Notizen zu F.H. Pitts` Buch “Value” (2)

Pitts liegt richtig, wenn er schreibt, dass die Theorie vom Wert als einer Eigenschaft, die durch die Arbeit in das Produkt transferiert wird, nicht viel mehr als eine a-posteriori-Halluzination ist, die nichtsdestotrotz als eine Art Vorhersage für den Produktionsprozess selbst gelten soll. Dies sei aber das Resultat einer Realabstraktion als einer apriori Bedingung und dies als Konsequenz eines realen Prozesses in den ökonomischen Praktiken des Tauschs. Zum Begriff der Realabstraktion bei Sohn Rethel siehe hier (Engster). Wenn der Wert auch nicht vor dem Tausch determiniert wird, so wird er aber auch nicht durch den Tauschakt produziert, so Pitts richtigerweise. Ob die monetären Erwartungen, die an den Produktionsprozess gestellt werden, denn auch erfüllt werden, ist von der Validierung der Arbeit als produktive Arbeit abhängig. Es ist die sozial notwendige Arbeitszeit, die im Tausch auf dem Markt validiert wird. Und nur der erfolgreiche Verkauf des Arbeitsprodukts zeigt an, dass ein abgeschlossener Produktionsprozess die Konditionen für seine Validierung als wertproduzierend unter Einhaltung bestimmter Produktivitätsstandards erfüllt hat. Die Produkte sind nun als Tauschwerte affirmiert und die konkrete Arbeit ist „abstrahiert“ als ein Teil des Ganzen.

r Pitts ist an dieser Stelle der Term „Gültigkeit“ entscheidend, der die schwierige Linie zwischen einer objektiven und subjektiven Werttheorie aufspannt. Für Pitts zeigt die Marx` schen Behandlung dieses Begriffs eine Tendenz zur Desubstanzialisierung an, eine Bewegung von der Substanz zum Subjekt. An der Frage der Geltung (die gesamte Arbeitsmasse einer Ökonomie gilt als homogene menschliche Arbeit) zeige sich, ob es sich beim Wert, wie der Begriff der Geltung impliziere, um eine rein objektive und quantitative Dimension handele, oder man doch besser von „gültig sein“ sprechen solle, wobei der Begriff der Gültigkeit an das Subjekt gebunden sei. Dem können wir nicht ganz folgen, ist doch der Begriff der Geltung wesentlich für die Bestimmung des Geldes. Seine Geltung erreicht das kapitalistische Geld als eine symbolische Markierung, die reine Kaufkraft darstellt – mit einem Schlag (Konvertabilität an sich) verweist Geld auf die unterschiedlichsten Waren, die dem Geld als sämtliche Inhalte gegenüberstehen, und damit sind Waren eben nicht Geld und Geld nicht sie. Kraft seiner objektiven Geltung ist mit Geld potenziell „alles zu haben“, was je schon seiner eigentümlichen Positionierung in Relation zu den Waren entspricht. Es handelt sich hier zugleich um Vertretungsstrukturen, denn Geltung kommt nicht an sich, sondern immer für anderes zur Wirkung, d. h., die Geltung des Geldes expliziert die Struktur der Vertretung eines Abwesenden. Geld gilt als die Vertretung von Wert, der stets abwesend/virtuell ist, doch in seiner Abwesenheit für das Kapital absolut notwendig bleibt. Real aktualisiert sich die Virtualität des Wertes dann im Geld.

Pitts spricht daraufhin die Preisform an, welche die Wertform ist. Auch hier würden wir hinzufügen, dass das, was sich in der Zirkulation realisiert, nicht der Wert ist, sondern es gibt je schon preisbestimmte Waren, und deren Realisierung geschieht mittels Geld, das zudem die Verteilbarkeit von Mengen aktualisiert. Preise aktualisieren die virtuelle Verteilbarkeit physischer Mengen in Geldform. Pitts zitiert in diesem Kontext Marx, der schreibt, dass der Wert nur durch die Vermittlung der Preise und Geld erscheint, und das kommt der Sache wieder näher. Man weiß vom Wert nur durch den Preis/Geld, und das bezeugt die oben angesprochene Abwesenheit des Werts.

