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Sidenotes to Hauntology // Randnotizen zur Hantologie

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12 Mrz , 2018  

Transkription eines Vortrags der im Oktober 2015 bei der ‘retrospektive’ [event] des “institut de destabilisation” im MultiVersum (Offenbach) gehalten wurde. Sowohl Skript als auch die Aufnahme waren zwischenzeitlich verloren und sind nun wieder aufgetaucht:

„Womöglich gilt es darzulegen, dass die Politik, die gegenwärtig das affektive Interesse an sich bindet, als eine Pest angeprangert werden muss, dass die Art von Legitimation, die wir bisher zugestanden haben, nur ein Beweis unserer Schwäche war. Es gibt keinen denkbaren Mittelweg. Von dem Augenblick an, da die politische Wirklichkeit eine Mauer ist, an der sich alle Energien brechen und sonst nichts, muss man den Glauben an diese Wirklichkeit als selbst für sie Verantwortlich anprangern und die Schwächung dieses Glaubens auf Dauer vorbereiten. / Vielleicht wird euch eher die Absurdität dieses Versuchs als seine Notwendigkeit einleuchten, aber vergesst nicht, dass die Art von Kritik, die ihr übt, vielleicht doch nicht genug durchdacht ist, um nicht eines Tages Gefahr zu laufen, das Leben selbst zu treffen: ich bin davon überzeugt, dass es besser ist, mehrere Male Schatten für Lichter zu halten, als ein Licht ein einziges Mal für einen Schatten.“

[Umgeschrieben von einem Brief Bataille’s an Pierre Kaan]

Mit Beginn des 20. Jhds treten die zeitlichen Ungleichzeitigkeiten zunehmend offener zu Tage. Geschichte(n), ihre Spuren(-vernichtungen/-tilgungen), Interpretationen und Deutungshoheiten gewinnen an Bedeutung.

Aby Warburg zeichnet bereits für’s Mittelalter einen Nachhall der Antike nach (der heidnische Kult der Sternenbildzeichen entspricht den griechischen Göttersymbolen; welche über Umwege in den arabischen Raum über Indien, schließlich zurück nach Europa kamen. Einzelne Transformationen in den Übersetzungen weißt er Anhang von Fundstücken nach.). Ebenso ist er es dem eine ebensolche Abhandlung über die Schlangensymbolik gelingt. Sollte sie – die Schlange – zunächst aus den biblischen Schriften gebannt – zensiert oder exorziert – werden, schleicht sie sich schon bald als Gegenkraft zurück (die Geschichte von Adam & Eva), und weitergehend wird sie erneut zum Symbol der Heilung, als Zeichen des Heiligen Lazarus. Mit ihm wird die Schlange zum Zeichen des Heilers, Mediziners, der Apotheken, etc.

Vergleichbare Wandlungen der Schlange als Symbol außerhalb Europas werden von Aby Warburg ebenso verfolgt.

[Dazu eine kleine Anekdote:

Aby Warburg integriert sich im Verlauf seiner ethnologischen Studien in Amerika zunehmend in den von ihm beobachteten Stamm von Native Americans. Damit ist er ein Ausnahmefall, der Normalfall: Die Distanzierte Betrachtung als Objekte der Forschung, ähnlich dem Tiere. So wird er als einer der wenigen unter allen Ethnologen schließlich als vollwertiges Stammesmitglied anerkannt, nimmt an dem gesellschaftlichen (Alltags-)Leben teil. Gleichzeitig erlebt und beschreibt er ein steigendes Gefühl des zerrissen Werdens zwischen mehreren Identitäten1. Er fühlte sich nie heimatlich in Deutschland (, genauer Preußen, ?!), wurde es aber auch nicht vollends im Stammesleben, da er beides kenne. Im Verlauf der Zeit gewinnt die Idee des Synkretismus (die Verschmelzung unterschiedlicher Symbole mit der selben oder vergleichbarer Bedeutung – ähnlich der Übernahme christlicher Bilder durch den Vodoun – ) für ihn an Relevanz.

Parallel dazu bildet sich eine Schizophrene-“Störung“ heraus, die von ihm – wie schon von Nietzsche – Umgedeutet wird in eine Erweiterung, eine veränderte – transformierte – Subjektivität. Die eben beschriebenen Arbeiten kommen beide bereits aus seiner Zeit in der Psychiatrie, die er zu Lebzeiten nicht mehr verlassen sollte.]

The time is out of joint“ // „Die Zeit ist aus den Fugen“

Hamlet […] Swear.

Ghost (Beneath). Swear.

Hamlet. Rest, rest, perturbed spirit! So, gentlemen,

With all my love I do comment me to you:

And what so poor a man as Hamlet is

May do, to express his love and friending to you,

God willing, shall not lack. Let us go in together;

And still your fingers on your lips, I pray.

The time is out of joint; O Cursed spite,

That ever I was born to set it right!

Nay, come, let’s go together. (Exeunt)“

//

Hamlet […] Schwört.

Geist (unter der Bühne). Schwört.

Hamlet. Ruh, ruh, verstörter Geist! – Nun, liebe Herrn,

Empfehl ich euch mit aller Liebe mich,

Und was ein armer Mann, wie Hamlet ist,

Vermag, euch Lieb’ und Freundschaft zu bezeugen,

So Gott will, soll nicht fehlen. Laßt uns gehen,

Und, bitt ich, stets die Finger auf den Mund.

Die Zeit ist aus den Fugen: Schmach und Gram,

Daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam!

