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Howard Rouse / Sonia Arribas: Egocracy. Marx, Freud und Lacan

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26 Aug , 2018  

Einleitung
1. Teil: Marx (1.1 – 1.3)

2. Teil: Freud (2.1) und Lacan (2.2)

Einleitung

Die Autoren gehen in der Einleitung davon aus, daß Marx, Freud und Lacan einen, wie sie es nennen, “extimen Kern” haben (ein Neologismus von Lacan).

Im 1. Kapitel geht es um Marx. Dort gehen sie aus von der Problematik der Spaltung, Teilung und Verdopplung des Subjekts zwischen und durch zwei gegensätzliche Register: das Imaginäre und das Reale – eine Problematik, die dem Denken von Marx innewohnt, was aber richtig sichtbar erst seit Freud und Lacan ist, seit dem Riß im Subjekt. Diese Spaltung, Teilung und Verdopplung könne man sich nur dann richtig vorstellen, wenn man sie als Faltung oder Knotung/ Verknüpfung (folding or knotting) versteht. Genau dann nämlich, wenn Marx, Freud und Lacan eine Trennung (separation) zwischen zwei Termen errichten (dem Imaginären und Realen bei Marx und Freud, und dem Imaginären und Symbolischen bei Lacan), ohne sie auf ein Drittes (a fundamental third) zu beziehen – (seitdem) stoßen sie auf unüberwindbare Hindernisse. Bei Marx ist es zunächst die Logik der Entfremdung: entweder wird der (imaginäre) politische Zustand und das Subjekt, das diesen hervorbringt, als etwas gesehen, was das (reale) ökonomische Fundament der Zivilgesellschaft entfremdet – oder die (imaginäre) Zivilgesellschaft und das Subjekt, das sie produziert, ist etwas, das (das Reale des) menschliche(n) Wesen(s) entfremdet (im berühmten Proletariat). In Marx´ mittlerer Periode bekommen diese Terme eine weitere ziemlich inadäquate Wendung (inflection). Das Subjekt ist gespalten, geteilt und gedoppelt zwischen seinem (imaginären) ideologischen Bewußtsein und seinen (realen) sozialökonomischen Existenzbedingungen, und versucht der Unerbittlichkeit dieses Bruchs zu entkommen; es ist gespalten, geteilt und gedoppelt zwischen den (imaginären) sozialen Verhältnissen der Produktion und den darunter liegenden (realen) immer weiter expandierenden Produktivkräften. Es ist nur der späte Marx (des Kapitals), der mit bezwingender Logik die Teilung des Subjekts zwischen den zwei Registern des Imaginären und des Realen erklären kann. Und er kann es tatsächlich nur dadurch, daß er ein drittes Register einführt, das dazu dient, die beiden anderen zu verbinden. Für den reifen Marx ist Kapitalismus (oder die kapitalistische Prod.weise) nicht mehr als eine soziale oder symbolische Ordnung, die sich dadurch erhält, daß sie im Innern des Subjekts (im proletarischen Subjekt!) ständig eine Teilung herbeiführt zwischen der (tendenziell imaginären) Ware seiner Arbeitskraft und seiner (realen) eigentlichen Arbeit. Kapitalismus ist nichts weiter als eine partikulare subjektive Kombination (imbrication) der drei Register des Symbolischen, des Imaginären und des Realen. (Dann würden auch die Theorien über Entfremdung und Ideologie (mit Basis und Überbau) verschwinden und diese Theorie vom unvermeidlich revolutionären Konflikt zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften. Man muß das alles gründlich durchspülen, um die proletarische Subjektivität und den blinden Fleck seiner Theorie freizulegen. Denn das Konzept dieser zwischen Arbeit und Arbeitskraft geteilten Subjektivität erlaubt es auch, eine Idee zu korrigieren, die man nirgendwo bei Marx findet, aber in Bezug auf ihn (sogar von sog. Marxisten) endlos wiederholt wird: die Idee, daß Waren einzig und ausschließlich Objekte sind. Für den späten Marx ist die Ware in erster Linie ein Subjekt…)

