Biopolitics, Necropolitics

Bemerkungen zu Stieglers „Automatic Society. The Future of Work“ (3)

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26 Jul , 2017  

Im dritten Kapitel seines Textes vollzieht Stiegler im wesentlichen Jonathans Crays Beschreibungen des heute ubiquitären 24/7-Taktes im Rahmen eines globalisierten Kapitalismus nach. Also folgen wir ihnen.

Ein 24/7-System generiert andauernd asoziale Modelle eines automatisierten Funktionierens – die Kalkulation, Quantifizierung und Verwertung des Lebendigen, Motoriken der Verwertung, die jedoch unerkennbar lassen wollen, auf wessen Kosten die Betriebsamkeit geht und wer von ihr profitiert. Diese 24/7-Metrik unterscheidet sich von dem, was Marxisten wie Lukács im 20. Jahrhundert als die leere, gleichförmige Zeit des Kapitals bezeichnet haben, insofern der 24/7-Takt selbst noch den Anspruch, die Verwertungs-Zeit mit langfristigen Unternehmungen oder mit Vorstellungen von Fortschritt zu verbinden, aufgibt. Cray schreibt: »Eine strahlende 24/7-Welt, die keinen Schatten wirft, ist die kapitalistische Endzeitvision eines Posthistoire, einer Austreibung der Alterität als dem Motor geschichtlichen Wandels. 24/7 ist eine Zeit der Gleichgültigkeit, der gegenüber die Fragilität menschlichen Lebens zunehmend inadäquat wird, eine Zeit, in der der Schlaf nicht länger notwendig oder gar unvermeidlich ist. Sie lässt die Vorstellung eines Arbeitens ohne Pause, ohne Ende plausibel, ja normal erscheinen. So verbindet sie sich mit dem Unbelebten, Inerten oder Alterslosen.«

Es geht jetzt für die Subjekte weniger um die Akkumulation von Produkten, sondern um den Konsum von Identitäten, Dienstleistungen, Bildern, Chemikalien etc., und dies in toxischen und oft tödlichen Dimensionen. Das 24/7-Modell des panischen Konsums, das die Verausgabung rein zum Zwecke der Selbsterhaltung und -verwertung betreibt, ist die Karikatur der batailleschen Überschreitung und Verschwendung und führt letztlich zur Zerstörung der Kreisläufe und der zeitlichen Rhythmen der Erde.

Für Cray ist es letztendlich nur noch der Schlaf in seiner Nutzlosigkeit und Passivität, der mit den Takten, Metriken und Ansprüchen der 24/7-Welt kollidiert, insofern er von der Vielzahl der durch die Marketingindustrie generierten Bedürfnisse befreit bleibt; er ist die kompromisslose Unterbrechung der vom Kapital unablässig geraubten Zeit. Die existenziellen Bedürfnisse und die Begehren – Hunger, Durst, Sex und Freundschaft – werden heute weniger in Waren- oder Geldform transformiert, sondern sie werden andauernd kapitalisiert. Und der Schlaf konterkariert diese Kapitalisierung, insofern er auf einem Zeitintervall insitiert, das sich nicht vom Kapital und seinen Profitmaschinerien verwerten lässt, der, so Cray, eine sperrige Anomalie bleibt, ein Krisenherd in der globalen Gegenwart, obgleich mit der Existenz von Schlaflaboren der Schlaf längst auch den Methoden der Effektivierung unterzogen wird. Dennoch bleibt er in seiner Traumdimension das, was Blanchot das Unwahrscheinliche genannt hat. Cray weist in diesem Kontext darauf hin, dass heute die Zahl der Menschen ansteigt, die nachts aufstehen, um ihre Mails, Daten und Infos im Internet zu checken. Solch ein unterbrochener Schlafmodus, man denke an den Leninschlaf der Banker, will den Schlaf auf einen verzögerten oder verminderten Zustand der Funktionsfähigkeit und Verfügbarkeit für die Arbeit und das Kapital reduzieren. Cray schreibt über den 24/7 Takt: »Er verdrängt das »Ein/Aus«-Prinzip. Nichts ist mehr richtig »aus«. Nie gibt es einen wirklichen Schlafmodus. Schlaf ist die irrationale, unannehmbare Bestätigung der Tatsache, dass lebendige Wesen mit den vermeintlich unwiderstehlichen Kräften der Modernisierung nicht grenzenlos kompatibel sind. Es gehört heute zu den Gemeinplätzen kritischen Denkens, dass es keine Naturkonstanten gibt – nicht einmal den Tod, wenn man den Vorhersagen glaubt, dass wir unsere Verstandesdaten bald abspeichern können, um digital unsterblich zu sein.« Es kommt also zu einer Verknappung des Schlafes, sodass man mit dem Kauf von Schlaftabletten den Schlaf kauft.

