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Time of Money (Review) (4)

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2 Okt , 2018  

Schulden enthalten eine temporale Relation, sie werden durch die Zeit definiert: Sie erfordern das Versprechen, zu einer Zeit zu zahlen, die noch nicht erreicht ist, nämlich in der Zukunft, und damit erfolgt die Zurückstellung der Gegenwart zugunsten einer vertraglich geregelten Zukunft, die bekannt ist, noch bevor sie eintritt. Bezüglich der Zeit operieren Schulden mit einer doppelten Bewegung: Das Versprechen zu zahlen, inkludiert Aufschub und Antizipation. Es ist davon auszugehen, dass das ökonomische Überleben der Vielen im Westen heute an die Schuldenökonomie gebunden ist. Schon Lazzarato hat bemerkt, dass zunehmend größere Anteil des Lebens in die Schuldenökonomie gesogen werden, sodass finanzielle Risiken und finanzielle Kosten das ganze Leben durchqueren. Gegen Lazzarato wendet Adkins allerdings ein, dass Schulden eine Komplexität besitzen, die nicht auf den Verlust an (offener) Zeit und Aneignung zu reduzieren ist, sondern zudem inkludieren sie eine datierte Zeit der Rückzahlungen, was ein punktiertes und gleichförmiges Subjekt einfordert, ein Subjekt, das Sanktionen vermeidet, indem es pünktlich Rückzahlungen leistet. Diese disziplinäre Handlung ist nach Adkins und Frederici stark aus das weibliche Subjekt im häuslichen Bereich ausgerichtet und bedarf der Anbindung an die Uhrzeit. Darin eingebunden ist das Operieren mit zeitlichen Patterns, Rhythmen und Schedules, und dies eben bedeutet keine Entleerung oder den Abschluss der Zeit, sondern verweist auf ein zeitliches Universum, dass durch Rhythmen und Brüche in der Gleichmäßigkeit gekennzeichnet ist. Diese Art der Kalenderzeit ist extern zu den Handlungen und wird durch Kontexte nicht tangiert, sie ist also nicht variabel, obgleich sie massiv auf die Kontexte einwirkt.

Dies ändert sich mit der Finanzialisierung der Schulden bzw. der Existenz des Kalküls der verbrieften Schulden (Konsumentenkredite und Hypotheken). Die sog. Securitization besteht darin, vertraglich abgesicherte Schulden zu sammeln, zu bündeln und in liquide Assets zu verwandeln, die an den Finanzmärkten gehandelt werden können. Dies hat nicht nur zu neuen Möglichkeiten in der Kreation des Surplus für das finanzielle Kapital geführt, sondern auch die Möglichkeiten der Renditeproduktion, die in Hypotheken und Konsumentenkrediten verborgen sind, erhöht. Diese Art der »alltäglichen« Kredite wird nun in die Kapitalmärkte hineingezogen.

Damit werden auch die Schedules der Schulden bzw. der Zahlungen transformiert, die jetzt nicht mehr gleichförmig, regulär und sequentiell sind, sondern flexibel, variabel und anpassungsfähig. Die Schedules für Rückzahlungen können nun gedehnt, verlangsamt, beschleunigt, reorganisiert und zurückgesetzt werden. Somit sind sowohl die variablen Schedules zur Rückzahlung als auch die Kalkulation der Kreditvergaben nicht länger auf einen zukünftigen Endpunkt ausgerichtet, an dem die Schulden endgültig getilgt sind, sondern auf den Service von Schulden orintiert, also in Richtung von Zahlungen anstatt von Rückzahlungen. Demzufolge sind die Hypotheken und andere Schulden der permanenten Adaption ausgesetzt und zudem mit Optionen aufgefüllt, sodass bspw. einer Zeit der Zahlungen mit hohen Zinsen eine Befreiung der Zahlungen für eine bestimmte Periode folgt.

Auch die Vergaben von langfristigen Krediten ist nicht mehr allein an die Indexierung zukünftiger und wahrscheinlicher Lohnzahlungen gebunden (ausgehend von bekannten Löhnen in der Gegenwart), stattdessen werden Löhne und Einkommen auf Potenziale und Möglichkeiten hinsichtlich der zukünftigen Bedienung von Schulden bezogen. Anstatt weiterhin von der Kalkulation des Wahrscheinlichen, die von der Gegenwart in die Zukunft projektiert wird, auszugehen, bezieht sich das Kalkül der versicherten Schulden auf die Kalkulation möglicher Zukünfte. Die Zukunft wird nicht von einer bekannten Gegenwart aus entfaltet, vielmehr wird die Gegenwart durch Zukünfte saniert, die eintreten können oder auch nicht. Damit werden Ressourcen von der Zukunft in die Gegenwart transferiert, von Zukünften, die bisher noch nicht eingetreten sind oder nie eintreten werden. Man ersetzt die statistische Kalkulation der Wahrscheinlichkeit durch die algorithmische Anordnung des Möglichen, auf die man agieren kann. Auch der Staat bedient sich der neuen Methoden und Techniken, etwa mittels Software, Risikomanagement, biometrischer Verfahren und des privaten Consultings. Diese Techniken ermöglichen eine neue Form der Governance und der Macht, die ganz auf mögliche Zukünfte ausgerichtet ist und mittels präemptiver Maßnahmen agiert. Man liest nun Spuren, die von möglichen Zukünften hin zur Gegenwart führen.