Im 2. Kapitel (1. Teil) wird Freud aus der Perspektive seiner revolutionären Erkenntnis, daß der Kern des Ich unbewußt ist, dekonstruiert. Freuds Metapsychologie würde zunächst auch von einer inadäquaten und dualistischen Topik ausgehen (dem Gegensatz von bewußt und unbewußt), um dann zu einer adäquateren und wesentlich ternären Topik zu kommen (Ich, Über-Ich, Es), wo nicht mehr ein kohärentes Ich einem verdrängten Ubw gegenübersteht, sondern vom unbestreitbar Ubw des Ich ausgegangen wird. Das sei radikaler als man denkt, weil damit sogar die zweite Topik unterminiert wird und der ganze Versuch, das Soziale zu denken, der unmögliche Übergang vom Prä-Sozialen zum Sozialen (und die ebenfalls problematische Idee eines absolut transzendenten “Jenseits” des Lustprinzips). Man könne der Metapsychologie nur entkommen, wenn man Freuds fundamentale Einsicht in das wesentlich Ubw des Ich sozialisiert (dann würden beide Topiken verschwinden und das ganze inadäquate Konzept des Sozialen…)

Schließlich (im 2. Teil vom 2. Kapitel) geht es um die drei Register von Lacan. Sein frühes Werk (letztlich alles was vor dem bahnbrechenden Sem 17 erschien) teilt sich in zwei unterschiedliche, konfligierende und widersprüchliche Stränge: den klassischen (imaginären) des Spiegelstadiums und den strukturalistischen und transzendentalen (symbolischen) seiner symbolischen Ordnung der Sprache. Das Problem mit dieser Konzeption (gut sichtbar an Lacans Unterscheidung zwischen dem (imaginären) Ideal-Ich und dem (symbolischen) Ich-Ideal) ist, daß sie keine wirkliche Wechselwirkung (real interplay) zwischen den beiden Termen erlaubt. Das Spiegelstadium setzt quasi die symbolische Ordnung voraus und letzterer inhäriert nichts, das die Emergenz eines imaginären Ich erklären würde. Dafür müßte die symbolische Ordnung destrukturalisiert und enttranszendentalisiert werden, d.h. positiv gesagt: sozialisiert und historisiert – wofür sie aber mit dem dritten Register des Realen in Verbindung gebracht werden müßte, was aber erst dadurch möglich wird, daß Lacan sich auf Marx bezieht, auf die kapitalistische Produktionsweise – und was er dann (nicht ohne Ambiguitäten) den kapitalistischen Diskurs nennt. Kapitalismus ist eine soziale oder symbolische Ordnung, die das imaginäre Ich produziert, indem er es kontinuierlich mit seinem inhärenten Exzeß kombiniert und rekombiniert, dem Realen seiner Arbeit (the real of its labor or work – das sei die reale soziale und historische Bedeutung von Lacans dritten, und zweifellos wichtigsten theoretischen Register). Das habe einige sehr ernsthafte Konsequenzen. (Was dann z.B. bei Lacan verschwindet, ist nichts weniger als die Theorie vom Spiegelstadium und die Idee, daß das Subjekt bloß das Subjekt des Signifikanten ist, also die Theorie der symbolischen Ordnung und des äußerlich begrenzenden und transzendenten Realen. Das Subjekt der Psa bzw. des Ubw ist nichts anderes als das Subjekt des Kapitalismus. Und was das Subjekt der Wissenschaft betrifft – die Wissenschaft erhält ihre Bestimmung aus dem Innern des kapitalistischen Bezugsystems.)

1.Teil: Marx (1.1.-1.3) (S.33-119)

Einleitend die Übersetzung der Zusammenfassung der Aussagen zum frühen und mittleren Marx von Rouse/Arribas (S.83 – 86)

Wir haben gesehen, dass im Werk des frühen und mittleren Marx eine unüberbrückbare Trennung zwischen den entgegengesetzten und sich gegenüberstehenden Sphären des Imaginären und des Realen errichtet wird. Gemäß dieser den frühen Marx zentral charakterisierenden Begriffs- Verschiebung wird entweder der politische Staat als die imaginäre Entfremdung des ökonomischen Realen der bürgerlichen Gesellschaft konzipiert, oder diese bürgerliche Gesellschaft selbst als die imaginäre Entfremdung einer angenommenen realen und wesentlich humanen Gesellschaftlichkeit konstruiert. Im ersten Fall bleibt genau die Verbindung zwischen dem Realen und dem Imaginären, die Marx manchmal einzurichten wünscht, tatsächlich undenkbar. Im zweiten Fall ist Marx gezwungen bei einer schlichten humanistischen Sprache, die seiner gesamten richtig verstandenen späteren Entwicklung absolut widerspricht, Zuflucht zu suchen.

