkonglomerate zu bedenken sind, und zwar genau in dem Sinne, dass die techne – die Relationen der Produktion – über die Kräfte der Produktion zu dominieren beginnen.

In der Regel mieten kapitalistische Unternehmen für ein gegebenes Zeitintervall mehr oder wenig qualifizierte Arbeitskräfte an, deren Eigentum ausschließlich in der Freiheit besteht, diesen Unternehmen ihre Arbeitsvermögen an speziellen Märkten anbieten zu können. Unternehmen verwandeln mit dem Abschluss eines Arbeitsvertrags die potenzielle Arbeitsfähigkeit der »unabhängigen« Aktanten in ihre eigene Potenz, deren Aktualisierung/Realisierung die Verrichtung eines bestimmten Quantums Arbeit durch die Arbeiter in einer gegebenen Zeitperiode beinhaltet.1 Nachdem ein Arbeitsvertrag zustande gekommen ist, der die Arbeit juristisch als Tausch und die Arbeitskraft als »Sache« fundiert, tritt der Klassengegensatz zwischen Arbeiter und Kapitalist signifikant hervor: Diejenigen Akteure, die ökonomische Eigentümer des Geldkapitals sind (sie müssen nicht als solche fungieren), egal ob es sich nun um Fremd- oder Eigenkapital handelt, und die damit über die Materialien (Maschinen, Gebäude, Rohstoffe etc.) für die Produktion verfügen, eignen sich überdies auch noch die subjektiven Komponenten der Lohnabhängigen an, weil diese, insofern sie von den Produktionsmitteln getrennt sind, ihre Arbeitsvermögen, die an ihre Personen gekoppelt bleiben, für gewisse Phasen einfach vermieten müssen. Die Freiheit der Lohnabhängigen, welche die zeitweilige Vermietung ihrer physischen und psychischen Besitzseite erlaubt, also des Körpers und des Verstandes (kognitive, sprachliche und affektive Fähigkeiten), findet mit der Vermietung eine seltsame Art der Konterkarierung: Die Lohnabhängigen werden mit diesem speziellen Mietvertrag als Besitzer von Vermögen bestätigt, indem sie sich gleichzeitig (bis zu in gewissem Maß verhandelbar) als besitzlose Lohndiener affirmieren, d. h., gerade insofern ihre Trennung von den Produktionsmitteln stattgefunden hat und weiter anhält. Was aber die Lohnabhängigen verkaufen, ist nicht ihre Arbeit, sondern sie vermieten ihre Arbeitskraft, und dies aufgrund des Sachverhalts, dass das ökonomische Eigentum an Produktionsmitteln, d. h., die Art und Weise wie diese verteilt sind, bestimmten kapitalistischen Akteuren die Macht verleiht, im Produktionsprozess Arbeitskraft und Produktionsmittel gemäß spezifischen technologischen Bedingungen zu verbinden und als Aneignung von Mehrarbeit produktiv zu nutzen. Diese Macht bezieht sich demnach weniger auf das juridische Faktum des Rechts als auf eine spezifische Weise der ökonomischen Verteilung der Produktionsmittel. Und es ist die Arbeitskraft, welche die Kapitalisten zu ihrem Wert anmieten, wobei deren Gebrauch als Arbeit, die unter bestimmten Gesichtspunkten ähnlich wie der Verbrauch eines Rohstoffs im Produktionsprozess zu verstehen ist, einen größeren Wert herstellt, als die Arbeitskraft selbst darstellt. (MEW 26.1: 369f.) Ruben rekurriert hier zu Recht auf die Ausführungen von Kant zum Lohnvertrag, den dieser als Dienstvertrag versteht: »Der Lohnvertrag (locatio operae), d. i. die Bewilligung des Gebrauchs meiner Kräfte an einen anderen für einen bestimmten Preis (merces). Der Arbeiter nach diesem Vertrage ist der Lohndiener (mercennarius).