ZU Robert meisters neuem Buch “Justice is an Option” (6) – Eine Umwertung der Finanzmärkte

In der Mitte des 20. Jahrhunderts bestand das Problem der Finanzierung größerer Gerechtigkeit in der Verfolgung einer umverteilenden Steuerpolitik und wachsenden Staatsausgaben. Der öffentliche Sektor war derjenige, der soziale Güter produzierte und konsumierte. Selbst für Ökonomen wie Friedman war es noch klar, dass – ohne eine Reduzierung des Preismechanismus im privaten Sektor vorzunehmen -, soziale Gleichheit durch progressive Besteuerung der Einkommen und massive Zahlungen von Transfers möglich sein sollte. Ihre Idee bestand darin, den Staat auf die Redistribution des Einkommens zu limitieren (anstatt die Ausgaben zu erhöhen), sodass die Effizienz der privaten Märkte nicht zu stark tangiert würde. Sogar die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens war damals schon im Spiel. Dabei ging man davon aus, dass Märkte gegenüber den Wohlfahrtstaaten sensibler sind, was die Intensität und Veränderung der privaten Bedürfnisse angeht. Noch der robusteste öffentliche Sektor sei auf einen robusten privaten Sektor als seine Steuerbasis angewiesen, lautete die Prämisse.

Auch Schumpeter ging davon aus, dass der Staat als ein Parasit von Steuern abhängig ist, was wiederum des Wachstums im privaten Sektor bedarf, und deshalb beschrieb er den Staat ganz lapidar auch als „arm“. Die Frage bestand nun darin, wie hoch der Staat den privaten Sektor besteuern und wie viel er für den privaten Sektor ausgeben sollte, um das Wachstum zu stimulieren. Man fragte sich, ob es eine hohe Besteuerung bezüglich der Senkung der Ungleichheiten im Einkommen und Vermögen, höhere Staatsausgaben für soziale Serviceleistungen und eine direkte staatliche Kontrolle von Investmententscheidungen und Kapitalflüssen geben sollte, oder sogar eine Kombination der drei Maßnahmen.

In den 1980er Jahren ging dann der Neokeynesianer Hyman Minsky davon aus, dass die Produktion nach wie vor vollkommen privat sein und durch die Märkte geregelt werden sollte, während der Finanzsektor aufgrund seiner inhärenten Instabilität verstaatlicht werden sollte. Risikoreiche Sicherheiten werden liquider, wenn der Wert der Assets steigt, und machen damit auch die kommenden Spekulationen zunächst sicherer. Wenn die Kreditratings dann in guten Zeiten ansteigen, können die Unternehmen immer mehr Geld leihen und werden sich immer stärker verschulden, was heißt, dass ihre cashflows irgendwann nicht mehr hoch genug sind, um die Zinszahlungen bestehender Schulden zu leisten. Für Minsky führte dies zum bekannten Ponzi-Schema bzw. zu einem finanziellen Crash, der wiederum zu einer Depression in der gesamten Ökonomie führt. Das Problem der Stagflation bestand für ihn din der Abhängigkeit der industriellen Unternehmen von den privaten Kapitalmärkten, die ihre Investments finanzierten.

Minskys Emphase der Wichtigkeit von liquiden Schulden beruhte auf der Aussage von Keynes, dass die Liquiditätsprämie der treibende Faktor der Ökonomie sei. Unternehmen benötigen Assets, die wie Cash sehr liquide sind, im Gegensatz eben zu Investments in fixes Kapital. In schlechten Zeiten wird die Liquiditätspräferenz der Verleiher steigen und sie werden weniger Kredite ausgeben. Und es kann dann, wie Irving Fisher sich ausdrückt, zu einer Schulden-Deflations-Spirale kommen. Wenn Ausfälle dann zum Verkauf von Sicherheiten führen, dann fällt der Marktpreis für notleidende Schulden, was zu weiteren Ausfällen führt.