Entscheidend für den 24/7-Takt, der insbesondere die Zerrüttung, Verflüssigung und Flexibilisierung der Tagesabläufe betrifft, ist nicht mehr die Dominanz und Akkumulation der Dinge, sondern der lineare, expandierende und differenziell-gleichförmige Strom des Konsums, der durch den Verlust von Pausen, Unterbrechungen und gleichzeitig durch Stillstand gekennzeichnet ist. Virilios rasender Stillstand.

Die Metrik 24/7 induziert eine Zeit ohne Zeit, eine Un-Zeit, die ohne Dramatik, Abfolgen oder differenzierende Wiederholungen dahin schleicht oder rast, egal, eine Zeitlosigkeit oder die Ausdehnung einer flachen Gegenwart. Letztendlich findet damit die Insistenz auf das Zeitgenössische statt, womit die Gegenwart als ewig ausgedehnt erscheint oder sich dehnt wie zerlaufender Käse. Das Zeitgenössische gerinnt zu einer Zeit, die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft okkupiert. Mit der Zeit ist es dann wie mit allen Transit-Orten – Einkaufszentren, Flughäfen, Museen und Sportarenen: Sie ist in all ihren Dimensionen (Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft) völlig austauschbar geworden, ganz egal, in welchem Jahr wir uns gerade befinden. Indem sie austauschbar wird, ist sie auch standardisiert. Das Entscheidendes des 24/7-Metrik liegt aber nicht in der Standardisierung, sondern in der Redundanz einer Un-Zeit, in der es keine Gelegenheit mehr gibt, nicht zu shoppen, zu konsumieren, zu arbeiten oder Daten abzurufen. Zudem lässt sich heute alles Mögliche als Bild oder Information abspeichern und degradiert damit das Objekt zu seiner Simulation. Drahtlose Technologien löschen die Besonderheiten und das Singuläre der Orte, der Landschaften und der Ereignisse aus. Es entsteht geradezu ein Sog, der einen dazu zwingt, ununterbrochen den durch das Marketing erzeugten Begehrnissen nachzujagen, die unerfüllt bleiben müssen, weil ständige neue Produkte und Upgrades auf dem Markt erscheinen, die die Begerhnisse nicht nur erneut stimulieren und anheizen, sondern sie zugleich transformieren. Das so motivierte Subjekt will nichts weiter als haben (das, das will ich haben) verwerten, gewinnen und sich ins Koma glotzen, eingespannt in ubiquitäre Quantifizierungs- und Kontrollmechanismen, die seine Überflüssigkeit perpetuieren. Kognitionen werden ausgelagert, in Mechanismen der ternären Retention eingelagert, und diese Art der Kontrolle wird durch die Statistiken, Normalisierungsprozeduren und den staatlichen Terror supplementiert.