« (Kant 1966: 101) Und daran anschließend präzisiert Ruben, dass mit dem Lohnvertrag natürlich nicht die Affirmation des Gebrauchs der Kräfte an einen anderen festgeschrieben wird, sondern der Lohnabhängige seine Kräfte »bloß an des anderen Stelle und im Namen eines anderen« verbraucht. Ruben schreibt: »Der Arbeitsvertrag ist wesentlich eine Vereinbarung über den Wert des Werks oder Dienstes, den der Arbeiter für den Produzenten verrichtet […] Und das Lohneinkommen ist daher der zu diesem Wertstrom (Wertschöpfung) entgegengesetzte Wertstrom.« (Ruben 1998: 41) Ergo ist mit dem Arbeitsvertrag ein ökonomischer Diskurs qua Verschriftung eröffnet, der die Lohnarbeit ganz präzise bezeichnet, was nichts anderes heißt, als dass die Arbeitskraft im Rahmen einer semio-ökonomischen Formbestimmung für eine fixierte Zeitperiode zum Quasi-Eigentum bzw. Besitz des Unternehmens mutiert/festgeschrieben wird, wobei dieses gleichzeitig Schuldner/Eigentümer von Geldkapital sowie von Maschinen, Gebäuden und Rohstoffen etc. ist. Die Lohnsumme macht dabei einen Teil der Kapitalrechnung aus, die sich als variables Kapital zusammen mit dem konstanten Kapital etc. buchhalterisch-symbolisch anschreiben lässt, aber selbst nichts über die effektive Zusammensetzung von Maschinen und Arbeitskräften aussagt. Das heißt nun zweierlei: Es wird gearbeitet, wie es im Lohnvertrag aufgeschrieben wird und eben nicht, bis das zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendige Minimum erreicht ist (Frage der Äquivalenz des Tauschwerts der Arbeitskraft), und exakt diese verschriftete Verordnung legitimiert damit die Potenz zur Verwertung, indem das Kapital die temporale Differenz zwischen der (mehrwertschaffenden) Arbeit, die dem Gebrauchswert der Arbeitskraft entspringt, und dem Tauschwert der Arbeitskraft nutzt. Es gilt, darauf hinzuweisen, dass es sich unter den Gesichtspunkten der Ökonomie beim Zusammenspiel zwischen Eigentum an Produktionsmitteln und produktiver Lohnarbeit um ein einziges Produktionsverhältnis handelt, während das Recht hier zwischen dem Eigentum als einem Verhältnis zwischen Person und Sache und dem Vertrag als einem Verhältnis zwischen Personen unterscheidet. (Vgl. Althusser/Balibar 1972b: 311) Mit der Beglaubigung des Arbeitsvertrags verfügt der Lohnempfänger kaum über Möglichkeiten, Arbeitsbedingungen zu gestalten, das Unternehmen tendenziell jedoch über alle (objektiven wie subjektiven) Möglichkeiten, denn im Arbeitsvertrag wird die Arbeit, präziser gesagt, der Dienst nicht nur als »abstrakte« Zeit, als Zeit der genetischen Fähigkeiten, der informationellen Kompetenzen und der Qualifikationen des Arbeiters mitdefiniert, sondern vor allem auch als reale Zeit der Anwesenheit des Lohnabhängigen an einem signifikanten Arbeitsplatz/Raum zu jedem Zeitpunkt innerhalb eines fixierten Zeitintervalls, was einer ganz spezifischen Abtretung der realen Zeit durch den Lohnabhängigen entspricht. »Indem aber der Lohnempfänger reale Zeit abtritt«, schreibt Lyotard, »bleibt er von den deiktischen Indikatoren des Arbeitgeber-Satzes (Ja, er ist da) und des Kalenders (Ja, er ist um acht Uhr gekommen) festgenagelt. Die reale Zeit ist nicht verschiebbar.« (Lyotard 1989: 292) Das Signifikat des Arbeitsvertrags ist folglich der durch das Kapital bestimmte Gebrauch der Arbeitskraft, während der Signifikant der Lohn ist, der Mehrwert schließlich jener Teil des Signifikats, der die Signifikation einer monetären Realität annimmt, die sich der Arbeitskraft vollkommen entzieht. Der Tauschwert der Arbeitskraft gerinnt im vertraglich abgesicherten Lohn, was zugleich die Implikation mit sich trägt, dass der Gebrauchswert der Arbeitskraft sich qua Arbeit in Produkten niederschlägt, deren Preissumme sich potenziell über der Lohnsumme