Nun kommt, laßt uns zusammen gehen. (Alle ab.)“

(Hamlet, 1. Aufzug, 5. Szene ; nach Derrida, Marx’ Gespenster, S. 15)

So schreibt Shakespeare, übersetzt August Wilhelm Schlegel, zitiert Marx, zitiert Derrida und nun sitze ich hier, zitiere; wahrscheinlich nicht als einziger diesen – [Pause] – oder jenen Satz.

Oder aber mit Nietzsche, in seinem letzten Brief (an Cosima Wagner) – kurz bevor er starb – : „Es ist ein Vorurteil, dass ich ein Mensch bin. Aber ich habe schon oft unter Menschen gelebt und kenne Alles, was Menschen erleben können, vom Niedrigsten bis zum Höchsten. Ich war unter den Indern Buddha, in Griechenland Dionysos gewesen. Alexander und Caesar sind meine Inkarnationen, insgleichen der Dichter des Shakespeare, Lord Bakon. Zuletzt war ich noch Voltaire und Napoleon, vielleicht auch Richard Wagner… Dies Mal komme ich als der siegreiche Dionysos, der die Erde zu einem Festtag machen wird… Nicht dass ich viel Zeit hätte… Die Himmel freuen sich, dass ich da bin… Ich habe auch am Kreuz gehangen…“ (Nietzsche, Brief vom 3. Januar 1889) und darüber meditierend, Georges Bataille, als auch Andre Breton, „Ich bin Nietzsche, der anfängt zu begreifen, dass er gleichzeitig Vittorio-Emanuele und zwei Zeitungsmörder ist. Astu Mumie des Ibis.“ (Breton, Fata Morgana). [vgl. Ebenso dazu, Bataille ‘Nietzsches Wahnsinn’: „Wenn sich die Menschheit – oder einfacher: ihre integrale Existenz – in einem einzigen Menschen verkörperte, der ebenso einsam und verlassen wäre wie alle anderen würde der Kopf des Inkarnierten zum Ort eines unaufhörlichen Kampfes – so gewaltsam wäre er, dass sein Kopf früher oder später explodieren müsste. Denn es lässt sich schwer absehen, welche Orkanstärke, welchen Grad an Entfesselung die Visionen eines solchen Inkarnierten erreichen könnten, der Gott sehen würde, aber im selben Augenblick auch töten müsste, der dann selbst Gott werden müsste, aber nur um sich auf der Stelle ins Nichts zu stürzen. […] Das derart inkarnierte menschliche Denken würde zu einem Fest, das den Rausch und die sexuelle Freizügigkeit ebenso schlösse wie das Gefühl der Angst und des Tragischen. […] Wie gewaltig drehte sich ihm die Erde im Kopf! Wie sehr wäre er der Gekreuzigte! Bis zu welchem Grad ein Bacchanal! […] Aber wie einsam wäre er auch, ein Caesar, allmächtig und so heilig, dass ein Mensch ihn nicht einmal erahnen könnte, ohne in Tränen zu zerfließen. Angenommen, dass … Wie sollte Gott nicht daran erkranken, wenn er vor ihm die Ohnmacht seiner Vernunft, den Wahnsinn zu erkennen, eingestehen müsste.“ (Beide Zitate, Rita Bischof, Tragisches Lachen, S.203-205]

Schließlich sie bechwörend Derrida „[Drei Dinge würden also unterscheidbar bei der Analyse dieses einzigen Dings, ob Geist, Gespenst oder König, denn der König hält diesen Platz besetzt, hier den Platz des Vaters, ob er ihn nun hütet, einnimmt oder ursurpiert, und jenseits der Wiederkehr des Reims (zum Beispiel: >>the Play’s the thing, / Where in I’ll catch the conscience of the king<<). König ist ein Ding, Ding ist der König, selbst da, wo er sich von seinem Körper trennt, der ihn dennoch nicht verläßt. (Teilungsvertrag, notwendiger Pakt, um mehr als einen Körper zu haben, das heißt um zu regieren und um vor allem die Königswürde zu erben, sei es durch Verbrechen oder durch Wahl: Der Körper – oder der Leichnahm – ist mit dem König, dem König nahe, aber der König ist nicht mit dem Körper. Der König ist ein Ding: >>The body is with the king, but the king is not with the body. The king, is a thing.<<)

Was also sind die drei Dinge des Dings?

      1. Zuerst die Trauer. Nur von ihr werden wir sprechen. Sie besteht immer in dem Versuch, Überreste zu ontologisieren, sie gegenwärtig zu machen, vor allem darin, die sterbliche Hülle zu identifizieren und die Toten zu lokalisieren (jede Ontologisierung, jede Semantisierung – ob philosophisch, hermeneutisch oder psychoanalytisch – findet sich in dieser Trauerarbeit erfaßt, aber als solche denkt sie diese noch nicht; in diesem Diesseits stellen wir die Frage nach dem Gespenst, die Frage an das Gespenst, ob es sich um Hamlet handelt oder um Marx). Man muß wissen.

        Man muß es wissen. Wissen aber heißt wissen, wer und wo, wissen, von wem das eigentlich der Körper ist und wo er seinen Platz hat – denn er muß an seinem Platz bleiben. An einem sicheren Ort. Hamlet fragt nicht nur, wem dieser Schädel gehörte (>>Whose was it?<< Valéry zitiert diese Frage). Er verlangt zu wissen, wem dieses Grab gehört (>>Whose grave’s this, sir?<<). Nichts wäre schlimmer für die Trauerarbeit als die Verwirrung oder der Zweifel: Man muß wissen, wer wo begraben ist – und man muß wissen oder sich versichern, daß der Begrabene in dem, was von ihm übrig ist, auch wirklich ruht. Daß er dort bleibe und sich nicht mehr rühre!]