Pitts kommt dann in einem gesonderten Abschnitt auf Robert Kurz zu sprechen, der vor allem in seinem letzten Buch Geld ohne Wert die zirkulationistische Perspektive von Heinrich angegriffen hat, um sich stärker auf die Vergleichbarkeit der Arbeit in der Produktion zu beziehen. Generell zieht Kurz den Begriff der Kapitalmetamorphosen, die Produktion und Zirkulation inkludieren, dem Begriff der Zirkulation vor. Kurz sieht in einer Position, welche die abstrakte Arbeit in der Zirkulation situiert, einen Hang, juristische Relationen, die im Kauf und Verkauf von Waren eine Rolle spielen, zu fetischisieren, und damit den berühmten Slogan „Freiheit, Gleichheit und Eigentum“ zu affirmieren. Damit wird laut Kurz die Notwendigkeit der Klassensubjektivität beim Prozess der Wertproduktion negiert. Die zirkulationistische Perspektive würde damit in letzter Konsequenz auch die Ideen der Demokratie und der Aufklärung verteidigen. Und sie sei auch nicht weit von einem subjektivistischen Marginalismus entfernt, der in einer ähnlichen Art und Weise wie die Zirkulationisten mit der substanzialistischen Werttheorie bräche. Pitts hält dem richtigerweise entgegen, dass die monetäre Werttheorie durchaus von einer sozialen Objektivität des Werts ausgeht, der Vergleichbarkeit der Dinge durch das Geld. Für Kurz jedoch behält der Begriff der Zirkulation (in der Gleichsetzung mit dem Markt), der auch von Marx verwendet wird, eine ideologische Wahrnehmung, die das wirkliche Verhältnis der Kapitalmetamorphosen verzerrt und verkürzt wiedergibt. Kurz unterstellt Heinrich schließlich einen methodologischen Individualismus, der sich dadurch auszeichnet, dass er einzelne Kategorien ohne die kapitalistische Totalität zu bestimmen versucht.

Wir geben Kurz Recht, wenn er bezüglich der kapitalistischen Totalität vom Gesamtkapital oder von der Transzendentalität des Kapitals spricht. Hinsichtlich des Begriffs des Gesamtkapitals schreibt Kurz in seinem Buch Geld ohne Wert: »Die von Marx theoretisch dargestellten Realkategorien des Kapitals sind deshalb von Anfang an und auf allen Ebenen der Darstellung nur als Kategorien des gesamtgesellschaftlich Ganzen, des Gesamtkapitals und seiner Gesamtbewegung als Gesamtmasse zu verstehen, die unmittelbar empirisch nicht erfasst werden kann, weil sie qualitativ und quantitativ etwas anderes ist als die empirische Bewegung der Einzelkapitale.« (Kurz 2012: 177) Marx` Begriff des Gesamtkapitals impliziert von vornherein den „Gesamtprozess“. Allerdings muss Kurz insofern korrigiert werden, als es sich beim Begriff des Gesamtkapitals nicht um eine Realkategorie und auch um keine quantitative Kategorie handelt. Und seine Unterstellungen, dass die monetäre Werttheorie ein purer Subjektivismus sei, kann man doch recht einfach zurückweisen.

Dankenswerterweise geht Pitts auf den Zusammenhang von Fetischformen und Antisemitismus ein, um auch den Rassismus zu adressieren, der sich hauptsächlich gegen Schwarze richtet. Oft genug wird der Körper der Schwarzen als ungezähmt dargestellt, als eine brutale biologische Kraft, die sich selbst nicht regieren könne und deshalb durch Restriktionen und sogar Gewalt gezähmt werden müsse. In diesem rassifizierten Körper ist die abstrakte Arbeit als eine soziale Kraft personifiziert, indem vom Individuum und seinem Willen abstrahiert wird, um zu einer heute geläufigen Fetischform zu gelangen. Die Pathologien der Moderne werden als die der Mächte antisozialer rassifizierter Typen bestimmt. Während die Kraft des monetären Werts, der in den Juden personifiziert ist, eine Macht der Kontrolle inhäriert, so ist die Kraft der abstrakten biologischen Kapazität, die in den Schwarzen personifiziert ist, eine Macht, die Kontrolle erfordert. Pitts zitiert in diesem Kontext Frantz Fanon, der im Antisemitismus eine Assoziation des Judentums mit einem abstrakten und intellektuellen Reichtum sieht, während die körperliche Kraft von schwarzen, rassifizierten Subjekten in einer spezifischen Körperlichkeit gesehen wird.