»Die Rhythmen des Lebens, das Auf und Ab der Natur und des Alltags müssen verschwinden in dieser Welt; für die Schwäche und Unzulänglichkeit menschlicher Zeit, ihre diffusen und verschlungenen Strukturen«, so Cray, sei in dem global-digitalen Uhr-System kein Platz mehr. Der 24/7-Modus generiert eine entzauberte Welt ohne jedes Geheimnis, eine mit sich identische Welt, eine Welt ohne Gespenster, eine Welt, die einerseits die Dunkelheit zu eliminieren trachtet, andererseits den Tag mit seinen Rhythmen, Perioden und Eigenartigkeiten verflacht und zugleich zerrüttet, indem die Dinge, Zustände und Ereignisse auf ihre bloße Funktionalität und Kalkulation, ja schließlich auf die Brauchbarkeit für die Kapitalisierung reduziert werden, sodass Kontingenzen, Brüche und Eruptionen des Alltagslebens verschwinden.

Die Anwesenheit und Beschleunigung, die Redundanz und Standardisierung, die gerade über das Setzen von nichtigen Differenzen erfolgt, die Serien endloser Reize, Bilder und Sensationen entmächtigen auch den Blick. Bei Lacan geht der Blick nicht von mir aus, sondern kommt vom Anderen und geht durch mich hindurch – das ist das Blick-Sehen im Gegensatz zum Augen-Sehen, das bei Lacan nur eine physiologische Fähigkeit ist. Der Blick gehört uns nie, er ist Ausdruck der Spaltung des Subjekts. Entscheidend ist heute jedoch, dass die durchaus zwiespältige Blicktätigkeit in einen hyper-industriellen Kreislauf verlagert wird, der eine motorische Reaktion auf elektronische Reize moduliert: Der Blick mutiert zu einer motorischen Tätigkeit, die angereizt wird und sich steuern lässt. Keine rein physiologische Tätigkeit, aber auch nicht der lacansche Blick. Ein maschineller Blick.

Die Welt wird grell, es kommt zu endlosen Strömen von Bildern und Informationen, die die Katastrophe, das Verbrechen und das Obszöne ausleuchten und simulieren, und so degenerieren nicht nur die Objekte, sondern auch die Bilder zu Wegwerfprodukten oder einfach zu Müll. Der Dauermodus des Als-ob reduziert die Verstandesfunktion mit ihrer regulativen Kapazität und klebt sie als Detail an die Daten, die Bild- und Infomationszirkulationen des Kapitals an. Weniger die Funktionsweisen der Gagets und Netzwerke, sondern der 24/7-Modus der Geschwindigkeiten, Metriken und Beschleunigungen, die den Konsum endlos zirkulieren lassen, punktieren, kontrollieren und quantifizieren heute die Wahrnehmung, das Erleben und das Leben jedes Einzelnen. Jedes Produkt ist als ein Wegwerfprodukt in diesen Sog integriert, die Touchscreens der Smartphones werden verschwinden und den durch Gesten gesteuerten Rechnern Platz machen – als Revolution bezeichnet sind die Produkte ausschließlich Teil des Nonstop-Konsums, von Dingen, Ereignissen und Zuständen.

Dabei sollen die Entscheidungszeiten der Dividuen nicht nur verkürzt, sondern am besten gleich automatisiert werden, sodass noch nicht einmal gespürt werden muss, dass jede eingeführte Neuheit Teil der nackten Wiederholung des 24/7-Taktes selbst ist. In diesen derart modulierten Konsum fließen ständig Verfahrensweisen der Arbeit ein, die durch Konkurrenz, Neid, Ehrgeiz und Besitzgier – auf Kosten anderer – geprägt sind. Der Technikkonsum wird vollkommen in das kapitalisierte Machtstrategem eingebaut, während das Personal- und Verhaltensmanagement das konzipiert, was Bildung ist und subjektlose Subjekte generiert, willfährig, gehorsam und zugleich von einem barbarischen Narzissmus besessen. Diese Eigenschaften werden von den Dividuen andauernd in individuelle Bedürfnisse umgedeutet, obgleich sie doch ganz an funktionale, ideologische und normative Programme geknüpft bleiben, in die jedes Produkt, jede Dienstleistung und jeder Service integriert ist.