In der mittleren Periode von Marx nimmt diese Verschiebung eine andere Form an, indem sie um zwei zentrale Gegensätze herum organisiert ist, die selbst abgeleitet sind von einer gewissen Konzeption des historisch unumgänglichen oder wirklich geschichtskonstituierenden Zusammenspiels zwischen diesen drei Termen. Die Terme – der Wichtigkeit nach in aufsteigender Ordnung, so wie sie für Marx ihre Wechselbeziehung bestimmen – sind ideologisches Bewusstsein (oder ideologischer Überbau), Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte. Nach dem ersten Gegensatz zwischen Produktionsverhältnissen und ideologischem oder überbauartigem Bewusstsein gibt es eine grundsätzliche Diskrepanz zwischen den realen ökonomischen Bedingungen der Individuen und ihrer imaginären (Fehl)Interpretation. Gemäß dem zweiten Gegensatz gibt es einen Konflikt oder einen Widerspruch zwischen den bestehenden Produktionsverhältnissen und den realen zugrundeliegenden Produktivkräften, die durch erstere offensichtlich imaginär gefesselt und eingeschränkt werden. Das Problem im ersten Fall besteht darin, dass wenn wir die Unterscheidung von Bewusstsein und Wirklichkeit akzeptieren, die tatsächlich den gesamten Gegensatz strukturiert, es unmöglich wird zu begreifen, wie das erstere das letztere imaginär oder ideologisch repräsentiert oder, noch schlimmer: fehlinterpretiert. Wenn Bewusstsein und Realität methodisch und konzeptuell getrennt werden, wird eine unterstellte Verbindung zwischen ihnen für immer der Erhellung widerstehen. Das Problem im zweiten Fall besteht darin, dass genau die zuerst betrachtete (84) Opposition zu einer Sache völliger Gleichgültigkeit wird. Auf ganz gnadenlose Weise unterminiert die reale Ausbreitung der Produktivkräfte sowohl die imaginären Produktionsverhältnisse als auch deren dienliche leichte Schichtung des ideologischen Bewusstseins.

Marx scheitert somit in beiden Perioden daran, auf überzeugende Weise die Teilung, Spaltung oder Verdoppelung des Subjekts zu artikulieren. In den frühen Schriften und auf beiden Seiten der von Marx vorgenommenen Verschiebungen ist das Subjekt gespalten zwischen einem imaginären oder entfremdeten Reich (zuerst der Staat, dann die bürgerliche Gesellschaft) und diesem tieferen Realen, das ersteres angeblich entfremdet (zuerst die bürgerliche Gesellschaft, dann das menschliche oder gesellschaftliche Wesen). Jede Verbindung zwischen den beiden Sphären, die Marx selbstverständlich anzunehmen gezwungen ist, bleibt ganz mysteriös. Im Werk der mittleren Periode erscheint das Subjekt einmal (explizit) als der imaginäre Träger des ideologischen Bewusstseins, absolut getrennt von den realen ökonomischen Bedingungen seiner Existenz, und einmal (implizit) als die reale Instanz der Produktivkräfte, völlig abgetrennt von den imaginären Produktionsverhältnissen, die als erstere fesselnd betrachtet werden. Das ist in den eigenen schwergewichtigen Begriffen von Marx einmal als ein unauflösbar an ideologische Illusionen gebundener Nicht-Proletarier, und einmal als ein tendenziell von allen imaginären Beschränkungen freier Proletarier.