Im Kapitel Wert und Nutzen, beschreibt Pitts die neoklassische Theorie des Nutzens als einen radikalen Angriff auf die substanzialistischen Werttheorien, indem der Wert in den subjektiven Eigenschaften, die sich um den Nutzen zentrieren, verortet wird. Der Wert wird also aus der individuellen Perspektive, aus den Bedürfnissen des Individuum herausgelesen, und diese sind der letzte Grund, welche ihre Befriedigung erfordert, und zudem sind sie das letzte Maß; die Sicherstellung ihrer Befriedigung ist das letzte Ziel aller menschlichen Wirtschaft, so ungefähr schreibt Carl Menger. Philipp Mirowski schreibt dazu, dass ein Überblick über die Geschichte des ersten Jahrhunderts der neoklassischen Ökonomie zeige, dass sie viel mehr vom Status und der Natur der Agenten fasziniert gewesen sei als von der Struktur und Zusammensetzung der Märkte. Die Neoklassik kulminiert schließlich in der Vorführung des Verhaltens als Pareto-optimal, wobei das Gefangenen-Dilemma und andere spieltheoretische Untersuchungen zeigen, dass sich Menschen nicht unbedingt Pareto-optimal verhalten müssen, sondern auch ganz andere Strategien benutzen, um etwas zu optimieren.

Wir überspringen das Kapitel und weisen nur noch mit Bichler/Nitzan, die von Pitts in diesem Kontext auch zitiert werden, daraufhin, dass sowohl die substanzialistische Arbeitswerttheorie (Bichler/Nitzan unterschlagen andere marxistische Theorieansätze und beziehen sich in ihrer Marxismus-Kritik lediglich auf den Substanzialismus) als auch die neoklassische Nutzentheorie bisher nicht vorführen konnten, dass eine Einheit Arbeit oder eine Einheit Nutzen gemessen und kalkuliert werden können. Es gibt aber ähnlich wie in der marxistischen relationalen Werttheorie neuere Ansätze in der Neoklassik, welche den Nutzen als einen Effekt des Austauschs darstellen (Nachfragetheorie). Die Nicht-Messbarkeit des marginalen Nutzens ist dann anscheinend kein Problem mehr, insofern eine effektive Messung der Relationalität des Nutzens mittels der Preise ausreichend ist. Aber Bichler/Nitzan beharren darauf, dass man zwar die Preise des Kapitals in Dollar kennen könne, aber man nicht wisse, wie viele Einheiten Nutzen oder Einheiten abstrakter Arbeit jene Preise repräsentieren. Joan Robinson wiederum sieht in der neoklassischen Nutzentheorie eine Zirkularität am Werk, insofern der Nutzen einerseits die Quantität der Waren sei, die bei den Individuen dazu führe, dass sie sie kaufen wollen, andererseits zeige das Faktum, dass Individuen Waren kaufen wollen, den Nutzen an. Pitts führt dagegen an, dass das Rekurrieren auf Preise als Ausdruck des Nutzens seitens der modernen Neoklassik etwa eines Paul. A. Samuelson zeige, dass man nicht auf auf einen mysteriösen Nutzen angewiesen sei, der ähnlich wie in der Arbeitswerttheorie die Arbeit als Substanz begreife. Schließlich ist es die empirische Erfahrung, die zeigt, dass das Verhalten der Menschen inklusive ihrer Präferenzen bewertet werden kann, und zwar als eine Ranking des Mehr oder Weniger.