Meister ist mit Minsky darin einverstanden, dass höhere Liquiditätsprämien (Bestimmung des Mindestzinssatzes, der sich aus dem Spiel von Angebot und Nachfrage ergibt) die vom privaten Sektor periodisch gefordert werden, ein Hindernis für höhere Gerechtigkeit darstellen. Während Meister nun diese Prämie für die finanzielle Sicherheit ernten will, wollte Minsky die Prämie durch die Verstaatlichung des Finanzsektors abschaffen, womit die finanzielle Instabilität eliminiert würde und daraufhin ein geregeltes Wachstum und Vollbeschäftigung zustande käme.

Aber anstatt Minskys Idee zu folgen setzten die Regierungen in den 1980er Jahren auf die Förderung der Stabilität der Kapitalmärkte, indem sie die Zentralbanken eine implizite Garantie für die Liquiditätsprämien der Kapitalisten ausstellen ließen. Diese Subsumtion der Planungen des Staates unter die Logik der Finance geht mit der finanziellen Revolution einher, die von der Chicago School of Economics gepredigt wurde. Wo Minsky noch eine steigende Liquiditätsprämie und damit ein Sinken des Vertrauens als disruptive Kraft annahm, da begriffen sie die Monetaristen als ein prinzipielles Tool der ökonomischen Analyse und der öffentlichen Politik. Dies sollte zu perfekteren Versionen aktuell existierender Finanzmärkte führen, die implizit die Liquiditätsprämien effizienter als der Staat handeln würden. Makroökonomische Problem wurden durch die Theorie der rationalen Wahl unter den Bedingungen von Unsicherheit und asymmetrischer Information ersetzt. Das Auspreisen von Assets an den Kapitalmärkten durch die Optionstheorie rückte nun in den Mittelpunkt. Und wenn selbst noch die staatliche Politik ausgepreist und als Derivat an Märkten verhandelt werden konnte, dann bestand kein Zweifel mehr darin, dass Regierungen den Handel mit ihren Anleihen unterstützen anstatt bannen sollten.

Die darauf erfolgten Marktreformen von Gesundheit, Bildung bis hin zu Gefängnissen, die alles unter die finanzielle Logik subsumierten, kettete natürlich die Staaten immer mehr an die privaten Kapitalmärkte, was wiederum neue Kapitalformen generierte. Diese Umbiegung der staatlichen Politik in Richtung privat kreierter Optionen führte natürlich auch zu einer privatisierten Bewirtschaftung der sozialen Bedürfnisse der Bevölkerung. Minsky nahm noch an, dass eine regulatorische Politik des Staates effektiver würde, wenn die Kapitalmärkte verstaatlicht würden, während für die moderne Finanztheorie die Effekte der Regulation gerade in der Generierung differenzieller Liquiditätsprämien bestehen sollten, und dafür auch die entsprechenden Tools bereitgestellt werden sollten.

Meister stellt an dieser Stelle die Frage, ob ein Staat historische Gerechtigkeit durch die Expansion des BIP und der Redistribution der Einkommen vorantreiben soll, ohne sich selbst einen substanziellen Betrag anzueignen, der in Form finanzieller Derivate akkumuliert wurde. Sollte man so weitermachen, als ob die finanzielle Revolution gar nicht stattgefunden hätte? Und längst beruht die heutige Demokratie nicht mehr auf dem Glauben, dass Wahlen von einer Mehrheit genutzt werden könnten, um ihren Anteil am nationalen Reichtum zu erhöhen, oder dass die staatlichen Programme der Finanzierung ein Gegengewicht zum Finanzsektor darstellen könnten. Für Meister geht es hingegen darum, die Technologien, die durch die moderne Finanztheorie geschaffen wurden, sozusagen für die historische Gerechtigkeit freizusetzen. Er verweist hier auf die Ökonomen Rajan und Zinagles von der Chicago Business School, die die Gefahr für den Kapitalismus nicht in der Finanzialisierung an sich sehen, sondern in ihrem kompletten Sieg über den ihr vorgehenden staatlich “organisierten“ Kapitalismus, der aber ja gerade zum Sieg des finanziellen Sektors führte. Die Expansion des Kredits und Proliferation von Schulden sei nicht die größte Gefahr, sondern die Demokratisierung der Finance, die eine Utopie der Finance für alle enthält. Die Autoren erkennen zwar die dunkle Seite der Finanzmärkte und ihrer Liquiditätskrisen, sehen aber eine noch größere Gefahr in den Bestrebungen der Regierungen, den Kollaps des Finanzsystems zu verhindern, um zur Demokratisierung der Finance und einem freundlichen Kapitalismus zurückzukehren, gerade indem man das Establishment durch Bailouts absichert. Gerade weil die Kapitalisten den Bailout antizipieren, nehmen sich noch größere Risiken an den Finanzmärkten in Kauf, um ihre Renditen zu maximieren. Sie vertrauen auf die Politik des too big to fail. Letztendlich geht es darum, einen Kapitalismus ohne Kapitalisten zu propagieren.