In „Das Kapital“ schafft Marx es, die Teilung des Subjekts zwischen den Registern des Imaginärem und des Realem genau und zwingend zu erhellen. Es gelingt ihm, indem er implizit einen dritten Term einführt – das Soziale/Gesellschaftliche oder Symbolische – was die Artikulation und Kombination der anderen zwei besser zu bestimmen erlaubt. Der späte Marx begreift die kapitalistische Produktionsweise als soziale oder symbolische Ordnung, oder als einen fortlaufenden Ordnungsprozess, der sich selbst konstituiert und fortwährend reproduziert, indem er eine Teilung oder Verknotung des Subjekts über die beiden Sphären des Imaginären und des Realen herbeiführt.

Was (85) bedeutet das? Es bedeutet, dass der Kapitalismus sich selbst konstituiert und reproduziert durch die Teilung und Verknotung des proletarischen Arbeiters zwischen und über den Preis der Ware Arbeitskraft, seines Arbeitsvermögens – dies ist die Quelle der imaginären „Idee“, dass Arbeit einen Wert hat – und der tatsächlichen – oder realen – Arbeit, die er mit der Ausübung seiner Fähigkeiten leistet. Diese Teilung oder Verknotung konstituiert den Kapitalismus als eine Produktionsweise, da sie genau das darstellt, was die Produktion der raison d’etre des Systems, des Mehrwerts erlaubt. Die reale oder tatsächliche Arbeit des proletarischen Arbeiters produziert mehr Wert für den Kapitalisten als er ihm ursprünglich als Preis der Ware Arbeitskraft gekostet hat; es gibt dabei den imaginäre Stachel, dass der Arbeiter auf gewisse Weise gezwungen ist, sich so zu verhalten, als ob er nicht für seine Arbeitskraft sondern für seine Arbeit bezahlt würde.

Kapitalismus ist daher nicht mehr als eine bestimmte Art von Teilung, Verdoppelung oder Verknotung des Subjekts. Es soll im Folgenden eine genaue Darstellung geliefert werden, auf welche Weise Marx zu dieser Konzeption gelangt und wie sie uns erlauben kann, einige der verbleibenden Mehrdeutigkeiten der Thematisierung der Charakteristik des proletarischen Subjekts beim späten Marx zu lösen. Das soll in drei Etappen geschehen. Erstens werden wir anhand eines rekonstruktiven Kommentars der ersten beiden Kapitel von Das Kapital I aufzeigen, wie die gesamte Bedeutsamkeit der Analyse von Marx sich um eine grundsätzliche Asymmetrie von dem dreht, was er den Doppelcharakter der Ware nennt. Wenn diese das Subjekt betrifft, so unsere These, muss die Logik dieser Dualität als etwas ganz anderes verstanden werden als wenn sie lediglich Objekte betrifft. Während Gebrauchswert und Wert bei der Ware des Objekts absolut nichts miteinander zu tun haben, vermischen und vermengen sie sich bei der Ware des Subjekts. … Zweitens werden wir aufzeigen, wie das Verständnis dieser Asymmetrie es uns erlaubt, die ziemlich irreführende Beschreibung der Logik des Waren-Fetischismus durch Marx zu verkomplizieren. Denn eher als ein einfache Verkehrung des Sozialen (86) und des Dinglichen, des Subjektiven und des Objektiven, herzustellen, muss der Fetischismus der Ware – zumindest in seiner bestimmten Erscheinungsform innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise – so konzipiert werden, dass er eine Kreuzung und Kombination dieser zwei Bereiche innerhalb des Subjekts selbst ausführt. Wenn der Fetischismus der Ware sowohl für Objekte als für Subjekte gilt, dann ist seine Funktion im ersten Fall die, das Subjekt als ein geteiltes oder verknotetes Subjekt herzustellen und zu begründen. Drittens werden wir sehen, wie diese Verkomplizierung der Logik des Fetischcharakters der Ware es uns ermöglicht, einige der zahlreichen Ambivalenzen und Widersprüche zu erkennen, die Marx auch noch in seiner späten Konzeption des proletarischen Subjekts plagen. In dem Maße, indem Marx den Fetischcharakter der Ware als eine einfache Verkehrung des Sozialen und des Dinglichen konstruiert, des Subjektiven und des Objektiven, erfährt er einen zeitlichen Rückfall zu einigen seiner inkohärenten Thematisierungen seiner frühen und mittleren Periode, genauer: zu den Themen der Entfremdung und eines einfachen Konflikts zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. In dem Ausmaß, in dem Marx versteht, dass der Fetischcharakter der Ware ein geteiltes und verknotetes Subjekt herstellt und begründet, widersteht er dieser Versuchung und erkennt (zumindest) implizit die nicht notwendigerweise revolutionären Folgen seiner eigenen, und der kapitalistischen Zerlegung/Zergliederung des proletarischen Arbeiters.