Im Zuge von Mirowski sieht Pitts im Konzept des Nutzens eine zumindest teilweise erfolgreiche relationale Feldtheorie des Werts gegeben, in der der Nutzen weder ein Stoff ist noch dem neoklassischen homo economicus entspringt, sondern ein Feld von Möglichkeiten eröffnet, das einen leeren Waren-Raum zwischen den Elementen etabliert, mit denen eine Relation des Werts hergestellt wird. Für Pitts kann aber die moderne Neoklassik die darin enthaltene soziale Dimension nicht erfassen, und dennoch besitzt sie das Potenzial, jenseits des konsumistischen Individualismus einen Blick auf die Relationen eines jeden bezüglich der Gesamtheit der Dinge und der Individuen zu werfen. Weiter sieht Pitts hier sogar eine Tendenz, sich dem Produktivismus der Arbeit zu entwinden, denn das. was produktiv sei, entscheidet sich letztendlich in der Preisfestsetzung an den Märkten, wobei, und hier zitiert Pitts die Ökonomin Mazzucato, fast jeder Sektor für den Markt produziert und es damit kaum unproduktive Sektoren gibt. Und dennoch sei es wiederum die Neoklassik, die im Zuge der Austeritätspolitik die Kreatoren des Reichtums abfeiere, während Schuld den unproduktiven und faulen Gruppen zugewiesen werde, um schließlich doch eine rein individualistische und asoziale Sichtweise der Ökonomie zu zelebrieren. Dem gegenüber zeichnet für Pitts die relationale, marxistische Werttheorie sich dadurch aus, dass sie, in dem sie die historische Spezifität der kapitalistischen Produktionsweise und des Werts als einer sozialen Form herausstellt, subjektive Aspekte des Werts mit einer rigorosen Objektivität verbindet, welche erstere grundiert.

Im Kapitel „Wert und Institutionen“, beschreibt Pitts, oft wiederum im Zuge von Mirowski, Theorieansätze, die sich weder auf Substanz- noch auf Feldtheorien des Wertes beziehen, vielmehr den Wert mit all seinen Verflechtungen in den Institutionen untersuchen. Die älteste dieser Sozialtheorien ist im Normativismus begründet, der politische oder moralische Standards ansetzt, um Werte zu bestimmen. Die Griechen besaßen dafür den Term Nomos, der die sozialen, historischen Institutionen des Gesellschaftskörpers bezeichnete. Die normative Theorie hat für Pitts den Vorteil, die Rolle der Validierung erneut ins Spiel zu bringen, eine geisterhafte und kaum wahrgenommene Präsenz in allen Werttheorien – zuzüglich der Rolle der Institutionen, die hier verhandelt wird.

Dabei versucht eine soziale Theorie des Werts jegliche Analogien zu den Naturwissenschaften zu vermeiden, indem sie insbesondere auf soziale Institutionen rekurriert, wobei der Wert auf Praktiken und die Kommensuration von verschiedenen Dingen als ein und dasselbe bezogen ist, und damit schließlich einen ungeheuren Einfluss auf die verschiedenen Lebensweisen besitzt. Vielfach beziehen sich diese Theorien, wie eben auch die von Buchler/Nitzan, auf Thorsten Veblen als ihren ersten Gewährsmann, der für jede Validierung, sei sie persönlich oder sozial, eine endlose Kette von Akten der Interpretation und der Signifikation annimmt. Die Austauschbarkeit und Vergleichbarkeit von Waren wird hier kontinuierlich konstruiert und dekonstruiert und schließlich in offenen Marktkontexten zwischen Käufern, Verkäufern und den Dingen rekonstruiert, womit die Attribute der Waren, die einen Wert umfassen, selbst sozial konstruiert sind. Es gibt institutionalisierte Standardisierungen aller Arten, am Arbeitsplatz, an den Märkten und in sämtlichen sozialen Institutionen, die als Maße und Einheiten Quantifizierungen besetzen, und dies als ein erster notwendiger Schritt, der die Untersuchung des Werts in die verschiedenen Richtungen innerhalb der Kreisläufe von Zirkulation und Produktion ermöglicht- Dabei dienen die Rechtssysteme als ein wichtiger Ort der Definition und Stabilisierung des Wertkonzepts innerhalb einer Marktökonomie. Die Commons gingen davon aus, dass die Dinge, die am Markt gekauft und verkauft werden, nicht in erster Linie die physischen Entitäten sind, sondern die Rechte, die mit ihnen assoziiert sind, insbesondere die Eigentumsrechte und solche Rechte, die umstritten sind. Die Standardisierung impliziert andauernde Interventionen und Adjustierungen durch rechtliche Strukturen.