Meister sieht hier nur an einem Punkt eine Nähe zu seinen Thesen. Er zeigt, warum too big to fail systemisch wichtige Banken dazu verleitete, Geld an die großen Investmentfonds zu billig zu verleihen. Und dies erlaubte den Investmentfonds wiederum die schon sehr riskanten Positionen noch weiter zu hebeln, weil es legale Strukturen gab, die sie weitgehend vor Verlusten schützten. Worin sich Meister wiederum unterscheidet, besteht in der falschen Erklärung, warum die Bailouts für das Überleben des finanziellen Kapitals notwendig sind, und wie sich das auf die Frage der Gerechtigkeit bezieht. Die These, dass Bailouts notwendig sind, weil sie erwartet werden, zweifelt Meister an.

Er verweist noch einmal darauf, dass die Geschichte der Bereitstellung von Geldbeträgen, um Liquidität in physischen und virtuellen Räumen zu garantieren, gerade dann, wenn verschiedene Währungen zirkulieren, erst am Anfang steht. Hier stellen sich für Meister Fragen hinsichtlich der politischen und legalen Relativität des Geldes, die meistens nur auf die Souveränität der Staaten bezogen wurde. Dies bezieht sich wiederum auch darauf, dass Staaten das Monopol auf die Ausgabe von Währungen haben, und, wenn man es auf Marx bezieht, die Arbeiter ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, weil sie keine Möglichkeit besitzen, Kredite oder Geld auszugeben. Dieser Link geht für Meister logisch und historisch der Marx`schen Erklärung des Kapitals als marktbasierte Produktionsweise voraus. Es gibt keinen Tauschwert ohne Liquidität und keine Liquidität ohne die Macht des staatlichen Souveräns, Verbindlichkeiten auszugeben, die voll durch die Währung, die man ausgibt, bezahlt werden können.

Hinsichtlich Marx` Verständnis von Politik führt Meister an dieser Stelle die semiotische Unterscheidung zwischen den Metonym (ein Zeichen, das den Wert im Austausch substituiert), und der Metapher (ein Zeichen, das Wert als Preis repräsentiert) ein. Marx bezog seine Politik nicht darauf, das der Staat seine Macht im metonymischen Sinn dazu benutzen sollte, Geld für Infrastrukturen und soziale Programme zur Verfügung zu stellen. Marx verwies eher auf den Goldstandard, der die Staaten vor Defiziten und Inflationierung von Preisen schützen sollte. Zudem sollte die Geldausgabe der Staaten noch durch den Welthandel begrenzt sein. Die Relation zwischen Klassenpolitik und der Rolle des Staates hinsichtlich der Bereitstellung von Liquidität für die Kreditmärkte blieb ihm verschlossen. Er konnte auch nicht antizipieren, dass die Forderung der Arbeiterklasse nach einer Politik keynesianischer Machart zum Ende des Goldstandards führen würde. Eine Klassenpolitik, die basierend auf der Forderung nach erhöhten Staatsausgaben, die vielleicht die Konvertabilität der Währung bedrohen und die Arbeiter dazu führen würden, Forderungen gegen das Geldsystem wie eben auch gegen das Eigentumssystem zu stellen, blieb ihm verborgen. Keynes bracht an dieser Stelle das Geld und die Frage der Vollbeschäftigung wieder ins Spiel. Der Keynesianer Michel Kalecki ging sogar so weit zu behaupten, dass die Erhöhung der Staatsausgaben die Macht der Kapitalisten schwächen und die Klassenbewusstsein der Arbeiter ansteigen lassen würde.