Die lineare Abfolge der Neuheiten impliziert nicht allein einen repetitiven Ersetzungsmodus, sondern jedes Produkt eröffnet zugleich neue Optionen und Wahlmöglichkeiten, den Modus der Erzeugung von Optionalität, der direkt aus der Finanzindustrie herauskopiert wird. Diese Art der Optionalität führt allerdings nicht zur Freiheit, sondern zu Anpassungen an die funktionalen Erfordernisse und Bedienungsanleitungen, die von technischen Objekten vorgegeben werden. Die Funktionalisierung verläuft über die Diversifizierung der Abläufe, der Produkte und Angebote, an die die Dividuen nicht nur angeklebt werden, sondern die sie aktiv befördern, ohne zu spüren, dass sie letztendlich reine Anwendungen des 24/7-Taktes und seiner Kontrollsysteme bleiben. Gleichzeitig erzeugt das Kapital eine Surplusbevölkerung, der der Luxus der Integration in die 24/7-Metrik verwehrt ist, sodass ihr nichts weiter übrig bleibt als das Ersatzteillager für die in den Komfortzonen lebenden Dividuen abzugeben, als lebende Leichen aus Körperteilen und Organen dahin zu vegetieren.

Das Dividuum wiederum ist eine gestaltlose Gestalt, ein Konglomerat aus Anwendungsmöglichkeiten, Kennziffern und Indikatoren – Konglomerate, die ständig die Leistungen, den Konsum und den Sex bewerten. So besteht der Gebrauchswert des Dividuums in nichts weiter als der effizienten Bedienung von standardisierten Anwendungen, Funktionen und Zuständen der Techniken – es ist nicht mehr nur ein lebendig gewordenes Stelleninserat, sondern eine lebendig gewordene Bedienungsanwendung, die Zeuge davon ablegt, dass heute nicht nur die Arbeit und die Technik, sondern das Leben selbst konsumiert wird. Das Dividuum wird dabei einer Kurzlebigkeit unterworfen, die mit den Lebenszyklen der technischen Produkte identisch ist, welche mit einer Geschwindigkeit verschleißen, die jedes High-Tech-Produkt von vornherein zu Schrott macht. Diese Kurzlebigkeit will das Dividuum am liebsten auf ewig leben – es oszilliert dabei zwischen dem Bedürfnis nach dem Objekt und der Affirmation des unvermeidlichen Ersetzens desselben, und so muss es bis zur Erschöpfung den Verheißungen des monoton und zugleich differenziell fließenden 24/7-Taktes nach hecheln, das heißt, die attraktiven Anreize und verbesserten Funktionalitäten wahrzunehmen ist identisch mit der Bestätigung, dass das eigene Leben und seine Ziele sich genau in den technischen Anwendungen, den Gadgets und Netzwerken erfüllen, die gerade auf dem Markt sind. Alle Ereignisse, Erlebnisse und Dinge, die nicht über das Display des Smartphones und seinen Links dargestellt und optimiert werden können, verlieren nicht nur an Attraktivität, sondern sie sind nichtig. Um ein optimales Selbstmanagement zu organisieren, muss jedes neue Produkt, Gadget und jeder Service registriert und in ein Bedürfnis transformiert werden, womit die Metrik des 24/7 selbst zur Gewohnheit transformiert, welche die Wahlfreiheit, Abwechslung und Autonomie nicht nur mitschleppt, sondern diese Modi lassen sich von den Marketing- und Meinungsindustrien überaus produktiv anwenden.