Neuerdings hat Katharina Pistor in ihrem Buch Der Code des Kapitals ähnliche Versuche unternommen, indem sie die Analyse von Gütern wie Land, Waren, Körperschaften, und Algorithmen vornimmt, um zu zeigen, dass Kapital kein Ding oder Gegenstand ist, sondern eine Rechtsqualität ist, die hilft, Vermögen zu schaffen und zu schützen. Pistor spricht an dieser Stelle von vier Modulen, die dafür sorgen, dass ein bestimmtes Produkt oder Ding zu Kapital wird: 1) Priorität gegenüber konkurrierenden Besitzansprüchen.2) Beständigkeitsschutz. Das Attribut der Priorität schützt den Eigentümer von Kapital gegen das Unglück anderer. 3) Allgemeingültigkeit. Diese sorgt dafür, dass Forderungen und Ansprüche nicht nur zwischen Vertragsparteien gelten- z.B. zwischen Käufer und Verkäufer -, sondern dass der Staat die entsprechenden Ansprüche gegen jedermann verteidigt. 4) Konvertierbarkeit. Dieses Attribut gibt Besitzern den Anspruch, ihre Güter in Staatsgeld zu verwandeln, falls sich kein privater Abnehmer finden sollte.

Pitts spricht in diesem Zusammenhang von einer Invarianz, die durch legale Rechtssysteme garantiert wird und die insbesondere den Ausdruck des Werts in Geld betrifft (und Kapital, müsste man hinzufügen). Die Akzeptanz des monetären Charakters des Werts haben die soziale Theorie des Werts und die esoterische Marx`sche Theorie gemeinsam. Dabei muss die Invarianz des Geldes kontinuierlich durch rechtliche und politische Institutionen aufrechterhalten werden, und es stellt zudem die Basis dar, auf deren Grundlage die verschiedenen Player Forderungen erheben können (Kredite, Assets etc.) und Eigentumsrechte von Wertpapieren unter der Rubrik von Maß und Kommensurabilität handeln können. Das Preissystem ist nicht nur für den Austausch wichtig, sondern für eine Reihe von Praktiken und Prozesse der Institutionen im Kapitalismus. Pitts spricht von Standardisierungen, die ausgehend von einer strategischen Nichtbeachtung von bestimmten Elementen und Dingen, dazu führen, dass Dinge in eine Relation zueinander gesetzt werden können, und zwar unter der Form des Werts. Und das Preissystem spielt eine epistemische Rolle in der Etablierung eines invarianten Codes für die Vergleichbarkeit, auf der der Wert beruht. Die sozialen Institutionen müssen den invarianten Code des Geldes aufrechterhalten, sodass ökonomische Ereignisse wie Kredit, Inflation, Assets etc. in den Terms ein und derselben Einheit Geld zu verschiedenen Zeiten angeschrieben werden können. Dabei werden die Determinanten dieser Invarianz selbst im Austausch determiniert, das heißt das Gemessene und das Maß werden in ein und demselben Moment konstruiert.

An dieser Stelle könnte man auch die Ausführungen von LiPuma einführen, der bei Pitts unerwähnt bleibt. Die Kreation und die Praktiken an den Finanzmärkten setzen die Macht des Sozialen voraus, die wiederum das finanzielle Feld als eine Bedingung seiner eigenen sozio-ökonomischen Produktion verdecken. Derivatmärkte sind immer auch der Ausdruck eines sozial Imaginären, das durch konkrete soziale Relationen hervorgebracht wird. Diese Relationen interpolieren über die Rekalibration der Preise die Beziehungen zwischen den unvorhersehbaren und kontingenten Strömen der finanziellen Ereignisse und der Konstruktion des Marktes als einer Totalität. Es handelt sich hier um ein zutiefst institutionalisiertes Imaginäres, dem man einen Namen gibt, der auf Teilnehmer, Firmen und das Wissen verweist; der Markt objektiviert sich institutionell ähnlich wie sich eine Nation durch den Staat kreiert. Die Strukturierung des Marktes und des finanziellen Feldes beruht für LiPuma auf dem Ritual. Vom Standpunkt der Individuen erscheint der Markt als die Aggregation nutzen-optimierender Individuen, vom Standpunkt der Totalität aus gesehen erscheint der Markt als ein Netzwerk von Dividuen, deren Konnektivität den interessegeleiteten Wettbewerb begründet. Die Performance der Agenten ist performativ, gerade indem sie die Soziostruktur und die Funktionalität rekonstruiert, welche durch die zirkulatorischen Kräfte konstant vermittelt werden. Performativität re-objektiviert die Form oder die Soziostruktur und erhält damit ihre Funktionalität, i.e. die Fähigkeit des Marktes den Flow der Derivate im Angesicht der Volatilität und der verschleiernden Effekte, die den Unsicherheiten in der Zirkulation inhärent sind, zu sichern.