Zusammenfassung des Abschnitts 1.3 (86 – 119) zum späten Marx

Wenn die Ware in GW und TW gespalten ist, dann ist das auch die in ihr „enthaltene“ Arbeit. Der Doppelcharakter der Ware beschreibt nicht nur Objekte, sondern auch Subjektefunktioniert aber dabei auf jeweils ganz unterschiedliche Weise. Marx unterscheidet zwei vordergründig ähnliche, aber tatsächlich grundlegend verschiedene Prozesse: einen rein metonymischen Prozess des einfachen Tausches und der Zirkulation von Waren als Objekte, wo es keine Beziehung zwischen GW und TW gibt; und einen gleichzeitig metonymischen und metaphorischen Prozess der Inklusion und gleichzeitigen Exklusion des in und durch die Warenform bestimmten Subjekts, wo GW und Wert eine eigenartige spezifische Interaktion entwickeln. Letzterer ist die Kapitalzirkulation – und nur dieser zweite Prozess kann die Universalität des ersten (Warenzirkulation) begründen.

Die kapitalistische Produktionsweise ist weder nur eine ungeheure Warenansammlung, noch kann die objektive „Unrichtigkeit“ dieser Erscheinung einfach und konzeptuell aufgelöst werden. (88)

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die Ware nicht zwischen GW und TW geteilt ist, sondern auch zwischen GW und Wert, wobei letzterer durch Arbeit (als die Quelle des Werts) entsteht und in der Erscheinungsform des TW repräsentiert wird. Es gibt somit eine Diskrepanz/ Differenz zwischen der Form und dem was formt. Der Doppelcharakter der Ware (GW und Wert) wird durch die Existenz eines dritten Terms (TW) verdeckt/ verschleiert. Die Differenz zwischen TW und Wert spielt bei Objekten aber nur eine latente Rolle – anders bei Subjekten. Bei Objekten haben wir es (in der Erscheinungsform des Werts) nur mit Tauschwerten zu tun, mit Äquivalenz und Metonymie: TW auf TW in endloser Folge (W – G – W).

Eine wirkliche Diskrepanz kann nur durch die Interaktion von GW und Wert hergestellt werden, d.h. zwischen dem sehr speziellen GW der menschlichen Arbeit – menschliche Subjektivität – und dem Wert, den sie über ihren eigenen TW, ihren Preis als Ware Arbeitskraft, hinaus schafft. Wichtig ist schon hier festzuhalten, dass der GW nicht in die rein formale Beschreibung des Zirkulationsprozesses eingeht, da dieser ausschließlich ein Prozess der Interaktion von Tauschwerten ist. Dabei ist der Zirkulationsprozess der Waren als Objekte grundsätzlich metonymisch.

Alles ändert sich mit der Formel G-W-G‘. Kurz gesagt: Die Zirkulation oder der Warentausch schafft keinen Wert. (93) MW muss durch die Konsumtion des GW einer Ware kreiert werden. (94) Was zunächst absurd klingt, solange man an Objekte denkt, leuchtet ein, wenn man sich der besonderen Ware Arbeitskraft zuwendet. „Der Wert der Arbeit (für den Kapitalisten) ist nicht ihr TW, sondern ihr GW, ihre Fähigkeit durch ihre eigene Konsumtion Wert zu schaffen. Arbeit ist (an sich) wertlos, da sie in der kapitalistischen Produktionsweise die Quelle des Werts ist.“ (95f.) Der GW der menschlichen Arbeit betätigt sich, um mehr Wert zu schaffen. Dieses „Mehr“ kann nur dann Konsistenz annehmen, wenn es in Relation zum ursprünglichen TW der Ware Arbeitskraft gemessen wird. Wenn in der einfachen Warenzirkulation Wert und TW grundsätzlich homolog waren, so beginnen sie in der Zirkulation des Kapitals die Tiefe einer Scheidung zu erfahren; die Erscheinungsform des Werts weicht ab von den wirklichen (real) zugrundeliegenden Bestimmungen. (96)