      2. Dann kann man von Generationen von Schädeln oder von Geistern (Kant zeugte Hegel, dieser zeugte Marx) nur unter der Bedingung der Sprache sprechen – und der Stimme, jedenfalls nur unter Bedingung dessen, was den Namen markiert oder seine Stelle vertritt (>>Hamlet: That Scull had a tongue in it, and could sing once.<<).

      3. Und schließlich (Marx zeugte Valéry…) arbeitet das Ding, ob es verwandelt oder sich verwandelt, ob es setzt oder sich zersetzt: Der Geist, der >>Geist des Geistes<< ist Arbeit. Was ist ihr Begriff, wenn sie den Geist des Geistes voraussetzt? Valéry unterstreicht: >> Ich verstehe hier unter >Geist< eine gewisse Verwandlungskraft […] der Geist […] arbeitet.““ (Derrida, Marx’ Gespenster, S.23/24)

Wiederum etwas verschoben dazu schreibt der Sci-Fi-Autor William Gibson in seiner Essay-Sammlung ‘Misstrauen sie dem unverwechselbaren Geschmack – Gedanken über die Zukunft als Gegenwart’: „Die Zeit verläuft in eine Richtung, die Erinnerung in eine andere. Wir sind eine merkwürdige Spezies, die Artefakte schafft, um den natürlichen Fluss des Vergessens entgegenzuwirken. […]

Der Bison wird uns [dagegen] erhalten bleiben, auf welchem Untergrund wir ihn auch betrachten. Ein fundamentaler Impuls (als Kind verspürten wir ihn bei einer selbstgemalten Zeichnung) hat ihn aus dem urzeitlichen Dunkel herausgetragen und ihn jenem Ding einverleibt, an dem wir schon so lange bauen, diesem riesigen fantastischen Mechanismus, in dessen Spalten sich Erinnerungen ablagern, dieser globalen Gedächtnisprothese, mit deren Bau wir bereits beschäftigt waren, noch bevor wir die nötigen Kenntnisse dazu besaßen. […] Schalten wir in einem Hotelzimmer in New York das Radio ein und hören Elvis >>Heartbreak Hotel<< singen, machen wir uns nur selten bewusst, was für eine seltsame Situation das ist: Wir hören einen Toten singen.

[Einspielung: Michael Jackson „They Don’t Really Care About Us“]

In der Geschichte unserer Spezies ist das eine relativ neue Entwicklung. Dennoch handelt es sich möglicherweise um einen entscheidenden Wendepunkt. Dieses ständige Schwanken zwischen der Vorstellung, dass es doch eigentlich nichts Neues unter der Sonne gibt, und der Wahrnehmung eines radikalen absoluten Bruchs [Anm., engl.: disjunction, Begriff bei Derrida] ist vermutlich das zentrale Spannungselement in meinen Werken.)

Unser >>Jetzt<< ist heute zugleich gnadenlos kurz und so ausgedehnt wie nie zuvor. Die Halbwertzeit der Medienprodukte wird immer kürzer, alles folgt einer seltsamen Quantenlogik; die Warholschen fünfzehn Minuten reduzieren sich auf das Aufblinken eines Quarks. Geht etwas in das Pantheon des kulturellen Kanons ein, kann es unter Umständen aber auch sehr lange erhalten bleiben.

[Einspielung: Sun Ra „His-Story“]

Dieses Fortbestehen zu ermöglichen, ist im Großen und Ganzen der Zweck des Rückspulknopfes. Und eigentlich wünschen wir uns bis zu einem gewissen Grad alle Teil dieses Pantheons zu werden. Während unsere Fähigkeit zu Erinnerung (und damit der Rekommodifizierung) stetig wächst erscheint die Geschichte selbst mehr und mehr als Konstrukt, das ständigen Änderungen unterworfen ist. Als Spezies versuchen wir, durch die Schaffung und Erhaltung externer Gedächtnismaschinen den Fluss der Zeit einzudämmen. [Was wird mit uns passieren, wenn all diese Maschinen irgendwann miteinander verschmelzen – wie es sich jetzt schon abzuzeichnen beginn? Der Endpunkt der menschlichen Kultur ist womöglich ein einzelner Moment, der ewig währt, ein endloses digitales Jetzt. Aber vielleicht wird es am Ende all unserer Anfänge doch gar nichts wirklich Neues geben, und der Bison ist schon da und wartet auf uns.]“ (W. Gibson, Misstrauen sie dem unverwechselbaren Geschmack, S.55-57)

[Shackleton – Undeadman]

Wie vielleicht schon offensichtlich, soll es im Folgenden zunächst um Zeit, oder vielmehr Konzepte & Vorstellungen – Bewusstsein – von Zeit, bzw. Zeitlichkeiten gehen.

Ich versuche an dieser Stelle einen historischen Kurzabriss über Vorstellungen vom Sakralen (Göttlichen), Zeit und dem Mensch-Natur-Verhältnis zu geben.