Die anti-keynesianische Politik der 1980er Jahre inkludierte hingegen, dass vom Staat zu viel Geld in Relation zum ökonomischen Wachstum ausgegeben wurde, sodass das Resultat die Stagflation der 1970er Jahre war. Ganz ähnlich argumentiert im übrigen auch die Autonomia aus Italien, wenn sie daran glaubte, dass die Forderungen der Arbeiter für erhöhte Staatsausgaben inklusive der Zahlungen für „no work“ zum Zusammenbruch des Kapitalismus führen würden.

Es ist nichts Neues zu glauben, dass die Ausgabe von Währungen, die unabhängig vom Staatsgeld sind, eine potenzielle Ressource für die Destabilisierung der Beziehung von Staat und finanziellem System ist. Deshalb benötige der Staat das Monopol zur Ausgabe von Geld. Aber dies bezieht sich, so Meister, nicht auf die Kreation von derivativen Währungen, zum Beispiel von alternativen Dollars, die nicht vom US-Staat ausgegeben werden. Es geht hier um Währungsderivate, die es Händlern und Institutionen erlauben, finanzielle Positionen innerhalb der relativen Bewegungen der Währungen einzunehmen, ohne sie länger zu halten. Meister erwähnt hier noch einmal das Beispiel des Eurodollars und der Overseas Dollar..

Er erwähnt weiter den Spread zwischen dem Wert der nicht von der US-Regierung ausgegebenen Dollars, die in London (LIBOR) gehandelt wurden, und den von der US-Regierung ausgegebenen Dollars, die am federal funds market gehandelt wurden, ein Spread, der 2008 so weit wurde, dass die Fed in die Übersee-Dollarmärkte intervenieren musste, um den Spread zum Nennwert wiederherzustellen, indem sie die privat kreierten Dollars, die an den privaten Geldmärkten gehandelt wurde, unterstützte. Sie müsste 2 Billionen Dollar an Federal Reserve Loans einsetzen, um die Flucht von nicht von der US-Regierung ausgegebenen Dollars hin zu denen der Federal Reserve zu stoppen und damit den Spread zu schließen.

Das Faktum, dass Eurodollars offshore Währungen und eben nicht identisch mit dem US-Dollar sind, war ein wichtiger Faktor, der zum liquidity put der US-Regierung im Jahr 2008 führte. Entsprechend war der Bailout der US-Regierung ein Versuch, die Offshore Dollars in eine par Relation zum US-Dollar zu bringen, um die Liquidität an den Finanzmärkten sicherzustellen. Meister interpretiert dies wiederum als den Versuch zu verhindern, dass der Eurodollar eine alternative Währung wurde, die dazu benutzt werden konnte, den US-Dollar zu shorten und die Schwäche der US-Ökonomie auszubeuten. Die Hegemonie des US-Dollars wäre gefährdet, wenn der Markt für Derivate nicht auf ihm basieren würde. Dieser Markt macht es möglich, dass Derivate von Finanzakteuren geschrieben werden, und zwar auf der Grundlage, dass der Handel der US-Regierung an den globalen Geldmärkten at par zwischen dem Dollar der US-Regierung und den offshore Dollars bleibt. Auf den Spread kann man wiederum spekulieren. Die Möglichkeit den US-Kapitalismus zu shorten, liegt also in der Hand privater Finanzinstitutionen und staatlichen Fonds. Indem man den privaten Finanzinstitutionen 2008 einen Bailout gewährt hat, hat die US-Regierung die Kontinuität der globalen Finanzmärkte gesichert. Gerade der Bruch des Bretton Wood Systems bei Beibehaltung des Werts des Dollars steht für die Möglichkeit der USA ,ein permanentes Handelsdefizit ohne Abwertung des US-Dollars zu haben.