bewegt, wobei diese mehrwertschwangeren Produkte in die Zirkulation zur Realisierung hineingeschickt werden müssen. Während Marx in diesem Kontext vor allem den Aspekt der Trennung der Arbeiter von Produktionsmitteln betont, hat Foucault im Rahmen seines Konzepts der Biomacht den Akzent ganz auf die Macht zur Intensifikation der Arbeitskräfte gelegt. Im 19. Jahrhundert wurden die Körper und deren Zeit durch ein Set von politischen Techniken, Techniken der Macht, zu Arbeitskräften und Arbeitszeit transformiert, um als lebende Maschinen zur Produktion des Profits zu dienen. Foucault rekurriert hier schon auf eine posthumane Anthropologie, die die Möglichkeit in den Vordergrund rückt, einen produktiven Arbeitskörper herzustellen, der durch die Macht unaufhörlich transformiert und zugerichtet wird.

Man sollte schließlich resümieren, dass der Abschluss eines Arbeitsvertrags keineswegs den Verkauf der Ware Arbeitskraft bedeutet, wie das in fast allen Spielarten des Marxismus gemeinhin angenommen wird, stattdessen stimmt der Lohnabhängige damit der Verpflichtung zu für einen im Vertrag fixierten Zeitraum und für einen fixierten Lohn sein Arbeitsvermögen ganz in den Dienst der Produktion eines Unternehmens zu stellen bzw. zu vermieten, für Produktionsprozesse, die das Unternehmen plant, organisiert und auf eigene betriebswirtschaftliche Rechnung betreibt. Mit der Besetzung einer Position oder Stelle (dem hinsichtlich Qualifikation, Zeit und Raum exakt definierten Arbeitsplatz), welche zugleich Indienstnahme des Arbeiters bedeutet, ist für das Unternehmen allerdings auch die Existenz von Kosten verbunden, von denen die Lohnkosten nur einen Teil bilden. Ruben schlussfolgert zwingend: »Waren sind ökonomische Dinge, die Werte haben. Werte sind Dimensionen, die Produkte (Vereinungen) aus den Grunddimensionen der Arbeitskraft, des Gebrauchswerts und der Produktionsdauer darstellen. Und weil der Faktor eines Produkts nicht dieses Produkt selbst ist, ist die Arbeitskraft kein Wert (ebenso wenig die Arbeit). Ist aber die Arbeitskraft kein Wert, so kann sie auch nicht Ware sein. Ware zu sein, ist die hinreichende gegenständliche Bedingung dafür, Wert zu haben.« (Ruben 1995: 20) Während für Ruben die Arbeitskraft eine ökonomische Dimension oder einen Faktor darstellt, ist die Arbeit, wie Marx immer wieder gezeigt hat, keineswegs als Faktor zu verstehen, der sich etwa mit anderen Produktionsfaktoren wie Kapital und Boden addieren oder multiplizieren lässt, damit man schließlich zu einem homogenen Kapitalbegriff gelangt, der alles einbezieht, was Einkommen generiert (Lohn, Profit, Rente, Zins etc. als verschiedene Einkommensarten). Arbeit kommt im kapitalistischen System nur im Entzug der Differenz von Arbeit und Arbeitskraft zum Ausdruck, und sie taucht, wenn sie denn nicht als erstes Prinzip, wie im traditionellen Marxismus, hypostasiert wird, in vielen ökonomischen Diskursen bis hin zu denen der Systemtheorie oft auch als das große Schweigen auf. Aber selbst die Arbeitskraft ist, was heute im Rahmen des digitalisierten Netzwerk-Wissens ganz offensichtlich wird, nicht einfach mehr nur als ein Faktor der Wert-Produktion, sondern als »production of factored labour« (Kroker 2004) zu verstehen. Die Arbeitskraft, in die ja selbst Arbeit zu ihrer Konstitution und Reproduktion einfließt, ist von Anfang an an Produktion des fixen Kapitals gekoppelt, sodass auch die Gegenüberstellung von Kapital als »Sache« und Arbeitskraft als Faktor keinen richtigen Sinn ergibt, insofern sich kapitalistische Produktion