Die Produktivität der Schulden liegt nicht nur in der Akkumulation von Profiten, die eben auf Schulden bezogen sind, im speziellen von Zinsen in fixierten Blöcken der zukünftigen Zeit, sondern in der Akkumulation von Profit, die durch den Handel mit Schulden selbst funktioniert, mit der vertraglich fixierten Einkommenströmen, ihren Gewinnen und Verlusten bezüglich der Schulden und der »Wetten« auf diese Gewinne und Verluste, das heißt des Herunterbrechens der Schulden auf wenige Attribute und das Bündeln, Auspreisen und Handeln dieser Attribute innerhalb von durch das Risiko bewerteten Tranchen. Diese experimentelle Behandlung der Schulden wird nun selbst zur Profitquelle. Profite resultieren für das finanzielle Kapital also aus dem Handel mit Derivaten, der Restrukturierung von Schulden, Auktionen mit Krediten, CDOs und CDS.

Die die finanziellen Operationen begleitende Zeit ist spekulativ, sie hat eine spekulative Komponente. Adkins verweist an dieser Stelle wieder auf Bryan und Rafferty, welche die Derivate als eine Form des Geldes bezeichnen. Wenn Derivate aber in Geld realisiert werden müssen, dann sind sie selbst nicht Geld, sondern allenfalls spekulatives Kapital oder eine spezifische Ware, die des Geldes als Kapital. Auf jeden Fall besitzen die Finanzinstrumente Liquidität und das Potenzial des Transfers, das nicht an das Eigentum eines unterliegenden Basiswert gebunden ist, auf das sich das Derivat bezieht. Im gleichen Atemzug spricht Adkins wieder von den Wareneigenschaften der Derivate, ja von Kapital. Anyway, auf jeden Fall ist ihr darin zuzustimmen, dass die Derivate kein fiktives Kapital sind, sondern wie wir sagen würden spekulatives Kapital, das materiell und real ist.

Die spekulative Zeit ist eine Zeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht in einer prä-determinierten Relation oder Linearität zueinander stehen, sondern die in einem Kontinuum von Bewegung, Transformation und Entfaltung prozessiert. Die Zukunft kann jetzt nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf die Vergangenheit zugreifen. Die Gegenwart und ihre Relationen zur Vergangenheit und Zukunft könne innerhalb einer Aktion einem Reset unterworfen werden. Vergangenheit und Gegenwart können in die Zukunft und Zukunft und Gegenwart in die Vergangenheit geschoben werden. Die Flüsse dieser nicht-chronologischen Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte inklusive ihres Resetings und ihrer Reorganisation, ja sogar ihrer Suspension können ohne Weiteres einer Vermehrung von Profiten dienen. Die Zeit der versicherten Schulden und Profite insistiert in der nicht-chronologischen und indeterminierten Bewegung der spekulativen Zeit.

In dieser Zeit und im speziellen ihrer Produktivität muss die Akkumulation via Schulden (die wechselnden Schedules der Schulden von Personen und Haushalten, die verzögert, beschleunigt und reorganisiert werden können) erfolgen. Der am Kalender orientierten Zeit der Rückzahlung wird nun die kalendarische Zeit der Zahlung hinzugefügt, die das Subjekt an die nicht-determinierte Zeit der Spekulation bindet. In dieser Zeit werden finanzielle Aktivitäten mobilisiert und intensiviert, es ist eine Zeit, in der sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem kontinuierlichen Fluss der Revision befinden. Das entsprechende Subjekt jammert jetzt nicht länger über die Leere der Zeit, den Verlust der Zukunft oder der fehe´lenden zeitlichen Orientierung, sondern dieses Subjekt ist jederzeit bereit die Rekalibrierungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Angriff zu nehmen, zuzüglich ihre Relationen und Stadien untereinander. Und dieses Subjekt hat definitiv zu viel Zeit, nämlich die des Ereignisses und des nicht-chronologischen Flusses der Zeit.

Die Zeit des versicherten Schulden schreibt in die Gegenwart die spekulative Zeit ein. Dies ist keine Praktik der Temporalisierung, wie Bourdieu noch annimmt, sondern eine Praktik der Spekulation, welche die Kapazitäten der Bevölkerung bezüglich möglicher Zahlungen über ganze Lebenswelten hinweg maximieren soll. Denn der Prozess der Securitization inkludiert ein Rewriting des sozialen Lebens der Bevölkerungen, die nun ganz in Finanzsystem und seine Risikoproduktion integriert werden. Der Kreditwürdigkeit von Teilen der Bevölkerung wird nun die erweiterte Logik der Zahlung des Möglichen hinzugefügt.

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