Im antiken Griechenland unterliegen alle und alles, selbst die Götter, der Zeit – erinnert sei an den Titan Chronos. Die Vorstellung von Zeit ist recht reduziert, scheinbar rudimentär: Zeit verschlingt (, vergeht) und verläuft Kreisförmig. Es gibt bereits viele Versuche Zeit zu messen, jedoch ist es bisher nur begrenzt möglich von Zeit als gesellschaftlich-geteilter Zeit zu sprechen. Noch sind die Menschen Spielball der Götterlaunen und können lediglich durch Rituale oder Gaben versuchen diese zu beeinflussen, bzw. Milde zu stimmen. Die Götter selbst, sind Symbole von Dingen, Eigenschaften, vermuteten Elementen, im allgemeinen der Natur und der Versuch das bisher nicht Verstandene zu verstehen – der Mythos. So zeigt sich Beherrschung der Natur noch primär in Mimesis, Beobachtung und Nachahmung. Die monotheistischen Religionen treten an, dies zu ändern. Die Menschen lassen sich durch Gott ins Zentrum der Welt setzen, ihre Welt, ihr Gott. Zeit unterliegt nun unterschiedlichen parallelen Vorstellungen von Zeitlichkeit: Göttliche Zeit (Ewig & Unendlich, zirkulär), Irdische Zeit (Vergänglich & Endlich, linear). Gott kreiert Himmel & Erde, Licht, Wasser, Land, Stern(-zeichen), mit ihnen die Zeit, Meerestiere & Vögel, Landtiere, den Menschen und ruhte.

[Der Erste Tag:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.

Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war; Gott schied das Licht von der Finsternis, und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: der erste Tag.

Der Zweite Tag:

Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser. Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes. So geschah es, und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: der zweite Tag.

Der Dritte Tag:

Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde. So geschah es. Das Trockene nannte Gott Land, und das angesammelte Wasser nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war. Dann sprach Gott: Das Land lasse junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, und von Bäumen, die auf der Erde Früchte bringen mit ihren Samen darin. So geschah es. Das Land brachte junges Grün hervor, alle Arten von Bäumen, die Früchte bringen mit ihrem Samen darin. Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: der dritte Tag.

Der Vierte Tag:

Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen; sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten. So geschah es. Gott machte die beiden großen Lichter, das größere, das über den Tag herrscht, das kleinere, das über die Nacht herrscht, auch die Sterne. Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: der vierte Tag.

Der Fünfte Tag:

Dann sprach Gott: Das Wasser wimmle von lebendigen Wesen, und Vögel sollen über dem Land am Himmelsgewölbe dahinfliegen. Gott schuf alle Arten von großen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, und alle Arten von gefiederten Vögeln. Gott sah, dass es gut war. Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar, und vermehret euch, und bevölkert das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich auf dem Land vermehren. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: der fünfte Tag.

Der Sechste Tag:

Dann sprach Gott: Das Land bringe alle Arten von lebendigen Wesen hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Tieren des Feldes. So geschah es. Gott machte alle Arten von Tieren des Feldes, alle Arten von Vieh und alle Arten von Kriechtieren auf dem Erdboden. Gott sah, dass es gut war. Dann sprach Gott: Lasst uns den Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, und vermehret euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es. Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag.

Der Siebte Tag:

So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge. Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag; nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.]

Zeichen ersetzen die Symbole und das Leben, vormals den Götterlaunen ausgesetzt, nun vollends dem einen Gott unterworfen. Die Kirchturmuhr/-glocken signalisiert zentrale Zeitabschnitte und Ereignisse – Messen, Gebete, Tode, Geburten/Taufen, Hochzeiten, Ernennung eines Herrschers. Die Menschen versuchen ‘Gottgerecht’ zu leben, unterwerfen sich ‘seinem’ Gesetz (hierin drückt sich möglicherweise bereits eine Vorwegnahme, dessen was wir später als Disziplinar- & Kontrollgesellschaften kennen lernen sollen, als auch eine Vorwegnahme der Logik von Königsherrschaft und/oder Staatlichkeit, aus). Das Leben wird zu einem Leben für das Leben nach dem Tod. Gleichzeitig ist die Erde nun dem Menschen gegeben, so wie alles auf ihr, und so rückt der Mensch aus die Natur zu beherrschen. Mit dieser Aufgabe betraut schreitet der Mensch voran, die Zukunft erobernd. Das teleologische Verständnis von Welt [Teleologie (altgriechisch τέλος télos „Zweck, Ziel, Ende“ und λόγος lógos „Lehre“) ist die Lehre, dass Handlungen oder überhaupt Entwicklungsprozesse an Zwecken orientiert sind und durchgängig zweckmäßig ablaufen.] setzt sich mit der Vorstellung von Gott durch, verwirklicht sich scheinbar in der bürgerlich-kapitalistisch-aufgeklärten Gesellschaft, als (individuelles) zweckmäßiges Handeln. Vergangenheit wird von der Erzählung zur Geschichtsschreibung; Zukunft von etwas Unbekannten, einem undurchdringlichen Nebel, zu etwas beeinflussbaren. Der Zweck, bzw. vielmehr die Zwecksetzung, erlaubt Zugriff auf das Zukünftige – oder Kommende –; ebenso wie es die Interpretation des Vergangenen zu einer wichtigen Komponente zur Bestimmung des Gegenwärtigen macht. Auf diese Idee von Teleologie sollten verschiedenste Theoretiker, z.B. Aristoteles, Kant, Hegel, Marx, Benjamin, Adorno, zurückgreifen. Unter ihnen behaupten Kant, Hegel und Marx ein Ende der Geschichte – wenn auch jeweils unterschiedlich. Marx kündigt dieses Ende der, bzw. den Eintritt in die, Geschichte mit der Formel ‘Es geht ein Gespenst um in Europa’ an. Dazu soll es erneut ein kleines Beispiel geben: „Arbeit – Weberlied“

Das Stück, zwar aus einer späteren Zeit, verweist jedoch eindrücklich auf das Marx’sche (kommunistische) Gespenst, das durch Europa wandelt. Die Zeile „wir weben“ ist formuliert als ein in die Gegenwart gesetzter Prozess eines zukünftigen/kommenden Ereignisses. Dieses Kommende ist der (dreifache) Fluch der über Deutschland einbreche(n soll): König, Nation, Gott.