In der Zirkulation des Kapitals spielt der GW der menschlichen Arbeit also die Rolle des Herstellers von (Mehr)Wert. Was ist es, das diese Interpenetration erlaubt? Die den Kreislauf des Kapitals gestaltende metaphorische Identifikation ist die (imaginäre) Identifikation von Arbeit(skraft) und TW. Dass diese Identifikation wankt, stellt kein Problem dar. Denn nur weil sie schwankt, weil Arbeit einen Wert hat und nicht hat, kann tatsächlich MW produziert werden. Wichtig und von Marx beschrieben: die Allgemeinheit der metonymischen Warenzirkulation setzt diese metonymische/metaphorische Ausnahme voraus. (97)

Der Träger der Kapitalzirkulation ist der sehr spezifische GW des menschlichen Subjekts selbst. Nunmehr kann die These vom „Ensemble“ spezifiziert werden: das Subjekt muss als durch die beiden miteinander in Konflikt liegenden Register des Imaginären und des Realen gespalten, geteilt und verdoppelt begriffen werden. Als eine bestimmte historisch spezifische, soziale oder symbolische Ordnung teilt der Kapitalismus beständig das (proletarische) Subjekt zwischen seiner realen oder tatsächlichen Arbeit und dem imaginären Wert, den diese Arbeit hat, wenn sie gezählt, oder genauer: auf die Ware Arbeitskraft reduziert wird. Kapitalismus ist somit die offenkundige unendliche soziale oder symbolische Verknotung dieser Teilung; sie besitzt die Charakteristiken eines borromäischen Knotens (Lacan). (99)

Es ist somit die Arbeit des (proletarischen) Subjekts, die unausweichlich das Reale des Kapitals herstellt, da es erstens die Realität, die Aktualität dieser Arbeit ist, die im Gegensatz zu ihrer Potenzialiät (Arbeitskraft) tatsächlich in der Lage ist, Wert zu produzieren (wenn sie als Ware zählt/ gezählt wird), und da zweitens die Realität dieser Arbeit als Quelle des Werts grundsätzlich wertlos ist, oder wie Marx implizit sagt, nicht-imaginär (100).

Allerdings taucht dieses Reale in der Erscheinungsform der kapitalistischen Produktionsweise nur in imaginärer Form auf. Im Netzwerk monetärer Signifikanten, die die Bewegung des Kapitals darstellen, taucht die Teilung der Ware – und damit die des darin enthaltenen Subjekts – ganz einfach nicht in ihrer Spezifität auf. Sie erscheint nur als symptomatischer Exzess (G‘). … Das Einzige was in der Zirkulation des Kapitals repräsentiert wird, ist der Wechsel in der Form von Geld – das Reale des Kapitals wird nicht repräsentiert: im TW (Lohn) wird nur der Preis der Arbeitskraft repräsentiert, nicht die Arbeit (GW/ MW), d.h. die Kapitalzirkulation verschwindet, die Teilung der Ware Arbeitskraft erscheint nicht, Arbeit erhält keine doppelte Repräsentation – es erscheint nur der Preis der Arbeitskraft, nicht der return on invest bzw. der metaphorische Prozess der Kapitalzirkulation. Es erscheint nur die Geldmetamorphose W – G – W / das Metonymische der Zirkulation, nicht G´. Obwohl der Kapitalismus von diesem versteckten Symptom motiviert wird, sieht es so aus, als ob das Geld selbst mehr Geld macht. Eine imaginäre Unterschlagung oder Auslassung (elision) des Realen! Wesentlich dabei ist die grundlegende und spezifisch kapitalistische Logik dieses imaginären Ausschlusses des Realen. Imaginär ist dabei nicht der Preis der Ware Arbeitskraft selbst, sondern die Idee, dass dieser Wert den Wert der Arbeit darstellt. (Wobei “Wert der Arbeit” lt. Marx ein an sich sinnloser Term ist.) Letzteres geschieht, weil Arbeit (das Reale) und Arbeitskraft miteinander imaginär identifiziert sind. (102)

Es gibt somit eine unausweichliche Tendenz des Realen, sich in den Verhärtungen und Verkrustungen des Imaginären zu verlieren.