Agamben hat das Smartphone als ein Dispositiv, als eine technopolitische Apparatur beschreiben, die das menschliche Subjekt neu konfiguriert. Der entscheidende Hinweis auf die neueren Entwicklungen der Sichtbarkeit und Kontrolle liegt bei Foucault wiederum im Begriff des Beobachtungsnetzes: Sehreize werden heute vervielfältigt um Informationen zur Verbesserung der Kontrolltechniken zu liefern. Das Sehen wird nun selbst zum Gegenstand der Beobachtung. Der Augenbewegungsscanner, der im Kaufhaus die Verhaltensweisen des Kunden beobachtet, war durchaus schon im Blick von Foucault. (Die Gegenfiguren muss man heute bei denen suchen, die wieder Fragen der Darkness, der Unsichtbarkeit und des Nicht-Wahrnehmbaren aufwerfen.)

Es ist nicht die Masse an Bilder und Informationen, die hier entscheidend ist, sondern die Strukturierung, die Geschwindigkeit und die Organisation der technischen Umgebungen – Metrik, Format, Netzwerk, Maß, Upgrade und Zubehör. Filme, Videos, Pop, Fußball, Fernsehen und Porno stellen ein System der audiovisuellen Industrieproduktion dar, das zur massenhaften Synchronisation der Körper, der Bewusstseine und der Erinnerungen führt (Stiegler). Dabei sind diese hyper-industrialisierten Bewusstseine weder verkehrte Bewusstseine, wie dies immer noch viele Marxisten annehmen, noch vollzieht sich die operationale Logik der Kapitalisierung von Datenspuren hinter dem Rücken der Bewusstseine, wie dies Hegel in der Phänomenologie des Geistes schreibt, sondern diese Logik operiert mit der Übernahme und dem Überholen der Protentionen (Erwartungen), die das Bewusstein konstituieren, in dem man ständig neue vorfabrizierte Protentionen vorschlägt, die dann von den Dividuen automatisch eingeholt werden, wobei längst neue Protentionen darauf warten,  dass man sie konsumiert. Kreisläufe der Total-Idiotie. Und die entsprechenden Datenströme werden andauernd von einer dekadenten, unkultivierten und auf globaler Ebene operierenden Oligarchie angezapft und verwertet, einer Oligarchie, die absolut bestechlich, das heißt perfekt nihilistisch ist.

Die Linke findet dagegen bisher keine Konzepte. Wie die Junkies, die auf Heroin hängen geblieben sind, ist die Linke auf einem Kanon von Stereotypen hängen geblieben, während die total verwüsteten zerebralen Systeme der Massen im Zuge der abwechselnden Einnahme von Beruhigungssmitteln und Stimulanzien – Funktionalisierung der Paradessenzen wie beim Kaffee, der gleichzeitig stimulieren und beruhigen soll – an den toxischen Nadeln hängen, welche die automatisierten Konsumsysteme des Kapitals  gleich ihren technischen Wegwerfprodukten im 24/7-Takt frei Haus liefern. Ein globaler Albtraum, von dem allerdings die Surplusbevölkerung ausgeschlossen ist, die in den ubiquitären Slums dahin vegetiert, in denen die Körper allenfalls noch als Ersatzteillager für die Dividuen dienen, die in ihren Zellen der urbanen Ballungsräume an den Screens hängen, beruhigte und zugleich pulsierende und fibrillierende Leuchtpunkte, die das Geld imaginieren. Der letzte Schrei ist dann der Voice-Synthesizer auf einem Computer, der mit einer sexy Frauenstimme  detailliert alle Informationen liefert, die das Dividuum für seine Sebstverwertung benötigt. Das Paradigma für dieses Modell ist der Cybersex, bei dem die Ehefrauen längtst schon aufs Gästezimmer geschickt worden sind.