Eine weitere Frage stellt sich her bezüglich dessen, was man „Chimerica“ nennt, der symbiotischen Beziehung zwischen China und den USA, die es den Asset-Märkten der USA erlaubte, zu boomen, während die chinesische Produktion wuchs, um die Nachfrage an den US-Märkten zu befriedigen. So musste jeder Versuch Chinas, den Dollar zu shorten bzw. zu verkaufen, unterdrückt werden, weil dieses dazu geführt hätte, die US-Kapitalmärkte zu Fall zu bringen. Meister fragt sich,w as passieren würde, wenn China eine Währung mit dem Namen „Dollar“ zu einer fixierten Rate zum US-Dollar ausgeben würde. China könnte das so managen, dass die Kosten eher bei den USA liegen würden, um die Parität des US-Dollars mit dem alternativen Dollar international beizubehalten. Wenn es aber die Erwartung einer misslingenden Parität gibt, dann könnte eine Flucht in den alternativen Dollar einsetzen, während die US-Regierung mehr vom eigenen Dollar ausgeben müsste, um der Attacke zu begegnen, was wiederum die Inflation in den USA und eine Flucht von ihren Kapitalmärkten wegen anstehender Währungsschwankungen erhöhen könnte.

Und Meister fragt sich weiter, ob es nicht auch Kryptodollars geben könnte, die außerhalb der staatlichen Einflussbereiche liegen. Und was müsste dann der US-Staat für eine Liquiditätsprämie zahlen, um all diese Währungen at par zu halten? Diese Kryptodollars könnten eine Assetklasse für bestimmte Sektoren des Finanzsystems werden, um gegen das US-Monopol der Ausgabe von Dollars zu hedgen. Eine antikapitalistische Politik müsste die Legitimation für die Subversion des Systems erlangen, und sie könnte dann die im Finanzsystem existierende Tendenz, die darin besteht, sein eigenes Leben zu shorten oder zu verkaufen, noch einmal hebeln, indem man das System dazu bringt, in Fonds zu investieren, die das Finanzsystem bedrohen. Die Kapitalmärkte, die ihren eigenen Untergang voraussehen, verkaufen den Kapitalismus jetzt schon leer, man siehe die Finanzkrise 2008. Die Notwendigkeit der US-Regierung, den Kapitalmärkten von außen Liquidität als ein finanzielles Produkt zur Verfügung zu stellen, ist für Meister auf die Möglichkeit/Option für historische Gerechtigkeit zu beziehen, und zwar als Short-Position auf finanzielle Liquidität.

Meister kommt dann zu seinen Schlussfolgerungen. Für Meister ist es in Zukunft eine wichtige Aufgabe, die Diversität der existierenden Bewegungen zu verbinden, damit jede Initiative von der Volatilität, die durch andere kreiert wird, lernen kann, und dies in terms, wie es das finanzielle System teilweise schon tut. Der Fokus auf die finanzielle Liquidität zeigt an, dass sie ein Index für die Bedrohung sein kann, die diese Bewegungen auf die finanzielle Stabilität ausüben. Jede Initiative kann gegen ihre Fehler hedgen, indem man in den Erfolg von anderen investiert bleibt.