Dabei ist es eine Seite dieser Teilung des proletarischen Subjekts, nämlich die imaginäre (Arbeitskraft), die in der kapitalistischen Trennung zwischen dem Ökonomischen und dem Politischen wiederholt und verstärkt wird. Genauer: es ist nur die imaginäre Identifikation (selbst das Ergebnis einer wirklichen Praxis) von Arbeit und Arbeitskraft, die in genetischer Hinsicht die Produktion imaginärer politischer Ideen erklären kann. Es ist die soziale oder ökonomische Sphäre von Tausch und Zirkulation, von Verkauf und Kauf der Arbeitskraft (die natürlich als Verkauf und Kauf von Arbeit erscheint), die die politischen Ideen von Freiheit … verursacht und diese umgekehrt verstärkt. Das Ökonomische ist hier kein rein Ökonomisches, sondern eher eine bestimmte, historisch spezifische, soziale oder symbolische Produktionsweise. Und die politischen Ideen sind nicht nur politisch oder nur Ideen, sondern in der praktischen und ökonomischen Wirklichkeit einer Seite der kapitalistischen Produktionsweise inhärent. (104)

Im Procedere der wirklichen oder harten Wissenschaften ist der Wechsel von der Ebene der Erscheinung zur Ebene des Wesens schlicht und einfach eine Frage des Wissens. Hinsichtlich der kapitalistischen Produktionsweise verhindert Wissen demgegenüber keineswegs das ständige tatsächliche Aufsteigen und Wiederaufsteigen vorheriger Erscheinungen. Kapitalismus muss so verstanden werden, dass er einen bestimmten praktischen Zwang beinhaltet, Wissen in Nichtwissen zu transformieren und damit das Reale zu imaginarisieren. Imaginäre Erscheinungen können nicht einfach vom Realen abgelöst/ hergeleitet werden, da sie selbst – und genauso sehr wie dieses Reale – das praktische (und nicht nur reflektierende) Ergebnis sozialer und ökonomischer Wirklichkeit sind. (107)

Man sollte beachten, daß der (von Anfang an umstrittene) Absatz Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis am Ende des 1. Kapitels Die Ware steht – also vor dem Abschnitt über Die Verwandlung von Geld in Kapital (Kapitalzirkulation). Das dürfte einer der Gründe sein, weswegen die Rezeptionsgeschichte meist beim Konsumfetischismus gelandet und stehen geblieben ist.

Die Diskussion des Fetischcharakters durch Marx betrifft ausschließlich Waren als Objekte und kann daher nicht einfach auf Waren als Subjekte übertragen werden. Dabei definiert Marx den Fetischismus der Ware als einfache Umkehrung des Subjektiven (Sozialen) und des Objektiven, des Menschlichen und des Dinglichen.

Es gilt zu beachten, daß dieser sog. Fetischcharakter der Ware nichts spezifisch Kapitalistisches ist, sondern in allen warenproduzierenden Gesellschaften auftritt. M.a.W.: Marx sagt in dem entsprechenden Text nichts Spezifisches über die kapitalistische Gesellschaft, denn die wird ja nicht durch einfache Warenproduktion konstituiert. Die Warenform gilt überall dort, wo Güter (für einen Markt) als Waren produziert und getauscht werden – nur hier braucht es die Wertform (bei Subsistenzwirtschaft z.B. nicht).