als stets derselbe Prozess je schon differenzieller Serien der Maschinisierung (inklusive der Arbeitskraft) ohne Anfang und Ende erweist, i.e. Reproduktion. Und Affekte, Diskurse und Wissen werden heute als capital fixe angewandt, was geradezu erzwingt, dass der digitale Arbeiter sein Arbeitsvermögen permanent neu herstellt, reguliert und schult, um seine »Kreativität« dem Kapital beständig zur Verfügung zu stellen, womit er eine Standby-Verfügbarkeit wie einen leichten Stein mit sich herumschleppt – und dies paradoxerweise nach wie vor unter der Dominanz der toten Arbeit. [Kroker schreibt hier von menschlicher Arbeitskraft als »the inertia of the (Heidegerrian) standing reserve«.(Ebd.: 144)] Diese Standby-Verfügbarkeit inkludiert im postfordistischen Kapitalismus eine transversale Prekarisierung, die tendenziell alle Gesellschaftsschichten erfasst und einen fragmentierten sozialen Körper hervorbringt, mit der die Zeiten der Arbeit und die der Nichtarbeit durch keine wohldefinierte Grenze mehr getrennt sind, womit letztendlich auch zwischen Beschäftigung und Nichtbeschäftigung kein wesentlicher Unterschied mehr besteht, sodass die kollektiven Arbeitskörper implodieren. Während der Arbeitsvertrag noch den Anspruch der Erhaltung der Arbeitskraft beinhaltet, der auch bei Verlust des Arbeitsplatzes durch den indirekten Lohn garantiert wird, so zielt die Prekarisierung auf die ubiquitäre Etablierung eines »Arbeitslebens«, dem ein existenzielles Risiko eigen ist, das sich stets als potenzielle Arbeit artikuliert. Insofern humane Fähigkeiten, Kompetenzen und Qualifikationen (genetische, affektive und sprachliche) heute als Teil des capital fixe zu verstehen sind, stellt der Arbeiter als Maschine, die durch den Arbeitsvertrag in Dienst genommen wird, of course (vorausgesetzt bleibt er als Quelle der Mehrwerts) mehr als nur eine Bedingung für das symbolische Anschreiben von variablem Kapital (in der Relation zum konstanten Kapital) in der Buchhaltung dar. Bezüglich der Bestimmung der Arbeitskraft als sog. Human Capital schreibt Foucault: »[W]enn das Kapital so definiert wird, dass es ein zukünftiges Einkommen ermöglicht, welches der Lohn ist, dann sieht man, dass es sich um ein Kapital handelt, das praktisch untrennbar von der Person ist, die es besitzt. […] Mit anderen Worten, die Kompetenz des Arbeiters ist zwar eine Maschine, aber eine Maschine, die man nicht vom Arbeiter trennen kann. Das bedeutet gerade nicht, dass der Kapitalismus den Arbeiter in eine Maschine verwandelt und ihn daher entfremdet.« (Foucault 2004b: 312) Foucault expliziert hier den Arbeiter als eine Einkommen beziehende maschinelle Kompetenz, und dies innerhalb der neoliberalen Gouvernementalität, die den Arbeiter als maschinellen/strömenden Komplex betrachtet, der stets bereit steht, um die Formation einer Unternehmenseinheit zu »unterstützen«. Es findet demnach keine Entfremdung statt, vielmehr wird das Arbeitsvermögen im Rahmen der technischen Neuzusammensetzung des Maschinenkörpers im Unternehmen in materieller, affektiver und kognitiver Hinsicht permanent integriert, d. h., geteilt, reorganisiert und gesteuert (und als Arbeitskörper ist die Arbeit nicht lediglich ein schmarotzender Parasit des kapitalistischen Eigentums, wie bspw. Luhmann annimmt; Luhmann 2004: 216f.) Die Arbeitskraft mutiert schließlich zu einem Teil der Kapital- oder Maschinen-Kompetenz und gilt hiermit zugleich als eine technologisch regulierte und gleichzeitig zu regulierende Lebensform, die man durch