Also den ‘klassischen’ Grundpfeilern kommunistischer & anarchistischer Gesellschaftskritik.

Damit weist es verblüffende Ähnlichkeiten zum Marx’schen „Es geht ein Gespenst um in Europa“ auf: Es sind beides Ankündigungen, die etwas beschwören, dass (noch) nicht anwesend ist. Ganz aktuell findet sich das bei Tiqqun wieder, die vom „kommenden Aufstand“ sprechen. Dieses „kommende“ ist genau dieser Theorie entlehnt, das man etwas ankündigt und dadurch, dass es angekündigt wird es selber sich erfüllen wird2.

Daran anküpfend:
Zeit wird entscheidendes Maß in der Produktion [hierzu vgl. Marx3], mit fortschreitender Naturbeherrschung werden exaktere – immer kürzere und gleichmäßigere – Zeitmessungen notwendig, als auch möglich. [vgl. Negt/Kluge, Marcuse]4 Die Kolonialisierung der Welt durch Europa im Besonderen, und mit ihr die Ausdehnung ihrer/unserer Weltvorstellungen und der Herstellung einer globalisierten (Markt-)Welt sorgt für die Einführung der Zeitzonen (vorher Ortszeiten [maßgeblich vorangetrieben durch die Telegrafie5 (19.Jhd.)]). Taktungen, Rhythmisierungen und Synchronisierungen von Bewegungen, Arbeitsabläufen, Tageseinteilungen durchdringen zunehmend das gesellschaftliche Leben, sind nicht länger lediglich vereinzelte Momente – grobe Orientierungen – und doch längst noch nicht so vollkommen, wie wir es aus unseren kybernetischen Gesellschaften kennen. Die Linearität von Zeit etabliert sich als einziges Konzept (in den Wissenschaften und der Produktion).

Dazu noch ein Zitat Bataille’s: „Als Kind liebte ich die Sonne. Ich schloss die Augen und durch die Wimpern hindurch schien sie rot. Die Sonne war entsetzlich, sie ließ an eine Explosion denken. Gab es etwas etwas der Sonne ähnlicheres als Blut, das sich auf die Straßenpflaster ergießt, als ob das Licht explodierte und tötete.“

Gott ist Todt! Oder genauer: „Wohin ist Gott? Rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dieses gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“, schreibt Nietzsche.

Dazu ist anzumerken, das Bataille mit der Gruppe Acéphale6 – was so viel wie Kopflos heißt – an einer Wiedergutmachung an Nietzsche arbeitete. Diese Kopflosigkeit bedeutet: ohne Gott, ohne König, ohne Souverän, ohne Staat. In welcher Form sich dieser konkret auskristallisiere, sei relativ einerlei ‚Gott‘ – das allgemeine Prinzip das da dahinter stehe -, das sich eben in dem Souverän als Machtform wiederspiegelt. „Man kann hinzufügen, schreibt Bataille 1930, das die Sonne mythologisch auch durch einen Menschen dargestellt wurde, der sich selbst die Kehle durchtrenne, und schließlich durch ein anthropomorphes Wesen, das des Kopfes beraubt ist. Alles führt zu der Aussage, dass sich das Summum der Erhebung praktisch mit einem Sturz von unerhörter Gewalt vermischt.“7 Bei Bataille in „La Conjuration Sacrée [das heilige Opfer]“ heißt es „der Mensch ist seinem Kopf entflohen, wie der Verurteilte dem Gefängnis. Aber schon bei Aragon hatte sich der Mann, kopflos geworden, im Labyrinth der Sinne verirrt, war ins Unbewusste hinabgestiegen, ganz so wie man eine Unterwelt fahrt antritt. Er hat sich in die Nacht der Vernunft gewagt, und ist, nicht ohne Leiden und Klagen, penibel ihren Mäandern gefolgt.“8

[Bild von Acéphale]