Zwar setzt sich LiPuma damit vom nutzenmaximierenden und rationalen Agenten der Neoklassik ab, kann aber genau so wenig wie diese erklären, warum es Nicht-Linearitäten gibt, die weder auf das Verhalten von Individuen noch auf das von Gruppen oder Institutionen zurückzuführen sind. Und dies betrifft ein erste Kritik an der institutionellen Theorie des Wertes: Gerade aufgrund der Interaktionen von Institutionen und Gruppen kommt es zu emergenten Eigenschaften auf der Makroebene: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Verläufe und Strukturen, die den Charakter von Gesetzen annehmen, können gerade deswegen aus heterogenen Einheiten wie Individuen oder Unternehmen emergieren, weil sie mit verschiedenen Strategien und Erwartungen arbeiten, insofern aggregierte Resultate robust indifferent gegenüber mikroökonomischen Details sind. Man kann mikroökonomische Modelle nicht einfach auf die makroökonomische Ebene heben. Es gibt kulturelle und ökonomische Strukturen, die die Verhaltensweisen gestalten.

Pitts kommt im nächsten Part auf die Machttheorie von Bichler/Nitzan zu sprechen, die ihre Theorie selbst als Kapital als Macht umreißen. Macht ist hier für Pitts die Möglichkeit. einen differenziellen Vorteil über den Preismechanismus zu erlangen, und dieser ist ein Index der Kontrolle über die Ökonomie als ein Ganzes. Pitts weist zurecht daraufhin, dass Bichler/Nitzan ihre Theorie auch auf Veblen beziehen. Obwohl Bichler/Nitzan ständig darauf verweisen, dass der Marxismus und Marx selbst eine prinzipielle und nicht nur eine analytische Trennung von Realkapital und nominalem Kapital vorgenommen hätten, nehmen sie doch im Vorfeld ihrer Analysen selbst eine genuine Aufteilung vor: Zum ersten erwähnen sie das sog. kreative/produktive Kapital, das der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen, auf den sie sich beziehen, »industry« genannt hat; zum zweiten führen sie einen Bereich der ökonomisierten Macht ein, der in der gegenwärtigen kapitalistischen Epoche durch die nackte Form des Business und der Sabotage gekennzeichnet sei, der sog. strategic sabotage, der ganz bewussten Abwehr von gesellschaftlichen Innovationen und Inventionen rein aus Gründen der Machterhaltung. Für Veblen wie für Bichler/Nitzan gilt, dass man unter Industrie das kollektive Wissen zu verstehen hat, das im Marx’schen Sinne in etwa dem General Intellect entspricht, der hochgradig kooperativ, integriert und synchronisiert zugleich die Produktionsprozesse mit gestaltet, während im Gegensatz dazu das sog. Business keinesfalls kollektiv und gemeinschaftlich funktioniere, so sagen es jedenfalls Bichler/Nitzan, sondern dieses arbeite unter der Dominanz der großen Kapitale mit systemischer Prävention und juristischer Restriktion qua Privateigentum, operiere mit strategischer Sabotage, die permanent gesellschaftliche Demokratisierung, innovative Resonanzen und soziale Verhältnisse erschüttere oder stauche, indem als Macht der dominanten Kapitale Dissonanzen installiert und damit Prozesse der Oligopolisierung vorangetrieben würden, was in den meisten Fällen zu nicht-linearen Relationen zwischen industriellem Kapital und dem sog. Finanzbusiness führe. Eine weitere Dualisierung nehmen Bichler/Nitzan mit Mumfords Unterscheidung zwischen demokratischen Technologien und Macht-Technologien vor, wobei sie hinsichtlich der Letzteren von einer durch den Kapitalisierungs-Modus gesteuerten Megamaschine des Kapitals sprechen. Dabei konzentrieren sich die beiden Autoren mit ihrem Ansatz vor allem auf Aspekte der Kapitalmacht über … (transitive Macht, der Einflussnahme des Akteurs A auf das Handeln des Akteurs B): über die Beschäftigten, über andere Kapitale bzw. Unternehmen etc., während Formen der intransitiven selbstbezüglichen Macht oder der Foucaultschen Biomacht kaum zur Sprache kommen, die erst den sozialen Zeitraum und die jeweiligen Bezugspunkte für Handlungen, Kämpfe und gegenseitige Einflussnahmen erzeugen.