Codes, Regeln, Gewohnheiten, Qualifikationen, Kompetenzen und Affekte kondensiert. Und je weniger heutzutage die Arbeit noch vorhanden ist, desto stärker soll die Nachfrage nach Arbeit zum ubiquitären Modell gerinnen, wobei man die sog. Produzenten über die diversen Vermittlungsdienste der Jobcenter in die Rolle von Konsumenten von »Arbeit« versetzt, was der Vernetzung und zugleich der Kontrolle von Körper, Sprache, Affekt und Wissen im Dispositiv des (digitalisierten) Dienstes entspricht, der allerdings weder Internierung zwecks Verschleiß und Dressur der Arbeitskraft einschließt, wie dies im Kapitalismus der Fabriken des 19. Jahrhunderts noch der Fall war, noch einer Art der Internalisierung von Arbeitsdisziplin bedarf, welche das Subjekt an sich selbst regelt, wie dies durch die ganze Moderne hindurch galt. Vielmehr handelt es sich heute um die Installation des Dispositivs eines Dienstes, der im Zuge der Informatisierung des Körpers und seiner kognitiven Fähigkeiten in toto – Sprache, Affekt, Wissen etc. – zwar immer noch die Extraktion von Mehrwert ermöglicht, aber basierend auf Dienstleistenden, die im klassischen Sinne nichts mehr produzieren, sondern vielmehr den Dienst als reine Information konsumieren. Dabei brechen heute selbst die weniger fragilen Lebens- und Arbeitsentwürfe an der Allgegenwart der Einschnitte, mit denen das Leben und der Dienst in Intervalle zergliedert, geteilt und verstreut und damit zugleich berufliche Kontinuität durch eine Art unbegrenzten Aufschub ersetzt wird – wahrlich ein anhaltender Schwebezustand, der das Nie-zu-Ende-Kommen »lebenslangen Lernens« in den Systemen und Institutionen der Bildung und Weiterbildung perpetuiert. Diese Bildungs-, Lebens- und Lernweisen bleiben dabei in Permanenz in die ubiquitären Geld-, Daten- und Informationsströme integriert, von denen sich sowohl die Lohnabhängigen als auch die scheinselbständigen Prekären, als handele es sich da um auf- und abschwellende Wellen, aufnehmen und forttragen lassen. »Der Mensch der Disziplinierung«, schreibt Deleuze, »war ein diskontinuierlicher Prozess von Energie, während der Mensch der Kontrolle eher wellenhaft ist, in einem kontinuierlichen Strahl, in einer Umlaufbahn. Überall hat das Surfen schon die alten Sportarten abgelöst.« Und er schreibt weiter: »Die Individuen sind dividuell geworden, und die Massen Stichproben, Daten, Märkte oder Banken.« (Deleuze 1993b: 258) Dividuell hier im Sinne von Getrenntheit, Teilbarkeit und das ist entscheidend, einer informatorisch regulierten Zerstreuung und zugleich Aufteilung des Dividuums mittels der Dispositive der Demoskopie, Datenerhebung und Finanzialisierung, mittels Maschinerien, die nicht nur die weltbewegenden, alltäglichen Fragen stellen, sondern gleichzeitig, ergo quasi-tautologisch noch die entsprechenden Antworten liefern oder vorgeben. (Günther Anders spricht hier vom Divisum, einem seriellen Individuum, das dividiert und in eine Mehrzahl von Funktionen zerlegt wird. Er legt den Begriff des Dividuums folglich noch eine Stufe tiefer an, er führt ihn nämlich auf die Arbeitsteilung selbst zurück: »Die Verteilung von Arbeit auf mehrere zerteilt die stets so arbeitenden Individuen. Die division of labour macht aus Individuen Dividuen.« Anders 1980: 177.) Und dass die Unternehmen eine Seele haben, sei wirklich die größte Schreckens-Meldung der Welt, moniert Deleuze folgerichtig und bezeichnet in gleichem Atemzug das Marketing als ein hässliches Instrument der sozialen Kontrolle (im Rahmen der »demoskopischen« Sozialspionage sollte man hinzufügen).