Kapitalismus wird allerdings konstituiert durch die Inklusion des Subjekts in die objektive Logik der Warenform durch die Reduktion der angenommenen „Menschlichkeit“ oder „Persönlichkeit“ dieses Subjekts auf den dinglichen Status eines Tauschwerts. (110) These: die Logik des Fetischcharakters der Ware wird innerhalb des proletarischen Subjekts selbst verdoppelt. Dieses wird produziert als ein unentwirrbar verknotetes Subjekt-Objekt. In der Subjektivität dieses Subjekts gibt es inhärent und unausrottbar eine Art von Objektivität. Folglich stellt Kapitalismus ein gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen dar (die irgendwie als Dinge produziert werden), das (selbst) durch Dinge vermittelt ist. Die Objekte (Produkte) werden von den Subjekten mit(tels) der Warenform gespalten (1. Spaltung: GW – TW); das Subjekt selbst wird (dadurch, daß es Arbeitskraftware wird) vom Kapital gespalten (2. Spaltung: GW – MW). Der GW ist bei Subjekten (Arbeitskräften) etwas ganz anderes als bei Objekten (Konsumgütern). Im Unterschied zu Subjekten produzieren Objekte keinen MW – Objekte/ Waren sind produzierter (Mehr)Wert. Im Kapitalismus geht es weder um einfache Warenproduktion, noch um Inversion/ Umkehrung, weil das Subjekt hier in der objektiven Logik der Warenform eingeschlossen ist; das (proletarische) Subjekt ist ein verknotetes Subjekt-Objekt, eine Objektivität in der Subjektivität – seine soziale Aktivität/ Realität wird aber vom Imaginären verschluckt. Das Subjekt im Kapitalismus ist eher ein Ding oder eine Arbeitskraftmaschine zur Produktion von Wert, GW und MW.

Das proletarische Subjekt wird von Marx extrem widersprüchlich beschrieben: zum einen als degradiert, geschwächt, abgewertet (114), andererseits als extrem positiv (117).

Vier Folgerungen aus dem sog. Fetischcharakter der Ware:

(1) Der Ausschluss der grundlegenden Differenz zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit, notwendiger Arbeit und Mehrarbeit. Dieser Ausschluss wird verdoppelt durch den weiteren Ausschluss der Unterscheidung von produktiver Konsumtion und individueller Konsumtion. Das proletarische Subjekt konsumiert genau die Bedingungen seiner eigenen Produktion.

(2) Die Erscheinungen der Freiwilligkeit, die „freien“ Implikationen des proletarischen Subjekts, werden in Fortführung der Bedingungen seiner Unterordnung beschrieben. Dabei ist der Arbeiter „geübt“, „fleißig“, „vielseitig“, usw. (117)

(3) Das proletarische Subjekt, der vogelfreie Lohnarbeiter wird andererseits seines Wissens beraubt. (118) Das Wissen dient nun nicht mehr den Bedürfnissen des einzelnen Arbeiters, sondern dem Kapital.

(4) Kapitalismus impliziert nicht nur die formale, sondern bedingt die „reale Subsumtion“ der Fähigkeiten des arbeitenden Subjekts. Das beinhaltet eine Beraubung – und eine tendenzielle Imaginarisation – dieses Wissens als das Ergebnis der angrenzenden/ gleichzeitigen Enteignung der Produktionsmittel und der durchgehenden Organisation des Arbeitsprozesses entsprechend dieser Enteignung. Es ist exakt diese wirkliche Beraubung, oder diese tendenzielle Beraubung des Realen, die zum proletarischen Subjekt in seinem imaginären (aber sehr realen Effekten) Sinn von Freiheit zurückkehrt. Oder wie Marx sagt: dass „der vereinzelte Arbeiter, der Arbeiter als ‚freier‘ Verkäufer seiner Arbeitskraft, auf gewisser Reifestufe der kapitalistischen Produktion, widerstandslos unterliegt.“ 23: 316 (119) Weswegen Rouse&Arribas meinen, daß diese reale Subsumtion nichts weniger als eine Subsumtion des Realen ist (118).

Angesichts der Spaltung des proletarischen Subjekts in ein unentwirrbar verknotetes Subjekt-Objekt stellt sich erneut die Frage, ob man es hier (nach dem von Marx ins Spiel gebrachten Fetisch-Begriff) mit einer perversen Struktur zu tun hat oder (wie Deleuze&Guattari mit Kapitalismus und Schizophrenie Bd. 1/ Anti-Ödipus nahelegten) mit einer psychotischen Struktur.

Fortsetzung (zu Freud und Lacan) folgt

© klerich

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