Stieglers hyperindustrielles Zeitalter kombiniert die Logik der seriellen Massenproduktion mit der Herstellung, Verbreitung von Techniken und den Prozessen der Subjektivierung. Die Rezeptionsweisen der verblödeten Massen mutieren zu rein repetitiven Reaktionen, dem notorischen Hören und Sehen der Angebote, wobei die Massen aber keineswegs passiv bleiben, sondern über die sozialen Netzwerke sich andauernd einbringen, um mit kostenloser Arbeit Daten und Informationen zu produzieren, die von den großen Medienkonzernen quantifiziert, ausgewertet und verwertet werden. Der Content selbst mutiert zum austauschbaren und flüchtigen Material, das dem Dividuum nur dazu dient, innerhalb des 24/7-Taktes irgendwie am Ball zu blieben, in dem es das Material bespricht, liked, tauscht und archiviert. Jeder Konsumakt ist von den Akten der Auswahl und endlosen Feedbackschleifen geprägt, die zu nichts weiter da sind, als sie in das eigene Selbstmanagement einzubauen und profitabel zu machen; Video-und Glücksspiele, Internetpornos und eigentlich alles Mögliche verflüssigen und intensivieren den 24/7-Konsum, wobei die in ihn eingebauten Gewinn Macht- und Besitzillusionen andauernd enttäuscht werden. So muss sich zwangsläufig der Fluss der elektronischen Reize mit dem Konsum von Psychopharmaka vereinigen, die von den Anreizsystemen des Marketings generierte Nervosität muss immer wieder tranquilisiert werden, wenn das zugerichtete und sich selbst zurichtende Dividuum nicht überschnappen will. Allerdings geht es längst nicht nur um die Ruhigstellung der Dividuen, sondern um die Mobilisierung von deren Befindlichkeiten, Emotionen und Aktivitäten, welche der Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit nicht nur am Arbeitsplatz, sondern im Konsum und in den sozialen Netzwerken dienen soll, eine Lächerlichkeit sondersgleichen, von denen der gedopte Leistungssportler das beste Beispiel und Vorbild zugleich abgibt. Gleichzeitig wird inzwischen jede Lebensregung und Befindlichkeit pathologisiert, um neue Märkte für Lebensberatung, Pharmazie und Therapeutik zu schaffen. Ein Furz wird zu einer krankhaften Störung aufgebauscht, die man mit profitablen Medikamenten bekämpfen muss.

Die 24/7-Metrik erzeugt weniger manipulierte und standardisierte Dividuen, sondern gerade über die Inszenierung von Differenzen qua der ständig wechselnden Angebote werden den Unterschied machende Unterschiede geschliffen und nivelliert, das Spektrum der Verhaltensweisen, Erfahrungen und Ereignisse in der Tendenz auf Null reduziert. Nullintensität. So besitzt das moderne Dividuum die Vitalität eines Regenwurms. Dennoch inhäriert die 24/7-Metrik keine gleichförmige Zeit, sondern eine reduzierte und abgeschliffene Diachronie, in der die Unterschiede auf tauschbare und zirkulierende Differenzen reduziert werden – Austauschbarkeit ist die Normalität. Der digitale 24/7-Betrieb verklebt die Arbeitszeiten und Freizeiten, reduziert und mobilisiert jede Aktivität auf die Expertise im Umgang mit Gadgets, Infos und Daten, was nichts weiter als die Anpassung an funktionale Notwendigkeit bedeutet, um jede Operation und Kommunikation zeitlich zu verdichten, das technische Know-How zu optimieren, mit der man nicht nicht nur sich selbst, sondern auch die anderen teilnehmenden Dividuen beeindrucken kann. Mit den technischen Operationen verwaltet man sein Bankkonto, seinen Sex und seine Freundschaften in einem; Resultat ist der betäubte, harmlose und gefügige Bloom, wie er von Tiqqun beschrieben wird, wahrlich die Meisterleistung einer Spezies, die von sich behauptet das höchste aller Geschöpfe zu sein.

Gibt es einen Ausweg, mit dem Automation und Autonomie ein qualitativ neue Verbindung eingehen können?

Foto: Bernhard Weber

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