Des Weiteren kommt Pitts auf die Arbeiten von Arjun Appadurai zu sprechen, die einiges mit den Texten von LiPuma verbindet (siehe oben). Für Appadurai ist es die Politik als die Relationen der Macht, welche anzeigt, wie die Relation zwischen Waren, Tausch und Wert in der Praxis als ein gelebter sozialer Prozess funktioniert. Die Politik umfasst die Relationen des Privilegs und der sozialen Kontrolle, womit wiederum Konflikte entstehen, die die existierenden Frameworks der Preisbildungen, der Verhandlungen etc. neu gestalten.Für Appadurai zirkulieren die ökonomischen Objekte in verschiedenen Regimen des Werts in Raum und Zeit. Man müsse deshalb mit den produktivististischen Annahmen hinsichtlich der Kreation materieller Dinge und ihrer Werte brechen, und stattdessen den Fokus auf die totalen Trajektoren lenken, den die Waren über Zirkulation, Produktion und Konsumtion folgen. Die darauf bezogenen Transaktionen und Kalkulationen beziehen sich darauf zu verschiedenen Zeitpunkten und Konjunkturen. Appadurai unterscheidet hier zwischen einer theoretischen Sichtweise, in der die Determination des Werts ausschließlich im Bereich der menschlichen sozialen Aktivitäten stattfindet, und einer methodologischen Sichtweise, die den Fokus auf Dinge-in-Bewegung legt, die nur zeitweise an einem Platz fixiert sind und eher als ein Objektiv auf Relationen zu verstehen sind, welche den sozialen Kontext illuminieren.

Es geht darum. das Waren-Potenzial eines Dings je spezifisch zu erkennen, wobei die Methode nach Schnappschüssen von Objekten in ihrem sozialen Kontext sucht, was Appadurai eine „Waren-Situation“ nennt, i.e. der Zeitpunkt im sozialen Leben eines Dings, in dem seine Austauschbarkeit in allen Zeiten gegenüber einem anderen Ding sein wichtigstes soziales Feature ist. Dazu bedarf es dreier Perioden, der Warenphase, in die ein Ding eintritt, der Bewerbung als Ware, die auf die Standards und symbolischen Kriterien referiert, die die Austauschbarkeit der Dinge in bestimmten sozialen Kontexten bestimmen, und schließlich der Waren-Kontext, in den das Ding eintritt.

Als weitere Theorien in diesem Kontext erwähnt Pitts die „Valuation Studies“ und die Kapitaltheorie von Pierre Bourdieu.

Wir wenden uns der politischen und performativen Werttheorie von Mariana Mazzucato zu. Diese Werttheorie ist insofern performativ, als sie soziale und politische Imperative in materielle Realitäten übersetzt. Wenn Theorien auch materiell determiniert sind, so sind sie aber auch konstitutiv für die Erzeugung materieller Realität. Pitts erwähnt an dieser Stelle das Beispiel der neoklassischen Theorie, die das Verständnis des Werts weg von der Produktion hin zum Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage und dem individuellen Nutzen in der Sphäre des Tauschs verlagerte, sodass von nun an finanzielle Aktivitäten als produktiv eingestuft werden konnten, wobei sie zuvor noch als unproduktiv galten.