Das Bild, ist das Erkennungszeichen, der ‘Sekte’ Acéphale eine Versammlung unterschiedlicher Künstler, Soziologen, Philosophen & Ethnologen. Die bekanntesten Vertreter dürften wohl Walter Benjamin & Marcel Duchamp sein, der Gründer, George Bataille, dürfte einem, wenn überhaupt, wahrscheinlich primär als Leiter der französischen Nationalbibliothek bekannt sein. Mit dem Acéphale Mythos wird auf den Todt Gottes aufmerksam gemacht und die Abwesenheit Gottes, bzw. der Religion, selber soll zum zentralen Motiv des Acéphale Mythos werden um so die entstandene Leere zu füllen. Weil ein Zweck, der auf einer letzten Idee fußt, der einem selbst äußerlich ist, das Grundprinzip ausmacht auf dem
der Souverän fußt. In Anschluss an Marx und Nietzsche spricht er dagegen von einer entfesselten Zeit und diese entfesselte Zeit wäre mit Marx, die der permanenten Revolution. Im 20. Jahrhundert kommen wir dann langsam zum Komplex der Kulturindustriethese, jedoch von einem etwas anderen Blickwinkel aus. Mimesis & Produktion verlieren die entscheidende Stellung im Produktionsprozess, und werden zunehmend ‘ersetzt’9 durch Techniken der Reproduktion und des Kopierens. So ‘ersetzt’10 der Fotoapparat – scheinbar – das gemalte Bild und die Zeichnung; die empirische Aufnahme der Realität, als scheinbar objektive, faktische Nachbildungen, ersetzt die interpretative Entsprechung. Was der Druck bereits für die Schrift versprach: unendliche Vervielfältigung sollte nun im rasanten Tempo für alle Bereiche der Produktion nachgeholt werden. Die Massenproduktion & auch die Masse erscheinen erst im 20. Jhd. als realisierbar und tauchen folgend als entscheidende Kategorien auf, bisher hatte die sog. ‚Masse‘ keine gesellschaftliche Relevanz. Mit Ford wird die Massenproduktion zum wichtigen Leitsatz unserer Gesellschaft, da Konsumgesellschaften darauf angewiesen sind, das jedes Produkt in einer Menge/Quantität vorhanden sei, sodaß die Masse damit gestillt werden könne11. Die fotorealistische Nachbildung ist für uns an dieser Stelle von besonderem Interesse, denn auch in der „Gesellschaft des Spektakels“, geht es um die Fotoähnlichkeit: „Was erscheint ist gut, was gut ist erscheint.“12 Dieser scheinbar tautologische Widerspruch, der erstmal aus einem anderen Kontext bei der SI erscheint, trifft auf fundamentale Art & Weise das Fotografiebild und damit das Bild der gegenwärtigen Darstellung von Realität das durch mediale Repräsentanz überhaupt erst erzeugt wird und zu großen Teilen eben nicht unseren Erfahrungen entspricht, sondern vermitteltes ist, das als unmittelbares erscheint. „Neu aber ist, daß die unversöhnlichen Elemente der Kultur, Kunst und Zerstreuung durch ihre Unterstellung unter den Zweck auf eine einzige falsche Formel gebracht werden: die Totalität der Kulturindustrie.

Sie besteht in Wiederholung.

[Daß ihre charakteristischen Neuerungen durchwegs bloß in Verbesserungen [anm. Optimierungen]] der Massenreproduktion bestehen, ist dem System nicht äußerlich. Mit Grund heftet sich das Interesse ungezählter Konsumenten an die Technik, nicht an die starr repetierten, ausgehöhlten und halb schon preisgegebenen Inhalte. Die gesellschaftliche Macht, welche die Zuschauer anbeten, bezeugt sich wirksamer in der von Technik erzwungenen Allgegenwart des Stereotypen als in den abgestandenen Ideologien, für welche die ephemeren Inhalte einstecken müssen.“13 (DdA, S.162)

Daran anschließend: „Das Wort, das nicht Mittel ist, erscheint als Sinnlos, das andere als Fiktion, als unwahr. Werturteile werden entweder als Reklame oder als Geschwätz vernommen. Die dadurch zur vagen Unverbindlichkeit getriebene Ideologie wird doch nicht durchsichtiger und auch nicht schwächer. Ihre Vagheit gerade, die fast scientivische Abneigung, sich auf irgendetwas fest zu legen, das sich nicht verifizieren läßt, fungiert als Instrument der Beherrschung. Sie wird zur nachdrücklichen und planvollen Verkündigung dessen, was ist. Kulturindustrie hat die Tendenz, sich zum Inbegriff von Protokollsätzen [vgl. hierzu Kybernetik & xy-Informatik] zu machen und eben dadurch zum unwiderlegbaren Propheten des Bestehenden. Zwischen den Klippen der nennbaren Fehlinformation und der offenbaren Wahrheit windet sie sich meisterlich hindurch, indem sie getreu die Erscheinung wiederholt, durch deren Dichte die Einsicht versperrt und die bruchlos allgegenwärtige Erscheinung als Ideal installiert. Die Ideologie wird gespalten in die Photographie des sturen Daseins und die nackte Lüge von seinem Sinn, die nicht ausgesprochen, sondern suggeriert und eingehämmert wird. Zur Demonstration seiner Göttlichkeit wird das Wirkliche immer bloß zynisch wiederholt. […]“14 Genau dieses Wiederholungsprinzip wird zum entscheidenden Faktor der kulturindustriellen Gesellschaft.


An dieser Stelle muss vorangestellt werden, dass die technische Entwicklung um eine Digitalisierung & Vernetzung erweitert wird; die Ausgestaltung dieser Prozesse, kann hier nur Angerissen werden: Digitalisierung & Vernetzung15 meint nicht nur Computerisierung, sondern zu großen Teilen auch andere & kleinere Geräte, wie das iPod, iPhone, die eine permanente Verfügbarkeit der Aufnahme – in Fotografie, Video (Bild) & Text, Ton – möglich machen, genauso wie um Kameraüberwachung oder auch ganz kleine – nano – Chips, die zukünftig in jedes Produkt im Supermarkt reinkommen sollen, damit man sie orten & ordnen kann, sodass der Raum nicht mehr mit dem Produkt verlassen werden kann, ohne dass dies registriert wird.
Gemeint sind ebenso im Hintergrund (als sog. ‚demons‘) laufende Prozesse, alghorythmische Verarbeitung von Daten oder die Anbindung an Interfaces, die den Zugriff auf die auf einer tieferenen Ebene stattfindenden Prozesse ermöglichen sollen und zugleich in ihrem Aufbau in den meisten Fällen einer Mystifikation des Vorgangs gleichkommen [Phänomen: ‚Blackbox‘]. D.h. All jene Prozesse, die in irgendeiner Form Information weiterleiten und somit Raum-Zeit überbrücken. Der Begriff Kybernetik, ist entlehnt aus der Schiffahrt und bezieht sich dort auf Kontrolle, meint in diesem Kontext die maschinelle Kontrolle von Gesellschaft(en). Sie führt uns zu einem gewaltigen Problem, das in der Kulturindustrie, wie in der Forschung, zu verorten ist. Die Zukunft wird, wie schon beschrieben, nur noch mit faktisch & empirisch beweisbaren Kritiken zugemauert – Wahrscheinlichkeits- & Risikokalkulationen bestimmen bereits im Vorfeld den Handslungshorizont. Während alles Andere, welches nicht als faktisch beweisbares präsent ist, als genau jenes diffarmiert wird, da es nicht als fotografisches erscheinen, bzw. repräsentiert werden, kann. Die Unfähigkeit, das eine Geschichte, die eine Geschichte, damit lediglich die Erzählung, und nicht das fotogetreue Abbild dessen ist, als solche zu erkennen, verliert ihre Kraft als solche, in einer Gesellschaft die lediglich das faktische Anerkennt.