Zugleich müssen wir in der jetzigen Phase des neoliberalen Kapitalismus davon ausgehen, dass Dualismen wie Arbeitslosigkeit-Arbeit oder Recht-Lohnvertrag permanent verschoben oder verflüssigt werden, sodass Angestellte und/oder Arbeiter sowie Sozialhilfeempfänger tendenziell als Eins zu begreifen sind, i.e. die Grenzen zwischen Lohnarbeit, Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe zeichnen sich durch eine extreme Durchlässigkeit aus. (Vgl. Lazzarato 2012: 41f.) Dabei bleibt die Produktion des Mehrwerts stets in plurale Geldkapitalströme bzw. in die differenzielle Akkumulation des Gesamtkapitals integriert, was bedeutet, dass man dem Arbeiter mit der Auszahlung des Lohns nicht nur das »Mehrprodukt« vorenthält (nicht die »gesamte« Arbeit wird entgolten konkret die Arbeitszeit, die er pro Stunde, Tag, Monat individuell aufwendet), sondern der Arbeiter erfährt mit dem Lohn, den er für die Vermietung und den Einsatz seines Arbeitsvermögens erhält, wie viel gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit er zur Reproduktion seiner Arbeitskraft (Waren, Miete, Kultur etc.) tatsächlich vergegenständlicht hat – mag nun seine wirkliche Arbeit länger oder kürzer dauern. Die reale Kaufkraft des Arbeiters ist eben auch von externen Faktoren wie der Realisierung von kapitalistischen Waren in der Zirkulation abhängig, von Faktoren wie Rohstoffpreisen, Produktivität der Lebensmittelindustrie, Grundrente/Miete etc., Faktoren, die all das mit-konstituieren, was man im ökonomischen Jargon Kaufkraft oder zahlungsfähige Nachfrage nennt. Es wäre hier schließlich noch anzumerken, dass der Lohnvertrag erstmals im Krieg auf der geschichtlichen Bühne auftrat, als Soldaten von den Kommunen angeheuert wurden, und erst später tauchte der Vertrag in der Produktion auf, wo er sich mit der Etablierung der Fabrik im 19. Jahrhundert durchsetzte; u. a. mit Hilfe dieses Instruments konnten die Kapitalisten mit einer gewissen Konstanz und Flexibilität zugleich – trotz der härtesten sozialen Kämpfe um die Lohnhöhe – die Architektur ihrer Macht festigen und sogar exponentiell steigern, weil das Instrument Lohnvertrag die Arbeiter auf Dauer dazu zwang, immer flexibler und effizienter zu agieren, womit auch die Zersplitterung und Aufteilung des politischen Körpers der Arbeiterklasse vorangetrieben wurd

1»Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt gegenübertritt, ist in der Tat nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letzterer verkauft, ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also nicht mehr von ihm verkauft werden.« (MEW 23: 181.)

Foto: Bernhard Weber

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