Messungen sind niemals neutral, konstatiert Mazzucato, vielmehr affizieren sie das Verhalten und vice versa. Die (flüssigen) Grenzen und die Kontinuitäten zwischen produktiven und unproduktiven Sektoren haben einen gewichtigen Einfluss auf die Politiken der Regierungen und der Unternehmen, beispielsweise bei der Verteilung der Revenuen zwischen Arbeitern, Shareholdern und Managern. Die Logik der Performativität besteht darin, dass wir uns als ökonomische Akteure meistens gemäß der Vorstellungen von der Welt von denen verhalten, die die Konventionen, Gesetze und Spielregeln vorgeben. Die Institutionalisierung dessen, was im normativen Rahmen als produktiv oder unproduktiv in einer Ökonomie gilt, wird in der Neoklassik oft verwischt, indem die Gesetze allein dem Markt überlassen werden sollen, oder die Politiken ganz stark auf die finanziellen Aktivitäten in der Sphäre des Geldaustauschs konzentriert sind. Umgekehrt gilt es aber auch zu verneinen, dass man den Gegensatz zwischen einer produktiven Aktivität der industriellen Unternehmen und der unproduktiven Politik der Rentiers aufmacht. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die Finance als zentralen Nervensystem des Kapitals zu verstehen ist, ohne die keinerlei produktive Unternehmungen möglich sind. Alle Unternehmen müssen vor-finanziert werden und benötigen andauernd ein gewisses Maß an finanziellen Aktivitäten. Eine falsche Neutralisierung der Fragen um die Produktivität führt gerade dazu, so Mazzucato, dass ein erweiterter Handlungsspielraum für Lobbyisten und ökonomische Akteure geschaffen wird, die die Politiker und Regierungen davon überzeugen wollen, sich auf die richtige Seite der produktiven Akteure zu stellen.

Nichtsdestotrotz, und darauf hat LiPuma hingewiesen, ist die Performativität nicht auf die Institutionen oder gewisse linguistische oder finanzielle Ereignisse begrenzt, sondern ist in der Reproduktion aller sozialen Formen und Strukturen der Zirkulation/Produktion in der Ökonomie impliziert. Der Aufstieg der derivativen Logik als das Prinzip der Produktion von Derivaten (basierend auf der Trennung und Neuzusammensetzung von Kapital) bestimmt hier das generative Schema (Gestaltung von exotischen Derivaten), das die Trader übernehmen, welches wiederum dazu dient, die Derivatmärkte performativ zu reproduzieren.

Pitts weist in diesem Zusammenhang zu Recht daraufhin, dass die Hegemonie einer Sichtweise des Werts als Markt als preisorientiert längst nicht dazu geführt hat, dass eine substanzialistische Sichtweise des Werts verschwindet. Es werden beispielsweise Regierungsprogramme geschrieben, die auf unproduktive Gruppen abzielen, unter die dann die Ausgeschlossenen, Migranten, Überflüssigen fallen, im Gegensatz zu einer reichen, produktiven globalen Elite. Hier werden die Eliten, die qualifizierten Arbeiter, die Manager und Teile der Mittelklassen als kreativ und produktiv dargestellt, die mittels harter Arbeit und gerecht entlohnter Leistungen Dinge aufbauen, während diejenigen, die aus diesem Netz oder Raster herausfallen, andauernden Denunziationen und Ausschlüssen ausgesetzt sind.

Pitts weist weiter zu Recht daraufhin, dass subtananzialistische Theorieansätze sowohl in der Linken als auch in der Rechten längst wieder Fuß gefasst haben. Anstatt die Klasse als eine negative Relation zu begreifen, die abgeschafft werden muss, wird hier ein Part herausgenommen und positiv als „Volk“ identifiziert. So hat zum Beispiel die Occupy Bewegung die „99%“ in ein formloses, aber virtuoses und produktives Volk umgeschrieben, das dem unproduktiven „1%“ widerstehen muss. Die zentrale Idee besteht hier darin, dass der Reichtum etwas ist, das von den 99% geschaffen und von dem 1% angeeignet wird.

Fortsetzung folgt.

Teil 1 hier https://non.copyriot.com/notizen-zu-f-h-pitts-buch-value-1/

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