Für die Zukunft bedeutet das vor allem eins: Das Ende der Geschichte, dass spätestens mit dem Ende der Sowjet Union, von Fukuyama und anderen Menschen behauptet werden kann, ist vor allem ein Ende der Geschichte, das dadurch hervortritt, das nichts anderes mehr vorstellbar ist als ein gegenwärtiger Zustand, den wir haben, auf den alles weitere in der Welt nur zusteuern würde, ihm sich vergleichbar annähert; die Alternativlosigkeit. Ergänzt um Berechnungen, die sich aus der Science-Fiction speißen, und im Endeffekt unter dem spannenden Label „Futurologie“ an Instituten in der ganzen Welt gelehrt werden, zeichnet sich der Forschungsweg ab: Geforscht wird an einem Prozess, zu versuchen die Zukunft vorher zu sagen. Demnach den letzten Punkt der Science-Fiction, nämlich die Vorhersage des Zukünftigen, absolut real werden zu lassen. Diese Vorhersage fußt allerdings auf der Annahme, dass sich alles Wissen, was zu diesem Zeitpunkt also bis zum gegenwärtigen Moment jemals angesammelt wurde, sammeln ließe, und diese Zusammen in eine Rechnung einfügen könnte mit der sich der nächste Quantenmoment berechnet werden könne. Das heißt der Zeitmoment den ich vorhersagen kann ist sehr gering, da er sich immer nur auf die nächst mögliche, kleinste Einheit bezieht, selbst wenn ich alle Fakten die es bisher gäbe zusammen gerechnet hätte. Dieser Versuch der Berechnung wird trotz allem Vollzogen und vollzieht sich in einem doppelten Sinne. Darüber, dass die Kulturindustrie im Endeffekt, genauso wie der Rest der (technologischen) Innovation nicht eine Beschleunigung der Gesellschaft bedeutet, sondern primär eine Verkürzung der Produktionszeiten & Produktionszyklen. Was heißt: Wenn ein neues iPhone auf den Markt kommt, hat es im Normalfall keine wirklich praktischen, neuen Neuerungen, sondern die Zeit, die man ansonsten gewartet hätte um ein neues iPhone zu entwickeln, wird stattdessen reduziert und man bringt in dem selben Zeitraum drei iPhones auf den Markt, die logischerweise jedes mal nur wenig sinnvolle Neuerungen haben. Bei der aktuellen Version ist es übrigens lediglich eine gesteigerte Drucksensibilität des Touchdisplays, die als einzige Neuerung hinzukommt: Demnach könnte ich wohl genauer meine Drummachine-App steuern, oder für das selbe Geld gleich eine funktionierende Drummachine kaufen.

Da diese Zukunft immer ungemütlicher wird und als einzig denkbares der kapitalistische Jetzt-Zustand bleibt, schlägt sich das in gewaltigen Retrophänomenen nieder. Nämlich das Vergangene, meiner eigenen Kindheit, das jeweils Vergangene, vor meinem Leben, die `68er, die `20er, die `80er, die `90er Jahre, wie auch immer; können zum jeweils geträumten idealen Ort werden oder Zeitpunkt, an dem ich mich einrichten kann. Völlig ahistorisch wird sich auf den Moment gestürzt, ein Moment der in Ewigkeit verlängert wird; eine Tat die mit dem eigenen Tod und der eigenen Vergänglichkeit nicht zurecht kommt. Während der Abschluss mit dem Moment und der Anerkennung dessen, dass ich ihn vergessen könnte, darauf verweist, das alles eben nur ein Teil dessen ist, was real ist und im Verlauf des Lebens eben auf den Tod zusteuert, würde ich vorschlagen damit anders um zu gehen.16 Stattdessen laufen wir darauf hinaus, dass das Leben ins endlose verlängert wird. Durch medizinische und computergesteuerte Eingriffe in unser Alltagsleben verlängerte sich so, die durchschnittliche Lebensdauer eines Menschen seit dem Mittelalter bereits um 40Jahre. (Was sich selbstverständlich auch in Veränderungen in den Abständen zwischen Generationen o.ä. niederschlägt.)

Diese Vergangenheit, an der ich festhalte, wird virtualisiert, gespeichert und aufgenommen und erneut simuliert. Für die Gegenwart bedeutet das einen permanenten Loop: Gefangen sein in der Romantik. Ein permanenter Wiedergänger von etwas, dass ich bereits gesehen habe oder meine bereits gesehen zu haben.