Anstatt ziellos über die fehlende Einheit der Bewegungen und der Linken zu lamentieren, sollte man lieber die Linke als ein Portfolio von politischen Bewegungen erfinden, das in eine taktische Arbitrage auf den Erfolg und die Fehler der Bewegungen engagiert ist. Diese Formulierung enthält folgende Einsicht in die Logik der Finanzmärkte: Man kann den Grad indizieren, mit der die Volatilität des Preises einer Aktie mit der Volatilität des Aktienmarkts als Ganzes ko-variiert. Eine antikapitalistische Politik sollte ähnliche Möglichkeiten zur Messung der Kovarianz zwischen mikroökonomischer und makroökonomischer finanzieller Illiquidität haben, die politische Bewegungen selbst kreieren. Eine Bewegung gegen die Verschuldung könnte finanzielle Assets, die durch Kredite versichert sind, weniger liquid machen. Man könnte dann Zeichen ausgeben, um Derivate mit long oder short Positionen zu generieren, die ausgepreist und gehandelt werden können. Es könnte makroökonomische Instrumente geben, die sich den Bailouts des Jahres 2008 entgegensetzen, was die Kosten für die Regierungen, das finanzielle System zu retten, erhöhen würde. Antikapitalistische Politiken, die mittels der Finance arbeiten, sollten eine Autoimmunantwort des Kapitals in Form eines Ausbruchs der Illiquidität an den Kapitalmärkten provozieren. Man sollte finanzielle Instrumente entwickeln, die es der Bewegung ermöglichen, von übertriebenen Erwartungen hinsichtlich eines momentanen Erfolgs zu profitieren, und um gegen die Verluste zu hedgen, die wegen der übertriebenen Perzeptionen gegenwärtiger Fehler auftauchen. Bewegungen könnten Depots eines akkumulierten Gegenwerts sein, das ihnen horizontal Vorteile verbucht und Fehler absichert. Wie Marx verwehrt sich Meister gegen Bewegungen, die allein auf viralen Ansteckungen beruhen, und entgegen Marx sieht er in den Finanzmärkten Art und Weisen, den eigenen Gebrauch von ansteckenden Mechanismen zu hebeln, um Liquidität zu kreieren und zu zerstören, von der man abhängig ist. Heute haben die Staaten kein Monopol auf die Möglichkeit Zeichen auszugeben, die in dem Sinne liquide sind, dass ihr Gebrauch als Zahlung die Eröffnung von Konten ermöglicht.

Zum Schluss streicht Meister anhand verschiedener Kriterien noch einmal den Unterschied seines Ansatzes zu produktivistischen Versionen des Marxismus heraus. Entgegen mancher Versuche die Akkumulation zu entschleunigen, will er eine aktivistische und analytische Sprache finden, die einen interoperativen und konfrontativen Gebrauch von alternativen Währungen und Zahlungssystemen ermöglicht, der Veränderungen im System, die der Subversion dienen, indiziert.

Und man könnte die selbstzerstörerischen Tendenzen des Systems voranbringen, in dem man seine Beschleunigungen promotet. Meister will die kapitalistische Akkumulation durch den Gebrauch von finanziellen Instrumenten überflüssig machen, die deren Erlöse einfangen und umlenken. Es geht nicht um einen neuen Akzelerationismus, sondern darum,Punkte der Vulnerabilität in den finanziellen Angebotsketten zu hebeln, und dies als eine neue Strategie, die potenzielle Macht des Widerstands auszuüben. Der Akzelerationismus hat keinerlei Gespür für antikapitalistische Bewegungen, die parasitär hinsichtlich der destruktiven Tendenzen des Kapitals sind, und die dies selbst als eine Strategie sehen, um den Kapitalismus zu subvertieren. Die Lücken in den Sicherheitssystemen könnten gehackt oder von wenigen in der Bewegung ausgenutzt werden.

Michael Feher, den wir auf NON schon besprochen haben, schlägt einen Investee vor, der die Investoren auf ihrem eigenen Boden herausfordert, indem er schlechte Publizität für Unternehmen kreiert, was zur Umgestaltung der Akkreditierung von Investments führt. Meister schlägt demgegenüber vor, die Turbulenzen von Asset-Bewertungen, die oppositionelle Bewegungen selbst erzeugen, monetär nutzbar zu machen, um Bewegungen voranzubringen, die resilient gegenüber Rückschlägen sind, während sie eine kontingente Forderung auf den Reichtum stellen, der bisher akkumuliert wurde.

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