[Ghost in the Shell – Ausschnitt]

Im Endeffekt kommt in diesem Ausschnitt fast alles dessen, worauf ich hinaus wollte zusammen. Bereits die Kulturindustriethese verweist darauf, dass im Prinzip, dieses 20. Jahrhundert und das was sie als Kulturindustrie beschreiben nichts anderes ist als eine Verlängerung oder Wiederkehr dessen, was wir das romantische Zeitalter nennen. Insofern ist die Anspielung mit dem Film gut geeignet, als Diskussion darüber, ob das verhangen sein, also das immer wieder in den Träumen bleiben, die man selber im Film wiederholt anschauen kann, nicht ein romantisches ist, wenn man keine Realität mehr hat, zu der man zurückkehren kann. Zugleich – und ich glaube das ist immer einleuchtender geworden mit der Permanenz von ‚Krisen‘, die quasi Allgegenwärtig in jedem Bereich prognostiziert und behauptet werden, die jeden Bereich erfasst haben, die unsere Psyche erfassen, von der in der Wirtschaft gesprochen wird – im Endeffekt nichts anderes bedeuten, außer ‚die Gegenwart in der wir Leben ist ungemütlich und wird vermutlich ungemütlich bleiben.‘ Und genau das, ist das worauf diese Aussagen, das Reden von „Krisen“ hinaus sollen.

Das kulturindustrielle Spektakel performt sich als Alternativlos, als kulturindustrielle Reklame für die Gegenwart und als spektakuläre Reklame für die Kulturindustrie mündet sie in der Formel: „Was erscheint ist gut, was gut ist erscheint.“17

[V_vm – Forever Young]

Die Zukunft erscheint alternativlos zur Gegenwart; das worin wir uns flüchten können, sind die Träume, ist das Vergangene, sind die Sachen & Menschen an die wir hängen.

Dazu bleibt, vorläufig, noch ein allerletztes Zitat:

Ausgehend von Heglundts Unterscheidung zwischen Nicht-Mehr und Noch-Nicht lassen sich somit vorläufig zwei Richtungen von Hauntology isolieren. Die erste bezieht sich auf ein aktuales Nicht-Mehr, das jedoch als Virtualität bleibt, im traumatischen Wiederholungszwang, als fatales Muster. Diese zweite Richtung bezieht sich auf das in seiner Aktualität noch-nicht geschehene, das virtuell, das immer schon wirksam ist, ein Attractor oder eine Antizipation die gegenwärtige Verhaltensweisen formt. Das von Marx und Engels in den ersten Zeilen des Manifests beschworene Gespenst des Kommunismus ist genau solch ein Spuk. Eine Virtualität die durch ihr angedrohtes kommen, bereits dazu beiträgt den gegenwärtigen Zustand zu untergraben.“

[Buffy – Once more with feeling – Last Song (Coda): „where do we go from here“]

Weiterer Content:

Bill B. Wintermute

Acéphale

 

1„Get Rid Of Yourself“ (Movie)

2Vgl. dazu das Phänomen der „Self-Fulfilling-Prophecy“ und des „Stand Alone Complex“’s.

3Oder auch: Je höher die Produktivität der menschlichen Arbeit, umso kürzer die Zeit in der sie ein gegebenes Quantum Produktionsmittel in fertige Produkte verwandelt. Das ist ein allgemeines Gesetz der menschlichen Arbeit, das ebenso gut unter allen vorkapitalistischen Produktionsformen Geltung hatte, wie es in der Zukunft in der sozialistischen Gesellschaftsordnung gelten wird. Ausgedrückt in der sachlichen Gebrauchsgestalt des gesellschaftlichen Gesamtprodukts, muß sich dieses Gesetz äußern in einer immer größeren Verwendung der gesellschaftlichen Arbeitszeit auf Herstellung von Produktionsmitteln im Vergleich zu Herstellung von Konsummitteln.“ (Rosa Luxemburg, nach: Dietmar Dath, Maschienenwinter, S. 94)

4An dieser Stelle muss es vorerst leider beim Verweis bleiben.

5Mit der Telegrafie waren erstmalig naturwissenschaftlich-sinnvolle Zeitmessungen möglich und notwendig, weil sich mit ihr Daten und Informationen über längere Distanzen, ohne größere Zeitverzögerungen (Ungleichzeitigkeiten), übertragen ließen.

6Historische Gruppe „Acéphale“
‘institut de déstabilisation’s Acéphale’

7Rita Bischoff, S.53

8 Rita Bischoff, S.54

9 „Nicht das Abschaffen ist die Funktion der neuen Technik, sondern das Einrahmen, Instrumentalisieren, Ihre- Funktionen-schärfer-Abgrenzen.“ (Dietmar Dath, Wintermärchen, S.96)

10 „Nicht das Abschaffen ist die Funktion der neuen Technik, sondern das Einrahmen, Instrumentalisieren, Ihre- Funktionen-schärfer-Abgrenzen.“ (Dietmar Dath, Wintermärchen, S.96)

11 vgl. Entstehung der Mittelschicht oder der Massenuniversität

12 Debord „Gesellschaft des Spektakels“

13 „DdA“, S.162

14„DdA“, S. 176 ff.

15Digitalisierung & Vernetzung verweisen gleichzeitig auf eine Transformation des Sozialen, erweisen sich als nützliche Begriffe um ‘neue’ soziale Praktiken zu beschreiben.

16Vgl. Marcuse „Eros & Thanatos“ in „Triebstuktur & Gesellschaft“

17G. Debord

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